Abstieg in neue Welten

Ganz wie ein richtiger Astronaut, verlasse ich den Mars nicht, ohne vorher ein paar Gesteinsproben eingesammelt zu haben. Die geologische Fracht verstaue ich stilecht im Rucksack. Dann wende ich mich endgültig der Welt der Erdenbewohner zu. Für den Abstieg wähle ich eine andere Route: Es ist ein staubiger Bergrücken, der parallel zum Weg meines Aufstiegs verläuft. Hier ist man allein, denn der bunte Strom der Anoraks bewegt sich ein-, zweihundert Meter weiter zur Linken den Berg hinauf.

Ich lasse die Laguna und die Whymper-Hütte hinter mir. Das Refugium mit den blitzenden Sonnenkollektoren liegt zwischen den Schenkeln der Schuttberge gleich einem Habitat am Grunde eines gefrorenen Mars-Canyons. Weiter unten sieht man die Carrel-Hütte als winzigen roten Würfel. Wie ein Leuchtfeuer der Wärme und Geborgenheit steht die menschliche Behausung in der majestätisch kargen Landschaft.

Zum Parkplatz ist es recht weit und der Weg, der dorthin führt, balanciert auf dem Grat eines steilen Höhenrückens entlang. Starkes Gefälle macht zügiges Ausschreiten unmöglich. Der Schotter ist so locker, dass man schon bei der geringsten Unachtsamkeit ins Rutschen kommt. Man könnte sich in einen Wok setzen und den Berg hinunterrasen und man würde sämtliche Geschwindigkeitsrekorde brechen. Ich wundere mich, dass noch niemand auf die Idee gekommen ist.

Zweimal verliere ich den Halt und bevor ich mich versehe, liege ich im Staub und ich rutsche auch gleich noch ein paar Meter den Hang hinunter. Der einzige andere Mensch, dem ich hier begegne und den ich ausgerechnet im Augenblick meiner Beschämung treffen muss, fragt, ob ich wohlauf sei. Es gehe mir gut, lasse ich ihn wissen, aber als sei ich der Buffo am Berg, liege ich schon in der nächsten Sekunde wieder auf dem Rücken. Es zieht mir förmlich die Beine weg und kommt man erst einmal ins Rutschen, kann man das Unglück nicht mehr aufhalten. Ich sehe nun aus, als hätte ich mich nach allen Regeln der Kunst in der roten Erde gesuhlt. Der feine Staub hängt an mir wie der Puderzucker am Weihnachtsstollen.

Als ich schließlich an der Carrel-Hütte ankomme, schmerzt mir der Ellenbogen. Das unangenehme Stechen sollte mir auch noch während der nächsten Monate erhalten bleiben. Richtig weh tut es aber nur beim Gewichtestemmen. Ich schließe daraus, dass es nichts Ernstes sein kann, doch der Schmerz ist mir eine stete Erinnerung an unser Abenteuer unter dem eisigen Thron Gottes.

Das Dramolett, in das ich anlässlich meiner Rückkehr in die Zivilisation geraten bin, ist nichts im Vergleich zu dem Drama epischen Ausmaßes, das sich während meiner Abwesenheit auf dem Parkplatz abgespielt hat: Hatte die eine Hälfte der Seilschaft beschlossen, dem Pfad des Abenteuers hinauf ins ewige Eis zu folgen, beschied sich die andere Hälfte mit Warten. Viele Bergtouristen bleiben in der Nähe des Parkplatzes und genießen von hier den Ausblick in die malerisch öde Landschaft. Sie müssen auch so schon gegen Atemnot kämpfen, der Aufstieg wäre eine einzige Tortur.

Als ich verfroren und ziemlich derangiert beim Auto eintreffe, empfängt man mich mit der durchaus vorwurfsvollen Feststellung, man habe volle drei Stunden warten müssen. Drei Stunden? Die Zeit ist wie im Fluge vergangen, aber wahrscheinlich hat die dünne Luft ein Delirium mit anschließender Amnesie bei mir ausgelöst. Ich habe wirklich den Eindruck, ich sei nur einen Augenblick fort gewesen, so viele Eindrücke sind in so kurzer Zeit auf mich eingestürmt.

Auf dem Parkplatz wurde es dennoch nicht langweilig, denn spannende Unterhaltung war auch hier garantiert: Francisco hatte uns den Wagen mit nur einem Schlüssel ausgehändigt und damit uns die Zentralverriegelung nicht eines Tages aussperrte, war als erstes Gebot beschlossen worden, dass derjenige, der fährt, auch für den Schlüssel verantwortlich sei. Die Fahrt hinauf zum Vulkan hatte unser Nervenkostüm arg strapaziert und nur so lässt sich erklären, wie es zu der Konfusion kommen konnte, die wieder einmal in dem unanfechtbaren Beweis mündete, dass Murphys Gesetz eine ebenso unumstößliche Naturkonstante ist wie die Lichtgeschwindigkeit: Die Türen schnappten zu und der Schlüssel steckte ordnungsgemäß an seinem Platz im Zündschloss.

In Deutschland hätte sich das Malheur zur wahren Tragödie ausgewachsen (und wahrscheinlich zum finanziellen Melodram), doch in Ecuador sind die Leute praktisch veranlagt und für alle Lebenslagen gibt es einen Kunstgriff. Meine Frau traf gerade noch rechtzeitig auf dem Parkplatz ein, um den schlimmsten Ausbruch der Verzweiflung abzuwenden – man wog bereits den Stein, mit dem man zur Tat zu schreiten gedachte (vulkanisches Ergussgestein, das so aussah wie die Proben, die ich im Rucksack trug).

Es dauerte nicht lange und man hatte jemanden ausfindig gemacht, der sich erbot, die Tür zu öffnen: Dazu war lediglich ein Stück Draht nötig. Mit Geschick war das Werk in wenigen Sekunden vollbracht. Ich frage mich bis heute, warum man unser Auto nicht andauernd knackte. Wie man einen Wagen gegen seinen Willen öffnet, scheint hierzulande Allgemeinwissen zu sein. Doch bekanntlich ist Wissen blind gegen den Zweck, dem es dient, und es hilft dem Bösen wie dem Guten stets mit derselben Gleichgültigkeit.

Wir nehmen Abschied vom Chimborazo mit dem Gefühl, einen Triumph errungen zu haben, denn allen Widrigkeiten zum Trotz haben wir unser Ziel erreicht und mit den besten Erwartungen setzen wir unsere Reise fort: Wir schlagen einen weiten Bogen zurück zur Panamericana, auf die wir in Ambato treffen. Doch wir verweilen nicht. Schon nach kurzer Rast geht es über die Kordillere und weiter nach Osten, hinab ins Tiefland mit seinen heißen, schwitzenden Urwäldern. Die Strecke ist so malerisch wie ein Landschaftsbild der Romantik, mit Geheimnissen, die in purpurnen Schatten lauern, und geisterhaften Nebelgebilden.

Der Sonnenuntergang reißt uns in die Nacht, die das Land, den Himmel und die Autopista in kohlschwarze Finsternis taucht. Um uns ist nichts als samtene Schwärze, in der die Rücklichter der vorausfahrenden Wagen wie Granate leuchten. Baños, die Stadt der heißen Quellen, taucht daraus auf als warmer Lichtschein aus Autokolonnen, Musik und feiernden Menschen. In der Nacht erreichen wir Puyo, das Eingangstor zum Amazonas-Tiefland. Gerade drei Stunden und viertausend Höhenmeter trennen uns nun vom Eisigen Thron Gottes, doch es fiele leichter zu glauben, wir hätten Kontinente und Ozeane überquert, um hierher zu gelangen. Puyo ist eine gänzlich andere Welt – eine neue Welt für uns. Wir sind begierig, das Amazonas-Tiefland und seine Geheimnisse zu ergründen.

Vater Abraham und die Lamas

Wir nähern uns dem Chimborazo von Südosten. Von Riobamba aus, wo wir die Nacht verbrachten, folgen wir der Panamericana ein Stück weit in umgekehrte Richtung. Nur wenige Kilometer vor der Stadt, kurz hinter einem Flecken namens Calpi, nehmen wir einen Abzweig, der uns in nordwestliche Richtung führt, hinauf zum Chimborazo.

Die Straße ist in vorzüglichem Zustand, der Asphalt so frisch, als wäre er auf die Nachricht unseres Kommens erst in der Nacht zuvor wie ein roter Teppich ausgerollt worden. Wir hoffen, dass uns das Wetter keinen Strich durch die Rechnung macht, aber ausgerechnet an diesem Morgen ist es trübe und regnerisch. Ein kalter Wind treibt immer wieder feuchten Dunst über die zerklüftete Landschaft. Jede Böe lässt uns zittern. Nieselregen, fein wie Vapor, durchtränkt das Land mit kalter ungesunder Nässe. Die Feuchtigkeit dringt durch sämtliche Kleiderschichten und das Frösteln kriecht einem über den Rücken wie Spinnenbeine.

Der Chimborazo, mit seinen offiziell 6.310 Metern der höchste Berg des Landes, erhebt sich im äußersten nordwestlichen Zipfel der gleichnamigen Provinz. Als sei er eine Grenzfestung, deren unüberwindliche Mauern sich des Ansturms feindlicher Nachbarn zu erwehren hätten, verläuft nur wenige Kilometer nördlich und westlich der Abhänge des Vulkans die Provinzgrenze – im Westen liegt Bolívar, im Norden Tungurahua, eine Provinz, die ihren Namen ebenfalls einem berühmten Vulkan verdankt.

Die Straße, die uns zum Berg führt, überschreitet diese Grenzen, aber da uns keine Schranke und keine weiße Linie auf dem Asphalt daran erinnern, merken wir es nicht. Die Grenzen, die uns der Berg setzt – Eis und Kälte, dünne Luft und Atemnot –, können wir nicht überschreiten und wir wollen es auch gar nicht. Wir belassen es bei einem Besuch an der Pforte, von der aus uns ein flüchtiger Blick ins Reich des ewigen Eises vergönnt ist.

Wir steigen immer weiter ins Gebirge auf. Würden wir der Straße folgen, müssten wir den Berg, der schon bald rechter Hand aus dem Dunst auftaucht, hinter uns lassen und den Pass von El Arenal überwinden, der die Kordillere auf einer Höhe von 4.320 Metern übersteigt. Die Passstraße steht uns noch auf dem Rückweg bevor, doch wir sollen uns gehörig täuschen, als wir leichtsinnig annehmen, dies sei schon der schwierigste Abschnitt der Strecke.

Kurz vor der Passhöhe von El Arenal gibt es einen Abzweig nach Osten. Auf der Schotterstraße, die hier ihren Anfang nimmt, gelangt man hinauf zu einer Stelle direkt unterhalb des eigentlichen Gipfelmassivs. Der wagemutige Reisende ist jedoch gut beraten, sich ausreichend zu motorisieren. Unser Wagen taugt leider nur für gemütliche Flachlandfahrten und es erfordert schon einiges an fahrerischem Geschick und darüber hinaus bedarf es auch noch des vielbeschworenen Quäntchens Glück, um diesen flügellahmen Blech-Ikarus bis an den Rand des Himmels zu hieven.

Und dann sehen wir zum ersten Mal den Berg. Eine Nebelwand öffnet sich wie ein Vorhang und die Natur gibt die Sicht frei auf ein Schauspiel, wie man ihm im Leben wohl kaum ein zweites Mal beiwohnen darf: Hinter einem sanft geschwungenen Hang, der in einen dichten Pelz stacheligen Grases gekleidet ist, thront fern und unnahbar der majestätische Chimborazo. Noch ist das Geheimnis nicht vollständig gelüftet, denn noch zeigt sich der Bergriese nicht in seiner ganzen Pracht, aber allein dieser flüchtige Blick durch den Nebel lässt die gewaltige diamantförmige Felspyramide erahnen. Wir können es kaum erwarten, dem Berg von Angesicht zu Angesicht gegenüberzustehen.

Die Gegend rund um den Vulkan wirkt verlassen. Obwohl man allerorten Felder und Weiden sieht, erscheint das Land so leer, als sei es durch ein schreckliches Ereignis entvölkert worden. Der düstere Himmel drückt auf das Gemüt und betrachtet man diese Landschaft nur lange genug, fällt es schwer, sich jener Traurigkeit zu erwehren, die einem wie die feuchte Kälte bis in die Seele zu kriechen scheint. Man hat den Eindruck, niemand könnte hier leben, ohne früher oder später lebensbedrohlicher Schwermut zu verfallen.

Bergbewohner

Wir freuen uns, dass wir doch noch typische Bewohner dieser Gegend treffen: Lamas. Als wir die friedlichen Tiere mit dem warmen wolligen Fell vor uns auf der Straße laufen sehen, glaube ich einen Augenblick lang, es handele sich um Schafe, doch als wir uns nähern, ist der Irrtum schnell aufgeklärt. Ein Hirte führt die Herde auf eine neue Weide und die gutmütigen Lamas lassen sich bereitwillig durch das Gatter lenken. Wir wollen uns die Gelegenheit nicht entgehen lassen und so halten wir und machen Fotos. Die Tiere, an die Nähe des Menschen gewöhnt, zeigen nicht die geringste Scheu. Sie blicken gleichgültig in die Kamera und äsen einfach weiter, als sei es ihr Job, dem Touristen zu jenen Erinnerungsbildern zu verhelfen, die das bekannteste Klischee von den Anden auf das Schönste bestätigen.

Lamas sieht man weitaus seltener als es einem die einschlägigen Reiseanbieter weiszumachen versuchen, und wenn man nicht den abgelegensten Routen durch die Berge folgt, bekommt man sie gar nicht zu Gesicht. Auch ein anderer Reisender nutzt die Gunst der Stunde. Die bunte Wetterschutzkleidung, die er am Leib trägt, weist ihn unzweifelhaft als Touristen aus, und als wir ein paar Worte wechseln, zeigt sich, dass er sogar ein Landsmann ist. Mit seinem langen silbrigen Rauschebart könnte man ihn glatt mit Vater Abraham verwechseln (das ist der mit den Schlümpfen) oder ihn, passend zur Landschaft, für eine Art Alm-Öhi halten. Wir sollten ihm noch öfter begegnen, denn der Tourist folgt – ob er nun will oder nicht – den immer gleichen ausgetretenen Pfaden ins Abenteuer.

Die Straße führt noch höher hinauf. Sie taucht durch Mulden und fräst sich durch Hügel. Die Böschungen beiderseits der Fahrbahn wirken wie frische Schnitte in den Leib der Erde. Wie die Schichten eines Baumkuchens stapeln sich die Zeitalter: jede Lage ein Vulkanausbruch oder ein Staubsturm, eine Gerölllawine oder ein Ascheregen – Tausende Jahre Erdgeschichte, zusammengedrängt auf wenige Meter. Kaum einem Bergtouristen ist der Blick in die Eingeweide des Planeten einen kurzen Stopp wert, aber ich muss unbedingt ein Foto machen.

Irgendwann fahren wir über eine weite Geröllebene, die sich schräg gegen den Himmel neigt, als wäre plötzlich die Erdscheibe gekippt. Wir befinden uns bereits auf der Flanke des Vulkans. Rechter Hand gleitet der Hang ab ins Nirgendwo. Um uns herum ist nur noch Himmel. Am Rande, dort wo der Berg wie abgeschnitten endet, heben sich plötzlich mehrere grazile Gestalten gegen das einheitliche Grau des Himmels ab. Das sind Vicuñas, die wilden Vettern der domestizierten Lamas.

Man bekommt diese Tiere nur sehr selten zu Gesicht, denn anders als ihre Verwandten, sind sie überaus scheu. Sie dulden den Menschen nicht in ihrer Nähe und beim leisesten Anzeichen dafür, dass man sich ihnen nähern wolle, entfernen sie sich. Sie fliehen aber nicht einfach. Ich habe fast den Eindruck, sie meiden uns, wie man jemanden meiden würde, den man auf den Tod nicht ausstehen kann – unauffällig, diskret, aber bestimmt. Ein Mensch könnte die eleganten Läufer ohnehin nicht einholen. Wir sind auf über viertausend Metern Höhe und die Landschaft gleicht der Marswüste. Ich frage mich, wovon die scheuen Tier leben.

Per aspera ad astra

Die Straße ist nur noch ein staubiger Schotterweg, der sich in Serpentinen am Berg hinaufwindet. Eigentlich ist die Steigung nicht sehr groß, doch der schwachbrüstige Motor röchelt in der dünnen Luft wie ein Schwindsüchtiger. Schon die kleinste Mulde im Boden erweist sich als schwerwiegendes Problem und nur ständige Aufmerksamkeit und geschicktes Fahren retten uns jetzt noch davor, hilflos in der Einöde liegen zu bleiben. Einige Male überlegen wir ernsthaft, ob es nicht klüger wäre umzukehren. Doch dann müssen wir uns selber zur Räson rufen, denn schließlich sind wir fast am Ziel und jetzt aufzugeben, wäre eine Schmach, die uns auf ewig anhängen würde.

Meist tasten wir uns im ersten Gang vor und nur mit ein wenig Glück gelingt es auch einmal, in den zweiten hochzuschalten. Damit ist die Maschine schon an den Grenzen ihrer Möglichkeiten angelangt. Doch es gibt kein Halten, wir müssen immer weiter, denn stehenzubleiben, käme einer Katastrophe gleich: In dem staubtrockenen pulvrigen Schotter können sich die profillosen Reifen nicht festkrallen und beim Anfahren drehen sie einfach durch. Einige Male bleiben wir dennoch stehen, weil der Wagen an einer Steigung erschöpft aufgibt – am Hang verhungert. Nach einer langen Schrecksekunde geht es dann aber doch irgendwie immer weiter: Es ist jedes Mal ein nervenaufreibendes Kunststück, dieses Ärgernis von einem Auto wieder in Gang zu bringen.

Während wir darüber nachdenken, ob es nicht besser sei, dass alle bis auf den Fahrer ausstiegen, um den Wagen ein wenig zu erleichtern, donnern immer wieder SUVs mit aufheulendem Motor an uns vorbei. Die Fahrer beschleunigen, dass die Räder nur so durchdrehen. Staubfontänen sprudeln in die dünne Luft. Ich bin nicht sehr erbaut angesichts der Vorstellung, die letzten Meter auch noch zu Fuß zurücklegen zu müssen.

Ich verfluche diese Angeber in den SUVs mit den verdunkelten Scheiben und ich verfluche unser Auto und alle Autovermietungen gleich mit (Meine Flüche sind wahrscheinlich gar nicht wirksam, weil ich sowieso nicht an die Macht von Flüchen glaube). Mein Groll wird schnell wieder besänftigt, denn zur rechten Zeit entsinne ich mich eines wichtigen Naturgesetzes, einer Wechselbeziehung, die als bewiesener Lehrsatz dieselbe unumstößliche Gültigkeit beanspruchen kann wie das Newtonsche Gravitationsgesetz: Danach steht die PS-Stärke des Autos in reziprokem Verhältnis zur Größe gewisser Körperteile des Fahrzeugbesitzers (kleiner Tipp: Es sind nicht die Ohren). Ich kann den Fahrern dieser großen, großen Autos nicht länger böse sein; ich empfinde sogar ein wenig Mitleid mit ihnen.

Hütten, Pyramiden und tonisierende Tränke

Es kommt einem Wunder gleich, dass wir unser Ziel in 4.800 Metern Höhe überhaupt erreichen: ein Parkplatz, der so dicht mit Autos zugestellt ist wie die Parkflächen vor Kaufland an einem samstäglichen Verkaufsvormittag. Nur mit Mühe finden wir eine freie Stellfläche. Ich steige aus und sehe mich ein wenig um, und sofort erfasst mich das Bergfieber. Ich will hinauf, immer nur hinauf, höher und höher. Die meisten Besucher scheint derselbe Wahnsinn umzutreiben, denn eine Kette aus bunten Watteanoraks bewegt sich vom Parkplatz aus hinauf zur Pyramide, einem Monument und einer bekannten Landmarke etwa hundert Meter oberhalb der Carrel-Hütte.

Als ich ziellos herumlaufe, begierig, alle Eindrücke aufzusaugen wie ein Schwamm, stehe ich plötzlich vor meinem Landsmann, demselben, dem ich schon einmal bei der Lamaherde begegnet bin und den ich einen Moment lang (irrtümlich) für Vater Abraham hielt. Er fragt mich, wo denn die Whymper-Hütte sei. Ich habe keine Ahnung, aber da diese Berghütte von allen Außenposten der Menschheit in der größten Höhe zu finden ist, nehme ich an, man müsste, um dorthin zu gelangen, den Berg nur weiter hinaufsteigen.

Er scheint mich für den einzigen kundigen Menschen zu halten und in der Tat muss ich in meinen Cargo-Shorts und mit meinen nackten Waden in dieser Höhe – wir sind nun auf fast fünftausend Metern – einen recht verwegenen Eindruck hinterlassen. Wahrscheinlich denkt er sich, wer die Chuzpe hat, mit kurzen Hosen bis an den Rand des ewigen Eises aufzusteigen, würde auch mit Leichtigkeit zum Gipfel marschieren, und zwar noch vor den Frühstücks-Cornflakes (tatsächlich muss man Nachts aufbrechen, um den Abstieg noch rechtzeitig vor dem Abend zu schaffen).

Mit einiger Sicherheit kann ich erklären, dass ich seit Humboldt gewiss der erste bin, den der Berg in kurzen Hosen und Sommerjacke sieht. Wer mich erblickt, muss denken, dass mir die schneidende Kälte und die dünne Luft nichts ausmachen. Doch das ist alles nur ein Missverständnis, denn meine lange, warme Hose ist mir vom Bund bis in die Kniekehle zerrissen, ausgerechnet beim Zitronenpflücken auf der Finca eines Freundes.

Und so stehe ich nun am Rande des Parkplatzes wie ein Strandurlauber am Pazifik, während alle anderen in dicken Thermo-Anoraks und Bergstiefeln zur Pyramide aufsteigen. Doch ich fühle mich von einer Woge jener Euphorie getragen wie sie vor über zweihundert Jahren Humboldt erfasst haben muss, als er den Berg zum ersten Mal sah. Die schockierten Blicke, die ich für meinen leichtsinnigen Aufzug ernte, beflügeln meine Hybris und ebenso sehr befeuern sie meine Entschlossenheit. Ich fürchte, der Höhenrausch hat mich erfasst.

Wir kehren kurz in die Carrel-Hütte ein, um uns für den bevorstehenden Aufstieg zu wappnen. Die Hütte liegt nur einen Katzensprung vom Parkplatz entfernt und ist für gewöhnlich der erste Anlaufpunkt des Laien-Alpinisten. In der dünnen Höhenluft kriecht einem die Kälte rasch bis in die Knochen und dann ist man froh über einen gemütlichen Platz in der mollig warmen Hütte. Auf dem Tresen stehen Doughnuts mit dicker Schokoladenglasur und reich gefüllte Teigtaschen. Wer sonst auch streng auf seine Linie achten mag, hier ist er dankbar für die gehaltvolle Stärkung.

Wir haben genug Reserven und so nehmen wir Vorlieb mit einem erprobten Hausmittel gegen die Höhenkrankheit – Coca-Tee. Mit etwas Zucker schmeckt der heiße Sud gar nicht so schlecht und nachdem ich meine Tasse ausgetrunken habe, fühle ich mich elektrisiert bis in die Haarwurzeln. Meine Wangen glühen und mein Kopf ist so leicht, als wäre mal eben kurz durchgelüftet worden im Oberstübchen.

Übrigens heißen die Berghütten „Whymper“ und „Carrel“ zu Ehren der Erstbesteiger. Das war im Jahre 1880, ein Menschenleben nach Humboldt. Edward Whymper war Engländer und mit Sicherheit wird er im letzten Biwak vor dem Gipfel seinen Tee getrunken haben – keine heroische Großtat zum Ruhme des Empire ohne Tee! Vielleicht schwammen da in Whympers Tasse, passend zum Anlass, ein paar Coca-Blätter.

Über uns wächst der Berg in einen Himmel, in dem das reine kristallklare Azurblau mit jeder weiteren Stunde die Oberhand gewinnt. Der Himmel ist so nah, dass man beinahe die Hände in seinem Blau baden könnte (auf dem Bild hebe ich schon mal die Arme). Wir schließen uns dem Zug der anorakbewehrten Hobby-Alpinisten an und steigen auf zum Pyramiden-Monument. Es sollte nicht die letzte Station sein.

Zweihundert Blogposts

Pazifische Träume in Stein

Von Bahía aus benötigt man auf der glänzend ausgebauten Küstenstraße mit dem Auto keine halbe Stunde bis Canoa. Kurz hinter San Vicente legen wir einen Zwischenstopp ein, um eine eisgekühlte Kokosnuss (Coco helado) zu genießen. Wenn es richtig heiß ist – und das ist es hier an fast jedem Tag –, löscht das isotonische Kokoswasser (Agua de coco) den Durst einfach am besten. Da in so einer unreifen grünen Nuss ziemlich viel des milchigen Getränks enthalten ist, kann man anschließend auch wieder ordentlich schwitzen, wenn man nicht gerade das Glück hat, im frostig-kühlen Innern eines vollklimatisierten Wagens Platz nehmen zu dürfen. Doch das Auto, das wir zu diesem Zeitpunkt fahren, ist nicht nur äußerst schwachbrüstig motorisiert – an mancher Steigung hätte Schieben wirklich geholfen –, sondern verfügt nicht einmal über eine Klimaanlage. In einem tropischen Land ist das eigentlich schon ein Verbrechen.

Der Kokosverkäufer hat seinen Verkaufsstand an der Küstenstraße direkt hinter einem Berg eingerichtet. Eine Ausfahrt führt zum Strand und wenn man wollte, könnte man mit dem Wagen ins Meer rollen. Wer sich traut, kann bei Ebbe mit dem Auto der Küste nach Norden bis Briceño folgen. So eine Strand-Rallye ist ein großer Spaß, aber die Fahrt ist nicht ganz ungefährlich – wir sollten dies schon bald selbst herausfinden. Der Kokosmann sitzt direkt neben der Ausfahrt, auf der man nach nicht einmal fünfzig Metern den Strand erreicht, und jeder, der vom Meer kommt oder dorthin will, löscht seinen Durst mit einem Coco helado. Lage ist eben alles, soll sich so ein Geschäft lohnen.

Der Berg, an dessen Fuß die eisgekühlten Kokosnüsse auf durstige Kehlen warten, verfügt übrigens über eine eigene Zufahrt. Auf der gegenüberliegenden Seite, nach San Vicente hin, führt ein gepflasterter Weg unter einem romantischen Blättergewölbe hindurch. Stauden von Beerenfrüchten leuchten einladend aus dem Blattwerk. Die Straße, die gerade breit genug ist, dass ein einzelnes Auto sie befahren kann, schlängelt sich halb um die Flanke des Berges und mündet dann abrupt auf einem Parkplatz.

Der Berg selbst, der sich nur eine kurze Strecke von San Vicente entfernt befindet, erhebt sich unvermittelt aus der Strandebene. Er ist nahezu kegelförmig und er steht über dem Meer als solitäres geologisches Monument, fast wie ein Leuchtturm, der auf einem Landvorsprung Wache hält. Auf dem Konus wächst der Wald struppig wie ein grüner Pelz, doch wenn man sich von Norden nähert, sieht man an der steilen Flanke, hoch über dem Meer, eine Wohnanlage. Die Nobelimmobilie klammert sich an den Fels wie die Festung des Alten vom Berge. Eine kleine Kuppel am Eingang blendet den Besucher mit einer Art ägäischem Zauber.

Wir haben uns schon immer gefragt, wer sich in diesem Schloss à la Philipp K. Dick hoch über dem Meer eingerichtet haben mag, und obwohl wir den Ort mehrere Male besuchten, trafen wir nie jemanden an, den wir mit Fragen belästigen konnten. Wir stellen den Wagen auf dem Parkplatz ab. Wir sind die einzigen Besucher, zumindest ist unser Auto das einzige Gefährt auf dem großen Parkplatz und daher drängt sich die Vermutung auf, dass derzeit niemand die Anlage bewohnt. Einige der Parkplätze werden von neckischen Zelten überdacht, einer Art Tunnelgewölbe aus Zeltplane mit Wimpeln daran, wie man sie vor Luxushotels und edlen Sterne-Restaurants findet.

Wir betreten die Anlage, bei der es sich genau genommen um Privatbesitz handelt, mit der Unverfrorenheit von reichen Kaufinteressenten. Von der Balustrade aus eröffnet sich dem Besucher ein atemberaubendes Panorama: Der Blick schweift bis zum Horizont, wo Himmel und Ozean in einer dünnen Linie ineinanderfließen. Im Schein der Nachmittagssonne vermählen sich Land und Meer zu einer unendlichen Ebene. Die Küste ragt als flacher Sporn in die See und eine milde Brise legt einen Saum aus Wellen darum. Es ist Ebbe, der Strand ist so flach und breit wie die Krempe eines Sombreros. Obwohl der Himmel etwas trübe ist, reicht der Blick bis Briceño und sogar bis Canoa.

Wir sind laut und benehmen uns mit der Ungezwungenheit von Leuten, die daran gewöhnt sind, mit einem Bündel Geldscheinen in der Tasche durch die Welt reisen, um reflexartig alles zu kaufen, was ihr Entzücken hervorruft. In einer Ecke liegt einsam ein Basketball und mein Sohn dribbelt aus Langeweile über die Terrasse. Das Geräusch macht dann doch jemanden auf uns aufmerksam: Der Junge ist etwa sechzehn Jahre alt und sein Vater sei, wie er uns später erzählt, der Verwalter der Anlage. Während der Abwesenheit der Eigentümer kümmere er sich darum, dass alles in gutem Zustand bliebe. Im Augenblick ist der Vater aber auch nicht da und so fragen wir den Sohn ein wenig aus.

Der Junge gibt sich ganz fachmännisch. Unter der Oberfläche seiner Abgeklärtheit spüre ich aber, wie aufgeregt er ist. Er ist stolz darauf, dass wir ihn für kompetent halten, unsere Fragen zu beantworten, denn immerhin treten wir als reiche Immobilienkäufer auf (wenn wir erklärt hätten, wir wollten uns bloß umsehen, hätte man uns sicher aufgefordert, die Anlage unverzüglich zu verlassen). Wir erfahren auf unsere Nachfrage, dass die Wohnungen vornehmlich Leuten aus Quito gehörten. Die Eigentümer lebten aber nicht darin, sondern sie nutzten sie entweder als Ferienwohnungen oder sie vermieteten sie an Touristen. Was für eine Verschwendung – man könnte sich jahrelang sozusagen frei Haus die Sonnenuntergänge am Pazifik ansehen und dennoch würde man nie genug daran haben.

Eine der Wohnungen sieht ziemlich heruntergekommen aus. Das Haus stünde seit zwanzig Jahren leer, erfahren wird. Durch den Beton der Terrasse ziehen sich Risse und die salzige Meeresluft hat die Farbe abgebeizt. Infolge der Erschütterungen durch das Erdbeben seien einige Häuser nicht mehr sicher und sie müssten deshalb abgerissen werden. Ich empfinde ein wenig Bedauern für die Besitzer, denn die Lage der Wohnungen auf ihrem Adlerhorst in der Höhe des Berges ist so unglaublich schön, dass man selbst in einem an Naturschönheit reichen Land wie Ecuador lange suchen müsste, um einen zweiten Ort wie diesen zu finden.

Im grünen Innern der Landzunge, die sich in die See bohrt wie die Schnauze eines Delphins, sieht man die Dächer zweier Anwesen aus der dichten Vegetation wachsen. Eines davon sei, wie man uns sagt, einmal ein Hotel gewesen, doch es hätte den Betrieb eingestellt. Es liegt nun als traurige Ruine im wuchernden Gestrüpp, ein Tummelplatz für Eidechsen, Spinnen und Geckos. Das andere liegt näher zum Meer hin und es erweckt ganz den Eindruck, als wäre es erst vor kurzer Zeit verlassen worden. Vielleicht hatte es einmal einer Familie als Heim gedient.

Aber auch dieses Anwesen ist verlassen, und wer auch immer einst darin gelebt haben mag – das Haus ist nun sich selbst überlassen und seinem Schicksal, das darin besteht, allmählich mit der Natur der Halbinsel zu verschmelzen. Ich kann mir vorstellen, die einstigen Bewohner fanden sehr schnell heraus, dass es kein ungeteiltes Vergnügen ist, an diesem einsamen Ort zu leben. Man zieht nur Ungemach, Ärger und letztlich Gefahren auf sich, wenn man hier in Ecuador sein Glück in der Abgeschiedenheit der Natur sucht. Ich muss gestehen, gäbe es eine vollkommene Version dieses Landes, hätte es mich gereizt, an diesem Ort zu leben – nur schade, dass sich die Welt weder um Träume, noch um Vollkommenheit schert.

Seit dem Erdbeben scheint der Küstenstreifen verlassen. Nicht nur einmal drängt sich uns der Eindruck auf, viele hätten der Region für immer den Rücken gekehrt und die, die geblieben sind, wären noch hier, weil sie keinen anderen Ort hätten, zu dem sie Zuflucht nehmen könnten. Manch einer will aber gar nicht weg und wenn man hier geboren ist und sein ganzes Leben am Meer verbracht hat, ist die Aussicht, etwa in eine so bedrückende Stadt wie Quito zu ziehen, keine Perspektive, die man freudigen Herzens annehmen würde.

In Trümmern

Welche Verwüstungen das Erdbeben angerichtet hat, sollten wir am Abend mit eigenen Augen sehen. Bahía liegt unter einem Hügel und als wollten die Bewohner der Stadt sich des Schutzes einer höheren Macht versichern, haben sie vor Jahren auf dem Gipfel einen Turm in der Form eines christlichen Kreuzes errichten lassen. Kostspielige Glaubensakte dieser Art lösen hierzulande keinerlei öffentliche Diskussion aus – die Atheisten sind hoffnungslos in der Unterzahl. Doch dem Monument mag weniger ein Glaubensbekenntnis zugrunde liegen als vielmehr der Wunsch, der Stadt ein Wahrzeichen zu verschaffen, das mehr Touristen auf die Halbinsel lockt.

Nach dem Beben ist „La Cruz“ (die Gegend rund um das Kreuz) weiträumig zerstört. Vor dem Erdbeben war die Bergspitze dicht bebaut, überall wohnten Familien, doch nun liegt alles in Trümmern, als hätte jemand eine Bauklötzerstadt mit ein paar mutwilligen Fußtritten zum Einsturz gebracht. Nicht ein einziges Haus hat die Erdstöße auch nur halbwegs aufrecht überstanden. Alles ist in einen riesigen Schuttberg verwandelt.

Schon auf dem Weg hinauf zur Spitze hatten wir Viertel durchquert, die allein aus Notquartieren zu bestehen schienen. Die Menschen dort leben in Zelten oder hausen in provisorischen Unterkünften, die aussehen wie große Metallschachteln. Das Leben spielt sich in aller Öffentlichkeit ab. Für Privatsphäre gibt es keinen Platz und selbst Intimstes wird oft nur durch einen Vorhang vor den Blicken der Straße verborgen. Als wir vorbeifahren, werden wir ungeniert begafft – außer Gaffen gibt es nichts zu tun und die Straße ist die einzige Sensation. Die Blicke sind mir unangenehm, denn sie scheinen mich zu fragen, wie es mir gut gehen kann, da sie doch leiden müssen.

Auf dem Berg finden sich nur noch Trümmer, von den einstigen Bewohnern keine Spur. Eine Treppe, die seeseitig auf die Anhöhe hinaufführt, ist in der Mitte gespalten, als wäre sie mit einer Axt zerteilt worden. Zudem hat sich der Beton gefährlich geneigt und wahrscheinlich hat nicht viel gefehlt, und alles wäre den Berg hinuntergerutscht. Das Kreuz selbst steht zwar noch als einsames Mahnmal der Zerstörung, aber die eiserne Treppe, über die man zur Aussichtsplattform hinaufsteigen konnte, hängt darin wie ein Pendel, das sich lose geschlagen hat: Ich kann sehen, wie die Konstruktion hin und her schwingt. Hochzusteigen wäre schierer Wahnsinn. Ein Spalt im Beton erweckt den Eindruck, um Haaresbreite wäre das Fundament mitsamt dem Turm und den Nebengebäuden als Trümmerlawine auf die Stadt gestürzt.

Meine Frau bricht in Panik aus, weil ich die Kamera noch immer offen sichtbar mit mir herumtrage. Doch hier oben ist niemand, der sie mir wegnehmen könnte. Wir sind allein. Ich begreife, es gibt keinen Grund, diesen Ort zu besuchen, denn alles, was man findet, sind Tod und Zerstörung. Ein Hund streunt einsam durch die Trümmer. Es herrscht eine Stille wie nach einer heftigen Schlacht; eine große Ruhe geht von dieser apokalyptischen Szenerie aus. Ich fühle mich wie ein Eindringling, denn ich habe den Eindruck, ich störe den Frieden, der sich gleich einem Leichentuch über diesen Schutthaufen gebreitet hat. Wir bewegen uns sehr vorsichtig und verlassen den Berg, so schnell wir können.

Am Berg

Der Hausberg Quitos ist der Pichincha. Der Vulkan erhebt sich nahe der Stadt und kann auch von alpinistischen Laien ohne Bergausrüstung bestiegen werden. Es gibt zwei Gipfel: Rucu Pichincha (rucu bedeutet auf Quechua „alt“, also der alte Pichincha) liegt näher an der Stadt und steigt bis auf 4.690 Meter auf. Im Jahre 2005 wurde an seinen Hängen eine Seilbahn in Betrieb genommen, die seinerzeit als die höchstgelegene Anlage der Welt galt. Die Endstation befindet sich in knapp viertausend Metern Höhe auf einem Cruz Loma geheißenen Hügel an der Ostflanke des Berges. Der zweite Gipfel, Guagua Pichincha (guagua – „jung“), erhebt sich sogar fast 4.800 Meter. Er liegt nur etwa fünf Kilometer westlich des Rucu Pichincha, aber anders als seinen Bruder kann man ihn von Quito aus nicht sehen.

Die Talstation der Seilbahn befindet sich in 3.050 Metern Höhe. Von Quito aus reist man bequem mit dem Taxi an. Wegen der vielen Kurven und Steigungen, die es zu bewältigen gilt, dauert die Fahrt etwa eine halbe Stunde. Wir bezahlten sieben Dollar, aber später sollten wir herausfinden, dass es einen Shuttle-Service gibt, der einen vom Zentrum aus direkt bis zur Station befördert. Für die Fahrt muss man gerade einmal fünf Dollar berappen, doch leider wissen nur wenige Eingeweihte, dass es einen solchen Service gibt, denn auf der Website der Seilbahn und auch auf den einschlägigen Tourismus-Seiten erfährt man darüber nichts. Während wir am Fuße des Berges ein Taxi zu bekommen versuchten, das uns wieder zurück nach Quito bringen würde, begegnete uns zufällig der Shuttle-Bus. Der Vorteil gegenüber dem Taxi besteht darin, dass man um den Preis nicht feilschen muss – die Tarife werden gut sichtbar auf einer Tafel ausgewiesen.

An diesem Tag herrschte nicht viel Betrieb an der Basisstation des TelefériQo, der Seilbahn Quitos. Das mag an der frühen Stunde gelegen haben oder daran, dass wir uns einen Wochentag für unsere Expedition zum Berg ausgesucht hatten. Man konnte unschwer erkennen, dass die Seilbahnstation auf Massenandrang ausgelegt ist – eine Batterie von Drehkreuzen wartete auf Besucherschwärme –, doch an diesem Morgen spazierte kaum eine Handvoll Bergtouristen durch die Halle. Eine Angestellte des Sicherheitsdienstes gab uns den guten Tipp, vorher die Toilette aufzusuchen, denn auf dem Pfad, der zum Gipfel führt, finden sich weder stille Örtchen noch gibt es Bäume oder Büsche, die Deckung bieten könnten. Im Hauptgebäude der Talstation, gleich neben dem Eingang, befindet sich zudem eine medizinische Station, die darauf spezialisiert ist, Schwindelanfälle, Herzrasen und Atemnot zu behandeln. An diesem Tag blieb das Krankenzimmer aber leer.

Die Fahrt zur Cruz Loma, einem Hügel, der wie ein Erker auf der Flanke des Vulkans sitzt, ist schon für sich genommen ein Erlebnis: Die Gondeln sind recht klein – sie bieten maximal sechs Personen Platz – und in der rundum verglasten Kabine hat man das Gefühl, man gleite schwerelos über die Hänge des Berges. An der Talstation sieht man noch Bäume wachsen, steigt man aber höher, begegnet einem erst dichtes Buschwerk, dann aber nur noch stachelige Wiesen, durch die Wellen gehen, wenn der Wind um den Berg streicht. Einige der Gondeln sind mit Fahrradhaltern ausgerüstet, so dass der des Lebens überdrüssige Extrem-Biker sein Rad ohne Anstrengung bis auf viertausend Meter befördern kann. Von der Bergstation aus führt eine holprige Piste an der Flanke des Vulkans hinunter nach Quito und an diesem Tag schien so mancher wagemutige Pedaleur gesonnen, das Schicksal herauszufordern.

Nach etwa einer Viertelstunde hat man es geschafft: Man ist an der Bergstation auf fast viertausend Metern Höhe angelangt, und nun sollte man sich erst einmal Zeit nehmen, um sich zu akklimatisieren. Es ist spürbar kühler geworden, die Luft ist dünner und ohne es zu merken, atmet man tiefer als sonst. Solange die Sonne scheint, und man sich nicht viel bewegt, fühlt man sich gut, doch bei schlechtem Wetter sinken die Temperaturen rapide (oft fegt dazu noch ein kalter Wind um den Berg) und dann ist man gut beraten, wetterfeste, wärmende Kleidung zu tragen.

Man sollte sich am Anfang auch nicht zu schnell bewegen, denn man gerät leicht außer Atem und wenn man die Höhe nicht gewohnt ist, wird einem manchmal sogar schwindelig. Jede Verrichtung braucht länger als im Tal. Man sollte den Tag daher durchaus ruhig angehen. Hier oben ist es keine Schande, sich wie in Zeitlupe zu bewegen und nur die üblichen Leistungswilligen müssen immerzu hektisch gegen die Uhr kämpfen. Eine weit schlimmere Schmach wäre es freilich, würde man mit der Seilbahn zurück zur Krankenstation geschickt! Aber vielleicht wäre es auch nicht gar zu unangenehm, sich in die Obhut der Krankenschwestern zu begeben …

Von der Bergstation aus erreicht man in einem etwa vierstündigen Fußmarsch den Gipfel des Rucu Pichincha. Die meisten Touristen blieben aber in der Nähe der Seilbahn, wo es ein Restaurant gibt und wo ein Besucherzentrum den Andrang der Gipfelaspiranten erwartet. Man hat einen Ausblick, wie er einem nur selten im Leben gewährt wird. Die Aussicht ist berauschend: Eingezwängt zwischen Bergen liegt einem das Häusermeer Quitos zu Füßen. Man fühlt sich wie ein Eroberer, dem sich die Welt unterworfen hat. Als wäre man ein Gott, der, wie die alten Völker glaubten, auf einem Berg thront, kann man die ganze Stadt von Norden nach Süden mit einem einzigen Blick erfassen.

Einige waren freilich nicht wegen des atemberaubenden Ausblicks auf den Berg gekommen. Schon in der Talstation waren mir Besucher in sportiver Bergausrüstung aufgefallen. Ich spottete, so sähe man doch nur aus, wenn man Grönland in Rekordzeit durchqueren wollte oder die Taklamakan. In der Tat erschien es mir eigenartig, sich solcherart ausgerüstet am Stadtrand Quitos sehen zu lassen. Ich stellte mir einen Augenblick lang vor, man würde, gewappnet wie für eine Kamtschatka-Expedition, in Erkner in die S-Bahn steigen. Zumindest sähe man sich der Frage ausgesetzt, ob im Schaltkasten noch alles korrekt verdrahtet sei. Hier in Quito hat man sich längst an den bizarren Anblick gewöhnt, aber es sind immer Ausländer, die sich in den Augen der Einheimischen unmöglich machen.

Sobald sich die Türen der Gondel öffneten und man wieder festen Boden unter den Füßen spürte, vergewisserten sich jene abenteuernden Freizeitalpinisten durch einen Blick auf die Uhr, dass man noch exakt in der Zeit lag. Wie es schien, wollte man nicht eine Sekunde vergeuden, und sofort begann dann auch das Rennen: Mit wahnwitziger Geschwindigkeit stiefelten sie hinauf zum Gipfel, der sich zum Greifen nahe am Ende eines Felsgrats zu erheben schien.

Bei den agilen Wanderern handelte es sich erstaunlich oft um den Typus des rüstigen Rentners – hagere Gestalten im fortgeschrittenen Alter, denen die Strapazen vergangener Expeditionen ins Gesicht geschrieben standen: Die von der Höhenstrahlung verbrannte Haut spannte sich wie der trockene Balg einer Mumie um den kantigen Schädel. Zumindest hat die Auszehrung den Vorteil, dass man auch noch nach hundert Jahren leicht identifiziert werden könnte, wenn sie einen in der Eisgrotte fänden, in der man sich eben mal zum Ausruhen hingesetzt hat. Die haltbare Gore-Tex-Kleidung und die Bergstöcke aus unzerstörbarem Titan wären dann noch immer wie neu.

Wir liefen anderthalb Stunden bergan. Der Weg zum Gipfel des Rucu Pichincha führt über einen gewundenen Felsgrat. Bergsteigerische Fähigkeiten werden aber nicht abverlangt; nur gutes Schuhwerk ist nötig sowie ein gewisses Maß an körperlicher Fitness. Auf über viertausend Metern erschöpft man schnell und deshalb sollte man alle paar Dutzend Meter eine Pause einlegen, damit sich der Kreislauf wieder beruhigen kann. Während wir die Aussicht genossen, überholten uns rüstige Senioren in bunter Allwetter-Bergausrüstung. Mit ihren Bergstöcken staksten sie in großer Hast an uns vorbei und ich fragte mich, warum sie es so eilig hatten, schließlich würden sie den Gipfel auch noch in den nächsten paar Stunden an exakt der Stelle vorfinden, an der ihr GPS ihn auswies.

Wir kamen bis zum Mast einer Hochspannungsleitung auf vielleicht 4.300 Metern Höhe. Bis zum Gipfel würde man sicher noch zwei Stunden benötigen, aber es begann nun zu regnen und ohnehin hatten wir nicht vorgehabt, den Berg zu besteigen. Die Gitterkonstruktion des Hochspannungsmastes stand so einsam und fremd in der Landschaft wie ein verlassener menschlicher Außenposten auf einem fernen Planeten. Der Regen verstärkte sich und ein eisiger Wind strich nun über die Hänge des Berges und wehte uns die Tropfen ins Gesicht. Ich fror und fast wünschte ich, ich trüge die warme wasserdichte Gore-Tex-Kleidung der Bergsenioren (fast war ich versucht, Abbitte zu leisten, weil ich so gemein über sie gelästert hatte). Doch zur Bergstation der Seilbahn war es nicht weit und der Regen ließ schon wieder nach, kaum dass er begonnen hatte.

An der Seilbahn angekommen, machten wir noch ein paar Fotos und ließen das beeindruckende Panorama der Bergwelt auf uns wirken. Im Restaurant nahmen wir einen Snack ein und dann fuhren wir mit dem Shuttle-Bus zurück nach Quito. Schon nach weniger als einer Stunde fanden wir uns inmitten des dichten Verkehrs im Zentrum der Stadt wieder. Der Berg aber stand majestätisch über dem Tal und andere würden nun von dort auf ein Quito blicken, das ihnen wie ein Siegerpeis zu Füßen lag.