Bahía – Ort der Sehnsucht

Wenn man es milde ausdrücken wollte, müsste man sagen, dass den Ecuadorianern eine gewisse Spontaneität nicht abzusprechen ist. Böse Zungen behaupten freilich, hier herrsche das totale Chaos und selbst auf heiligste Versprechen und beeidete Zusagen könne man sich nicht verlassen. Werden eben noch große Pläne für die Zukunft geschmiedet, sind sie manchmal schon am nächsten Tag vergessen oder verblassen im Lichte einer noch viel großartigeren Vision. Man weiß manchmal nicht, was man davon halten soll. Am besten ist es, man nimmt nicht alles so ganz wörtlich. Die Leute haben ein Talent zum Fabulieren und nur zu oft lassen sie sich vom eigenen Überschwang (und auch aus Freundlichkeit dem Gast gegenüber) zu Versprechungen hinreißen, an die sie sich im nächsten Augenblick schon nicht mehr erinnern können. Geschwätzigkeit ist hierzulande keine schlechte Eigenschaft und je weiter man zur Küste vorstößt, um so redseliger sind die Menschen ohnehin. Man sollte also hoch geschraubte Erwartungen fahren lassen und sich entspannen. Man muss nur ein wenig Geduld aufbringen und am Ende regelt sich immer alles von selbst.

Mein Schwiegervater lud uns ein, die Zeit um den Día de los muertos, den Tag der Toten, mit ihm zu verbringen. Er wohnt allein in Santo Domingo, einer Stadt auf halbem Wege zwischen Quito und Bahía de Caráquez. Er ist ein lebenslustiger Mensch und er ist in seinem Leben viel gereist, aber seit er alt ist und seit seine Kinder das Haus verlassen haben, lebt er ganz allein. Wer würde sich da nicht nach Gesellschaft und vor allem nach Abwechslung sehnen? Der Plan war folgender: Am Sonntag, dem 1. November, wollten der Schwiegervater und sein bester Freund Don Claudio zu uns nach Cumbayá kommen. Sie sollten bei uns übernachten und dann, am Montag, dem 2. November – das ist der Día de los muertos (der Tag der Toten) –, wollten wir alle zusammen in aller Frühe in unserem Auto nach Riobamba fahren. Don Claudio, der früher Lastwagen fuhr, hatte sich erboten, uns zu chauffieren. Soweit der Plan.

Mein Schwiegervater stammt aus Riobamba, einer Stadt südlich von Quito. Er hatte uns eingeladen, mit ihm zusammen den Friedhof zu besuchen, und bei dieser Gelegenheit wollte er uns auch gleich die Stadt und die Orte seiner Vergangenheit zeigen. Für Sonntag Abend erwarteten wir ihn und seinen Freund Don Claudio bei uns in Cumbayá, doch am Samstag rief er uns an und teilte lapidar mit, dass er die Reise absagen müsse, da er sich nicht wohl fühle. Er hätte etwas gegessen, das ihm nicht bekommen sei und er fühle sich nun elend krank. Leider waren die Hotelzimmer in Riobamba schon gebucht und ich weiß nicht, ob es ihm gelang, so kurzfristig ohne größere Stornokosten abzusagen. Auch Baños, das nur eine kurze Wegstrecke von Riobamba entfernt liegt, würden wir nun nicht besuchen können. Es war geplant, dass wir am nächsten Tag alle zusammen einen Abstecher dorthin machen und die berühmten Thermen besuchen würden.

Baños ist zwar nur eine kleine Stadt, aber in jedem Reiseführer wird sie als der Ort angepriesen, den man unbedingt gesehen haben muss. Und so ist es nicht verwunderlich, dass sich Touristen wie Einheimische gleichermaßen zuhauf in den Straßen tummeln. Wie man hört, sind die Bäder fast immer brechend voll und das Badevergnügen hält sich in Grenzen. Manche Reiseführer empfehlen sogar, dass man, um den Massen zu entgehen, die Pools entweder vor Sonnenaufgang oder kurz nach 18:00 Uhr besucht, wenn sie gerade gereinigt worden sind, denn das seien die einzigen Zeitpunkte, zu denen man hoffen könne, nicht zwischen Hunderten badewilliger Gäste zerquetscht zu werden. Dass wir die Stadt mit ihren Thermen vorerst nicht besuchen würden, ist zwar schade, aber wir werden ganz sicher noch viele Gelegenheiten haben, dorthin zu reisen.

Vor uns lagen die Ferientage (die Schulen haben Herbstferien) und da wir aller Verpflichtungen enthoben waren, konnten wir tun und lassen, was immer wir wollten. Wir hätten zuhause bleiben können, DVDs gucken, Musik hören oder am Computer spielen können. Doch irgendwann hat man auch davon genug und man sehnt sich nach Abwechslung. Die Wohnsiedlung, in der wir leben, bietet kaum mehr Zerstreuung, denn sie ist keine richtige Stadt, sondern nur eine Ansammlung Häuser, in denen man sich allenfalls aufhält, um zu schlafen. Man kann nicht einmal vor die Tür gehen, denn alles ist zwar teuer und edel, aber auch so öde und langweilig, dass man schon nach einem kurzen Spaziergang Depressionen bekommt. Und jenseits der Mauern der Wohnanlage gibt es nur weitere solcher Siedlungen und Autopistas. Wo soll man da schon hingehen?

Wir wollten ein Stück vom wirklichen Leben und wir wollten uns erholen. Also entschlossen wir uns, am Sonntag nach Bahía de Caráquez zu fahren. So ein Entschluss will reiflich überlegt sein, denn die Reise nach Bahía dauert mit dem Bus nicht weniger als acht Stunden und selbst mit dem eigenen Auto ist man noch mindestens sechs Stunden unterwegs. Da ich der einzige bin, der fahren darf (und kann) – der Führerschein meiner Frau wurde gestohlen –, trage ich auch die ganze Verantwortung. Ich fahre nicht gern solch lange Strecken, zumal die Route nach Bahía berüchtigt ist. Manch einer fährt die Strecke nur, wenn es sich gar nicht vermeiden lässt. Am Tage ist die Route schon eine ziemliche Herausforderung, aber nachts würde ich um nichts in der Welt in den Anden unterwegs sein wollen.

Die Straße windet sich in nicht enden wollenden Serpentinen durch die Berge; starke Gefälle und Steigungen wechseln fortwährend; alle paar Minuten fährt man in eine dichte Nebelwand und oft gehen von einer Sekunde auf die nächste heftige Regenschauer nieder. Hinzu kommt, dass man immer mit dem Unerwarteten rechnen muss: nach schweren Regenfällen gibt es manchmal Erdrutsche; Schlamm, Geröll oder Felstrümmer können die Straße in einen gefährlichen Slalomparkour verwandeln. Und als wäre das nicht genug, begegnet man auf den Straßen Mitreisenden, deren Trachten darauf abzielt, einem die Fahrt so unangenehm wie möglich zu machen. Rücksichtsloses Fahren wird hierzulande nicht einmal als Kavaliersdelikt angesehen – es ist der Normalzustand. Von gegenseitiger Rücksichtnahme haben die meisten noch nie gehört und nicht wenige scheinen wirklich zu glauben, die Straße gehöre ihnen. Man könnte ganze Romane darüber schreiben. Auf diesen schwierigen Strecken ist es ratsam, immer mit voller Konzentration zu fahren, denn schon der kleinste Fehler kann tödliche Folgen haben – die Kreuze an der Straße und in den Schluchten stehen als Warnung, niemals unaufmerksam zu sein.

Bevor es am Sonntag dann endlich losging, entspann sich wieder jenes unsägliche Drama, das zu jeder längeren Reise gehört wie die Amöbenruhr zum Dschungeltrip. Statt nur Zahnbürsten und Badehosen mitzunehmen, wie man es für drei oder vier Tage Strandurlaub erwarten würde, wurde für eine Weltreise gepackt. Ich glaube, es gab eigentlich kaum etwas, von dessen Unentbehrlichkeit man, je länger das Packen dauerte, nicht überzeugt war, und am Ende hatten wir so viel Gepäck, dass wir, gesetzt den Fall, wir wären auf einer einsamen Insel gestrandet, monatelang überleben könnten. Eigentlich wollten wir schon am Morgen aufbrechen, aber das Packen hatte so viel Zeit in Anspruch genommen, dass es schließlich ein Uhr wurde. Ich warf meinen Rucksack ins Auto; um die Koffer, Taschen und Beutel der anderen Reisenden zu verstauen, bedurfte es geradezu genialer logistischer Fähigkeiten, denn der Stauraum des Wagens hatte schon bald seine Kapazitätsgrenze erreicht, und noch immer gab es Gepäck, das verstaut werden musste. Und auch unser Kühler musste noch mit, denn wer würde schon ohne kalte Getränke und vor allem ohne Grundnahrungsmittel eine Reise zum Strand antreten! Schließlich hatten wir es geschafft: Das Auto war bis unters Dach beladen, und die Reise konnte beginnen.

Wir nahmen die Route über Santo Domingo. Das ist zwar die anspruchsvollste, aber auch, wie wir noch herausfinden sollten, die schnellste Strecke. Da die Schulferien schon am Donnerstag begonnen hatten, war der große Schwung bereits vorbei. Die meisten waren bereits am Freitag an die Küste gefahren und die Straßen wirkten streckenweise wie verwaist. In den Anden erwarteten uns die üblichen Herausforderungen: Es regnete wie aus Gießkannen und wenn einmal nicht heftige Schauer niedergingen, hüllte uns der dichte Nebel wie ein nasses Bettlaken ein. Da das befürchtete Gedränge auf den Straßen ausblieb, blieben uns unangenehme Überraschungen erspart. Wir folgten immer der Route, die uns das Navi anzeigte, und für den größten Teil der Strecke fuhren wir gut damit.

Dann, es war bereits dunkel, aber uns trennten nur noch dreißig Kilometer von unserem Ziel, war die Asphaltierung plötzlich verschwunden und auf dem letzten Teilstück der Reise erwartete uns eine brachiale Schotterpiste. Das Navi konnte natürlich nicht wissen, dass gerade Straßenbauarbeiten im Gange waren. Die Straße war nicht gesperrt und auch Umleitungsschilder suchte man vergebens. Ich dachte, nach ein, zwei Kilometern würde es wie gewohnt weitergehen, doch das ganze letzte Teilstück nach Bahía führte über Schotter und erst in Bahía selbst hatten wir wieder Asphalt unter den Reifen. Wenn ich schnell fuhr, zeigte das Tachometer vielleicht vierzig, fünfzig Kilometer pro Stunde an. Oft musste ich aber die Geschwindigkeit noch weiter drosseln, denn in Teilen der Strecke ging es über wahre Katarakte von Bodenwellen und wenn ich zu schnell fuhr, schaukelte sich die Bewegung derart auf, dass ich fast durchs Dach geschleudert wurde. Hier hätte ein Allradantrieb sicher gute Dienste geleistet – und ich hatte mich tatsächlich gefragt, wofür man hierzulande geländegängige Fahrzeuge braucht. Jetzt weiß ich es.

Nachdem wir die letzte Siedlung hinter uns gelassen hatten, herrschte tiefschwarze Nacht. Tatsächlich sahen wir nicht ein einziges Licht, weder nah noch fern, nirgendwo. Es war so dunkel, als wäre gerade ein globaler Stromausfall eingetreten. Eine dichte Wolkendecke verhinderte, dass man den Mond sah, der uns wenigsten den Weg hätte leuchten können, und es waren selbstredend auch keine Sterne zu sehen. Die Horizontlinie war nur vage zu erahnen. Einmal überholten wir ein anderes Fahrzeug, einen uralten Pickup mit Holzverschlag, ansonsten begegneten wir nicht einer Menschenseele. Wir sahen keine Häuser und bis auf die Schotterpiste fanden sich keinerlei Spuren menschlicher Tätigkeit.

Meine Frau zweifelte schon, dass wir unser Ziel jemals erreichen würden, und schlug allen Ernstes vor, wir sollten unverzüglich zurückfahren. Aber das wären noch einmal dreißig Kilometer in die Gegenrichtung gewesen und die Straße wurde dadurch auch nicht besser. Aber irgendwie hatte mich plötzlich die Abenteuerlust gepackt und schließlich musste diese verdammte Straße ja irgendwohin führen, und wenn schon nicht nach Bahía, dann wenigstens zu einem anderen Ort, an dem Menschen lebten. Dann stieg die Straße an und vom Höhenkamm öffnete sich urplötzlich der Blick auf die Bucht und voraus in der Ferne, vor dem schwarzen unendlichen Ozean, funkelten die Lichter der Stadt wie ein warmes Leuchtfeuer. Die Straße wand sich aus dem Küstengebirge hinab zur Landzunge. Nur wenige Minuten später tauchten wir in den Stadtverkehr.

Meine Schwiegermutter hat eine kleine Wohnung, die sie regelmäßig vermietet. Ihre eigene Wohnung befindet sich im selben Haus eine Etage höher. Ihr letzter Gast war gerade ausgezogen und sie bot uns an, die Wohnung während unseres Aufenthaltes in der Stadt als Unterkunft zu nutzen. Wir nahmen dankend an. Am Abend nach unserer Ankunft ging wir noch ins „Mi Ranchito“, um den Tag bei Burgern und Joghurt ausklingen zu lassen. Ein Problem ergab sich aus der Frage, wo wir das Auto über Nacht parken sollten. Bahía ist zwar eine verschlafene kleine Stadt, dennoch hat das Verbrechen seinen Weg hierher gefunden und zudem scheint es nie zu schlafen. Die Tante meinte, wir könnten das neue Auto nachts unmöglich draußen stehen lassen. Sie bot uns ihren Hof an, aber am Ende erwies es sich, dass der Abstellplatz zu eng war. Es gab noch eine zweite Möglichkeit: Leute, die in der Stadt unbebaute Grundstücke besitzen, bieten diese gegen ein kleines Entgelt als Parkplatz an. Die Tante kannte eine verlässliche Person und dort ließen wir den Wagen neben den Autos anderer ängstlicher Fahrzeugbesitzer auf einem ummauerten Hof. Die zwei riesigen Hunde des Besitzers streunten darin herum, und als wir ausstiegen, gebärdeten sie sich so wild, als wollten sie uns auffressen. Der Besitzer des Hofes musste sie mit Gewalt zurückhalten. In der Früh am nächsten Tag holten wir das Auto wieder ab und fuhren mit der Mutter meiner Frau und ihrer Tante zum Friedhof. Fürs Parken gaben wir dem Besitzer des Grundstücks vier Dollar.

Ein Nachtrag in Sachen Internet 2

Am letzten Freitag kündigte sich unser Internetanbieter „Netlife“ an – wieder einmal. Drei Mitarbeiter dieses merkwürdigen Unternehmens hatten uns zwar erst vor einer Woche besucht, angeblich wollten sie einen Internetanschluss einzurichten, doch leider wurde dann doch nichts aus dem groß angekündigten Plan, denn offenbar kann der Service erst bereitgestellt werden, sobald sich acht Parteien pro Wohneinheit zum Vertragsabschluss finden. Die Techniker, die mir schon aus Santa Inés bekannt waren, mussten unverrichteter Dinge wieder abziehen. Diesmal schickte man vorsorglich nur einen Mann und dieser prüfte – vorsorglich –, ob es nicht doch möglich sei, Internet zu installieren. Nach einer halben Stunde des Suchens und Prüfens in den verborgensten Ecken des Hauses musste aber selbst der Fachmann aufgeben. Er erklärte, um irgendetwas bewirken zu können, müsse erst ein Antrag gestellt werden – eine Erklärung wie und wo blieb er schuldig, und er verschwand ebenso plötzlich, wie er aufgetaucht war.

So sind wir also weiterhin auf das W-Lan der Wohnanlage angewiesen, das zwar kostenlos zur Verfügung gestellt wird, das jedoch ein ungeschütztes Netz ist. An manchen Tagen ist es so nervtötend langsam, dass man den Eindruck hat, sie würden hier die alten pfeifenden Modems aus den achtziger Jahren wiederverwenden. In der Zeit, die es braucht, um eine normale Internetseite aufzubauen, kann man getrost andere Dinge erledigen. Man ist ja immer noch rechtzeitig zurück! An manchen Tage kann ich mir erst noch bequem einen Tee brühen, bevor die Startseite von „Kritisches Netzwerk“ vollständig erscheint. Es ist sicher auch eine gute Idee, von Banktransaktionen Abstand zu nehmen. Der Vorrat an pfiffigen Kriminellen scheint hierzulande einfach unerschöpflich und irgendeiner wird bestimmt schon herausgefunden haben, wie er in die Computer fremder Leute eindringen kann. Da helfen die Sicherheitsleute am Tor und die Patrouillen auf den Straßen wenig.

„Netlife“ hat übrigens schon einmal die Gebühren für diesen Monat eingezogen, vorsorglich wahrscheinlich, in Erwartung des baldigen positiven Umschwungs. Wir haben ja immer noch unseren alten Vertrag aus Santa Inés, doch leider kann die Firma die darin vereinbarte Leistung nicht erbringen. Alles, was wir wollen, ist doch bloß ein Internetanschluss für unsere neue Wohnung! Das sollte eigentlich für Leute, deren Geschäft das Internet ist und die sich dessen werbewirksam brüsten, eine einfache Angelegenheit sein. Offenbar ist das Gegenteil der Fall. Es wäre nun aber fair, zumindest so lange auf Zahlung zu verzichten, bis die gemäß Vertrag vereinbarte Leistung erbracht werden kann, doch auch dazu ist – wer hätte es gedacht – wieder ein Antrag nötig. Ich hätte nun erwartet, dass sich alle Formalitäten online erledigen lassen, zumal es sich ja um einen Internetanbieter handelt, doch weit gefehlt: Man muss sich schon persönlich in die Zentrale nach Quito bemühen, um dort den Antrag in Papierform (sic!) einzureichen. Manchmal weiß man nicht, ob man angesichts solcher Schildbürgerstreiche lachen oder weinen soll.

Der Besuch des Cable-guy verursachte nicht geringe Irritationen bei den übrigen Wohnparteien des Hauses. Selbstverständlich hatten die gewöhnlich gut informierten Kreise unter den Bewohnern, die Spiongucker und Türlauscher, die anderen davon in Kenntnis gesetzt, dass eine Fremdfirma im Haus zugange war. Es bestand Klärungsbedarf: Wenige Tage noch dem Besuch des Netlife-Mannes klingelte es an der Tür. Durch das Bullauge des Türspions sah ich das Gesicht eines weißhaarigen Greises – keine Gefahr also. Ich öffnete und vor der Tür stand ein alter und, wie mir schien, schon ziemlich gebrechlicher kleiner Mann. Er redete sofort los, aber ich verstand nur Internet und Netlife. Ich war ein wenig verwundert darüber, dass die Firma jetzt schon Greise schickte, aber man kann sich bekanntlich die Mitarbeiter nicht immer aussuchen. Ich vertröstete ihn einen Augenblick und holte meine Frau, denn sie ist bei uns für das Administrative zuständig.

Meine Frau ging mit ihm vor die Tür und ich konnte gerade noch hören, wie sie gleichsam unsere ganze Lebensgeschichte haarklein vor ihm ausbreitete. Im Laufe der Zeit kamen immer mehr Mieter von unserer Etage hinzu und am Ende dauerte es bestimmt eine halbe Stunde, bis meine Frau sich zu aller Zufriedenheit erklärt hatte. Ich fragte sie später, was dieser Auflauf zu bedeuten hätte. Sie sagte mir, der ältere Herr sei ein Oberst a. D. und er sorge sich um das Wohl des Hauses und kümmere sich ein wenig um dessen Geschicke. Sollte mich das interessieren? In unseren Haus in Berlin gibt es Rentner, die weiter nichts zu tun haben, als sich den ganzen Tag lang bei den anderen Mietern zu erkundigen, woher die Bohrgeräusche kämen. Als sie an meine Tür klopften, sagte ich ihnen, ich wüsste es nicht, aber ich hätte es auch gehört. Ich versprach, ich würde die Sache aufmerksam verfolgen. Ich wartete eine Weile und dann bohrte ich weiter. Vielleicht hätte ich dem allzu neugierigen Oberst sagen sollen, von einer Firma namens Netlife habe ich noch nie gehört.

Die Internetsache zieht immer weitere Kreise und mittlerweile ist schon das ganze Haus involviert. Einschließlich des zittrigen Oberst a. D. gibt es vierzehn Mietparteien. Damit Netlife, der Internetanbieter, im Haus tätig werden kann, ist das Einverständnis aller vierzehn Parteien nötig. Das ist auch der Grund, worum alle plötzlich geradezu hellhörig geworden sind, was uns betrifft. Noch vor wenigen Tagen haben die meisten von ihnen noch nicht einmal gewusst, dass wir im Haus leben, und vermutlich hat es sie auch gar nicht interessiert. Jetzt, da wir einen Internetanschluss haben möchten, und es an ihnen ist, gewissermaßen darüber zu entscheiden, verlangen sie möglichst detaillierte Auskünfte über unser Leben. Wen geht es denn etwas an, ob man Internet hat oder nicht? Wen geht unser Leben etwas an? Hier ist das anscheinend eine Frage der persönlichen Sicherheit. Man möchte wissen, mit wem man es zu tun hat. Schließlich kann man nicht ahnen, ob sich hinter einem freundlichen Gesicht nicht doch ein abgefeimter Schurke verbirgt. Ich mag diese Blockwartmentalität nicht und ich möchte auch den aufdringlichen Oberst nicht wiedersehen. Sollte ich ihm doch zufällig einmal begegnen, werde ich ihn einfach ignorieren – klein genug ist er ja, dass man ihn einfach übersehen könnte.

Von Santa Inés nach Nayón

Ich habe nun schon seit einer ganzen Weile keine neuen Beiträge mehr in meinen Blog einstellen können. Das liegt einmal daran, dass wir uns eine neue Wohnung suchen mussten, denn in unsere alte war eingebrochen worden. Die Suche und der Umzug nahmen sehr viel Zeit in Anspruch. Was man aber zum Schreiben vor allem braucht, ist Zeit – und natürlich Muße, sonst ist man nicht mit dem Herzen dabei. Ein anderer Grund für meine Schreib-Abstinenz liegt einfach darin, dass wir im Augenblick kein Internet haben und dass sich auch kein Cyber-Shop in der Nähe befindet. Mit dem Umzug haben wir unseren alten Anschluss verloren und nun müssen wir wieder warten, bis wir einen neuen bekommen. Das kann dauern – ich habe ja schon öfter darüber geklagt. Ohne Internet lebt man wie auf einem ganz anderen Planeten oder besser: man lebt ein ganz anderes Leben, das sich so anfühlt, als wäre es nicht mehr das eigene. Unser Mann beim Netzanbieter hat versichert, er werde sich darum kümmern. Da bin ich aber beruhigt!

Ich habe mich bemüht, das Wichtigste der letzten Tage festzuhalten, aber es kann natürlich nicht ausbleiben, dass man das eine oder andere vergisst oder mit dem zeitlichen Abstand als nicht mehr so wichtig erachtet. Was man eben nicht sofort niederschreibt, hat man auch gleich wieder vergessen. Was aber zu erfahren lohnt, will ich nun der Reihe nach berichten.

Auf Wohnungssuche

Seit man unsere Wohnung aufgebrochen und alles mitgenommen hat, was sich schnell zu Geld machen lässt, fühlten wir uns in den eigenen vier Wänden nicht mehr sicher. Der Besitzer der Wohnanlage ließ es sich zwar angelegen sein, das automatische Tor zur Parketage mit Stahlplatten zu verstärken (man hatte die Torflügel einfach aufgebogen und sich so Zutritt zum Haus verschafft) und ein zusätzliches Schloss in die Haustür einzubauen, unsere zerstörte Wohnungstür zu ersetzen oder einen neuen stabilen Türrahmen statt des alten aus Pressholz einzubauen, kam ihm anscheinend nicht in den Sinn. Ich weiß nicht, ob er nach der ersten provisorischen Reparatur überhaupt vorhat, die Türen vollständig erneuern zu lassen. Wahrscheinlich spekuliert er darauf, dass die neuen Mieter den Schaden gar nicht bemerken und vielleicht lässt er es darauf ankommen und erst, wenn man dann doch auf die Einbruchsspuren und die dilettantischen Ausbesserungsarbeiten aufmerksam wird, schwenkt er schnell um und behauptet heuchlerisch, es sei ihm ein Herzensanliegen, dass seine Mieter in Sicherheit leben und daher werde er unverzüglich neue Türen einbauen lassen. Ich glaube, es wird ihm gar nichts anderes übrigbleiben, denn in ihrem derzeitigen Zustand wird er unsere Wohnung kaum wieder vermieten können. Ich vermag mir jedenfalls nicht vorstellen, dass jemand in eine Wohnung ziehen möchte, an deren Tür die Spuren des letzten Einbruchs noch allzu deutlich sichtbar sind. So gern wir in Santa Inés gewohnt haben – die Gegend ist uns nicht mehr sicher genug und deshalb machten wir uns auf die Suche nach einer neuen Wohnung.

Man darf sich nichts vormachen: Absolute Sicherheit kann man weder in Ecuador noch in Deutschland erwarten. Die sozialen Unterschiede, die in Deutschland bis in die jüngste Zeit unter dem Mäntelchen von Sozialer Marktwirtschaft und Solidargemeinschaft verborgen geblieben sind, treten in Ecuador vor aller Augen und häufig auf so krasse Weise zutage, dass man es kaum glauben möchte. Und extreme soziale Unterschiede und ausweglose Armut waren noch immer ein Patentrezept für Kriminalität. Natürlich geht es darum zu beschützen, was man besitzt, denn zwar mögen wir wohlhabender als die meisten Einheimischen sein, aber reich sind wir deshalb noch lange nicht. Nur weniges hat einen wirklichen materiellen Wert; dazu gehören vor allem die Laptops und die Handys, die für meine Frau allein schon aus beruflichen Gründen unentbehrlich sind, und natürlich das Auto, das uns erst vor ein paar Tagen ausgeliefert wurde (endlich!). Wir können es uns nicht leisten (und zwar im Wortsinne), diese Dinge zu verlieren, denn über so viel Geld, um uns im Turnus von Wochen oder Monaten komplett neu auszustatten, verfügen wir keineswegs. Um es kurz zu machen: Wir brauchten eine neue Wohnung – eine sichere Wohnung.

Meine Frau hat sich mit den hiesigen Maklern in Verbindung gesetzt; wir haben Termine vereinbart und uns zu den interessanten Objekten fahren lassen. Alle Wohnungen, die wir uns anschauten, befanden sich in Guarded Communities, das sind beschützte Wohnanlagen, die 24 Stunden am Tag von einem oder mehreren Wächtern bewacht werden und in die man nur nach vorheriger Einlasskontrolle gelangt. Zwar befinden sich sowohl der Arbeitsplatz meiner Frau als auch die Schule meines Sohnes in bzw. in der Nähe Cumbayás, dennoch zogen wir auch in Erwägung, in Quito zu wohnen. Angeblich, so hört man von Leuten, die in Quito leben, könne man Cumbayá, das ein wenig außerhalb der Hauptstadt liegt, in zwanzig Minuten erreichen. Das mag der Fall sein, solange es keinen Stau gibt und solange man nicht von irgendeinem Wahnsinnigen aus der Spur gedrängt wird und deshalb die Abfahrt verpasst.

Die Maklerin zeigte uns an diesem Tag einige sehr schöne Wohnungen. Da freies Bauland in Quito knapp ist und lukrative Grundstücke selten frei werden, sind Investoren gezwungen, zu den Rändern des Tales hin auszuweichen und immer weiter auf die das Tal begrenzenden Hänge hinaufzuziehen. So befinden sich die neuen und schönen Appartements selten mitten in der Stadt, wo der Verkehr am dichtesten ist und der Smog das Atem schwer macht, sondern in der Höhe, an den malerischen Hängen der Berge. Dort sieht man die schönen mehrgeschossigen Apartment-Häuser sich erheben, mit ihren Balkons und ihren ausladenden Dachterrassen. Wir verabredeten uns mitten in der Stadt; die Maklerin holte uns mit dem eigenen Wagen ab und führte uns nacheinander durch mehrere attraktive Objekte. Das war eine wahre Tour de force, denn erst fuhren wir ein Stück mit dem Auto durch die Straßenschluchten Quitos, dann, nachdem endlich ein Parkplatz gefunden war, stiegen wir aus und als nächstes ging es vorbei am Wächter, vor dem die Maklerin sich umständlich auszuweisen hatte. Schließlich besichtigten wir die Wohnung. So ging es noch viele Male weiter.

Die Miete für die Appartements, die wir uns an diesem Tag ansahen, lag zwischen 750 und 1.100 Dollar pro Monat. Das hört sich nach viel an und das ist es in der Tat. Sicher kann man etwas günstiger wohnen, wenn man bereit ist, auf den Komfort und die Sicherheit zu verzichten, die man etwa aus Berlin gewohnt ist. Die günstige Plattenbauwohnung direkt im Zentrum sucht man hier allerdings vergeblich. Jedoch muss man zugeben, dass alle Wohnungen, die wir uns ansahen, ausnehmend schön waren. Etwas in vergleichbarer Lage und mit ähnlicher Ausstattung findet man in Berlin wohl nur im Luxussegment. Alle Appartements waren geräumig – geradezu riesig, verglichen mit unserer Wohnung in Berlin – und hatten einen sehr schönen Schnitt. Zusätzlich waren sie meist mit großen Wohnküchen ausgestattet. Die Sicherheit entsprach höchsten Standards: verstärkte Türen im Stahlrahmen und hochwertige Sicherheitsschlösser; die Anlage umgeben von meterhohen Mauern, die von Stacheldraht gekrönt werden. Wenn man solchen Sicherheitsaufwand nicht gewohnt ist, fühlt man sich manchmal ein bisschen wie im Gefängnis. Aber Sicherheit ist hierzulande eines der wertvollsten Güter überhaupt und also nimmt man die Mauern, den Stacheldraht und die Wächter in Kauf. Man sollte sich schon im Klaren darüber sein, welche Prioritäten man setzt.

Wenn man zu den Wohnungen selbst gelangen möchte, muss man eine Sicherheitsschleuse passieren. Hinter einem marmornen Tresen sitzt ein uniformierter, bewaffneter und mit kugelsicherer Weste ausgerüsteter Wächter. Ihm muss man sein Anliegen vortragen und sich ausweisen. Man wird nur dann eingelassen, wenn man die Erlaubnis bzw. Einladung des Eigentümers der Wohnanlage oder eines Mieters vorweisen kann. Unsere Maklerin für diesen Tag hatte eine entsprechende Akkreditierung und so winkte uns der Wächter zur Eingangstür, die er von seinem Platz aus öffnete. Merkwürdigerweise arbeiten in solchen Appartement-Häusern fast ausnahmslos ältere Herren als Wächter. In ihren Kampfanzügen, den schusssicheren Westen und mit den Waffen wirken sie auf den Besucher doch recht martialisch – ein Eindruck, der nur durch die von Falten zerfurchten freundlichen Gesichter gemildert wird. Die Mieter müssen sich natürlich nicht jedes Mal ausweisen, wenn sie ins Haus möchten. Jeder von ihnen bekommt eine ID-Card, die er nur über den Scanner ziehen muss. Dazu erfolgt noch der Gesichtsabgleich durch den Wächter.

Manche der Wohnungen waren wirklich ein Traum – die Mieten sind allerdings auch traumhaft. Nachdem man die Eingangstür mit dem Wächter glücklich passiert hat, gelangt man zunächst in eine Lobby, die jener eines beliebigen Fünfsternehotels in Berlin in keiner Weise nachsteht: Man geht vorbei an abstrakten Skulpturen und Wasserspielen; das Auge erfreut sich an geschmackvollen Pflanzenarrangements. Wände und Böden sind mit Granit oder edlem Marmor verkleidet; alles ist wie zum Empfang einer honorigen Persönlichkeit auf Hochglanz poliert. Eigentlich erwartet man, dass jeden Augenblick der livrierte Page auftaucht, einem die Tasche abnimmt und den Weg zur eigenen Suite weist. Doch wir waren allein und andere Menschen bekommt man in den Wohnanlagen des gehobenen Standards selten zu sehen. Ich war tief beeindruckt. Solchen Luxus hätte ich nicht in einem ganz „normalen“ Wohnhaus erwartet, wobei man „normal“ auf die renommiersüchtige ecuadorianische Mittelklasse beschränken muss. Und wenn das die „normalen“ Wohnungen sind, wie sehen dann die Luxusappartements aus?

Die Wohnungen, die wir zu sehen bekamen, hatten alles, was man sich nur wünschen kann – große, luxuriös ausgestattete Wohnküche, zwei oder drei Schlafzimmer, des weiteren zwei oder drei Bäder, weiträumiges Wohnzimmer, für das die Bezeichnung Salon nicht unangebracht wäre, edles Parkett in allen Räumen. Als wir uns gerade eine besonders schöne Wohnung ansahen, bemerkte die Maklerin, hier hätte vorher ein Amerikaner aus der Ölbranche gewohnt. Die Wohnung hätte uns gefallen, aber der Preis bereitete uns Bauchschmerzen und als wir scherzhaft fragten, ob der Vermieter uns entgegenkommen könnte, antwortete uns die Maklerin ebenso scherzhaft: sicher nicht.

Die Wohnungen waren alle schön, ausnahmslos, und eigentlich hätte uns jede gefallen. In den Wohnanlagen gibt es immer ein Public Area, ein Gemeinschaftsareal, das von allen Wohnparteien genutzt werden darf. Dort findet sich häufig eine Wiese, manchmal ein Kinderspielplatz sowie ein Bereich mit fest installiertem Grill und dem entsprechenden Zubehör. Wer will, kann hier nach Herzenslust grillen und das mitten in der Stadt, in einem dicht bebauten Viertel. Einige der Häuser verfügen sogar über einen eigenen Swimmingpool, in anderen gibt es Fitness-Studios oder zumindest Fitness-Räume, denn die Bezeichnung Studio für zwei oder drei Kardiogeräte und eine Hantel scheint mir etwas weit hergeholt. Aber immerhin, wer Körperertüchtigung treiben will, kann dies in den Grenzen der Wohnanlage tun. Für alles ist gesorgt und um die Sicherheit muss man sich auch keine allzu großen Sorgen machen, denn schließlich wird die ganze Anlage zu jeder Tages- und Nachtzeit bewacht. Wenn überhaupt, so haben diese Wohnungen nur einen Makel: Wohnt man auf einer der unteren Etagen, blickt man wegen der dichten Bebauung häufig auf nichts als Beton. Und selbst, wenn man eine Wohnung weiter oben bezieht, kann man sich zwar auf einer Seite eines wundervollen Ausblicks über die Stadt erfreuen, auf der anderen Seite schaut man auf den Berg, in dessen Flanke die Wohnanlage gesetzt wurde. Die Wohnungen waren alle sehr schön und hätte man eine Wahl zu treffen, müsste man die geringfügigen Nachteile gegen eine Vielzahl von Vorteilen abwägen. Was also sollte uns daran hindern, hier zu wohnen (außer dem Preis natürlich)?

Pico y Placa

Der Arbeitsplatz meiner Frau und die Schule unseres Sohnes befinden sich in Cumbayá. Das ist nicht sehr weit von Quito entfernt. Wenn man nicht gerade zur Hauptverkehrszeit fährt, kann man die Strecke mit dem Auto in weniger als einer halben Stunde bewältigen. Allerdings wäre man dann auch vom Auto abhängig, denn zwar gibt es Busse, die regelmäßig zwischen Quito und Cumbayá verkehren, doch muss man bedeutend mehr Zeit einplanen, zumal man, abhängig von der Gegend, in der man wohnt, auch noch umsteigen müsste. Mit dem Auto geht es eben am schnellsten. Aber abgesehen davon, ob man nun selber Auto fährt oder den Bus nimmt, gibt es eine Sache, die ein echtes Problem darstellt: pico y placa.

Pico wird die Rush-hour genannt und Placa ist das Nummernschild. Um nun den Verkehr auf den Haupteinfallrouten zwischen Quito und seinen Randbezirken etwas erträglicher zu gestalten, hat sich die Regierung ein System zur Steuerung des Verkehrsaufkommens einfallen lassen – pico y placa eben. Danach dürfen an bestimmten Tagen nur Fahrzeuge mit bestimmten Nummernschildern fahren. Ich habe mich darüber noch nicht weiter informiert, weil wir sowie nicht regelmäßig nach Quito fahren müssen. Das System ist aber ganz einfach: Beispielsweise dürfen Montags Fahrzeuge, deren Kennzeichen auf 1 und 2 enden, in der Zeit von 7:00 bis 10:30 Uhr nicht in die Stadt hineinfahren und auch nicht heraus. Dienstags sind dann die Fahrzeuge mit den Endnummern 3 und 4 dran usw. Wer sich nicht an die Regel hält und sich durch dringende Geschäfte veranlasst sieht, dennoch in die Stadt zu fahren, riskiert eine saftige Geldstrafe. Die Rede ist von zweihundert Dollar. Würden wir nun tatsächlich in Quito wohnen, müssten wir zumindest einmal pro Woche auf den Wagen verzichten und den Bus nehmen. Leute, die wohlhabend genug sind, lösen das Problem auf ihre Weise: Seit Einführung der Regelung sind die Verkaufszahlen für Autos gestiegen, denn wer es sich leisten kann, umgeht die strikte Regelung, indem er sich einfach einen Zweitwagen zulegt, dessen Kennzeichen auf einer anderen Ziffer endet. Ein Klassenkamerad meines Sohnes erzählte, dass seine Familie früher sieben Autos besessen hätte – für jeden Tag der Woche eines. Für uns scheidet diese Option aus naheliegenden Gründen aus: ich mag die Zahl Sieben nicht. Wir haben uns stattdessen entschieden, in Cumbayá zu bleiben.

Noch mehr Wohnungen in Cumbayá und Tumbaco

Alle nachfolgenden Besichtigungstermine fanden dann ausschließlich in Cumbayá und dessen Umgebung statt. Die erste Maklerin, mit der wir uns verabredeten, wollte uns eine Wohnung in einer bewachten Wohnanlage zeigen, doch mangels Akkreditierung wurde uns der Zutritt verwehrt. Der Wächter zeigte sich unnachgiebig. Die Maklerin telefonierte eine gefühlte Ewigkeit, um uns doch noch die Wohnung zeigen zu können, doch es nützte alles nichts. Wir waren umsonst gekommen. Die Frau sah ihre Provision davonschwimmen und versuchte uns noch einen zweiten Termin aufzudrängen, denn sie wollte sichergehen, dass wir ihr nicht entwischten, und so versprach sie, dass wir zu dem zweiten Termin ganz sicher Zugang zu der avisierten Wohnung erhalten würden. Doch an diesem Tag hatten wir noch weitere Besichtigungstermine mit anderen Maklern und deshalb machte meine Frau nur vage Versprechungen.

Die zweite Wohnung, die wir uns ansahen, gefiel uns von allen am besten. Der Makler, ein junger Mann, war leider verhindert und deshalb schickte er seine Mutter, um uns die Wohnung zu zeigen, was ich sehr süß fand. Die Wohnanlage liegt ein wenig außerhalb von Cumbayá, eigentlich auf halbem Wege zwischen Cumbayá und Quito. An der Autopista, die nach Quito führt, nimmt man eine Abzweigung und nach hundert Metern gelangt man an die mit einer Schranke gesicherte Pforte der Wohnanlage. Es gibt drei Zugänge: einen für Anwohner, einen zweiten für Besucher sowie einen dritten für Fußgänger. Zwischen den Schranken für die Ein- und Ausfahrt thront ein Wächterhaus, in dem sich die uniformierten Bewacher der Anlage immer zu mehreren aufhalten. Wer die Anlage als Besucher betreten möchte, muss sich, wie an fast allen solchen Checkpoints üblich, einer eingehenden Kontrolle unterziehen: man wird gefragt, wer die Person ist, die einen eingeladen hat; falls man eine Bestätigung erhält, muss man den Ausweis abgeben und dann erst darf man hinein.

Die Wohnung ist sehr schön und wir waren sofort begeistert. Merkwürdig ist, dass es zwar nur zwei Schlafzimmer, dafür aber drei Bäder gibt. Der Boden ist, wie hierzulande bei Wohnungen gehobenen Standards anscheinend üblich, mit Parkett ausgelegt, was den Räumen eine warme, ja geradezu anheimelnde Atmosphäre verleiht, aber auch jede Mengen zusätzliche Arbeit bedeutet. Die Vermieterin meinte, man müsste die Böden einmal im Monat mit einem Sud aus schwarzem Tee wischen und anschließend ein spezielles Wachs mit der Poliermaschine auftragen. Solange sie mir die Maschine zur Verfügung stellt, habe ich damit kein Problem, denn durch das Wachs ist das Parkett gut versiegelt und es bleibt dann auch ziemlich lange sauber. Der Schmutz perlt einfach ab und man muss nicht jedem Dreckfleck sofort mit dem Mob zu Leibe rücken. Die Vermieterin darf nur nicht erfahren, dass der Hund noch nicht stubenrein ist und frisch gewachstes Parkett ist so ziemlich das letzte, worum er sich schert. Am Morgen sind seine Häufchen nicht selten nach Art von Tretminen in der Wohnung verteilt und die Reinigung ist wirklich kein Vergnügen. Wenn dieser Hund etwas ganz hervorragend kann, dann ist es fressen, schlafen und kacken. Aber er ist lieb. Er würde keinem Einbrecher etwas zuleide tun. So ein lieber Hund!

Eigentlich hätten wir es nicht besser treffen können, zumal die neue Wohnung genauso viel kostet wie unsere alte, mit dem kleinen aber feinen Unterschied, dass sie rund um die Uhr von Wächtern beschützt wird, was bei unserer alten Unterkunft nicht der Fall war. Wir wollten uns aber nicht vorschnell entscheiden und uns deshalb erst noch die anderen Angebote ansehen. Vielleicht würden wir ja eine Überraschung erleben. Zum nächsten Termin kamen die Maklerinnen gleich im Doppelpack. Die Vermittlung von Wohnimmobilien scheint hierzulande eine echte Frauendomäne zu sein und so empfand ich es fast schon als Ausnahme, dass dann später zum Vertragsabschluss ein Makler auftauchte. Die beiden Vermittlerinnen fuhren uns zu einigen lohnenden Objekten, aber richtig zufrieden waren wir mit keiner der Wohnungen – zu teuer, überbewertet, abgewohnt, unattraktiv, keine Aussicht.

Die Maklerinnen fuhren uns bis nach Tumbaco – das ist die Nachbargemeinde Cumbayás weiter östlich –, aber auch hier fand sich keine Wohnung, die uns augenblicklich überzeugt hätte. Während wir kreuz und quer durch Tumbaco fuhren, erzählte die eine der Maklerinnen wahre Horrorgeschichten über diese Stadt (ich weiß nicht, ob sie schon von verkaufsfördernden Argumenten gehört hat): Danach sollen Kriminelle und Polizei den Ort in trauter Eintracht als eine Art Mafia beherrschen. So sei es völlig sinnlos, etwa nach einem Wohnungseinbruch oder einem Autodiebstahl Hilfe von der Polizei zu erwarten, denn die Gesetzeshüter steckten meist selber bis zum Hals im Sumpf des Verbrechens. Man merkt niemandem an, auf welcher Seite er steht, und so kommt man allmählich dahin, jedermann zu misstrauen, weil jeder einen bestehlen oder ausrauben könnte. Wenn meine Frau mir früher erzählte, dass man stets auf der Hut sein müsse und niemandem trauen könne, hatte ich dies für maßlose Übertreibung gehalten. Mittlerweile bin ich aber geneigt, ihr zu glauben. Es ist nur schade, dass man so Schritt für Schritt das Vertrauen in die Menschheit verliert, und ich fürchte, man wird es nie ganz zurückgewinnen, ganz gleich, wie freundlich oder hilfsbereit sich die Menschen einem gegenüber gezeigt haben mögen.

Man spricht Deutsch

Wir entschieden uns am Ende für die zweite Wohnung, die wir etwas außerhalb von Cumbayá, auf halbem Weg nach Quito gefunden hatten. Zum Vertragsabschluss kam auch der Makler – zum Besichtigungstermin hatte er seine Mutter geschickt, weil er verhindert war. Es war ein junger Mann von Anfang zwanzig, der so gut Deutsch sprach, dass ich ganz überrascht war. Ich fragte ihn, wie es käme, dass er die Sprache so gut beherrschte, und er erzählte mir, dass er die Deutsche Schule besucht und immer wieder in Deutschland geweilt hätte, um seine Sprachkenntnisse zu verbessern. Sein Deutsch sei jetzt allerdings ein bisschen eingerostet, weil er lange nicht mehr in Deutschland gewesen sei. Berlin gefalle ihm außerordentlich gut und er meinte, er würde dort gern längere Zeit leben. Er hatte dort schon einmal drei Monate verbracht und einen Sprachkurs absolviert. Man merkte, dass ihm manchmal das eine oder andere deutsche Wort nicht mehr ganz geläufig war, aber dies wurde mehr als wettgemacht durch seine exzellente Aussprache. Spanischsprecher haben in der Regel das Problem, dass sie Sprachen wie Englisch oder auch Deutsch nur schwer korrekt artikulieren können, denn viele Laute in diesen Sprachen haben im Spanischen keine Entsprechung. Bei dem jungen Mann hatte man aber nicht den Eindruck, dass seine Muttersprache ein Handikap darstellte, denn sein Deutsch war fast so klar wie das eines deutschen Muttersprachlers.

Alte Probleme in Santa Inés

Die Wohnung, die wir gefunden haben, ist wirklich sehr schön, wenn auch ein wenig kleiner als unser erstes Heim. Ich wäre sehr gern in Santa Inés geblieben, denn ich mag die Gegend, aber leider hatte der Besitzer es nicht für nötig erachtet, die dringend erforderlichen Sicherheitsmaßnahmen zu treffen und also war es das Beste für uns alle, wenn wir die Anlage verließen. Am Tage unseres Auszugs nahm die Frau des Besitzers die Wohnung ab und wir übergaben ihr die Schlüssel. Sie erzählte meiner Frau, dass sie und ihr Mann einen Kredit aufgenommen hätten, um die Wohnungen finanzieren zu können. Fünfzehn Prozent Zinsen zahlt man hierzulande, ein Satz, den man getrost als Wucher bezeichnen darf. Ich glaube, da bekommt man es als Vermieter mit der Angst zu tun, wenn sich Mieter plötzlich verabschieden. Aber ein Schaden hätte für alle Seiten vermieden werden können, wenn der Besitzer von Anfang an mehr Geld in die Sicherheit investiert hätte. Am Ende rächt es sich eben immer, wenn man bloß auf Billig setzt und dabei das Beste hofft.

Neben einigen Mietparteien gibt es in der alten Wohnanlage auch noch Eigentümer. Etwas weiter von der Straße entfernt stehen zwei Häuser, welche verkauft wurden und die sich nun im Besitz der Bewohner befinden. Nach zwei Einbrüchen machen sich die frischgebackenen Eigentümer berechtigte Sorgen, dass auch ihre Häuser ausgeraubt werden könnten, zumal ein Einbruchversuch wegen der versteckten Lage viel unauffälliger vonstatten gehen könnte als in unserem Haus – man könnte sich mitten am Tag mit der Flex an den Türschlössern zu schaffen machen und niemand würde etwas davon bemerken, denn irgendwo wird immer gebaut und Baulärm ist fast ständig zu hören. Die hohen Mauern, die eigentlich ein unbefugtes Eindringen verhindern sollen, wären ein idealer Sichtschutz. Tage vor unserem Auszug hatten sich Handwerker an den Türen zu schaffen gemacht. Da wurde gehämmert, geschweißt, gebohrt und geflext, was das Zeug hält. Es hatte den Anschein, die Hauseigentümer ließen in aller Eile und natürlich auf eigene Kosten ihre Türen und Zäune nachrüsten, um gegen einen etwaigen Einbruchversuch gewappnet zu sein. Vielleicht war die hektische Betriebsamkeit geeignet, das Gewissen der Hausbesitzer zu beruhigen, aber ob ihr teures Hab und Gut nun wirklich sicherer ist, mag dahingestellt sein.

Abenteuer Straße

Unsere neue Wohnung ist etwas weiter vom Arbeitsplatz meiner Frau entfernt als die alte, aber in weniger als zwanzig Minuten schafft man es mit dem Auto selbst in dichtem Verkehr von Tür zu Tür. Das Fahren selbst stellt dabei eine nicht geringe Herausforderung dar, denn die hiesige Fahrweise ist keinesfalls mit den Gepflogenheiten auf deutschen Straßen vergleichbar. Man muss hier stets mit dem Unerwarteten rechnen. Viele Leute halten sich nur dann an die Verkehrsregeln, wenn es ihnen gerade in den Kram passt, und gegenseitige Rücksichtnahme ist ein nie gehörtes Fremdwort: Erst kürzlich fuhr ich auf einer Straße mit nur einer Fahrspur in jede Richtung. An einer Kreuzung hielt ich, weil der kreuzende Verkehr Vorfahrt hatte. Ich wollte geradeaus weiterfahren. Der Fahrer des Wagens hinter mir war der Meinung, er könnte, während ich noch wartete, schon einmal nach rechts abbiegen. Er fuhr aber nicht, wie man es erwarten würde, hinter mir vorbei, sondern zog links von mir auf die Gegenfahrbahn, überholte mich – ich stand noch immer an der Kreuzung – und lenkte dann direkt vor mir haarscharf nach rechts. Es war ein Wunder, dass ihn niemand rammte und auch ich hätte niemals damit gerechnet, dass jemand die Verwegenheit besitzen würde, von links zu überholen, um dann nach rechts abzubiegen. Er aber hatte noch die Chuzpe, empört zu hupen (warum eigentlich?) und mir einen verständnislosen Blick zuzuwerfen. Ich fürchte, die hiesige Fahrweise färbt in gefährlicher Weise auf mich ab. Ich bin zwar noch keine drei Monate hier, aber ich ertappe mich immer öfter dabei, dass ich abbiege ohne zu blinken oder einfach die Spur wechsle, wenn mir danach ist. Ich hoffe nur, ich kann mir diese unschönen Marotten in Berlin wieder abgewöhnen.

Bei einer anderen Gelegenheit war die rechte Fahrspur nicht nutzbar, weil man gerade neuen Asphalt auf die Straßendecke gezogen hatte. Der Fahrstreifen war deutlich sichtbar mit einer dichten Kette aus rot-weißen Kegeln gesperrt. Da für den Verkehr nur die linke Spur zur Verfügung stand, stauten sich dort die Fahrzeuge vor der Kreuzung. Bei einigen der Fahrer schienen beim Anblick der freien Spur sämtliche Sicherungen durchzubrennen: Als wären sie Formel-Eins-Piloten und als hätten sie von der Boxengasse das Go bekommen, zogen sie um die Kegel und bretterten mit aufheulenden Motoren über den frischen Asphalt. Ihre schweren Pickups gruben tiefe Spuren in die noch weiche Straßendecke. An manchen Tagen empfindet man mehr als an anderen, dass man nur ein Fremder in einer fremden Welt ist.

Eine andere Sache, die einen außerordentlich nerven kann, ist das ständige sinnlose Gehupe. Es gibt Situationen, da ist es notwendig zu hupen: Wenn man etwa auf einer Straße fährt, auf der die Vorfahrt nicht zweifelsfrei geregelt ist (eine klare Rechts-vor-links-Regel oder etwas ähnliches gibt es nicht), kann es sinnvoll sein, dem von der Nebenstraße einbiegenden Fahrzeug durch kurzes Hupen zu signalisieren, dass man weiterfahren werde und es gefälligst stehen bleiben solle. Oft fahren die Leute auch unaufmerksam und ein freundliches Hupsignal kann verhindern, dass jemand anderer einen beim Ausparken rammt. Oft aber setzt man die Hupe ohne Sinn und Verstand ein.

Zum Beispiel gibt es am Morgen auf der Strecke von Cumbayá nach Nayón, wo wir wohnen, oft Stau. Alles will zur Arbeit nach Quito, aber es gibt nur die eine Route und alles muss durch dieses Nadelöhr. Während man also im Stau steht, hört man immer wieder das nervige Gehupe hinter sich. Anscheinend glauben manche Verkehrsteilnehmer, wenn sie den Fahrer des vorausfahrenden Fahrzeugs nur ausdauernd genug daran erinnerten weiterzufahren, würde sich der Stau schon auflösen. In solchen hartnäckigen Fällen von Realitätsverlust helfen eigentlich nur noch strengste erzieherische Maßnahmen und es gelüstet einen förmlich danach, die gute alte körperliche Züchtigung mal wieder in Anwendung zu bringen. Man möchte sie aus dem Auto zerren, ihr Gesicht mit der Faust bearbeiten, und zwar genauso ausdauernd wie sie sich haben einfallen lassen zu hupen, sie wieder hinter das Lenkrad setzen und ihnen einen schönen Tag wünschen. Ein gutes Beispiel, wie man es machen sollte, gibt Mr. Eddy in „Lost Highway“ von David Lynch – einfach großartig und mit Sicherheit unübertroffen in seiner erzieherischen Wirkung, wenn ich auch anmerken möchte, dass ich Gewalt zutiefst verabscheue. Aber eine kleine Tagträumerei mag doch erlaubt sein!

Abschied von Santa Inés

Ich nehme Abschied von Santa Inés mit einem Gefühl der Wehmut, denn, wenn es auch gefährlich sein mag, hier zu wohnen, weil man ausgeraubt werden könnte, ist man doch mehrheitlich von ganz normalen Leuten umgeben, also von den Ecuadorianern, die nicht in den Hochglanz-Reiseprospekten auftauchen. Dies kann man von unserer neuen Wohngegend nicht behaupten. In Santa Inés grüßten mich die Taxifahrer – die übrigens auch alle in der Gegend wohnen – und immerhin galt ich ihnen als so vertrauenswürdig, dass mir einer von ihnen eine Fahrt auf Kredit gewährte. Ein Stück entfernt von unserem Haus gab es das ecuadorianische Pendant zum Tante-Emma-Laden. Das kleine Geschäft wurde von einem steinalten Ehepaar betrieben, und wenn man etwas kaufen wollte, dauerte es eine halbe Ewigkeit, bis die Besitzer mit dem gewünschten Artikel zurückkamen, denn wegen ihres Alters bewegten sie sich quasi in Zeitlupe. Dabei hätten die Wege kaum kürzer sein können: Im vorderen Teil des Zimmers, den man durch ein Fenster mit einer Theke einsehen konnte, befand sich ihr kleiner Laden, und direkt dahinter, im selben Zimmer, nur durch ein Warenregel vor neugierigen Blicken geschützt, lag ihr Wohnzimmer mit der bequemen Fernsehcouch, von der aus sie die Telenovelas verfolgen konnten.

Die Besitzerin des Cyber-Shops um die Ecke wohnt mit ihrer Familie zu Fünfzehn (sic!) in einem Haus – Kinder, Eltern, Großeltern. Das Haus ist nicht schön und wer im reichen Westeuropa aufgewachsen ist und immer dort gelebt hat, umgeben vom Komfort und den Annehmlichkeiten der moderne Welt, würde hier sicher nicht gern wohnen wollen. Nur wenige haben Arbeit und sie sind es, die die ganze Familie ernähren. Man schlägt sich durch und hält sich zum Beispiel mit dem Verkauf von Essen gerade so über Wasser. Das sind anständige, nette und hilfsbereite Menschen, die verdient hätten, dass sie ein weniger von Sorgen beschwertes Leben führen könnten. Aber sie müssen sich den ganzen Tag abrackern und am Ende stehen sie dennoch mit leeren Händen da. Ein Taxifahrer kann nach einem Dreizehn-Stunden-Tag mit fünfzig Dollar Verdienst rechnen. Dafür lohnt es sich kaum, morgens aufzustehen, aber eine Alternative gibt es nicht. Und während die Alteingesessenen täglich ums Überleben kämpfen, kaufen die Wohlhabenden ihnen das Land ab, um darauf Appartement-Häuser zu errichten, die sie dann teuer an andere Wohlhabende vermieten oder verkaufen. In Berlin würde man so etwas Gentrifizierung nennen, hier aber empfinden viele dies sogar als Fortschritt und sehen darin den natürlichen Lauf der Dinge. Man vergisst dabei nur allzu gern, dass es lediglich eine Minderheit ist, welche es sich leisten kann, in den schicken neuen Appartements zu wohnen.

Unser neues Heim

Wir wohnen jetzt im Ghetto der Reichen. Ich hätte mir nie träumen lassen, noch hätte ich es je gewünscht, hier zu leben. Die Straßen ziehen sich schnurgerade eine Anhöhe hinauf und beiderseits der sauber gefegten Bürgersteige bilden Einfamilienhäuser und edel aussehende Mehrgeschosser Spalier. Die Siedlung wird von der obligatorischen Mauer umgeben und man muss entweder Resident, von einem Residenten eingeladen oder Angestellter sein, um das Eingangstor passieren zu dürfen. Alles wirkt ein wenig steril, denn dies ist keine Stadt, die über die Zeit gewachsen ist. Ich glaube, das hier ist überhaupt keine Stadt, sondern nur eine große Ansammlung Häuser, die von einer unüberwindlichen Mauer beschützt werden (man fühlt sich manchmal ein wenig an die letzte Szene aus „I am Legend“ erinnert, als die Überlebenden in ein von stählernen Mauern beschütztes Refugium eingelassen werden). Alles wurde irgendwann einmal, sicher vor nicht allzu langer Zeit, von einem Architekten geplant und dann gebaut und da steht es nun. Es gibt hier keine Kinder und keine alten Leute, dafür aber schöne Blumenrabatten und sorgfältig in Form gebrachte Straßenbäume. Alles wirkt so gediegen, so perfekt – viel zu perfekt, um Teil eines Landes zu sein, in dem eigentlich nichts perfekt ist.

Ganz gleich, zu welcher Tageszeit man auf die Straße geht – nur selten trifft man Menschen, die zu Fuß unterwegs sind, und wenn doch, kann man sicher sein, dass es sich um Angestellte handelt, um Gärtner, Haushälterinnen, Putzfrauen. Die Bürgersteige beleben sich immer am Morgen gegen Acht, wenn die Menschen den Berg hinauf ziehen, zu ihren Arbeitsstellen in den Häusern der Reichen, und gegen Vier, wenn der Strom der Passanten die umgekehrte Richtung nimmt und alles hinunter zum Tor wandert, um von dort den Bus nach Hause zu nehmen. Einmal sah ich einen fetten Mann auf einem Mountainbike unsere Straße hinauffahren. Die Leute hierzulande fahren Auto, als wären sie Teilnehmer der Trophy Paris-Dhakar, aber es gibt tatsächlich Menschen, die sich davon nicht abschrecken lassen und aufs Rad steigen – nicht aus einer Notwendigkeit heraus, etwa um zur Arbeitsstelle zu gelangen, sondern um sich fit zu halten oder einfach aus Spaß.

Man muss sich ehrlicherweise eingestehen, dass sich der Spaß angesichts der dichten Abgaswolken wohl eher in Grenzen hält. Ich fürchte, eine Stunde auf dem Rad und die verabreichte Schadstoffmenge entspricht ungefähr jener, die man mit einer Schachtel filterloser Marlboro inhalieren würde (nichts gegen Marlboro – mmh, lecker!). Wenn die Busse richtig Gas geben, quillt nicht selten eine schwarze Rußwolke aus dem Auspuff und man kann froh sein, wenn der Wind günstig steht und den Dreck in eine andere Richtung weht. Bei uns in der Siedlung fahren keine Busse und auch der Autoverkehr hält sich in Grenzen. Die Straße führt steil bergan und der Mann auf dem Mountainbike schnaufte so bedenklich, dass ich fürchtete, er würde gleich einen Zusammenbruch erleiden. Seine neonbunte Bikerkleidung und sein Tropfenhelm waren ihm anscheinend keine große Hilfe. Ich glaube nicht, dass er ein Angestellter war, der zu seiner Arbeitsstelle radelte.

Apropos Bus: Neulich beobachtete ich, wie ein Mann, der aussah, als wäre er ein Gringo (helle Haut, Sonnenbrille, Wanderstiefel, Rucksack), einen Bus per Handzeichen zum Halten zu bringen versuchte. Das war vielleicht lustig! Kaum hatte der Busfahrer den Mann am Straßenrand erspäht, gab er Gas, als wäre dies die erste Regel in den Vorschriften für Berufsbusfahrer. Er fuhr einfach weiter – Bleifuß auf dem Gaspedal –, ohne sich auch nur einmal nach dem Fußgänger umzudrehen. Schwarze Abgasnebel hüllten den Mann ein, der mit seiner Sonnenbrille aussah wie ein postapokalyptischer Wanderer in einer Fallout-Wolke. Er schrie dem Fahrer seine Empörung entgegen und blickte dem davonrasenden Bus mit hilfloser Geste hinterher. Wahrscheinlich war er noch nicht lange im Land, denn wäre er es, hätte er gewusst, dass die Busse, die auf den längeren Routen zwischen den Städten verkehren, niemals außerhalb der Haltestellen stoppen, um Fahrgäste aufzunehmen. Er schien auch nicht zu wissen, dass, wenn er der Straße nur zweihundert Meter folgte, er zu einer Haltestelle käme, an welcher der nächste Bus schon in ein paar Minuten Halt machen würde. Ich kann mir nicht erklären, was Leute antreibt, ein Abenteuer zu suchen, bei dem sie nicht wissen, was sie erwartet, und die dann auch noch enttäuscht oder gar wütend sind, wenn die Welt nicht so funktioniert, wie sie es sich im stillen Kämmerlein vorgestellt haben.

Aber zurück zu unserer Wohnsiedlung in Nayón: Wer hier lebt, ist in der Regel im besten erwerbsfähigen Alter. Im Fahrstuhl begegnen einem Menschen, die aussehen, als wären sie erfolgreiche Anwälte oder Versicherungsvertreter; man sieht Gringos oder reiche Señoras im reiferen Alter, die mit ihren Bekannten darüber parlieren, dass sie die nächsten Monate in Barcelona zu verbringen gedenken. Und Barcelona ist kein Dorf in der Nähe, das man mal eben mit dem Auto erreichen könnte. Ich glaube, viele, die hier wohnen, unterhalten nur einen Zweitwohnsitz, denn am Wochenende wirkt die Siedlung wie ausgestorben. Von Montag bis Freitag sieht man zumindest Autos auf den Straßen – Einwohnern, die zu Fuß gehen, begegnet man dagegen so gut wie nie –, aber am Wochenende wirkt alles wie tot. Wahrscheinlich fahren alle zu ihren Familien, zu alten Leuten und Kindern, die in echten Städten wohnen.

Dem Makler gegenüber (er hatte uns die Wohnung vermittelt) bemerkte ich, die Siedlung wirke für meinen Geschmack doch sehr künstlich. Es gäbe keine Geschäfte, keine Cafés, keine Bars, keine Restaurants. Man sehe nicht einmal normale Leute auf den Straßen. Dies sei eine reine Schlafstadt, eine Retortensiedlung vom Reißbrett. Der Makler wollte meinem Argument nicht folgten. Ich glaube sogar, er verstand nicht einmal, worauf ich hinaus wollte. Wenn es um die eigene Wohnstatt geht, zählen für Ecuadorianer offenbar nur zwei Dinge: dass sie möglichst repräsentativ (d.h. teuer) ist und dass sie sicher ist. Von beidem hat diese Siedlung eindeutig zu viel.

Mitten durch die Siedlung führt eine öffentliche Straße und auf der anderen Seite der Straße befindet sich ein Park. Der Park gehört ebenfalls zur Siedlung und ist privat. Eine Fußgängerbrücke führt über die Straße, so dass die Einwohner der Siedlung nicht einen Fuß außerhalb ihrer geschützten Anlage setzen müssen, möchten sie in den Park. Die Straße wird von beiden Seiten durch hohe Zäune begrenzt, und das Gelände diesseits und jenseits der Straße, das ja privat ist, dürfen nur Befugte betreten, d.h. die Einwohner der Siedlung. Als mein Sohn und ich über die Brücke gehen, sehen wir Kinder auf der Straße, die neugierig in den Park schauen. Vielleicht würden sie gern dort spielen, aber die Spielplätze auf der anderen Seite des Zaunes sind für sie so unerreichbar wie die Rückseite des Mondes.

Im Park selbst findet man Basketball-, Fußball- und Tennisplätze, auf denen gutbetuchte Rentner sich gemächlich die Bälle hin und her schlagen. Alles wirkt gepflegt und sauber, wenn auch die monatelange brütende Hitze den Rasen hat verdorren lassen. Es gibt Toiletten und Duschen, damit man sich nach dem Sport schnell am Ort frisch machen kann. Sogar an die Bedürfnisse unserer vierbeinigen Freunde hat man gedacht: Im Park verteilt findet man Spender, denen Frauchen und Herrschen Tüten entnehmen können, mit denen sich die lästigen Häufchen hygienisch entsorgen lassen. Allerorten sieht man Menschen auf teuren Mountain-Bikes über die Rasenflächen jagen. Ein Vater radelt über die Wiese; seine zwei Söhne im Alter von etwa sechs sind ausgerüstet wie Profi-Motocross-Fahrer und folgen ihm auf Elektro-Motorrädern. Begrenzt wird der Park von einer Privatstraße, an der schmucke Einfamilienhäuser stehen. An ihrer rückwärtigen Seite befinden sich kleine Gärten und direkt dahinter erhebt sich die Mauer, welche die Safe-Zone des Reichtums von der Hot-Zone der Armut trennt.

Als wir endlich unser Auto ausgeliefert bekamen (Halleluja!), machte uns der Angestellte des Autohauses freundlich darauf aufmerksam, dass wir den Wagen möglichst nicht auf unbewachten Parkplätzen abstellen sollten. Sehr gern nehme man die Dachantenne mit, falls der Besitzer vergessen habe, sie abzuschrauben, und den silbernen Typen-Schriftzug breche man einfach heraus. Warum? Einfach so, als Souvenir. Weil jemand anderer ein Auto besitzt, während man selber keines hat. So einfach ist das. In unserer beschützten Siedlung muss man solchen Vandalismus natürlich nicht fürchten. Dafür sorgen Wächter am Eingang und Patrouillen auf den Straßen. Man kann selbst in stockfinsterer Nacht ohne Angst auf den Straßen spazieren gehen. Allerdings vermag ich mir gut vorzustellen, dass man zu nächtlicher Stunde, allein und auch noch zu Fuß, selber für einen Einbrecher gehalten werden könnte. Vielleicht bleibe ich lieber in der Wohnung, damit ich nicht noch versehentlich von einer Patrouille des Wachschutzes niedergeknüppelt werde.

Auf der Insel

Ich lebe zur Zeit auf einer Insel mit mir als dem einzigen Bewohner. Seit wir das Auto haben, komme ich so gut wie gar nicht mehr in Kontakt mit „normalen“ Ecuadorianern, einmal abgesehen von meiner Frau, die jedoch nicht zählt, da ich sie ja schon kenne. Ich schließe die Türen des Wagens und bin in meiner eigenen kleinen Welt eingeschlossen. Ich muss nie auf die Straße, es sei denn, ich fahre mit dem Auto einkaufen oder ich hole meinen Sohn von der Schule ab. Im Grunde zwingt mich nichts und niemand, mit irgendeinem anderen Menschen zu sprechen. Die Leute, die ich zufällig in der Wohnanlage treffe – etwa wenn ich auf den Fahrstuhl warte oder wenn ich den Müll runter bringe –, sind nicht gerade redselig. Die einzige, die das Gespräch sucht, ist unsere Vermieterin. Sie gehört zu der Sorte Mensch, die einfach drauf los redet und sich nicht darum schert, ob man nun verstanden hat, was sie sagt, oder nicht. Die Leute, die hier im Haus wohnen, kommen mir ein wenig distanziert vor, gar nicht so wie die Menschen in Santa Inés. „Guten Tag“ ist meist schon alles, was man zu hören bekommt, und häufig, wenn man grüßt, wird man einfach nur wortlos angestarrt. Ich vermisse Bahía. Die Menschen dort sind einfach freundlicher. Aber um dies festzustellen, braucht es nicht mich. Das sagen selbst die Ecuadorianer.

Es ist eine Tatsache, dass ich in Berlin fast mehr Spanisch gehört habe als hier. Das klingt absurd und ist wirklich paradox, aber in der Gegend, in der ich wohnte, waren die Straßenbahnen morgens voll mit geschwätzigen spanischen Touristen und auch in der U-Bahn traf ich am Abend auf dem Weg nach Hause oft auf ganze Horden feierwütiger Leute von der iberischen Halbinsel. Hier treffe ich niemanden, denn wenn man mit dem Auto fährt, ist man für sich. Und in unserem Haus, in der Wohnanlage, sieht man nur selten andere Menschen, denn wer es sich leisten kann, fährt mit dem Auto (nur Angestellte gehen zu Fuß).

Mir ist das Eigenartige meiner Situation durchaus klar: Um einmal einen Muttersprachler Spanisch sprechen zu hören, muss ich auf Youtube gehen, obwohl ich doch in einem Land lebe, in dem Spanisch Amtssprache ist und es im Prinzip niemanden gibt, der diese Sprache nicht spricht. Eigentlich begegnet man hier kaum jemals einem Menschen, der eine andere Sprache als Spanisch spricht. Das ist fast schon bizarr (ich glaube, ich habe eine gewisse Affinität zu diesem Wort). Vielleicht melde ich mich in einer Sprachschule an und belege einen Sprachkurs. Das wäre zumindest eine lohnenswerte Alternative. Ich fürchte nur, dort treffe ich all die Gringos, denen ich bisher erfolgreich aus dem Weg gegangen bin. Doch das ist dann wohl Bestimmung.