Geheimnisse des French Toast und echte Wikinger

Bahía de Caráquez, die Stadt am Pazifik, wird von drei Seiten von Wasser umschlossen. Bis vor wenigen Jahren verlief die einzige dünne Lebensader, die den Ort mit dem Festland verband, entlang des Grates der Halbinsel, an deren Spitze Bahía liegt. Dann erbaute man unter großen Kosten und Mühen eine Brücke, welche den Einwohnern der Stadt nun eine schnellere Verbindung zum Rest der Welt gestattet. Doch Bahía bleibt seiner insularen Bestimmung treu: Auch wenn man heutzutage nicht mehr die beschwerliche Fahrt über die Halbinsel in Kauf nehmen muss, weil man das Festland in wenigen Minuten über die neue Brücke erreichen kann, bleibt einem doch das Gefühl erhalten, man befände sich auf einer Insel.

Die Nähe des Meeres nimmt dem Leben die Schwere und obwohl es hier in Wahrheit nicht leichter sein mag als an anderen Orten in Ecuador, befällt jeden, der die Stadt besucht, schon nach kurzer Zeit ein Gefühl der Sorglosigkeit gleich einer Amnesie. Aller Ungemach fällt ab und alle lästigen Verpflichtungen, alle Notwendigkeiten (wahre oder eingebildete), die der Reisende in der Welt jenseits des Meeres zurückgelassen hat, beginnen zu verblassen, als hätte das Rauschen der Wellen sie ausgelöscht. Der Ozean übt eine eigenartige, fast schon hypnotische Anziehungskraft aus auf alle, die nach festem Grund suchen im Wildwasser des Lebens. In Bahía, der Stadt im Meer, finden sie ihre friedliche Insel, und die Welt scheint sich um sie zu drehen wie der Hurrikan um ein Auge vollkommener Windstille.

In den letzten Jahren ist Bahía zum Refugium eines bunten Völkchens von Expats geworden – Auswanderer, Wanderer zwischen den Welten, gestrandete Reisende, Weltflüchtige, Träumer und Suchende. Mit den Immigranten wurde die Stadt zum Emporium für Sehnsüchte aller Art; einen schillernd bunten Markt für Träume und Träumereien von einem unbeschwerten Glück beherbergt dieser Ort. Die Einheimischen sind gegen dieses Fieber größtenteils immun, doch sie lassen die Fremden in ihrer Mitte gern gewähren. Aber sie wollen nicht mittun beim Bau der Luftschlösser – die Leute mit den verrückten Ideen sind immer die Fremden.

Es gibt kaum einen, in dem der Zauber der tropischen Meeresküste nicht das Verlangen nach einem Leben ohne verzweifelte Sinnsuche wachrufen würde. Manch einer der zugereisten Fremden hat sich in der Stadt häuslich niedergelassen und er versucht, seine Vision vom Glück Wirklichkeit werden zu lassen. Und manchmal, sehr selten freilich, wird man Zeuge, dass es tatsächlich noch möglich ist, Träume zu leben – in Bahía, der Stadt am Ende der Welt.

Amerikaner sind angenehme Zeitgenossen: Man kommt mit ihnen schnell ins Gespräch. Aus ihren Überzeugungen machen sie kein Geheimnis; sie sind stets gerade heraus ohne grob zu sein. Besonders fällt auf, wie unglaublich nett die Leute sind. Wer wie ich an die berüchtigte Berliner Ruppigkeit gewöhnt ist, kann gar nicht glauben, wie nett man sein kann. Da trifft es sich gut, dass die Kommune der Expats in Bahía zu einem Großteil aus Amerikanern besteht. Nicht alle freilich pflegen engen Kontakt zu den Einwohnern der Stadt – man hat genug an sich selbst und wenn man unter sich bleibt, fühlt man sich auch nicht so fremd. Doch es gibt Ausnahmen.

„Henry´s Sports Café“ ist ein schönes Beispiel dafür, welche Art „Karrieren“ in der Stadt möglich sind. Henry, mein Namensvetter, ist vor Jahren nach Bahía gekommen mit kaum mehr als dem Wunsch, Ruhe und Frieden zu finden. Obwohl ich mehr als nur einmal Gelegenheit hatte, mich mit ihm zu unterhalten, vermag ich natürlich nicht zu beurteilen, welche Sehnsüchte es sind, die ihn bestimmten, seine Zelte an diesem abgelegenen Flecken aufzuschlagen. Wer weiß schon, welche Hoffnungen sich erfüllt haben, welche Träume wahr geworden sind – und Bahía ist gewiss nicht der schlechteste Platz in der Welt, um sich heimisch zu fühlen. Henry jedenfalls scheint ein glücklicher Mensch zu sein und jedem, der es wissen will, würde er dies wahrscheinlich auch genau so sagen.

Das „Sports Café“ ist einer amerikanischen Sportsbar nachempfunden: Über den Köpfen der Gäste hängen große Bildschirme, auf denen rund um die Uhr Fußball-, Basketball- oder Football-Übertragungen aus den Staaten laufen. Die Wände sind mit Vereinsdevotionalien geschmückt und auf der Bar stehen Hörnerhelme – wahlweise, um daraus stilecht wie ein Wikinger Bier zu trinken, oder um als gehörnter Volltrottel lallend um die Zapfhähne zu stolpern, was gewiss nicht oft vorkommt, da man ausschließlich teure Cervezas artesanales (Craftbiere oder Handwerksbiere) ausschenkt. Doch im Augenblick bringt die Belegschaft ihre Zeit nicht mit Zapfen zu, sondern mit Däumchen-drehen. Die Gäste bleiben aus und durstige Kehlen sind rar.

Wir frühstücken ein paarmal im „Sports Café“ und immer treffen wir den Besitzer an. Er sitzt entspannt zwischen Tresen und Bar, trinkt seinen Morgenkaffee, checkt die Mails und erweckt darüber hinaus den Eindruck, er sei fest entschlossen, diesen Tag für einen guten Tag zu halten, ganz gleich, was in den nächsten Stunden geschehen mag – ob nun das Klo verstopft ist, die Lautsprecherboxen Feuer fangen oder ein Asteroid die Erde trifft. Und so ist es an jedem Tag. Henry ist Amerikaner und was man daher mit Gewissheit sagen kann, ist, dass er hinsichtlich dessen, was er von der Zukunft zu erwarten hat, eine durch und durch optimistische Einstellung hegt. Man mag dies für naiv halten, aber rosige Aussichten verschönern bekanntlich das Leben.

Wir bestellen den suchterzeugenden Stuffed French Toast und die üppigen Frühstücks-Burritos, Orangensaft mit Vanille und kanisterweise Kaffee. Der French Toast ist so gut, dass mein Sohn, ein ausgewiesener Liebhaber und Kenner dieses Gerichts, mich drängt, nach dem Rezept zu fragen, und Henry, der Besitzer des Cafés, teilt das Geheimnis gern mit seinen Gästen: Betty Crocker und Liebe – mehr bedarf es nicht. Vielleicht kommt es am Ende ja nicht darauf an, was man hat, sondern vielmehr, was man daraus macht.

Wir sind die einzigen Gäste und zwar an jedem einzelnen Morgen, an dem wir das Café besuchen (Abends bestellen wir Cocktails und wir sind ebenfalls allein). Seit dem Erdbeben bleiben die Touristen aus und obwohl Ferien sind und sich die Leute sonst keine Gelegenheit entgehen lassen, in Scharen an die Küste zu pilgern, wirkt die Stadt wie ausgestorben. Man könnte glauben, die Ausgangssperre sei verhängt (was sie eine Zeitlang tatsächlich war – zum Schutz vor Plünderern und Kriminellen). Es wird sicher noch Jahre dauern, bis der Ort zu alter Blüte zurückgefunden hat.

Das Café hat als eines von wenigen Gebäuden in Bahía das Erdbeben überstanden, ohne einen einzigen Kratzer abbekommen zu haben. Mehr noch, während viele in der Stadt alles verloren haben und andere Unternehmer aus der Gastronomiebranche herbe Einbußen hinnehmen mussten, könnte die Katastrophe dem „Sports Café“ sogar noch zum Vorteil gereichen: Zwar befindet sich das Gebäude, in dem das Etablissement untergebracht ist, nur einen Steinwurf vom Ufer des Río Chone mit Blick auf den Ozean entfernt, doch ein Haus direkt an der Wasserkante versperrte die Sicht. Wie auf Bestellung hat das Erdbeben dessen Mauern zum Einsturz gebracht und als wir das Café besuchten, beseitigten Planierraupen gerade den Schutt – gute Nachrichten für die Gäste des „Sports Café“.

Auch wenn man es ihm nicht anmerkt, macht sich Henry Sorgen um die Zukunft des Cafés – es gibt wohl keinen Gastronomen, der nicht besorgt wäre, wenn der Gästeraum seines Lokals über Wochen ausgestorben wirkte wie eine evangelische Kirche in Berlin zur Messfeier. Doch wie alle seine geschäftlich umtriebigen amerikanischen Landsleute hat auch er gleich mehrere Eisen im Feuer und vielleicht versprechen ja seine anderen Unternehmungen Erfolg. Und außerdem darf man hoffen, dass die Feriengäste irgendwann nach Bahía zurückkehren werden. Wo sollen sie sich am Abend vergnügen, wenn nicht im „Sports Café“, wo sie Cocktails schlürfen und Bier aus Hörnerhelmen trinken dürfen wie waschechte Barbaren!

Als wir von Bahía Abschied nehmen – es ist ein Abschied für immer –, wünsche ich Henry alles Gute und ich gebe meiner Überzeugung Ausdruck, dass die Zeiten nur besser werden können. Mein Namensvetter pflichtet mir bei, aber wie sollte er auch nicht: Schließlich ist er Amerikaner und Amerikaner sind bekanntlich Meister darin, das helle Licht am Ende des Tunnels zu erspüren, wenn niemand sonst daran glauben mag, dass der Tunnel überhaupt jemals endet, und so kann Henry der Tatsache, dass er nun von der Terrasse seines Lokals freie Sicht auf den Ozean hat, auch noch etwas Positives abgewinnen. Ich bin überzeugt, wir werden uns wiedersehen, und dann wird zur Feier des Tages das erlesene Craftbier in Strömen fließen. Und wenn es sein muss, werde ich mich sogar dazu überreden lassen, das edle Gebräu aus dem Wikingerhelm trinken.

Cocoa y Canela

Wir verbringen zwei Tage in der Stadt. Bei einem Spaziergang stoßen wir nicht ganz zufällig auf das „Cocoa y Canela“, ein kleines Café, dessen Spezialität heiße Schokolade in allen nur denkbaren Variationen ist. Ich hatte am Morgen noch schnell den Reiseführer studiert und war dabei über die Adresse gestolpert. Das Café versprüht einen etwas dekadenten Charme und ich fühle mich auf anheimelnde Art an die Absinth-Höhlen des Fin de siècle erinnert. Das Interieur ist so betont altmodisch, dass man nicht zu entscheiden vermag, ob dieser Ort tatsächlich schon so lange existiert und eine Renovierung mangels Geld oder Interesse unterblieben ist, oder ob seine Betreiber ihn nicht absichtsvoll und gleichermaßen stilsicher in dieses Toulouse-Lautrecsche Schokoladen-Freudenhaus verwandelt haben.

Eine Wand ist über und über mit alten Geldscheinen tapeziert. Darunter findet sich auch eine Einhundert-Sucres-Note. Ecuador hat die Landeswährung im Jahre 2000 zugunsten des Dollars abgeschafft, aber 1992, als ich das Land zum ersten Mal bereiste, musste man noch ein ganzes Bündel der labbrigen Scheine mit sich herumschleppen, wenn man einen kleineren Einkauf auf dem Markt erledigen wollte.

Ich mache ein Foto von dem Geldschein, der an eine vergangene, fast vergessene Epoche erinnert, und ich frage mich, ob die junge Frau, die am Nebentisch sitzt, sich überhaupt an jene Zeit erinnern kann, da man in den Geschäften mit Sucres bezahlte und in der es die öffentliche Moral jungen Frauen untersagte, allein in Cafés zu sitzen und Bier zu trinken. Abgesehen von solchen Nebensächlichkeiten, muss man es schon als eine grobe Stilwidrigkeit ansehen, an einem Ort, der für seine heiße Schokolade bekannt ist, Bier zu trinken, und dann auch noch aus der Flasche. Aber es ist mir egal und die Gründe für diese nur allzu offensichtliche Provokation interessieren mich herzlich wenig, denn im Augenblick genieße ich bloß meine Schokolade. Nachdem ich ausgetrunken habe, bestelle ich noch eine zweite Tasse, denn die schönen Dinge im Leben sind leider immer viel zu schnell vorbei.

Manta: Santa Marianita

Maria Vicenta will uns nicht von Manta Abschied nehmen lassen, ohne uns an einen weiteren spektakulären Strand geführt zu haben. Auf einer Piste, deren Asphalt so unberührt scheint, als wäre er erst in der Nacht zuvor gegossen worden, fahren wir nach Santa Marianita. An diesem wie an allen Tagen scheint die Sonne aus einem feindlich blauen Himmel unerbittlich auf das ausgedörrte Land. Zwischen grellem Sonnenschein und Schatten gibt es keine Nuancen und das Gleißen über der Fahrbahn ist so stark, dass einem die Augäpfel schmerzen. Zwar weiß jedes Schulkind, dass sich Wärme und Licht aus dem nuklearen Feuer im Innern der Sonne speisen, doch erst hier möchte man es wirklich glauben. Die Sonne am tropischen Himmel ist ein anderer Stern als die kühle silbrige Scheibe, die sich im Nebeldunst des Nordens verbirgt, und man bekommt ihre Kraft zu spüren als eine dem Menschen feindlich gesinnte Naturgewalt.

Wir fahren vorbei an ockerfarbenen Hügeln, an Dornengestrüpp und ausgedörrter Erde. Doch dann, wie aus heiterem Himmel, öffnet sich der Blick auf den Ozean. Sein Anblick ist wie eine alles überwältigende Offenbarung. Das Blau des Meeres unter dem allgewaltigen Himmel ist unbeschreiblich – so wie man sich den Pazifik in seinen Träumen immer vorgestellt. In diesem Augenblick scheint es mir nicht mehr verwunderlich, dass die Alten Himmel und Meer von Gottheiten bevölkert glaubten. Doch selbst ein Gott müsste weichen vor der Majestät des Anblicks und auch ein noch so betörender Traum könnte unmöglich bestehen vor der Kraft dieses Bildes.

Santa Marianita ist kein unentdecktes Paradies, sondern eines, zu dem die Annehmlichkeiten moderner Infrastruktur wie zeitgenössischer Konsumkultur gefunden haben: Es gibt Parkplätze, einige Strandbars, mehrere kleine Pensionen und nicht einmal eine Handvoll Restaurants wartet in den Hügeln hinter dem Strand auf Gäste. Nichts von alledem ist auf Massenandrang ausgelegt. Am Strand selbst geht es sehr ruhig zu. Die meisten Gäste lümmeln in den Bars oder Restaurants, nur einige Verwegene werfen sich in die Wellen, andere sieht man erste vorsichtige Schritte mit dem Kite machen. Obwohl Meer und Strand geradezu zum Badevergnügen einladen (aber wann tun sie das nicht!), sieht man weit weniger Badewillige als an einem beliebigen Ostseestrand bei schlechtem Wetter. Die Leute können den Strand an ausnahmslos jedem Tag des Jahres genießen – da würde man irgendwann auch das Paradies über haben.

Es gibt erstaunlich viele Kiter an diesem Strandabschnitt, doch einen echten Profi sucht man vergeblich unter ihnen. Die besten sind allenfalls passable Amateure. Die meisten aber, die sich in die Gurte schnallen lassen, stellen sich so linkisch an, dass man in ihnen sofort den Anfänger erkennt. Ihrem blassen Teint nach zu urteilen, handelt es sich um Touristen. Die einheimischen Ausbilder legen ihnen die Geschirre an und der warme auflandige Wind füllt die bunten Schirme und lässt sie in den Himmel steigen. Ein eigenes Brett bekommen die Eleven aber noch nicht unter die Füße, denn erst einmal müssen sie lernen, mit dem Schirm über den Strand zu gehen und dabei sollen sie ein Gefühl für das Segel und die Launen des Windes entwickeln. Peinliche Missgeschicke, wie an anderen Stränden, wo Kiter in spe schon einmal bäuchlings hundert Meter über den Sand geschleift werden, wissen die Instruktoren zu verhindern. Jedenfalls ist mir kein Strandbesucher begegnet, dessen Bauch die verräterischen Brandspuren aufwies. Wie ich höre, kostet ein Kite-Kurs gerade dreihundert Dollar, und ich bin versucht, es zu wagen. Es muss einfach herrlich sein, allein mit der Kraft des Windes scheinbar schwerelos über die Wellen zu gleiten.

Während mein Sohn und ich uns kühn wie die Galapagos-Leguane ins Meer werfen, machen es sich meine Frau und ihre Freundin in einer der Strandbars bequem. Wie üblich haben sie viel zu bereden und das große Bier, das ich vor Maria Vicenta stehen sehe, scheint ihre Zunge noch mehr als sonst zu lösen. Meine Frau braucht solch einen Zungenlöser natürlich nicht. Sie kann auch so stundenlang reden, aber ich werde den Verdacht nicht los, der Barmann habe ihr eine Überdosis Aufputschdrogen in den Fruchtsaft gerührt. Doch Redseligkeit entspricht dem Naturell der Küstenbewohner und wer noch nicht erlebt hat, was es heißt, von einer Wortlawine ausgeknockt zu werden, der sollte die Madrina meiner Frau (also ihre Patentante) kennenlernen. Diese Frau kann schneller sprechen als ein Maschinengewehr zu schießen vermag, und zu allem Unglück kann sie es auch noch länger, viel länger. Widerstand ist zwecklos und eigentlich kann man die Wortflut nur wie eine Naturkatastrophe über sich ergehen lassen und hoffen, dass man alles ohne größeren Schaden übersteht (posttraumatische Störungen sind natürlich nicht auszuschließen).

Die Wellen werfen meinen Sohn und mich mit unbändiger Gewalt umher. Ein paarmal ziehen mich die Brecher unter Wasser: Man hört nur noch Rauschen und das Geräusch rollender Kiesel. Es ist finster wie am Grunde der Tiefsee. Im Bruchteil einer Sekunde verliert man jede Orientierung, und man kommt sich vor, als säße man mit verbundenen Augen in einer Achterbahn. Oft weiß man nicht, ob man kopfüber wie eine gekenterte Boje in der Dunkelheit treibt. Doch dann, als würde man von einem Wal ausgespuckt gleich einem unverdaulichen Happen, wird man wie ein Korken an die Oberfläche gespült und erst jetzt gibt es wieder Oben und Unten. Die Wasserwand rollt weiter auf den Strand, doch prustend und lachend und gierig nach Luft schnappend erwartet man schon die nächste Woge.

Colegio Alemán Quito

Unser Sohn soll das Colegio Alemán Quito, die Deutsche Schule Quito besuchen. Das Colegio Alemán ist eine Schule mit langer Tradition; in Ecuador genießt sie einen ausgezeichneten Ruf. Alle Bekannten, die wir fragten, welche denn die beste Schule in Quito sei, antworteten ohne zu zögern – die Deutsche Schule. Da meine Frau hier ohnehin als Lehrerin arbeitet, lag die Idee, unseren Sohn auf diese Schule zu schicken, nicht allzu fern.

Zwei Wochen zuvor – wir waren erst vor Kurzem in Quito eingetroffen –, hatten wir der Deutschen Schule schon einmal einen Besuch abgestattet. Meine Frau hatte sich in der Verwaltung vorgestellt und mein Sohn und ich hatten die Gelegenheit genutzt, um uns ein wenig umzusehen, zumal man uns ausdrücklich dazu eingeladen hatte, als wollte man sagen: Seht euch nur gründlich um – ihr werdet nichts finden, was euren Augen missfällt. Tatsächlich ist die Deutsche Schule ein Hort der Ordnung und Sauberkeit, wie man nur wenige selbst in Deutschland antreffen würde: Die Wege sind besenrein gekehrt, kein einziges welkes Blatt stört die vollkommene Harmonie; die Blumenrabatten sind wie aus dem Bilderbuch; der Rasen ist so akkurat geschnitten, als hätte man ihn mit der Nagelschere bearbeitet. Auf dem ganzen Gelände herrscht perfekte Ordnung – nichts ist überflüssig oder sieht so aus, als läge es zufällig herum. Gebäude und Wege sind in erstklassigem Zustand, die Wände sehen so glatt aus, als hätte man sie eben erst gestrichen. Ein Heer von unsichtbaren Helfern sorgt tagein, tagaus dafür, dass alles so bleibt: außerhalb der Schulzeit sieht man Gärtner, Techniker, Reinigungskräfte emsig unter den wachsamen Augen des schuleigenen Sicherheitsdienstes wirken. Der Wachschutz hat eine eigene Uniform und auf der Mütze prangt das Logo der Schule. Als wir das Stadion mit der 400-Meter-Tartanbahn besichtigen und eifrig Fotos schießen, werden wir misstrauisch beäugt. Man weicht uns keinen Zentimeter von der Seite. Vielleicht fürchtet man, einer von uns würde die schöne Bahn mit Kaugummipapier verunreinigen. Ordnung muss sein!

Die Schule behält sich vor, ihre Schüler in spe zunächst Tests absolvieren zu lassen. Schließlich gilt es, den guten Ruf zu verteidigen und letztlich will man auch wissen, mit wem man es im nächsten Schuljahr im Klassenraum zu tun haben wird. Das Zeugnis mit dem Versetzungsvermerk wäre zwar pro forma ausreichend, dies ist aber die Deutsche Schule und da gelten wiederum ganz eigene Gesetze.

Obwohl noch Ferien sind, hatte meine Frau das Haus während der ganzen Woche jeden Morgen vor Acht Uhr verlassen müssen. Wie üblich, bereiten sich die Lehrer in der Woche vor Schulbeginn in Schulungen und Weiterbildungen auf das kommende Schuljahr vor. Unser Sohn konnte derweil noch seine Ferien genießen und jeden Morgen ausschlafen, jedenfalls bis zum Donnerstag. Zwar wussten wir, dass er sich in der Woche noch den üblichen Test unterziehen sollte, aber dann kam alles ganz plötzlich. An einem Donnerstagmorgen stand plötzlich meine Frau in der Tür und verkündete etwas abgehetzt, dass wir sofort aufbrechen müssten, weil unser Sohn jetzt gleich (!) seine Tests schreiben sollte. Er war gerade erst aufgestanden und verständlicherweise verspürte er nicht die geringste Lust, die Schule zu besuchen – es waren Ferien! Und dann, zu allem Überdruss, sollte er auch noch eine Prüfung ablegen. Ich konnte sehr gut nachempfinden, warum er so schlecht gelaunt war.

Wir nahmen ein Taxi; die Fahrt aus dem Valle (das Tal – so nennen die Einheimischen die Gegend, in der wir wohnen) hinauf zur Schule dauert etwa zehn Minuten und kostet 2,50 Dollar. Das Colegio Alemán Quito befindet sich eben nicht, wie der Name behauptet, in Quito selbst, sondern in Cumbayá, das man als eine Art Vorort von Quito ansehen kann. Kaum waren wir angekommen, ging es sofort zum Test. Der Lehrer, der ihn abholte, war sehr nett, gar nicht so furchteinflößend wie die Lehrer, die ich aus meiner Schulzeit in Erinnerung habe. Mein Sohn drehte sich noch einmal um und warf mir einen etwas bangen Blick zu. Ich lächelte aufmunternd und sagte, ich würde im Sekretariat auf ihn warten.

An diesem Donnerstag wurden Deutsch und Englisch geprüft. Nach anderthalb Stunden kehrte mein Sohn quietschvergnügt zurück und als ich ihn fragte, wie es denn gewesen wäre, meinte er nur nur ganz cool: „Das war aber leicht!“ Mir fiel ein Stein vom Herzen. Am Freitag würden noch Mathe und Spanisch geprüft und ich hoffe, dass wir dann auch noch Grund zum Lachen haben.

Während mein Sohn seine Tests absolvierte, brachte ich meine Zeit damit zu, im Foyer des Sekretariats herumzusitzen. Wenn man nichts zu tun hat (ich hatte vergessen, mir Lektüre mitzubringen), ist es eine vortreffliche Art, die Zeit herumzubringen, indem man Leute beobachtet. Und an diesem Donnerstag war viel los in der Deutschen Schule Quito: Es wurden Weiterbildungen abgehalten und selbstverständlich hätten alle Lehrer auch dann daran teilgenommen, wenn diese nicht obligatorisch gewesen wären. Es herrschte ein ständiges Kommen und Gehen, so dass ich Gelegenheit hatte, mich mit der gesamten Belegschaft der Schule zumindest optisch vertraut zu machen.

Was einem sofort auffällt, ist der erfrischend zwanglose und kollegiale Umgang – alle duzen sich und die weiblichen Lehrkräfte werden, wie in Ecuador üblich, mit einem Wangenkuss begrüßt (allerdings küsst man nur einmal, während ich es noch aus Berlin gewohnt bin, auf beide Wangen zu küssen, was manchmal Verwirrung stiftet). Der Lehrkörper der Deutschen Schule Quito setzt sich jeweils zur Hälfte aus Ecuadorianern und Deutschen zusammen. Die Direktorenposten sind immer paritätisch besetzt: Ein Direktor ist Deutscher, der andere Ecuadorianer. Von meinem bequemen Sessel aus konnte ich das geschäftige Treiben in aller Ruhe beobachten: Lehrer schlenderten hin und her, Leute kamen die Treppen herunter und verschwanden in Büros, andere durchquerten ruhigen Schrittes das Foyer. Niemand hatte es eilig, die Atmosphäre war äußerst entspannt. Alle nahmen sich Zeit, um Kollegen, die man zufällig traf, zu grüßen. Man wechselte ein paar Worte, plauderte eine Weile freundschaftlich miteinander und ging dann gemächlich seiner Wege – der ecuadorianische Lebensstil hat eindeutig auf die deutsche Belegschaft abgefärbt. Es wirkte sehr beruhigend, den Leuten bei der Arbeit zuzusehen und ich würde sie direkt um ihren Job beneiden, wenn ich nicht wüsste, wie nervenaufreibend der Lehrerberuf manchmal sein kann. Dessen ungeachtet hört man immer wieder, dass es schwer sei, geeignetes Fachpersonal für längere Zeit zu verpflichten. Es kam schon vor, dass Lehrer nach dem ersten Jahr ihren Vertrag ohne Angabe von Gründen kündigten und einfach abreisten – nicht jeder kommt mit der neuen Situation klar. Vielleicht ist man deshalb so sehr um Schönwetter bemüht, denn schließlich kann ein gute Arbeitsatmosphäre helfen, Menschen auf längere Zeit zu binden.

Ich würde die Wahrheit verleugnen, wenn ich behauptete, man könne Ecuadorianer und Deutsche nicht voneinander unterscheiden. Selbst dem umgeschulten Auge fallen die Unterschiede sofort auf: Der deutsche Lehrer pflegt im Allgemeinen den eher unauffälligen Bekleidungsstil, der durch Understatement bis hin zu äußerster Schlichtheit gekennzeichnet ist. Bekleidung, die selbst noch so geringe Aufmerksamkeit erregen könnte, scheint geradezu verpönt. Einen solchen Anblick kennt man auch aus Schulen in Deutschland. Ich erinnere mich, dass meine Lehrer sich in der Mehrheit oft so schlecht kleideten, dass es zum Erbarmen war. Ich bin der Meinung, Lehrer sollten die Schule stets gut angezogen betreten, denn immerhin repräsentieren sie eine wichtige staatliche Institution.

Die einheimischen Lehrkräfte und insbesondere die Lehrerinnen machten auf mich einen viel stärkeren Eindruck und zwar nicht, weil sie die schöneren oder interessanteren Menschen gewesen wären, sondern weil sie sich einfach besser anzogen (Ausnahmen bestätigen die Regel). Die Lehrerinnen sahen so aus, wie ich mir als Schüler meine Lehrer immer gewünscht hätte. Aber es kann sein, dass die Zeit meine Erinnerungen ein wenig durcheinandergebracht hat.

Anschließend, sozusagen als Belohnung für den erfolgreichen Abschluss der Prüfungen, sind wir Pizza essen gegangen. Wir sind ins Pueblo gefahren – das ist das ältere innerstädtische Viertel Cumbayás. Um einen gepflegten kleinen Park haben sich Restaurants, Cafés und allerlei Geschäfte angesiedelt, die der solventen Kundschaft ihre Waren und ihren Service offerieren. Wohin man auch blickt, nirgends wird man etwas Preiswertes finden. Das Preisniveau entspricht durchaus dem der europäischen Metropolen und wer hofft, dennoch das berühmte Schnäppchen zu finden, hat sich gründlich verrechnet. Diese Gegend ist nicht für den kleinen Geldbeutel gedacht – ein Kollege meiner Frau verbrachte seinen letzten Urlaub in Spanien und er war der Meinung, Ecuador sei teurer.

Schließlich fanden wir ein Pizza-Restaurant. Es trug den Namen „Pizza rodante“ (d.i. Pizza auf Rädern). Seinen Namen verdankt das Lokal einem Wohnwagen, den man höchst dekorativ auf einer Seite des Gastraumes platziert hat. Früher sind Hausierer, Hippies oder Aussteiger mit solchen Wagen durch die Lande gezogen; heute sieht man sie in Berlin noch gelegentlich im Umkreis alternativer Wohnkultur. Hier diente der Wagen nur als Dekoration. Das Restaurants war einfach und mit einem gewissen kultivierten Hang zum Trash-Appeal eingerichtet: An den Wänden waren einfache Holzregale befestigt, in denen sich allerlei Nippes sammelte – Sonnenbrillen, Ansichtskarten, Dinosaurierspielzeug, antike Kameras und dergleichen Plunder mehr. Die Tische waren aus Industriespanplatten gezimmert und grobschlächtig verschraubt. Dennoch wirkte das Lokal sehr gemütlich und man verspürte Lust, eines der Cervezas artesanales (der Craft-Biere) zu genießen, die schon am Eingang groß angepriesen wurden. Meine Lust auf ein kühles Bier wurde sofort gedämpft, als ich sah, wie viel für das Vergnügen zu berappen wäre: 5,50 Dollar kostete die kleine Flasche.

Wir bestellten Pizza. Es gab eine unglaubliche Auswahl an Belägen und noch mehr Kombinationen. Mein Sohn – er war am Ende der einzige, der etwas aß – orderte erwartungsgemäß Pizza peperoni, die in Deutschland Pizza Salami heißt. Die Bedienung fragte, ob der Teig aus Vollkorn, Weißmehl oder aus einer Mischung von beidem gemacht werden solle. Er entschied sich für den klassischen Pizzateig. Dann kam die Pizza. Sie sah wirklich sehr gut aus und in diesem Augenblick hätte ich auch Lust gehabt, mir eine zu bestellen, aber ich unterließ es dann doch. Mein Sohn meinte, die Pizza schmecke hervorragend, aber das kann man auch erwarten, denn schließlich kostete sie 6,50 Dollar. Das ist für ecuadorianische Verhältnisse viel Geld; für die Hälfte dieses Betrages bekommt man mancherorts schon ein komplettes Mittagessen, inklusive Vorsuppe und Dessert. Die teuersten Pizzen schlugen mit acht Dollar zu Buche – das sind Preise, die man sicherlich auch in Berlin erwarten könnte.

An den Tischen rechts und links neben uns saß jeweils eine Gruppe junger Mädchen. Die Gruppe auf der Rechten bestellte ebenfalls Pizza. Sie tratschten ununterbrochen und ihr Redefluss wurde nur unterbrochen, um das Essen herunterzuschlucken. Die Gruppe links von uns war überwiegend damit beschäftigt, cool auszusehen, und so saßen sie fast die ganze Zeit lang schweigend am Tisch und musterten ihre Umgebung mit einem allzu deutlich zur Schau getragenen Ausdruck der Langeweile. Die Mädchen bestellten Pilsener und tranken ihr Bier gleich aus der Flasche. Dazu machten sie sehr erwachsene Gesichter, dabei mögen sie höchstens fünfzehn gezählt haben. Die Bedienung der Pizzeria nahm am Alter der Gäste keinen Anstoß, sie ließ sich nicht einmal die Ausweise zeigen, obwohl auf dem Etikett jeder Flasche vermerkt war, dass der Ausschank alkoholischer Getränke erst ab 18 gestattet sei. Dass man es sich in dem Alter leisten kann, einen teuren Laden wie diesen zu besuchen, sagt viel über die Herkunft der Mädchen aus. Meine Frau war empört, dass sie „Alkohol“ tranken und sie warf die Frage auf, wo denn die Eltern seien. Ich weiß es auch nicht.

Am Abend wollten wir noch etwas Brot einkaufen. Von unserer Reise vor drei Jahren war uns ein Bioladen im Zentrum von Cumbayá in guter Erinnerung geblieben. In dem Laden findet man die landestypischen Produkte, nur sind sie unmäßig teurer, weil eben „Bio“ auf den Etiketten steht. Mitten im Laden befand sich eine Art Schautisch, auf dem sich Gebäck stapelte. Es gab solch exotisches Backwerk wie Quinoa-Cookies und deutsches Roggenschrotbrot. Wir entschieden uns für das Roggenbrot – nicht, weil wir unbedingt jeden Tag deutsches Brot essen müssten, sondern weil es einfach eine Abwechslung im Weißbrot-Einerlei darstellt. Mein Frau, obgleich Ecuadorianerin von Geburt, hat sich während der Jahre, die sie in Deutschland verbrachte, derart an Roggensauerteig gewöhnt, dass sie nicht mehr ohne leben kann. Roggen ist hierzulande nur schwer zu bekommen und so exotisch wie vielleicht Quinoa in Deutschland. Der Besitzer des Bioladens jedenfalls wusste damit nicht viel anzufangen. Er wog das Brot und stellte fest, dass es ganz schön schwer sei, und in der Tat hatte man den Eindruck, man hielte einen Ziegelstein in der Hand. Dafür schmeckte es umso besser, wie richtiges gutes Bäckerbrot. Für meinen Geschmack hatte der Bäcker jedoch viel zu viel Leinsamen an den Teig gegeben, aber es war dennoch ein sehr gutes Brot. Selbst mein Sohn, der sich sonst nicht viel aus Brot macht, langte ordentlich zu. In zwei Tagen hatten wir es bis auf einen Kanten aufgegessen.

Auf der Suche nach Bequemlichkeit

An einem Sonnabend wollten wir uns nach Matratzen, Betten, einem Kühlschrank und einem Fernseher umsehen – kurz, nach allem, was das Leben komfortabel und lebenswert macht. Zunächst suchten wir nach einer Möglichkeit, preiswert drei Matratzen für uns zu kaufen, denn teuer bekommt man sie immer. Die Kunst besteht aber darin, die Sachen billig zu bekommen, oder zumindest billiger als anderswo. Und in der Kunst, etwas billiger zu kriegen als anderswo, darin ist der Ecuadorianer Meister. Ich muss erwähnen, dass meine Frau, obwohl sie schon sehr lange in Deutschland lebt, geborene Ecuadorianerin ist, und demzufolge in diese mir verschlossene Kunst vollständig eingeweiht ist.

Als wir los wollten, trafen wir unseren Nachbarn, der uns zwei Tage zuvor den Schlüssel zur Wohnung ausgehändigt hatte. Er gab uns ein paar Tipps, wo wir suchen sollten und wie wir schnell dorthin gelangen könnten, denn zwar ist meine Frau Ecuatorianerin, aber sie stammt nicht aus Quito. Ich hatte einen Rucksack mit einer Kamera dabei und der Nachbar riet, die Kamera in jener Gegend, die wir beabsichtigten zu besuchen, sicherheitshalber nicht hervorzuholen; auch sollte ich mir den Rucksack vor den Bauch hängen und vor allem immer gut festhalten. Ich war so verunsichert, dass ich mir schwor, mir seinen Rat zu Herzen zu nehmen.

Wir fuhren mit dem Bus. Ein Fahrt kostet nur 25 Cents, aber dafür kann man ein Abenteuer erleben. Nicht nur fährt man für nur einen Vierteldollar von einem Ende der Stadt bis zum anderen, unterwegs kann man auch erfahren, was sportliches Fahren eigentlich bedeutet. Wenn man einen Stehplatz hat, ist es ratsam, sich stets mit beiden Händen gut festzuhalten, sich breit hinzustellen und leicht in die Knie einzufedern. Die Kurven werden von den Fahrern, die den aggressiven Fahrstil bevorzugen, grundsätzlich mit Vollgas genommen, und wer sich nicht gut festhält, wird gegen die Scheibe geschleudert. Anders als in Berlin, fährt man immer noch mit der traditionellen Knüppelschaltung und die meisten Busfahrer geben nach dem Schalten so hart Gas, dass ihr Gefährt formlich einen Satz nach vorn macht. Wer sich nicht festhält, landet unweigerlich auf dem Hosenboden.

Das Ein- und Aussteigen an sich ist schon ein Abenteuer, denn die Busse stoppen an den Haltestellen immer nur kurz und der Fahrgast, der das Pech hat, als Letzter einzusteigen, ist nicht selten gezwungen, auf den fahrenden Bus aufzuspringen, um überhaupt noch mitzukommen. Damit es keine Verzögerungen an den Haltestellen gibt, öffnen die Fahrer oft schon vorher die Türen, während der Bus noch mit Höchstgeschwindigkeit fährt, was aber auch den Vorzug hat, dass es drinnen immer schön frisch ist.

Während der Fahrt füllte sich der Bus immer mehr. Ich stand eingekeilt zwischen Menschen mit indigenen Gesichtszügen und ich kann mit einiger Sicherheit sagen, dass ich der einzige Weiße in dem ganzen Bus war. Mein Sohn ist ja zumindest halber Ecuadorianer und wenn es darauf ankommt, zählt die eine Hälfte – nicht, dass ich mir darüber je ernsthaft Gedanken gemacht hätte oder dass es für mich überhaupt wichtig wäre. Wenn man aber plötzlich merkt, dass man weit entfernt von allem ist, was man als vertraut empfindet, wird einem klar, dass die Welt größer ist, als man glaubte, und dass das, was man für den Mittelpunkt hielt, in Wahrheit nur eine Provinz unter vielen ist. Ich bin mir sicher, in diese Gegend Quitos verirrt sich nie ein Tourist, denn das ist nicht das Quito, das der gewöhnliche Tourist zu sehen wünscht.

Als wir ausstiegen, herrschte überall geschäftiges Treiben. Es war Markt, Leute verkauften Obst, Gemüse, Gewürze und alles, was man sonst so zum Kochen braucht. Eine von Baldachinen überdachte Ladenzeile mit Dutzenden Marktständen zog sich den Berg hinauf. Straßengarküchen gaben Essen aus. Man sah knusprig frittierte Truthahnflügel und kross gebratenes Schweinefleisch mit Mais und Kartoffeln, große Kessel mit deftigen Eintöpfen. Ich wäre gern noch länger geblieben und hätte auch gern fotografiert, aber ich entsann mich der Warnung unseres Nachbarn und ließ es lieber. Man starrte mir auch so schon auf Schritt und Tritt hinterher. Aber es war kein böses Starren, eher ein neugieriges, verwundertes Mustern.

Wir besuchten einen Möbelmarkt. Um eine Halle herum hatte man weitere Marktstände aufgebaut und notdürftig mit Wellblech überdacht. Das war keine Ikea-Verkaufsaustellung, denn die Möbel waren oft meterhoch gestapelt und zwischen ihnen saßen die Besitzer auf Hockern oder auf den Stühlen, die sie selbst verkauften und taxierten die Kunden. Oft wusste man nicht, wo ein Laden aufhörte und wo der nächste anfing, denn noch der letzte Quadratzentimeter war mit Ware vollgestellt. Es war gerade Mittagszeit und die meisten Besitzer saßen eingekeilt zwischen ihren Waren und ließen sich ihre deftige Mahlzeit schmecken (ich sah Schweinefleisch mit Mais und Kartoffeln). Wenn wir vorbeigingen, hoben sie die Köpfe und sahen uns an, als wären wir eben einem Raumschiff entstiegen. Einen wie mich, hat man hier bestimmt noch nie gesehen.

Die Ausländer und Touristen tummeln sich zumeist im historischen Stadtkern und auf der Avenida Amazonas, in Gegenden, die von den Einheimischen halb belustigt, halb spöttisch „Gringolandia“ genannt werden. Meine Frau und mein Schwager gingen voraus, denn als „Gringos“ würden wir nur die Preise kaputtmachen. Mein Sohn ist zwar halber Latino, aber für einen Ecuadorianer ist er viel zu hell. Selbstverständlich konnte man von einem Gringo etwa für denselben Schrank mehr verlangen als von einem Einheimischen. Was macht es da schon für einen Unterschied, dass ich gar kein Gringo bin (Gringos werden für gewöhnlich nur die Nordamerikaner genannt). Aber das ist wohl historische Gerechtigkeit. Ich fand’s nur lustig, denn ich hätte mich kaum verstecken können – selbst, wenn ich es gewollt hätte – und so zu tun, als wäre ich ein Einheimischer, war aus naheliegenden Gründen ebenfalls ausgeschlossen. Genauso gut hätte ich mir gleich ein pinkfarbenes Eisbärkostüm anziehen können. Damit hätte ich auch nicht mehr Aufmerksamkeit auf mich gezogen, als ich ohnehin schon genoss.

Zwar kauften wir nichts, aber andere kauften und so wurden ständig Waren aus dem Markt herausgetragen. Das Schleppen übernahm ein Träger. Er war mindestens sechzig Jahre alt und nur halb so groß wie ich. Trotzdem lud er sich unglaubliche Lasten auf die Schultern. Ich sah mit eigenen Augen, wie er eine ganze Schrankwand schulterte, als wäre es nichts. Seine Last war mindestens doppelt so groß wie er selbst. Und dann, nachdem er sie sich aufgeladen hatte, preschte er mit kleinen Trippelschritten los, seine Last geschickt zwischen den Möbelbergen hindurchbalancierend; im Laufschritt fegte er durch die engen Gänge. Wenn ihm ein Kunde im Weg stand, forderte er ihn freundlich auf, beiseite zu treten. Ich halte mich nicht für einen Schlappschwanz, aber hätte ich auch nur für einen Tag tun müssen, womit dieser Mann sich wahrscheinlich schon sein ganzes Leben lang abplagt, wäre ich am Abend zusammengebrochen und mein Rücken wäre ruiniert.

Wir fuhren mit dem Bus zurück. Die Pfennigfuchser unter uns hatten haarscharf kalkuliert: Eine Busfahrt schlug mit 25 Cent pro Person zu Buche; wir waren vier, also zahlten wir einen Dollar. Eine Taxifahrt hätte zwei Dollar gekostet. Sparen kann so einfach sein! Beim Ausstieg wurde so gedrängelt, dass man Angst hatte, einem würden die Kleider vom Leib gerissen. Eine Frau hatte sich ihr Baby mit einem Tuch auf den Rücken gebunden, doch sie ging nicht weniger zielstrebig als die anderen daran, sich ihren Weg durch die Menge zu bahnen. Dann, als sie sich in einen Durchgang schob, stieß sich das Kleine den Kopf so heftig am Türrahmen, dass es „Boing“ machte. Doch das Baby schlief einfach friedlich weiter. Vom Bus ging es durch eine Schleuse, an welcher der Vierteldollar für die Fahrt zu entrichten war. Mein Sohn fand das spaßig und vergaß, das Geld in den Schlitz zu werfen. Ein Polizist wies ihn sogleich streng zurecht; reumütig ging er zurück und warf die Münze ein. Erziehung braucht manchmal eben doch Autorität.

Zu Mittag aßen wir in einem kleinen Restaurant mit Namen Café Ambassador: Lange schwere Holztische und Bänke, die Türrahmen mit Schnitzwerk versehen, die Decke von Holzbalken gestützt – man hatte den Eindruck, man befinde sich in einem bayerischen Traditionswirtshaus. Serviert werden einfache Gerichte. Ich hielt mich an das, was ich kenne und bestellte Churrasco. Das ist eine gegrillte Scheibe Rindfleisch, dazu zwei Spiegeleier, die darüberdrapiert werden. Reis und eingelegte Babykartoffeln dienen als Beilagen. Dazu trinkt man am besten ein Bier und ich bestellte mir gleich eins der Marke „Club“. In Ecuador gibt es zwei bekannte einheimische Biermarken. Die eine ist „Pilsener“, die andere „Club“. Beide schmecken sehr gut und brauchen den Vergleich mit europäischen Bieren nicht zu scheuen. Ich finde allerdings, das Pilsener hat ein wenig zu viel Kohlensäure und daher halte ich mich lieber an das Club.

Das Essen ist von wirklich sehr guter Qualität. Das Lokal selbst ist sehr sauber und sieht ordentlich aus; ich glaube nicht, dass man Angst haben muss, sich den Magen zu verderben. Man muss auch nicht lange auf sein Essen warten: Man bestellt am Tresen und bezahlt. Dann bekommt man eine Nummer ausgehändigt (ein kleiner Holzwürfel mit einer Zahl darauf), die man auf den Tisch stellt. Schon nach kurzer Zeit ist die Bedienung da und bringt das Essen. Es muss alles schnell gehen, denn die Leute, die hier essen, sind zumeist Angestellte aus den umliegenden Büros und Geschäften. Sie würden wohl kaum ihre kostbare Mittagspause damit verschwenden wollen, auf ihr Essen zu warten. Das Essen selbst ist sehr gut, und für solch ein exzellentes Essen zahlt man einen geradezu lächerlichen Preis. Das Almuerzo, also das Tagesgericht, kostet immer 3,50 Dollar. Dafür bekommt man Fleisch oder Fisch mit Soße, Kartoffeln oder Kartoffelbrei, Reis und Salat. Vorweg gibts noch eine Suppe und anschließend ein kleines Dessert, in diesem Fall ein Stück Bananenkuchen. Das Churrasco kostete übrigens 5,50 Dollar, aber auch das ist nicht viel für einen vollen Mittagsteller. Man ist pappesatt und gut schmeckt es auch. Touristen sieht man hier übrigens auch nicht.

Alles anders!

Der Alltag hat einen daran gewöhnt, die meisten Dinge als völlig normal zu erachten. Erst wenn man den gewohnten Standpunkt verlässt, wenn man gezwungen ist, die Welt aus einer anderen Perspektive zu betrachten, merkt man, dass es das „Normale“ eigentlich gar nicht gibt und vielleicht auch gar nicht geben kann. Wenn das, was man eben noch als normal empfand, plötzlich die Ausnahme ist, und die gewohnte Welt auf dem Kopf zu stehen scheint, begreift man, dass man einer Illusion erlegen war.

Der Kulturschock zeigt sich immer in den kleinen Dingen. Wie man es auch dreht und wendet – wir kommen nie über das hinweg, was wir einmal gelernt haben. Was uns einmal antrainiert worden ist, bleibt ein Leben lang der Maßstab, an dem wir alles messen müssen. Die Moral steckt uns in den Knochen und wir können sie nicht auf dieselbe Weise austreiben, wie sie uns eingetrichtert wurde. Ich habe bereits drei Jahre in Texas gelebt und glaubte daher, dass es nichts gäbe, was mich noch wirklich beeindrucken könnte. Aber manchmal irrt man eben.

In Belleville, New Jersey, (in der Nähe Newarks), wohnen wir bei Freunden meiner Frau. In der Nähe befindet sich ein Supermarkt, und da wir als Gäste nicht nur den Kühlschrank leeren wollen, ist schnell der Entschluss gefasst, wir müssten einkaufen gehen. Man kann den Supermarkt in ca. fünf Minuten zu Fuß erreichen und wir beschließen hinzulaufen – ein Kuriosum in einem Land, in dem selbst kürzeste Entfernungen mit dem Auto zurückgelegt werden. Drinnen erwartet uns eine unglaubliche Fülle an Lebensmitteln. Belleville liegt zwar weniger als eine Autostunde von New York entfernt, ist aber dennoch nur eine Kleinstadt, und eine ziemlich provinzielle dazu. Der Supermarkt aber ist, was die Reichhaltigkeit des Angebots betrifft, besser ausgestattet als die Masse der Berliner Verbrauchermärkte, ganz gleich, welcher Kette sie angehören. Es gibt einfach alles: Kochbananen, sogar in unterschiedlichen Reifegrade, getrocknete Chilis in verschiedenen Sorten, Mangos, Süßkartoffeln, Melonen. Insbesondere das Angebot an Obst und Gemüse ist überwältigend. Und auch alles übrige ist in solch einer überbordenden Fülle vorhanden, dass beim Einkaufen die Qual der Wahl der Normalzustand ist.

Die meisten Waren sind jedoch nicht gerade billig. Die Preise sind mit denen in Deutschland durchaus vergleichbar. Ich habe den Eindruck, es ist alles sogar noch teurer als in Berlin. Seit 2008, als wir Amerika verließen, hat die Preisschraube noch einmal deutlich angezogen. Ist das nun nur ein Eindruck oder tatsächlich eine Konsequenz der Geldpoliktik der FED, dem quantitative easing, was nichts anderes als eine gesteuerte Inflation bedeutet? Man fragt sich, wie die einfachen Leute überleben. Allerorten hört man von Zweit- oder Drittjobs, mit denen sich die Menschen notdürftig über Wasser halten.

Gestern sprach mich ein Mann auf der Straße an. Er versicherte mir, er wolle nichts Böses. Zum Beweis zeigte er mir seinen Führerschein – was auch immer das beweisen mochte. Stattdessen bot er mir zwei Bruce-Lee-DVDs zum Kauf an. Ich log, ich sei kein großer Fan von Bruce Lee, denn ich wollte die DVDs auf keine Fall kaufen. Ich fragte ihn stattdessen, ob ich ihm sonst irgendwie helfen könnte. Ein bisschen Geld für den Bus wäre nicht schlecht, meinte er. Er habe nur das, was er bei sich hätte und sonst nichts (außer seinen Sachen schien er nichts zu besitzen). Ich gab ihm alles, was ich an Kleingeld in den Taschen hatte und er zog dankbar in die Nacht. Ich kam mir ganz schlecht dabei vor, ihn einfach so gehen zu lassen.

Unsere Reisekasse war zu diesem Zeitpunkt noch gut gefüllt und wir hielten uns mit Einkäufen im Supermarkt nicht zurück. Am Ende wollte ich noch etwas Bier kaufen, denn Wasser allein löscht bekanntlich nicht den Durst. Ich war ein wenig schockiert zu erfahren, dass die Supermärkte keine alkoholischen Getränke verkaufen. Vielleicht ist diese Regelung ein archaisches Überbleibsel aus der Zeit der Prohibition, vielleicht will man Jugendliche davor schützen, sich auch noch der letzten funktionsfähigen Gehirnzellen zu entledigen, vielleicht wollen radikale Abstinenzler einfach nur den ganzen Bundesstaat terrorisieren – ich weiß es nicht. Joao, unser Gastgeber, ist erstaunt, dass ich etwas anderes erwartet habe und meint bloß, wenn wir Bier kaufen wollten, müssten wir mit dem Auto zehn Minuten weit fahren, zu einem speziellen Laden. Das wäre angeblich kein Liquor-Store. New Jersey versucht sich doch nicht etwa am schwedischen Modell? Ich nehm’s so hin; durch die Gegend zu fahren, habe ich keine Lust, zumal mir Joao am Tag zuvor erzählte, dass die Gegend fünf Straßen weiter ein ganz übles Pflaster sei.

Ich grübelte noch lange, welchen Sinn es haben könnte, Bier aus dem Supermarkt zu verbannen, zumal in einigen Bundesstaaten jeder, der Alkohol kauft, einen Adult-Check über sich ergehen lassen muss, ganz gleich wie alt er wirklich ist (und wie alt er aussieht). Eine vernünftige Antwort fällt mir nicht ein. Ich brauche ein Bier, um meine Hirnzellen anzukurbeln. Joao hat eine Coronita im Kühlschrank, die er mir, als der warmherzige Mensch, der er ist, sofort mit einem strahlenden Lächeln serviert. Eine Coronita ist eine kleine Corona extra, nur ein Shot in einer winzigen Flasche, zu leeren in einem einzigen Zug. Ich genieße das kalte Bier nach einem langen heißen Tag.

Einige Tage später haben wir dann tatsächlich Gelegenheit, ein Weingeschäft aufzusuchen. Wir waren die einzigen Kunden in dem auf winterliche Temperaturen gekühlten Geschäft, das eher an eine große Lagerhalle denn an eine gediegene Weinhandlung erinnerte. Die Auswahl war wirklich sehr gut, viele Qualitätsweine fanden sich darunter, aber meine Frau hatte sich nun einmal in den Kopf gesetzt, ihren Freunden ein ganz besonderes Geschenk zu machen: Es sollte ein deutscher Eiswein sein und nichts anderes. Da die Weine nicht mehr in den Koffer passten, waren wir also gezwungen, ein paar Flaschen hier in Amerika zu kaufen. Eiswein hatten sie leider nicht und ich bezweifele, dass der Angestellte, der ein wenig wie der Comic-Guy aus den Simpsons aussah, sich überhaupt vorstellen konnte, was wir meinten. Er zeigte uns einen kanadischen „Ice wine“, was immer das sein sollte. Als ich den Karton mit der Flasche aus dem Regal nahm, um ihn mir genauer anzusehen, wäre mir fast ein Malheur passiert. Mehrere Flaschen fielen um; zum Glück ging nichts zu Bruch.

Am Ende entschieden wir uns für zwei Flaschen Riesling von der Mosel, ein Wein süß, der andere trocken ausgebaut. Ich glaube, wir haben eine gute Wahl getroffen. Jedenfalls kann man mit einem deutschen Qualitäts-Riesling nicht wirklich etwas falsch machen. Als wir schon gehen wollten, entdeckte ich noch eine kleine, aber wohlbestellte Abteilung mit Craft-Bieren. Eine Flasche (0,3 Liter) kostete um die 2,50 Dollar. Wir hatten wenig Zeit, so dass ich mir nicht in Ruhe die Etiketten anschauen konnte, und die Namen der meisten Biere sagten mir gar nichts. Auch gab es viele exotische Sorten, z.B. Schokoladen- oder Apfelbiere, mir war aber eher nach Gerste und Hopfen in seiner natürlichen Form als Pils. Ein Ale hätte es auch getan, aber dann verließ ich den Laden doch, ohne etwas zu kaufen.

Diese fast schon panische Angst vor dem Alkohol in allen seinen Spielarten ist schon merkwürdig. Man scheut ihn offenbar wie der Teufel das Weihwasser. High Fructose Corn Syrup scheint aber etwas Gutes zu sein, denn sonst würden nicht alle Lebensmittel den süßen Syrup aus biochemisch umgewandelter Maisstärke enthalten. Es ist fast unmöglich, eine Marmelade mit „richtigem“ Zucker zu finden (zumindest eine Industriemarmelade), oder – wenn es denn schon sein muss – eine Limonade, die übrigens in einer an Wahnsinn grenzenden Vielfalt zu finden ist. Wenn das Zeug wenigstens betrunken oder high machen würde, könnte man zumindest die körperlichen Schäden gegen die zu erwartende Rauschwirkung abwägen. Aber so holt mal sich einfach nur Diabetes. Schön saufen kann man sich die Welt damit jedenfalls nicht.

Richtig voll werden die Supermärkte eigentlich erst am Abend, aber dann, nach Sonnenuntergang, stürmen die Menschen wie auf ein geheimes Zeichen hin die Geschäfte. Schon damals, 2006 in Texas, fiel mir auf, dass sich Familien mit kleinen Kindern bevorzugt in den späten Abendstunden in den Supermärkten aufhalten. Hier in New Jersey ist es nicht anders. Zum Teil mag das daran liegen, dass es im Sommer am Tag oft unerträglich heiß ist. Es ist nicht zum Aushalten – man fühlt sich wie in einem Backofen. Im Grunde kann man den Sommer nur auf zweierlei Weise überstehen: in gut klimatisierten Räumlichkeiten oder in einer kühlen Seebrise am Antlantikstrand. Büros, Shoppingmalls und Wohnungen werden auf frostige 20 oder gar 18 Grad heruntergekühlt – eine Stunde im Supermarkt und man ist regelrecht unterkühlt und schlottert nur so vor Kälte. Wegen der ständigen Temperaturwechsel und wegen des andauernden Zugs aus der Klimaanlage ist mir schon die Nase zugeschwollen, aber anders lassen sich die Temperaturen einfach nicht aushalten.

Im Supermarkt begegnet einem der übliche Wahnsinn. Amerika ist ja vor allem eine Sitzkultur. Ich glaube, kein Volk hat die Sitzkultur so weit vorangetrieben wie die Amerikaner. Ein Wohnzimmersofa ist nicht nur irgendein Möbelstück, sondern der Mittelpunkt des Hauses, gewissermaßen die Schaltzentrale, von der alle Aktivität ausgeht, ja von der das Leben selbst seinen Anfang nimmt. Man kann nicht genau sagen, ob das Sofa die Verlängerung des Autos ist oder umgekehrt, jedenfalls muss ein echt amerikanisches Sofa mit Cupholdern und Mittelkonsole ausgerüstet sein; vor allem aber muss es groß sein – verglichen mit seinen europäischen Pendants einfach gigantisch groß.

Das neue Sofa unserer Gastfamilie liegt wie eine Endmoräne im Wohnzimmer. In die Cup-Halter passen XXL-Becher und das Aufbewahrungsfach in der Mittelkonsole ist so groß wie eine kleine Kühlbox; sämtliche Fernbedienungen verlieren sich darin geradezu. Die Auswirkungen der sitzenden Lebensweise kann man jeden Abend im Supermarkt betrachten. Dick zu sein, ist keine Ausnahme, etwas mollig ist fast jeder. Man sieht nur wenige dünne Menschen im Straßenbild. Erschreckend ist aber die Anzahl der wirklich massiv Übergewichtigen.

Schon auf dem Flug von Dublin nach New York fiel auf, dass sich einige unglaublich adipöse Personen unter die übrigen Passagiere gemischt hatten. Man darf zurecht annehmen, dass es sich um Amerikaner handelte. Ich war froh, dass ich nicht neben einen von ihnen sitzen musste – nicht, weil ich sie nicht leiden könnte oder weil ich etwas gegen Dicke hätte, sondern weil die Sitze schon für normalgewichtige Personen zu eng und zu unbequem waren. Jeder Zentimeter Ellenbogenfreiheit muss mühsam mit dem Sitznachbarn ausgehandelt werden. Ich hätte nicht gern neben jemanden sitzen wollen, der nicht in der Lage ist, Kompromisse zu machen.