Am Meerschweinchensee

Ecuador ist ein Land der Vulkane. Der Reisende, den es aus einer tektonisch eher verschlafenen Weltgegend wie Deutschland in ein Land verschlägt, das von Nord nach Süd von einem Gürtel aktiver Vulkanberge durchzogen wird, ist erstaunt darüber, in welchem Einvernehmen und mit welcher stillen Gelassenheit die Menschen mit den Kräften der Natur leben. Die Vulkane gehören seit Urzeiten zum Alltag der Menschen, nicht anders als überfüllte Bankfilialen, stundenlanges Warten auf Ämtern und KFC (nur kann man nicht genau sagen, wer zuerst da war – die Berge oder der Colonel).

Am westlichen Saum des amerikanischen Kontinents taucht die pazifische unter die südamerikanische Platte. Die Kontinentalplatte wird dabei gestaucht wie ein Bogen Papier, der sich in den Walzen eines Druckers verklemmt hat. Das gewaltige Bergmassiv der Anden faltet sich in die Höhe und von Magmakammern aus wachsen Kanäle durch das Gestein gleich den Fäden eines Myzels. Wo sie die Erdoberfläche durchbrechen, wird Lava ausgespien und Vulkane wachsen als feuriges Fanal der plutonischen Kräfte in den Himmel.

Die Menschen haben dem Schauspiel der Natur seit frühester Zeit ehrfurchtsvoll und staunend gegenübergestanden. Oft mischte sich Angst in die Faszination, da man die Ursache für Lavaströme und Ascheregen nicht kannte. Die Angst mag gewichen sein, seit ein immer präziserer wissenschaftlicher Verstand den Vulkanen viele ihrer Geheimnisse entrissen hat, doch die Gefahren sind geblieben.

Oft liegt die Gefahr in Sichtweite städtischer Ansiedlungen: Von Quito aus kann man zum Beispiel bei klarem Wetter den Vulkan Pichincha majestätisch über der Stadt thronen sehen (bezeichnend ist, dass man ausgerechnet einer Bank den Namen eines unberechenbaren Vulkanberges gegeben hat: Banco del Pichincha). Auch einer der berühmtesten Vulkane der Welt, der Cotopaxi, den wir das Glück hatten, besuchen zu dürfen, befindet sich nicht einmal eine Autostunde von Quito entfernt. Seismologen beobachten den Berg so aufmerksam wie Anstaltsärzte einen somnambulen Axtmörder. Wenn sie ungewöhnliche Ausschläge im seismischen Herzschlag des Vulkanriesen entdecken, bereitet sich die Hauptstadt auf den Notfall vor.

Die Menschen leben seit Jahrtausenden mit der Gefahr, aber sie sind sich auch der Wohltaten bewusst, die ihnen die Vulkane spenden. Die Vulkanasche verwandelt die Gegend rund um die Berge in ein fruchtbares Eden, und so sind es gerade diese gefährdeten Regionen, in die es die Menschen seit der Erfindung des Ackerbaus zieht. Oft kann man beobachten, dass die Berge weit die Hänge hinauf in eine grüne Flickendecke aus Feldern, Wiesen und Weiden gewandet sind.

Wie überaus gnädigen, manchmal jedoch jähzornigen, aber immer unberechenbaren mächtigen Patronen begegnen die Menschen den Bergen mit Respekt, Ehrerbietung und stets auch mit der sehr realen Angst, die Wohltäter könnten ihnen ihre Gnade auch wieder entziehen. Immer wieder haben katastrophale Eruptionen die Anstrengungen vieler Generationen zunichte gemacht, und immer wieder und fast schon mit der Regelmäßigkeit eines Opferrituals haben die Berge Menschenleben gefordert – sei es, dass man ihnen freiwillig das Opfer brachte, um sie zu besänftigen, sei es, dass pyroklastische Ströme und Ascheregen ganze Landstriche auslöschten. Es ist kein Wunder, dass alle frühen Kulturen des amerikanischen Kontinents mächtige Gottheiten in den Vulkanen erkennen wollten.

Die Cuicocha-Kraterruine ist, wie der Name schon vermuten lässt, kein aktiver Vulkan – zumindest nicht in dem winzigen erdgeschichtlichen Augenblick, den wir Menschheitsgeschichte nennen. Cuicocha bedeutet je nach Lesart „Meerschweinchensee“ (Cuy heißt Meerschweinchen) oder Regenbogensee. Die gewaltige Caldera entstand vor über dreitausend Jahren infolge eines Ausbruchs unvorstellbaren Ausmaßes: Nicht nur wurde der Vulkankegel regelrecht vaporisiert und in die Stratosphäre geschleudert, die Explosion hat auch ein Loch von der Größe eines Asteroidenkraters in die Erdoberfläche gegraben. Die Asche fiel im Tal von Otavalo nieder und machte die Gegend zu einer der fruchtbarsten Regionen in Ecuador. Die Kraterruine füllte sich rasch mit Regenwasser und es entstand ein See. Zwei Inseln erheben sich über das stille Gewässer. Merkwürdig genug, sind beide nach deutschen Forschern benannt.

Der Krater liegt in der Nähe von Cotacachi, einer Stadt, die vor allem für ihre Lederarbeiten berühmt ist. Wir waren schon mehrmals dort und wir fahren immer wieder gern hierher, auch deshalb, weil man in einer Nebenstraße ein kleines Café namens „Serendipity“ findet. Dort gibt es alles, wonach das Herz des an zivilisatorischen Luxus gewöhnten Reisenden verlangt: guten Kaffee und einen Lemon pie, bei dessen Genuss einem die Sinne schwinden. Man verlässt Quito auf dem Abzweig der Panamericana, der nach Norden führt, aber von Cumbayá aus führt eine günstigere und weit angenehmer zu befahrende Route über Tababela, den nagelneuen internationalen Flughafen der Hauptstadt.

Man erreicht Cotacachi von Quito aus mit dem Auto in ca. anderthalb Stunden. Nachdem man den nördlichen Vororten Quitos glücklich entronnen ist, beschreibt die Autopista eine Schleife um das Tal des Río Pisque. Die Straße legt sich um die Flanke des Berges und auf der Beifahrerseite kann man in den Cañon blicken – wenn man nicht alle Hände voll damit zu tun hat, auf der Straße zu bleiben. Über dem Flusstal, direkt am Hang, dort, wo die Arbeit des Wassers Jahrmillionen alte Gesteine freigelegt hat, befindet sich ein Aussichtspunkt mit einem Parkplatz. Viele Reisende lassen sich die Gelegenheit zu einem Zwischenstopp nicht entgehen. Man picknickt oder vertritt sich die Beine, während man den Blick über das Tal des Río Pisque genießt.

Wann immer wir auf der Panamericana nach Norden fahren, halten wir an dieser Stelle. Die Landschaft wirkt eher karg und abweisend und sie erinnert mich ein wenig an New Mexico, was vielleicht einer der Gründe sein mag, warum ich so gern durch diese Gegend reise. Doch dieser Aussichtspunkt mit seiner grandiosen Fernsicht schmeichelt nicht nur dem ästhetischen Empfinden, sondern er dient auch ganz und gar praktischen Zwecken: Ein breiter Fächer Müll ergießt sich vom Parkplatz über Jahrmillionen alte Sedimente den Hang hinunter, womöglich sogar über Fossilien, die den Tod der Dinosaurier gesehen haben.

Unter den illegal entsorgten Relikten unserer Konsumkultur finden sich nicht nur Getränkeflaschen, Styropor-Boxen und Plastiktüten, sondern auch Artefakte der Wohnkultur des 21. Jahrhunderts, wie Sofas, Stühle und sogar ein Kühlschrank. Ich bin zuversichtlich, die Archäologie der fernen Zukunft wird allein schon durch die akribische wissenschaftliche Auswertung unserer zahlreichen Mülldepots mit fast absoluter Sicherheit auf die Ursache schließen können, die zum Untergang unserer Kultur geführt hat.

Wir halten uns in Cotacachi nur kurz auf, denn wir wollen zum Kratersee. Als würde man das unaussprechliche Geheimnis vor Fremden verbergen wollen, ist der Weg dorthin kaum ausgeschildert. Eigentlich sehen wir nicht einen einzigen Wegweiser und als wäre der Vulkansee nicht eine erstklassige touristische Attraktion, geht es über Landstraßen, die nicht nur so aussehen, als wären sie von allen Verkehrsministerien der letzten fünfzig Jahre ignoriert worden. Vielleicht ist aber nur noch kein Straßenbautrupp bis in diese entlegene Gegend vorgedrungen. Mancher Angehörige der Oberschicht lässt sich gern vernehmen, Ecuador verfüge über die besten Straßen in ganz Lateinamerika. Ich habe das Gefühl, dass damit keineswegs ein Kompliment ausgesprochen ist.

Wir müssen die Einheimischen fragen. Sie zeigen uns gutwillig den Weg. Wir befinden uns in einer dörflichen Einöde, die Lichtjahre vom nächsten ordentlichen Espresso entfernt scheint, aber die Jugendlichen, die wir treffen, stehen ihren Altersgenossen in Berlin in nichts nach: Der Schritt der Hose hängt fast an den Knien, die Cap lässig ins Gesicht gezogen, teure Sneakers, die Hände tief in den Taschen vergraben und die Schultern zum Buckel gerundet. In einer beliebigen europäischen Großstadt würde man so nicht weiter auffallen. Einzig die Gesichtszüge verraten, dass man von hier ist und dass die Vorfahren schon hier lebten, bevor die ersten Weißen übers Meer kamen.

Und dann sehen wir endlich den Kratersee. Bevor die Straße in den Naturpark einmündet, führt sie oberhalb der Uferböschung entlang. Viele Besucher ergreifen schon hier die Gelegenheit, das Auto am Straßenrand zu parken und fleißig Fotos zu schießen. Man kann einfach nicht weiterfahren, denn der Anblick des Sees ist so unglaublich fremd und über alle Maßen beeindruckend, dass man nicht erst warten möchte, bis man den Besucherparkplatz erreicht hat. Nachdem unsere Neugier fürs Erste befriedigt ist, fahren wir dann doch auf den Parkplatz des Besucherzentrums, der zu diesem Zeitpunkt erstaunlich leer wirkt.

Das Besucherzentrum ist ein massiver Bau direkt am Ufer der Cuicocha-Kraterlagune. Es gibt eine Kantine, in der landestypische deftige Schweinefleischgerichte angeboten werden und einen Bootssteg, von dem Ausflugsboote zum Rundkurs um die Inseln ablegen. Als wir eines der Boote zurückkehren sehen, entschließen wir uns spontan zu einer „Kreuzfahrt“. Die Tourteilnehmer haben ganz verfrorene Gesichter, doch das kann uns nicht schrecken. Aber erst einmal kaufen wir Tickets, sehen uns an den Souvenirständen um und machen Fotos. Als wir an der Lagune eintrafen, hatte gerade einmal ein halbes Dutzend Interessierter an der Bootsanlegestelle gestanden. Mittlerweile hat sich eine lange Schlange gebildet und wir bedauern, dass wir uns so viel Zeit gelassen haben. Aber wer zu spät kommt, den bestraft bekanntlich das Leben.

Wir reihen uns dennoch unter den Wartenden ein, denn zu dieser Zeit des Tages – es war bereits Nachmittag – nimmt der Besucherstrom deutlich zu, und zu hoffen, dass der Andrang nachlassen würde, scheint uns deshalb zwecklos. Also hieß es warten. Die meisten, die den See besuchen, wollen auch zu den Inseln. Wir warten eine geschlagene Stunde, doch dann endlich sind wir so weit nach vorn gerückt, dass wir mit der nächsten Tour an Bord dürfen. Zuvor wird man genötigt, eine Schwimmweste anzulegen, und wenn man dann inmitten all der anderen Schwimmwestenträger am Bootssteg steht und darauf wartet, dass es endlich losgeht, kommt man sich vor, als nähme man gerade an einer Rettungsübung auf der Titanic teil.

Dann kam das Boot, eine überdachte Ausflugsbarke. Nachdem die Passagiere, die das Glück hatten, vor uns in der Reihe zu stehen, ihren Platz geräumt haben, gehen wir an Bord, immer einer hübsch nach dem anderen. Ein kleines Mädchen hat ihre Rettungsweste so lieb gewonnen, dass sie sich weigert, sie wieder herzugeben. Man muss sie ihren kleinen Händen förmlich mit Gewalt entreißen und dann schreit die Kleine, als hätte man ihr den Arm ausgerissen. Ich kann sie noch hören, als wir längst abgelegt haben und das Boot sich schon fast in der Mitte des Sees befindet. Doch dann wird es mit einem Mal ganz still und man hört nichts weiter als das Brummen des Schiffsmotors und das sanfte Plätschern des Wassers.

Der See ist glatt wie ein Spiegel, das Wasser kristallklar und nahe der Bootsanlegestelle sieht man Seegras sich sanft in der Strömung wiegen. Ich tauche meine Hand hinein und ich bin mir nicht sicher, ob jemand mit einem nicht mehr ganz so kräftigen Herzen einen Sturz in die Fluten überleben würde, denn die Kälte beißt einen förmlich in die Finger. Bear Grylls wäre begeistert. Der Bootsführer erklärt, siebzig Meter sei der See tief und es lebten keine Fische darin. Der Grund dafür sei, dass es keine Zuflüsse gibt; Regen ist die einzige Quelle, aus der sich das Wasserreservoir speist.

Wir nähern uns den Inseln, die in der Mitte des Sees die Wasseroberfläche durchstoßen wie die Buckel der Midgardschlange. Das größere der beiden Eilande trägt den Namen Teodoro Wolf, das kleinere heißt Yerovi. An Steuerbord gleiten die in dichte Vegetation gehüllten Hänge der größeren Insel vorbei. Die Pflanzen sind braun wie überkochtes Gemüse, aber so passen sie viel besser zu dem schwermütigen Himmel, der wie eine Wattedecke über dem Kraterloch liegt.

An Backbord erheben sich die Kraterwände. Sie sind so steil, dass Pflanzen keinen Halt finden. Ein Freizeitkletterer könnte sie wohl kaum ohne Hilfsmittel erklimmen. Da man auf allen Seiten von senkrechten Wänden eingeschlossen ist, fühlt man sich wie ein Käfer in einer Schüssel. Die Landschaft ist mit nichts zu vergleichen, was man kennt, jedenfalls mit nichts in der Welt der Realität. Nicht nur einmal drängt sich mir der Eindruck auf, ich wäre in die Romanwelt Jules Vernes versetzt, und manchmal habe ich das Empfinden, es hätte mich in die romantischen, unheimlichen und oft bizarren Kulissen Karel Zemans verschlagen.

Wir umrunden die große Insel und dann kommt der Höhepunkt des Bootsausfluges: die Fahrt durch den Sund zwischen den Inseln, der passend zur Landschaft „Canal de los ensueños“ heißt. Ensueño kann gleichermaßen Traum, Träumerei oder Trugbild bedeuten und so bleibt es jedem Besucher selbst überlassen, ob er seine Träume oder seine Illusionen in der fremdartigen Landschaft gespiegelt sehen will.

Das Boot gleitet langsam durch den schmalen Kanal. Man sieht nichts als einen Wald aus Schilf und dahinter erheben sich die Inseln wie die aufgeblähten Kadaver toter Giganten. Das Rohr raschelt leise, wenn die Bordwände daran vorbeistreichen, doch es ist eigenartig, dass man keine Vögel hört. Die Vegetation wirkt welk, als begännen die Pflanzen unter dem trüben Himmel bereits zu vermodern, noch ehe sie in Blüte gestanden haben. Alles Leben scheint erstorben. Die Landschaft ist so tot wie die Darstellung eines Friedhofs auf einem vergilbten Gemälde.

Irgendwo an der Einfahrt zum Kanal sehen wir Ruinen. Sie verwittern langsam in der Wildnis aus braunem Gestrüpp, doch Niedergang und Verfall wollen zu dieser leblosen Landschaft viel besser passen als Entstehen und Wachsen. Ein Restaurant sollen die Mauern einst beherbergt haben, aber man vermag sich nicht so recht vorzustellen, dass sich Gäste an jenem trübsinnigen Ort zu feucht-fröhlicher Runde eingefunden haben könnten. Der Anblick ist bedrückend. Doch die Inseln sind nun Schutzgebiet und niemand darf sie betreten. So bleiben die traurigen Überbleibsel menschlicher Kolonisationsgelüste sich selbst überlassen. Irgendwann wird die Natur sie verschlungen haben.

Wir gleiten mit halber Motorkraft in den Kanal. Das stille Wasser schneidet sich durch einen dichten Wald aus Binsen. Einen Augenblick lang werden wir vollständig vom Schilf eingeschlossen, doch dann weichen die Halme zurück und wir blicken über den See auf das Besucherzentrum, auf das wir nun Kurs halten. An Backbord erscheint hoch über dem Wasser eine Grotte, in der, gleich der Madonnenerscheinung von Lourdes, die weiße Statue der Jungfrau steht. Wer gute Augen hat, kann sie sogar vom Besucherzentrum aus sehen, doch wahrscheinlich bekommt sie nur selten Besuch, denn schließlich gibt es an jeder Straßenkreuzung eine Madonna und es besteht keine echte Notwendigkeit, erst den beschwerlichen Weg hierher auf sich zu nehmen. Als ich einen letzten Blick hinauf zur Grotte werfe, kommt mir Arnold Böcklins „Toteninsel“ in den Sinn, doch im Brummen des Schiffsmotors und im Geschwätz der Passagiere verfliegt der Gedanke.

Nur Augenblicke später haben wir die Bootsanlegestelle erreicht. Wir geben die Rettungswesten artig ab und lassen den Bootstouristen nach uns den Vortritt. Oberhalb des Anlegers befindet sich die Kantine und dort wird jetzt an alle Teilnehmer der Tour Canelazo ausgeschenkt. Canelazo ist eine Art Grog, nur ohne Rum. Der Sud ist heiß, süß und schmeckt angenehm nach Zimt (Canela – Zimt). Und so ein wärmendes Getränk ist jetzt auch genau das Richtige, denn auf dem Wasser ist es kalt wie in einem Kühlschrank. Wenn man eine Dreiviertelstunde dem Fahrtwind ausgesetzt ist, fährt einem die feuchte Kälte irgendwann bis in die Knochen. Die dünne Höhenluft tut ein Übriges und eigentlich ist einem immer nur kalt. Der Canelazo wärmt uns aber wieder auf.

Wir streifen noch eine Zeitlang ziellos über das Gelände oberhalb des Bootsanlegers, schießen Fotos und lassen uns von dem spektakulären Panorama gefangennehmen. Wenn man vom Besucherzentrum aus nach oben blickt, sieht man über einer Klippe die Glasfront eines Restaurants. Wir denken uns, die Aussicht muss einfach großartig sein und so machen wir uns auf den Weg. Eine holprige Schotterstraße balanciert auf dem Grat des Kraterwalls entlang. Wir fahren mit dem Auto, weil wir nach der kurzen Stippvisite gleich aufbrechen wollen. Die Schotterstraße läuft nach ein paar Hundert Metern vom Kraterwall herunter und mündet in eine idyllische Landstraße ein. Es gibt übrigens einen Wanderweg, der auf dem Kraterwall entlang läuft, und wer gut zu Fuß ist, kann die Vulkanruine in sechs Stunden umrunden.

Wir erreichen das Restaurant über eine schmale Zufahrt. Die Einfahrt zum Parkplatz ist mit einem Seil gesperrt – nur Gäste des Restaurants haben das Privileg, hier parken zu dürfen. Wir geben uns als solche aus und ein glatzköpfiger kleiner Mann sprintet herbei und öffnet das Tor. Offenbar haben wir es mit dem Maître zu tun. Der See liegt auf der anderen Seite des Gebäudes und vom Parkplatz aus kann man leider überhaupt nichts sehen. Eigentlich wollen wir nur die Aussicht genießen, aber der kleine agile Mann schaut mich fragend an, und deshalb bekunde ich den Wunsch, Kaffee zu trinken. Ich ernte einen misstrauischen Blick. Der Mann scheint seine ganz eigene Philosophie zu haben und wie man potentielle Kundschaft verprellt, darauf versteht er sich offenbar ganz ausgezeichnet.

Der Gästeraum des Restaurants entpuppt sich als ein schmuckloser Saal. Es gibt keine Gardinen an den Fenstern und Energiesparlampen ragen nackt aus den Fassungen. Der Raum versprüht den Charme einer Bahnhofsmission der Heilsarmee. Aber ich glaube auch nicht, dass die Gäste, wenn schon nicht des Ambientes wegen, hier gern einkehren würden, um das gute Essen zu genießen.

Ich entscheide mich im letzten Moment gegen den Kaffee, denn ich ahne Schlimmes, und ich nehme stattdessen die heiße Schokolade. Heiß ist sie – daran gibt es nichts zu deuteln –, aber ich habe das Gefühl, man hat einfach gewöhnliches Kakaopulver aus dem Supermarkt in die gepanschte Milch gerührt. Dafür zwei Dollar zu verlangen, empfinde ich als eine Unverschämtheit.

Die Betreiber scheinen allen Ernstes zu glauben, allein schon der schöne Ausblick würde die Gäste in Scharen zu ihnen treiben. Berückend schön ist die Aussicht in der Tat. Man könnte sich durchaus vorstellen, in gepflegter Atmosphäre hinter den weiten Panoramafenstern zu sitzen und bei gutem Kaffee und leckerem Kuchen diesen phantastischen Ausblick über den See und die Inseln zu genießen. Leider findet man sich nur im Wartesaal eines Bahnhofs wieder und sogar das Essen erinnert an Mitropa. Was für eine Lage – und was für eine grandiose Verschwendung!

Wir brechen auf, sobald ich ein paarmal anstandshalber von meiner „Schokolade“ genippt habe. Zahlende Gäste sind wir und so kann man uns kaum verbieten, ein paar Aufnahmen vom See und den Inseln zu machen. Doch wir wollen die Kreise des misstrauischen Restaurantbesitzers nicht länger stören. Wir fahren auf den Asphalt der Straße und durch die liebliche Landschaft geht es zurück nach Quito. Es dauert eine Weile, bis die Kälte ganz aus meinem Körper gewichen ist.

Leder, Pilger und Kaffee

Wir wollten Cotacachi besuchen. Warum auch nicht! (Wir – das ist jenes ominöse Kollektiv, das stets einem Willen gehorcht und mit einer Stimme spricht.) Cotacachi ist bekannt für seine Lederarbeiten und alles, was man sich aus Leder nur wünscht – Gürtel, Geldbörsen, Schuhe, Taschen –, kann man dort in guter Qualität und zu einem recht günstigen Preis kaufen. Wir fuhren auf der Panamericana Norte von Quito aus direkt nach Norden. Wie fast alle Hauptrouten in Ecuador wurde auch diese Straße in den letzten Jahren großzügig erneuert und modern ausgebaut. Über weite Strecken befindet sie sich in einem erstklassigen Zustand und die Fahrt selbst über lange Strecken ist wirklich ein Vergnügen.

An wenigen Abschnitten wird noch immer gebaut und so ist der Verkehr manchmal auf eine Spur eingeengt. Dort staut es sich dann hin und wieder, vor allem hinter den vielen Schwerguttransportern, die Steigungen und Gefälle oft nur im Schritttempo bewältigen können. Sie zu überholen, ist ein riskantes Manöver, denn da man nur eine Fahrspur zur Verfügung hat, ist man genötigt, auf die dicht befahrene Gegenfahrbahn auszuweichen. Aber natürlich gibt es mutige Fahrer, die das Risiko eines Frontalzusammenstoßes für wenige Minuten Zeitersparnis gern in Kauf nehmen. Hat man die Engpässe aber erst einmal passiert, geht die Fahrt zügig voran.

Von Cumbayá aus braucht man bei gemächlicher Fahrt etwa zwei Stunden bis Cotacachi. Auf halber Strecke gerieten wir in eine endlose Kolonne von Wanderern, die auf dem Standstreifen der Fahrbahn nach Norden zog. Da es sich zumeist um Jugendliche handelte – die Älteren schienen den Gruppen als eine Art Wanderführer vorauszugehen –, nahm ich wie selbstverständlich an, es müsse sich um eine Naturführung, einen jährlich stattfindenden Traditionsmarsch, um ein Festival oder um ein Event handeln, wie man es manchmal ins Leben ruft, um die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit auf wichtige gesellschafts- oder umweltpolitische Fragen zu lenken.

Die Wanderer waren ein zähes Volk, denn weder zwanzig Kilometer hinter uns noch vor uns gab es irgendeine nennenswerte Ansiedlung. Die Autopista zog sich endlos durch die majestätische Einsamkeit des Gebirges, grub sich in steil abfallende Hänge, schlängelte sich durch Täler. Manchmal, wenn die Asphaltpiste im Bogen um einen Berg zog, konnte man den Blick von der Klippe herab durch ein weites Tal schweifen lassen. Ich konnte die schöne Aussicht nicht genießen, denn rechter Hand fiel der Hang in eine furchteinflößende Tiefe hinab und ich wagte es nicht, die Augen auch nur für eine Sekunde von der Straße abzuwenden.

Der Zug nahm kein Ende. Manchmal, wenn die Straße wegen des unpassierbaren Geländes eines Umweg machte, nahmen die Wanderer einen Abzweig und stiegen direkt in die Hänge. Man sah sie in endloser Kette gleich einem Ameisenzug die Anhöhe bezwingen. Für einen kurzen Moment erschienen sie, winzig wie Streichholzköpfe, auf dem Kamm des Bergrückens. Dann überschritten sie den Grat und begannen den Abstieg. Der Anblick erinnerte an längst vergangene Zeiten, als Trägerkarawanen durch die Anden zogen, um Güter von einem Ende des weitläufigen Inkareiches zum anderen zu befördern, und Boten sich aufmachten, die Befehle des Inka-Kaisers bis in den hintersten Winkel des Reiches zu tragen. Und immer wieder kommt mir die Szene aus Werner Herzogs „Aguirre“ in den Sinn. Die Autopista umrundete den Berg und auf der anderen Seite traf sie wieder auf den Zug der Wanderer.

Im Abstand von mehreren Kilometern hatte man Streckenposten aufgebaut. Vor Tischen mit Getränken und Informationsmaterial wurden die Wanderer von Pantomimen empfangen. Kein Witz – schwarzer Ganzkörperanzug, weiß geschminktes Gesicht (Wir sind immer noch mitten in den Anden!). Nach stundenlangem verzehrenden Fußmarsch werden sich die Erschöpften bestimmt darüber gefreut haben, von Marcel-Marceau-Klonen pantomimisch zum Durchhalten angefeuert zu werden. Man musste langsam fahren und durfte sich keine Unaufmerksamkeit gestatten, denn viele der Fußgänger trugen keine Bedenken, die Straße zu überqueren, ohne sich zu vergewissern, ob die Fahrbahn auch wirklich frei war. Immerhin ist die Autopista das Äquivalent zur Autobahn und wer außer einem Verrückten käme schon auf die Idee, fröhlich über die A3 zu spazieren?

Wir waren neugierig geworden, und fragten uns, was dieser Exodus biblischen Ausmaßes eigentlich zu bedeuten hatte. Wir hielten kurz an und fragten jemanden, der so aussah, als ob er es wüsste. Obwohl man wegen der vielen Wanderer nur im Schritttempo vorankam, staute sich hinter uns sofort die Fahrzeugkarawane und das unvermeidliche Hupkonzert setzte ein. Der Mann erzählte uns, dies sei die Prozession für die Heilige von … ich kann mich beim besten Willen nicht mehr an den unaussprechlichen Namen erinnern (die Heilige möge mir verzeihen). [Nachtrag: Inzwischen ist er mir wieder eingefallen – Tabacundo]

Jetzt plötzlich ergab alles einen Sinn. Ich wunderte mich nur ein wenig darüber, dass vor allem junge Menschen, Jugendliche zumeist, an der Prozession teilnahmen. Ältere sah man kaum, nicht einmal Personen mittleren Alters. Im atheistischen Berlin hingegen, meiner Heimatstadt, begegnen einem zur Messfeier fast nur Alte und voll sind die Kirchen eigentlich nur an den Feiertagen, wenn die säumigen Schäfchen sich doch einmal ins Haus des Herrn begeben. Die Jüngeren muss man regelrecht mitschleifen und dann fragen sie nur immerfort: „Wann ist es denn endlich vorbei?“ Was für Banausen!

Mit dem Auto hat man die Strecke in weniger als einer halben Stunde bewältigt, aber zu Fuß und dann noch durch die Berge wäre man bestimmt sechs Stunden unterwegs. Zwischenzeitlich begann es auch noch wie aus Eimern zu regnen, doch die Pilger schreckte dies nicht ab. Durchgeweicht bis auf die Knochen, zogen sie stoisch Kilometer um Kilometer dem verheißenen Ziel entgegen. Schließlich durften wir, zwei Getaufte und der Atheist, auch noch einen Blick auf die Heilige erhaschen: hinter einer Wegbiegung breitete sich ein riesiger Parkplatz aus und an dessen Eingang, vor einem dramatischen Bergpanorama, hatten die Impresarios der Erbauung ein mehrere Meter hohes Gestell mit der Monstranz aufgebaut. Erst eine Handvoll Pilger hatte das Ziel erreicht und da der Pilgerzug sich in den Bergen wie die Marschkolonne einer Armee in die Länge gezogen hatte, würde es vermutlich noch Stunden dauern, bis der Letzte eingetroffen wäre.

Die lebensgroße Figur der Heiligen war prächtig geschmückt und empfing ihre Verehrer mit einem seligen Lächeln. Aus der Höhe blickte sie auf die vorbeiziehende Autokolonne und es schien sogar, als würde sie jedes einzelne der Autos segnen. Dies brachte meine Frau sofort auf eine grandiose Idee: Irgendwo in den Anden soll es einen Ort geben, an dem man das Auto tatsächlich von einem Priester segnen lassen kann, inklusive Weihwasser und all den anderen nützlichen Vorkehrungen, die helfen, das Böse unfehlbar abzuwehren. Natürlich müssen wir hin, denn angesichts der Sittenverrohung auf den Straßen empfiehlt sich himmlischer Beistand in jedem Fall.

Cotacachi ist ein winziges Städtchen ohne größere Attraktionen. Man muss den Stadtvätern zugute halten, dafür Sorge getragen zu haben, dass die Straßen ordentlich gepflastert und sauber sind und dass keine Bauruinen das Stadtbild verschandeln. Der eigentliche Grund, der uns und alle anderen hierher zieht, ist eine Straße im Zentrum, in der sich Geschäft an Geschäft reiht und überall verkauft man Leder.

Wir trafen gegen Mittag in Cotacachi ein und da so eine Reise hungrig macht, und sei sie auch noch so kurz, mussten wir uns zunächst einmal ausgiebig stärken. Wir suchten das erstbeste Restaurant auf, das uns gefiel – und tappten gleich in eine Touristenfalle. Nicht, dass das Essen schlecht gewesen wäre oder überteuert oder die Besitzer versucht hätten, sich dem internationalem Einheitsgeschmack anzubiedern – das war es nicht. Als wir das Restaurant, einen riesigen, schön dekorierten Saal, betraten, hatten sich erst wenige Gäste eingefunden. Doch kaum hatten wir Platz genommen und die Bestellung aufgegeben, füllte sich der Saal mit amerikanischen Reisegruppen. Es waren ihrer tatsächlich gleich mehrere, wie man unschwer an den ecuadorianischen Guides erkennen konnte, die T-Shirts mit dem Namen des jeweiligen Reiseveranstalters trugen. Alle Tische des Restaurants waren nun bis auf den letzten Platz besetzt – und es gab viele Tische –, aber ich glaube, abgesehen von den Touristenführern war meine Frau die einzige Ecuadorianerin unter den Gästen.

Nur allzu oft findet man den Eindruck bestätigt, dass amerikanische Touristen sich stets ein bisschen daneben benehmen. Natürlich tun sie das nicht willentlich und schon gar nicht in böser Absicht und man kann es ihnen auch nicht übelnehmen, denn die meisten wissen es einfach nicht besser. In der Regel sind Amerikaner angenehme Zeitgenossen, sie sind nett, gesprächig und hilfsbereit, aber viele haben die Staaten noch nie in ihrem Leben verlassen und sie unterliegen daher dem Irrglauben, dass das Leben selbst an den entferntesten Orten der Welt ungefähr denselben Regeln gehorche wie in einer x-beliebigen Kleinstadt in Texas. Und Ecuador liegt gewissermaßen direkt vor der Haustür. Was also sollte hier schon anders sein als zuhause? Auf der Toilette fuchtelte einer der Touristen verzweifelt vor dem Wasserhahn herum. Er hoffte, den Sensor zu aktivieren, denn er wollte sich die Hände waschen. Ich machte ihn freundlich darauf aufmerksam, dass er einfach nur den Hebel nach oben ziehen müsste. Er betätigte den Hebel, das Wasser floss und er schaute mich an, als hätte ich für ihn gerade das Fahrrad neu erfunden – Thank you. You are welcome!

Amerikaner sind laut; nie machen sie einen Hehl daraus, woher sie kommen und welche Überzeugungen sie haben. Viele scheinen tatsächlich zu glauben, die Welt sei eine Art Wurmfortsatz der Vereinigten Staaten und deshalb könne man sich überall ganz wie zuhause geben. Und außerdem will ja alle Welt ohnehin genau so leben wie man selbst – warum also sich anpassen? Nicht wenige Expats, also Auswanderer, die sich in Ecuador dauerhaft niedergelassen haben, pflegen exakt denselben Lebensstil wie in ihrer Heimat (und leider auch dieselben Einstellungen) und mit ihrem Geld ist ihnen das auch gut möglich. Die Ecuadorianer schauen dem Treiben teils spöttisch, teils ablehnend, vielfach aber auch neidisch zu und lästern über die Gringos in ihrer Mitte, die sich aufführen, als sei das Land eine Provinz Amerikas.

Die Mitglieder der Reisegruppen orderten so gewaltige Mahlzeiten, als wären sie schon seit Tagen halb verhungert durch die Anden geirrt. Einige konnten der Exotik dann doch nicht widerstehen und bestellten sich Cuy asado, also frittiertes Meerschweinchen, um dann mit hochgezogenen Lippen und enttäuschtem Gesichtsausdruck an den Knöchelchen herumzunagen. An so einem Cuy ist nicht viel dran und eigentlich ist es eine Enttäuschung. Die Einheimischen meinen darum, man dürfe nur die größten und fettesten Tiere schlachten, denn sonst esse man im Grund nichts weiter als Panade. Das Fleisch erinnert sehr an Kaninchen und ist ziemlich trocken, aber vielleicht war das Cuy, das ich vor Jahren probieren durfte, auch nicht fett genug. Mein Lieblingsessen wird es bestimmt nicht werden. Es gibt in der Sierra Familienrestaurants, die auf Cuy spezialisiert sind. Dort bietet man nichts anderes an als Cuy, in allen vorstellbaren Zubereitungsarten. Und die Läden sind zur Mittagszeit rappelvoll. Man sieht, Essen ist ein Stück Kultur und was man nicht in der Kindheit zu schätzen gelernt hat, kann man als Erwachsener nur sehr schwer liebgewinnen.

Nach dem Essen gingen wir einkaufen – wozu sollte man sonst nach Cotacachi kommen? Wir suchten nach nichts Bestimmtem, sondern schlenderten einfach nur so von Geschäft zu Geschäft. Die Läden selbst sind keineswegs alle gleich, was Ausstattung und Preislage betrifft. Es gibt regelrechte Kaufhäuser, die alles anbieten, was der Lederliebhaber nur wünschen kann. Leider bedient das Angebot eher den Massengeschmack. Dafür ist die Ware in der Regel recht preiswert. Daneben finden sich immer wieder kleine, geschmackvoll eingerichtete Boutiquen, die zwar über ein viel kleineres Sortiment verfügen, dafür aber teilweise mit wirklich originellen Stücken aufwarten können. Ware von guter Qualität hat natürlich ihren Preis, aber dennoch fährt man immer noch günstiger als bei den großen internationalen Labels. Die findet man übrigens auch, so man dem eingestanzten Schriftzug Glauben schenken will; ich habe mir sagen lassen, dass es sich sämtlich um Fälschungen handelt.

Sehr gut haben mir die Reisetaschen gefallen – schöne Taschen, auch Koffer, aus hochwertigem Leder und dazu noch aufwendig verarbeitet. Sie sahen edel aus und waren einfach nur schön, viel zu schön, um damit schnödes Reisegepäck durch die Gegend zu schleppen. Im Vergleich zu den Waren in Europa sind sie geradezu für einen Schnäppchenpreis zu haben (an die zweihundert Dollar kostete eine große Tasche dennoch). Doch was sollte ich mit einer exquisiten Reisetasche hier in Ecuador anfangen? Man würde mich sofort für reich halten und bei der erstbesten Gelegenheit um mein Gepäck erleichtern. Am Ende kaufte ich mir für zwanzig Dollar einen Gürtel. Das Leder ist so dick, dass man es unmöglich falzen kann, und die Geschäftsinhaberin musste sich sehr anstrengen, um den Gürtel auf meine Länge zuzuschneiden und mit neuen Löchern zu versehen. Alle Gürtel waren ausschließlich in Überlängen verfügbar und ich hätte sie mir leicht zweimal um den Bauch schnallen können. Wahrscheinlich hat man amerikanische Touristen als Käufer im Visier.

Eine Überraschung erlebten wir noch. Obwohl Ecuador zu den Ländern gehört, in denen aufgrund günstiger klimatischer Bedingungen Kaffee angebaut wird (Ecuador gehört jedoch nicht zu den großen Kaffeeproduzenten), hat das Land merkwürdigerweise keine eigene Kaffeekultur hervorgebracht. Der Ecuadorianer trinkt Instant-Kaffee, ein scheußliches Gebräu, und bis vor einigen Jahren hat man Coffeeshops vergeblich gesucht. Mittlerweile gibt es sie in jeder Shopping-Mall und vor allem von der gutbetuchten Kundschaft werden sie geradezu enthusiastisch angenommen. Aber wie sollte es auch anders sein, dass vornehmlich die, die es sich leisten können, ihren Kaffee hier trinken, da beispielsweise ein großer Latte macchiato um die 3,50 Dollar kostet. Dafür bekommt man andernorts schon ein komplettes Mittagessen, inklusive Vorsuppe, Hauptgang, Nachspeise und Getränk. Sehr oft begegnet man den Filialen von „Juan Valdez“, einer kolumbianischen Kette, die in den USA und ganz Lateinamerika vertreten ist. Die Shops erinnern ein wenig an „Starbucks“ und auch das Angebot ist ähnlich, obwohl ich finde, dass der Kaffee deutlich besser schmeckt als bei dem Multi aus Seattle. Richtig gut ist „Sweet and Coffee“, eine einheimische Kette, die erst in den letzten Jahren auf Expansionskurs steuerte. Der Kaffee ist exzellent und das Angebot an exotischen Kuchen und Cookies sucht seinesgleichen.

Kleine Provinzstädte wie Cotacachi können in der Regel nicht mit dem Luxus guten Kaffees aufwarten. Pulverkaffee ist hier meist das Getränk der Wahl für den unter Entzug leidenden Koffein-Junkie. Umso erstaunlicher war es, dass wir ausgerechnet in einer verlassenen Nebenstraße ein Café entdeckten. „Café Serendipity“ stand groß an die Scheibe gemalt. Wir waren neugierig und traten ein. Der Innenraum war einfach, aber sehr gemütlich eingerichtet. Am größten Tisch saßen vier Gäste, offensichtlich Ecuadorianer, doch in dieser Gegend Touristen wie wir. Einer trug einen Poncho, den er sich vielleicht im nahegelegenen Otavalo gekauft hatte (nur Touristen kommen auf die absurde Idee, sich Ponchos anzuziehen). Auf einer Tafel im Gastraum wurde für ein großes Truthahn-Essen geworben: Roast turkey, Mashed potatoes, Cranberry sauce. Wir glaubten nicht eine Sekunde, dass die Betreiber etwas anderes als Amerikaner sein könnten. Auch die Kuchenkarte bot eine gute Auswahl an amerikanischen Klassikern: Apple pie, Lemon pie, Cookies, Brownies und dergleichen mehr. Das Angebot überzeugte uns. Meine Frau und ich entschieden uns für den Lemon pie, mein Sohn nahm den Apple pie.

Die Bedienung rekrutierte sich aus Einheimischen und während wir auf Kuchen und Kaffee warteten, versuchte meine Frau, die Leute auszuhorchen – das entsprach dem üblichen und erprobten Verfahren und meist findet man so eine ganze Menge heraus, denn die Angesprochenen erweisen sich oft als sehr mitteilsam, nachdem man sie erst einmal vorsichtig angestoßen hat. Dann kam der Kuchen. Der Lemon pie war so gut, dass er uns bestimmt süchtig gemacht hätte, würden wir noch ein weiteres Stück bestellt haben. Und auch der Apple pie, den mein Sohn aß, war unglaublich lecker, eigentlich so lecker, dass ein Stück bei weitem nicht ausreichte, den Appetit darauf zu stillen. Erstaunt war ich aber über den Kaffee, denn statt der üblichen Pulverplörre servierte man uns einen exzellenten Cappuccino, nach landesüblicher Sitte mit etwas Zimt bestäubt.

Meine Frau hatte inzwischen ihre inquisitorische Befragung abgeschlossen und folgendes herausgefunden: Ursprünglich war das Café tatsächlich von einer Amerikanerin betrieben worden. Vor einigen Jahren kehrte sie aber in die Staaten zurück. Doch bevor sie Ecuador verließ, brachte sie ihren Angestellten bei, wie man Lemon und Apple pie und all die anderen typisch amerikanischen Spezialitäten bäckt, wie man einen ordentlichen Espresso brüht und wie man ein Thanks-giving-Essen zubereitet. Die ehemaligen Angestellten sind jetzt die Besitzer und führen das Café im hergebrachten Stil weiter. Manchmal ist das Alte eben nicht unbedingt schlecht, nur weil es alt ist. Mag das Café auch eine Oase des internationalen Mainstream in einem ecuadorianischen Provinznest sein, so ist es dennoch hochwillkommen, denn manchmal kann man eben doch nicht von liebgewonnenen Gewohnheiten lassen. Wir werden wiederkommen, ganz bestimmt.