Präkolumbianische Bürokraten und das Blut in den Adern der Welt

Cuenca ist eine Stadt, die man sich erwandern muss, und da sie recht klein ist, bietet sich die Erkundung zu Fuß geradezu an. Das Auto nützt einem wenig, denn die Straßen sind eng und Parkplätze rar. Dem geübten Spaziergänger aber eröffnen sich mannigfaltige Möglichkeiten zum Entdecken und Staunen. Zu Fuß durchquert man den Ort in kaum einer halben Stunde, doch es lohnt, sich Zeit zu nehmen, denn überall gibt es etwas zu sehen und ständig zieht es einen weiter, zur nächsten Entdeckung. Eine Erkundungstour durch Cuenca kann alles Mögliche sein, nur eines ist sie nie – langweilig.

Cuenca ist wie geschaffen für lange Spaziergänge: Man flaniert im Schatten der schmucken alten Bürgerhäuser und schreitet durch majestätische Arkaden und Tore. Das Auge erfreut sich an prachtvollen Kirchen und alten Klöstern oder ertrinkt unversehens in einem Blumenmeer, wenn einen der Zufall in manchen der kolonialen Innenhöfe führt. Ausstellungen erfreuen die Sinne und Museen belehren den wissbegierigen Besucher darüber hinaus noch über Geschichte und Kultur. Was will man mehr!

Hat man genug von Sinnenrausch und Geistesschwere gleichermaßen, kehrt man ein in eines der zahlreichen Restaurants und Cafés. Das gute Essen stärkt den Leib und der Kaffee, der auch gehobenen Ansprüchen genügt, lässt so manche Sorge rasch verfliegen. Das Wetter harmoniert aufs Beste mit den Plänen selbst des ambitioniertesten Spaziergängers: Weder ist es zu kalt, noch zu heiß. Die Sonne blickt herab von einem azurblauen Himmel, über den gemächlich Schäfchenwolken treiben. [Siehe auch einige ältere Posts (diesen und folgende), die ich anlässlich unseres ersten Besuchs in der Stadt verfasst habe. En Blick in die Galerie lohnt sich ebenfalls.]

Pumapungo

Von unserem Hotel aus, den „Cuenca Suites“, findet man bei einem romantischen Spaziergang immer entlang des beschaulichen Río Tomebamba wie von selbst zu den Ruinen des Inkapalastes von Pumapungo. Der Tomebamba durchschneidet die Stadt an ihrem südlichen Saum und wenn man nach Osten geht, muss man dem Fluss nur immer am nördlichen Ufer folgen. Nach zwanzig Minuten zu Fuß erwartet den Besucher die Ruinenstätte auf einer Erhebung über dem Flusstal.

Im Namen des Flusses hat sich das Erbe der Cañaris bewahrt. Die Vorgängerin des heutigen Cuenca war einst eine bedeutende Stadt der Cañari-Kultur. Erst wenige Jahrzehnte vor der Unterwerfung des Inka-Reiches durch die Spanier haben die Inkaherrscher sie gewaltsam ihrem Imperium einverleibt. Unter den Inkas wuchs der Ort zum wichtigsten Knotenpunkt der Administration für die nördlichen Regionen des Reiches. Der Name, unter dem die Stadt in jener Zeit Berühmtheit erlangte, war Tomebamba.

Während des Bürgerkrieges nahm die Stadt Partei für Huáscar, der mit seinem Bruder Atahualpa darüber im Streit lag, wer das Reich regieren solle. Atahualpa sah dies als Verrat an, und nachdem er über seinen Bruder und Thronrivalen triumphiert hatte, übte er grausam Rache: Er schickte seine Generäle und ließ Tomebamba von einer Armee belagern. Die Stadt wurde blutig erobert und ihre Einwohner größtenteils ermordet. Der Inkaherrscher ließ die Gegend so gründlich verwüsten, dass sie bis zur Ankunft der Spanier unbewohnt blieb. Die neuen Herren sollten nur wenige Jahre, nachdem sie ihrerseits die Inkas bezwungen hatten, an eben jener Stelle eine Stadt gründen. Im Gedenken an ihre iberische Heimat verliehen sie ihr den Namen Cuenca.

Das Herz Tomebambas war ein architektonischer Komplex namens Pumapungo (Quechua für „Tor des Puma“). In den Gebäuden, von denen sich außer den Fundamenten nichts erhalten hat, waren der Regierungssitz sowie die Verwaltung für die nördlichen Regionen des Inkareiches untergebracht. Der Komplex wird immer als „Palast“ bezeichnet, viel wahrscheinlicher aber ist, dass hier die Bürokraten regierten. In den zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts führte man unter der Leitung des deutschen Archäologen Max Uhle auf dem Gelände Ausgrabungsarbeiten durch und die Vergangenheit, durch Eroberung und Völkermord für Jahrhunderte ausgelöscht, wurde unter dem Spatenstich des Archäologen wieder lebendig.

Längst hat sich über weite Teile des einstigen Verwaltungssitzes der Inkas das moderne Cuenca ausgebreitet. Auf dem Areal weiter zum Fluss hin steht heute das imposante Museum der Zentralbank, in dessen Ausstellungsräumen die archäologischen Schätze der Region präsentiert werden. Im Hof des massiven Betonbaus kann man auch noch heute dem Grabungsleiter Max Uhle begegnen – seine Bronzebüste erinnert daran, dass er es war, der Pumapungo entdeckte und mit nie versiegendem Engagement und Sachverstand dem Vergessen entriss.

Pumapungo mag einst ein wichtiger Verwaltungssitz gewesen sein, doch der Zustand, in dem es sich heute befindet, ist enttäuschend: Kein einziges Gebäude hat auch nur leidlich intakt bis in die Gegenwart überdauert. Was sich dem Besucher darbietet, sind die kläglichen Relikte einer zerstörten Kultur, Teile eines Puzzles, die sich nicht mehr zu einem Ganzen zusammenfügen wollen. Erhalten haben sich allein die Grundmauern. Die steinernen Relikte ragen eine Elle aus dem Rasen heraus, der das gesamte Areal gleich einem Grabtuch bedeckt. Dem Archäologen mögen die Überreste manches über die Erbauer verraten, doch der Laie vermag aus dem Gartenzaun seines Nachbarn mehr herauszulesen als aus den Jahrhunderte alten Artefakten. Die Zeugnisse der Vergangenheit bleiben stumm.

Damit der Besucher nicht ganz so hilflos über das Gelände irren muss, haben die Archäologen eines der Gebäude rekonstruiert. So recht kann man sich freilich nicht vorstellen, wie die Menschen in dem kleinen und dunklen Haus gelebt haben mögen. Obwohl die Wände mit einem roten Anstrich versehen und mit Verzierungen geschmückt sind, wirkt das Innere kahl und unwohnlich. Vielleicht waren die Wände einst mit schön geknüpften Teppichen behangen und an der Herdstelle knisterte behaglich ein Feuer. Es ist schwer, sich in eine Welt hineinzufühlen, von der kaum mehr erhalten ist, als ein paar Steine unter der Grasnarbe. Den anderen Besuchern scheint es ähnlich zu ergehen: Sie schauen sich interessiert um und machen Fotos mit ihren Handys. Ihr Gesichtsausdruck verrät aber, dass sich keiner von ihnen in die fremde Welt der Vorfahren zurückwünscht.

Spanisches Silber

Das Museum bietet einen guten Querschnitt durch die Geschichte Ecuadors. Einen Schwerpunkt bilden freilich die Exponate aus der Region um Cuenca. Ein Tag reicht beileibe nicht aus, um alles zu sehen, und obwohl die Ausstellung alles andere als langweilig ist, hat der interessierte Besucher nach einigen Stunden dann doch genug von Tongefäßen, Amuletten und Schrumpfköpfen.

Die Münzsammlung zieht mich magisch an. Obwohl ich den Eindruck habe, das Museum sei an diesem Tag gut besucht, verlieren sich die Schaulustigen im Halbdunkel zwischen den Vitrinen. In dem schummrig erleuchteten Saal schimmern die Gold- und Silberstücke aus den Münzstätten der spanischen Kolonien so verheißungsvoll wie die Monstranz im Tabernakel. Als ich das Münzkabinett betrete, fragt mich der bewaffnete Wächter, woher ich komme. Ich sage es ihm und er notiert es in einem Büchlein. Ich weiß nicht, ob ich mich geschmeichelt fühlen oder doch lieber beunruhigt sein sollte, denn immerhin bin ich der einzige, der auf den ersten Blick nicht wie ein Ecuadorianer aussieht, und ich bin auch der einzige, den der Wächter fragt. Ich hätte gern Fotos gemacht, aber das Fotografieren ist im Museum streng verboten und außerdem weiß man jetzt, woher ich komme.

Angesichts seiner nur geringen Bedeutung in der Welt von heute vergisst man leicht, dass Spanien einst ein weltumspannendes Imperium war, dessen Monarchen sich ein kurzes Goldenes Zeitalter lang zurecht als Könige der Welt fühlen durften. Schon Kaiser Karl V., der in Spanien als Carlos I. regierte, sah sich als Herrscher über ein Reich, in dem die Sonne im Wortsinne nie unterging, und unter seinen Nachfolgern wurden die Grenzen noch einmal beträchtlich erweitert. In der Tat war Spanien das erste Weltreich der Neuzeit, dessen Besitzungen sich – tausende Kilometer vom Mutterland entfernt und durch Ozeane von ihm getrennt – auf alle damals bekannten Kontinente erstreckten. Auf dem Höhepunkt seiner Macht erzitterte die ganze Welt vor dem Marschtritt der Tercios, der unbesiegbaren spanischen Regimenter.

Doch die Spanier waren nicht nur Eroberer, sondern auch Administratoren und ein Reich von einer Ausdehnung, wie sie den Zeitgenossen kaum vorstellbar war, musste regiert und letztlich verwaltet werden. Das weltliche Interesse der katholischen Majestäten erschöpfte sich in den Kolonien aber vor allem in einem strengen Fiskalismus. Mit der zunehmenden globalen Machtfülle Spaniens erwuchsen dem spanischen König eine Vielzahl gefährlicher Rivalen, deren Ehrgeiz in dauernden Kriegen gezügelt werden musste.

Kriege sind teuer und manchmal können sich selbst die mächtigsten Imperien die Kosten einfach nicht leisten. Der Staatsbankrott war das Damoklesschwert, das über allen Unternehmungen der iberischen Herrscher schwebte, doch glücklicherweise waren die Kolonien der Neuen Welt reich an Silber. Das aus den Bergen geschürfte Edelmetall diente dazu, Flotten zu bauen, den Armeen auf den zahlreichen Schlachtfeldern rund um den Erdball den schuldigen Sold auszuzahlen und vor allem – zumindest bis zum nächsten Staatsbankrott – die Gläubiger abzufinden, denen sich die spanische Krone unentrinnbar verpflichtet hatte.

Damit das Silber leichter in Umlauf gelangen konnte, begann man in den amerikanischen Kolonien schon früh damit, Münzen zu prägen. Bis ins 18. Jahrhundert hinein treten diese frühen Geldstücke aber zunächst als etwas in Erscheinung, in dem man kaum mehr als einen Klumpen Silber erkennen kann. Der Edelmetallgehalt und das Gewicht wurden zwar exakt bestimmt und man versah die Silberstücke zudem mit einer Prägung, ihre Form aber lässt eher an einen missratenen Cookie denken, denn an eine Münze, wie man sie heute kennt.

Diese Peso de a ocho genannten Prägestücke sollten lediglich als Handelswährung dienen, bestimmt für den vorübergehenden Zahlungsverkehr. Doch sie erfreuten sich so großer Nachfrage (vor allem in Asien und später in Nordamerika), dass sie sich fest als Zahlungsmittel etablierten. Peso de a ocho bedeutet soviel wie „mit dem Gewicht von acht“, nämlich Reales. Da er dem Joachimsthaler (nach der Münzstätte in Böhmen), kurz Thaler genannt, nachempfunden war, firmierte der Peso de a ocho später in Nordamerika (dort Piece of eight geheißen) auch als Spanish milled Dollar oder schlicht als Spanischer Dollar. Als solcher blieb er in den USA bis 1857 legales Zahlungsmittel. Sogar das Symbol für den US-Dollar soll auf die spanische Vorlage zurückgehen: die Säulen des Herakles mit dem Spruchband „Plus ultra“, dem Motto der spanischen Monarchen.

Im Münzkabinett kann der Besucher die besten Stücke aus allen Jahrhunderten des spanischen Weltreiches bestaunen. Der berühmte Peso de a ocho ist viele Dutzend Male in den verschiedensten Prägungen vertreten. Die einstige Weltwährung blieb, lange nachdem die spanischen Kolonien ihre Unabhängigkeit erklärt hatten, auch in den jungen amerikanischen Republiken die vorherrschende Münze. Noch bis ins 20. Jahrhundert hinein orientierte sich das Münzsystem am spanischen Vorbild und nahm Anleihen beim spanischen Münzfuß. Silbermünzen nach Art des Peso de a ocho wurden bis in die dreißiger Jahre des Jahrhunderts geprägt und dienten in einigen der Staaten Lateinamerikas noch als Zahlungsmittel, als sie im Mutterland Spanien längst durch eine Münzreform abgeschafft waren.

Die im Museum versammelten Schätze vermitteln einen Eindruck vom Reichtum der spanischen Kolonien in Amerika. In Piratenfilmen, wie sie in den letzten Jahren vor allem mit der skurrilen Figur des Jack Sparrow populär geworden sind, sieht man die Helden mit der Augenklappe die Hände gierig in Truhen voller Goldmünzen tauchen. Glaubt man Hollywood, scheint dies eine der liebsten Beschäftigungen von Piraten gewesen zu sein, neben dem Entern von Schiffen und dem Saufen, selbstverständlich von Rum.

Die echten Piraten hatten weit weniger Anlass, sich vor Freude mit Rum volllaufen zu lassen (wahrscheinlich taten sie es eher aus Frust), denn der Transport des Silbers war in Geleitzügen organisiert und bis auf ganz wenige Ausnahmen gelang es den Freibeutern praktisch so gut wie nie, ein Schatzschiff in ihre Hände zu bekommen. Da verlegte man sich lieber gleich darauf, Städte in Spanisch Amerika zu plündern. Kaum einem der Fans solcher Filme ist darüber hinaus bewusst, dass es sich bei der Piratenbeute in Wirklichkeit viel eher um Silber, nämlich um spanisches Silber, gehandelt haben dürfte – Silber aus den amerikanischen Kolonien, jenes Silber, das einmal das Blut in den Adern der Welt war.

Die Mauer des Inka

Wenn man von Cuenca aus der Panamericana nach Norden folgt, gelangt man über Azogues nach ca. einer Stunde zu einem Ort namens Ingapirca. Ingapirca liegt nicht direkt an der Panamericana, sondern etwas abseits. Kurz zuvor erklimmt die Autopisa noch einmal einen Pass und die Straße führt bis hinauf in die Tierra helada auf über 3.500 Metern Höhe. Danach, etwa auf der Höhe von Cañar, nimmt man den gut ausgeschilderten Abzweig, der einen in etwa einer Viertelstunde von der Hauptroute zur Ruinenstätte von Ingapirca führt.

Von Cuenca aus gibt es nur eine Route, auf der man direkt nach Quito gelangt, und das ist die Panamericana. Wie der Nervenstrang im Rückgrat durchzieht diese wichtige Verkehrsader den gesamten amerikanischen Kontinent von Alaska bis nach Feuerland (Erst kürzlich musste ich mich belehren lassen, dass die berühmte Autopista eigentlich nur bis Puerto Montt in Chile reicht. Ganz im Süden des Kontinents macht die Straße einen Umweg über Argentinien. Am letzten Teilstück, der Carretera austral, wird seit den Zeiten des seligen Diktators Pinochet eifrig gebaut, aber es werden wohl noch einmal zwanzig, dreißig Jahre vergehen müssen, bis auch dieser Abschnitt fertiggestellt sein wird). In Südamerika folgt die Route der Panamericana über den größten Teil der Strecke dem Hochtal der Anden und deshalb muss der Reisende nur selten hohe Pässe überwinden oder sich durch gefährliche Serpentinen an steilen Bergflanken quälen. Die Straße führt auf einer Höhe zwischen zwei- und dreitausend Metern mit nur wenigen Umwegen immer geradeaus und wenn man in Ecuador auf der Nord-Süd-Achse reisen möchte, empfiehlt es sich, auf der in aller Regel gut ausgebauten Panamericana zu bleiben.

Wir veranschlagten für die Reise von Cuenca nach Quito etwa sechs Stunden und wahrscheinlich schafft man die Strecke auch in dieser Zeit, wenn man sich nicht verfährt, wenn es keinen Nebel gibt, wenn es einmal nicht sintflutartig zu regnen beginnt und für den Rest des Tages nicht mehr aufhört, wenn die Straße nicht wegen eines Unfalls gesperrt ist, wenn das Navi nicht plötzlich ausfällt, wenn, wenn, wenn … Doch in den Anden muss man immer mit dem Unerwarteten rechnen und eine kurze Strecke auf der Karte oder im Navi (sofern das Gerät die Güte hat, zu funktionieren) bedeutet in der Wirklichkeit nicht selten eine Prüfung für den Reisenden. Am Ende wurden aus geplanten sechs Stunden reiner Fahrtzeit über vierzehn Stunden, inklusive einer längeren Besichtigungstour der Ruinenstätte von Ingapirca.

Die Unannehmlichkeiten begannen, kaum dass wir Cuenca verlassen hatten. Wir waren eben aus der Stadt, da schickte uns das Navi auf eine alternative Route ins Nirgendwo. Unsere Absicht war es, auf der Panameriana zu bleiben, denn unser Ziel war Quito und die schnellste und beste Verbindung führt nun einmal über diese Straße. Doch am Ende fanden wir uns auf einem Abzweig wieder, der auf der Karte als dünner Faden von der Hauptroute ausläuft und welcher sich dann immer weiter nach Osten entfernt. Das Navi indes behauptete weiterhin steif und fest, dies sei die richtige Route, obwohl doch ein skeptischer Blick in die altmodische Straßenkarte genügte, um uns davon zu überzeugen, dass der Weg, auf dem wir uns befanden, schnurstracks in den Amazonas-Urwald führte.

Es blieb nichts weiter übrig, als zu drehen und zurückzufahren. Die Kreuzung, von der aus das Verhängnis seinen Ausgang genommen hatte, war so schlecht ausgeschildert, dass man tatsächlich raten musste, welcher der richtige Weg wäre, denn das Navi war in dieser Situation keine Hilfe. Anhand der Karte überschlugen wir, welche die richtige Richtung wäre, aber eigentlich waren es eher Mutmaßungen, die uns schließlich wieder zurück auf die Panamericana führten. Anhand des Zustandes der Straße konnte man jedenfalls nicht erkennen, wo man sich gerade befand, denn die Straßen an diesem Abschnitt der Autopista befanden sich allesamt in gleich schlechtem Zustand. Aber wir hatten Glück und unsere Entscheidung erwies sich als richtig. Nun ging es nach Norden, nach Quito, und die Straße wurde jetzt auch wieder besser.

Die Route, auf die uns das Navi irrtümlich (oder böswillig) geschickt hatte, führte an einem Fluss vorbei. Die braunen Wasser des Stromes flossen träge in einer weiten Schleife. Die Ufer waren dicht mit Bäumen und Buschwerk bestanden und oft ragten die Kronen wie ein Dach über die milchkaffeebraune Wasseroberfläche. An der Uferseite, die zur Straße hin lag, einem schlammigen Sandstreifen, auf dem man den Wald gerodet hatte, stand ein Lkw und Leute schienen mit etwas beschäftigt, das mir verdächtig bekannt vorkam.

Wenn man regelmäßig die „Goldschürfer“ auf D-Max guckt, dann fällt es schwer, in einem Lkw mit einer Siebvorrichtung, einer Schwimmplattform und einem dicken Schlauch, der beide über eine starke Pumpe verbindet, bloß eine Anlage zur Gewinnung von Sand zu sehen. Das jedenfalls behaupteten die Leute, als wir sie fragten. Man muss wissen, dass früher in der Gegend wirklich Gold gefördert wurde, und vielleicht ist der alte Entdeckergeist der Konquistadoren noch nicht ganz verschwunden. Es kann gut sein, dass man auch heute noch die eine oder andere Unze des begehrten Edelmetalls in den Flüssen rund um Cuenca findet – wenn man nur weiß, wo man zu suchen hat. Vieles, was in der Gegend geschieht, ist sicher nicht immer ganz legal, und ich würde mir auch nicht gern in die Karten gucken lassen, wenn ich in zwielichtige Geschäfte verstrickt wäre. Es könnte natürlich möglich sein, ich täuschte mich und man pumpte wirklich nur Sand vom Grunde des Flusses herauf. Dann habe ich eindeutig zu viel Zeit auf D-Max verbracht.

Ingapirca, das auf Quechua soviel wie „die Mauer des Inka“ bedeutet, liegt auf fast 3.200 Metern Höhe. Als wir die Ruinenstätte erreichten, regnete es wieder einmal in Strömen. In den Anden muss man immer mit schlechtem Wetter rechnen und es empfiehlt sich daher, Termine für Ausflüge oder Besichtigungstouren unter freiem Himmel nicht allzu dick im Kalender einzutragen. Doch nun waren wir schon einmal hier und da Ingapirca viele Stunden Autobahnfahrt von Quito entfernt liegt, würden wir diesen Ort auch so bald nicht wieder besuchen. Wir wollten uns die einmalige Gelegenheit nicht entgehen lassen – trotz des unaufhörlichen Regens und trotz der Kälte.

Ich hatte Ingapirca 1992 anlässlich meiner ersten Reise nach Ecuador kennengelernt. Damals hatten wir kein Auto und wir waren von Cuenca aus mit dem Taxi hinauf zu den Ruinen gefahren. Zwar gab es noch die Landeswährung, den Sucre, aber man konnte schon damals überall mit Dollars bezahlen. Wir mieteten ein Taxi für den ganzen Tag und mussten dafür gerade einmal fünfundsechzig Dollar aufwenden. In jenen Tagen war das eine Menge Geld, heute aber würde ein solcher Betrag nicht einmal für den bescheidensten Wocheneinkauf reichen.

Ich erinnere mich, dass die Straße durch einsame Berglandschaften führte. Sobald wir von der Panamericana abgezweigt waren, verloren sich auch die letzten Zeichen menschlicher Besiedlung in der Landschaft und in Ingapirca selbst gab es damals kein Anzeichen menschlicher Tätigkeit, nur die majestätischen Inkaruinen. Ich hatte einige Tage zuvor an einer schweren Durchfallerkrankung gelitten – Montezumas Rache nennt man dieses Leiden manchmal – und obwohl ich mittlerweile wieder leidlich hergestellt war, fühlte ich mich noch immer recht schwach.

Ich bin beileibe kein Hypochonder, aber manche Krankheiten kann man unmöglich aussitzen (es sei denn, auf dem Klo) und will man weiterleben (ganz recht!), ist die Hilfe eines Arztes dringend geboten. Es ging mir so schlecht, dass ich sogar ins Krankenhaus musste. Das Schlimme bei Durchfall ist, dass man jegliche Würde verliert und am Ende ist einem einfach alles egal – ob man lebt oder ob man stirbt oder ob man die Hosen im wahrsten Sinne des Worte voll hat. Man will nur, dass es aufhört – wie, ist dabei völlig gleich. Doch die Krise war nun ausgestanden und ich fühlte mich wieder gut, weshalb es auch möglich war, dass wir diese Reise unternahmen.

Irgendwo in der einsamen Berglandschaft forderte dann aber Mutter Natur doch ihr Recht und ich war vor die Wahl gestellt, entweder schnell ein stilles Örtchen zu finden oder mir ein paar neue Hosen zu besorgen. Die Straße schlängelte sich wie einer der alten Inkapfade in immer größere Höhen und beiderseits des Weges begegnete einem nur die menschenleere Einöde aus stacheligem Páramo-Gras. Wo sollte es denn hier ein Örtchen geben! Genauso gut hätte man darauf hoffen können, im Mare Nubium auf dem Mond ein Dixi-Klo zu finden. Doch in den Anden muss man immer mit dem Unerwarteten rechnen und manchmal hat man es nicht einmal mit unangenehmen Überraschungen zu tun.

An einem abweisenden Berghang, dort, wo die Straße einen ihrer unzähligen Haken schlug, um sich weiter hinauf in die Wolken zu winden, tauchte wie eine Verheißung urplötzlich ein Lokus aus dem Nebel auf. Es war der Archetyp aller Scheißhäuser dieser Welt seit der Morgenröte der menschlichen Zivilisation: vier wackelige Bretterwände und ein Dach, ein Herzchen in der morschen Holztür. Ich weiß nicht, wer auf die Idee kam, mitten in der Stille der Bergwelt dieses stille Örtchen aufzustellen. Jedenfalls muss es ein Mensch mit einem zu Herzen gehenden Verständnis für die menschlichen Nöte gewesen sein. Er hat mir an jenem denkwürdigen Tag vielleicht nicht das Leben gerettet, doch mit Sicherheit hat er mich vor einer Kette recht peinlicher Ereignisse bewahrt.

Die Ruinenstätte von Ingapirca hat sich seit 1992 nicht verändert – wie könnte sie auch! –, doch die Landschaft würde man nicht wiedererkennen. Vor vierundzwanzig Jahren gab es in der näheren Umgebung der Ruinenstätte kein einziges Haus und der Landstrich wirkte fast unberührt. Es gab kein Besucherzentrum, keine Tickets, keine Souvenir-Shops, keine Restaurants, keine Kantinen, keine Cafés, keine Schranken, keine Zäune, keine Parkplätze, keine Besucherpfade, keine Hinweis- und Verbotsschilder, keine Objektbewachung, keine Eingangsschleuse, keine Besucherführungen, keine Guides – es gab nicht einmal Touristen.

Wir und der Taxifahrer waren damals die einzigen Menschen auf dem Berg. Man hätte glauben können, wir seien die Überlebenden einer Katastrophe planetaren Ausmaßes und die alte mystische Kultstätte wäre die letzte Zuflucht. Dort, wo früher rein gar nichts war, sieht man heute Dutzende Häuser wie Fremdkörper in der Landschaft stehen. Die meisten Gebäude wirken neu und es ist nicht schwer, sich einen Reim darauf zu machen: Wahrscheinlich haben die Leute die Touristenschwemme, die mit den Jahren über den Ort gekommen ist, als Einkommensquelle entdeckt.

Während wir damals, 1992, unbehelligt von jeglicher denkmalpflegerischer Autorität, um die Mauern turnten, verschwand der Taxifahrer für eine Weile, so dass wir ganz allein waren. Ich habe Fotos, auf denen man mich auf den Mauern stehen sieht, und rings herum gibt es nichts außer der leeren Landschaft des Andenhochlandes. Heute darf man nicht mehr auf die Mauern steigen, doch vor vierundzwanzig Jahren hätte man sich mit Vorschlaghammer und Brecheisen an den Steinquadern zu schaffen machen können und niemand hätte einen daran gehindert. Man hätte ganze Anhängerladungen Steine mitnehmen können und kaum einer hätte es bemerkt und ich glaube auch nicht, dass es jemanden gestört hätte. Das Bewusstsein für den Wert kultureller Hinterlassenschaften der Vorfahren hat sich erst in den letzten Jahren entwickelt. Früher sah man in Ruinenstätten wie dieser bloß unnütze alte Steinhaufen.

Es regnete an diesem Tag wieder einmal, als wollte der Himmel sein Werk doch noch vollenden und die Menschheit in einer zweiten Sintflut untergehen lassen. Zum Glück gab es an einem der Souvenir-Stände Regenpelerinen zu kaufen und solcherart gegen die Wassermassen gewappnet, warteten wir an der Eingangsschleuse, von der aus man auf das Ruinengelände gelangt, bis die nächste Führung stattfinden würde. Ohne fachkundige Begleitung darf man das Gelände nicht mehr betreten, aber schon bald hatte sich ein Dutzend Interessierter zusammengefunden und die Führung konnte beginnen.

Unser geführter Rundgang über das Gelände dauerte anderthalb Stunden und wir waren an diesem Tag froh, dass er nicht noch länger dauerte, denn der unaufhörliche starke Regen zerrte an den Nerven. Obwohl ich das höchst kleidsame Regencape trug, war alles, was daraus hervorschaute, schon nach kurzer Zeit vollkommen durchgeweicht. Meine Schuhe quietschten vor Nässe und die Hosenbeine platschten bei jedem Schritt gegen die Waden wie die Flossen eines toten Fisches. Das war wirklich kein Tag, um einen Kulturtrip zu genießen.

Aber es gab andere Besucher, denen der Regen und die feuchte Kälte ganz offensichtlich nichts ausmachten. Am Sonnentempel, dem Höhepunkt der Tour, begegneten wir einer Gruppe Amerikanern. Viele strahlten unter ihren Regencapes als könnten sie sich gar kein schöneres Wetter als dieses für ihren Ausflug in die Vergangenheit der Andenwelt vorstellen. Einer grinste mich an wie ein Honigkuchenpferd und ich weiß nicht, was ihn so froh machte. Ich war durchnässt und fror und ich hätte mich am liebsten in ein mollig warmes Café geflüchtet und mich an einem großen Mocaccino mit extra viel Schokoladensoße gewärmt. Doch diese Leute wirkten so glücklich, als hätten sie sich gerade kollektiv rosa Happy-Pillen eingeworfen. Ich muss annehmen, die Überdosis Kultur hat sie in ein seliges Nirwana versetzt.

In den letzten Jahren hat man für den Schutz der Relikte aus präkolumbianischer Zeit gesorgt. Man konnte sehen, dass die Konservatoren die Grundmauern jener Gebäude, die einmal Wohnhäuser gewesen sein mochten, zum Schutz vor der harschen Witterung mit Sand bedeckt hatten. Viele Bereiche des Archäologie-Parks sind dem Besucher nicht mehr zugänglich wie noch vor über zwanzig Jahren. Darüber hinaus ist man gehalten, sich stets auf den ausgeschilderten Pfaden zu bewegen. Man mag diesen Zustand bedauern, denn die Anlage verliert im Getriebe des Kulturtourismus viel von ihrer mystischen Ausstrahlung. Doch jeder vernünftige Mensch wird dagegen kaum etwas einwenden wollen, denn man muss einsehen, dass die Erhaltung solcher wertvollen historischen Denkmäler gewisse Schutzmaßnahmen erfordert, die dem Einzelnen zwar widerstreben mögen, die aber letztlich nur dazu dienen, zukünftigen Generationen diese einmaligen Kulturgüter zu erhalten.

Trotz des Regens machten wir viele Fotos. Ich fürchtete, die Kamera könnte Schaden nehmen, wenn ich sie dauernd dem strömenden Regen aussetzte, und daher hielt meine Frau immer fürsorglich den Schirm über mich, wenn ich eine Aufnahme machte. Die meiste Zeit versteckte ich den Apparat unter dem Regencape, doch meine Kleidung war mittlerweile klamm und eine ganz und gar trockene Stelle gab es schon lange nicht mehr. Wahrscheinlich sahen wir aus wie der Kunstfotograf und seine beflissene Assistentin – wirklich drollig. Die anderen Besucher zückten nur selten das Handy und dann schossen sie ein schnelles Foto aus der Hüfte. Um ein Motiv sorgsam einzufangen, war es viel zu nass.

Als wir am Sonnentempel angekommen waren, konnte ich mich davon überzeugen, dass die Steinblöcke im Mauerwerk so dicht aneinandergefügt sind, dass nicht einmal ein Blatt Papier dazwischen Platz hätte. Darüber hört man in jeder einschlägigen Dokumentation, aber wenn man es mit eigenen Augen sieht, scheint es auf einmal viel wirklicher. Es muss eine Ewigkeit gedauert haben, solche perfekten Mauern zu errichten.

Aber nicht alles, was man auf dem Gelände sehen kann, stammt von den Inkas. Die Gegend war lange umkämpft zwischen ihnen und den Cañaris, den angestammten Bewohnern der Region. Trotz ihrer überlegenen Kriegsmacht ist es den Inkas nie gelungen, die Cañaris zu unterwerfen. Am Ende einigte man sich auf einen diplomatischen Kompromiss, der in einer Heiratsallianz gipfelte. Inkas und Einheimische teilten sich fortan in die Regierung und die Kultur der Cañaris blieb erhalten. Ihre Siedlung wurde nach und nach in die Anlage der Inkas integriert. Die charakteristischen Unterschiede zwischen beiden Kulturen kann man aber noch heute deutlich in den Monumenten erkennen.

Nach der Tour mussten wir uns erst einmal gründlich trocken frottieren – so gut man sich eben trocknen kann, wenn alles, was man zur Hand hat, ein klammes Badetuch ist und feuchte Kleidung. Schuhe und Stümpfe zog ich gleich ganz aus. Stattdessen nahm ich die Latschen, die ich immer am Strand von Bahía zu tragen pflege. Trotz der Kälte war dies immer noch angenehmer, als die nächsten Stunden in patschnassen Schuhen zu verbringen. Die Bewohner des Andenhochlandes trugen traditionell Sandalen und so hatte ich diesmal Gelegenheit auszuprobieren, wie es sich für einen antiken Andenbewohner angefühlt haben muss.

Es war mittlerweile schon Mittag und wir rechneten nicht mehr damit, dass wir noch vor Einbruch der Dunkelheit Quito erreichen würden. Ich machte mich also auf eine lange anstrengende Nachtfahrt gefasst, aber dass wir erst nach Mitternacht zuhause eintreffen würden, damit rechnete niemand.