5.100 Meter: Fremder in einer fremden Welt

Wie vielen anderen, die an diesem Tag zur Pyramide aufgestiegen sind, macht meiner Frau die dünne Luft zu schaffen. Bis jetzt hat sie sich nicht beklagt und tapfer durchgehalten. Doch dann beschließt sie, wieder zur Carrel-Hütte abzusteigen, während ich meinen Blick auf die himmelhohe Felswand richte, die sich über uns auftürmt wie ein Monument, das den Menschen immerfort die Unbesiegbarkeit der Natur verkündet.

Ich fühle mich so gut wie seit langem nicht mehr und mein Aufstieg zur Whymper-Hütte gleich einem einzigen unwiderstehlichen Triumphmarsch. In Quito habe ich bei jeder größeren Anstrengung unter Atemnot gelitten, doch hier, in fast doppelt so großer Höhe, berste ich geradezu vor Energie und ich überhole jeden meiner Mitstreiter – von Luftnot und Schwindel keine Spur. Ich beginne allmählich zu glauben, dass ich die unerwartete Leistungssteigerung dem Doping durch Coca-Tee zu verdanken habe.

Die Whymper-Hütte ist der Ausgangspunkt für alle ernsthaften Versuche, den Gipfel zu erklimmen. Die Leute, die man vor dem pittoresken Häuschen mit dem roten Dach herumlungern sieht, tragen ausnahmslos Bergausrüstung, wie sie für einen Grenzgänger zwischen Himmel und Erde angemessen ist. Die meisten machen mir durchaus den Eindruck, sie seien Profi-Bergsteiger oder zumindest Amateure, die wissen, auf welches gefährliche Terrain sie sich begeben.

In meinen Cargo-Shorts falle ich da nur umso mehr auf und der ein oder andere mag, nachdem er den sonderbaren Anblick nur lange genug auf sich hat wirken lassen, zu der Überzeugung gekommen sein, ich hätte nicht alle Tassen im Schrank. Doch niemand fordert von mir eine Erklärung und hätte man mich wohlwollend darauf aufmerksam gemacht, dass meine Kleidung kaum angemessen sei, um darin durch die Tierra nevada zu lustwandeln, würde ich mich einfach zum wahren Erben Humboldts erklärt und behauptet haben, nur verweichlichte Salon-Alpinisten schmücken sich mit solch unnützem Tand wie warmer Kleidung, Steigeisen und Eispickeln. Der Purist am Berg hat den Firlefanz nicht nötig.

Die Landschaft auf über fünftausend Metern Höhe wirkt so karg wie die Wüsten des Planeten Mars: Kahle Geröllfelder breiten sich unterhalb des vereisten Gipfelmassivs aus; monumentale Schuttfächer lehnen am Fels gleich riesigen Schanzen. Auf dieser Höhe gibt es kein Leben, längst ist der letzte Flecken Grün aus der Landschaft verschwunden. Es dominieren die Farben Rot und Grau mit einem Himmel darüber in Blau und Weiß. Wenn es tatsächlich noch Leben gibt, dann sind es allenfalls Mikroben, die den harschen Umweltbedingungen im Schutze der Felsen trotzen, verborgen in dem feinkörnigen und vor allem staubtrockenen Geröll.

In der Tat fällt es nicht schwer, sich vorzustellen, man sei auf einem anderen Planeten: Keine der Landschaften, die ein Mensch in seinem Leben unter normalen Umständen zu Gesicht bekommt, wirkt so fremd wie diese. Die rostrote steinige Einöde gemahnt wirklich an die Wüsten des Mars. Enthusiasten einer Kolonisierung unseres Nachbarn müssten keine Außenstelle auf einer arktischen Insel unterhalten, um schon einmal auf dieser Welt zu erproben, wie es sich dort oben lebt. Ebenso gut könnten sie in die Whymper-Hütte einziehen: Es ist kalt und trocken und die Luft ist genauso dünn wie auf dem Roten Planeten (zumindest fühlt es sich so an). Man müsste dann nur noch Platz für die Alpinisten finden – in der Luftschleuse vielleicht oder in der bioponischen Anlage.

Spätestens an der Whymper-Hütte verliert sich der Strom der Touristen. Es sind nur wenige, die den Aufstieg bis in diese Höhe wagen, und noch viel weniger, die den Weg zur Laguna einschlagen: Von der Hütte aus geht es linker Hand über einen Geröllhügel. Der Aufstieg ist, abgesehen von den Schwierigkeiten, die einem die dünne Luft bereitet, keine nennenswerte Herausforderung. Allerdings sollte man spätestens hier gutes Schuhwerk tragen, zumindest solches mit Profilsohle, denn der Untergrund ist an vielen Stellen so lose, dass man kaum noch sicher Tritt fassen kann.

Dann stehe ich vor der Laguna Condor Cocha – und bin maßlos enttäuscht. Die Phantasie hatte mir einen kalten klaren Gletschersee vorgegaukelt, auf dessen Oberfläche sich das dramatische Schauspiel von Wolken und Himmel spiegelt. Stattdessen finde ich einen kreisrunden Tümpel mit schlammig trübem Wasser. Die Laguna ist so klein, dass man zum gegenüberliegenden Ufer spucken könnte. Der blaue Gletschersee entpuppt sich als Pfütze.

Ich mache Fotos und verliere mich ganz in dem Anblick aus Himmel, Fels und Eis. Die vergletscherte Flanke des Chimborazo steigt nun senkrecht vor mir in die Höhe. Man kann den Gipfel nicht sehen, denn so dicht unter dem Berg verhindert die domartige Krümmung der Kuppe die direkte Sicht. Der Blick schweift über Steilstufen und Abbruchkanten, an denen graue Eiszungen hängen gleich gefrorenen Wasserfällen. Unberührte Schneefelder bedecken das Gipfelplateau wie eine weiße Haube. Der Anblick ist majestätisch und furchteinflößend zugleich. Im Angesicht der überwältigenden Macht des Berges fühlt man sich klein und hilflos. Wie kann jemand behaupten, er habe den Berg bezwungen?

Ein paar Anoraks haben sich an der Laguna unter der Eiswand eingefunden. Das Wichtigste sind die Fotos. Man zückt die Handys und pausenlos wird anvisiert, aber nicht der Berg oder der See sind die bevorzugten Motive. Eigentlich macht man nur von sich selbst Bilder, auf denen der Berg zufällig im Hintergrund auftaucht, als Dekoration für die eigene grinsende Visage. Man fragt mich, ob ich auf den Auslöser drücken könne. Zum Dank komme ich dann auch noch auf ein Foto.

Ich weiß nicht, ob man mich fotografiert, weil ich den Leuten in meinem windigen Aufzug ein seltenes Beispiel Humboldtscher Verrücktheit bin, oder weil ich – zumindest nach Ansicht der Ecuadorianer – wie Jesus aussehe. Das ist nicht weiter verwunderlich, denn schließlich ist der Heiland mein Landsmann (wenn ich nicht irre, ist Berlin sogar seine Geburtsstadt). Aber man müsste gar nicht der eineiige Zwilling des berühmtesten Zimmermanns aller Zeiten sein, denn jeder, der das Haar schulterlang trägt und Bart hat, sieht sich mit der überraschenden Tatsache konfrontiert, dass er Jesus auf verblüffende Weise gleiche. Die Männer sind hierzulande glattrasiert wie die Popen und auf dem Kopf trägt man langweilige Schreibstuben-Frisuren. Da ist der blasphemische Vergleich wohl unausweichlich. Ich nehme es mit Würde, doch eigentlich sollte ich mich geschmeichelt fühlen.

Zur Linken der Laguna erheben sich weitere Geröllhügel, die, je näher sie zum Berg liegen, allmählich in einen Schuttfächer übergehen. Die Laguna liegt auf 5.100 Metern Höhe – dies behauptet zumindest das Schild, das man an ihrem Ufer aufgestellt hat. Ich will der Parkverwaltung nicht widersprechen, denn die Luft fließt so dünn in meine Lungen, dass ich nach jeder größeren Anstrengung das Gefühl habe, die Lungenflügel würden kollabieren. Theoretisch ist es möglich, noch höher aufzusteigen, doch begegnen einem auf dem Weg nach oben Hindernisse, mit denen man nicht unbedingt rechnet. Es ist nicht der Berg, der dem Gipfelstürmer den Weg zu unsterblichem Ruhm verwehrt. Der Halt wird auf recht prosaische Weise von einem Angestellten der Parkverwaltung erzwungen.

Ich befinde mich nun auf einem Hügel oberhalb der Laguna und wahrscheinlich könnte man auf dem Kamm des Schuttfächers noch gut drei- oder vierhundert Meter aufzusteigen, bevor dünne Luft, eisige Kälte, vor allem aber zunehmend unpassierbares Terrain der Kletterpartie ein jähes Ende bereiten würden. Doch das eigentliche Hindernis ist eine kleine, zähe Frau, die, eingepackt in eine dicke Wattemontur, den Zugang zum Berg bewacht wie ein Zerberus. Wie sie so allein in der roten Geröllwüste steht, hermetisch eingeschlossen in ihre warme, winddichte Kleidung, könnte man sie für eine Mars-Astronautin im prall aufgepumpten Raumanzug halten. Irgendwo hinter den roten Hügeln muss ihr Schiff auf Teleskopbeinen in der Landschaft stehen.

Sie schaut mich an, als wäre ich der erste Marsianer, der ihr über den Weg läuft. Mein sommerlicher Aufzug scheint sie tief zu beeindrucken. Die Bewunderung hält aber nur kurz an und darüber hinaus ist sie auch nicht so ganz überzeugt, jedenfalls nicht genug, um mich einfach passieren zu lassen. In der dünnen Luft spart sie sich die Worte: Mit einer befehlenden Geste macht sie mir unmissverständlich klar, dass meine kleine Expedition hier und jetzt beendet sei.

Ich gebe mich empört und tue so, als hätte mich der Präsident persönlich (und in Privataudienz) damit beauftragt, den Gipfel zu bezwingen – als erster Mensch in kurzen Hosen. Doch sie mag den Präsidenten anscheinend nicht, denn sie weist mir so energisch (und verärgert) den Weg, dass kein Zweifel mehr besteht: Mein Aufstieg ist beendet. Ich befinde mich auf ca. 5.200 Metern. Ich bin auf dem Mars, aber den Himmel werde ich nicht mehr erreichen, obwohl ich ihm so nahe gekommen bin, wie nur irgend möglich. Verdammte Nasa!

Ich verweile einen Augenblick auf den Hügeln oberhalb der Laguna. Der See wirkt von hier oben winzig wie ein Spucknapf. Die Gletscherzungen reichen fast bis zu seinem Ufer, aber auf dem Weg nach unten werden sie immer dünner, wie schüttere graue Haarsträhnen, und schließlich verlieren sie sich als Kreidestriche im Fels. Für einen imposanteren Eindruck müsste man auf die globale Erwärmung setzen, doch es ist hier so kalt, dass man sich nicht vorzustellen vermag, die mächtigen Gletscher könnten irgendwann einmal schmelzen. Und dennoch ist es vermutlich möglich.

Während ich vergnügt über die Geröllhügel spaziere und dabei Fotos mache, wird jede meiner Bewegungen argwöhnisch verfolgt. Die Parkangestellte behält mich mit Argusaugen im Blick, denn wahrscheinlich versuchen immer wieder Verrückte, sich an ihr vorbeizustehlen. Ich habe nicht vor, sie auszutricksen. Von dem Vorhaben, noch höher aufzusteigen, habe ich mich endgültig verabschiedet, doch sie scheint zu glauben, ich wolle sie mit meinem harmlosen Getue bloß täuschen. Wie ein Gardesoldat auf Wacht baut sie sich vor mir auf, in kaum zehn Metern Entfernung, und sie lässt mich nicht eine Sekunde aus den Augen. Ich versuche, die Situation mit einem augenzwinkernden Lächeln zu entspannen, doch sie schaut mich an, als lösten meine Lockerungsübungen nur Bauchschmerzen bei ihr aus.

Ich lasse mich nicht drängen. Ruhig schieße ich meine Fotos. Ohnehin dauert alles länger, denn mittlerweile sind meine Hände blau vor Kälte und meine Finger haben ungefähr noch so viel Gefühl wie ein geklopftes Schnitzel. Hinuntersteigen will ich aber nicht, noch nicht, denn ich möchte mir die einmalige Gelegenheit auf keinen Fall entgehen lassen. Es dauert eine Ewigkeit, das Kameraobjektiv zu wechseln, und als ich es schließlich doch geschafft habe, möchte ich fast in Jubel ausbrechen.

Botschaften von der anderen Seite der Straße

Eines Tages steckte eine Nachricht unter einem der Scheibenwischer unseres Autos. Ich wunderte mich, denn dies war kein Zettel, den man aus einem Notizblock gerissen und hastig beschrieben hatte, um jemanden in aller Eile über etwas Wichtiges in Kenntnis zu setzen. Vielmehr handelte es sich um einen sauberen Bogen Papier im DIN-A4-Format. Das Blatt war mit einem längeren Text beschrieben und mit einem Laserprinter ausgedruckt worden. Ich fragte mich ein wenig besorgt, wer die Person sei, die mir diese offenbar wichtige Mitteilung zukommen lassen wollte, aber der Verfasser ließ sich nicht ermitteln, denn die Unterschrift fehlte.

Obwohl ich den Inhalt mehr erriet, als dass es mir gelang, ihn mir aus dem Spanischen zusammenzureimen, war klar, dass es um unseren Wagen ging. Ich gab die Nachricht später meiner Frau und sie bestätigte mir, was ich ohnehin schon wusste: Man beschwerte sich in recht weinerlichem Ton darüber, dass wir unser Auto immer vor dem Haus auf der anderen Seite der Straße parken würden.

Man – offensichtlich handelte es sich um die Person, die in dem feudalen Anwesen gegenüber residiert – ersuchte uns dringend darum, den Wagen nicht mehr vor seinem (oder ihrem) Haus abzustellen. Die Gründe hierfür konnte man getrost als Vorwand abtun: Wortreich und gleichermaßen larmoyant erging sich der Verfasser darüber, dass das Parken auf der Straße den Verkehrsfluss behindere und überhaupt die allgemeine Ordnung störe (Ich muss annehmen, man arbeitet demnach bei der Verkehrspolizei). Um die Dringlichkeit der Botschaft zu unterstreichen, war gleich der gesamte Text in Versalien gesetzt worden, als handelte es sich um eine höchstrichterliche Anordnung, der man unter Strafandrohung Folge zu leisten hätte.

Man muss wissen, dass es in unserer Wohnanlage weder eine Parkordnung gibt, noch Sonderparkzonen. Jeder kann sein Auto abstellen, wo es ihm beliebt, vorausgesetzt, er steht nicht gerade auf dem Bürgersteig, blockiert keine Einfahrt und behindert nicht den Verkehr. Obwohl es sich um eine private Wohnsiedlung handelt, sind die Straßen allen Anwohnern gleichermaßen zugänglich. Alle Häuser in der Anlage verfügen ohnehin entweder über Parketagen oder den Hauseigentümern bzw. Mietern stehen eigene Parkplätze auf dem Grundstück zur Verfügung. Nicht viele scheinen jedoch die Parkmöglichkeiten im eigenen Haus zu nutzen, denn manche der Straßen innerhalb der Anlage sind so dicht mit Autos zugestellt wie eine vielbesuchte Einkaufsstraße im Zentrum von Quito.

Zwar haben auch wir einen eigenen Parkplatz im Parkkeller, doch liegt er abgelegen in einer Ecke, noch dazu genau neben einem Betonpfeiler. Es ist alles andere als ein Vergnügen, den Wagen dort ein- oder auszuparken, und hat man ihn erst einmal abgestellt, kommt man wegen der Enge nur mit größten Schwierigkeiten aus der Tür. Das Ausparken ist eine Qual, da man in der engen Garage immer mehrere Anläufe braucht, um zu drehen. Dabei muss man stets höllisch aufpassen, sich nicht den Lack an den Kanten des Betonpfeilers abzuschmirgeln. Da parke ich lieber gleich auf der Straße, wie viele andere Residenten der Anlage auch.

Jeder, der in unserer Wohnanlage residiert, glaubt, er sei ein kleiner König, ein Monarch nach eigenem Recht, ausgestattet mit Exklusivrechten, die niemand anderer für sich beanspruchen darf. Das ist keineswegs eine Übertreibung, sondern alltägliche Wahrheit: Ecuador ist trotz aller Veränderungen, die sich in den letzten Jahren mühsam ihren Weg gebahnt haben, immer noch ein Land der Klassen und der Klassengegensätze. Die Menschen, die in teuren Wohnanlagen wie dieser wohnen, gehören der Oberschicht an, einem Menschenschlag, der sein Selbstverständnis aus seinen Privilegien und seinem gesellschaftlichen Einfluss ableitet und der seine führende Position im Land seinem Besitz sowie Jahrhunderte alten Gewohnheitsrechten und Traditionen verdankt.

Die Leute, denen man hier in der Anlage begegnet – falls man ihnen begegnet, denn die meisten ziehen die aristokratische Distanz vor – sind in vielerlei Hinsicht ganz anders als die übrigen 99 Prozent der Bewohner dieses Landes. Herkunft, Stand und soziales Prestige sind über alle Klassengrenzen hinweg bedeutsam. Ständig wird man taxiert, wer man sei, was man hier wolle, wie man überhaupt hereingekommen wäre. Man kommt sich manchmal so vor, als stünde man vor den Pforten eines elitären Klubs und ein prüfender Blick des Hausbutlers entscheide, ob man eingelassen werde oder nicht. Selbstverständlich hat man jede Chance verwirkt, wenn man jetzt Cargo-Shorts und T-Shirt trägt, wenn man nicht glattrasiert ist und das Haar nicht kurzgeschnitten ist und ordentlich gescheitelt als wäre man ein Primaner.

Es ist schon merkwürdig, wie der gesellschaftliche Zwang zur Etikette das Aussehen der Leute vereinheitlicht: Alle sehen immer so aus, als kämen sie gerade aus dem Büro oder als wären sie dorthin unterwegs. Individualität drückt sich jedenfalls nicht im äußeren Erscheinungsbild aus und die schrägen Typen, die wie bunte Farbtupfer aus der Masse herausstechen, gibt es hier einfach nicht.

Ich weiß bis heute nicht, warum der Hausbesitzer Anstoß daran nahm, dass unser Wagen auf der Straße vor seinem Anwesen parkte. Eine Ordnungswidrigkeit war in jedem Fall ausgeschlossen. Wahrscheinlich empfindet er diesen Teil der Straße als sein Eigentum, als sein kleines Königreich, über das nur er gebieten darf und sonst niemand. Zwar gehört ihm die Straße nicht, und er hat auch kein Recht, irgendjemandem irgend etwas zu verbieten, aber wer würde da nicht die Beherrschung verlieren, wenn plötzlich ein fremder Wagen vor dem Wohnzimmerfenster stünde!

Ich war versucht, das Auto dennoch vor seinem Haus abzustellen, genau vor seiner Eingangstür und zwar so, dass er es gar nicht übersehen könnte. Doch man muss immer mit der Rachsucht jener Leute rechnen – ein Schelmenstück wie dieses würde sie in ihrer Ehre kränken und man weiß ja, wozu gekränkte Ehre fähig ist. Ein dicker Kratzer im Lack oder ein durchstochener Reifen bedeuteten am Ende mehr Ärger als die Sache überhaupt wert ist. Wann immer es möglich ist, parke ich daher auf unserer Seite der Straße. Ich habe mit diesen Leuten nichts zu schaffen und ich habe auch nicht vor, sie mir zu Freuden zu machen, solange ich hier in dieser Wohnanlage noch lebe. Aber wahrscheinlich sind sie genauso froh darüber wie ich, dass wir uns aus dem Weg gehen.

Touristen

Es gibt fünf Merkmale, die den Touristen unzweifelhaft vom Ecuadorianer unterscheiden: Rucksack, Kleidung, blonde Haare, Frisur bzw. Bart, Tattoos.

Der Rucksack ist noch kein zwingendes Unterscheidungsmerkmal, denn auch Ecuadorianer tragen ihn. Man kann sagen, jeder Tourist trägt einen Rucksack, aber nicht jeder, der einen Rucksack trägt, ist ein Tourist.

Eindeutiger wird es schon bei der Kleidung. Quito liegt auf dreitausend Metern Höhe und die Nächte sind naturgemäß mitunter eisig, aber am Tage, besonders um die Mittagszeit, kann es brütend heiß werden. Da verwundert es auf den ersten Blick ein wenig, dass man niemanden je in kurzen Hosen herumlaufen sieht. Die knielange Cargohose, die das Straßenbild in vielen warmen Städten rund um den Erdball prägt, scheint in Quito regelrecht verpönt zu sein. Die Erklärung ist im Grunde ganz einfach: Ecuador ist ein katholisches Land und die Kleidung, die ein Mensch trägt, sagt viel über seinen gesellschaftlichen Status und das soziale Prestige aus, das er genießt. Niemand möchte in den Verdacht geraten, einer niedrigen sozialen Schicht anzugehören. Es ist mit der Würde einer Person schlichtweg unvereinbar, Kleidung zu tragen, die ihren sozialen Rang scheinbar negiert, wie das zum Beispiel bei kurzen Hosen der Fall ist (kurze Hosen und öffentliches Ansehen passen schlecht zusammen, es sei denn, man ist Brite). Wenn also ein erwachsener Mann in Quito Hosen trägt, deren Beine nicht bis zum Knöchel reichen, kann man mit fast absoluter Sicherheit davon ausgehen, dass es sich nicht um einen Ecuadorianer handelt.

Überhaupt muss man feststellen, dass die Geschlechtertrennung viel eindeutiger ausfällt als etwa in Deutschland, und auch die Frauen in Ecuador unterliegen gesellschaftlichen Zwängen, die in Deutschland, und insbesondere in Berlin, nicht so stark zu spüren sind wie hier. In Berlin kann es sich eine Frau leisten, in flachen Schuhen, mit unauffälliger Kleidung, nachlässig frisiert und ungeschminkt auf die Straße zu gehen und niemand nimmt daran Anstoß. In Ecuador wäre das absolut inakzeptabel. Eine Frau muss wie eine Frau aussehen und das bedeutet, dass sie sich täglich schminkt, sich frisiert und dass sie Kleidung trägt, welche die weiblichen Attribute betont. Frauen, die im Büro arbeiten, tragen selbstverständlich hohe Schuhe und Business-Kostüm – etwas, das man in Berlin nur höchst selten zu Gesicht bekommt. Man fragt sich unwillkürlich, wie sie es den ganzen Tag lang auf ihren Zehn-Zentimeter-Absätzen aushalten. Die deutsche Frau erkennt man im Straßenbild für gewöhlich am Schlabberlook, an den flachen Schuhen und daran, dass sie sich niemals schminkt, als wollte sie die Kosmetikindustrie durch Totalboykott in die Knie zwingen. Hier in Quito kommt solch eine Attitüde gar nicht gut an und die Ecuadorianer schütteln nur verständnislos den Kopf.

Die Haare sind ebenfalls ein ziemlich eindeutiges Unterscheidungsmerkmal. In Quito begegnet man kaum blonden Menschen, es sei denn, es handelt sich um Touristen. Dort, wo sie vermehrt auftreten, so zum Beispiel im Mercado artesanal, dem Kunstgewerbemarkt, muss man davon ausgehen, dass es sich um Ausländer handelt. Die Sprache, die man demzufolge dort nach Spanisch am häufigsten hört, ist Englisch. Den blonden Ecuadorianer muss man jedoch lange suchen. Neulich im Restaurant saß eine junge blonde Frau am Nebentisch. Ihre blonde Mähne – ich glaube, sie hatte etwas nachgeholfen – zog die Aufmerksamkeit meines Schwagers (und nicht nur seine!) auf sich. Er verwickelte sie in ein gar nicht so unverfängliches Gespräch und brachte sie schließlich dazu, sich mit ihm fotografieren zu lassen, was sie aber offenbar gern tat. Man sieht, blond zu sein und Ecuadorianer schließt sich zwar nicht aus, ist aber offenbar etwas so Seltenes, dass es der besonderen Würdigung wert ist. Oft sind die Blonden die direkten Nachkommen europäischer oder nordamerikanischer Einwanderer und allein schon anhand ihrer Familiennamen kann man manchmal erraten, woher die Familie ursprünglich stammt. Das ist in der Regel nicht Quito, Guayaquil oder Cuenca.

Die Frisur bzw. der Bart ist ein weiteres wichtiges Unterscheidungsmerkmal. Die Frisuren der ecuadorianischen Männer sind relativ uniform: man trägt das Haar kurz, gescheitelt oder nicht, nach hinten gegelt oder natürlich fallend. Da gibt es kaum Variationen. Männer mit langem Haar sieht man so gut wie gar nicht und wenn doch, scheinen sie eher aus der Sparte Künstlertum zu stammen. Am ehesten noch begegnet man dem schulterlangen Haar auf den Köpfen von Jüngeren, allerdings auch hier ziemlich selten. Wer seine indigenen Wurzeln betonen möchte, trägt das Haar lang und flicht es zu einem dicken Zopf. Noch eindeutiger aber als das Haupthaar dient der Bart als Mittel der Unterscheidung: Der ecuadorianische Mann ist in der Regel glatt rasiert. Die im Westen in den letzten Jahren neu aufflammende Bartmode hat sich noch nicht durchgesetzt. Vor allem jüngere Männer tragen Bärte, zwar in unterschiedlichen Formen, aber meist doch relativ kurz gestutzt. Die Älteren sind bis auf Ausnahmen stets gut rasiert. Ein voller Rauschebart deutet also mit ziemlicher Sicherheit darauf hin, dass sein Träger ein Tourist ist.

Schließlich wären da noch die Tatoos. Zwar sieht man in Ecuador hin und wieder einmal ein Tatoo-Studio, etwas, dass es vor zehn Jahren noch nicht gab, dennoch hat sich die westliche Unsitte, die Haut mit geschmacklosen Bildern zu überziehen, noch nicht durchgesetzt. Ich habe bisher noch keinen Ecuadorianer mit einem Tattoo gesehen. Das mag aber daran liegen, dass die meisten sich von Kopf bis Fuß mit Kleidung bedecken. Der Anteil der Tätowierten ist aber ganz gewiss deutlich geringer als in einer beliebigen europäischen oder nordarmerikanischen Stadt. Wenn also jemand Tatoos offen an Stellen trägt, die von jedermann eingesehen werden können, darf man mit ziemlicher Sicherheit davan ausgehen, dass es sich nicht um einen Ecuadorianer handelt.

Zusammenfassend kann man festhalten, dass es sich auf keinen Fall um einen Ecuadorianer handeln kann, wenn folgende Einzelmerkmale feststellbar sind: die Person trägt einen Rücksack und sie hat Cargoshorts an (wenn die Person ein Mann ist) bzw. sie trägt flache Schuhe, bequeme Kleidung und ist ungeschminkt (wenn die Person eine Frau ist); die Person ist blond; die Person hat einen Bart, insbesondere einen Vollbart (Mann) bzw. ist nachlässig oder unkonventionell frisiert (Frau); die Person hat Tattoos an Stellen, die jeder sehen kann. Rein theoretisch könnte es zwar sein, dass eine gründliche landesweite Suche ein Individuum zutage fördert, das all diese Merkmale aufweist und das zugleich auch die ecuadorianische Staatsangehörigkeit besitzt, allerdings halte ich dies für sehr, sehr unwahrscheinlich.

Apropos Touristen: Bloß als eine Anmerkung möchte ich festgehalten wissen, dass Touristenführer (und damit meine ich das Buch) dem Auswanderer überhaupt nichts nützen. Vor drei Jahren haben ich mir einen Travel-Guide Ecuador gekauft. Nachdem ich ihn zunächst begeistert und guter Hoffnung zur Hand nahm, legte ich ihn ganz schnell wieder weg. Der Tourist sucht immer nach dem Besonderen, dem Anderen, dem Exotischen, während der Auswanderer das sucht, was er von zu Hause kennt: Komfort, Bequemlichkeit, Ruhe. Der Tourist will etwas erleben, von dem er dann berichten kann, wenn er wieder in sein normales Leben zurückgekehrt ist. Der Auswanderer will das normale Leben. Ein Tourist-Guide bietet das Außergewöhnliche, Dinge, nach denen kein Einheimischer je suchen würde, und der Auswanderer, der sich auf Dauer einzurichten versucht, schon gar nicht. Travel-Guides sind für den Auswanderer etwa so nützlich wie ein Kreuzfahrtkatalog für den Bootsflüchtling.