Pazifische Träume in Stein

Von Bahía aus benötigt man auf der glänzend ausgebauten Küstenstraße mit dem Auto keine halbe Stunde bis Canoa. Kurz hinter San Vicente legen wir einen Zwischenstopp ein, um eine eisgekühlte Kokosnuss (Coco helado) zu genießen. Wenn es richtig heiß ist – und das ist es hier an fast jedem Tag –, löscht das isotonische Kokoswasser (Agua de coco) den Durst einfach am besten. Da in so einer unreifen grünen Nuss ziemlich viel des milchigen Getränks enthalten ist, kann man anschließend auch wieder ordentlich schwitzen, wenn man nicht gerade das Glück hat, im frostig-kühlen Innern eines vollklimatisierten Wagens Platz nehmen zu dürfen. Doch das Auto, das wir zu diesem Zeitpunkt fahren, ist nicht nur äußerst schwachbrüstig motorisiert – an mancher Steigung hätte Schieben wirklich geholfen –, sondern verfügt nicht einmal über eine Klimaanlage. In einem tropischen Land ist das eigentlich schon ein Verbrechen.

Der Kokosverkäufer hat seinen Verkaufsstand an der Küstenstraße direkt hinter einem Berg eingerichtet. Eine Ausfahrt führt zum Strand und wenn man wollte, könnte man mit dem Wagen ins Meer rollen. Wer sich traut, kann bei Ebbe mit dem Auto der Küste nach Norden bis Briceño folgen. So eine Strand-Rallye ist ein großer Spaß, aber die Fahrt ist nicht ganz ungefährlich – wir sollten dies schon bald selbst herausfinden. Der Kokosmann sitzt direkt neben der Ausfahrt, auf der man nach nicht einmal fünfzig Metern den Strand erreicht, und jeder, der vom Meer kommt oder dorthin will, löscht seinen Durst mit einem Coco helado. Lage ist eben alles, soll sich so ein Geschäft lohnen.

Der Berg, an dessen Fuß die eisgekühlten Kokosnüsse auf durstige Kehlen warten, verfügt übrigens über eine eigene Zufahrt. Auf der gegenüberliegenden Seite, nach San Vicente hin, führt ein gepflasterter Weg unter einem romantischen Blättergewölbe hindurch. Stauden von Beerenfrüchten leuchten einladend aus dem Blattwerk. Die Straße, die gerade breit genug ist, dass ein einzelnes Auto sie befahren kann, schlängelt sich halb um die Flanke des Berges und mündet dann abrupt auf einem Parkplatz.

Der Berg selbst, der sich nur eine kurze Strecke von San Vicente entfernt befindet, erhebt sich unvermittelt aus der Strandebene. Er ist nahezu kegelförmig und er steht über dem Meer als solitäres geologisches Monument, fast wie ein Leuchtturm, der auf einem Landvorsprung Wache hält. Auf dem Konus wächst der Wald struppig wie ein grüner Pelz, doch wenn man sich von Norden nähert, sieht man an der steilen Flanke, hoch über dem Meer, eine Wohnanlage. Die Nobelimmobilie klammert sich an den Fels wie die Festung des Alten vom Berge. Eine kleine Kuppel am Eingang blendet den Besucher mit einer Art ägäischem Zauber.

Wir haben uns schon immer gefragt, wer sich in diesem Schloss à la Philipp K. Dick hoch über dem Meer eingerichtet haben mag, und obwohl wir den Ort mehrere Male besuchten, trafen wir nie jemanden an, den wir mit Fragen belästigen konnten. Wir stellen den Wagen auf dem Parkplatz ab. Wir sind die einzigen Besucher, zumindest ist unser Auto das einzige Gefährt auf dem großen Parkplatz und daher drängt sich die Vermutung auf, dass derzeit niemand die Anlage bewohnt. Einige der Parkplätze werden von neckischen Zelten überdacht, einer Art Tunnelgewölbe aus Zeltplane mit Wimpeln daran, wie man sie vor Luxushotels und edlen Sterne-Restaurants findet.

Wir betreten die Anlage, bei der es sich genau genommen um Privatbesitz handelt, mit der Unverfrorenheit von reichen Kaufinteressenten. Von der Balustrade aus eröffnet sich dem Besucher ein atemberaubendes Panorama: Der Blick schweift bis zum Horizont, wo Himmel und Ozean in einer dünnen Linie ineinanderfließen. Im Schein der Nachmittagssonne vermählen sich Land und Meer zu einer unendlichen Ebene. Die Küste ragt als flacher Sporn in die See und eine milde Brise legt einen Saum aus Wellen darum. Es ist Ebbe, der Strand ist so flach und breit wie die Krempe eines Sombreros. Obwohl der Himmel etwas trübe ist, reicht der Blick bis Briceño und sogar bis Canoa.

Wir sind laut und benehmen uns mit der Ungezwungenheit von Leuten, die daran gewöhnt sind, mit einem Bündel Geldscheinen in der Tasche durch die Welt reisen, um reflexartig alles zu kaufen, was ihr Entzücken hervorruft. In einer Ecke liegt einsam ein Basketball und mein Sohn dribbelt aus Langeweile über die Terrasse. Das Geräusch macht dann doch jemanden auf uns aufmerksam: Der Junge ist etwa sechzehn Jahre alt und sein Vater sei, wie er uns später erzählt, der Verwalter der Anlage. Während der Abwesenheit der Eigentümer kümmere er sich darum, dass alles in gutem Zustand bliebe. Im Augenblick ist der Vater aber auch nicht da und so fragen wir den Sohn ein wenig aus.

Der Junge gibt sich ganz fachmännisch. Unter der Oberfläche seiner Abgeklärtheit spüre ich aber, wie aufgeregt er ist. Er ist stolz darauf, dass wir ihn für kompetent halten, unsere Fragen zu beantworten, denn immerhin treten wir als reiche Immobilienkäufer auf (wenn wir erklärt hätten, wir wollten uns bloß umsehen, hätte man uns sicher aufgefordert, die Anlage unverzüglich zu verlassen). Wir erfahren auf unsere Nachfrage, dass die Wohnungen vornehmlich Leuten aus Quito gehörten. Die Eigentümer lebten aber nicht darin, sondern sie nutzten sie entweder als Ferienwohnungen oder sie vermieteten sie an Touristen. Was für eine Verschwendung – man könnte sich jahrelang sozusagen frei Haus die Sonnenuntergänge am Pazifik ansehen und dennoch würde man nie genug daran haben.

Eine der Wohnungen sieht ziemlich heruntergekommen aus. Das Haus stünde seit zwanzig Jahren leer, erfahren wird. Durch den Beton der Terrasse ziehen sich Risse und die salzige Meeresluft hat die Farbe abgebeizt. Infolge der Erschütterungen durch das Erdbeben seien einige Häuser nicht mehr sicher und sie müssten deshalb abgerissen werden. Ich empfinde ein wenig Bedauern für die Besitzer, denn die Lage der Wohnungen auf ihrem Adlerhorst in der Höhe des Berges ist so unglaublich schön, dass man selbst in einem an Naturschönheit reichen Land wie Ecuador lange suchen müsste, um einen zweiten Ort wie diesen zu finden.

Im grünen Innern der Landzunge, die sich in die See bohrt wie die Schnauze eines Delphins, sieht man die Dächer zweier Anwesen aus der dichten Vegetation wachsen. Eines davon sei, wie man uns sagt, einmal ein Hotel gewesen, doch es hätte den Betrieb eingestellt. Es liegt nun als traurige Ruine im wuchernden Gestrüpp, ein Tummelplatz für Eidechsen, Spinnen und Geckos. Das andere liegt näher zum Meer hin und es erweckt ganz den Eindruck, als wäre es erst vor kurzer Zeit verlassen worden. Vielleicht hatte es einmal einer Familie als Heim gedient.

Aber auch dieses Anwesen ist verlassen, und wer auch immer einst darin gelebt haben mag – das Haus ist nun sich selbst überlassen und seinem Schicksal, das darin besteht, allmählich mit der Natur der Halbinsel zu verschmelzen. Ich kann mir vorstellen, die einstigen Bewohner fanden sehr schnell heraus, dass es kein ungeteiltes Vergnügen ist, an diesem einsamen Ort zu leben. Man zieht nur Ungemach, Ärger und letztlich Gefahren auf sich, wenn man hier in Ecuador sein Glück in der Abgeschiedenheit der Natur sucht. Ich muss gestehen, gäbe es eine vollkommene Version dieses Landes, hätte es mich gereizt, an diesem Ort zu leben – nur schade, dass sich die Welt weder um Träume, noch um Vollkommenheit schert.

Seit dem Erdbeben scheint der Küstenstreifen verlassen. Nicht nur einmal drängt sich uns der Eindruck auf, viele hätten der Region für immer den Rücken gekehrt und die, die geblieben sind, wären noch hier, weil sie keinen anderen Ort hätten, zu dem sie Zuflucht nehmen könnten. Manch einer will aber gar nicht weg und wenn man hier geboren ist und sein ganzes Leben am Meer verbracht hat, ist die Aussicht, etwa in eine so bedrückende Stadt wie Quito zu ziehen, keine Perspektive, die man freudigen Herzens annehmen würde.

Diese merkwürdigen Gringos

Auf dem Rückweg stoppen wir kurz am Verkaufsstand des Kokosmannes, der uns den Weg zum Schmetterlingshaus gezeigt hatte. Wir nehmen einen Coco helado und genießen das erfrischende Getränk. Trotz des Regens, der am Nachtmittag zunächst als Nieselschauer einsetzt und sich dann zum Plattern verstärkt, ist es tropisch warm. Der Verkäufer posiert gern für ein Foto und ich stelle mich mit meiner Kokosnuss dazu. Die Aufnahme erhält mit Sicherheit einen bevorzugten Platz im Gringo-Reisealbum. Wir setzen uns mit unserem Coco ins Auto und gönnen uns eine kleine Verschnaufpause – nicht, dass unser Trip nach Mindo bis hierher so abenteuerlich gewesen wäre, dass wir unbedingt eine Pause nötig gehabt hätten. Es ist nur manchmal schön innezuhalten und einfach nur zu beobachten.

Ein älteres Paar kommt des Weges, beide unverkennbar Gringos und beide in der komisch-grotesken Unisex-Uniform der Hobbyornithologen: khakifarbenes Tropen-Outfit, das direkt aus dem Fundus von „Hatari“ zu stammen scheint; der Hosenbund der Shorts bis unter die Achseln geschnallt, so dass zumindest der Mann wie eine schlankere Ausgabe von Higgins, dem Verwalter auf Robin Masters Anwesen in „Magnum“, wirkt. Die Wanderstiefel mit unverwüstlicher Profilsohle und die fein säuberlich gerollten Socken über den dünnen Waden vervollständigen das Bild. Vor der Brust baumeln Feldstecher und dazu noch Kameras. In Gürteltaschen sind weitere Extras verstaut, die sicher dazu dienen, das Überleben in Extremsituationen zu gewährleisten – vielleicht greift ja einmal ein Vogelschwarm an, durch den Anblick der Hobby-Vogelkundler bis aufs Blut gereizt. Mit Extremsituationen hat man es in diesem Land wahrhaftig täglich zu tun! Da ist es beruhigend, wenn man das entsprechende Abwehrmittel immer griffbereit hat. Ich glaube, so mancher Ecuadorianer würde sich bekreuzigen wie beim Anblick des Leibhaftigen, wenn er jenes Grauen im Doppelpack unversehens zu Gesicht bekäme.

Schmetterlinge und Kolibris

Das Mariposario, das Schmetterlingshaus, befindet sich eine kurze Wegstrecke von Mindo entfernt. Man könnte laufen – laut Reiseführer, den ich mir sicherheitshalber eingesteckt habe, benötigt selbst der ungeübte Wanderer gerade eine Dreiviertelstunde. Doch im Gegensatz zu der Abzweigung, die von der Hauptroute nach Mindo abgeht, ist diese Straße nicht befestigt und der letzte Regen hat sie in eine einzige Schlammpiste verwandelt. Die Entdeckerlust in mir ist keineswegs so groß, dass ich es wegen einiger Schmetterlinge auf mich nehmen würde, durch den knöcheltiefen Matsch zu waten.

Wir nehmen also das Auto, wie fast alle anderen Besucher des Mariposarios. Ein paar allerdings trampen fröhlich durch den Modder – ich weiß allerdings nicht, welche Notwendigkeit besteht, zu Fuß zu gehen, wenn man bequem mit dem Auto fahren kann. Vielleicht sind sie ohne eigenen Wagen angereist. Der Weg zu den Schmetterlingen ist nicht sehr gut ausgeschildert und es gibt auch Abzweigungen, in die man sich verirren könnte. Auf halber Stecke fragen wir den Kokosmann nach dem richtigen Weg. Er zeigt ihn uns und bietet uns gleich einen Coco helado, eine eisgekühlte Kokosnuss, an. Wir lehnen dankend ab, doch wir beteuern, wir kämen auf dem Rückweg noch einmal vorbei. Der Parkplatz an der Schmetterlingsfarm ist mit Autos restlos zugestellt und so parken wir, wie Dutzende andere auch, einfach am Straßenrand.

Das Mariposario ist nicht weiter imposant. Eigentlich handelt es sich nur um eine Art Vivarium, nicht unähnlich der Tropenhalle im Tierpark Berlin (nur viel kleiner). Hunderte von bunten Schmetterlingen flattern durch die Luft und wenn man sie so sieht, wird einem plötzlich klar, wie treffend die Metapher von den Schmetterlingen im Bauch ist: Überall ist Bewegung, kaum je sieht man die Tiere einmal stillhalten und fast hat es den Anschein, sie flögen nicht, sondern sie schwebten einfach durch die Luft. Die Insekten sind die wahre Attraktion und man kann sich kaum sattsehen an den wunderschönen Farben, Mustern und Formen, die einem fortwährend wie ein bunter Blütensturm um den Kopf schwirren. Schalen mit Bananen- oder Mangopüree locken die Flattertiere in Scharen an, und da sie stillhalten, während sie sich das Festmahl einverleiben, kann man sie auch einmal in Ruhe fotografieren.

Merkwürdigerweise gibt es eine Lobby, die sogar noch die Dimensionen des Schmetterlingshauses übertrifft. Sie ist ausstaffiert mit bequemen Sitzecken und auf Beistelltischen liegen dicke Stapel der neuesten Illustrierten aus. Die Lobby verfügt über eine Galerie und die Wände sind geschmackvoll dekoriert. Zwei oder drei Gäste fläzen in den Sesseln und blättern gelangweilt in den Zeitschriften. Man fragt sich, warum ein relativ kleines Schmetterlingshaus, das doch der eigentliche Anziehungspunkt sein soll, solch eine riesige Lobby braucht. Doch nicht jeder mag Schmetterlinge und es könnte sein, dass es Menschen gibt, die die bunten Seiten einer Illustrierten dem bunten Geflatter vorziehen. Vielleicht aber hat einer der Initiatoren des Projekts nur zu oft „Jurassic Park“ gesehen und er glaubte daher, ein echter Naturerlebnispark brauche eine Lobby, die dieses Namens würdig ist. Gott sei Dank hat man kein Dinosaurierskelett unter die Decke gehängt. Bienvenidos al Mariposario!

Am Ende stellte sich heraus, dass meine Frau nur Karten für die Schmetterlinge gekauft hatte und nicht für die Kolibris. Doch im Garten rund um das Schmetterlingshaus hatte man in den Bäumen Rastplätze mit Zuckerwasserflaschen für die kleinen Vögel angebracht. Ein Dutzend smaragdgrüner Vögel schwirrte an diesem Tag zwischen den Bäumen umher. Wir verweilten und schauten den Vögeln dabei zu, wie sie ihre unglaublichen Flugkünste vorführten. Ihr Flügelschlag ist so schnell, dass das Auge nur ein Flirren wie von heißer Luft wahrzunehmen vermag. Manchmal schwebten die Vögel auf der Stelle, manchmal flogen sie rückwärts, dann wieder schossen sie mit wahnwitziger Geschwindigkeit durchs Geäst, stoppten vor einer der Plattformen und landeten zielsicher, um Zuckerwasser zu tanken. Man hatte wirklich den Eindruck, die Rastplätze wären Tankstationen, an denen fortwährend jemand landete oder wieder abflog, und es ging so geschäftig zu wie auf einem großen Flughafen.

Nicht viele der Gäste des Mariposarios schienen sich für die Kolibris zu interessieren. Die meisten liefen achtlos an den Vögeln vorbei. Einer versuchte gar, ihnen etwas von seinem Bier anzubieten, aber ich glaube kaum, dass so ein kleiner Vogel ein guter Zechkumpan wäre, denn er verträgt ja nicht viel. Mir ist indes völlig schleierhaft, warum man einen Naturerlebnispark überhaupt mit einem Bier betreten muss.

Surfer und ungewöhnliche Jobs

27. Dezember: Weihnachten ist vorbei und das Leben folgt allmählich wieder seinem gewohnten Rhythmus – wenn es je davon abwich. Wir fahren nach Canoa. Das Wetter ist umgeschlagen. Zwar ist es immer noch genauso warm wie an den vorangegangenen Tagen, aber der Himmel hat sich mit einer dicken Schicht aus grauen Wolken bedeckt und hin und wieder fallen ein paar Regentropfen. Es war mittlerweile fast Mittag geworden und unsere erste Station führte uns unweigerlich ins „Bambú“. Eigentlich wollten wir erst baden und dann essen, aber gegen ein so elementares körperliches Verlangen wie es Hunger nun einmal darstellt, lässt sich eben nicht ankommen. Außerdem war die Verführung einfach zu groß und das Lokal war um diese Zeit noch relativ leer, so dass wir einen guten Tisch ergattern konnten.

Mein Sohn bestellte für sich die ausgezeichnete Hühnchen-Lasagne, meine Frau nahm einen Salat und ich begnügte mich, da ich eigentlich gar keinen Hunger verspürte, mit einem geradezu göttlichen Batido de coco (einem dicken, süffigen Kokosshake). Wenn die Kokosnuss eine Bestimmung hat, dann doch wohl die, als Shake im „Bambú“ zu enden! Ein großes Kelchglas hätte sicherlich gereicht, um den Magen zu füllen, aber keineswegs um den Appetit zu stillen. Deshalb genoss ich noch ein zweites Glas. Danach fühlte ich mich dann allerdings wie eine Stopfgans und das reichhaltige Getränk sättigte mich für den ganzen Tag. Meine Frau, durch ihr Salätchen durchaus noch nicht gesättigt, bestellte sich dann aus Neugier auch noch einen Shake und auch sie war begeistert, wie unglaublich lecker er schmeckte. Als sie ihren Batido schlürfte, meinte sie, Coco sei eher eine Speise der Armen; Reiche würden die nahrhafte Nuss verschmähen. Ich kann mir allerdings kaum vorstellen, dass jemand diesen unglaublichen Shake zurückweisen könnte.

Am Tisch neben uns hatte eine junge Familie Platz genommen. Der Vater sah aus wie ein Gangster-Rapper und benahm sich auch so: Er trug eine bunte Cap, eine schwarze Sonnenbrille verdunkelte seine Augen und er hatte die ganze Zeit Ohrstöpsel im Ohr – selbst ich konnte die Musik hören, obwohl er einige Meter entfernt saß. Dann kam das Essen, für ihn jedoch kein Grund, die Hörer aus den Ohren zu nehmen oder die Mütze abzunehmen, geschweige denn die Sonnenbrille. Während er aß, hatte er auch noch Zeit, die neuesten WhatsApp-Nachrichten auf seinem Handy zu checken und darauf zu antworten. Seine Frau und seine kleine Tochter saßen wie ein paar Fremde mit am Tisch. Wie peinlich muss man denn sein, ehe man es selber merkt?

Das Meer vor Canoa war so herrlich und schien so ursprünglich wie beim ersten Mal, da ich diesen Ort besucht hatte. Die Flut lief ein und türmte die Wassermassen zu zwei Meter hohen Wellen, auf deren Kämmen Schaumkronen glitzerten. Die Brecher rollten weit auf den Sand. Der Strand selbst war an diesem Tag nicht übermäßig mit Badegästen gefüllt. Es war die Zeit zwischen Weihnachten und Silvester, die Schulen hatten Ferien und wer es sich leisten kann, fuhr an die See, um unbeschwerte Tage am Strand zu genießen. Dennoch wirkte der Strandbetrieb eher beschaulich und ich wunderte mich darüber – was könnte einen denn daran hindern, diesen wundervollen Ort zu besuchen?

An diesem Tag sah man viele Surfer und im Gegensatz zu ihren Kollegen in Long Beach, New York, vermochten diese Leute die Wellen wirklich zu reiten. In Long Beach hatte man etwa neunzig Prozent des Strandes als Surfer-Beach deklariert und an den Abschnitten, die den Surfern vorbehalten waren, sorgte die Strandaufsicht dafür, dass man dem Wasser auch ja nicht zu nahe kam. Ein paar Wagemutige versuchten ihr Glück in den nicht sehr hohen Wellen, aber meist lagen sie eher unter dem Brett, als dass es ihnen gelungen wäre, länger als zwei Sekunden darauf zu stehen. Hier in Canoa scherte sich niemand darum, ob Surfer und Schwimmer sich vertrugen, und an manchen Abschnitten des Strandes, an denen man besonders viele Bretter sah, war es ratsam, stets auf der Hut zu sein, damit einem nicht der Kopf von so einem dahinjagenden Brett von den Schultern getrennt wurde. Aber die Surfer waren verträgliche Leute und machten gern Platz und suchten sich ein anderes Revier, wenn sie sahen, dass zu viele Schwimmer im Weg waren.

Manche der Wellenreiter waren echte Könner: Sie ruderten zweihundert Meter auf die See hinaus und wenn sie dort, wo das Meer sich wie ein Berg aufzutürmen begann, eine Welle erwischten, ließen sie sich von ihr mit einer Leichtigkeit, um die man sie nur beneiden kann, bis zum Strand tragen. Einen jungen Surflehrer erkannte ich wieder. Seine bevorzugte Klientel sind dralle und immer weißhäutige Touristinnen, die er bäuchlings aufs Brett legt und dann durch die Wellen schiebt, dass sie nur so kreischen. Das ist sicherlich ein Job, für den sich in keinem Job-Center der Welt eine aussagekräftige Beschreibung finden ließe.

Am Nachmittag zog der Himmel immer mehr zu und dann begann es zu regnen. Der Regen war wie eine warme Dusche und obwohl ich bald völlig durchnässt war, fror ich kein bisschen. Man behielt die nassen Sachen einfach an und irgendwann würde die Sonne sie wieder trocknen. Bei einem Strandspaziergang kamen uns Einheimische auf Pferden entgegen. Sie fragten uns, ob wir auch einmal über den Strand reiten wollten. Ich hatte seit meiner Kindheit nicht mehr auf einem Pferd gesessen und das war wohl eher ein handzahmes Pony, das auch bloß brav im Schritt ging. Ich lehnte ab. Ein Stück weiter kamen uns Jungs auf Crossmaschinen entgegengeknattert. Sie versuchten mit den Reifen Kreise in den Sand zu ziehen, aber scheiterten jedes Mal jämmerlich. Um ein Haar wäre der eine von ihnen sogar gestürzt. Überhaupt schienen sie die Maschinen nicht sehr gut unter Kontrolle zu haben und wir hielten vorsichtshalber Abstand.

Die Flut türmte das Meer immer weiter auf. Wenn man im Sand saß und über den Strand zum Wasser blickte, hatte man den Eindruck, das Meer würde sich in einer gewaltigen Flut erheben und alles Land verschlingen. Unter dem grauen Himmel erschienen die Wassermassen wie ein schwarzer Berg, der sich mit ungezügelter Gewalt auf das Land warf. Der tiefhängende graue Himmel bewirkte, dass der Horizont tatsächlich höher zu liegen schien als das Land. Man fühlt förmlich, welch ungeheure Kraft dem Ozean innewohnt.

Es war mittlerweile später Nachmittag geworden und höchste Zeit für den Aufbruch. Wir verabschiedeten uns von Canoa und fuhren zurück nach Bahía. Von der Brücke aus, die das weite Delta des Río Chone überspannt, warfen wir einen letzten Blick auf einen fast schwarzen Pazifik unter einem bleigrauen Himmel.