Clash of Clans

Die Begegnung, die wir an diesem Abend haben sollten, war für mich in vielerlei Hinsicht lehrreich. Auch wenn das Gespräch, das sich zwischen uns und unserem Gastgeber entspann, sehr schnell offenbarte, dass uns Welten trennten, war es doch wider Erwarten kein unangenehmes Zusammentreffen. Im Gegenteil, unser Gastgeber verstand es, uns jederzeit das Gefühl zu geben, wir seien willkommen. Wir waren kaum je einer Meinung und dennoch kam nie der Eindruck auf, wir wären ihm darob weniger liebe Gäste.

Unser Gastgeber ist Politiker und offenbar hat er eine Mission. Zumindest erweckte er den Anschein, doch bei Politikern kann man das nie so genau sagen, denn eine Mission kann ein brauchbares Vehikel sein, die eigene Karriere voranzutreiben, und welcher Politiker käme nicht zu der Überzeugung, dass sein derzeitiger Platz in den Rängen der Politik keineswegs seiner wahren Bestimmung entspreche. Ich hatte den Verdacht, der Mann versuchte ernsthaft, uns zu seinen Ansichten zu bekehren, aber das ist vielleicht nur eine Berufskrankheit, wie das dauernde Siegerlächeln und der männliche Händedruck, eine Marotte, die man nur schwer wieder ablegen kann, nachdem man gezwungen war, sie anzunehmen.

Nur wenige Begegnungen bleiben einem derart im Gedächtnis haften und vor allem sind nur wenige wert, festgehalten zu werden. In mir reifte der Entschluss, von diesem Abend zu berichten. Sobald wir wieder zuhause waren, begann ich mir deshalb Notizen zu machen, denn dass Details mit der Zeit verschwimmen, ist so sicher wie das Delirium nach der samstäglichen Berliner Partynacht. Zudem ist das Gedächtnis ein unzuverlässiger Zeuge, denn es färbt die Erinnerungen stets in der Farbe, die ihm am angenehmsten ist.

Nach dem Erdbeben, das Bahía de Caráquez und die ganze Küstenregion von Esmeraldas bis nach Guayaquil getroffen hatte, versuchte meine Frau, ihrer Familie das Leben ein wenig erträglicher zu machen. Ihre Angehörigen leben in Bahía. Wir hatten haltbare Nahrungsmittel, Medikamente, Kleidung und auch zwei Zelte besorgt (nach dem Beben hatten alle Angst, in ihren Häusern zu schlafen) und wir beabsichtigten, die Sachen mit einem Hilfstransport an die Küste zu schicken.

Beinahe täglich machte sich damals ein Versorgungskonvoi zur Küste auf. Auch der Arbeitgeber meiner Frau, die Deutsche Schule Quito, engagierte sich mit einem Hilfsprogramm. Man organisiert einen großen Konvoi, der die Eingeschlossenen mit allem versorgen sollte, was sie in dieser kritischen Situation benötigten. Meine Frau wollte die Chance nutzen und zur Küste mitfahren, doch leider ergab sich keine Gelegenheit und dass sie die Kartons für ihre Familie einfach mitschickte, erwies sich aus vielerlei Gründen als unmöglich.

Wir überlegten nun, wie die Nahrungsmittel, die Kleidung und die Zelte nach Bahía gelangen könnten. Ein privat organisierter Transport – man hätte die Sachen mit dem Auto an die Costa schaffen können – wäre angesichts der zu erwartenden Schwierigkeiten kaum möglich gewesen: Die Straßen waren noch immer zerstört und eine ausufernde Kriminalität machte eine Fahrt an die Küste zu einem gefährlichen Abenteuer. Meine Frau war völlig verzweifelt, denn es schien, die Sachen würden nicht mehr rechtzeitig in Bahía eintreffen.

Enttäuscht und traurig räsonierte sie eines Tages vor einer ihrer Klassen darüber, dass sie keine Möglichkeit gefunden hätte, ihrer Familie zu helfen. Nach dem Unterricht suchte eine ihrer Schülerinnen das Gespräch. Sie eröffnete meiner Frau, dass es vielleicht doch möglich wäre, etwas nach Bahía zu schicken, denn ihr Vater organisiere selber einen Hilfstransport und dieser gehe schon am nächsten Tag zur Küste ab. Die Schülerin erklärte, ihre Familie würde sich sehr freuen, wenn meine Frau den Vorschlag annehmen könnte. Es gäbe genug Platz. Wir müssten die Pakete nur einfach noch an diesem Abend bei ihr in der Wohnanlage abgeben.

Am Abend luden wir die Kartons ins Auto und führen zu der Wohnanlage, in der die Familie des Mädchens residiert. Meine Frau war heilfroh, dass sich doch noch eine Möglichkeit ergeben hatte, etwas nach Bahía zu schicken. Zwar befindet sich die Urbanisation in Cumbayá, doch sie liegt in einer Gegend, die wir noch nie zuvor besucht hatten und deshalb wussten wir auch nicht, wie wir dorthin gelangen sollten.

Sucht man in Berlin einen unbekannten Ort, würde man einfach in die Straßenkarte schauen und in der Regel findet man auch, wonach man sucht. Da hier in Ecuador fast jeder in irgendeiner Urbanisation lebt und jede der Wohnanlagen einen unverwechselbaren Namen trägt, reicht es völlig aus, den Namen der Wohnsiedlung zu kennen. Leider sind Urbanisationen in keiner Karte verzeichnet (geschweige denn in den Karten des Navi) und wenn man sich, so wie wir, nicht auskennt, kann man manchmal wirklich verzweifeln.

Wir fragten Leute auf der Straße. Normalerweise erntet man als Antwort nur ein Schulterzucken oder eine vage Angabe, die sich als richtig oder falsch herausstellen kann (ehe die Leute zugeben würden, dass sie den Weg nicht kennen, sagen sie lieber irgendetwas, von dem sie bloß annehmen, dass es die richtige Richtung sei). Selbst in einer so überschaubaren Stadt wie Cumbayá geht die Zahl der Wohnsiedlungen in die Dutzende und nicht einmal die Alteingesessenen kennen alle.

Doch die Urbanisation, die wir suchten, war ausnahmsweise so bekannt, als würde man in Berlin nach dem Brandenburger Tor fragen. Jeder, den wir ansprachen, kannte sie nicht nur, sondern jeder konnte uns auch exakt beschreiben, wie wir dorthin gelangten. Ich konnte mich nicht entscheiden, ob ich dies für ein gutes oder ein schlechtes Zeichen halten sollte. Jedenfalls enthob es mich der Pflicht, durch das mittlerweile stockdunkle Cumbayá zu irren.

Die kaum noch beherrschbare Kriminalität zwingt die Menschen, sich in den Schutz von Mauern zurückzuziehen. Doch beschützte Wohnanlagen sind keineswegs nur einer Elite vorbehalten, wie die Burgen des Mittelalters dem Adel. Wohnanlagen gibt es fast in jeder Preisklasse und nur, wer wirklich arm ist, muss auf Schutz verzichten. Wenn man das Land nicht kennt, könnte man auf die Idee kommen, sich irgendwo ein Haus zu bauen und darin zu wohnen – warum auch nicht.

Man sollte davon tunlichst Abstand nehmen, denn ein ungeschütztes Anwesen stellt für die einschlägigen Milieus geradezu eine Einladung dar, die man nicht ausschlagen kann. Man darf damit rechnen, nicht nur einmal, sondern so viele Male ausgeraubt zu werden, bis es entweder nichts mehr zu holen gibt, oder bis man aufgibt und in eine sichere Wohnanlage umsiedelt. Wenn man dabei bloß mit dem Schrecken davongekommen ist, hat man noch Glück gehabt.

Die Urbanisation, die wir an diesem Abend besuchten, gehört zweifellos zu den teuersten Orten der Stadt und sie ist darum auch besonders gut geschützt. Bis zu diesem Zeitpunkt wusste ich nicht, dass es Wohnanlagen in der Wohnanlage gibt. Das klingt verrückt, ist aber nur Teil des allgemeinen Wahnsinns, den dieses Land befallen zu haben scheint.

Direkt an der Straße befindet sich das große Tor, welches – wie hierzulande üblich – mit Schranken und Kameras gesichert ist und das von recht martialisch wirkenden Wächtern bewacht wird. Wer Einlass begehrt, muss sich ausweisen, und wie ein Fremder vor dem Tor einer mittelalterlichen Festung wird man von den Wachen nach dem Begehr gefragt. Ohne einen handfesten Grund wird man nicht eingelassen und darüber hinaus muss man auch noch jemanden kennen, der hier wohnt, andernfalls hat man schlechte Karten. Wollte man sich etwa als Miet- oder Kaufinteressent die Anlage einfach nur einmal anschauen, wäre man gehalten, einen akkreditierten Makler zu beauftragen und einen Termin zu vereinbaren. Der Sicherheitswahn hierzulande grenzt schon an Paranoia und er scheint umso ausgeprägter, je nobler die Immobilie ist. Diese hier schien besonders teuer.

Nachdem man glücklich durch die Sicherheitskontrollen gekommen ist und die Torwächter passiert hat, bewegt man sich auf scheinbar gewöhnlichen Straßen, als wäre man in einer normalen Stadt, mit dem Unterschied, dass eine Urbanisation von einer normalen Stadt ungefähr so weit entfernt ist wie das „Venetian“ in Las Vegas von der echten Lagunenstadt. Es gibt nur Straßen und Mauern und hinter diesen Mauern residiert eine Oberschicht, die um nichts mehr fürchtet als um ihren kostbaren Besitz und um ihre Sicherheit. Diese Urbanisation war anders als alle Wohnanlagen, die wir bisher gesehen hatten, denn kaum waren wir vom Wachpersonal durch den äußeren Mauerring geschleust worden, standen wir nach nur ein paar Wegbiegungen vor einer weiteren Mauer.

In „Clash of Clans“, dem wuseligen Online-Computerspiel, hat man nur dann eine Chance, dem Ansturm einer feindlichen Armee zu widerstehen, wenn man die Mauern der eigenen Stadt ordentlich verschachtelt, denn dadurch zwingt man den Feind, immer neue Wälle zu bestürmen, kaum dass er ein Hindernis überwunden hat. Angesichts der himmelwärts strebenden Mauern, hinter denen man sich in dieser Wohnanlage verschanzte, hätte man glauben können, im Lande tobe ein Belagerungskrieg, nur dass die Eloy sich vor den Nachstellungen der Morlocks für diese unerreichbar in ihren Wohnquartieren eingeigelt hatten.

Jede dieser Suburbanisationen ist eine Welt für sich, eine kleine Festung, deren Bewohner den Anfeindungen einer feindlichen Umwelt hinter schier unüberwindlichen Mauern zu trotzen versuchen. Jedes einzelne dieser Quartiere hat seine eigenen Regeln – man möchte fast sagen, seine eigenen Gesetze – und selbstverständlich hat es auch sein eigenes Personal. Jede Untereinheit hat ihre Wachmannschaft, so wie der äußere Mauerring ebenfalls sein eigenes Personal beschäftigt. Man mag dies für absurd halten, aber auf diese Weise werden Absprachen unter den Angehörigen des Wachschutzes erschwert und man kann sich wieder ein ganzes Stück sicherer fühlen. Es kann nämlich sehr gefährlich sein, wenn Insiderwissen von einem Ort wie diesem, an dem sich so viel Reichtum und Prominenz konzentriert, nach außen sickert.

Das wichtigste Merkmal, anhand dessen man die Wächter unterscheiden kann, ist die Uniform: Die Schutztruppe jeder einzelnen Unterwohneinheit hat eine eigene Dienstkleidung, die sich in Farbe und Schnitt deutlich von den Uniformen der Kollegen in den anderen Quartieren unterscheidet – für Leute mit einem Uniformfetisch ein Traum: Man fährt einmal die Urbanisation ab und in einer Stunde hat man mehr paramilitärisches Gepränge gesehen als auf einem internationalen Polizeikongress mit anschließender Parade aller Teilnehmer in voller Montur.

Einmal in der Anlage, erwies es sich als kein leichtes Unterfangen, das Haus der Familie zu finden. Keines der Häuser ist nummeriert und Namensschilder sucht man an den Türen ebenfalls vergeblich – es wäre ja auch zu schön, wenn man Einbrechern noch einen Hinweis geben würde, wo man nach wertvollem Raubgut zu suchen hätte. Doch es ist egal, in welches Haus man einbricht, ein Raubzug würde überall lohnen. Und die Bewohner des Viertels brauchen keine Namensschilder, da anzunehmen ist, sie wissen, wo sie wohnen. Wir fuhren ziellos auf den sauber gefegten Straßen umher, vorbei an Briefkästen und gepflegten Vorgärten mit akkurat getrimmten Rasenflächen.

Es war ein milder Abend und die Leute ließen die Türen offen, so dass man von der Straße aus ins weitläufige Souterrain ihrer Häuser blicken konnte: Die Familien hatten sich vor dem Kamin versammelt und Opa und Oma wurden von einer Schar adrett gekleideter Enkel umschwärmt – ein Bild wie aus der Kaffee-Jacobs-Weihnachtswerbung. In jeder echten Stadt wäre man des Wahnsinns, würde man die Türen zu dieser nächtlichen Stunde sperrangelweit offen stehen lassen, aber eine Urbanisation, zumal eine so teure wie diese, gleicht viel eher einem luxuriösen Millionärsgefängnis. Zwei Mauerringe sowie eine Armee von Wachhunden sorgen zuverlässig dafür, dass all die guten Leute aus „guten“ Familien keine Belästigungen fürchten müssen. Das ist das Leben, wie es jeder gern hätte – sicher und friedlich –, aber wie es sich nur wenige wirklich leisten können.

Um den Kontrast zu verdeutlichen, sei an dieser Stelle folgende Anekdote eingeflochten: Ein Freund von uns wohnt in Guayaquil. Eines Abends stand er mit einigen guten Bekannten vor der Haustür. Man unterhielt sich, trank vielleicht auch ein bisschen und genoss die abendliche Stimmung. Insgesamt waren ihrer sechs oder sieben Personen vor dem Haus versammelt. Plötzlich tauchten zwei Motorräder auf. Niemand rechnete mit etwas Schlimmem, doch als man die Motorräder heranbrausen sah, ahnte man bereits, was folgen würde: Die bewaffneten Fahrer zwangen alle Anwesenden, Geld und Schmuck herauszugeben und sie verschwanden ebenso blitzartig, wie sie aufgetaucht waren. Am nächsten Tag ging der Schwager unseres Freundes mit seinem Neffen in den Park. Leider vergaß er, das Garagentor abzuschließen. Als er wieder zu Hause war, stellte er fest, dass die Mikrowelle fehlte. Wer sich da den Luxus uniformierter Wächter leisten kann, hat zumindest den Vorteil, dass er seine Mikrowellengerichte nicht kalt essen muss.

An den Eisen

Ich wollte wieder einmal „ordentlich“ trainieren. Wer schon je versucht hat, in den eigenen vier Wänden seinen Leib zu stählen, weiß, dass das Training im trauten Heim lange nicht dieselbe Güte hat wie ein Workout in einem richtigen Studio. Man ist immer zu nah an seinen Gewohnheiten und zwischen Sessel und Couch will nicht die Rechte Stimmung fürs Gewichtestemmen aufkommen: Immer überlegt man, ob man noch einen Satz Curls macht, oder ob man an den Kühlschrank geht und sich etwas Leckeres zu essen holt; ob man sich noch einmal durch Ausfallschritte quält oder sich nicht doch lieber auf das schöne weiche Sofa wirft. In einem Studio ist man solcher nur allzu menschlichen Versuchungen enthoben und hat man den beschwerlichen Weg zur Stätte des Ruhmes erst einmal zurückgelegt, gibt es nichts, was dann noch zwischen der eigenen Entschlossenheit und den Eisen steht.

In Cumbayá gibt es tatsächlich eine ganze Reihe von Orten, die sich euphemistisch als „Studio“ bezeichnen. Viele davon verfügen allerdings nur über einen einzigen Kursraum, in dem irgendein Zirkeltraining veranstaltet wird. Andere wirken so heruntergekommen wie die speckigen und in Schweißduft getauchten Hinterhofverliese, denen man im Berlin der Neunziger hier und da noch begegnen konnte. Unwillkürlich muss ich immer an die Szene in „Rocky“ denken, in der Balboa wie wahnsinnig auf Rinderhälften einprügelt. Man möchte in solchen Studios eigentlich nichts anfassen, am allerwenigsten die Hanteln, die nicht nur so aussehen, als wären sie durch viele Hände gegangen und noch nie gereinigt worden. Da könnte man auch gleich mit Rinderhälften trainieren. Das wäre auch hygienischer.

Alle Studios in Cumbayá sind wahnwitzig teuer. Für die Beiträge, die hier für einen Monat erhoben werden, könnte man sich in Berlin fast schon in einen Nobelclub einmieten. Dabei lässt die Ausstattung oft zu wünschen übrig und in manchem schicken Studio gibt es nicht einmal Hantelständer, etwa um Kniebeugen auszuführen, oder Klimmzugstangen. Dafür aber werden jede Menge sinnloser Kurse angeboten und man fragt sich, wer so etwas haben möchte. Kniebeugen scheinen hingegen unbekannt zu sein und so begegnet man immer wieder Trainierenden mit dicken Armen und bemitleidenswert dünnen Oberschenkeln. Wie richtig trainiert wird, wissen offenbar die wenigsten, wahrscheinlich nicht einmal die Trainer.

Merkwürdig genug, erlebt Cumbayá, ja, das ganze Land, derzeit einen Crossfit-Boom ohnegleichen. Überall schießen Crossfit-Studios aus dem Boden und die meisten sind nicht einmal schlecht. Die Einrichtung ist zweckmäßig und funktional und das Equipment ist oft nagelneu. Freilich bietet ein Crossfit-Studio lange nicht die Möglichkeiten, die man in einem konventionellen Studio erwarten kann. Crossfit erfreut sich dennoch ungeheurer Beliebtheit, obwohl auch hier die Preise alles andere als angemessen sind.

Bei uns in der Nähe befindet sich „Nouba Crossfit“, einer der zahlreichen Triebe am Stamme der Crossfit-Bewegung. Die Räumlichkeiten des Studios erwecken eher den Eindruck einer Schulsporthalle denn den eines Gyms. Eigentlich handelt es sich nur um einen großen Raum mit hoher Decke und einem Gummifußboden, der an die Ausnüchterungszelle der Bahnhofspolizei gemahnt. Alles ist äußerst karg eingerichtet und auf Funktionalität abgestimmt. Die Wände hat man weiß gestrichen und sonst gibt es eigentlich nicht viel, woran sich das Auge festhalten könnte. Das Equipment ist überschaubar: Langhanteln, Kugelhanteln, Medizinbälle, Klimmzugstangen und zwei Ruderergometer. Trainiert wird vor allem mit Langhanteln. Die Kettlebells habe ich noch nie zum Einsatz kommen sehen, ebenso wenig die Medizinbälle.

Wenn ich in einem Crossfit-Studio trainiere, beschränkt sich mein Workout mangels anderer Möglichkeiten auf Kniebeugen, Kreuzheben, Klimmzüge, Rudern und Schulterdrücken. Das ist eine ganze Menge und mehr als ausreichend, um ein anspruchsvolles und gutes Workout zu gewährleisten. Ich bin nicht erpicht darauf, meine Trainingsgewichte zu maximieren, mir kommt es vielmehr darauf an, in jeder Wiederholung eine saubere Übungsausführung zu gewährleisten, denn schließlich werden die Gelenke mit den Jahren nicht besser. Wichtig ist, dass man ein gutes Muskelgefühl hat und ein guter Pump nach dem Training ist allemal mehr wert als die Befriedigung darüber, es wieder einmal allen im Studio gezeigt zu haben.

In den Pausen beobachte ich immer die Crossfitter (mangels anderer Ablenkungen). Eine Crossfit-Einheit dauert dreißig Minuten und wird unter Anleitung eines Trainers in der Gruppe absolviert. Alle halbe Stunde kommt eine neue Gruppe ins Studio. Die Stärke variiert, doch in der Regel kann man mit bis zu zwanzig Teilnehmern rechnen. Das ist nicht wenig und das Studio kann sicher gut davon leben, denn jeden Tag werden gut ein Dutzend Kurse angeboten. Jeder der Teilnehmer zahlt siebzig Dollar pro Monat – für zwei Trainingseinheiten pro Woche à dreißig Minuten (das entspricht etwa der durchschnittlichen Trainingsrate) erachte ich eine solche Summe als maßlose Übertreibung.

Ich habe eigentlich nichts gegen Crossfit an sich und hin und wieder übernehme ich Elemente daraus auch in mein Training, aber wenn man dem Treiben so zuschaut, muss man ernstlich um die Gesundheit so manches Kursteilnehmers fürchten. Ich weiß nicht, warum es Trainer gibt – ein Trainer ist immer im Kurs anwesend –, wenn die Leute am Ende viel zu große Lasten mit elend schlechter Technik zu heben versuchen. Aber anscheinend geht es beim Crossfit nicht darum, ein Gewicht mit korrekter Technik zu bewältigen, sondern nur darum, ein möglichst schweres Gewicht mit welcher Technik auch immer zur Hochstrecke zu bringen – wenn es sein muss, auch ganz ohne Technik. Man wundert sich manchmal nur, warum nicht alle paar Minuten irgendeine Bandscheibe herausploppt.

Die meisten der Kursteilnehmer sind jung und junge Gelenke verzeihen bekanntlich noch so manche Torheit. Das ist vielleicht auch der Grund, warum man in den Kursen niemanden sieht, der die Vierzig überschritten zu haben scheint. Wenn ich bei „Nouba Crossfit“ trainiere, bin ich oft der mit Abstand Älteste, aber ich bin ja auch kein Crossfitter und deshalb halte ich mich lieber fern von Übungen, mit denen man sich die Gelenke in Windeseile ruiniert. Nur beim Snowboarden geht es wahrscheinlich noch schneller.

Um ihre Gelenke scheinen sich die Teilnehmer der Kurse aber weit weniger Sorgen zu machen als ich: Wenn sie Kniebeugen machen, sieht man sie auch noch die letzten Zentimeter bis auf die Fersen herabsinken, als würden sie sich in Postion bringen, ihre Notdurft zu verrichten. Und wenn das Gewicht zu schwer ist, was nicht selten der Fall zu sein scheint, versuchen sie sich mit Schwung nach oben zu federn.

Wirklich bedrohlich wird es beim Kreuzheben: Der Rundrücken und Knie, die unter der Last wie beim Foxtrott nach innen einknicken, sind fast die Norm. Dabei bewegen die Leute Gewichte, die wirklich beachtlich sind. Ich frage mich ein ums andere Mal, ob sie sich damit wirklich etwas Gutes tun. Aber sie scheinen davon überzeugt zu sein. Der Teamgeist befeuert ihr ruchloses Tun: Wenn es einem gelingt, sein Gewicht mit haarsträubender Technik zu heben, applaudieren die anderen, als hätte er wirklich eine Leistung vollbracht, die verdiente, gewürdigt zu werden.

An Tagen, an denen Kniebeugen ausgeführt werden, bricht die Hälfte unter der Last zusammen. Viele kommen aus der Hocke nicht mehr hoch und müssen die Hantel nach hinten abwerfen. Manch einen habe ich schon mit der Last im Kreuz auf die Knie fallen sehen und wann immer ich diese mittlere Katastrophe erlebe, will mir scheinen, jetzt seien die Bänder wirklich hinüber. Kaum auf dem Boden, kippen die Leute mit der Hantelstange nach hinten um wie die Limbo-Tänzer. Schon der gesunde Menschenverstand müsste diesen treuen Crossfit-Adepten sagen, dass ein Knie, sofern es sich nicht um eine haltbare Titan-Prothese handelt, solch eine Misshandlung keineswegs ein ganzes Leben lang aushält. Von all dem Gewichtewerfen scheppert und knallt es in der Halle, als würden die Arbeiter einer Eisengießerei plötzlich Amok laufen und Eisenbahnräder herumschleudern.

Ich vermute, viele der jetzt noch agilen Crossfitter werden mit vierzig Gelenke wie Pinocchio die Marionette haben und spätestens mit fünfzig wird der Orthopäde ihr bester Freund sein (und vielleicht auch ihr einziger, weil sie ohne ihre Krücken nirgendwo mehr hinkommen). Doch wenn ich meine Kniebeugen mache und dabei die Wiederholungen langsam ausführe, mit dem Gesäß nicht bis zum Boden heruntertauche und davon Abstand nehme, die Knie vollständig durchzustrecken, ernte ich Blicke, als wäre ich der Idiot und sie die Olympioniken. Aber die Zeit arbeitet für mich – und gegen sie.

Ich weiß nicht, ob diese Leute schon einmal von Trainingsmethodik gehört haben. Außer, dass man offenbar bei jeder Gelegenheit versucht, maximale Gewichte zu verwenden, habe ich noch keine Methode erkennen können. Einen sah ich einmal Wallballs mit einem schweren Medizinball ausführen (das war das einzige Mal, dass ich jemanden mit einem Medizinball trainieren sah). Er stieß den Ball zwanzig Minuten lang fast ununterbrochen die Wand hinauf. Nach zehn Minuten atmete er wie ein Asthmatiker, dem man die Katze zum Streicheln in den Arm gelegt hat, und gegen Ende bekam er regelrechte Erstickungsanfälle. Er stöhnte wie ein Schmerzpatient, dem das Morphium ausgegangen ist.

Sicher kann ein Workout, das die gesamte Körpermuskulatur beansprucht, ungeheuer anstrengend sein, aber nachdem er seine „Übung“ beendet hatte, lag er eine Stunde lang komatös auf der Matte. Weder bewegte er sich, noch schien er ansprechbar – für mich ein klarer Fall für den Rettungssanitäter. Doch man ließ ihn einfach am Rande der Matte liegen wie ein benutztes Handtuch und beachtete ihn nicht weiter. Später hatte er sich wieder erholt, zumindest war er ansprechbar und er kam auch wieder aus eigener Kraft auf die Beine, doch er wankte aus dem Studio, als hätte er nicht Bälle sondern Tequilas gestemmt.

Ganz so schlimm würde ich es natürlich nicht treiben, aber nachdem ich während eines Zeitraumes von einigen Monaten keine Kniebeugen hatte ausführen können, fand ich, es wäre eine ganz fabelhafte Idee, es mit zehn Sätzen à zehn Wiederholungen nach Art einer German-High-Volume-Einheit zu versuchen (wahrscheinlich habe ich mich doch vom Enthusiasmus der Crossfitter anstecken lassen). Das Gewicht war recht niedrig (achtzig Kilo) und wider Erwarten kam ich erstaunlich leicht durch die Sätze. Fast war ich versucht, die Last zu steigern.

Zum Glück habe ich es nicht getan, denn die nächsten drei Tage litt ich an Ganzkörperschmerzen wie ein Alkoholiker auf kaltem Entzug. Jeder einzelne Muskel tat weh, nicht nur die Oberschenkel, und ich wusste kaum, wie ich nachts liegen sollte. Ich bewegte mich durch die Wohnung wie ein steinalter Greis – vielleicht ein Vorgeschmack auf später. Doch das war nur die gerechte Strafe für Unbesonnenheit. Manche Dinge sollte man eben überlegt angehen und gerade im Training ist weniger manchmal eben doch mehr (aber nicht nur im Training).

Eine wahre amerikanische Odyssee

Ich habe diesen Artikel schon einmal gepostet (zum originalen Blogpost geht’s hier). Als ich aber kürzlich meine Notizen durchsah, stellte ich fest, dass ich damals vieles ausgelassen hatte – aus Zeitgründen, aus Gründen der Bequemlichkeit oder weil ich meine verstreuten Notizen nicht für wichtig genug erachtete. Dass etwas fehlte, wurde mir jedoch erst klar, nachdem ich den Artikel wieder gelesen hatte – merkwürdig, dass man sich selbst belügen kann, obwohl man sich doch jederzeit völlig durchschaut.

Ich habe nun den ursprünglichen Artikel um die fehlenden Teile ergänzt. Hier und da habe ich ihn vorsichtig aufgefrischt, denn man kann sich noch so viel Mühe geben – die eigenen Texte bleiben eine ewige Baustelle. Gern hätte ich ein paar Fotos eingestellt, doch leider hat man letztes Jahr in unsere Wohnung in Santa Inés eingebrochen. Unsere Laptops und die Kamera wurden gestohlen und alle Bilder, die wir bis zu diesem Zeitpunkt aufgenommen hatten, sind verloren. Denn dass alle Geräte auf einmal abhanden kommen sollten, damit rechnet man nun doch nicht. Und glauben kann man es ohnehin nicht, auch wenn es dann tatsächlich passiert (erhalten haben sich nur die Bilder, die ich schon auf die Website geladen hatte – es sind leider viel zu wenig).

Hier nun lege ich noch einmal den Bericht von unserer amerikanischen Odyssee vor, einer Odyssee wohlgemerkt, die keinen so versöhnlichen Ausgang finden sollte wie die Irrfahrt des berühmten Griechen. Zum Glück mussten wir keine gefräßigen Zyklopen täuschen und auch nicht die tödlichen Sirenenfelsen umschiffen. Ich hatte es nur mit der Autovermietung zu tun, doch am Ende war ich mir nicht mehr ganz so sicher, ob der Zyklop nicht doch der angenehmere Zeitgenosse wäre.

Ich habe den ursprünglichen Artikel nun auf mehrere Posts verteilt, denn mit den Ergänzungen wäre der Text viel zu lang geworden. Jetzt kann man sich zwischendurch auch einmal eine Pause gönnen und außerdem ist jeder einzelne der überarbeiteten Artikel thematisch gestrafft, was die Lesbarkeit erleichtern dürfte. Viel Spaß beim Lesen!

Auf den Spuren Humboldts

Die Straße nähert sich dem Vulkan von Südwesten und schlägt dann am Fuß des Berges einen weiten Bogen nach Norden, wo sie schließlich auch wieder aus dem Park hinausläuft. Die nördliche Route ist weit weniger befahren als die südliche und die meisten Besucher reisen auf demselben Weg zurück, auf dem sie in den Park gelangt sind. Unterhalb der Flanken des Berges sahen wir immer wieder Pferde auf der kargen Hochebene weiden. Ich wunderte mich aber, warum man nirgends Lamas oder Alpakas begegnet. Fast hat es den Anschein, die einheimischen Spezies sind in Ecuador zur Rarität geworden.

Unterhalb der nördlichen Flanke des Vulkans kamen wir zu einem wüsten Feld, das über und über mit Gesteinsbrocken übersät war. Die Trümmer hatte der Berg beim letzten Ausbruch im Jahre 1904 herausgeschleudert. Viele der Brocken, die über die Ebene verstreut lagen gleich Hagelkörnern nach einem heftigen Schauer, waren groß wie Kühlschränke und manche hatten sogar die Ausmaße von Autos, aber der Vulkan hatte sie durch die Luft geworfen, als wären sie Popcorn, das knisternd aus dem Topf springt. Die Flur war dicht gespickt mit den tonnenschweren Monolithen und fast hatte man den Eindruck, sie wären aus steinerner Saat der Erde entsprossen und warteten nur darauf, von Giganten geerntet zu werden.

Ich habe einmal gelesen, wenn man als Vulkanologe von einem Ausbruch überrascht wird, ist es der Gesundheit zuträglicher, man schaut nach oben, in den Himmel, statt nach unten, auf den Weg. Denn wenn man sieht, dass ein Felsblock im Begriff ist, auf einen niederzufallen als wäre er eine Smartbombe, abgefeuert von einer Killer-Drohne, können einem schnelles Reaktionsvermögen und ein beherzter Sprung das Leben retten. Ich bin natürlich kein Vulkanologe, aber ich werde es mir merken – für den nächsten Besuch.

Die „Humboldtsche Straße der Vulkane“ führt vom Cotopaxi aus immer geradeaus nach Norden. Hat man den Bergriesen erst einmal hinter sich gelassen, ist man auf sich selbst gestellt, denn fast alle Besucher des Parks reisen durch den Südausgang und dann weiter auf der Panamericana zurück nach Quito. Die Route über die Panamericana ist der kürzeste und schnellste Weg zurück in die Zivilisation und vor allem fährt man auf der schön ausgebauten Autopista viel bequemer als auf der holprigen Humboldtschen Straße. Die Anreise von Quito aus hatte kaum eine Stunde in Anspruch genommen, zurück brauchten wir fast vier Stunden.

Sobald man den Vulkan im Rücken hat, ändert sich der Zustand der Straße von einer glatten Schotterpiste hin zu einem von Erosionsrinnen und Schlaglöchern zerfressenen Allrad-Parkour. Felsbrocken, groß wie Fußbälle, liegen über den Weg verstreut gleich Landmienen und man muss höllisch aufpassen, dass man sich nicht den Unterboden ruiniert. An einigen Abschnitten der Straße kommt man kaum schneller als in Schrittgeschwindigkeit voran und der Zustand der Fahrbahn stellt wahrscheinlich das Limit dessen war, was ein Auto ohne Allradantrieb gerade noch bewältigen kann. Wer aber lieber bequem fährt, dem sei die Rückkehr über die Panamericana ans Herz gelegt.

Unterhalb des Vulkans, aber schon zum nördlichen Ausgang hin, liegt eine Hacienda in der trostlosen Einsamkeit der Hochebene. Manche der großen Landgüter gehen auf Gründungen des 16. oder 17. Jahrhunderts zurück. Dabei kam es vor, dass man Grundmauern aus der Zeit der Inkas in den Bau integriert hat, nicht anders als man Kirchen und Klöster auf den Fundamenten ehemaliger Tempel und Paläste errichtete. Die meisten Haciendas sind schon lange keine produzierenden Landwirtschaftsbetriebe mehr. Einige Güter wurden aufwändig restauriert und dem Tourismus zugänglich gemacht. Eine stilechte Übernachtung in den alten spanischen Gemäuern ist aber alles andere als erschwinglich und mehr als die erkleckliche Summe von zweihundert Dollar für die Nacht ist eher die Regel als die Ausnahme. Doch zumindest kann man sich einmal im Leben wie ein richtiger Latifundista fühlen.

Das Herrenhaus der Hacienda liegt so verlassen in der Landschaft, dass man sich unwillkürlich fragt, wer außer den hartleibigsten Eskapisten hier gern Urlaub machen würde. Aber vielleicht reicht ja eine Nacht, um sich zu sammeln und auf sich selbst zu besinnen. Länger würde man es wahrscheinlich sowieso nicht aushalten, denn ringsherum gibt es im Grunde nichts, worauf der neugierige, forschende Geist seine Aufmerksamkeit richten könnte: Abseits der ausgewiesenen Pfade darf man nicht durch den Páramo streifen und der Vulkan ist fast ständig in dichte Wolken gehüllt. Wahrscheinlich fühlt man sich schon nach kurzer Zeit ziemlich einsam.

Eigenartig ist, dass Steinmauern die Hacienda umgeben und den Besitz von der Außenwelt abgrenzen. Wer würde in dieser kargen und menschenleeren Landschaft das Stück Land innerhalb der Mauern, das genauso karg und menschenleer ist, betreten wollen und vor allem, in welcher Absicht? Es gibt ja nichts, das man stehlen könnte, und der eisige Wind streicht diesseits genauso wie jenseits der Mauern über das Land.

Erst nachdem man den Park durch den nördlichen Ausgang verlassen hat, wird die Straße wieder besser, und eigentlich befindet man sich erst jetzt auf der berühmten Humboldtschen Route. Der preußische Naturforscher ist in Ecuador wie in allen Ländern des südamerikanischen Kontinents, in denen man Spanisch spricht, fast schon so etwas wie ein Volksheld. Jeder kennt natürlich Humboldt, aber ich habe leider vergessen, die Leute zu fragen, ob sie wüssten, dass ihre Straße nach ihm benannt ist. Ich wäre wirklich gespannt gewesen auf ihre Antwort. Leider kam mir der Gedanke erst hinterher.

Wen könnte der Name „Humboldtsche Straße der Vulkane“ nicht beeindrucken, doch wenn man sich dann tatsächlich auf der berühmten Route befindet, ist man überrascht, bloß einen schmalen Kopfsteinpflasterweg vorzufinden. Ich war keineswegs enttäuscht, denn diese nostalgische Straße wie aus einer Reisebeschreibung Theodor Fontanes wird dem Geist und dem Andenken des berühmten Forschungsreisenden viel besser gerecht als eine moderne Autopista mit Bogenlampen und Leitplanken. Humboldt gilt als der Pate so mancher Entdeckung und als begehrter Namenspatron obendrein; erinnert sei an den Humboldt-Strom und den Humboldt-Pinguin. Dieser Straße aber hat man seinen Namen sicher nur ehrenhalber verlieren (immerhin ist verbürgt, dass er wirklich durch diese Gegend zog), denn die Vulkane waren ja schon seit jeher bekannt.

An diesem Tag waren wir allein unterwegs auf der Straße der Vulkane, aber wahrscheinlich wären wir es auch an jedem anderen Tag gewesen. Beiderseits des Weges findet man ein ländliches Postkartenidyll, das bis heute von einem metastatisch ausufernden Tourismus verschont geblieben ist. Es gibt keine asphaltierten Straßen, keine Hotels, keine Parkplätze und vor allem keine Touristen. Vor über zwanzig Jahren, als ich das Land zum ersten Mal besuchte, sah es in Ecuador fast überall so aus, doch seitdem ist viel Wasser den Río Napo hinuntergeflossen.

Die Zeit ist nicht stehengeblieben und selbst dieser verschlossene Landstrich am äußersten Rande des Erdkreises musste irgendwann einmal aus seinem Dornröschenschlaf erwachen. Doch dieses unscheinbare Fleckchen Ecuador beiderseits der Straße der Vulkane scheint sich seit den Zeiten Humboldts kaum verändert zu haben. Und so kann man auch heute noch einer Ursprünglichkeit begegnen, die anderswo längst verschwunden ist in einer Welt, die sich immer schneller um sich selbst zu drehen scheint.

Die Landschaft ist so schön, dass man alle paar Hundert Meter halten und Fotos machen möchte. Die liebliche grüne Flur schmiegt sich sanft wie ein Traum von Elysium in die Hügel. Wiesen, Weiden und Wälder wechseln einander in rascher Folge ab. Es ist nicht schwer sich vorzustellen, wie Humboldt und Bonpland vor über zweihundert Jahren über diese Straße zogen und wie sie unablässig Proben sammelten, Messungen vornahmen, sich Notizen machten und staunten und ihr Forscherglück gar nicht fassen konnten. Vor lauter Beschäftigtsein hatten sie wahrscheinlich gar keine Zeit, sich der Schönheit dieses reizenden Fleckchens Ecuador bewusst zu werden.

Am Straßenrand sahen wir Einheimische Mora-Beeren pflücken. Die Ernte der fast schwarzen Früchte scheint sich hierzulande ähnlicher Beliebtheit zu erfreuen wie in Deutschland das Pilzesammeln. „Mora“ wird immer mit „Maulbeere“ übersetzt, aber eigentlich handelt es sich um Brombeeren. Die Büsche wuchsen so dicht, dass man den Eindruck hatte, die Straße schneide sich durch eine endlose Wildnis aus Brombeergestrüpp. Wir fragten zweimal nach dem Weg. Die Leute meinten gutmütig, wir sollten der Straße einfach nur folgen, dann kämen wir schon irgendwann nach Quito. Sicher werden sie nicht oft nach dem Weg gefragt.

Ganz gewiss gab es schon zu Humboldts Zeiten eine Menge zu sehen, denn schließlich heißt die Route, auf der die berühmten Reisenden wandelten, nicht ohne Grund „Straße der Vulkane“. Uns aber war das Wetter leider nicht gewogen: Der Himmel war grau in Grau und undurchdringlicher Dunst lag über dem Horizont – man hätte nicht einmal erahnen können, wo die Bergriesen ihre schneebedeckten Gipfel in die Höhe reckten.

An einer Weggabelung trafen wir eine Frau in der Tracht der Indigenen. Man begegnet in der Landschaft mehr Kühen als Menschen, und wenn einem schon einmal jemand über den Weg läuft, sollte man unbedingt halten, denn man weiß nie, wann die nächste Gelegenheit kommt, Auskünfte einzuholen. Wir fragten die Frau, welcher der richtige Weg nach Quito sei, und bei dieser Gelegenheit wollten wir auch gleich wissen, wo denn die Vulkane wären, die uns der Reiseführer versprochen hatte und für die diese Straße berühmt ist.

Wahrscheinlich klang unsere Frage wie ein Vorwurf, gerade so, als machten wir die Frau persönlich dafür verantwortlich, dass man nichts sah. Wie um sich von jeglicher Schuld reinzuwaschen, zeigte sie mit ausgestrecktem Arm siebenmal zielsicher jeweils in eine andere Richtung und sagte dabei aus dem Effeff die Namen der Berge der Reihe nach her. Man konnte wirklich nicht das Geringste erkennen, aber irgendwo hinter dem Dunst warteten die Vulkanriesen darauf, von neugierigen Augen entdeckt zu werden. Nur an diesem Tag wollten sie sich leider nicht zeigen.

Von diesem Punkt an schien sich die Rückreise zu beschleunigen. Humboldt und seine Vulkane entschwanden bald unseren Blicken und unsere Gedanken richteten sich auf gutes Essen und den Komfort eines bequemen Sofas. Wir hielten noch einige Male, um den Ausblick zu genießen und um die schöne Landschaft zu fotografieren. Anderen Reisenden, die Abenteuerlust oder romantische Sehnsüchte auf die Spur Humboldts gelockt hätten, begegneten wir aber auch hier nicht, obwohl wir uns doch schon nahe der Stadt befanden. Irgendwo kurz vor Sangolquí, einem Ort südöstlich von Quito, bekamen wir dann seit Stunden zum ersten mal wieder Asphalt unter die Räder. Da wussten wir, wir waren zurück in der Zivilisation.

Wir fuhren durch ländliche Vorstädte, die so ausgestorben wirkten, als hätte man gerade die Sperrstunde verhängt. Die wenig befahrenen, schmalen Landwege mündeten bald in größere Straßen mit mehr Verkehr. Über Sangolquí gelangten wir nach El Tingo, einem hübschen Provinzstädtchen mit einer entzückenden Plaza. Von El Tingo ist es nur ein Katzensprung nach Cununyacu; dort befindet sich die Schule unseres Sohnes.

Der letzte Abschnitt der Reise führte über die schöne neue Autopista zurück nach Cumbayá. Die Fahrt verging wie im Fluge, und als wir dann wieder in die Behaglichkeit unseres Heims zurückgefunden hatten und es uns auf dem Sofa bequem machten, um auszuruhen und um die vielen neuen Eindrücke zu verdauen, die wie eine Flut auf uns eingestürmt waren, konnten wir kaum glauben, dass es erst wenige Stunden her sein sollte, dass wir unter dem Gletscher des Cotopaxi gestanden hatten.

Nur eine Übung

Der Berg hatte Quito seit Wochen in Atem gehalten. Immer wieder war davon die Rede, dass er jeden Moment ausbrechen könne, und die Stadt hatte für den Fall der Fälle Vorsorge getroffen: Die Einwohner wurden angewiesen, Trinkwasser und Nahrung für mindestens drei Tage vorrätig zu halten. In vielen Supermärkten sahen die Getränkeabteilungen bald aus, als hätte man sie geplündert. Außerdem wurde die Anschaffung von Atemmasken empfohlen. Schon nach kurzer Zeit waren sie überall ausverkauft und angesichts der Menge an OP- und Filter-Masken, mit denen sich die Leute ausstatteten, hätte man glauben können, die weltweite Zombie-Apokalypse sei nun doch noch eingetreten.

Die meisten aber, mit denen wir sprachen, begegneten den Warnungen der Geologen mit der typisch ecuadorianischen Gelassenheit: Es wir schon nicht so schlimm kommen, hörte man immer wieder sagen. Aber die Bedrohung ist dennoch sehr real, denn Aschewolken können sich – wie schon vielfach in der Vergangenheit geschehen – so dicht über die Stadt legen, dass Dächer einstürzen. Für die tiefer gelegenen Wohnquartiere steht zu befürchten, dass Lahare, Schlamm-Geröll-Lawinen, durch die Täler rollen und ganze Urbanisationen einfach ausradiert werden. Die Gefahrenzonen sind auf einschlägigen Karten ausgewiesen und die Bewohner der gefährdeten Bereiche werden durch ein Frühwarnsystem verständigt und können sich dann in Sicherheit bringen. Viele werden nicht freiwillig gehen wollen, denn die leerstehenden Häuser sind ein lohnendes Ziel für Einbrecher.

Die Schule meines Sohnes, wie alle Schulen in Quito, führt regelmäßig Evakuierungsübungen durch. Der Koordinierungsaufwand ist nicht unbeträchtlich, denn viele der Kinder wohnen in Urbanisationen, die weit von der Schule entfernt sind, und ihre Eltern müssen im Notfall erst eine zeitraubende Anfahrt bewältigen, ehe sie die Kinder abholen können. Damit keines der Kinder versehentlich zurückbleibt oder Eltern und Kinder getrennt werden, hat die Schule sich ein etwas umständliches Prozedere einfallen lassen, bei dem man den Namen des Kindes auf einen Zettel schreibt, diesen durch die Tür reicht, worauf einem dann das Kind wie ein Paket ausgehändigt wird. Zwar besuchen nur dreihundert Schüler die British School Quito, aber man kann sich leicht ausmalen, wie lange es dauert, dreihundert Kinder einzeln durch die Tür zu schicken.

Einmal nahm ich an einer Notfallübung teil – man kann sich nicht vorstellen, welche geradezu grotesken Szenen sich vor dem Eingang der Schule abspielten. Und dies war nichts weiter als eine Routineübung! Mitarbeiter der Schule standen vor der Tür und verteilten Zettel, auf denen man den Namen des Kindes notieren sollte. Den größten und kräftigsten Lehrer hatte man direkt vor der Tür postiert (die Schüler nennen ihn ob seiner Leibesfülle respektlos Albondiga – Fleischklops). Sein massiger Leib versperrte wie ein Pfropfen den Eingang und so war es den Wartenden unmöglich, in die Schule zu gelangen. Ohne Zweifel würden einige der Eltern die Schule gestürmt haben, hätten sie sich nur an dem Wächter vorbeidrängeln können. Es herrschte ein ziemliches Durcheinander und mich beschlich das unangenehme Gefühl, im Ernstfall würde die panische Masse selbst einen so standfesten Torwächter beiseite schieben, als wäre er bloß ein Pappkamerad.

Der Türwächter rief die Namen der Kinder aus, was manchmal sehr lustig war, da er als Englischsprecher die spanischen Namen mit englischer Aussprache versah. An der Tür wurden die Kinder den wartenden Eltern ausgehändigt. Man schien zu glauben, sie seien aus Porzellan, denn man schickte sie durch ein Spalier aus Lehrern und jeder legte ihnen beschützend die Hände auf und schob sie behutsam weiter, als könnten sie plötzlich nicht mehr aus eigener Kraft laufen.

Manche der Mütter erschienen zu dieser simplen Katastrophen-Übung aufgebrezelt, als würde sie der Präsident der Republik persönlich empfangen. Als sie dann nach langem Warten endlich wieder ihre Kinder in den Arm nehmen durften, riefen sie mit zitternder Stimme „Mi hijo!“ (Mein Sohn!) oder „Mi hija!“ (Meine Tochter!). Es klang so bitterlich, dass man fast glaubte, ein grausames Schicksal hätte Mutter und Kind getrennt und erst jetzt, nach Jahren des Hoffens und Bangens, hätte das Glück sie wieder vereint. Manch eine der gutsituierten Hausfrauen, allesamt Angehörige der Oberschicht, schien wirklich den Tränen nahe. Ich habe so meine Zweifel, ob ihnen mit ein paar therapeutischen Ohrfeigen geholfen wäre. Ich fürchte, wenn man wie sie nur lange genug in der Stratosphäre schwebt, verliert man irgendwann auch den letzten Rest an Bodenhaftung. Ich bin kein gläubiger Mensch, aber ich glaube, man muss beten, dass der Cotopaxi niemals ausbricht.

Amerikanische Städte

Cuenca ist eine ganz andere Welt als Quito und als Cumbayá ohnehin. Es mutet schon merkwürdig an, aber viele Ecuadorianer, zumal wenn sie Geld haben, würden das gesichtslose Cumbayá tatsächlich dem schönen Cuenca vorziehen. Man hört die Leute oft sagen, Cumbayá sei eine Stadt, wie man sie auch in den USA finden könnte. Würde man eine solche Aussage über eine deutsche Stadt treffen, käme dies einer Abwertung gleich und in nicht wenigen Fällen wäre es sogar eine Beleidigung.

Hier aber wird ein solches Urteil durchweg positiv aufgenommen. Doch abgesehen davon, dass es sich in jedem Fall um ein höchst zweifelhaftes Kompliment handelt, ist es nur allzu offensichtlich, dass man sich vielleicht wünschte, Cumbayá wäre wie eine Stadt in den USA, doch das ist sie keineswegs. Sie ist vielmehr etwas, von dem man sich einbildet, so müsse eine echte amerikanische Stadt aussehen. Doch jeder mag glauben, was er will.

Man darf dem Ort zugestehen, dass er so etwas wie die Kopie einer amerikanischen Kleinstadt ist, aber eine ziemlich schlechte, was das angeht. Cumbayá hat keine Geschichte und keine Authentizität, doch zumindest darin gleicht sie dem US-Vorbild und deshalb mag ein Vergleich zumindest in diesem Punkt durchaus gerechtfertigt sein. Was die Stadt allerdings hat, ist Geld, und zwar mehr als genug und vor allem mehr als ihr gut tut. Die Preise in Cumbayá sind längst außer Kontrolle geraten und sie haben mittlerweile ein Niveau erreicht, wie man es für die großen Metropolen dieser Welt erwarten könnte. Aber das Geld an sich ist nicht das Problem, sondern die Leute, die es besitzen.

Cumbayá ist eine Kleinstadt, für die das Attribut „provinziell“ durchaus angemessen ist. Dennoch kann ein normaler Wochenendeinkauf einem ein Loch von der Größe eines Asteroidenkraters in die Geldbörse reißen. In aller Regel gibt man hier viel mehr aus als in Berlin und damit hat man gerade erst die Grundbedürfnisse gedeckt. Neulich wollte ich Tee kaufen, da meine Vorräte, die ich mir aus Deutschland mitgebracht hatte, zwar langsam, dafür aber unaufhaltsam zur Neige gehen. Wir suchten einen Teeladen in einer der noblen Malls in Cumbayá auf. Der Assam kostete 8,90 Dollar – fünfzig Gramm wohlgemerkt. Doch auch die Tees ohne das Zertifikat „Organico“ waren kaum preiswerter zu haben: Man verlangte 6,90 Dollar, wieder für die bescheidene Menge von fünfzig Gramm. Da genießt man seinen Tee besser nur noch in homöopathischen Dosen oder wird lieber gleich zum Wassertrinker, und zwar aus Überzeugung. Nicht ohne Grund sprechen die Leute spöttisch von „Cumbayami“ und „Cumba-York“.

Das reiche Pack, das die Einheimischen in den letzten Jahren größtenteils verdrängt hat, mag sich nur einbilden, jeder beneide es darum, dass man es sich leisten kann, hier zu wohnen, da doch schon ein bescheidenes Grundstück leicht eine Million Dollar kostet. Viele dieser Leute glauben ernsthaft, sie hätten allein schon deshalb Geschmack, weil sie sich teure Geschmacklosigkeiten kaufen könnten, und da hier einfach alles wahnwitzig teuer ist, meinen nicht wenige, viel Geld zu haben, mache sie auch zu besseren Menschen, zu Menschen mit Stil und Manieren und vor allem würden sie durch ihr Geld zu moralisch besseren Menschen: Wenn man davon spricht, dass jemand aus „guter“ Familie stamme, meint man damit selbstverständlich, dass er aus einer Familie mit Geld komme. Ich würde immer aus voller Überzeugung behaupten, dass meine Familie eine „gute“ Familie ist, aber reich sind wir deshalb noch lange nicht. Mit was für Einfaltspinseln man es hier zu tun hat!

Das ist armselig und es zeugt nur davon, dass manche dieser Leute nicht über den eigenen Tellerrand hinausgucken können, oder, um in der Metapher zu bleiben, nicht über den Rand ihres allzu üppigen Kontoauszuges. Man könnte darüber schmunzelnd hinwegsehen, hätte ich mir solche Geschichten bloß als metaphorische Übertreibung einfallen lassen, doch selbst viele Ecuadorianer meinen, dass die Leute, die hier leben, schreckliche Menschen seien, schreckliche Menschen mit viel, viel Geld. Und Geld – nicht Manieren, moralische Integrität oder überhaupt nur Anstand – ist auch häufig das einzige, was diese Leute besitzen.

Cuenca ist eine andere Welt und die Übertreibungen Cumbayás sind diesem Ort ganz fern. Wenn man durch die Stadt geht und sich die Leute anschaut, könnte man meinen, man sei in Europa. Ein schön restauriertes architektonisches Ensemble, wie man es hier bestaunen kann, mag den Leuten, die in Cumbayá leben, nicht als Wert an sich und damit als gar nicht erstrebenswert erscheinen, doch es sind nicht nur die schönen Häuser, es ist der Geist, den diese Stadt atmet, der sie zu etwas Besonderem macht.

Die Atmosphäre dieses Ortes nimmt einen gefangen und weckt in einem die Lust, zu schauen und zu entdecken. Hinter jeder Ecke, in jedem Hauseingang, irgendwo zwischen den alten Gemäuern, kann sich eine Überraschung verbergen. Das kulturelle Angebot ist groß, jedenfalls größer als man es für einen solchen doch recht kleinen Ort erwarten würde, und geradezu überwältigend, vergleicht man es mit dem in dieser Hinsicht doch recht armseligen Cumbayá. Es lohnt, sich umzusehen und mit offenen Augen durch die Stadt zu gehen, denn eine faszinierende Entdeckung, ein Geheimnis, das sich zu entschlüsseln lohnt, oder bloß eine freudige Überraschung ist nie weit. Zwei Tage sind viel zu wenig, um Cuenca kennenzulernen.

Cuenca ist eine Universitätsstadt und wo Studenten sind, ist immer auch Leben und neue, spannende und nicht selten verrückte Ideen haben Platz, sich in den Köpfen auszubreiten. Zwar hat auch Cumbayá eine Universität, doch wer sich die exquisiten Studiengebühren dieser „Edel-Alma-Mater“ leistet (man kann sie allenfalls noch als astronomische Zahlenkolonnen wiedergeben), entstammt mit Sicherheit einer „guten“ Familie. Da haben oft schon die Standesideen des Elternhauses und die Elite-Erziehung an exklusiven Schulen irreversible Schäden hinterlassen. Außerdem bildet in Cumbayá das Geld die Majorität und wer für die Spesen aufkommt, der entscheidet auch, welche Musik auf der Party gespielt wird. Man mag es ruhig und gesittet und vor allem möchte man unter sich bleiben. Verrückte Ideen überlässt man gern den Leuten, die es nötig haben, außerhalb der gesicherten Pfade des Geldes und der Tradition zu denken. Selbst muss man sich mit solchen Dingen natürlich nicht abgeben, denn man genießt ja den unverdienten Vorteil der Rückendeckung durch eine „gute“ Familie.

Cuenca ist eine echte amerikanische Stadt, obwohl sich kein einziger Highway durch ihr historisches Zentrum fräst und obwohl sich nicht eine Shopping-Mall innerhalb des historischen Stadtareals findet. Nimmt man das Alter als Maßstab, dann ist Cuenca amerikanischer als alle Städte in den USA, denn es ist älter und hat mehr Tradition und Geschichte und alte Gemäuer zu bieten als alles, was der neugierige Besucher im Lande der unbegrenzten Möglichkeiten zu finden vermag. Selbst unter den Städten Ecuadors ist dieser Ort eine Ausnahme, denn im Gegensatz zu vielen anderen Städten im Lande ist Cuenca sich seiner Geschichte bewusst und es versucht, sich ihrer bewusst zu erinnern. Es mutet paradox an, aber ausgerechnet in einem Land wie Ecuador mit seiner reichen Vergangenheit und mit seinen vielen mythischen Orten ist so etwas höchst selten. Stattdessen bewundert man Städte wie Cumbayá, die doch nichts als Mauern zu bieten haben, hinter denen die Wohlhabenden ihren Besitz in Sicherheit bringen.

Cuenca ist ein Juwel, ein seltenes Kleinod, das den Besucher gefangen nimmt und das ihn daran erinnert, dass es ohne die Vergangenheit keine Gegenwart geben kann. Denn wer die Vergangenheit vergisst, ist verloren in der Welt: Er weiß nicht, woher er kommt, und er wird auch nie erfahren, wer er ist. Und wohin der Weg führt, den er beschreitet, bleibt ihm auf ewig ein Rätsel.

Todos los Santos

Am Abend schlendern wir ziellos durch die Straßen Cuencas. Auf der Suche nach der ganz großen Entdeckung und vielleicht auch in der Hoffnung, ein besonderes Schnäppchen zu machen, besuchen wir Kunstgewerbeläden und Boutiquen. An einem dieser Geschäfte vorbei führt ein schmaler Gang zum Hinterhaus. Auf dem Türsturz steht „Todos los Santos“, ansonsten kein Hinweis, was es mit diesem recht unscheinbaren Eingang auf sich hat. Der leere Gang dahinter ist wie eine Lockung und wir sind neugierig. Wir fragen den Besitzer des Ladens, ob man hineingehen dürfe und mit entlassender Geste gibt er uns zu verstehen, dass wir uns ruhig umsehen sollen. Wir treten ein.

Ein schmaler hoher Gang führt unter einer von altem Gebälk gestützten Decke in die Tiefe des Gebäudes. Kerzenlicht erhellt behaglich die Dunkelheit: Alle paar Schritte steht eine steinerne Schale auf dem Boden, aus der sich der Schaft einer Kerze wie ein sprießender Pflanzenstängel erhebt. Wasser im Gefäß reflektiert das Kerzenlicht und auf der Oberfläche schwimmen Rosenblätter. Der Gang ist ziemlich schmal und so schreiten wir ihn hintereinander ab wie die Teilnehmer einer mystischen Prozession.

Wir wissen noch immer nicht, wohin uns dieser Weg führen wird. Ich habe das unbestimmte Gefühl, am Ende wartet ein Mysterium auf uns oder eine Offenbarung. Doch dann nimmt alles einen viel profaneren Ausgang: Wir gelangen in einen großen Konferenzraum, in dem man gerade damit beschäftigt ist, Stühle für das Auditorium eines abendlichen Vortrags aufzustellen; nebenan befindet sich ein streng dekorierter Speisesaal und wenn man um ein paar Ecken geht, steht man plötzlich in einer modernen Restaurantküche. Später finden wir noch eine Bäckerei, in deren altertümlichen Holzregalen Brote und Kuchen angeboten werden, denen man auf den ersten Blick ansieht, dass es sich um Produkte der selten gewordenen Kunst der Handwerksbäckerei handelt.

Als wir weiter in das Innere dieses labyrinthischen Baus vordringen, gelangen wir in ein Restaurant und wir betreten einen kleinen Weinkeller, der sich anheimelnd unter einer tiefen Gewölbedecke aus Ziegeln duckt. Angestellte des Restaurants sind gerade eifrig damit beschäftigt, die Tische einzudecken und die Dekoration herzurichten. Wir sind die einzigen Besucher zu dieser Stunde, doch niemand nimmt von uns Notiz, denn wahrscheinlich sieht man uns auf den ersten Blick an, dass uns der Zufall hierher verschlagen hat, und dass wir nicht vorhaben, hier das Abendessen einzunehmen. Von den Plätzen des Restaurants aus hat man einen bezaubernden Blick auf die Ufer des Río Tomebamba, der die Stadt an ihren südlichen Ausläufern durchfließt.

Wir sind gerade im Begriff zu gehen, als wir von einer kleinen drahtigen Frau im Business-Kostüm angesprochen werden. Ich glaube erst, sie sei die Restaurant-Managerin und vielleicht denkt sie, wir wollen zu Abend essen, doch der Irrtum klärt sich schnell auf. Wir sagen ihr, dass uns lediglich der Zufall hierher geführt hätte und wir drücken unser Erstaunen darüber aus, welch einen wundervollen Ort wir hier vorgefunden haben. Als Europäer muss man seine Maßstäbe ganz neu justieren, denn der Erhalt von Kulturmonumenten steht auf der Agenda der hiesigen Politik nicht unbedingt an erster Stelle, und wenn man doch einmal alte Gebäude schön restauriert sieht, ist das die große Ausnahme, und man sollte daher das Ergebnis umso höher schätzen.

Die Frau aus dem Restaurant erklärt uns, dass die Räumlichkeiten, in denen wir uns befinden, zu einem Nonnenkloster gehören. Sie sei auch nicht die Managerin des Restaurants, das nur einen Teil davon ausmache, sondern die Verwalterin der Stiftung, der die Restaurierung, der Erhalt sowie der Betrieb der Einrichtungen des Klosters übertragen worden sei. Wir sehen sie staunend an, doch sie klärt uns auf: Früher einmal hätten alle Räumlichkeiten dem Kloster unterstanden und dort, wo wir uns gerade befänden, hätten Nonnen gelebt. Zu seinen Glanzzeiten beherbergte das Kloster 120 Insassinnen.

Doch die Welt hat sich seitdem mit rasender Geschwindigkeit verändert und statt dass man den Töchtern lebenslange Versorgung garantiert, indem man sie das Gelübde ablegen und ins Kloster eintreten lässt, schickt man sie lieber zum Studium nach Übersee oder auf eine der heimischen Universitäten, damit sie Ärztinnen oder Anwältinnen werden. Das Kloster existiert zwar nach wie vor, doch gerade einmal drei ältliche Nonnen trotzten der Zeit und dem Lauf der Welt in Gebet und frommer Andacht.

Der Bereich, in dem die Nonnen leben, ist von den Teilen des Klosters, die für Besucher zugänglich sind, strikt getrennt. Wer den Schleier nimmt, ist für die Welt verloren. Wenn man früher ins Kloster ging, sagte man seinem Heim, seiner Familie und seinen Freunden Lebewohl und das Leben (wenn man es so nennen will), das man von nun an bis zum Lebensende zu führen hatte, muss sich ungefähr so anfühlen, als sei man lebendig begraben. Alles, was man liebt, ist einem genommen, und nur das Allerwenigste von dem, was man als lebenswert erachten würde, ist geblieben.

Die Nonnen verkehren mit der Außenwelt durch Drehtüren, so dass nicht einmal Blickkontakt möglich ist. Nahrungsmittel und alles, was die Insassinnen des Klosters zum Leben benötigen, findet durch diese Pforten zwischen den Welten ins Kloster hinein, nur weniges kommt jedoch hinaus. Es kommt nicht selten vor, dass man den Nonnen Zettelchen mit Nachrichten schickt, durch die man sie ersucht, für das Seelenheil einer Person zu beten oder Fürbitte zu leisten. Selber sprechen kann man sie nämlich nicht, denn die Nonnen verlassen niemals die Räumlichkeiten des Klosters und niemand bekommt sie je zu Gesicht.

Eines der wenigen Zeugnisse des handwerklichen Geschicks der Nonnen sind übrigens die Backwaren der hauseigenen Klosterbäckerei. Wenn man lange Zeit nur mit dem Industriebrot aus dem Supermarkt hat Vorlieb nehmen müssen, ist so ein frischer, von Hand geformter Laib geradezu eine Offenbarung für die Sinne. Wir kaufen mehrere Tüten mit Backwerk, die aber gerade einmal bis zum nächsten Morgen überstehen.

Die Säkularisierung und ein weites Spektrum an Bildungs- und Berufschancen für junge Frauen haben der Lebensperspektive Kloster viel von ihrer Attraktivität genommen. Der Personalbestand des Klosters ist über die Jahre ausgedünnt. Zuwendungen flossen spärlicher und notwendige Reparaturen konnten schon bald nicht mehr vorgenommen werden. Irgendwann war der ganze Gebäudekomplex in einem solch bemitleidenswerten Zustand, dass es nur noch eine Frage der Zeit zu sein schien, bis das morsche Gebälk zusammenbrach und die letzten Insassinnen unter sich begrub. Doch wenn es eines gibt, das man in einem Kloster im Überfluss hat, dann ist es Zeit. Und so schrieben die Nonnen fleißig Briefe an Gott und die Welt – in diesem Fall wohl überwiegend an die Welt, wenn sie wohl auch so manches für den Allmächtigen bestimmte Gebet in ihre Bitten eingeschlossen haben mögen.

Die fleißige Schreibarbeit machte sich am Ende bezahlt: Gott und irgendeine „Heritage Foundation“ aus den USA erhörten das Flehen der schreibfreudigen Nonnen und man brachte tatsächlich die fünf Millionen Dollar auf, die es kostete, das Kloster von Grund auf zu sanieren. Und eine Wiederherstellung war auch dringend nötig, denn die brüchigen Mauern hätten wohl kein weiteres Jahrzehnt überstanden. Die Rettung hatte natürlich ihren Preis, denn ein beträchtlicher Teil des Klosters wurde seinem ursprünglichen weltabgewandten Zweck entfremdet und der (zahlenden) weltlichen Öffentlichkeit übergeben. Doch man kann den ursprünglichen Zweck der alten Gemäuer noch sehr gut erahnen, denn die Restaurierung erfolgte sehr behutsam und indem man so viel alte Bausubstanz wie nur möglich bewahrte, hat der Genius loci nichts von seiner Ursprünglichkeit eingebüßt. Vielfach ist es da nicht schwer, sich gedanklich in eine Zeit zu versetzen, in der die einzigen Bewohner jener Räumlichkeiten Nonnen waren.

Die Stiftungsverwalterin zeigt uns einen winzigen fensterlosen Raum, der vielleicht drei mal zwei Meter im Geviert misst. Die mit Holz vertäfelten Wände sind fast schwarz und die Decke ist so niedrig, dass ich den Kopf einziehen muss, wenn ich aufrecht stehe. Aber der Ecuadorianer ist in der Regel kleiner als der durchschnittliche Europäer und früher waren die Menschen ohnehin nicht so groß wie heute. Die Frau von der Stiftung erzählt uns, dass es sich um eine Gästekammer handele. Ich denke, nun gut, zu zweit kann man es hier wohl aushalten und wenn man schläft, braucht man ohnehin kein Licht. Aber sie sagt, dass man zu Zehnt in dieser winzigen Zelle zu nächtigen pflegte, und manchmal vielleicht auch zu Zwölft. Ich möchte mir nicht vorstellen, was passiert, wenn da jemand Nachts auf die Toilette muss.

Da keine weiteren Gäste zugegen sind, lässt es sich die Verwalterin der Stiftung nicht nehmen, uns durch das ganze Haus zu führen. Besucherführungen dieser Art gehören wahrscheinlich nicht zum Programm, doch sie scheint sichtlich Spaß daran zu haben, uns einen Einblick in die fremde Welt des Klosters zu gewähren, und sie genießt es offenbar, wie wir staunen und wie sich uns manchmal ein wenig die Haare sträuben.

Irgendwann stehen wir in der Backstube. Im hinteren Teil thront der riesige Ofen, in dem das leckere Gebäck entsteht, mit dem die Regale des Bäckerladens bestückt werden. Sanfte Wärme strahlt von ihm aus und erfüllt die ganze Stube mit Behaglichkeit. Der Ofen ist riesig wie ein Atommeiler und sein Inneres so geräumig, dass es scheint, man könnte einen Fiat Uno darin parken, wenn er nur durch die Tür passte. Nebenan liegen die Brotschieber. Die größten bringen es sicher auf eine Länge von fast doppelter Mannshöhe und wenn sie mit mehreren Broten bestückt sind, braucht es die Arme eines Berserkers, um das Brot sicher bis in den hintersten Winkel des Ofens zu befördern.

Ich lege die Hand auf die Wandung des Ofens und ich spüre die Wärme. Die Verwalterin erklärt, der Ofen dürfe niemals auskühlen, denn es würde Tage dauern, ihn wieder auf Betriebstemperatur zu heizen. Die sparsamen Nonnen haben übrigens nie etwas verschwendet und so verwundert es nicht, dass sie, lange vor der Erfindung von Green Energy und Recycling, selbst noch die Abwärme der Bäckerei für etwas Nützliches zu verwenden wussten: Mit der entweichenden Wärme wurden die darüber liegenden Räume beheizt. Dort hielt man Cuyes, also Meerschweinchen. Bei molliger Wärme gedeihen die flauschigen Nager nämlich prächtig und in den Anden waren sie seit jeher eine begehrte Proteinquelle.

Ein Speisesaal ist vom eigentlichen Restaurant abgetrennt. Von einem Separee zu sprechen, verbietet sich aber deshalb, weil drei Tische mit jeweils zwei Stühlen darin stehen. Der Raum ist ganz schlicht gestaltet: Die Wände sind weiß getüncht, in Nischen hängen Bilder lokaler Künstler, Tische und Stühle stehen auf nacktem Steinfußboden. Obwohl ich diese Schlichtheit mag und den Willen zum Stil anerkennen muss, macht mir der Saal doch zu sehr den Eindruck eines Refektoriums, als dass ich einen entspannten Abend zu zweit darin verbringen könnte. Irgendwie erwartet man immer, dass jeden Augenblick der ehrwürdige Bruder Jorge aus „Der Name der Rose“ den Raum betritt und einem mit einem Vortrag über die Verwerflichkeit des Lachens den Abend verleidet. Ich ziehe die weniger streng wirkenden Räumlichkeiten des Restaurants vor.

Wir haben die Zeit der Frau von der Stiftung schon über Gebühr beansprucht und wir wollen gehen. Wir werfen einen letzten Blick ins Restaurant. Ich schaue kurz in die Speisekarte, um mich wieder einmal davon zu überzeugen, dass eine in stilvollem Ambiente genossene Mahlzeit auch ihren Preis hat – die Preise unterscheiden sich nur unwesentlich von dem, was man in Berlin in einem Lokal dieses Niveaus erwarten dürfte.

Man muss relativierend hinzufügen, dass der stilvolle Abend in Cuenca keinen bitteren Nachgeschmack hinterlässt wie dies bei einem Restaurantbesuch in Cumbayá der Fall wäre. Die Preise in Cuenca sind gut und gerechtfertigt, in Cumbayá jedoch hat man es mit den ekstatischen Übertreibungen einer durch die hiesige Schickeria entfesselten Lifestyle-Orgie zu tun. Hier ist einfach alles teuer und es ist fast nie seinen Preis wert. Nur schade, dass Cuenca so weit von Quito entfernt ist.

Botschaften von der anderen Seite der Straße

Eines Tages steckte eine Nachricht unter einem der Scheibenwischer unseres Autos. Ich wunderte mich, denn dies war kein Zettel, den man aus einem Notizblock gerissen und hastig beschrieben hatte, um jemanden in aller Eile über etwas Wichtiges in Kenntnis zu setzen. Vielmehr handelte es sich um einen sauberen Bogen Papier im DIN-A4-Format. Das Blatt war mit einem längeren Text beschrieben und mit einem Laserprinter ausgedruckt worden. Ich fragte mich ein wenig besorgt, wer die Person sei, die mir diese offenbar wichtige Mitteilung zukommen lassen wollte, aber der Verfasser ließ sich nicht ermitteln, denn die Unterschrift fehlte.

Obwohl ich den Inhalt mehr erriet, als dass es mir gelang, ihn mir aus dem Spanischen zusammenzureimen, war klar, dass es um unseren Wagen ging. Ich gab die Nachricht später meiner Frau und sie bestätigte mir, was ich ohnehin schon wusste: Man beschwerte sich in recht weinerlichem Ton darüber, dass wir unser Auto immer vor dem Haus auf der anderen Seite der Straße parken würden.

Man – offensichtlich handelte es sich um die Person, die in dem feudalen Anwesen gegenüber residiert – ersuchte uns dringend darum, den Wagen nicht mehr vor seinem (oder ihrem) Haus abzustellen. Die Gründe hierfür konnte man getrost als Vorwand abtun: Wortreich und gleichermaßen larmoyant erging sich der Verfasser darüber, dass das Parken auf der Straße den Verkehrsfluss behindere und überhaupt die allgemeine Ordnung störe (Ich muss annehmen, man arbeitet demnach bei der Verkehrspolizei). Um die Dringlichkeit der Botschaft zu unterstreichen, war gleich der gesamte Text in Versalien gesetzt worden, als handelte es sich um eine höchstrichterliche Anordnung, der man unter Strafandrohung Folge zu leisten hätte.

Man muss wissen, dass es in unserer Wohnanlage weder eine Parkordnung gibt, noch Sonderparkzonen. Jeder kann sein Auto abstellen, wo es ihm beliebt, vorausgesetzt, er steht nicht gerade auf dem Bürgersteig, blockiert keine Einfahrt und behindert nicht den Verkehr. Obwohl es sich um eine private Wohnsiedlung handelt, sind die Straßen allen Anwohnern gleichermaßen zugänglich. Alle Häuser in der Anlage verfügen ohnehin entweder über Parketagen oder den Hauseigentümern bzw. Mietern stehen eigene Parkplätze auf dem Grundstück zur Verfügung. Nicht viele scheinen jedoch die Parkmöglichkeiten im eigenen Haus zu nutzen, denn manche der Straßen innerhalb der Anlage sind so dicht mit Autos zugestellt wie eine vielbesuchte Einkaufsstraße im Zentrum von Quito.

Zwar haben auch wir einen eigenen Parkplatz im Parkkeller, doch liegt er abgelegen in einer Ecke, noch dazu genau neben einem Betonpfeiler. Es ist alles andere als ein Vergnügen, den Wagen dort ein- oder auszuparken, und hat man ihn erst einmal abgestellt, kommt man wegen der Enge nur mit größten Schwierigkeiten aus der Tür. Das Ausparken ist eine Qual, da man in der engen Garage immer mehrere Anläufe braucht, um zu drehen. Dabei muss man stets höllisch aufpassen, sich nicht den Lack an den Kanten des Betonpfeilers abzuschmirgeln. Da parke ich lieber gleich auf der Straße, wie viele andere Residenten der Anlage auch.

Jeder, der in unserer Wohnanlage residiert, glaubt, er sei ein kleiner König, ein Monarch nach eigenem Recht, ausgestattet mit Exklusivrechten, die niemand anderer für sich beanspruchen darf. Das ist keineswegs eine Übertreibung, sondern alltägliche Wahrheit: Ecuador ist trotz aller Veränderungen, die sich in den letzten Jahren mühsam ihren Weg gebahnt haben, immer noch ein Land der Klassen und der Klassengegensätze. Die Menschen, die in teuren Wohnanlagen wie dieser wohnen, gehören der Oberschicht an, einem Menschenschlag, der sein Selbstverständnis aus seinen Privilegien und seinem gesellschaftlichen Einfluss ableitet und der seine führende Position im Land seinem Besitz sowie Jahrhunderte alten Gewohnheitsrechten und Traditionen verdankt.

Die Leute, denen man hier in der Anlage begegnet – falls man ihnen begegnet, denn die meisten ziehen die aristokratische Distanz vor – sind in vielerlei Hinsicht ganz anders als die übrigen 99 Prozent der Bewohner dieses Landes. Herkunft, Stand und soziales Prestige sind über alle Klassengrenzen hinweg bedeutsam. Ständig wird man taxiert, wer man sei, was man hier wolle, wie man überhaupt hereingekommen wäre. Man kommt sich manchmal so vor, als stünde man vor den Pforten eines elitären Klubs und ein prüfender Blick des Hausbutlers entscheide, ob man eingelassen werde oder nicht. Selbstverständlich hat man jede Chance verwirkt, wenn man jetzt Cargo-Shorts und T-Shirt trägt, wenn man nicht glattrasiert ist und das Haar nicht kurzgeschnitten ist und ordentlich gescheitelt als wäre man ein Primaner.

Es ist schon merkwürdig, wie der gesellschaftliche Zwang zur Etikette das Aussehen der Leute vereinheitlicht: Alle sehen immer so aus, als kämen sie gerade aus dem Büro oder als wären sie dorthin unterwegs. Individualität drückt sich jedenfalls nicht im äußeren Erscheinungsbild aus und die schrägen Typen, die wie bunte Farbtupfer aus der Masse herausstechen, gibt es hier einfach nicht.

Ich weiß bis heute nicht, warum der Hausbesitzer Anstoß daran nahm, dass unser Wagen auf der Straße vor seinem Anwesen parkte. Eine Ordnungswidrigkeit war in jedem Fall ausgeschlossen. Wahrscheinlich empfindet er diesen Teil der Straße als sein Eigentum, als sein kleines Königreich, über das nur er gebieten darf und sonst niemand. Zwar gehört ihm die Straße nicht, und er hat auch kein Recht, irgendjemandem irgend etwas zu verbieten, aber wer würde da nicht die Beherrschung verlieren, wenn plötzlich ein fremder Wagen vor dem Wohnzimmerfenster stünde!

Ich war versucht, das Auto dennoch vor seinem Haus abzustellen, genau vor seiner Eingangstür und zwar so, dass er es gar nicht übersehen könnte. Doch man muss immer mit der Rachsucht jener Leute rechnen – ein Schelmenstück wie dieses würde sie in ihrer Ehre kränken und man weiß ja, wozu gekränkte Ehre fähig ist. Ein dicker Kratzer im Lack oder ein durchstochener Reifen bedeuteten am Ende mehr Ärger als die Sache überhaupt wert ist. Wann immer es möglich ist, parke ich daher auf unserer Seite der Straße. Ich habe mit diesen Leuten nichts zu schaffen und ich habe auch nicht vor, sie mir zu Freuden zu machen, solange ich hier in dieser Wohnanlage noch lebe. Aber wahrscheinlich sind sie genauso froh darüber wie ich, dass wir uns aus dem Weg gehen.

Einmal Flughafen und zurück

In Ecuador tut man gut daran, sich immer auf das Unerwartete einzurichten, bei allem, was man unternimmt. Das Unerwartete ist dabei nur in seltenen Fällen das Ungewöhnliche, denn selbst das Leben hier in den Tropen – so abenteuerlich es manchmal auch sein mag – folgt einer Routine, nicht anders als der Alltag in Deutschland. Wie überall, hat man auch hier mit den Tücken dieses Alltags zu kämpfen, und wenn auch die Herausforderungen, die man zu bestehen hat, gänzlich anderer Art sein mögen, so werden sie in der Regel als nicht weniger nervtötend empfunden. Zum Beispiel kann eine kaum dreißigminütige Fahrt zum Flughafen hierzulande mit mehr denkwürdigen Begebenheiten aufwarten als eine ganze Woche in Berlin, obwohl die Spreemetropole doch von vielen gleichsam als der Hort der Merkwürdigkeiten und der schrägen Gestalten empfunden wird.

Vorgestern habe ich meine Frau zum Flughafen gebracht. Aus Gründen, die sich manchmal nicht so recht mit den Gesetzen der Logik vertragen wollen, bin ich der einzige in der Familie, der Auto fährt. Dagegen ist im Prinzip nichts einzuwenden, doch wenn man tagtäglich mehrere Stunden hinter dem Lenkrad sitzt, ohne selbst einen Nutzen davon zu haben, fühlt man sich am Ende ein wenig wie Sisyphus, und zwar wie in just jenem Moment, da der Held den Felsbrocken den Berg wieder hinunterrollen sieht.

Meine Frau hatte sich in den Kopf gesetzt, einige Tage bei ihrer Familie in Bahía zu verbringen. Die Nachrichten, die aus der Küstenregion eingehen, sind alles andere als ermutigend. Sie wollte sich selbst davon überzeugen, dass es ihrer Familie gut geht und, falls möglich, möchte sie ihre Mutter für einige Zeit zu uns nach Cumbayá holen. Platz genug wäre in unserer Wohnung.

Nun ist es nicht so einfach, nach Bahía zu reisen, denn die Straßen befinden sich noch immer in einem äußerst schlechten Zustand und außerdem setzt sich jeder, der die Katastrophenzone besucht, nicht geringen Gefahren aus. Passagiere sind schon ausgeraubt worden und die Busverbindungen sind auch nicht immer sicher. Es kann vorkommen, dass man irgendwo strandet, und wie es dann weitergeht, steht in den Sternen.

Um solche Unannehmlichkeiten zu vermeiden, verfiel meine Frau auf die Idee zu fliegen. Schon unmittelbar nach dem Beben wurden die ersten Hilfsflüge organisiert. Die Maschinen nahmen auch immer wieder spontan Passagiere mit, wenn diese nur glaubhaft zu machen verstanden, dass sie Angehörige im Katastrophengebiet hätten und diesen helfen wollten. Für die Beförderung zahlte man nicht einen Cent.

Ein paar Tage zuvor waren wir schon einmal nach Tababela gefahren, um Erkundigungen einzuholen (Tababela ist der Name des internationalen Flughafens für Quito). Viele Informationen werden durch Mund-zu-Mund-Propaganda verbreitet; oft gibt es keinen offiziellen Informationskanal, wie zum Beispiel eine Website, über den man wichtige Nachrichten beziehen könnte. Wie die Information, dass man mit einem der Hilfsflüge an die Küste gelangen könnte, zu meiner Frau kam, kann ich nicht sagen, aber wahrscheinlich hörte sie davon durch Facebook-Bekannte oder durch Kollegen in ihrer Schule.

Am Flughafen sagte man uns, man solle sich gegen sechs Uhr Morgens am Gebäude von Petroamazonas einfinden. Dort müsse man erfragen, ob freie Plätze verfügbar seien. Es gäbe jedoch keine Garantie und es könnte ebenso gut passieren, dass man unverrichteter Dinge nach Hause zurückkehren muss, weil alle Plätze bereits besetzt sind. Meine Frau war bereit, das Risiko einzugehen.

Öko-Elite

Am Abend vor dem Abflug hatten wir einen Bekannten meiner Frau besucht. Nachdem er davon gehört hatte, dass sie zu ihren Verwandten an die Küste reisen wolle, überließ er ihr spontan ein Solar-Paneel. Noch immer sind weite Teile der Küstenprovinzen ohne Strom und die Sonne ist die einzige verlässliche Energiequelle, wenn man zum Beispiel das Handy aufladen möchte. Der Bekannte ist übrigens im Ökostrom-Business, einer Branche, die in Ecuador gerade erst bescheiden Fuß zu fassen beginnt. Doch Solarstrom hat es schwer, denn das Land verfügt über gewaltige Ölreserven und Treibstoff ist so billig wie kaum ein anderes Gut. Argumente, die sich in Dollar ausdrücken lassen, zeigen bei den Leuten eben mehr Wirkung als moralische Appelle.

Umweltbewusstsein verbindet sich hierzulande oft aufs Schönste mit dem Repräsentationsbedürfnis einer klassenbewussten Elite: Wer es sich leisten kann, einen Wagen mit Hybrid-Antrieb zu fahren – und das ist eine verschwindend geringe Minderheit –, mag sich auch die sündhaft teuren Solar-Paneele aufs Dach setzen lassen, denn so kommt zusammen, was zusammengehört. Sicherheit ist dabei ein unentbehrlicher Luxus, den man sich als Angehöriger der Oberschicht aber gern und reichlich gönnt. Man hört immer wieder davon, dass kriminelle Dachdecker-Brigaden die Dächer der hochgesinnten Umweltfreunde heimsuchen, denn die Paneele versprechen ein gutes Geschäft. Wenn man also hierzulande wirklich einen Beitrag für die Umwelt leisten möchte, kauft man sich am besten eine teure Wohnimmobilie in einer sicheren Urbanisation.

Autobahn-Greise

Pünktlich um halb sechs Uhr Morgens brechen wir Richtung Flughafen auf. Meine Frau hat nur einen Rucksack gepackt, denn schließlich gedenkt sie, allenfalls ein paar Tage an der Küste zu bleiben. Man macht im Laufe der Zeit so seine Erfahrungen und ich hätte deshalb fast wetten mögen, dass sie nicht auf ihren großen Koffer verzichten könnte, obwohl sie nur wenige Tage fort bleiben will. Da aber diesmal kein Kofferträger zur Verfügung steht, bevorzugt sie den handlicheren Rucksack (Geht doch!). Auf der Rückbank des Wagens ruht das Solar-Paneel.

Die Strecke zum neuen Flughafen Tababela ist hervorragend ausgebaut. Über weite Abschnitte hat man den Eindruck, man fahre über eine deutsche Autobahn. Man kommt zügig voran, denn nirgendwo wird man durch Ampeln oder Kreuzungen aufgehalten. Meist führt die Piste über wunderbar glatten Asphalt schnurgerade durch die Landschaft. Die einzigen Gelegenheiten, bei denen man gezwungen ist, die Geschwindigkeit zu drosseln, sind die wenigen Rondelle, die Schnittpunkte im Highway-Netz markieren und die manchmal ein wenig an überdimensionierte Carrera-Autorennbahnen erinnern. Die meisten der Kreisverkehre sind so gewaltig wie Stadien und wahrscheinlich könnte man auf dem Rundkurs sogar Rennen austragen. Zu dieser frühen Stunde sind die Straßen aber wie ausgestorben und zu bremsen, wäre da fast schon eine unverzeihliche Sünde.

Wir rollen auf der mehrspurigen Autopista durch die Dunkelheit. Wir sind allein. Selten begegnen wir an diesem Morgen anderen Verkehrsteilnehmern und wenn doch, dann werden wir mit röhrendem Motor und viel zu hoher Geschwindigkeit überholt. Es scheint, manch einer lässt sich die Gelegenheit nicht entgehen und testet die Grenzen seines Fahrzeugs. Geschwindigkeitskontrollen muss man hierzulande nicht fürchten, denn die Polizei hat ihre eigentliche Bestimmung darin gefunden, den Verkehr zu regeln.

Wir fahren ruhig durch die schwindende Nacht, als plötzlich aus heiterem Himmel drei Gestalten in Warnwesten vor uns auftauchen. Sie schwenken hektisch phosphoreszierende Leuchtstäbe und fuchteln dabei mit den Armen als wären sie Fluglotsen auf dem Rollfeld eines Flughafens, aber ich denke, das kann unmöglich schon der Flughafen sein. Ich drossele die Geschwindigkeit und fahre einen weiten Bogen – die Fahrbahn ist mehrspurig und breit genug, dass ich bequem an den Leuten vorbeikomme, ohne jemanden zu gefährden. Ich habe einen Moment lang den Eindruck, sie seien Aktionskünstler, wie sie manchmal während der Rot-Phase an Kreuzungen vor den Autos herumturnen. Dass sie ihre Kunst aber ausgerechnet auf der Fahrbahn der Autopista zeigen, verwundert mich dann aber doch ein bisschen.

Die Begegnung dauert nur wenige Sekunden, doch als ich später zu meiner Frau hinübersehe, ist sie ganz blass geworden. Sie meint, da wäre ein alter Mann auf der Straße gewesen. Warum müssen Greise Morgens um halb Sechs über die Autobahn laufen? Wenigstens hatte er seine eigenen Lotsen – so konnte er sich zumindest nicht verlaufen. Ich frage mich besorgt, was wohl passiert wäre, wenn wir so schnell gefahren wären wie die anderen Verkehrsteilnehmer.

Wie geölt

Wir erreichen sicher das Gebäude von Petroamazonas, von wo aus, wie man uns sagte, Flüge in die Küstenregion starten. Petroamazonas ist eine staatliche Ölgesellschaft, der vom ecuadorianischen Staat die Erkundung und Ausbeutung der Öllagerstätten in ganz Ecuador übertragen wurde. Wer nun eine Wellblech-Baracke vorzufinden erwartet und einen schiefen Hangar mit einigen rostigen Propellermaschinen darin, sieht sich aber getäuscht.

Die Gesellschaft unterhält ihren eigenen Flugplatz nur einen kurzen Spaziergang vom neuen Passagier-Terminal des internationalen Flughafens Tababela entfernt. Obwohl dies der Flughafen einer Ölfirma ist, begegnet man hier keineswegs den vollbärtigen, ölverschmierten Typen, wie man sie vielleicht aus „Flight of the Phoenix“ kennt. Alles geht ganz gesittet zu: Man könnte das nagelneue Flughafengebäude für die Lobby eines kleinen, aber feinen Business-Airports halten. Und die Leute, die auf den verchromten Stahlrohr-Bänken Platz genommen haben, wirken eher wie Angestellte einer Reinigungsfirma für Kindertagesstätten, denn wie das bärbeißige Personal am Bohrgestänge. Draußen auf dem Parkplatz treiben sich derweil Leute herum, die Business-Anzug und Krawatte tragen. Am Revers hängen ID-Karten.

Nach einigem Hin und Her ist klar, dass der nächste Flug um neun Uhr nach Manta starten würde. Meine Frau hat Glück und bekommt einen Platz in der Maschine. Sie darf auch das Solar-Paneel mitnehmen, das so groß wie die Kuchenbleche in einer Großbäckerei ist. In Manta wird sie ihr Bruder abholen und zusammen werden sie dann mit dem Bus nach Bahía weiterfahren. Da alles bestens geregelt ist, verabschiede ich mich, denn ich muss zurück nach Cumbayá, um unseren Sohn in die Schule zu bringen.

Trucks auf Abwegen

Das Teilstück der Zubringerautobahn direkt vor dem Flughafen ist besonders schön ausgebaut: Die Autopista führt schnurgerade durch die Landschaft. Der Asphalt der zweispurigen Piste wirkt so neu, als wäre er gerade erst gegossen worden. Der Standstreifen zu beiden Seiten ist an die zwei Meter breit. Daran schließt sich ein mindestens ebenso ausgedehnter Rasenstreifen an und erst jenseits davon zieht sich der Straßengraben hin gleich dem Schanzwerk vor einem Feldlager der römischen Armee.

Es gibt also genug Platz am Fahrbahnrand und man müsste daher annehmen, es sei unmöglich, im Straßengraben zu landen, aber an diesem Morgen hat jemand tatsächlich das Kunststück fertiggebracht. Offenbar ist niemand verletzt, aber der schwere Pickup lehnt mit der Seite am Hang des Grabens. Der Wagen scheint noch vollkommen intakt, selbst die Scheinwerfer brennen noch, aber man würde eine Winde brauchen, um ihn wieder herauszuhieven. Doch wie konnte er im Straßengraben landen, zumal es zu dieser Zeit fast keinen Verkehr gibt? Entweder ist der Fahrer eingeschlafen oder er musste Slalom um die zahlreichen Greise fahren, die zu dieser frühen Stunde die Fahrbahn bevölkern. Vielleicht hat er dabei die Kontrolle verloren.

Flugzeuge im Nebel

Ich lasse das Blitzgewitter der Polizei hinter mir und fahre in den allmählich erwachenden Tag. Nur eine Minute, nachdem ich die Unfallstelle passiert habe, taucht Nebel vor mir auf. In den Anden ist Nebel in den frühen Morgenstunden nichts Ungewöhnliches und so steht er plötzlich grau und dicht wie eine Wand vor mir und die Straße verliert sich darin, als wäre die Welt hier zu Ende. Durch den Unfall in Alarmbereitschaft versetzt, fahre ich recht langsam, und ich bin noch etwa fünfzig Meter von der Nebelwand entfernt, als sich direkt vor mir die Nase eines Flugzeugs aus dem Dunst bohrt.

Die Maschine durchstößt die Nebelwand als wäre sie ein Vorhang. Die Flügel schneiden durch das milchige Grau und ihre Spitzen ziehen Spiralen. Das Leitwerk verquirlt den Nebel gleich der Sahne im Kaffee. Alles geschieht wie in Zeitlupe. Das Flugzeug gleitet majestätisch in einer Höhe von kaum zehn Metern über die Autopista. Ich habe den Eindruck, wenn ich meine Hand aus dem Fenster hielte, könnte ich den Rumpf streicheln. Nachdem die Maschine aus dem Nebel getaucht ist, zieht sie eine lange weiße Schleppe hinter sich her. Die Dunstschleier verwehen im Abgasstrahl der Triebwerke.

Ich weiß nicht, ob der Pilot in dem dichten Nebel die Orientierung verloren hat, aber die Landebahn liegt ganz sicher noch einige Kilometer entfernt. Doch die Maschine gleitet so tief über die Autopista, als wollte sie gleich jenseits des Straßengrabens aufsetzen. Ich hätte mein Handy zücken und Fotos machen können, aber leider denkt man immer erst daran, wenn es zu spät ist. In nur wenigen Sekunden ist alles vorbei.

Hinterher bin ich froh, dass ich nicht daran gedacht habe, die ungewöhnliche Szene mit der Handykamera einzufangen, denn vielleicht hätte ich beim Fotografieren in voller Fahrt die Kontrolle über den Wagen verloren und wäre im Straßengraben gelandet. Ein Unfall an diesem Morgen ist aber mehr als genug.

[…]

P.S. Als ich meine Frau einige Tage später wieder vom Flughafen abholte, zeigte sich, dass die neuen sicheren Straßen die Verkehrsteilnehmer keineswegs vor Leichtsinn, Unachtsamkeit und der Überschätzung der eigenen Fähigkeiten bewahren können.

Vor uns gab es plötzlich Stau und als wir nach einer Ewigkeit endlich weitergeleitet wurden, sahen wir auch, was den Stau verursacht hatte: Auf der Fahrbahn lag ein verletzter Motorradfahrer. Der Mann trug eine neonfarbene Motorradkluft mit Protektoren und er hatte immer noch den Helm auf dem Kopf – was die Ausrüstung anging, hatte er offenbar alles richtig gemacht. Doch er lag so merkwürdig verrenkt auf dem Asphalt, dass man das Schlimmste befürchten musste. Sein Motorrad war arg lädiert und ein Stück entfernt stand ein Pkw, dessen gesamte Front zerstört war, als hätte jemand wie in Rage mit dem Vorschlaghammer darauf eingeschlagen. Die Polizei war schon vor Ort, doch die Ambulanz ließ noch auf sich warten. Wir mussten weiterfahren, um die Rettungsarbeiten nicht zu behindern, und so kann ich nicht sagen, ob die Geschichte ein gutes Ende nahm. Ich hoffe es.