Clash of Clans

Die Begegnung, die wir an diesem Abend haben sollten, war für mich in vielerlei Hinsicht lehrreich. Auch wenn das Gespräch, das sich zwischen uns und unserem Gastgeber entspann, sehr schnell offenbarte, dass uns Welten trennten, war es doch wider Erwarten kein unangenehmes Zusammentreffen. Im Gegenteil, unser Gastgeber verstand es, uns jederzeit das Gefühl zu geben, wir seien willkommen. Wir waren kaum je einer Meinung und dennoch kam nie der Eindruck auf, wir wären ihm darob weniger liebe Gäste.

Unser Gastgeber ist Politiker und offenbar hat er eine Mission. Zumindest erweckte er den Anschein, doch bei Politikern kann man das nie so genau sagen, denn eine Mission kann ein brauchbares Vehikel sein, die eigene Karriere voranzutreiben, und welcher Politiker käme nicht zu der Überzeugung, dass sein derzeitiger Platz in den Rängen der Politik keineswegs seiner wahren Bestimmung entspreche. Ich hatte den Verdacht, der Mann versuchte ernsthaft, uns zu seinen Ansichten zu bekehren, aber das ist vielleicht nur eine Berufskrankheit, wie das dauernde Siegerlächeln und der männliche Händedruck, eine Marotte, die man nur schwer wieder ablegen kann, nachdem man gezwungen war, sie anzunehmen.

Nur wenige Begegnungen bleiben einem derart im Gedächtnis haften und vor allem sind nur wenige wert, festgehalten zu werden. In mir reifte der Entschluss, von diesem Abend zu berichten. Sobald wir wieder zuhause waren, begann ich mir deshalb Notizen zu machen, denn dass Details mit der Zeit verschwimmen, ist so sicher wie das Delirium nach der samstäglichen Berliner Partynacht. Zudem ist das Gedächtnis ein unzuverlässiger Zeuge, denn es färbt die Erinnerungen stets in der Farbe, die ihm am angenehmsten ist.

Nach dem Erdbeben, das Bahía de Caráquez und die ganze Küstenregion von Esmeraldas bis nach Guayaquil getroffen hatte, versuchte meine Frau, ihrer Familie das Leben ein wenig erträglicher zu machen. Ihre Angehörigen leben in Bahía. Wir hatten haltbare Nahrungsmittel, Medikamente, Kleidung und auch zwei Zelte besorgt (nach dem Beben hatten alle Angst, in ihren Häusern zu schlafen) und wir beabsichtigten, die Sachen mit einem Hilfstransport an die Küste zu schicken.

Beinahe täglich machte sich damals ein Versorgungskonvoi zur Küste auf. Auch der Arbeitgeber meiner Frau, die Deutsche Schule Quito, engagierte sich mit einem Hilfsprogramm. Man organisiert einen großen Konvoi, der die Eingeschlossenen mit allem versorgen sollte, was sie in dieser kritischen Situation benötigten. Meine Frau wollte die Chance nutzen und zur Küste mitfahren, doch leider ergab sich keine Gelegenheit und dass sie die Kartons für ihre Familie einfach mitschickte, erwies sich aus vielerlei Gründen als unmöglich.

Wir überlegten nun, wie die Nahrungsmittel, die Kleidung und die Zelte nach Bahía gelangen könnten. Ein privat organisierter Transport – man hätte die Sachen mit dem Auto an die Costa schaffen können – wäre angesichts der zu erwartenden Schwierigkeiten kaum möglich gewesen: Die Straßen waren noch immer zerstört und eine ausufernde Kriminalität machte eine Fahrt an die Küste zu einem gefährlichen Abenteuer. Meine Frau war völlig verzweifelt, denn es schien, die Sachen würden nicht mehr rechtzeitig in Bahía eintreffen.

Enttäuscht und traurig räsonierte sie eines Tages vor einer ihrer Klassen darüber, dass sie keine Möglichkeit gefunden hätte, ihrer Familie zu helfen. Nach dem Unterricht suchte eine ihrer Schülerinnen das Gespräch. Sie eröffnete meiner Frau, dass es vielleicht doch möglich wäre, etwas nach Bahía zu schicken, denn ihr Vater organisiere selber einen Hilfstransport und dieser gehe schon am nächsten Tag zur Küste ab. Die Schülerin erklärte, ihre Familie würde sich sehr freuen, wenn meine Frau den Vorschlag annehmen könnte. Es gäbe genug Platz. Wir müssten die Pakete nur einfach noch an diesem Abend bei ihr in der Wohnanlage abgeben.

Am Abend luden wir die Kartons ins Auto und führen zu der Wohnanlage, in der die Familie des Mädchens residiert. Meine Frau war heilfroh, dass sich doch noch eine Möglichkeit ergeben hatte, etwas nach Bahía zu schicken. Zwar befindet sich die Urbanisation in Cumbayá, doch sie liegt in einer Gegend, die wir noch nie zuvor besucht hatten und deshalb wussten wir auch nicht, wie wir dorthin gelangen sollten.

Sucht man in Berlin einen unbekannten Ort, würde man einfach in die Straßenkarte schauen und in der Regel findet man auch, wonach man sucht. Da hier in Ecuador fast jeder in irgendeiner Urbanisation lebt und jede der Wohnanlagen einen unverwechselbaren Namen trägt, reicht es völlig aus, den Namen der Wohnsiedlung zu kennen. Leider sind Urbanisationen in keiner Karte verzeichnet (geschweige denn in den Karten des Navi) und wenn man sich, so wie wir, nicht auskennt, kann man manchmal wirklich verzweifeln.

Wir fragten Leute auf der Straße. Normalerweise erntet man als Antwort nur ein Schulterzucken oder eine vage Angabe, die sich als richtig oder falsch herausstellen kann (ehe die Leute zugeben würden, dass sie den Weg nicht kennen, sagen sie lieber irgendetwas, von dem sie bloß annehmen, dass es die richtige Richtung sei). Selbst in einer so überschaubaren Stadt wie Cumbayá geht die Zahl der Wohnsiedlungen in die Dutzende und nicht einmal die Alteingesessenen kennen alle.

Doch die Urbanisation, die wir suchten, war ausnahmsweise so bekannt, als würde man in Berlin nach dem Brandenburger Tor fragen. Jeder, den wir ansprachen, kannte sie nicht nur, sondern jeder konnte uns auch exakt beschreiben, wie wir dorthin gelangten. Ich konnte mich nicht entscheiden, ob ich dies für ein gutes oder ein schlechtes Zeichen halten sollte. Jedenfalls enthob es mich der Pflicht, durch das mittlerweile stockdunkle Cumbayá zu irren.

Die kaum noch beherrschbare Kriminalität zwingt die Menschen, sich in den Schutz von Mauern zurückzuziehen. Doch beschützte Wohnanlagen sind keineswegs nur einer Elite vorbehalten, wie die Burgen des Mittelalters dem Adel. Wohnanlagen gibt es fast in jeder Preisklasse und nur, wer wirklich arm ist, muss auf Schutz verzichten. Wenn man das Land nicht kennt, könnte man auf die Idee kommen, sich irgendwo ein Haus zu bauen und darin zu wohnen – warum auch nicht.

Man sollte davon tunlichst Abstand nehmen, denn ein ungeschütztes Anwesen stellt für die einschlägigen Milieus geradezu eine Einladung dar, die man nicht ausschlagen kann. Man darf damit rechnen, nicht nur einmal, sondern so viele Male ausgeraubt zu werden, bis es entweder nichts mehr zu holen gibt, oder bis man aufgibt und in eine sichere Wohnanlage umsiedelt. Wenn man dabei bloß mit dem Schrecken davongekommen ist, hat man noch Glück gehabt.

Die Urbanisation, die wir an diesem Abend besuchten, gehört zweifellos zu den teuersten Orten der Stadt und sie ist darum auch besonders gut geschützt. Bis zu diesem Zeitpunkt wusste ich nicht, dass es Wohnanlagen in der Wohnanlage gibt. Das klingt verrückt, ist aber nur Teil des allgemeinen Wahnsinns, den dieses Land befallen zu haben scheint.

Direkt an der Straße befindet sich das große Tor, welches – wie hierzulande üblich – mit Schranken und Kameras gesichert ist und das von recht martialisch wirkenden Wächtern bewacht wird. Wer Einlass begehrt, muss sich ausweisen, und wie ein Fremder vor dem Tor einer mittelalterlichen Festung wird man von den Wachen nach dem Begehr gefragt. Ohne einen handfesten Grund wird man nicht eingelassen und darüber hinaus muss man auch noch jemanden kennen, der hier wohnt, andernfalls hat man schlechte Karten. Wollte man sich etwa als Miet- oder Kaufinteressent die Anlage einfach nur einmal anschauen, wäre man gehalten, einen akkreditierten Makler zu beauftragen und einen Termin zu vereinbaren. Der Sicherheitswahn hierzulande grenzt schon an Paranoia und er scheint umso ausgeprägter, je nobler die Immobilie ist. Diese hier schien besonders teuer.

Nachdem man glücklich durch die Sicherheitskontrollen gekommen ist und die Torwächter passiert hat, bewegt man sich auf scheinbar gewöhnlichen Straßen, als wäre man in einer normalen Stadt, mit dem Unterschied, dass eine Urbanisation von einer normalen Stadt ungefähr so weit entfernt ist wie das „Venetian“ in Las Vegas von der echten Lagunenstadt. Es gibt nur Straßen und Mauern und hinter diesen Mauern residiert eine Oberschicht, die um nichts mehr fürchtet als um ihren kostbaren Besitz und um ihre Sicherheit. Diese Urbanisation war anders als alle Wohnanlagen, die wir bisher gesehen hatten, denn kaum waren wir vom Wachpersonal durch den äußeren Mauerring geschleust worden, standen wir nach nur ein paar Wegbiegungen vor einer weiteren Mauer.

In „Clash of Clans“, dem wuseligen Online-Computerspiel, hat man nur dann eine Chance, dem Ansturm einer feindlichen Armee zu widerstehen, wenn man die Mauern der eigenen Stadt ordentlich verschachtelt, denn dadurch zwingt man den Feind, immer neue Wälle zu bestürmen, kaum dass er ein Hindernis überwunden hat. Angesichts der himmelwärts strebenden Mauern, hinter denen man sich in dieser Wohnanlage verschanzte, hätte man glauben können, im Lande tobe ein Belagerungskrieg, nur dass die Eloy sich vor den Nachstellungen der Morlocks für diese unerreichbar in ihren Wohnquartieren eingeigelt hatten.

Jede dieser Suburbanisationen ist eine Welt für sich, eine kleine Festung, deren Bewohner den Anfeindungen einer feindlichen Umwelt hinter schier unüberwindlichen Mauern zu trotzen versuchen. Jedes einzelne dieser Quartiere hat seine eigenen Regeln – man möchte fast sagen, seine eigenen Gesetze – und selbstverständlich hat es auch sein eigenes Personal. Jede Untereinheit hat ihre Wachmannschaft, so wie der äußere Mauerring ebenfalls sein eigenes Personal beschäftigt. Man mag dies für absurd halten, aber auf diese Weise werden Absprachen unter den Angehörigen des Wachschutzes erschwert und man kann sich wieder ein ganzes Stück sicherer fühlen. Es kann nämlich sehr gefährlich sein, wenn Insiderwissen von einem Ort wie diesem, an dem sich so viel Reichtum und Prominenz konzentriert, nach außen sickert.

Das wichtigste Merkmal, anhand dessen man die Wächter unterscheiden kann, ist die Uniform: Die Schutztruppe jeder einzelnen Unterwohneinheit hat eine eigene Dienstkleidung, die sich in Farbe und Schnitt deutlich von den Uniformen der Kollegen in den anderen Quartieren unterscheidet – für Leute mit einem Uniformfetisch ein Traum: Man fährt einmal die Urbanisation ab und in einer Stunde hat man mehr paramilitärisches Gepränge gesehen als auf einem internationalen Polizeikongress mit anschließender Parade aller Teilnehmer in voller Montur.

Einmal in der Anlage, erwies es sich als kein leichtes Unterfangen, das Haus der Familie zu finden. Keines der Häuser ist nummeriert und Namensschilder sucht man an den Türen ebenfalls vergeblich – es wäre ja auch zu schön, wenn man Einbrechern noch einen Hinweis geben würde, wo man nach wertvollem Raubgut zu suchen hätte. Doch es ist egal, in welches Haus man einbricht, ein Raubzug würde überall lohnen. Und die Bewohner des Viertels brauchen keine Namensschilder, da anzunehmen ist, sie wissen, wo sie wohnen. Wir fuhren ziellos auf den sauber gefegten Straßen umher, vorbei an Briefkästen und gepflegten Vorgärten mit akkurat getrimmten Rasenflächen.

Es war ein milder Abend und die Leute ließen die Türen offen, so dass man von der Straße aus ins weitläufige Souterrain ihrer Häuser blicken konnte: Die Familien hatten sich vor dem Kamin versammelt und Opa und Oma wurden von einer Schar adrett gekleideter Enkel umschwärmt – ein Bild wie aus der Kaffee-Jacobs-Weihnachtswerbung. In jeder echten Stadt wäre man des Wahnsinns, würde man die Türen zu dieser nächtlichen Stunde sperrangelweit offen stehen lassen, aber eine Urbanisation, zumal eine so teure wie diese, gleicht viel eher einem luxuriösen Millionärsgefängnis. Zwei Mauerringe sowie eine Armee von Wachhunden sorgen zuverlässig dafür, dass all die guten Leute aus „guten“ Familien keine Belästigungen fürchten müssen. Das ist das Leben, wie es jeder gern hätte – sicher und friedlich –, aber wie es sich nur wenige wirklich leisten können.

Um den Kontrast zu verdeutlichen, sei an dieser Stelle folgende Anekdote eingeflochten: Ein Freund von uns wohnt in Guayaquil. Eines Abends stand er mit einigen guten Bekannten vor der Haustür. Man unterhielt sich, trank vielleicht auch ein bisschen und genoss die abendliche Stimmung. Insgesamt waren ihrer sechs oder sieben Personen vor dem Haus versammelt. Plötzlich tauchten zwei Motorräder auf. Niemand rechnete mit etwas Schlimmem, doch als man die Motorräder heranbrausen sah, ahnte man bereits, was folgen würde: Die bewaffneten Fahrer zwangen alle Anwesenden, Geld und Schmuck herauszugeben und sie verschwanden ebenso blitzartig, wie sie aufgetaucht waren. Am nächsten Tag ging der Schwager unseres Freundes mit seinem Neffen in den Park. Leider vergaß er, das Garagentor abzuschließen. Als er wieder zu Hause war, stellte er fest, dass die Mikrowelle fehlte. Wer sich da den Luxus uniformierter Wächter leisten kann, hat zumindest den Vorteil, dass er seine Mikrowellengerichte nicht kalt essen muss.

The British School Quito

Ein Schuljahr ist schnell vergangen und gestern war der letzte Schultag in der British School Quito – Grund genug, einen alten Artikel noch einmal zu posten (Hier geht´s zum ursprünglichen Artikel). Ich habe von der Verwaltung die Erlaubnis erhalten, Fotoaufnahmen zu machen, und so sieht man auch einmal, wie es in einer britischen Auslandsschule eigentlich aussieht. Ich hoffe, nach dem Ausscheiden des Königreichs aus der Europäischen Union war dies nicht die letzte Möglichkeit, ein Stück Großbritannien hautnah zu erleben. Wir werden diesen tropischen Außenposten britischer Lebensart sehr vermissen. Thank you Mr. Bloy.

Wir haben uns nun doch dagegen entschieden, unseren Sohn auf das Colegio Alemán zu schicken. Die Deutsche Schule ist eine der besten Schulen überhaupt und an der Qualität der Lehrer und des Unterrichts gibt es keinen Zweifel. Das Colegio Alemán genießt weit über die Landesgrenzen hinaus einen exzellenten Ruf und eigentlich gibt es keinen Grund – von den Gebühren einmal abgesehen –, warum man seine Kinder nicht auf diese Schule schicken sollte.

Unser Sohn wuchs dreisprachig auf, und zwar mit Deutsch, Spanisch und Englisch. Wir verbrachten einige Jahre in den USA und dort ging unser Sohn auch in den Kindergarten. Später in Deutschland besuchte er von Anfang an die Amerikanische Schule. Dadurch, dass er in Amerika aufgewachsen ist und seither viel Zeit in einem englischsprachigen Umfeld verbracht hat, verfügt er im Englischen über ein Niveau, das dem eines Muttersprachlers entspricht. Wir wollten, dass er zumindest im ersten Jahr viel Englisch spricht, damit seine Fähigkeiten erhalten bleiben.

Die British School Quito genießt, ähnlich wie die Deutsche Schule, einen sehr guten Ruf. Aber dafür ist sie auch eine der teuersten Privatschulen im Lande. Wer schon einmal eine Rechnung in Händen gehalten hat, kann guten Gewissens behaupten, dass er den wahren Wert von Bildung kennt: Wie man hört, beträgt die monatliche Gebühr um die achthundert Dollar. Hinzu kommt noch eine einmalige Einschreibegebühr von sechshundert Dollar sowie der Beitrag für Lunch, der sich auf gut einhundert Dollar pro Monat beläuft. Aber immerhin ist eine gute Bildung auch etwas wert und wen interessiert schon schnöder Mammon, wenn er die höchsten Weihen der Weisheit erwerben kann.

Verglichen mit ihrem deutschen Pendant ist die British School deutlich kleiner: Zählt die Deutsche Schule ca. zweitausend Schüler, so sind es in der British School gerade einmal dreihundert. Das Gelände der Schule liegt auch nicht in Cumbayá, sondern etwas außerhalb von Tumbaco (das ist die Gemeinde weiter östlich von Cumbayá). Von Cumbayá aus kann man sie mit dem Auto in etwa zwanzig Minuten erreichen, vorausgesetzt, es gibt keinen Stau, was morgens zu bestimmten Zeiten aber leider immer der Fall ist.

Das Gelände der Schule befindet sich in einer dem Anschein nach relativ ärmlichen Gegend und wie alle Schulen in Ecuador ist sie gegen die Nachbarschaft mit Mauern und Zäunen gesichert. Ein Sicherheitsdienst bewacht das gesamte Gelände und kontrolliert den Zugang. Außerhalb der offiziellen Besuchszeiten am Morgen und nach Schulschluss muss der Besucher, wie schon in der Deutschen Schule, seinen Ausweis abgeben und bekommt im Tausch dafür eine Besucherkarte. Ich habe mich ein wenig über den Wachschutz gewundert, denn auf den Schutzwesten der Mitarbeiter prangt groß der Davidsstern und darüber ist der Schriftzug „Sefardi“ zu lesen. Wenn man das Gelände betreten möchte, kommt es einem so vor, als passiere man einen israelischen Checkpoint. Ganz im Gegensatz zu ihrem martialischen Auftreten, sind die Leute aber sehr nett und hilfsbereit.

Bei der British School sieht man, dass der Zahn der Zeit schon ein wenig an der Substanz genagt hat. Zwar sind alle Gebäude gut in Schuss und zwar kümmert sich auch hier ein Heer von Bediensteten darum, dass alles so bleibt, doch man empfindet deutlich, dass einige Bereiche einer Generalüberholung bedürften. Der Principal, der es sich nicht nehmen lässt, uns persönlich herumzuführen, erklärt, dass Vieles in den nächsten zwei Jahren von Grund auf renoviert werden soll. Zu wünschen wäre es, denn die Schule macht einen sehr sympathischen Eindruck: In der Mitte des Geländes thront das Hauptgebäude mit dem Sekretariat, den Büros und der Cafeteria. Darum herum gruppieren sich die einzelnen Klassenräume, die in Bungalows untergebracht sind. Die Gebäude vermittelten mir doch stark den Eindruck einer Missionsschule, wie die Briten sie in vielen Teilen ihres ehemals weit gespannten Empires errichteten. Doch als man uns ins Innere führte, sahen wir, dass sie eingerichtet sind, wie es sich für moderne Klassenräume gehört, und dass es an nichts fehlt.

Wie in „Harry Potter“ werden die Schüler einzelnen Häusern zugeteilt und zuweilen kommt es vor, dass die Fiktion gar nicht so weit von der Wirklichkeit entfernt ist: Jedes dieser Häuser hat einen eigenen Namen und eine eigene Farbe. Mein Sohn kam zum Haus „Cayambe“ (nicht der sprechende Hut übernahm die Zuteilung, sondern eine Angestellte der Schule). Alle Häuser sind nach Vulkanen benannt und mit den Farben der ecuadorianischen Trikolore (blau, rot, gelb) ausgezeichnet. Cayambe ist gelb (oder Gold, wie auch „Gryffindor“, das Haus, dem Harry Potter angehört). Mein Sohn hat die Harry-Potter-Romane alle gelesen und musste schmunzeln, als ich ihn darauf aufmerksam machte.

Es war der erste Schultag und die Schüler waren in ihren Schuluniformen im Hof angetreten. Ich hatte tatsächlich einen Augenblick lang den Eindruck, ich befände mich im Mutterland England (oder in Hogwarts), als ich die Schüler in ihrer gebügelten Schulkleidung, die Mädchen in Rock und alle mit Krawatte dastehen sah. Das männliche Lehrpersonal trug übrigens ausnahmslos Anzug und die weiblichen Angestellten wirkten auf mich allesamt sehr gut gekleidet. Wüsste man nicht, dass es sich um Lehrer handelt, hätte man sie auch für Banker oder Angestellte in Führungspositionen in einer großen Firma halten können. Manche der Männer trugen dazu noch einen Panama-Hut, was sie sehr britisch wirken ließ. Allerdings sind es weniger die Äußerlichkeiten, die einen die „Britishness“ des Ortes empfinden lassen, sondern vielmehr die ganz besondere Art, wie man als Fremder aufgenommen wird. Alle sind so ausnehmend freundlich und so hilfsbereit, dass man sich sofort wohlfühlt. Ich habe das Gelände der Schule noch nie zuvor betreten, aber jedermann, dem ich begegne, gibt mir das Gefühl, als gehörte ich schon eine Ewigkeit dazu. Der Umgang ist so leger wie in einem exklusiven Tennis- oder Golfklub und sämtliche Klischees, die man immer gern über britische Höflichkeit bemüht, werden erfüllt. Dabei ist immer ein gewisses Understatement zu spüren – auch das sieht man als typisch britisch an; niemals würde man damit protzen, wer man ist, obgleich man durchaus Grund dazu hätte. Das alles macht es sehr angenehm und augenblicklich kamen mir viele schöne Erinnerungen an meine Reisen nach England ins Gedächtnis.

In der British School wird Schulkleidung getragen – für die meisten Schüler sicher ein handfester Grund, sich dem Wunsch der Eltern zu verweigern und lieber eine andere Schule zu besuchen, auf der keine Schulkleidung vorgeschrieben ist. Nur würde man es damit auch nicht besser treffen, jedenfalls ist mir keine Privatschule bekannt, an der keine einheitliche Kleidung getragen wird, und Ausländer wie Ecuadorianer, die es sich leisten können, schicken ihre Kinder der besseren Bildungschancen wegen nur zu gern dorthin. Wenn man nach Schulschluss durch die Stadt fährt, sieht man die verschiedenfarbigen Uniformen der Schulen: blau, braun, grün. An der Deutschen Schule trägt man übrigens graue Hose, weißes Shirt mit dem Schullogo darauf und, wer will, darf sich eine grüne Jacke überziehen (auf dem Herzen prangt das Emblem der Schule). Die Jacken und die dazu passenden Hosen erinnern sehr an die Trainingsanzüge der deutschen Fußballnationalmannschaft anno 1954. Das sind nicht die coolen Sachen, in denen man als Dreizehn-, Vierzehnjähriger gesehen werden möchte. In Deutschland würde man ganz sicher Sticheleien über sich ergehen lassen müssen, doch hierzulande ist es eher eine Auszeichnung, diese Kleidung tragen zu dürfen. Der einzige Trost ist, dass alle anderen genauso aussehen – kein Grund also, sich zu schämen. In einem Land wie Ecuador ist es nur einer kleinen Elite vergönnt, die Kinder auf teure Privatschulen zu schicken, so dass die Schüler dieser Schulen von Gleichaltrigen wohl eher beneidet werden, als dass man über sie lacht.

Für Jungs besteht die Uniform der British School aus weißem Hemd, gelber Krawatte (Haus Cayambe), blauem Blazer mit roten Streifen, grauer Hose und schwarzen Schuhen. In der Ventura-Mall, das ist eine Shopping-Mall in Tumbaco, unterhält die British School einen eigenen Uniform-Shop. Zwar besuchen die Einrichtung nur dreihundert Schüler, doch muss sich jeder mit einer Schuluniform eindecken. Die einfache Garnitur kostet schon über zweihundert Dollar, dabei sind die Schuhe, die hier in Ecuador extrem teuer sind, noch gar nicht mit eingerechnet. Darüber hinaus ist es ratsam, gleich mehrere Garnituren zu kaufen, denn schließlich verschmutzt ja auch mal etwas. Wer nur auf die Idee gekommen ist, Schüler in weiße Hemden zu strecken! Leider waren Hosen in der entsprechenden Größe und gelbe Krawatten (Haus Cayambe) nicht mehr verfügbar, so dass wir am Samstag erst zur Fabrik nach Quito fahren müssen, um die fehlenden Kleidungsstücke dort direkt zu kaufen. Wir haben immer noch kein Auto und der vermeintlich kurze Trip wird wahrscheinlich wieder zur Weltreise ausarten. Ich sehe mich nach der Rückkehr am Abend schon wieder vollkommen erschöpft auf der Couch liegen.

Am ersten Schultag holte ich meinen Sohn von der Schule ab. Da wir immer noch kein Auto haben und es in den Sternen steht, wann es geliefert wird, musste ich mit dem Taxi zur Schule fahren. Von unserer Wohnung aus zahlt man fünf Dollar und die Fahrt dauert ca. zwanzig Minuten. Unsere Wohngegend ist offenbar selbst für Taxifahrer so abgelegen, dass der Dispatcher der Taxi-Kooperative stets nachfragen muss, wo genau wir zu finden wären. Nach dem dritten oder vierten Mal konnte meine Frau nicht mehr an sich halten und machte dem Mann wortreich Vorwürfe, dass man immer noch nicht wüsste, wohin man das Taxi beordern solle. Ich glaube, die Tirade half, denn heute kam das Taxi auch ohne umständliches Nachfragen. Wenn ich mir in der Schule ein Taxi bestellen lasse, geben sie immer meinen Vornamen an, denn gewöhnliche deutsche Nachnamen sind für ecuadorianische Zungen einfach unmöglich korrekt auszusprechen. Ich bin dann Señor Henry (ausgesprochen je nach Gusto entweder Chenry mit hartem „Ch“ oder Enry, denn die spanische Sprache kennt kein „H“).

Ich hatte noch ein paar Besorgungen zu machen – unter anderem wollte ich ein Fitness-Studio testen – und bin deshalb mit dem Bus nach Tumbaco gefahren. Ich fand das Studio übermäßig teuer, aber zumindest hatte ich ein Probetraining frei. Zufällig lief mir der Besitzer über den Weg. Ich merkte schnell, das er ein Landsmann war und wir kamen ins Gespräch. Er erzählte, dass er seit vier Jahren im Lande sei. Mit seiner Frau zusammen hätte er das Studio aufgebaut, aber sie überlegten, ob sie nicht alles wieder verkauften und nach Europa zurück gingen. Die Mentalität der Leute hierzulande sei furchtbar. Die Ecuadorianer hätten keinen Respekt vor fremdem Eigentum und alles werde mutwillig zerstört. Wie zum Beweis zeigte er auf die Matten, mit denen er sein Studio erst kürzlich ausgelegt hätte, wie er meinte – sie waren schon über und über zerschlissen und sahen aus, als würden sie seit Jahren genutzt. Er war darüber erbost, dass jeder um kleinste Dollarbeträge feilsche. Er habe es so satt. Es gäbe einfach keine Kultur in diesem Land, auch keine Esskultur. Man hätte sich ein Grundstück am Pazifik gekauft und habe vor, ein Haus zu bauen – doch wozu? Es lohne ja doch nicht. Man wolle hier nicht bleiben. Man werde alles verkaufen und in Europa einen neuen Start versuchen. Ich wünsche ihm viel Glück.

Von Tumbaco aus wollte ich ein Taxi zur Schule nehmen. Ich postierte mich gut sichtbar am Taxistand vor der größten Shopping-Mall im Ort und war guter Hoffnung, dass ich in kürzester Zeit ein Taxi finden würde. Aber es dauerte geschlagene zwanzig Minuten bis überhaupt eines auftauchte. Ich nannte dem Fahrer mein Ziel, aber er entgegnete mir nur, dass er von einer British School noch nie gehört habe. Die British School ist eine der teuersten und exklusivsten Schulen des Landes und jeder in der Gegend kennt sie, Taxifahrer oder nicht. Ich muss annehmen, der Mann wollte mich nicht fahren. Doch schon wenige Minuten später tauchte ein zweites Taxi auf und diesmal hatte ich mehr Glück.

Als ich ankam, waren die meisten Eltern schon da, um ihre Kinder abzuholen. Eine Seitenstraße direkt an der Mauer, die das Gelände der Schule begrenzt, ist fürs Parken reserviert und dort standen nun die Wagen der Eltern. Die Phalanx der parkenden Autos gab einen deutlichen Hinweis auf den Wohlstand, der sich an diesem Ort sammelt: Sämtliche Fahrzeuge der Marke Chevy sowie diverser ostasiatischer Hersteller waren deutlich übermotorisiert, viele hatten Allradantrieb. Die SUVs waren eindeutig in der Überzahl. Manche der Autos waren so geräumig, dass man eine ganze Fußballmannschaft damit transportieren könnte, dennoch saßen meist nur zwei Personen darin. Wenn man diese Flotte aus geländegängigen Fahrzeugen so sah, hätte man glauben können, es gäbe in diesem Land keine einzige asphaltierte Straße.

Pünktlich um 15:20 Uhr öffnete die Schule ihre Pforten und die Kinder strömten befreit hinaus. Es dauerte gerade einmal fünf Minuten, dann hatten sich mehrere Dutzend Fahrzeuge in den Verkehr gequetscht und die Parkstraße war wieder leer. Während sie abfuhren, konnte man bei manchen der Autos auf der Heckscheibe einen Hinweis auf die Herkunft der Insassen erkennen: Man sah amerikanische, britische oder australische Fahnen. Es schien, als wollte man jedermann gut sichtbar kundtun, wer man ist. Ich hatte den Eindruck, die Insassen säßen gut geschützt in ihren stählernen Festungen, in denen sie nach Hause, zu ihren bewachten Wohnanlagen rollten.

Am nächsten Tag brachte ich meinen Sohn wieder mit dem Taxi zur Schule. Auf halbem Weg setzten wir meine Frau an ihrem Arbeitsplatz, dem Colegio Alemán ab. Viele der Schüler trugen die „Retro“-Schuluniform anno ’54, einige aber nur das weiße Shirt mit dem Adler auf der Brust, was mich ungewollt an die preußische Turnerriege aus Wilheminischer Zeit denken ließ. An der British School gab ich meinen Sohn ab und fuhr dann wieder mit demselben Taxi nach Hause. An der Pforte zu unserer Wohnanlage angekommen, merkte ich jedoch, dass ich nicht ins Hause kommen würde: Die Haushälterin hatte die Eingangstür zur Anlage aus mir unbekannten Gründen von innen mit einem dicken Vorhängeschloss gesichert, obwohl die Tür bereits über ein gutes Schloss verfügt. Ich habe zwar einen Schlüssel für das Vorhängeschloss, doch um es zu öffnen, hätte ich irgendwie auf die andere Seite der Tür gelangen müssen und dort hätte ich den Schlüssel nicht mehr gebraucht, da ich ja schon drin wäre. Ich hätte freilich auch über die Parkanlage ins Haus gelangen können; dazu wäre nur der Türöffner nötig gewesen, den aber meine Frau mit in die Schule genommen hatte. An manchen Tagen läuft wirklich alles perfekt!

Ich wartete einige Zeit vor der Tür, weil ich hoffte, jemand würde das Haus verlassen, aber es kam niemand. Keine Menschenseele war zu sehen, obwohl Autos im Parkdeck standen. Einfach zu klingeln und zu fragen, ob man mir öffnete, wäre kaum möglich gewesen, da man es hierzulande als klüger erachtet, niemandem zu öffnen, den man nicht kennt oder der sich nicht angekündigt hat. Wohl oder Übel musste ich mir wieder ein Taxi nehmen, zur Schule meiner Frau fahren und mir von ihr den Türöffner für die Parketage geben lassen. So kann man schon mal einen Morgen sinnvoll verstreichen lassen.

Meine ecuadorianische Identität

Der Erwerb einer Aufenthaltserlaubnis kann sich in Ecuador zu einer langwierigen, äußerst anstrengenden und vor allem nervenaufreibenden Unternehmung auswachsen. Dank tiefgreifender, radikaler Reformen unterscheiden sich die Behörden hierzulande im Grunde kaum von den Ämtern in Deutschland – sie sind modern, effizient und exekutieren Dienstanweisungen mit derselben haarspalterischen Insistenz wie ihre deutschen Amtsvettern. Vom angeblichen südländischen Schlendrian keine Spur – die Beamten arbeiten effektiv wie Automaten und sie wirken auch oft genauso unsympathisch wie ihre deutschen Kollegen. Doch kein Ecuadorianer würde sich die speckigen Amtsstuben früherer Zeit und das Chaos, das in ihnen herrschte, zurückwünschen. Dennoch kann einen der bürokratische Irrsinn manchmal in die Verzweiflung treiben. Man könnte den Ämtern und allem, was man dort so erlebt, einen eigenen Blog widmen.

Wahrscheinlich lässt sich die Entwicklung hin zu mehr Bürokratie auch gar nicht vermeiden, denn wie man weiß, verselbständigt sich so ein Verwaltungsapparat, sobald er nur eine kritische Größe erreicht hat. Doch die Verwaltungsreform hat auch positive Dinge mit sich gebracht: Ein gravierender Unterschied zu deutschen Behörden besteht darin, dass die Mitarbeiter fast alle jung sind. In der Tat kann ich mich nicht erinnern, dem Angestellten einer Behörde gegenübergestanden zu haben, der älter als ich gewirkt hätte, und dabei bin ich doch noch nicht einmal dreißig! Scherz beiseite: Ehrenvoll im Dienst ergraute Beamte sieht man eigentlich gar nicht – entweder hat man sie im Zuge der Erneuerungsmaßnahmen aufs Altenteil geschickt oder sie fristen ihr Gnadenbrot in den Hinterzimmern, zwischen verstaubten Aktenbergen und Dokumentenablagen, die schon Spinnweben angesetzt haben, jedenfalls dort, wo sie kein Besucher der Behörde jemals zu Gesicht bekommt. Ich glaube nicht, dass man sie in den hauseigenen Aktenschreddern entsorgt hat – so viele Schredder könnte eine vielbeschäftigte Behörde ja auch gar nicht entbehren.

Ursprünglich war vorgesehen, dass der Arbeitgeber meiner Frau, die Deutsche Schule Quito, die notwendigen Schritte einleitet, um meinen Aufenthaltsstatus zu klären. Aus Gründen, die sich einer verstandesmäßigen Durchdringung entziehen, unterließ man es aber, sich mit den Behörden in Verbindung zu setzen. Drei Monate waren verstrichen und nichts war geschehen. Ab diesem Zeitpunkt hielt ich mich illegal im Lande auf.

Aus der Not entschieden wir uns, eine Anwältin damit zu beauftragen, die Sache in die Hand zu nehmen. Wer nun glaubt, damit wäre alles so gut wie ausgestanden, irrt gewaltig. Eigentlich bestellt man ja einen Rechtsbeistand, um sich nicht selber mit solch unangenehmen Dingen wie Behördengängen herumschlagen zu müssen, dennoch kann ich die Stunden gar nicht zählen, die ich, zu Tode gelangweilt, in den Wartesälen der Behörden verbracht habe. Inzwischen haben die Dienste der Anwältin – die unentbehrlichen Dienste, wie man ehrlicherweise hinzufügen muss – die Kleinigkeit von annähernd zweitausend Dollar verschlungen, doch am Ende hat es sich doch gelohnt und ich bezweifle, dass wir ohne ihre Hilfe so weit gekommen wären. Die Auslagen bekommen wir übrigens ersetzt, denn die Deutsche Schule ist verpflichtet, den Ehegatten ihrer Angestellten eine Aufenthaltserlaubnis zu verschaffen.

Um eine Aufenthaltserlaubnis zu erwerben, braucht man vor allem eines: Geduld. Am besten lässt man gleich den Gedanken fahren, dass man die Angelegenheit in ein paar Tagen abhaken könnte. Ich versichere, man kann es nicht. Ob man einen Rechtsbeistand zu Rate zieht, bleibt jedem selbst überlassen. Ich kann dazu eigentlich nur raten, denn aus eigener Erfahrung weiß ich, dass man schnell überfordert ist, zumal wenn man die Sprache nicht ausreichend gut beherrscht. Man kann sich nur zu leicht in den Labyrinthen der Bürokratie verirren und irgendwann verliert man in dem unentwirrbaren Wust aus Papieren und gescheiterten Hoffnungen den Verstand. Da ist es wichtig, dass man einen verlässlichen Lotsen hat, der einen sicher durch die tückischen Gewässer des Verwaltungsaktes geleitet.

An einem normalen Tag pendelt man mehrmals zwischen Einwanderungs- und Meldebehörde hin und her, und wenn einen nicht eine Stelle zur anderen schickt, weil irgendein wichtiges Formular, ein unverzichtbares Dokument oder eine unentbehrliche notarielle Beglaubigung fehlt, dann schickt einen eben die Stelle, zu der man doch eben hin beordert wurde, aus exakt denselben Gründen wieder zurück. Mit einer Böswilligkeit, wie sie nur Behörden eigen ist, wird man so etliche Male von Pontius zu Pilatus befohlen und am Ende ist man nicht einmal schlauer, geschweige denn, dass man das Gefühl hätte, die Sache wäre auch nur ein klitzekleines Stück vorangekommen.

Ich fühlte mich oft an die berühmte Szene in einem Asterixfilm erinnert, in der die Helden im Getriebe eines aufgeblähten bürokratischen Apparates unterzugehen drohen. Sie entgehen dem Verhängnis, indem sie auf die geniale Idee verfallen, das System zu veranlassen, sich gegen sich selbst zu wenden: Sie werfen Sand ins Getriebe der gut geölten Behördenmaschinerie, denn sie erfinden einfach ein Formular, das es in Wirklichkeit gar nicht gibt. Der sonst so fabelhaft effiziente Apparat strauchelt und der kleine böswillige Sabotageakt stiftet ein derartiges Chaos, dass bald alles in Wahnsinn versinkt. Am Ende implodiert der ganze Laden wie ein Schwarzes Loch. Vielleicht hätte ich einfach nur nach dem ungemein wichtigen und unverzichtbaren rosa Formularbogen fragen sollen …

Ich war inzwischen gut ein Dutzend Mal auf der Behörde und dann verbrachte ich dort auch immer gleich den ganzen Tag – morgens hin, am Nachtmittag wieder zurück. Die Anwältin, die meine Antragstellung betreute, pflegte mich immer am Morgen in ihr Büro einzubestellen und sie verstand es jedes Mal, meinen Unmut über die zu erwartenden Unannehmlichkeiten zu zerstreuen, indem sie treuherzig erklärte, heute gehe alles ganz, ganz schnell – eigentlich könnte ich mein Visum und sogar die Cedula, die ID-Card, gleich mitnehmen. Versprochen!

Natürlich erwiesen sich die vollmundigen Versprechungen nur als ein Mittel, mich aufzumuntern, denn die Anwältin spürte sehr wohl meinen Widerwillen, in der Sache auch nur noch einen Schritt weiterzugehen. Meine Hoffnung, diese Geduldsprobe heute endlich hinter mich bringen zu können, wurde dann auch jedes Mal aufs Neue gedämpft, kaum dass wir die Behörde betreten und der Beamte uns mitgeteilt hatte, es fehlte noch dieses Papier und jenes Formular und diese beglaubigte Kopie und jener amtliche Stempel. Man kommt sich manchmal vor wie in einem Irrenhaus, nur hat man den Eindruck, man stehe selber im Begriff, allmählich den Verstand zu verlieren.

Lohnt es sich, einen Rechtsbeistand zu engagieren? Auf jeden Fall! Ich möchte eigentlich jeden, der nach Ecuador kommt, um sich hier für längere Zeit niederzulassen, ermutigen, sich der Hilfe eines verlässlichen Rechtsberaters zu versichern. Ein Anwalt kann hierzulande für vieles nützlich sein. Die einzigen Anwälte, denen ich in Berlin begegnet bin, waren mehr oder weniger Zufallsbekanntschaften. Die meisten von ihnen fand ich übrigens sehr sympathisch (Ich muss allerdings einräumen, ich habe nie die traumatische Erfahrung machen müssen, eine anwaltliche Honorarrechnung auf den Tisch zu bekommen). Hier in Ecuador braucht man den Rechtsbeistand, damit er einem aus so mancher verzwickten Lage befreit. Denn man kann in Schwierigkeiten geraten, auch ohne je gegen das Gesetz verstoßen zu haben, und dann ist man darauf angewiesen, dass jemand die Eisen wieder aus dem Feuer holt.

Ein Beispiel für jene Wechselfälle des Lebens, in denen ein Anwalt nützliche Dienste leistet, mag genügen: Eines Tages forderte unsere Vermieterin ultimativ die Summe von zweitausend Dollar. Wir wunderten uns darüber und waren auch ein wenig besorgt, denn diese Forderung kam wie aus heiterem Himmel. Wir wollten die Wohnung in nächster Zeit kündigen und offenbar glaubte die Vermieterin, sie hätte in diesem Fall das Anrecht auf eine Art Entschädigungszahlung für entgangene Mieteinnahmen. Unsere Anwältin (das ist eine andere als die, in deren Hände die behördlichen Vorgänge um meine Aufenthaltserlaubnis gelegt sind) lächelte kühl und meinte, es gäbe keine rechtliche Grundlage, die eine solche Unverschämtheit stütze. Das sei reine Willkür – ich denke aber, es war wohl eher die reine Gier, die aus der Forderung der Vermieterin sprach.

Wir waren froh, dass die Anwältin das Telefongespräch führte, in der sie der Vermieterin lapidar mitteilte, dass ihre Forderung nichtig sei. Die Frau versuchte dann Geld herauszuschinden, indem sie insistierte, erst einmal müsse geprüft werden, ob das Parkett sich auch wirklich noch in dem Zustand befinde, in dem es angeblich gewesen sei, als es uns übergeben wurde. Ganz offensichtlich hat sie eine Art obsessive Leidenschaft zu dem Holzfußboden entwickelt, und ich glaube, an dem Tag, an dem Termiten die Holzplanken auffressen, hat das Leben für sie seinen Sinn verloren. Die Anwältin schmetterte das Ansinnen routiniert ab. Auch eine Mediation verweigerte sie.

Irgendwann, nach mehreren Monaten geduldigen Wartens, hatte das Schicksal doch noch ein Einsehen und es kam der Tag, an dem mir das Visum tatsächlich in den Pass eingetragen wurde. Und es kam sogar noch besser, denn vier Wochen später erhielt ich auch noch die Cedula de identidad. Ein Mitarbeiter der Anwältin brachte mit mir wieder fast den ganzen Tag auf dem Registro civil zu, der Meldebehörde. Die Anwältin scheint Mitarbeiter zu bevorzugen, die die meiste Zeit ihres Lebens in Spanien verbracht haben. Auch dieser junge Mann hatte dort sein ganzes Berufsleben absolviert. Erst seit zwei Jahren lebte er wieder in Ecuador, um, wie es scheint, nun Botengänge für seine Arbeitgeberin zu erledigen.

Wir warteten geraume Zeit, aber schließlich teilte uns ein Mitarbeiter der Meldestelle mit, dass alle Papiere nun vollständig seien und ich die Cedula in drei Stunden am Schalter abholen könnte. Mehr noch als mich diese lapidare Mitteilung freute, nahm die Frisur des Beamten meine ganze Aufmerksamkeit gefangen: Der Haaransatz über der Stirn war eckig wie ein Fußballplatz ausrasiert. Der schwarze Haarsaum legte sich um das Gesicht wie ein viel zu groß geratener Bilderrahmen. Man konnte deutlich die dunkle Wurzel an den Stellen erkennen, an denen der Rasierer zwei Finger breit Haar entfernt hatte. Der Mann wirkte bestimmt viel intelligenter, da die Stirn nun viel höher und breiter war, und obwohl er gerade Ende Zwanzig zu sein schien, erinnerte er mich sehr stark an Winfried Noë von Astro-TV.

Leider war es mir nicht möglich, den Ausweis noch an diesem Tag entgegenzunehmen, denn ich musste meinen Sohn von der Schule abholen. Aber das sei, so informierte man uns, überhaupt kein Problem, denn das Dokument läge am Schalter bereit und man könne es sich jederzeit aushändigen lassen. Das tat ich dann zwei Wochen später – man hat ja oft keine Zeit, aber so gut wie nie verspüre ich Lust, mich durch den dichten Verkehr auf Quitos Straßen zu quälen.

Und da ist sie nun – meine Cedula. Die Cedula de identidad ist eine ID-Card und als solche ist sie mit dem deutschen Personalausweis durchaus vergleichbar. Man kann sie aber bekommen, auch ohne die ecuadorianische Staatsangehörigkeit zu besitzen (was auf mich zutrifft). Das Foto beachte man am besten gar nicht, denn darauf sehe ich aus wie El Colorado, der berüchtigte Pistolero, kurz nach seiner Festnahme. Worauf es ankommt, ist ja auch nicht das Bild, sondern die Tatsache, dass ich den Ausweis überhaupt habe.

Hat sich der ganze Aufwand gelohnt? Ehrlich gesagt, ich weiß es nicht. Ich bin ein wenig skeptisch. Das Dokument ist zehn Jahre gültig und kann beliebig verlängert werden. Es besteht also kein Anlass zu der Sorge, man müsste die ganze Behördenquälerei noch einmal über sich ergehen lassen. Die Cedula nützt einem nur in Ecuador. In anderen Ländern, selbst in den Staaten des amerikanischen Kontinents, schindet man damit etwa so viel Eindruck wie mit der Visitenkarte Winfried Noës.

In Ecuador kann man mit der Cedula aber durchaus eine Menge anfangen: Zunächst einmal muss man nun nicht mehr ständig den Reisepass mit sich herumtragen. Die Cedula reicht vollkommen aus für den Fall, dass man sich ausweisen muss. Im Vergleich mit dem gewöhnlichen Touristen zahlt man oft nur den halben Eintrittspreis. Es mag sich zwar nur um wenige Dollar handeln, doch richtig sparen kann man, wenn man nach Galapagos reisen möchte. Der Unterschied kann einige Hundert Dollar betragen. Wirklich zu genießen vermag man die Vergünstigungen, die einem mit der Cedula gewährt werden, aber erst im Rentenalter, in der Tercera edad, denn dann zahlt man in allen staatlichen oder öffentlichen Einrichtungen stets nur den halben Preis.

Ich kann es mir ja noch einmal überlegen, ob ich meine bescheidene Rente nicht irgendwo an einem pazifischen Palmenstrand verzehren möchte. Die Cedula ist zeitlich unbegrenzt gültig und wer kann schon voraussehen, welche Zeiten uns noch erwarten. Mit der Cedula in der Tasche müsste ich in Ecuador jedenfalls keinen Asylantrag stellen. Und es ist beruhigend zu wissen, dass es einen Platz auf der Welt gibt, an dem man im Notfall Zuflucht finden könnte. Es gibt wahrlich unwohnlichere Orte als dieses tropische Paradies.

Vorbei an Skylla und Charybdis

Es ist vollbracht! Nach monatelangem nervenaufreibenden Ringen mit den Behörden scheint sich endlich ein Ende meiner Odyssee durch die Ämter anzubahnen: Wenn ich den Ankündigungen des Beamten der Migrationsbehörde Glauben schenken will, dann werde ich in ca. einem Monat meine unbefristete Aufenthalts- und Arbeitserlaubnis ausgehändigt bekommen. Alle Papiere sind nun vollständig (sie beizubringen, kam geradezu einer Herkulesarbeit gleich) und es bleibt zu hoffen, dass der letzte Akt in diesem nervenzerreißend langen und zugleich tragikomischen Stück ohne weitere Verzögerungen über die Bühne geht.

Am Ende hat die ganze Sache viel Zeit gekostet und noch mehr Geld und das ständige Hin und Her auf den Ämtern zerrt einfach nur an den Nerven. Ohne einen Rechtsbeistand erreicht man nichts. Anfangs musste ich mich erst an die Vorstellung gewöhnen, dass man unbedingt einen Anwalt braucht, um die notwendigen Behördengänge zu erledigen und um die Sache überhaupt erst so recht ins Rollen zu bringen. Ein Anwalt ist in so einem Fall eine gute Sache und manchmal schlichtweg unverzichtbar, allerdings muss man dazu anmerken, dass der Rechtsbeistand für seine unschätzbaren Dienste auch ein üppiges Honorar verlangt.

Wenn man in einem fremden Land lebt, hat man sich nicht nur mit den offensichtlichen Problemen herumschlagen, die sich aus fremden Sitten, einer völlig verschiedenen Mentalität der Leute und einer Sprache ergeben, mit der man sich mehr schlecht als recht herumschlägt, viel mehr fällt der Umstand ins Gewicht, dass man sich um einen legalen Aufenthaltsstatus bemühen muss. Zwar benötigt man kein Visum, wenn man mit einem deutschen Pass nach Ecuador einreist, doch der legale Aufenthalt ist auf drei Monate begrenzt. Doch das Bleiberecht will erst verdient sein und um eine Aufenthaltsgenehmigung über die besagte Zeit hinaus zu erwirken, bedarf es nicht unbeträchtlicher persönlicher Anstrengungen des Antragstellers.

Neben dem sattsam bekannten Behördenungemach muss man sich auch noch auf nicht geringe finanzielle Ausgaben einstellen. Den größten Teil verschlingt dabei das Honorar des Rechtsbeistands; darüber hinaus muss man damit rechnen, dass jeder einzelne Besuch bei der Behörde Geld kostet – sei es, dass es sich um die Ausfertigung eines unverzichtbaren Schreibens handelt, sei es, dass eine Übersetzung wichtiger Dokumente vorgelegt werden muss, sei es, dass eine notarielle Beglaubigung zu erfolgen hat, sei es, dass Passbilder oder Kopien vorgelegt werden müssen. Alles kostet Geld. Es ist daher ratsam, immer einen ausreichenden Vorrat an Bargeld mitzunehmen, wenn man den Tag auf den Ämtern zu verbringen gedenkt. Nach ein paar Stunden auf der Behörde hat man im Durchschnitt an die dreißig, vierzig Dollar ausgegeben. Da es in der Regel nicht mit einem Besuch getan ist – wer schon einmal auf einer ecuadorianischen Behörde war, weiß, dass das unmöglich ist –, kann man sich leicht ausrechnen, welche nicht unbeträchtlichen Summen am Ende zu den Anwaltskosten addiert werden müssen.

Meine Frau ist bei der Deutschen Schule Quito angestellt und eigentlich ist in einem solchen Fall vorgesehen, dass der Arbeitgeber dabei hilft, den Familienangehörigen des Arbeitnehmers einen entsprechenden Aufenthaltsstatus zu verschaffen. Schließlich ist meine Frau nicht die erste, die sich aus Deutschland um eine Stelle an der Deutschen Schule beworben hat, und ganz sicher ist sie nicht die einzige, die mit Familienangehörigen ins Land einreist. Aus Gründen, die sich einer logischen Erfassung entziehen, hat der Arbeitgeber es leider versäumt, die notwendigen Schritte einzuleiten, so dass mein Aufenthaltsstatus letztlich ungeklärt ist. Aber wie behauptet schon die Redensart: Wenn man will, dass etwas getan wird, muss man es selber tun.

Wir haben uns also eine Anwältin besorgt, die auf Fälle spezialisiert ist, in denen es um den Aufenthaltsstatus geht. Solch ein Rechtsbeistand ist nicht billig – 1.300 Dollar verlangt die Anwältin für ihre Dienste –, aber ohne ist man verloren. In der Theorie könnte man auch alles selbst erledigen, nur würde man dann unendlich viel Zeit opfern müssen. Vielleicht käme man billiger davon, aber die Nerven, die man dabei lassen müsste, würden die eingesparten Kosten am Ende um ein Mehrfaches überwiegen. Ich bin skeptisch, ob es einem ohne ausreichende Sprachkenntnisse und ohne Kenntnis der Arbeitsweise des bürokratischen Apparates gelingen würde, die begehrten Papiere am Ende in die Hände zu bekommen. Aufgrund meiner Erfahrungen würde ich jedem in einer ähnlichen Situation raten, sich nicht ausschließlich auf die eigenen Kräfte zu verlassen. Ein Profi kann unendlich mehr ausrichten, und das in viel kürzerer Zeit.

Bisher musste ich fünf- oder sechsmal nach Quito fahren, um mich mit der Anwältin oder einem ihrer Mitarbeiter zu treffen. Die Anwältin unterhält ein Büro in einer belebten Geschäftsstraße in Quito und sie beschäftigt insgesamt mindestens fünf Mitarbeiter, von denen zwei Sohn und Tochter sind. Ihr Sohn studiert Recht und es ist anzunehmen, dass er in die Fußstapfen der Mutter treten wird, auch wenn ich mir nicht recht vorzustellen vermag, dass dieser leise, etwas linkische und zudem sehr unsicher wirkende junge Mann einmal Klienten vor Gericht vertreten soll.

Die Tochter studiert irgendetwas mit Medien, aber ich habe vergessen, was genau es war. Sie sprach übrigens, im Gegensatz zu ihrer Mutter (und auch im Gegensatz zu ihrem Bruder), gut Englisch und daher konnte ich mich mit ihr ein wenig unterhalten (meist gehen Unterhaltungen aufgrund der Sprachbarriere nicht über das Stadium der Gestikulation hinaus: mein Spanisch ist viel zu schlecht und es scheint in diesem Land einfacher, jemanden zu finden, der Quechua spricht, als jemanden, der über elementare Englischkenntnisse verfügt). Ich fragte sie scherzhaft, ob ihre Mutter ein guter Chef sei. Sie bejahte dies, jedoch nicht ohne einen Augenblick über die Antwort nachzudenken, und sie fügte dann sehr ernst hinzu, dass die Mutter streng sei, sehr streng. Autoritäre Erziehung hin oder her – die beiden Kinder haben das Privileg, studieren zu dürfen, und zwar dank des Vermögens der Mutter. Eine fundierte Bildung ist in Ecuador kein kleines Geschenk des Schicksals.

Seltsam ist, dass die Anwältin nicht unter ihrem eigenen Namen tätig zu sein scheint, sondern im Auftrag eines Unternehmens namens „Industahl“. Auf dem Türschild an ihrem Büro ist nicht ihr Name, sondern „Industahl“ zu lesen und im Foyer hängt ein riesiges Werbeplakat, auf dem man ein Stahlwerk, Bohrtürme, eine Eisenbahn und ein Flugzeug vor einer unverkennbar europäischen Landschaft sieht. Der Firmenname ist mit dem Schwarz, Rot, Gold der deutschen Nationalflagge unterlegt und es drängt sich die Schlussfolgerung auf, dass Deutschland dank „Industahl“ von einem Wald aus Bohrtürmen überzogen ist. Die Firma hat eine eigene Website, aber ich hatte bisher keine Lust, dort nachzuschauen.

An zwei aufeinanderfolgenden Tagen begleitet mich Diego aufs Amt. Diego ist ebenfalls ein Mitarbeiter der Anwältin. Er übernimmt vor allem Botendienste, holt die Post ab, befördert Dokumente zum Notar oder zum Übersetzungsbüro und wieder zurück und schleppt gelegentlich hilflose Gringos mit aufs Amt. Er spricht leidlich Englisch und so war es möglich, dass wir uns unterhalten konnten. Diego erzählte mir, dass er seit seinem achtzehnten Lebensjahr für fast zwei Jahrzehnte in Spanien gelebt hätte. Er besitze einen spanischen Pass und sei darum, technisch gesehen, Spanier und als solcher könne er nach Herzenslust im Schengenraum umherreisen und auch überall arbeiten. Das sei viel wert, meint er, wohl wissend, dass der ecuadorianische Pass außer in Ecuador nirgends einen echten Vorteil bietet.

In den Zeiten der Krise verließen viele Ecuadorianer das Land, um sich anderswo eine neue Existenz aufzubauen. Spanien bot sich schon deshalb an, weil infolge der gemeinsamen kolonialen Vergangenheit dieselbe Sprache gesprochen wird, und wer nachweisen kann, dass er einen spanischen Vorfahren hat, bekommt auch einen spanischen Pass, womit er dann gleichzeitig Bürger der Europäischen Union wird. In Spanien ist übrigens eine der größten ecuadorianischen Auslandsgemeinden ansässig. Unter allen Immigranten bilden die Latinos die größte Gruppe und innerhalb dieser wiederum die Ecuadorianer.

Diego erzählte, er sei seit drei Jahren wieder zurück in Quito und gern wäre er in Spanien geblieben, aber er habe eine sehr kostspielige Scheidung hinter sich und außerdem sei seit dem Ausbruch der Bankenkrise nichts mehr so gewesen wie zuvor. Es habe sich einfach nicht mehr gelohnt, dort zu arbeiten, doch als er sein mühsam Erspartes nach Ecuador transferiert hatte, habe er erst einmal gemerkt, wie teuer hier alles geworden sei. Schon der Umtausch von Euro in Dollar habe einen nicht gerade kleinen Teil des Ersparten regelrecht aufgefressen. Immerhin hatte das Angesparte ausgereicht, um in Madrid zwei Wohnungen zu kaufen – eine habe er dann mit der Scheidung freilich gleich wieder an seine Exfrau abtreten müssen.

Er fragte mich allen Ernstes – mich, jemanden, der gerade erst zugezogen ist –, wie teuer eine Wohnung in unserer Wohnanlage sei. Er schien zu glauben, ich sei eine Art Immobilienmakler. Ich hatte mir einmal von unserer redseligen Vermieterin sagen lassen, dass sich der Preis für ein Haus innerhalb der Mauern der Urbanización auf eine halbe Million Dollar beliefe. Diego wollte es kaum glauben, aber solche Preise sind für die Filetstücke auf dem hiesigen Immobilienmarkt durchaus normal. Als mein Sohn seinen Mitschülern erzählte, er wohne in Vista Grande (das ist der Name der Wohnanlage), meinten sie, seine Eltern (also wir) müssten aber reich sein, um sich solch einen noblen Wohnsitz leisten zu können. Sie taten dabei so, als handelte es sich nicht bloß um eine Mietwohnung, sondern um den Präsidentenpalast. Die Ironie ist, dass wir exakt dieselbe Miete zahlen wie in Santa Inés, und dieser Stadtteil Cumbayás gilt nicht gerade als besonders gute Wohngegend.

Wann immer es etwas auf der Behörde zu erledigen galt, bei dem meine Anwesenheit unerlässlich war, pflegte mich die Anwältin per Stellungsbefehl in ihr Büro zu rufen, und meist wurde mein Erscheinen zu so unchristlichen Zeiten wie Montag morgen acht Uhr verlangt. Ich nahm es mit ecuadorianischer Lässigkeit und gönnte mir die üblichen dreißig Minuten Verzug, cum tempore sozusagen. Niemand nimmt hierzulande daran Anstoß und man gilt immer noch als Musterbeispiel an Pünktlichkeit, wenn man sich nur um eine halbe Stunde verspätet. Obwohl ich mit dem Auto nach Quito fuhr, nahmen wir uns für die Behördengänge immer ein Taxi – der Verkehr in Quito ist fast zu jeder Tageszeit so dicht, dass man ständig im Stau steht und selbst eine Fahrt drei Blocks weiter kann zur echten Nervenprobe ausarten. Zudem ist es schwieg, in der dicht bebauten Innenstadt einen Parkplatz zu finden, und hat man ihn gefunden, wird man sofort von den freundlichen Fußtruppen der Parkraumbewirtschaftung zur Kasse gebeten. Nimmt man das Taxi, hat man am Ende kaum mehr ausgegeben – eine Fahrt über die kürzeren Strecken kostet zwei oder drei Dollar –, jedoch schont so eine Taxifahrt die Nerven ungemein, und zwar schon allein deshalb, weil man sich nicht ständig über all die rücksichtslosen Autofahrer ärgern muss, mit denen man es in Quito allerorten zu tun hat.

Nur einmal begleitete mich die Anwältin persönlich – und dann brauchten wir auch fast den ganzen Tag, um das Notwendigste zu erledigen –, meist überließ sie mich der bewährten Aufsicht ihrer Tochter, die mich, getreu dem Befehl ihrer Mutter, sicher an der bürokratischen Skylla vorbei lotste. In der Regel pendelten wir mehrmals am Tag mit dem Taxi zwischen Registro civil, also der Meldestelle, und der Migrationsbehörde. Die vollständige Bezeichnung lautet „Ministerio de Relaciones Exteriores y Movilidad Humana“ und jeder, der sich für längere Zeit, sei es aus beruflichen oder privaten Gründen, im Lande niederzulassen wünscht, muss sich eher früher als später den Mühlen der Bürokratie überantworten.

Verglichen mit ihrem deutschen Gegenstück ist die Einwanderungsbehörde sehr klein – ein Wartesaal und ein halbes Dutzend Schalter, in denen ernst blickende Beamte hinter Glas sitzen, dazu noch ein kleines Büro, in das die Antragsteller einbestellt werden, um ihre Visa abzuholen. Gleich am Eingang gibt es einen Empfang mit einem überaus freundlichen und geradezu grotesk aufmerksamen Mitarbeiter, der die Besucher begrüßt, sich ihr Anliegen anhört und ihnen schließlich, nicht ohne einen hilfreichen Rat erteilt zu haben, Wartenummern aushändigt. Meist ist es voll wie in einem Bienenstock, doch dank des bewährten Nummernsystems wartet man nie lange, und wenn doch, hat man Zeit, das geschäftige Treiben zu beobachten und zu erraten, woher die Leute kommen, denn alle im Wartesaal sind Fremde in diesem Land.

Wie in jeder staatlichen Behörde üblich, patrouillieren grimmig aussehende Wachleute durch den Besucherraum und beäugen misstrauisch die Anwesenden. Sie tragen kugelsichere Westen, Schlagstöcke und für den Fall der Fälle steckt die obligatorische Handfeuerwaffe in einem Halfter an der Hüfte. Als meine Betreuerin Nachrichten auf dem Handy zu versenden versucht, baut sich die Wachschutzmitarbeiterin zur furchteinflößenden Größe von 1,50 Meter vor ihr auf und macht ihr unmissverständlich klar, dass der Gebrauch elektronischer Geräte untersagt sei. Meine Begleiterin steckt das Handy sofort ängstlich in die Tasche und fortan wagt sie nicht einmal mehr heimlich einen Blick darauf zu werfen.

Objektbewachung und -schutz ist in Ecuador übrigens nicht nur Männersache; genauso häufig sieht man Frauen diesen Job verrichten. Die Arbeit ist keinesfalls gefahrlos und die Handfeuerwaffe sowie der Schlagstock sind auch nicht bloß coole Accessoires, um die man immer wieder gern beneidet wird. Die Arbeit mag zwar nicht schön oder interessant sein, doch wird dieses Manko durch den Respekt aufgewogen, den man als Wachmann genießt: Man kann häufig beobachten, dass die Leute den Guardias (d.h. den Wächtern) mit ausgesuchter Höflichkeit, ja, geradezu unterwürfig begegnen. Vielleicht sollte ich meiner Frau, die als Lehrerin arbeitet, den Erwerb eines Schlagholzes ans Herz legen. Ich wette, dann wäre Ruhe in der Klasse.

Auf Behörden werden dann und wann Passbilder verlangt. Ich hatte mir extra welche in einem kleinen Fotoatelier in Cumbayá anfertigen lassen. Freilich, schöne Porträtbilder sehen anders aus, und zu behaupten, ich sei gut getroffen, wäre eine unstatthafte Schmeichelei oder glatte Verarsche. Aber schließlich kommt es nicht darauf an, ob man von den eigenen Verwandten erkannt wird, sondern allein darauf, dass man die Passbilder zur Hand hat, wenn man sie braucht. Als man mich auf der Einwanderungsbehörde nach den Bildern fragt, kann ich sie nirgendwo finden – selbstverständlich nicht –, dabei bin ich mir doch so sicher, das ich sie mitgenommen habe, und selbstredend habe ich sie so gut verwahrt, wie man sie eben nur verwahren kann, jedoch will mir beim besten Willen nicht mehr einfallen, wo das gewesen sein mag. Ich gehe mit nahezu hundertprozentiger Sicherheit davon aus, dass sich die Bilder bis zu meinem Lebensende nicht werden finden lassen. Ich durchsuche dennoch sämtliche Taschen, aber es ist natürlich sinnlos. Ich bin ratlos: Wo bekomme ich jetzt schnell – egal, ob schön oder nicht – ein paar brauchbare Passbilder her?

Wir verlassen gerade die Behörde, um uns nach einem Fotoladen umzusehen, als uns noch auf der Treppe ein kleiner quirliger Mann anspricht: Ob wir Passbilder benötigten? Es scheint, er kann unsere Gedanken lesen. Selbstverständlich benötigten wir Passbilder. Er meint, wir sollten ihm folgen. Wir gehen nur ein paar Schritte weiter; der Weg führt in das Souterrain eines abgelebten Wohnhauses. Durch einen nur spärlich beleuchteten Gang gelangen wir in ein kleines Büro, dessen Fenster auf einen staubigen Hinterhof hinausblicken. In einer Art Rezeption, dort, wo normalerweise die Sekretärin sitzt, stapeln sich ausgeschlachtete Bildschirme und Computer. Es könnte gut sein, dass die Laptops, die man uns gestohlen hat, hier oder in einem ähnlichen Hinterzimmer noch immer auf ihre Zweitverwertung warten.

Der Mann bittet uns in sein Büro – einen winzigen Raum mit einem abgeschabten Computerdesk und einem kleinen Schreibtisch, an dem ein älterer Herr sitzt und konzentriert Kreuzworträtsel löst. Er ist so vertieft, dass er uns gar nicht zu bemerken scheint (oder so sehr an das ständige Kommen und Gehen gewöhnt, dass es ihm gar nicht mehr auffällt). Der kleine quirlige Mann schaltet den Computer ein. Es dauert geraume Zeit bis Windows 7 endlich hochfährt, doch dann geht alles sehr schnell: Der Mann stellt mich vor eine weiße Tapete, schießt mit seinem Handy ein einziges Foto, lädt es auf seinen Computer, bearbeitet es mit unglaublicher Fingerfertigkeit auf Fotoshop und druckt es schließlich im Passbildformat auf Normalpapier aus. Schnell noch mit der Schere ausgeschnitten und fertig ist das Passbild! 3,50 Dollar kostet die Fotoarbeit, die sehr an einen Mug-shot erinnert, die aber dennoch kaum besser oder schlechter ist als die Bilder des Fotografen. Allerdings hat der Fotograf zwei Versuche benötigt und mich anschließend auch gefragt, welches Bild ich haben möchte (eigentlich wollte ich keines). Das neue Foto sieht so scheußlich aus wie das alte, aber darauf kommt es bekanntlich nicht an: Der Mitarbeiter der Behörde nahm es entgegen, ohne mit der Wimper zu zucken.

Auf der Behörde

Jeder, der länger als drei Monate in Ecuador bleiben möchte, muss sich um eine Aufenthaltsgenehmigung bemühen, andernfalls ist er illegal im Lande. Da das Registrierungsverfahren relativ umständlich ist und auch lange dauern kann, empfahl uns der Arbeitgeber meiner Frau, die Deutsche Schule Quito, einen Anwalt mit der Sache zu beauftragen. Das taten wir dann auch. Unsere Anwältin residiert in einem bewachten Gebäudekomplex im Zentrum von Quito. Möchte man hinein, muss man bei der Wache seinen Ausweis abgeben, selbst wenn man einen Termin hat und sich ausweisen kann. Nachdem wir zunächst einen Monat nichts von der Anwältin gehört hatten, lud sie uns plötzlich zu einem Termin. Wir reisten von Nayón aus mit dem Auto an. Wir hätten auch den Bus nehmen können, aber die Fahrt hätte viel mehr Zeit beansprucht und wir waren an diesem Tag spät dran. Wenn man mit dem eigenen Wagen fährt, muss man sich leider daran gewöhnen, im Stau zu stehen. In Quito gibt es immer irgendwo Stau und ein missgünstiges Schicksal will es, dass man ausgerechnet immer genau dorthin will, wo alle anderen schon sind.

Nachdem wir bei der Anwältin eingetroffen waren, wurde uns klar, dass wir lieber den Bus genommen hätten, denn die Frau fackelte nicht lange und nahm unseren Wagen gleich als Taxi. Wieder ging es quälend langsam durch den dichten Stadtverkehr. Die Anwältin zeigte uns den Weg zur hiesigen Version der Meldestelle. Einen Parkplatz zu finden, glich wieder einem Kunststück, aber wir hatten Glück, denn auf einem bewachten Parkgrundstück wurde gerade ein Platz frei und wir quetschten uns in die Lücke. Dass der Lack auf dem nur handtuchschmalen Platz keinen Schaden litt, war fast ein Wunder. Um ein Haar wären wir nicht mehr aus der Tür gekommen. Ich gab der freundlichen Parkplatzwächterin das Parkgeld für zwei Stunden und wir mussten noch einmal zehn Minuten durch die Gegend marschieren, um zur Meldebehörde zu gelangen.

Im Grunde unterscheiden sich die Ämter in Ecuador nicht sehr von den Ämtern in Deutschland mit der Ausnahme, dass sie größer und moderner sind. Uns empfing ein riesiger Wartesaal mit schätzungsweise zwanzig Schaltern zur Abfertigung. Von der Angestellten am Empfang ließen wir uns Wartenummern geben und nahmen Platz. Über die Bildschirme flimmerten im Wechsel lustige Sketche oder Vermisstenanzeigen, während auf der unteren Bildlaufzeile aktuelle, die Behörde betreffende Nachrichten zu lesen waren. In einem Feld am rechten Rand erschienen im Wechsel die Nummern der Wartenden und die Schalter, zu denen sie sich begeben sollten. Unsere Anwältin, die sich auf Ämtern auskennt, hatte sich gleich mehrere Nummern geben lassen, um all das, was auch immer nötig sein würde, in nur einem Aufwasch zu erledigen.

Sobald unsere Nummer aufgerufen wurde, gingen wir zum Schalter – wie gesagt, man kommt sich vor wie auf einem deutschen Amt. Ich war froh, dass ich nichts tun musste, außer zu warten; die Anwältin erledigte alles. Nicht unbeträchtliche Irritationen rief der Familienname in unseren Pässen hervor. Die spanische Sprache kennt bekanntlich kein „ß“ und die Beamtin, die unsere Personalien aufnahm, beharrte steif und fest darauf, dass es sich um ein „B“ handeln müsse; etwas anderes war für sie völlig ausgeschlossen. Die Verwirrung war komplett, als ich meinen Personalausweis hervorholte und auf die Transskription in Großbuchstaben hinwies, die auf Doppel-S lautet. Offensichtlich hat man nicht aller Tage mit deutschen Namen zu tun. Das Rätselraten ging noch eine Weile weiter und würde bestimmt noch den ganzen Tag beansprucht haben, wenn die Beamtin nicht ihre Supervisorin herbeiholt hätte, die auf die geniale Idee kam, in den einschlägigen Transkriptionstabellen nachzusehen (zur Meldebehörde muss irgendwann jeder, auch Menschen mit unaussprechlichen deutschen Namen, die es durch Zufall nach Ecuador verschlagen hat). Tatsächlich fand sie heraus, dass „ß“ durch „ss“ zu ersetzen sei, und der Tag war gerettet.

So ein Behördengang könnte geradezu geruhsam sein, wenn man das Gebäude nicht dauernd wegen irgendwelcher zusätzlichen Besorgungen verlassen müsste. Wir aber mussten immer wieder hinaus, um Kopien von Pässen, Ausweisen oder diversen Schreiben anzufertigen, doch praktischerweise befand sich der Copy-Shop nur wenige Schritte entfernt. Fast alles, was wir an diesem Tag erledigten, sei es die Ausgabe eines amtlichen Papiers, seien es Kopien oder sei es einfach nur ein Stempel, kostete Geld. Selbst fürs Parken wurde noch der übliche Obolus gefordert. Nach ca. zwei Stunden war alles für diesen Tag erledigt und wir hatten etwa dreißig Dollar ausgegeben. Die Anwältin bemerkte mein Erstaunen angesichts so vieler zusätzlicher Ausgaben. Sie sagte, ihr Mann sei wie ich Deutscher und auch er wundere sich immer darüber, wie viel Geld jeder Behördenbesuch verschlinge. Sie könne durchaus verstehen, wie unerfreulich dies sei. Und da sie schon einmal bei den unerfreulichen Dingen war, hätte sie gleich erwähnen können, dass das Gros der Kosten durch ihr Anwaltshonorar verursacht wurde, demgegenüber die Summen, welche die Ämter verlangten, bloß Peanuts sind. Für 1.300 Dollar würde ich selber nur zu gern die lästigen Behördengänge übernehmen. Wir freuen uns auf den nächsten Besuch.

Zur „Migración“ gingen wir ohne die Anwältin. Hinter dem schlichten Namen verbirgt sich die Einwanderungsbehörde, zu der sich jeder irgendwann begeben muss, der länger als drei Monate im Lande zu bleiben beabsichtigt. Die Einwanderungsbehörde residiert in einem unscheinbaren Gebäude in Quito. Nur die übermannsgroße blaue Aufschrift „Migración“ auf dem weiß getünchten Gemäuer verrät, dass man an der richtigen Adresse ist. Im Innern empfängt einen der übliche strikt funktionelle Behördencharme: ein großer Wartesaal und mehrere Schalter, die auf Antragsteller warten. Alles ist neu und wirkt aseptisch sauber. Der Wartesaal ist nicht übermäßig gefüllt und wir haben gerade ein paar Minuten gewartet, da werden wir auch schon zum ersten freien Schalter gewunken. Die Formalitäten, derentwegen wir uns herbemühen mussten, sind ebenfalls in ein paar Minuten erledigt. Jedes der Papiere, das man uns ausgestellt hat, kostet fünf Dollar.

Auf der Behörde trifft man jene Ausländer, die sich wie wir auf das Abenteuer eingelassen haben, für längere Zeit in Ecuador zu bleiben. Gringos oder Personen, die, ihrem Aussehen nach zu urteilen, den Anschein erweckten, welche zu sein, sahen wir an diesem Tag nicht, dafür aber Latinos aus den anderen Ländern des Kontinents. Neben mir am Schalter steht eine Frau aus Venezuela. Ich kann ihren Reisepass sehen, als sie ihn dem Beamten durch das Fenster zuschiebt. Dabei schüttelt sie ihre blondierte Mähne, als wollte sie den Mann hinter dem Glas beeindrucken. Der Beamte nimmt den Pass mit undurchdringlicher Miene entgegen, blättert eine Weile aufmerksam darin herum und gibt ihn der Frau zurück. Die Venezolanerin bedankt sich überschwänglich herzlich und schüttelt wieder ihr Haar, dass ich schon anfange zu glauben, es müsse etwas bedeuten.

Die Beamten hinter den Schaltern tragen Jacken in den Farben der Behörde und Blau und Weiß scheinen ausschließlich für die Einwanderung reserviert zu sein. Über dem Herzen prangt die Aufschrift „Migración“. In ihren sportiven Jacken wirken sie so frisch wie die Angehörigen eines Olympiateams. In Deutschland würde man sie kaum für Beamte halten, aber hierzulande haben die Behörden in den letzten Jahren einen neuen Anstrich herhalten. Wirklich auffällig ist, dass der ecuadorianische Beamte jung ist – unfassbar, wie jung diese Beamten sind! In Ehren verknöcherte Vorpensionäre, die ihre letzten Jährchen in kontemplativer Stille zwischen verstaubten Aktenbergen absitzen, sieht man hier nicht. Das mag daran liegen, dass sämtliche staatliche Behörden in den letzten Jahren tiefgreifend reformiert worden sind. Alles wirkt nun viel moderner und neuer als in Deutschland. Bürgerämter in baufälligen Baracken, wie ich sie aus Berlin gewohnt bin, sucht man hier vergebens. Es hat den Anschein, man hat nicht nur die Gebäude erneuert, sondern gleich das Personal mit ausgetauscht. Und so kommt es, das einem auf den Ämtern statt alter mürrischer Beamter in abgewetzten Jacketts gut aussehende junge Frauen in feschen Sportblazern gegenüber sitzen. Wer geht schon gern zur Behörde? Zugegeben, es gibt interessantere Dinge, die man stattdessen tun könnte, zumindest aber verspürt man nicht mehr jenen nahezu unüberwindlichen Widerwillen, und das ist doch schon ein Fortschritt!

Der Wahnsinn namens Alltag

Die wichtigste und nützlichste Tugend, die man in Ecuador haben kann, ist Geduld. Seit einigen Wochen leben wir nun schon in unserer neuen Wohnung, aber bisher haben wir weder Fernsehen, noch Internet, noch Telefon. Letzte Woche war der Internet-Mann da und machte uns drei Angebote mit jeweils unterschiedlichen Übertragungsgeschwindigkeiten und demzufolge jeweils unterschiedlichen monatlichen Gebühren. Wir nahmen das günstigste Angebot, das immerhin noch 35 Dollar pro Monat kostet, und verließen uns auf die Zusage, dass er sich um alles weitere kümmern würde. Ich habe das unbestimmte Gefühl, wir werden noch viele Wochen ohne Internet in unserer Wohnung sitzen (dazu auch hier und hier).

Zum Glück gibt es gleich um die Ecke einen Cyber, d.i. ein Cyber-Shop, in dem man für wenig Geld surfen und auch mal eine Seite oder zwei ausdrucken kann, wenn man keinen eigenen Drucker besitzt. Abends ab 18:00 Uhr sind fast alle Plätze ausnahmslos mit Teenies belegt, die entweder Call of Duty, Grand Theft Auto online spielen oder ihre Idole, Ikonen der Musikindustrie, anhimmeln. Neulich waren einige etwa 13- oder 14jährige Mädchen da, die immer wieder ihren Lieblingssong, gesungen von einer der hiesigen Pop-Diven, im Karaoke-Stil nachzusingen versuchten. Bestimmt eine Stunde oder länger konnte ich mir immer wieder den selben Song anhören – Mädchen-Pop der schlimmsten Sorte – und dazu noch den Gesang der Hobbypopsternchen, die oft nicht nur einen Ton danebenlagen. Sie genierten sich überhaupt nicht, dass alle im Raum zuhörten, und schienen erst zufrieden, als sie dann wenigstens ein paar Töne getroffen hatten.

Gleich neben dem Cyber-Shop befindet sich eine Art Restaurant, in dem sich die Anwohner Freitags und am Wochenende zum Essen und zum gemütlichen Beisammensein treffen. Zwar hat es in den letzten paar Jahren in Cumbayá viele tiefgreifende Veränderungen gegeben, weil reiche Quiteños oder solche, die sich bloß für wohlhabend halten, hierher gezogen sind, sich Grund und Boden inklusive neuer Häuser gekauft und damit letztlich die Grundstückspreise ruiniert haben, dennoch findet man immer noch Inseln, in denen die Alteingesessenen in ihren einfachen Häuser dem Luxuswahn trotzen. Das Restaurant ist nichts weiter als ein Holzkohlegrill unter einem mit Wellblech gedeckten Vordach. Dahinter, unter dem Dach, hat die Besitzerin einige Stühle und Tische für die Gäste aufstellen lassen. Die übliche Kundschaft kommt aus der Nachbarschaft. Es gibt solche einfachen Gerichte wie gegrilltes Fleisch mit Maiskolben oder Salchipapas, das sind dicke Pommes frites (Papas fritas) mit einer gegrillten Wurst (Salchicha). Die Leute sitzen in der lauen Abendluft, schlagen sich die Bäuche mit den deftigen Gerichten voll, trinken Bier aus der Flasche und unterhalten sich bis spät in die Nacht hinein. Einmal wollte ich mir auch eine Portion gestatten, aber meine Frau riet mir mit vor Entsetzen geweiteten Augen ab, als könnte ich mir durch die Bestellung eines einfachen Gerichts den Tod auf dem Teller einhandeln. Bei allem, was gegrillt, gebraten oder frittiert ist, muss man sich nicht wirklich sorgen. Acht geben sollte man jedoch bei den vermeintlich gesunden Nahrungsmitteln wie Salaten und frisch gepressten Säften, von denen ich, eingedenk meiner Erfahrungen während vorangegangener Reisen, lieber die Finger lasse. Vielleicht mag meine Frau auch deshalb nicht dort essen, weil kein Salat angeboten wird. Mein Sohn jedenfalls machte schon ganz große Augen als er den Teller mit den Papas fritas und der Salchicha sah.

Die meisten Leute haben nicht viel Geld in der Tasche und zehn oder zwanzig Dollar sind für manch einen ein kleines Vermögen. Auf der letzten Hausversammlung hatten die Mieter und die Besitzer von Wohneigentum lebhaft die Frage der Sicherheit diskutiert. Unbekannte waren in die Parketage eingedrungen und hatten versucht, eines der Autos gewaltsam aufzubringen. Auf der Versammlung hatte man in Abstimmung mit dem Besitzer der Anlage beschlossen, dass ein Concierge eingestellt würde, der sich um alle Belange kümmern könnte. Natürlich muss der Concierge von den Mietern bzw. Wohnungseignern bezahlt werden. Seit etwa einer Woche wirbelt ein junger Mann durch die Anlage, beseitigt den Müll, nimmt kleinere Reparaturen vor und schrubbt die Böden blitzblank. Das ist wirklich kein leichter Job, und den ganzen Tag Fußböden schrubben, kann einen schon ordentlich fordern. Ich habe erfahren, dass er eine Frau hat und dass die beiden ein Baby haben. Man müsste annehmen, dass die Arbeit, die er tagtäglich verrichtet, gut genug bezahlt ist, um die Familie ernähren zu können, zumal das Einkommen seiner Frau für die Zeit nach der Entbindung entfällt. Wie man sich erzählt, gehört er einer Familie an, in der das Dienstbotendasein Tradition hat: Seit Generationen steht man im Dienste „der Reichen“ und verrichtet all die niederen Tätigkeiten, die man sich – reich oder nicht – am liebsten ersparen möchte. Ich war schockiert zu hören, dass er gerade einmal dreihundert Dollar pro Monat verdient. Ich glaube allerdings nicht, dass es sich um eine Vollzeitstelle handelt. Aber man bräuchte schon mehrere solcher Jobs, um in einer derart teuren Stadt wie Cumbayá einigermaßen über die Runden zu kommen.

Das Leben in Ecuador und im Speziellen in Cumbayá ist unglaublich teuer; manchmal scheint mir, sogar noch teurer als in Deutschland. Ein Kollege meiner Frau gestand, er und seine Frau bräuchten im Monat gut tausend Dollar für Nahrungsmittel – ernähren sich diese Leute nur von Trüffel und Kaviar? Es ist jedoch wahr, dass man für einen ganz normalen Familienwocheneinkauf ein kleines Vermögen lassen kann. Einhundert Dollar sind schneller ausgegeben, als man es für möglich halten möchte, und damit ist ein Einkaufswagen, wie man sie üblicherweise in den Supermärkten vorfindet, noch kaum gefüllt.

Neulich Morgens fuhren wir mit dem Taxi zur Schule. In der Deutschen Schule beginnt die Arbeit um 7:30 Uhr und meine Frau muss ein wenig früher da sein, weil es Lehrern auch außerhalb der offiziellen Arbeitszeiten nie an Arbeit mangelt. Der Unterricht an der Schule meines Sohnes beginnt erst Punkt 8:00 Uhr. Also fahren wir mit dem Taxi zuerst zum Colegio Alemán, setzten meine Frau ab, und dann geht die Fahrt weiter zur British School. Die erste Etappe kostet 2,50 Dollar. Die Fahrt von der Deutschen Schule weiter zur Schule meines Sohnes, die etwas außerhalb liegt, schlägt noch einmal mit derselben Summe zu Buche. Dort angekommen, überreichte ich dem Taxifahrer einen Zwanzig-Dollar-Schein, um die Fahrt, fünf Dollar insgesamt, zu bezahlen. Doch der Fahrer hatte nicht genug Wechselgeld in seinem Portemonnaie und konnte mir nicht herausgeben. Die Situation hätte Anlass zu einiger Verwirrung geben können, doch der Taxifahrer meinte nur, ich könne ihm das Geld auch irgendwann später geben. Er wohne ebenfalls im Sektor Santa Inés (das ist unser Stadtteil in Cumbayá) und er werde Nachmittags um fünf Uhr vorbeikommen, um das Geld in Empfang zu nehmen. Als ich gegen halb drei mit dem Bus losfuhr, um meinen Sohn von der Schule abzuholen, sah ich ihn wieder mit seinem Taxi auf der Straße. Er fragte mich im Vorbeifahren, ob ich Geld gewechselt hätte, doch ich musste passen – ich hatte den großen Schein noch immer in der Tasche.

Wenn ich meinen Sohn von der Schule abhole, nehmen wir immer den Bus. Der Bus ist das weitaus geläufigste öffentliche Verkehrsmittel in Ecuador und fast überall das einzige. In Cuenca, einer Stadt im Süden des Landes, entsteht ein Straßenbahnnetz, doch Cuenca bleibt damit wohl auf lange Zeit eine Ausnahme. Das gewöhnliche und meistbenutzte Verkehrsmittel bleibt nach wie vor der Bus. Seit Jahren nun schon liegen Pläne vor, das arg strapazierte Verkehrsnetz von Quito durch eine U-Bahn zu entlasten. Die Planungen sind weit fortgeschritten und eigentlich hätte mit dem Bau schon begonnen werden müssen, wenn sich nicht Widerstand gegen das neue Verkehrsmittel geregt hätte. Eine U-Bahn-Fahrt soll vierzig Cent kosten. Die Fahrt wäre damit deutlich teurer als eine Fahrt mit dem Bus, die den Fahrgästen gerade einmal 25 Cents abverlangt, und zwar unabhängig davon, wie weit man fährt. Viele Menschen fürchten, dass sie sich dann Fahrten nicht mehr leisten könnten, und sie sind deshalb gegen den Bau der Metro.

Wenn man wissen will, wie dieses Land tickt, muss man mit dem Bus fahren. Das Liniennetz ist erstaunlich verzweigt und im Prinzip kommt man zu jedem Ort der Stadt ohne jemals ein Taxi benutzen oder weit zu Fuß gehen zu müssen. Selbstverständlich darf man auf einigen Strecken nicht denselben Komfort erwarten wie im eigenen Auto. Manchmal sind die Busse regelrecht überfüllt und man muss stehen, was wirklich unangenehm sein kann, wenn der Fahrer meint, die Passagiere bräuchten etwas Frischluft und in voller Fahrt die Türen aufreißt. Auf den längeren Routen, wie zum Beispiel zwischen Quito und Cumbayá, verkehren richtige Reisebusse mit bequemen Polstersitzen, und meistens ergattert man auch einen Sitzplatz, so dass man die Fahrt ganz entspannt genießen kann. Die Fahrer halten auch nur an den Haltestellen, und nicht etwa zwischendurch, wie auf den kürzeren Strecken, wo man nur den Arm heben muss, und schon bremst der Bus und man springt ab oder auf.

Auf den längeren Routen steigen an fast jeder Station fliegende Händler zu und versuchen, ihre Ware an den Mann oder die Frau zu bringen: frisches Gebäck, Eis, Feuerzeuge, Zeitungen, Kugelschreiber, Kaugummis, Schokolade. Es gibt kaum etwas, was man nicht im Bus kaufen kann. Die Fahrer lassen die Händler seelenruhig gewähren; vielleicht bekommen sie ein kleines Handgeld. Einmal versuchte ein Hare-Krishna-Jünger sein Glück. Zuerst hielt er eine Bekehrungsrede, die so professionell wirkte, dass jede x-beliebige Werbeagentur ihn von der Stelle weg eingestellt hätte. Nachdem er seine Ansprache beendet hatte, verteilte er Büchlein, in denen man Lebenshilfe und Anleitungen zur Meditation finden konnte. Wer mochte, konnte eines der Bücher für nur einen Dollar erstehen, die anderen sammelte er bis zum nächsten Stopp wieder ein. Am Ende war er bestimmt ein Dutzend Bücher losgeworden. Meine Frau war schon versucht, eines zu kaufen, aber mein skeptischer Blick hielt sie dann doch zurück.

Von unserem Viertel (Santa Inés) aus fährt so ein kleiner Tingel-Tangel-Bus bis ins Zentrum von Cumbayá und wieder zurück. Morgens können die Busse richtig voll werden, denn die Bediensteten der reichen Haushalte fahren von den ärmeren Vierteln, wo sie wohnen, in die Stadtteile der Reichen. Köchinnen, Wäscherinnen, Kinder- und Putzfrauen, Haushälterinnen, Gärtner, Chauffeure, Handwerker, Wachschutzleute – sie alle müssen zu Arbeit und sie alle nehmen den Bus, der nur schleppend vorankommt, denn alle fünfzig Meter ruft jemand „Gracias“ – das Zeichen, dass der Fahrer anhalten möge. Einige Menschen steigen dann aus und eilen auf zigfach gesicherte Tore oder Türen zu, durch die sie nach der üblichen Gesichtskontrolle eingelassen werden. So geht das über die ganze Strecke und wenn ich dann schließlich zuhause ankomme, ist der Bus fast leer.

Am Nachmittag, wenn ich meinen Sohn von der Schule abholen möchte, fahre ich erst bis ins Zentrum von Cumbayá. Dort nehme ich dann den Bus Richtung Tumbaco (das ist die nächste Gemeinde weiter östlich). An der Haltestelle muss man nie lange warten, denn während ein Bus abfährt, sieht man schon in der Ferne den nächsten anrollen. Eigentlich sind es nur drei oder vier Kilometer bis nach Tumbaco, doch die nagelneue Autopista nimmt einen ziemlich weiten Umweg um das Tal des Rio San Pedro. Der Fluss hat sich derart tief ins Erdreich gegraben, dass das Flusstal stellenweise zur Schlucht mit fast senkrechten Wänden wird. Nach Tumbaco geht es mit leichtem Gefälle abwärts und die Fahrer lassen keine Gelegenheit aus, um wieder einmal den Streckenrekord zu brechen. Da die Straße einige Kurven hat, ist es ratsam, sich gut festzuhalten, will man nicht ständig willenlos gegen den Sitznachbarn gepresst wird.

Ich fahre nie ganz bis nach Tumbaco, sondern steige immer schon an der Station „El Nacional“ aus. Dabei handelt es sich um eine riesige Trainingsstätte für Nachwuchsfußballer – Fußballfelder so weit das Augen reicht. Vom Bus aus sieht man zu jeder Tageszeit Dutzende von Nachwuchstalenten auf den penibel gepflegten Rasenplätzen kicken. Auf der anderen Seite der Straße liegt ein Park und genau davor befindet sich die Haltestelle, an der mein Anschlussbus schon startbereit wartet. Meist stärken sich die Fahrer jedoch erst mit einem Snack an den Imbissbuden direkt oberhalb der Haltestelle. Auch geben sie den Händlern so Gelegenheit, noch einmal durch die Busse zu gehen und ihre Waren feilzubieten.

Zur British School geht es überwiegend bergauf und die Busse schleppen sich mühsam auf den von Schlaglöchern gesäumten Straßen entlang. Es geht durch einfache Wohnviertel, manchmal sieht man Werkstätten oder kleine Geschäfte. Die Straße, an der die Schule liegt, ist die Calle Cunuyacu. Zu sehen gibt es nicht viel, doch seit einiger Zeit hat man auf einigen der Grundstücke, die direkt an die Straße grenzen, zu bauen begonnen. Riesige Werbetafeln, mit denen Käufer angelockt werden sollen, verraten mehr: Errichtet werden Luxus-Wohnsiedlungen, moderne, weitläufige Anlagen mit 24-Stunden-Bewachung, mit Mauern, Elektrozäunen und Scheinwerfern. Vielleicht, so das Kalkül der Bauherren, wollen dieselben Leute, die ihre Kinder auf eine teure und exklusive Privatschule schicken, gleich in der Nähe ihrer Schützlinge wohnen.

Von allen Eltern der etwa dreihundert Schüler der British School bin ich der einzige, der mit dem Bus anreist, um sein Kind abzuholen. Manchmal sieht man ein, zwei Taxis, der Rest fährt mit dem eigenen Wagen vor. Das sind Fahrzeuge im überwiegend hochpreisigen Segment, wenn nicht sogar aus der Luxussparte. Mehrmals sah ich tatsächlich einen Porsche, die meisten anderen Gefährte sind dagegen eher geländegängig, allradgetrieben und mehr als bloß ausreichend stark motorisiert. Man kommt sich vor, als wäre man auf einer Autoshow, denn viele der Wagen sehen nagelneu aus. Jedes Mal, wenn ich am Eingang der Schule stehe und auf den Bus warte, treffen mich neugierige wie gleichermaßen irritierte Blicke aus dem klimatisierten Innern der vorbeiziehenden Autokarawane: Gehört der dazu? Warum steht er dort? Ein Gringo-Opa guckte mich an, als hätte er noch nie jemanden auf den Bus warten sehen. Ich weiß aus eigener Erfahrung, dass in den USA nur die Menschen mit dem Bus fahren, die so arm sind, dass sie sich kein eigenes Auto leisten können. Und da muss man schon wirklich sehr arm sein, denn kurioserweise gibt es Obdachlose, die in Autos leben. Ich glaube, auch wenn wir unser eigenes Auto bekommen sollten – es kann sich nur noch um Wochen handeln –, werde ich die Gewohnheit beibehalten, und mit dem Bus zur Schule meines Sohnes fahren.

Ich denke, viele der Menschen, die ihre Kinder auf solch teure Schulen schicken, haben den Kontakt zur Wirklichkeit in diesem Land verloren oder überhaupt nie einen Kontakt zum Leben gehabt. Mit dem wirklichen Leben, wie es sich direkt vor ihrer Haustür abspielt, kommen sie kaum je in Berührung. Wie sollte man auch – man wohnt in beschützten Wohnanlagen, fährt im klimatisierten Auto durch die Stadt anstatt auch nur ein paar Meter zu Fuß zu gehen, kauft in teuren Malls ein und lässt sich die Einkäufe auch noch vom Angestellten des Supermarktes ins Auto packen, das im gesicherten Parkhaus wartet. Viele dieser Leute begegnen niemals den „normalen“ Ecuadorianern, es sei denn als Hausangestellten und dann vermeidet man es wohl eher, von ihnen Kenntnis zu nehmen. Man umgibt sich mit seinesgleichen oder mit jenen Einheimischen, die durch ihren Reichtum ein ähnlich hohes soziales Prestige, wie man es selbst zu besitzen glaubt, für sich in Anspruch nehmen können. Manche von ihnen erscheinen vor der Schule tatsächlich mit ihren Hausangestellten, der Nanny etwa oder der Haushälterin. Man erkennt es an der Kleidung: Während der Herr Business-Anzug trägt und die Dame mit Geschmack sich mit teurer Designerkleidung und edlen Accessoires schmückt, ist die Bedienstete schmucklos in Kittelschürze und Arbeitsanzug gehüllt. Man zweifelt manchmal, ob all die Revolutionen, in die sich die Menschheit für eine bessere Welt stürzte, wirklich etwas genützt haben.

Oberhalb der Schule, nicht mehr als zweihundert Meter entfernt, thront ein Franziskaner-Konvent wie eine einsame Bergfestung am Hang. Dieselbe Straße, auf der die Eltern ihre teuren Autos parken, wenn sie die Kinder abholen, führt hinauf zum Sanctuario Eucaristico, wie auf einem Hinweisschild vor der Schule zu lesen ist. Ich frage mich, was die Franziskaner wohl denken mögen angesichts des eitlen Schaulaufens, das tagtäglich vor ihren Augen vorbeizieht. Ich hätte nicht übel Lust, einmal hinaufzugehen und sie zu fragen. Schließlich wies der Heilige Franz von Assisi, der Gründer des Ordens, jeglichen Besitz von sich und er vertrat sogar der Meinung, die Kirche sollte arm sein. Vielleicht ist es ein gutes Zeichen, dass der derzeitige Papst ihn zum Namenspatron erkoren hat. Ich hoffe, ich nehme irgendwann einmal all meinen Mut zusammen und statte den Brüdern auf dem Berg einen Besuch ab, vorausgesetzt, sie wollen mich überhaupt empfangen.

Die Rückfahrt von der Schule nach Hause ist weit spektakulärer als die Hinfahrt. Nicht nur führt die Strecke über weite Teile bergab, der Bus ist in der Regel auch voll besetzt. Eine Maximalkapazität scheint es nicht zu geben und jeder, der den Bus heranwinkt, wird auch mitgenommen. So kommt es gar nicht so selten vor, dass die Türen nicht mehr geschlossen werden können, weil sich die Fahrgäste so eng drängen, dass der Platz nicht mehr reicht, um für solche Nebensächlichkeiten wie geschlossene Türen zu sorgen. Ich muss allerdings zugeben, dass ich dies erst ein einziges Mal erlebt habe und dann auch nur am Morgen, wenn die Leute ohnehin spät dran sind und jeden Bus nehmen, den sie kriegen können. Ich hatte gerade meinen Sohn zur Schule gebracht, und da kam auch schon der Bus, mit dem ich nach Hause fahren würde. Als er vor mir hielt und die Tür sich öffnete, sah ich nichts als einen Wust von dicht gedrängten Leibern. Ich hätte auf den nächsten Bus in zehn Minuten warten können. Andererseits hatte ich noch nicht gefrühstückt und mir war deshalb schon ganz flau zumute. Länger wollte ich nicht warten. Also stieg ich ein in der Hoffnung, dass sich der Bus auf der Strecke rasch leeren würde.

Ich hatte gerade meinen Fuß auf das Trittbrett gesetzt, als der Fahrer auch schon das Gaspedal bis zum Anschlag durchtrat. Man tut gut daran, sich mit aller Kraft festzuhalten, denn die Fahrer nehmen weder Rücksicht auf den Komfort noch die Sicherheit der Fahrgäste. Während der Bus beschleunigte, hing ich noch halb aus der Tür und es gelang mir auch nicht, mich zwischen die anderen Passagiere in den Bus zu schieben. Mir war nur zu deutlich bewusst, dass ich wohl unweigerlich mit dem nächsten Laternenpfahl Bekanntschaft machen müsste, würde ich den Griff loslassen – nicht, dass ich die Absicht gehabt hätte! Auf der Rückfahrt ist die Strecke ziemlich abschüssig und die Fahrer nutzen jede Gelegenheit, die Maximalgeschwindigkeit aus ihren Fahrzeugen herauszukitzeln. Bei manchen Bodenwellen hat man das Gefühl, der Magen würde sich umstülpen und in den Kurven zerren die Fliehkräfte so unerbittlich, dass man glaubt, man wäre nicht in einem Bus, sondern hätte sich ins Astronautentraining verirrt.

Der Fahrtwind pfiff scharf an meinem Gesäß vorbei und ich schmiegte mich ganz eng an den Bus, denn ich fürchtete, ich könnte an irgendeinem der Zaunpfähle oder Mauervorsprünge hängen bleiben, an denen wir mit wahnwitziger Geschwindigkeit vorbeirasten. Neben mir stand die Kassiererin; sie lehnte lässig in der Tür und hielt sich ebenso lässig fest. In der anderen Hand hatte sie das Wechselgeld. Das Buspersonal auf den längeren Strecken ist immer in Zweierteams unterwegs: einer fährt, der andere kassiert, nur weiß man nicht, welcher der anspruchsvollere Job ist, denn gerade wenn die Busse voll sind, hangeln die Kassierer sich mit nahezu artistischer Gelenkigkeit durch den Fahrgastraum oder springen bei Stopps aus einer Tür, kassieren in einem irren Tempo das Geld von den Fahrgästen, die gerade aussteigen, und springen ebenso verwegen wieder durch die andere Tür in den Bus, während der Fahrer schon mit Vollgas beschleunigt. Als die Kassiererin mich nach Fahrgeld fragte, konnte ich mit Mühe und Not den geforderten Vierteldollar aus der Tasche kramen. Dabei schielte ich immer wieder ängstlich auf die vorbeirasende Umgebung.

An der nächsten Haltestelle stiegen einige der Passagiere aus; etwas Platz wurde frei und ich nutzte die Gelegenheit, weiter ins Innere des Busses vorzudringen. Ein Mann neben mir fragte: „Do you speak English?“ Es kommt so gut wie nie vor, dass man in Ecuador auf Englisch angesprochen wird. Umso verwunderter war ich, dass mich ausgerechnet jemand im Bus fragte, wo doch selbst in den teuren Boutiquen der Shopping-Malls ausschließlich Spanisch gesprochen wird. Ich musste seine Frage bejahen und er schickte voller Neugier sofort die nächste Frage hinterher: woher ich käme. Ich sagte es ihm und er überlegte eine Weile, was dies wohl zu bedeuten hätte. Dann hielt der Bus, die Tür ging auf und weitere Passagiere drängten sich zwischen uns.

Auf der Strecke zwischen Tumbaco und Cumbayá wurde ich abermals „erkannt“: Ich stieg nichtsahnend in den Bus und hangelte mich bis in die Mitte vor, damit ich den Leuten, die aussteigen wollten, nicht im Wege stünde. Irgendwo mitten im Gang standen zwei junge Männer, die aussahen wie Gringos oder Europäer – also wie ich. Völlig ahnungslos blickte ich auf und sie deuteten den Blickkontakt offenbar als Zeichen, denn sie grüßten mich, als würden wir uns gut kennen, als wären wir seit ewigen Zeiten Kameraden und Reisegefährten auf abenteuerlichen Wegen. Man muss entweder ziemlich verzweifelt sein oder von starkem Heimweh geplagt werden, wenn man den Erstbesten grüßt, der aussieht, als würde er von dort stammen, wo man selbst herkommt. Ich erwiderte ihren Gruß eher desinteressiert, weil ich es für ganz schön kühn halte, jemanden als Geistesverwandten anzusehen, nur weil er vielleicht vom selben Kontinent stammt.

Es ist übrigens für einen normal großen Europäer oder Amerikaner gar nicht so einfach, eine längere Busfahrt zu unternehmen, wenn man dabei nur einen Stehplatz hat. Der normal große Ecuadorianer kann in einem landesüblichen Bus bequem stehen. Schwieriger wird dies für Menschen ab einer Körpergröße von etwa 1,85 Metern. Wenn ich in einem der Linienbusse aufrecht stehe, reibt mein Schädeldach am Wagenhimmel. Ich mache mich aber immer ein wenig kleiner, federe in die Knie und ziehe den Kopf ein, denn man muss stets damit rechnen, dass der Bus in eine Delle taucht oder über eine Bodenwelle springt. Die rasant-sportliche Fahrweise der meisten Fahrer tut noch ein Übriges. Der Reisekomfort ist doch ganz erheblich eingeschränkt, wenn einem der Kopf ständig gegen die Decke gerammt wird. Aber manchmal hat man ja Glück und kann sitzen. Da scherzt dann nicht das Schädeldach, sondern die Knie, denn auch der Abstand zwischen den Sitzen ist auf eine kleinere Körpergröße geeicht.

Ich habe die ersten Schritte unternommen, mich meinem kulturellen Umfeld zumindest optisch anzugleichen. Ein wenig Bräune macht aus mir zwar noch keinen Ecuadorianer, zumindest aber glaubt man nun nicht mehr, ich sei gerade dem Flugzeug entstiegen. Nichts sticht hier mehr hervor als ein kreideweißer Teint. Eigentlich ist hier niemand wirklich blass, es sei denn, er käme aus einem kalten, dunklen Land oder wäre rothaarig. Man müsste sich schon sehr anstrengen, um die aristokratische Blässe auf Dauer zu bewahren, denn die Sonne scheint am Tag nahezu ununterbrochen und schließlich kann man sich nicht für immer im dunklen Zimmer vergraben.

Zur Zeit ist es so warm wie an einem heißen Badetag in Berlin. Erst in den Abendstunden kühlen die Temperaturen dann aufgrund der Höhe wieder merklich ab, was aber zugleich den Vorteil hat, dass man gut schläft. Der Himmel strahlt blau in Blau und wenn doch einmal Wolken aufziehen, ist man froh darüber, dass einem die Sonne einmal nicht den ganzen Tag auf den Pelz brennt. Man fragt sich, ob es wohl hin und wieder regnet. Manch Schöne, die ihren makellos weißen Teint nicht durch den geringsten Anflug von Farbe entstellt sehen möchte, wechselt die Straßenseite im Laufschritt, nur um ja schnell wieder in den Schatten zu gelangen. Während sie durch die pralle Sonne eilt, hält sie ihre Hand über den Kopf, damit das Gesicht beschattet ist. Was würde sie wohl denken, wenn sie die sommerlichen Parks und Badestrände Berlins mit ihren Sonnenanbetern sähe? Ich habe gerade gelesen, dass die Temperaturen im spätsommerlichen Berlin noch einmal bis auf 25 Grad steigen. Wenn ich Berlin auch ein wenig vermisse, den Winter vermisse ich ganz bestimmt nicht! Ich bin froh, dass mir das nasskalte Wetter und die arktische Dunkelheit erspart bleiben. Zwar gibt es auch hier eine Art „Winter“, doch regnet es dann mehr. Richtig kalt wird es aber nie und wenn es einen doch danach verlangen sollte, wieder einmal im Schnee herumzutollen, müsste man schon bis auf fast 6.000 Meter aufsteigen. Man sollte nur Acht geben, dass man sich für diese Unternehmung keinen aktiven Vulkan aussucht, der kurz vor dem Ausbruch steht, wie derzeit der Cotopaxi, wenn man den Vulkanologen glauben will. Dann kann es nämlich richtig warm werden, höllisch warm.

Ich bin jetzt fleißig dabei, Spanisch zu lernen. Aber ich muss ehrlich bekennen: es fällt mir unglaublich schwer. Mein Hirn sträubt sich regelrecht dagegen, selbst die einfachsten Wörter zu behalten. Aber Vokabeln zu pauken ist auch wirklich nicht die Art von Ablenkung, die man sich an einem lauen Sommerabend wünscht, zumal hier jeder Abend ein lauer Sommerabend ist. Es geht langsam voran, viel langsamer als ich mir wünschte. Nichtsdestotrotz mache ich Fortschritte. Manchmal jedoch sind nicht Bücher die besten Lehrmeister, manchmal lehrt einen der Alltag mehr als alle Weisheit, die man in Büchern finden kann: Zumindest weiß ich jetzt, was in Ecuador „cool“ heißt: chevere (gesprochen: tschéwere; „Wie cool!“ heißt dann que chevere, gesprochen: ke tschéwere). Und auch solch ein nützliches, kaum zu unterschätzendes weil oft gebrauchtes Wort wie „Schlumpf“ kenne ich jetzt: pitufo. Damit ist es nun möglich, in jedem tiefschürfenden Gespräch den richtigen Akzent zu setzen: Que chevere, pitufo – Wie cool, du Schlumpf.

Colegio Alemán Quito

Unser Sohn soll das Colegio Alemán Quito, die Deutsche Schule Quito besuchen. Das Colegio Alemán ist eine Schule mit langer Tradition; in Ecuador genießt sie einen ausgezeichneten Ruf. Alle Bekannten, die wir fragten, welche denn die beste Schule in Quito sei, antworteten ohne zu zögern – die Deutsche Schule. Da meine Frau hier ohnehin als Lehrerin arbeitet, lag die Idee, unseren Sohn auf diese Schule zu schicken, nicht allzu fern.

Zwei Wochen zuvor – wir waren erst vor Kurzem in Quito eingetroffen –, hatten wir der Deutschen Schule schon einmal einen Besuch abgestattet. Meine Frau hatte sich in der Verwaltung vorgestellt und mein Sohn und ich hatten die Gelegenheit genutzt, um uns ein wenig umzusehen, zumal man uns ausdrücklich dazu eingeladen hatte, als wollte man sagen: Seht euch nur gründlich um – ihr werdet nichts finden, was euren Augen missfällt. Tatsächlich ist die Deutsche Schule ein Hort der Ordnung und Sauberkeit, wie man nur wenige selbst in Deutschland antreffen würde: Die Wege sind besenrein gekehrt, kein einziges welkes Blatt stört die vollkommene Harmonie; die Blumenrabatten sind wie aus dem Bilderbuch; der Rasen ist so akkurat geschnitten, als hätte man ihn mit der Nagelschere bearbeitet. Auf dem ganzen Gelände herrscht perfekte Ordnung – nichts ist überflüssig oder sieht so aus, als läge es zufällig herum. Gebäude und Wege sind in erstklassigem Zustand, die Wände sehen so glatt aus, als hätte man sie eben erst gestrichen. Ein Heer von unsichtbaren Helfern sorgt tagein, tagaus dafür, dass alles so bleibt: außerhalb der Schulzeit sieht man Gärtner, Techniker, Reinigungskräfte emsig unter den wachsamen Augen des schuleigenen Sicherheitsdienstes wirken. Der Wachschutz hat eine eigene Uniform und auf der Mütze prangt das Logo der Schule. Als wir das Stadion mit der 400-Meter-Tartanbahn besichtigen und eifrig Fotos schießen, werden wir misstrauisch beäugt. Man weicht uns keinen Zentimeter von der Seite. Vielleicht fürchtet man, einer von uns würde die schöne Bahn mit Kaugummipapier verunreinigen. Ordnung muss sein!

Die Schule behält sich vor, ihre Schüler in spe zunächst Tests absolvieren zu lassen. Schließlich gilt es, den guten Ruf zu verteidigen und letztlich will man auch wissen, mit wem man es im nächsten Schuljahr im Klassenraum zu tun haben wird. Das Zeugnis mit dem Versetzungsvermerk wäre zwar pro forma ausreichend, dies ist aber die Deutsche Schule und da gelten wiederum ganz eigene Gesetze.

Obwohl noch Ferien sind, hatte meine Frau das Haus während der ganzen Woche jeden Morgen vor Acht Uhr verlassen müssen. Wie üblich, bereiten sich die Lehrer in der Woche vor Schulbeginn in Schulungen und Weiterbildungen auf das kommende Schuljahr vor. Unser Sohn konnte derweil noch seine Ferien genießen und jeden Morgen ausschlafen, jedenfalls bis zum Donnerstag. Zwar wussten wir, dass er sich in der Woche noch den üblichen Test unterziehen sollte, aber dann kam alles ganz plötzlich. An einem Donnerstagmorgen stand plötzlich meine Frau in der Tür und verkündete etwas abgehetzt, dass wir sofort aufbrechen müssten, weil unser Sohn jetzt gleich (!) seine Tests schreiben sollte. Er war gerade erst aufgestanden und verständlicherweise verspürte er nicht die geringste Lust, die Schule zu besuchen – es waren Ferien! Und dann, zu allem Überdruss, sollte er auch noch eine Prüfung ablegen. Ich konnte sehr gut nachempfinden, warum er so schlecht gelaunt war.

Wir nahmen ein Taxi; die Fahrt aus dem Valle (das Tal – so nennen die Einheimischen die Gegend, in der wir wohnen) hinauf zur Schule dauert etwa zehn Minuten und kostet 2,50 Dollar. Das Colegio Alemán Quito befindet sich eben nicht, wie der Name behauptet, in Quito selbst, sondern in Cumbayá, das man als eine Art Vorort von Quito ansehen kann. Kaum waren wir angekommen, ging es sofort zum Test. Der Lehrer, der ihn abholte, war sehr nett, gar nicht so furchteinflößend wie die Lehrer, die ich aus meiner Schulzeit in Erinnerung habe. Mein Sohn drehte sich noch einmal um und warf mir einen etwas bangen Blick zu. Ich lächelte aufmunternd und sagte, ich würde im Sekretariat auf ihn warten.

An diesem Donnerstag wurden Deutsch und Englisch geprüft. Nach anderthalb Stunden kehrte mein Sohn quietschvergnügt zurück und als ich ihn fragte, wie es denn gewesen wäre, meinte er nur nur ganz cool: „Das war aber leicht!“ Mir fiel ein Stein vom Herzen. Am Freitag würden noch Mathe und Spanisch geprüft und ich hoffe, dass wir dann auch noch Grund zum Lachen haben.

Während mein Sohn seine Tests absolvierte, brachte ich meine Zeit damit zu, im Foyer des Sekretariats herumzusitzen. Wenn man nichts zu tun hat (ich hatte vergessen, mir Lektüre mitzubringen), ist es eine vortreffliche Art, die Zeit herumzubringen, indem man Leute beobachtet. Und an diesem Donnerstag war viel los in der Deutschen Schule Quito: Es wurden Weiterbildungen abgehalten und selbstverständlich hätten alle Lehrer auch dann daran teilgenommen, wenn diese nicht obligatorisch gewesen wären. Es herrschte ein ständiges Kommen und Gehen, so dass ich Gelegenheit hatte, mich mit der gesamten Belegschaft der Schule zumindest optisch vertraut zu machen.

Was einem sofort auffällt, ist der erfrischend zwanglose und kollegiale Umgang – alle duzen sich und die weiblichen Lehrkräfte werden, wie in Ecuador üblich, mit einem Wangenkuss begrüßt (allerdings küsst man nur einmal, während ich es noch aus Berlin gewohnt bin, auf beide Wangen zu küssen, was manchmal Verwirrung stiftet). Der Lehrkörper der Deutschen Schule Quito setzt sich jeweils zur Hälfte aus Ecuadorianern und Deutschen zusammen. Die Direktorenposten sind immer paritätisch besetzt: Ein Direktor ist Deutscher, der andere Ecuadorianer. Von meinem bequemen Sessel aus konnte ich das geschäftige Treiben in aller Ruhe beobachten: Lehrer schlenderten hin und her, Leute kamen die Treppen herunter und verschwanden in Büros, andere durchquerten ruhigen Schrittes das Foyer. Niemand hatte es eilig, die Atmosphäre war äußerst entspannt. Alle nahmen sich Zeit, um Kollegen, die man zufällig traf, zu grüßen. Man wechselte ein paar Worte, plauderte eine Weile freundschaftlich miteinander und ging dann gemächlich seiner Wege – der ecuadorianische Lebensstil hat eindeutig auf die deutsche Belegschaft abgefärbt. Es wirkte sehr beruhigend, den Leuten bei der Arbeit zuzusehen und ich würde sie direkt um ihren Job beneiden, wenn ich nicht wüsste, wie nervenaufreibend der Lehrerberuf manchmal sein kann. Dessen ungeachtet hört man immer wieder, dass es schwer sei, geeignetes Fachpersonal für längere Zeit zu verpflichten. Es kam schon vor, dass Lehrer nach dem ersten Jahr ihren Vertrag ohne Angabe von Gründen kündigten und einfach abreisten – nicht jeder kommt mit der neuen Situation klar. Vielleicht ist man deshalb so sehr um Schönwetter bemüht, denn schließlich kann ein gute Arbeitsatmosphäre helfen, Menschen auf längere Zeit zu binden.

Ich würde die Wahrheit verleugnen, wenn ich behauptete, man könne Ecuadorianer und Deutsche nicht voneinander unterscheiden. Selbst dem umgeschulten Auge fallen die Unterschiede sofort auf: Der deutsche Lehrer pflegt im Allgemeinen den eher unauffälligen Bekleidungsstil, der durch Understatement bis hin zu äußerster Schlichtheit gekennzeichnet ist. Bekleidung, die selbst noch so geringe Aufmerksamkeit erregen könnte, scheint geradezu verpönt. Einen solchen Anblick kennt man auch aus Schulen in Deutschland. Ich erinnere mich, dass meine Lehrer sich in der Mehrheit oft so schlecht kleideten, dass es zum Erbarmen war. Ich bin der Meinung, Lehrer sollten die Schule stets gut angezogen betreten, denn immerhin repräsentieren sie eine wichtige staatliche Institution.

Die einheimischen Lehrkräfte und insbesondere die Lehrerinnen machten auf mich einen viel stärkeren Eindruck und zwar nicht, weil sie die schöneren oder interessanteren Menschen gewesen wären, sondern weil sie sich einfach besser anzogen (Ausnahmen bestätigen die Regel). Die Lehrerinnen sahen so aus, wie ich mir als Schüler meine Lehrer immer gewünscht hätte. Aber es kann sein, dass die Zeit meine Erinnerungen ein wenig durcheinandergebracht hat.

Anschließend, sozusagen als Belohnung für den erfolgreichen Abschluss der Prüfungen, sind wir Pizza essen gegangen. Wir sind ins Pueblo gefahren – das ist das ältere innerstädtische Viertel Cumbayás. Um einen gepflegten kleinen Park haben sich Restaurants, Cafés und allerlei Geschäfte angesiedelt, die der solventen Kundschaft ihre Waren und ihren Service offerieren. Wohin man auch blickt, nirgends wird man etwas Preiswertes finden. Das Preisniveau entspricht durchaus dem der europäischen Metropolen und wer hofft, dennoch das berühmte Schnäppchen zu finden, hat sich gründlich verrechnet. Diese Gegend ist nicht für den kleinen Geldbeutel gedacht – ein Kollege meiner Frau verbrachte seinen letzten Urlaub in Spanien und er war der Meinung, Ecuador sei teurer.

Schließlich fanden wir ein Pizza-Restaurant. Es trug den Namen „Pizza rodante“ (d.i. Pizza auf Rädern). Seinen Namen verdankt das Lokal einem Wohnwagen, den man höchst dekorativ auf einer Seite des Gastraumes platziert hat. Früher sind Hausierer, Hippies oder Aussteiger mit solchen Wagen durch die Lande gezogen; heute sieht man sie in Berlin noch gelegentlich im Umkreis alternativer Wohnkultur. Hier diente der Wagen nur als Dekoration. Das Restaurants war einfach und mit einem gewissen kultivierten Hang zum Trash-Appeal eingerichtet: An den Wänden waren einfache Holzregale befestigt, in denen sich allerlei Nippes sammelte – Sonnenbrillen, Ansichtskarten, Dinosaurierspielzeug, antike Kameras und dergleichen Plunder mehr. Die Tische waren aus Industriespanplatten gezimmert und grobschlächtig verschraubt. Dennoch wirkte das Lokal sehr gemütlich und man verspürte Lust, eines der Cervezas artesanales (der Craft-Biere) zu genießen, die schon am Eingang groß angepriesen wurden. Meine Lust auf ein kühles Bier wurde sofort gedämpft, als ich sah, wie viel für das Vergnügen zu berappen wäre: 5,50 Dollar kostete die kleine Flasche.

Wir bestellten Pizza. Es gab eine unglaubliche Auswahl an Belägen und noch mehr Kombinationen. Mein Sohn – er war am Ende der einzige, der etwas aß – orderte erwartungsgemäß Pizza peperoni, die in Deutschland Pizza Salami heißt. Die Bedienung fragte, ob der Teig aus Vollkorn, Weißmehl oder aus einer Mischung von beidem gemacht werden solle. Er entschied sich für den klassischen Pizzateig. Dann kam die Pizza. Sie sah wirklich sehr gut aus und in diesem Augenblick hätte ich auch Lust gehabt, mir eine zu bestellen, aber ich unterließ es dann doch. Mein Sohn meinte, die Pizza schmecke hervorragend, aber das kann man auch erwarten, denn schließlich kostete sie 6,50 Dollar. Das ist für ecuadorianische Verhältnisse viel Geld; für die Hälfte dieses Betrages bekommt man mancherorts schon ein komplettes Mittagessen, inklusive Vorsuppe und Dessert. Die teuersten Pizzen schlugen mit acht Dollar zu Buche – das sind Preise, die man sicherlich auch in Berlin erwarten könnte.

An den Tischen rechts und links neben uns saß jeweils eine Gruppe junger Mädchen. Die Gruppe auf der Rechten bestellte ebenfalls Pizza. Sie tratschten ununterbrochen und ihr Redefluss wurde nur unterbrochen, um das Essen herunterzuschlucken. Die Gruppe links von uns war überwiegend damit beschäftigt, cool auszusehen, und so saßen sie fast die ganze Zeit lang schweigend am Tisch und musterten ihre Umgebung mit einem allzu deutlich zur Schau getragenen Ausdruck der Langeweile. Die Mädchen bestellten Pilsener und tranken ihr Bier gleich aus der Flasche. Dazu machten sie sehr erwachsene Gesichter, dabei mögen sie höchstens fünfzehn gezählt haben. Die Bedienung der Pizzeria nahm am Alter der Gäste keinen Anstoß, sie ließ sich nicht einmal die Ausweise zeigen, obwohl auf dem Etikett jeder Flasche vermerkt war, dass der Ausschank alkoholischer Getränke erst ab 18 gestattet sei. Dass man es sich in dem Alter leisten kann, einen teuren Laden wie diesen zu besuchen, sagt viel über die Herkunft der Mädchen aus. Meine Frau war empört, dass sie „Alkohol“ tranken und sie warf die Frage auf, wo denn die Eltern seien. Ich weiß es auch nicht.

Am Abend wollten wir noch etwas Brot einkaufen. Von unserer Reise vor drei Jahren war uns ein Bioladen im Zentrum von Cumbayá in guter Erinnerung geblieben. In dem Laden findet man die landestypischen Produkte, nur sind sie unmäßig teurer, weil eben „Bio“ auf den Etiketten steht. Mitten im Laden befand sich eine Art Schautisch, auf dem sich Gebäck stapelte. Es gab solch exotisches Backwerk wie Quinoa-Cookies und deutsches Roggenschrotbrot. Wir entschieden uns für das Roggenbrot – nicht, weil wir unbedingt jeden Tag deutsches Brot essen müssten, sondern weil es einfach eine Abwechslung im Weißbrot-Einerlei darstellt. Mein Frau, obgleich Ecuadorianerin von Geburt, hat sich während der Jahre, die sie in Deutschland verbrachte, derart an Roggensauerteig gewöhnt, dass sie nicht mehr ohne leben kann. Roggen ist hierzulande nur schwer zu bekommen und so exotisch wie vielleicht Quinoa in Deutschland. Der Besitzer des Bioladens jedenfalls wusste damit nicht viel anzufangen. Er wog das Brot und stellte fest, dass es ganz schön schwer sei, und in der Tat hatte man den Eindruck, man hielte einen Ziegelstein in der Hand. Dafür schmeckte es umso besser, wie richtiges gutes Bäckerbrot. Für meinen Geschmack hatte der Bäcker jedoch viel zu viel Leinsamen an den Teig gegeben, aber es war dennoch ein sehr gutes Brot. Selbst mein Sohn, der sich sonst nicht viel aus Brot macht, langte ordentlich zu. In zwei Tagen hatten wir es bis auf einen Kanten aufgegessen.