Unter der Pyramide

Nachdem wir unseren schwächelnden Kreislauf mit Hilfe der uralten Hausmedizin Coca wieder in Schwung gebracht haben, steigen wir zur Pyramide auf. Das Pyramiden-Monument ist mit Sicherheit die beliebteste Destination für all jene Chimborazo-Touristen, die nicht die Absicht haben, den Gipfel des Eisriesen zu erklimmen. Streng genommen, handelt es sich gar nicht um eine Pyramide, sondern um einen recht stämmigen Obelisken, aber wer möchte schon als Klugscheißer gelten, zumal mit Rechthaberei nichts gewonnen wäre: Das Monument markiert keinen besonderen Punkt. Es steht nur für sich selbst oder zum Zeichen, dass die Menschheit sogar von diesem verlassenen und ödesten aller Orte Besitz ergriffen hat. Obelisken haben hierzulande keine Tradition, aber Pyramiden lassen an berühmte Hochkulturen denken, sie gemahnen an alte Götter und blutige Opferkulte, und Opfer hat der Berg immer wieder gefordert.

Öde ist die Gegend fürwahr, doch keineswegs verlassen: Ein bunter, nie abreißender Strom von Touristen zieht vom Parkplatz hinauf zum Monument. Für die meisten markiert die Pyramide, die kaum hundert Meter von der Sicherheit des eigenen Wagens entfernt liegt, zugleich den Endpunkt der Reise. Das Gelände ist nicht sonderlich steil, der Aufstieg verlangt keine bergsteigerischen Fähigkeiten. Jeder, der es aus eigener Kraft aus dem Fond seines SUV schafft, vermag auch bis zu dieser Stelle zu laufen.

Man könnte sogar noch höher hinaufsteigen, viel höher, doch die meisten ziehen es vor, ihr Abenteuer an diesem – wie sie meinen – besonderen Ort zu beschließen, in Tuchfühlung zur Carrel-Hütte, dem vorletzten warmen und sicheren Platz unter dem Gipfel, wo es Schoko-Doughnuts gibt und reich gefüllte Teigtaschen und wo man den Schwindel und das Rauschen in den Ohren mit heißem Coca-Tee bekämpft, der einem auch ein bisschen die Seele wärmt.

Das größte Problem ist die dünne Luft. Auf fünftausend Metern Höhe überlegt man sich jeden Schritt zweimal und an sportliche Aktivitäten sollte man gar nicht erst denken. Viele jener Besucher, die aus dem Flachland aufgestiegen sind, und deren Kreislauf demzufolge keine Möglichkeit hatte, sich allmählich an die Höhe zu gewöhnen, leiden schon bei der kleinsten Anstrengung unter Atemnot und Schwindelanfällen. Da wir in den letzten Monaten fast durchgängig auf gut zweieinhalbtausend Metern gelebt haben (Quito liegt auf rund 2.800 Metern und Cumbayá nur wenig tiefer), macht uns die Höhe nicht so zu schaffen wie diesen Frischlingen.

Der Pfad, der zur Pyramide hinaufführt, ist recht schmal und so ist man immer wieder gezwungen, über Geröll zu steigen, wenn der Zug der Gipfelaspiranten in den bunten Watteanoraks einmal ins Stocken gerät: Alle paar Meter sitzt jemand auf einem Felsblock, zusammengesunken zu einem Häufchen Elend, schwer atmend und mit fahlem Gesicht. Die dünne Luft macht den Leuten zu schaffen. Da hilft es auch nicht, dass man den von Atemnot und Schwindel Geplagten gut zuredet. Manche von ihnen scheinen nur wenige Höhenmeter vom Kreislaufzusammenbruch entfernt. Eine junge Frau macht den Eindruck, sie sei kaum noch ansprechbar. In den meisten Fällen hilft da nur der Abstieg. Hätten diese Wagemutigen es bis zur Pyramide geschafft, würden sie vielleicht eingesehen haben, dass der Preis für das flüchtige Gefühl, ein Abenteuer zu erleben, manchmal viel zu hoch ist.

Direkt an der Pyramide sind Gedenktafeln aufgestellt, die an jene erinnern, die ihren Traum vom Bergabenteuer mit dem Leben bezahlten. Manche der Tafeln erinnern tatsächlich an Grabsteine, doch ich bezweifle, dass auch nur einer der Unglücklichen hier seine letzte Ruhestätte gefunden hat, in dieser kalten Einöde. Überdies fördern die klimatischen Bedingungen die Konservierung in besonderer Weise, wie man durch gut erhaltene Inka-Mumien weiß, die man in den letzten Jahren aus ihren eisigen Grüften nahe der schneebedeckten Gipfel der Vulkane hat bergen können. Die Vorstellung, irgendwann als Schauobjekt in einem Museum zu enden, eingeschlossen in eine Glasvitrine, hat etwas Bizarres und zugleich Beängstigendes an sich.

Auf manchen der Stelen sieht man Eispickel eingraviert, so dass man annehmen darf, es handele sich um Bergsteiger. Andere zeigen nur ganz schlicht den Namen des Verstorbenen sowie das Datum seines Geburts- und seines Todestages. Es ist immer tragisch, wenn ein junger Mensch stirbt, doch bei vielen der Verblichenen handelt es sich, wie man den Lebensdaten unschwer entnehmen kann, um alte Menschen. Der Chimborazo ist nicht hoch genug, um eine eigene Todeszone zu besitzen, aber ich frage mich dennoch, was fast Achtzigjährige dazu treibt, sich in alpinen Höhenlagen zu tummeln, wenn nicht Todessehnsucht.

Es ist bedrückend, so viele Tafeln zu sehen. Jede einzelne steht für den Tod eines Menschen – so viele Schicksale, die aus wenigen nüchternen Zeilen sprechen. Kaum einer der Bergtouristen in den bunten Anoraks interessiert sich für diesen Bergfriedhof, obwohl doch nur ein Umweg von wenigen Schritten nötig wäre, um der Toten zu gedenken.

Die meisten treibt es zur Pyramide oder in die Carrel-Hütte. Sie machen Fotos mit dem Handy, wobei sie sich in immer neue Posen werfen, den Berg als Staffage im Hintergrund. Manche haben gleich den berüchtigten Selfie-Stick mitgebracht, denn schließlich hat ein Foto nur dann Bedeutung, wenn man selbst darauf zu sehen ist. Für die meisten ist die Pyramide aber das Ultima Thule. Hier kehren sie um und gut gelaunt oder atemlos oder atemlos und dennoch gut gelaunt steigen sie wieder hinab in freundlichere Gefilde.

An der Pyramide haben wir Gelegenheit, zur Kenntnis zu nehmen, dass offenbar jeder, der der ecuadorianischen Geschichte irgendein Vermächtnis hinterlassen hat, eine Reise zum Berg unternahm. Merkwürdig genug, führen solche Reisen immer zu unwirklichen Orten wie der Tierra nevada, wo man doch genauso gut einen pazifischen Palmenstrand besuchen könnte, denn schließlich verlangt es die Reisenden nicht nach Entdeckerruhm, sondern nach innerer Einkehr (bei Humboldt waren es bekanntlich Forscherdrang und Eitelkeit). Aber Besinnung liegt der Costa fern; man ist eher dem Dies- als dem Jenseits zugewandt – kaum vorstellbar, dass dem Libertador unter Palmen ein Satz in den Sinn gekommen wäre, den man für würdig erachten könnte, einem sterbenden Freiheitskämpfer von den Lippen zu fließen.

Für eine stilechte Einkehr bedarf es der Stille und vor zweihundert Jahren musste man ganz gewiss noch nicht fürchten, von SUVs niedergewalzt oder von einer anorakbewehrten Meute erdrückt zu werden. Die Liste der berühmten Namen wäre nicht vollständig, wenn sich nicht auch der große Simón Bolívar in ihr verewigt hätte. Meine Frau schwelgt in Bewunderung. Was für ein Mannsbild, sogar unbezwingbare Berge hat er bezwungen! Ich habe Glück, dass der Libertador in den Heroen-Himmel entrückt ist.

So viel konzentrierte Bedeutungsschwere bleibt nicht ohne Wirkung: Angesteckt von dem Memento mori unterhalb der Pyramide und befeuert vom Beispiel der Prominenz, beginne ich über die Vergeblichkeit menschlicher Anstrengungen zu grübeln. Doch Rettung naht und noch rechtzeitig bevor mein Verstand sich im Tiefsinn verliert wie am Grunde einer Sickergrube, bringt mich ein alter Bekannter zurück in die Wirklichkeit.

Vater Abraham kommt mir in seiner signalbunten Schlechtwetter-Outdoor-Abenteuer-Kombi hurtig entgegengestiefelt, ein triumphierendes Lächeln im Gesicht. Sein langer Rauschebart weht verwegen im Wind. Er hat die Whymper-Hütte doch noch gefunden. Bis dort hinauf sei es aber eine ziemliche Strecke, sagt er. Er meint, man könne auch noch höher aufsteigen, zur Laguna Condor Cocha, doch bei der Hütte sei für ihn Schluss gewesen – die Höhe.

Wir sind dem Himmel so nahe, dass wir ihn fast berühren könnten, doch wir stehen verloren wie Fremde in einer Landschaft, die sich als staubige Ödnis unter der ätherisch blauen Kuppel ausbreitet. Beklemmung kommt uns an, denn wir fühlen, dass sich die Seele hier niemals heimisch fühlen könnte. Über uns erhebt sich drohend das Eisgebirge des Chimborazo, doch wir plaudern so geschwätzig gegen das Gefühl der Verlassenheit an, dass es scheint, wir hätten uns irgendwo in Bahía zufällig auf der Straße getroffen. Ein schneidend kalter Wind streicht um meine nackten Waden und in meiner dürftigen Kleidung beginne ich allmählich zu frieren. Ich muss in Bewegung bleiben.

Ich verabschiede mich von Vater Abraham mit dem Hinweis, dass ich ebenfalls zur Hütte aufsteigen wolle. Ich dränge weiter. Es ist kein unfreundlicher Abschied, zumal es auch ihn wieder nach unten zieht, ins warme Innere seines allradgetriebenen Wagens. Mich aber zieht es mit Macht hinauf zum letzten Refugium der Zivilisation, zur fernsten Exklave der Menschheit im Niemandsland zwischen Himmel und Erde, zu einem Ort namens Whymper-Hütte.

Vater Abraham und die Lamas

Wir nähern uns dem Chimborazo von Südosten. Von Riobamba aus, wo wir die Nacht verbrachten, folgen wir der Panamericana ein Stück weit in umgekehrte Richtung. Nur wenige Kilometer vor der Stadt, kurz hinter einem Flecken namens Calpi, nehmen wir einen Abzweig, der uns in nordwestliche Richtung führt, hinauf zum Chimborazo.

Die Straße ist in vorzüglichem Zustand, der Asphalt so frisch, als wäre er auf die Nachricht unseres Kommens erst in der Nacht zuvor wie ein roter Teppich ausgerollt worden. Wir hoffen, dass uns das Wetter keinen Strich durch die Rechnung macht, aber ausgerechnet an diesem Morgen ist es trübe und regnerisch. Ein kalter Wind treibt immer wieder feuchten Dunst über die zerklüftete Landschaft. Jede Böe lässt uns zittern. Nieselregen, fein wie Vapor, durchtränkt das Land mit kalter ungesunder Nässe. Die Feuchtigkeit dringt durch sämtliche Kleiderschichten und das Frösteln kriecht einem über den Rücken wie Spinnenbeine.

Der Chimborazo, mit seinen offiziell 6.310 Metern der höchste Berg des Landes, erhebt sich im äußersten nordwestlichen Zipfel der gleichnamigen Provinz. Als sei er eine Grenzfestung, deren unüberwindliche Mauern sich des Ansturms feindlicher Nachbarn zu erwehren hätten, verläuft nur wenige Kilometer nördlich und westlich der Abhänge des Vulkans die Provinzgrenze – im Westen liegt Bolívar, im Norden Tungurahua, eine Provinz, die ihren Namen ebenfalls einem berühmten Vulkan verdankt.

Die Straße, die uns zum Berg führt, überschreitet diese Grenzen, aber da uns keine Schranke und keine weiße Linie auf dem Asphalt daran erinnern, merken wir es nicht. Die Grenzen, die uns der Berg setzt – Eis und Kälte, dünne Luft und Atemnot –, können wir nicht überschreiten und wir wollen es auch gar nicht. Wir belassen es bei einem Besuch an der Pforte, von der aus uns ein flüchtiger Blick ins Reich des ewigen Eises vergönnt ist.

Wir steigen immer weiter ins Gebirge auf. Würden wir der Straße folgen, müssten wir den Berg, der schon bald rechter Hand aus dem Dunst auftaucht, hinter uns lassen und den Pass von El Arenal überwinden, der die Kordillere auf einer Höhe von 4.320 Metern übersteigt. Die Passstraße steht uns noch auf dem Rückweg bevor, doch wir sollen uns gehörig täuschen, als wir leichtsinnig annehmen, dies sei schon der schwierigste Abschnitt der Strecke.

Kurz vor der Passhöhe von El Arenal gibt es einen Abzweig nach Osten. Auf der Schotterstraße, die hier ihren Anfang nimmt, gelangt man hinauf zu einer Stelle direkt unterhalb des eigentlichen Gipfelmassivs. Der wagemutige Reisende ist jedoch gut beraten, sich ausreichend zu motorisieren. Unser Wagen taugt leider nur für gemütliche Flachlandfahrten und es erfordert schon einiges an fahrerischem Geschick und darüber hinaus bedarf es auch noch des vielbeschworenen Quäntchens Glück, um diesen flügellahmen Blech-Ikarus bis an den Rand des Himmels zu hieven.

Und dann sehen wir zum ersten Mal den Berg. Eine Nebelwand öffnet sich wie ein Vorhang und die Natur gibt die Sicht frei auf ein Schauspiel, wie man ihm im Leben wohl kaum ein zweites Mal beiwohnen darf: Hinter einem sanft geschwungenen Hang, der in einen dichten Pelz stacheligen Grases gekleidet ist, thront fern und unnahbar der majestätische Chimborazo. Noch ist das Geheimnis nicht vollständig gelüftet, denn noch zeigt sich der Bergriese nicht in seiner ganzen Pracht, aber allein dieser flüchtige Blick durch den Nebel lässt die gewaltige diamantförmige Felspyramide erahnen. Wir können es kaum erwarten, dem Berg von Angesicht zu Angesicht gegenüberzustehen.

Die Gegend rund um den Vulkan wirkt verlassen. Obwohl man allerorten Felder und Weiden sieht, erscheint das Land so leer, als sei es durch ein schreckliches Ereignis entvölkert worden. Der düstere Himmel drückt auf das Gemüt und betrachtet man diese Landschaft nur lange genug, fällt es schwer, sich jener Traurigkeit zu erwehren, die einem wie die feuchte Kälte bis in die Seele zu kriechen scheint. Man hat den Eindruck, niemand könnte hier leben, ohne früher oder später lebensbedrohlicher Schwermut zu verfallen.

Bergbewohner

Wir freuen uns, dass wir doch noch typische Bewohner dieser Gegend treffen: Lamas. Als wir die friedlichen Tiere mit dem warmen wolligen Fell vor uns auf der Straße laufen sehen, glaube ich einen Augenblick lang, es handele sich um Schafe, doch als wir uns nähern, ist der Irrtum schnell aufgeklärt. Ein Hirte führt die Herde auf eine neue Weide und die gutmütigen Lamas lassen sich bereitwillig durch das Gatter lenken. Wir wollen uns die Gelegenheit nicht entgehen lassen und so halten wir und machen Fotos. Die Tiere, an die Nähe des Menschen gewöhnt, zeigen nicht die geringste Scheu. Sie blicken gleichgültig in die Kamera und äsen einfach weiter, als sei es ihr Job, dem Touristen zu jenen Erinnerungsbildern zu verhelfen, die das bekannteste Klischee von den Anden auf das Schönste bestätigen.

Lamas sieht man weitaus seltener als es einem die einschlägigen Reiseanbieter weiszumachen versuchen, und wenn man nicht den abgelegensten Routen durch die Berge folgt, bekommt man sie gar nicht zu Gesicht. Auch ein anderer Reisender nutzt die Gunst der Stunde. Die bunte Wetterschutzkleidung, die er am Leib trägt, weist ihn unzweifelhaft als Touristen aus, und als wir ein paar Worte wechseln, zeigt sich, dass er sogar ein Landsmann ist. Mit seinem langen silbrigen Rauschebart könnte man ihn glatt mit Vater Abraham verwechseln (das ist der mit den Schlümpfen) oder ihn, passend zur Landschaft, für eine Art Alm-Öhi halten. Wir sollten ihm noch öfter begegnen, denn der Tourist folgt – ob er nun will oder nicht – den immer gleichen ausgetretenen Pfaden ins Abenteuer.

Die Straße führt noch höher hinauf. Sie taucht durch Mulden und fräst sich durch Hügel. Die Böschungen beiderseits der Fahrbahn wirken wie frische Schnitte in den Leib der Erde. Wie die Schichten eines Baumkuchens stapeln sich die Zeitalter: jede Lage ein Vulkanausbruch oder ein Staubsturm, eine Gerölllawine oder ein Ascheregen – Tausende Jahre Erdgeschichte, zusammengedrängt auf wenige Meter. Kaum einem Bergtouristen ist der Blick in die Eingeweide des Planeten einen kurzen Stopp wert, aber ich muss unbedingt ein Foto machen.

Irgendwann fahren wir über eine weite Geröllebene, die sich schräg gegen den Himmel neigt, als wäre plötzlich die Erdscheibe gekippt. Wir befinden uns bereits auf der Flanke des Vulkans. Rechter Hand gleitet der Hang ab ins Nirgendwo. Um uns herum ist nur noch Himmel. Am Rande, dort wo der Berg wie abgeschnitten endet, heben sich plötzlich mehrere grazile Gestalten gegen das einheitliche Grau des Himmels ab. Das sind Vicuñas, die wilden Vettern der domestizierten Lamas.

Man bekommt diese Tiere nur sehr selten zu Gesicht, denn anders als ihre Verwandten, sind sie überaus scheu. Sie dulden den Menschen nicht in ihrer Nähe und beim leisesten Anzeichen dafür, dass man sich ihnen nähern wolle, entfernen sie sich. Sie fliehen aber nicht einfach. Ich habe fast den Eindruck, sie meiden uns, wie man jemanden meiden würde, den man auf den Tod nicht ausstehen kann – unauffällig, diskret, aber bestimmt. Ein Mensch könnte die eleganten Läufer ohnehin nicht einholen. Wir sind auf über viertausend Metern Höhe und die Landschaft gleicht der Marswüste. Ich frage mich, wovon die scheuen Tier leben.

Per aspera ad astra

Die Straße ist nur noch ein staubiger Schotterweg, der sich in Serpentinen am Berg hinaufwindet. Eigentlich ist die Steigung nicht sehr groß, doch der schwachbrüstige Motor röchelt in der dünnen Luft wie ein Schwindsüchtiger. Schon die kleinste Mulde im Boden erweist sich als schwerwiegendes Problem und nur ständige Aufmerksamkeit und geschicktes Fahren retten uns jetzt noch davor, hilflos in der Einöde liegen zu bleiben. Einige Male überlegen wir ernsthaft, ob es nicht klüger wäre umzukehren. Doch dann müssen wir uns selber zur Räson rufen, denn schließlich sind wir fast am Ziel und jetzt aufzugeben, wäre eine Schmach, die uns auf ewig anhängen würde.

Meist tasten wir uns im ersten Gang vor und nur mit ein wenig Glück gelingt es auch einmal, in den zweiten hochzuschalten. Damit ist die Maschine schon an den Grenzen ihrer Möglichkeiten angelangt. Doch es gibt kein Halten, wir müssen immer weiter, denn stehenzubleiben, käme einer Katastrophe gleich: In dem staubtrockenen pulvrigen Schotter können sich die profillosen Reifen nicht festkrallen und beim Anfahren drehen sie einfach durch. Einige Male bleiben wir dennoch stehen, weil der Wagen an einer Steigung erschöpft aufgibt – am Hang verhungert. Nach einer langen Schrecksekunde geht es dann aber doch irgendwie immer weiter: Es ist jedes Mal ein nervenaufreibendes Kunststück, dieses Ärgernis von einem Auto wieder in Gang zu bringen.

Während wir darüber nachdenken, ob es nicht besser sei, dass alle bis auf den Fahrer ausstiegen, um den Wagen ein wenig zu erleichtern, donnern immer wieder SUVs mit aufheulendem Motor an uns vorbei. Die Fahrer beschleunigen, dass die Räder nur so durchdrehen. Staubfontänen sprudeln in die dünne Luft. Ich bin nicht sehr erbaut angesichts der Vorstellung, die letzten Meter auch noch zu Fuß zurücklegen zu müssen.

Ich verfluche diese Angeber in den SUVs mit den verdunkelten Scheiben und ich verfluche unser Auto und alle Autovermietungen gleich mit (Meine Flüche sind wahrscheinlich gar nicht wirksam, weil ich sowieso nicht an die Macht von Flüchen glaube). Mein Groll wird schnell wieder besänftigt, denn zur rechten Zeit entsinne ich mich eines wichtigen Naturgesetzes, einer Wechselbeziehung, die als bewiesener Lehrsatz dieselbe unumstößliche Gültigkeit beanspruchen kann wie das Newtonsche Gravitationsgesetz: Danach steht die PS-Stärke des Autos in reziprokem Verhältnis zur Größe gewisser Körperteile des Fahrzeugbesitzers (kleiner Tipp: Es sind nicht die Ohren). Ich kann den Fahrern dieser großen, großen Autos nicht länger böse sein; ich empfinde sogar ein wenig Mitleid mit ihnen.

Hütten, Pyramiden und tonisierende Tränke

Es kommt einem Wunder gleich, dass wir unser Ziel in 4.800 Metern Höhe überhaupt erreichen: ein Parkplatz, der so dicht mit Autos zugestellt ist wie die Parkflächen vor Kaufland an einem samstäglichen Verkaufsvormittag. Nur mit Mühe finden wir eine freie Stellfläche. Ich steige aus und sehe mich ein wenig um, und sofort erfasst mich das Bergfieber. Ich will hinauf, immer nur hinauf, höher und höher. Die meisten Besucher scheint derselbe Wahnsinn umzutreiben, denn eine Kette aus bunten Watteanoraks bewegt sich vom Parkplatz aus hinauf zur Pyramide, einem Monument und einer bekannten Landmarke etwa hundert Meter oberhalb der Carrel-Hütte.

Als ich ziellos herumlaufe, begierig, alle Eindrücke aufzusaugen wie ein Schwamm, stehe ich plötzlich vor meinem Landsmann, demselben, dem ich schon einmal bei der Lamaherde begegnet bin und den ich einen Moment lang (irrtümlich) für Vater Abraham hielt. Er fragt mich, wo denn die Whymper-Hütte sei. Ich habe keine Ahnung, aber da diese Berghütte von allen Außenposten der Menschheit in der größten Höhe zu finden ist, nehme ich an, man müsste, um dorthin zu gelangen, den Berg nur weiter hinaufsteigen.

Er scheint mich für den einzigen kundigen Menschen zu halten und in der Tat muss ich in meinen Cargo-Shorts und mit meinen nackten Waden in dieser Höhe – wir sind nun auf fast fünftausend Metern – einen recht verwegenen Eindruck hinterlassen. Wahrscheinlich denkt er sich, wer die Chuzpe hat, mit kurzen Hosen bis an den Rand des ewigen Eises aufzusteigen, würde auch mit Leichtigkeit zum Gipfel marschieren, und zwar noch vor den Frühstücks-Cornflakes (tatsächlich muss man Nachts aufbrechen, um den Abstieg noch rechtzeitig vor dem Abend zu schaffen).

Mit einiger Sicherheit kann ich erklären, dass ich seit Humboldt gewiss der erste bin, den der Berg in kurzen Hosen und Sommerjacke sieht. Wer mich erblickt, muss denken, dass mir die schneidende Kälte und die dünne Luft nichts ausmachen. Doch das ist alles nur ein Missverständnis, denn meine lange, warme Hose ist mir vom Bund bis in die Kniekehle zerrissen, ausgerechnet beim Zitronenpflücken auf der Finca eines Freundes.

Und so stehe ich nun am Rande des Parkplatzes wie ein Strandurlauber am Pazifik, während alle anderen in dicken Thermo-Anoraks und Bergstiefeln zur Pyramide aufsteigen. Doch ich fühle mich von einer Woge jener Euphorie getragen wie sie vor über zweihundert Jahren Humboldt erfasst haben muss, als er den Berg zum ersten Mal sah. Die schockierten Blicke, die ich für meinen leichtsinnigen Aufzug ernte, beflügeln meine Hybris und ebenso sehr befeuern sie meine Entschlossenheit. Ich fürchte, der Höhenrausch hat mich erfasst.

Wir kehren kurz in die Carrel-Hütte ein, um uns für den bevorstehenden Aufstieg zu wappnen. Die Hütte liegt nur einen Katzensprung vom Parkplatz entfernt und ist für gewöhnlich der erste Anlaufpunkt des Laien-Alpinisten. In der dünnen Höhenluft kriecht einem die Kälte rasch bis in die Knochen und dann ist man froh über einen gemütlichen Platz in der mollig warmen Hütte. Auf dem Tresen stehen Doughnuts mit dicker Schokoladenglasur und reich gefüllte Teigtaschen. Wer sonst auch streng auf seine Linie achten mag, hier ist er dankbar für die gehaltvolle Stärkung.

Wir haben genug Reserven und so nehmen wir Vorlieb mit einem erprobten Hausmittel gegen die Höhenkrankheit – Coca-Tee. Mit etwas Zucker schmeckt der heiße Sud gar nicht so schlecht und nachdem ich meine Tasse ausgetrunken habe, fühle ich mich elektrisiert bis in die Haarwurzeln. Meine Wangen glühen und mein Kopf ist so leicht, als wäre mal eben kurz durchgelüftet worden im Oberstübchen.

Übrigens heißen die Berghütten „Whymper“ und „Carrel“ zu Ehren der Erstbesteiger. Das war im Jahre 1880, ein Menschenleben nach Humboldt. Edward Whymper war Engländer und mit Sicherheit wird er im letzten Biwak vor dem Gipfel seinen Tee getrunken haben – keine heroische Großtat zum Ruhme des Empire ohne Tee! Vielleicht schwammen da in Whympers Tasse, passend zum Anlass, ein paar Coca-Blätter.

Über uns wächst der Berg in einen Himmel, in dem das reine kristallklare Azurblau mit jeder weiteren Stunde die Oberhand gewinnt. Der Himmel ist so nah, dass man beinahe die Hände in seinem Blau baden könnte (auf dem Bild hebe ich schon mal die Arme). Wir schließen uns dem Zug der anorakbewehrten Hobby-Alpinisten an und steigen auf zum Pyramiden-Monument. Es sollte nicht die letzte Station sein.

Zweihundert Blogposts

The British School Quito

Wir haben uns nun doch dagegen entschieden, unseren Sohn auf das Colegio Alemán zu schicken. Die Deutsche Schule ist eine der besten Schulen überhaupt und an der Qualität der Lehrer und des Unterrichts gibt es keinen Zweifel. Das Colegio Alemán genießt weit über die Landesgrenzen hinaus einen exzellenten Ruf und eigentlich gibt es keinen Grund – von den Gebühren einmal abgesehen –, warum man seine Kinder nicht auf diese Schule schicken sollte.

Unser Sohn wuchs dreisprachig auf, und zwar mit Deutsch, Spanisch und Englisch. Wir verbrachten einige Jahre in den USA und dort ging unser Sohn auch in den Kindergarten. Später in Deutschland besuchte er von Anfang an die Amerikanische Schule. Dadurch, dass er in Amerika aufgewachsen ist und seither viel Zeit in einem englischsprachigen Umfeld verbracht hat, verfügt er im Englischen über ein Niveau, das dem eines Muttersprachlers entspricht. Wir wollten, dass er zumindest im ersten Jahr viel Englisch spricht, damit seine Fähigkeiten erhalten bleiben.

Die British School Quito genießt, ähnlich wie die Deutsche Schule, einen sehr guten Ruf. Aber dafür ist sie auch eine der teuersten Privatschulen im Lande. Wer schon einmal eine Rechnung in Händen gehalten hat, kann guten Gewissens behaupten, dass er den wahren Wert von Bildung kennt: Wie man hört, beträgt die monatliche Gebühr um die achthundert Dollar. Hinzu kommt noch eine einmalige Einschreibegebühr von sechshundert Dollar sowie der Beitrag für Lunch, der sich auf gut einhundert Dollar pro Monat beläuft. Aber immerhin ist eine gute Bildung auch etwas wert und wen interessiert schon schnöder Mammon, wenn er die höchsten Weihen der Weisheit erwerben kann.

Verglichen mit ihrem deutschen Pendant ist die British School deutlich kleiner: Zählt die Deutsche Schule ca. zweitausend Schüler, so sind es in der British School gerade einmal dreihundert. Das Gelände der Schule liegt auch nicht in Cumbayá, sondern etwas außerhalb von Tumbaco (das ist die Gemeinde weiter östlich von Cumbayá). Von Cumbayá aus kann man sie mit dem Auto in etwa zwanzig Minuten erreichen, vorausgesetzt, es gibt keinen Stau, was morgens zu bestimmten Zeiten aber leider immer der Fall ist.

Das Gelände der Schule befindet sich in einer dem Anschein nach relativ ärmlichen Gegend und wie alle Schulen in Ecuador ist sie gegen die Nachbarschaft mit Mauern und Zäunen gesichert. Ein Sicherheitsdienst bewacht das gesamte Gelände und kontrolliert den Zugang. Außerhalb der offiziellen Besuchszeiten am Morgen und nach Schulschluss muss der Besucher, wie schon in der Deutschen Schule, seinen Ausweis abgeben und bekommt im Tausch dafür eine Besucherkarte. Ich habe mich ein wenig über den Wachschutz gewundert, denn auf den Schutzwesten der Mitarbeiter prangt groß der Davidsstern und darüber ist der Schriftzug „Sefardi“ zu lesen. Wenn man das Gelände betreten möchte, kommt es einem so vor, als passiere man einen israelischen Checkpoint. Ganz im Gegensatz zu ihrem martialischen Auftreten, sind die Leute aber sehr nett und hilfsbereit.

Bei der British School sieht man, dass der Zahn der Zeit schon ein wenig an der Substanz genagt hat. Zwar sind alle Gebäude gut in Schuss und zwar kümmert sich auch hier ein Heer von Bediensteten darum, dass alles so bleibt, doch man empfindet deutlich, dass einige Bereiche einer Generalüberholung bedürften. Der Principal, der es sich nicht nehmen lässt, uns persönlich herumzuführen, erklärt, dass Vieles in den nächsten zwei Jahren von Grund auf renoviert werden soll. Zu wünschen wäre es, denn die Schule macht einen sehr sympathischen Eindruck: In der Mitte des Geländes thront das Hauptgebäude mit dem Sekretariat, den Büros und der Cafeteria. Darum herum gruppieren sich die einzelnen Klassenräume, die in Bungalows untergebracht sind. Die Gebäude vermittelten mir doch stark den Eindruck einer Missionsschule, wie die Briten sie in vielen Teilen ihres ehemals weit gespannten Empires errichteten. Doch als man uns ins Innere führte, sahen wir, dass sie eingerichtet sind, wie es sich für moderne Klassenräume gehört, und dass es an nichts fehlt.

Wie in „Harry Potter“ werden die Schüler einzelnen Häusern zugeteilt und zuweilen kommt es vor, dass die Fiktion gar nicht so weit von der Wirklichkeit entfernt ist: Jedes dieser Häuser hat einen eigenen Namen und eine eigene Farbe. Mein Sohn kam zum Haus „Cayambe“ (nicht der sprechende Hut übernahm die Zuteilung, sondern eine Angestellte der Schule). Alle Häuser sind nach Vulkanen benannt und mit den Farben der ecuadorianischen Trikolore (blau, rot, gelb) ausgezeichnet. Cayambe ist gelb (oder Gold, wie auch „Gryffindor“, das Haus, dem Harry Potter angehört). Mein Sohn hat die Harry-Potter-Romane alle gelesen und musste schmunzeln, als ich ihn darauf aufmerksam machte.

Es war der erste Schultag und die Schüler waren in ihren Schuluniformen im Hof angetreten. Ich hatte tatsächlich einen Augenblick lang den Eindruck, ich befände mich im Mutterland England (oder in Hogwarts), als ich die Schüler in ihrer gebügelten Schulkleidung, die Mädchen in Rock und alle mit Krawatte dastehen sah. Das männliche Lehrpersonal trug übrigens ausnahmslos Anzug und die weiblichen Angestellten wirkten auf mich allesamt sehr gut gekleidet. Wüsste man nicht, dass es sich um Lehrer handelt, hätte man sie auch für Banker oder Angestellte in Führungspositionen in einer großen Firma halten können. Manche der Männer trugen dazu noch einen Panama-Hut, was sie sehr britisch wirken ließ. Allerdings sind es weniger die Äußerlichkeiten, die einen die „Britishness“ des Ortes empfinden lassen, sondern vielmehr die ganz besondere Art, wie man als Fremder aufgenommen wird. Alle sind so ausnehmend freundlich und so hilfsbereit, dass man sich sofort wohlfühlt. Ich habe das Gelände der Schule noch nie zuvor betreten, aber jedermann, dem ich begegne, gibt mir das Gefühl, als gehörte ich schon eine Ewigkeit dazu. Der Umgang ist so leger wie in einem exklusiven Tennis- oder Golfklub und sämtliche Klischees, die man immer gern über britische Höflichkeit bemüht, werden erfüllt. Dabei ist immer ein gewisses Understatement zu spüren – auch das sieht man als typisch britisch an; niemals würde man damit protzen, wer man ist, obgleich man durchaus Grund dazu hätte. Das alles macht es sehr angenehm und augenblicklich kamen mir viele schöne Erinnerungen an meine Reisen nach England ins Gedächtnis.

In der British School wird Schulkleidung getragen – für die meisten Schüler sicher ein handfester Grund, sich dem Wunsch der Eltern zu verweigern und lieber eine andere Schule zu besuchen, auf der keine Schulkleidung vorgeschrieben ist. Nur würde man es damit auch nicht besser treffen, jedenfalls ist mir keine Privatschule bekannt, an der keine einheitliche Kleidung getragen wird, und Ausländer wie Ecuadorianer, die es sich leisten können, schicken ihre Kinder der besseren Bildungschancen wegen nur zu gern dorthin. Wenn man nach Schulschluss durch die Stadt fährt, sieht man die verschiedenfarbigen Uniformen der Schulen: blau, braun, grün. An der Deutschen Schule trägt man übrigens graue Hose, weißes Shirt mit dem Schullogo darauf und, wer will, darf sich eine grüne Jacke überziehen (auf dem Herzen prangt das Emblem der Schule). Die Jacken und die dazu passenden Hosen erinnern sehr an die Trainingsanzüge der deutschen Fußballnationalmannschaft anno 1954. Das sind nicht die coolen Sachen, in denen man als Dreizehn-, Vierzehnjähriger gesehen werden möchte. In Deutschland würde man ganz sicher Sticheleien über sich ergehen lassen müssen, doch hierzulande ist es eher eine Auszeichnung, diese Kleidung tragen zu dürfen. Der einzige Trost ist, dass alle anderen genauso aussehen – kein Grund also, sich zu schämen. In einem Land wie Ecuador ist es nur einer kleinen Elite vergönnt, die Kinder auf teure Privatschulen zu schicken, so dass die Schüler dieser Schulen von Gleichaltrigen wohl eher beneidet werden, als dass man über sie lacht.

Für Jungs besteht die Uniform der British School aus weißem Hemd, gelber Krawatte (Haus Cayambe), blauem Blazer mit roten Streifen, grauer Hose und schwarzen Schuhen. In der Ventura-Mall, das ist eine Shopping-Mall in Tumbaco, unterhält die British School einen eigenen Uniform-Shop. Zwar besuchen die Einrichtung nur dreihundert Schüler, doch muss sich jeder mit einer Schuluniform eindecken. Die einfache Garnitur kostet schon über zweihundert Dollar, dabei sind die Schuhe, die hier in Ecuador extrem teuer sind, noch gar nicht mit eingerechnet. Darüber hinaus ist es ratsam, gleich mehrere Garnituren zu kaufen, denn schließlich verschmutzt ja auch mal etwas. Wer nur auf die Idee gekommen ist, Schüler in weiße Hemden zu strecken! Leider waren Hosen in der entsprechenden Größe und gelbe Krawatten (Haus Cayambe) nicht mehr verfügbar, so dass wir am Samstag erst zur Fabrik nach Quito fahren müssen, um die fehlenden Kleidungsstücke dort direkt zu kaufen. Wir haben immer noch kein Auto und der vermeintlich kurze Trip wird wahrscheinlich wieder zur Weltreise ausarten. Ich sehe mich nach der Rückkehr am Abend schon wieder vollkommen erschöpft auf der Couch liegen.

Am ersten Schultag holte ich meinen Sohn von der Schule ab. Da wir immer noch kein Auto haben und es in den Sternen steht, wann es geliefert wird, musste ich mit dem Taxi zur Schule fahren. Von unserer Wohnung aus zahlt man fünf Dollar und Fahrt dauert ca. zwanzig Minuten. Unsere Wohngegend ist offenbar selbst für Taxifahrer so abgelegen, dass der Dispatcher der Taxi-Kooperative stets nachfragen muss, wo genau wir zu finden wären. Nach dem dritten oder vierten Mal konnte meine Frau nicht mehr an sich halten und machte dem Mann wortreich Vorwürfe, dass man immer noch nicht wüsste, wohin man das Taxi beordern solle. Ich glaube, die Tirade half, denn heute kam das Taxi auch ohne umständliches Nachfragen. Wenn ich mir in der Schule ein Taxi bestellen lasse, geben sie immer meinen Vornamen an, denn gewöhnliche deutsche Nachnamen sind für ecuadorianische Zungen einfach unmöglich korrekt auszusprechen. Ich bin dann Señor Henry (ausgesprochen je nach Gusto entweder Chenry mit hartem „Ch“ oder Enry, denn die spanische Sprache kennt kein „H“).

Ich hatte noch ein paar Besorgungen zu machen – unter anderem wollte ich ein Fitness-Studio testen – und bin deshalb mit dem Bus nach Tumbaco gefahren. Ich fand das Studio übermäßig teuer, aber zumindest hatte ich ein Probetraining frei. Zufällig lief mir der Besitzer über den Weg. Ich merkte schnell, das er ein Landsmann war und wir kamen ins Gespräch. Er erzählte, dass er seit vier Jahren im Lande sei. Mit seiner Frau zusammen hätte er das Studio aufgebaut, aber sie überlegten, ob sie nicht alles wieder verkauften und nach Europa zurück gingen. Die Mentalität der Leute hierzulande sei furchtbar. Die Ecuadorianer hätten keinen Respekt vor fremdem Eigentum und alles werde mutwillig zerstört. Wie zum Beweis zeigte er auf die Matten, mit denen er sein Studio erst kürzlich ausgelegt hätte, wie er meinte – sie waren schon über und über zerschlissen und sahen aus, als würden sie seit Jahren genutzt. Er war darüber erbost, dass jeder um kleinste Dollarbeträge feilsche. Er habe es so satt. Es gäbe einfach keine Kultur in diesem Land, auch keine Esskultur. Man hätte sich ein Grundstück am Pazifik gekauft und habe vor, ein Haus zu bauen – doch wozu? Es lohne ja doch nicht. Man wolle hier nicht bleiben. Man werde alles verkaufen und in Europa einen neuen Start versuchen. Ich wünsche ihm viel Glück.

Von Tumbaco aus wollte ich ein Taxi zur Schule nehmen. Ich postierte mich gut sichtbar am Taxistand vor der größten Shopping-Mall im Ort und war guter Hoffnung, dass ich in kürzester Zeit ein Taxi finden würde. Aber es dauerte geschlagene zwanzig Minuten bis überhaupt eines auftauchte. Ich nannte dem Fahrer mein Ziel, aber er entgegnete mir nur, dass er von einer British School noch nie gehört habe. Die British School ist eine der teuersten und exklusivsten Schulen des Landes und jeder in der Gegend kennt sie, Taxifahrer oder nicht. Ich muss annehmen, der Mann wollte mich nicht fahren. Doch schon wenige Minuten später tauchte ein zweites Taxi auf und diesmal hatte ich mehr Glück.

Als ich ankam, waren die meisten Eltern schon da, um ihre Kinder abzuholen. Eine Seitenstraße direkt an der Mauer, die das Gelände der Schule begrenzt, ist fürs Parken reserviert und dort standen nun die Wagen der Eltern. Die Phalanx der parkenden Autos gab einen deutlichen Hinweis auf den Wohlstand, der sich an diesem Ort sammelt: Sämtliche Fahrzeuge der Marke Chevy sowie diverser ostasiatischer Hersteller waren deutlich übermotorisiert, viele hatten Allradantrieb. Die SUVs waren eindeutig in der Überzahl. Manche der Autos waren so geräumig, dass man eine ganze Fußballmannschaft damit transportieren könnte, dennoch saßen meist nur zwei Personen darin. Wenn man diese Flotte aus geländegängigen Fahrzeugen so sah, hätte man glauben können, es gäbe in diesem Land keine einzige asphaltierte Straße.

Pünktlich um 15:20 Uhr öffnete die Schule ihre Pforten und die Kinder strömten befreit hinaus. Es dauerte gerade einmal fünf Minuten, dann hatten sich mehrere Dutzend Fahrzeuge in den Verkehr gequetscht und die Parkstraße war wieder leer. Während sie abfuhren, konnte man bei manchen der Autos auf der Heckscheibe einen Hinweis auf die Herkunft der Insassen erkennen: Man sah amerikanische, britische oder australische Fahnen. Es schien, als wollte man jedermann gut sichtbar kundtun, wer man ist. Ich hatte den Eindruck, die Insassen säßen gut geschützt in ihren stählernen Festungen, in denen sie nach Hause, zu ihren bewachten Wohnanlagen rollten.

Am nächsten Tag brachte ich meinen Sohn wieder mit dem Taxi zur Schule. Auf halbem Weg setzten wir meine Frau an ihrem Arbeitsplatz, dem Colegio Alemán ab. Viele der Schüler trugen die „Retro“-Schuluniform anno ’54, einige aber nur das weiße Shirt mit dem Adler auf der Brust, was mich ungewollt an die preußische Turnerriege aus Wilheminischer Zeit denken ließ. An der British School gab ich meinen Sohn ab und fuhr dann wieder mit demselben Taxi nach Hause. An der Pforte zu unserer Wohnanlage angekommen, merkte ich jedoch, dass ich nicht ins Hause kommen würde: Die Haushälterin hatte die Eingangstür zur Anlage aus mir unbekannten Gründen von innen mit einem dicken Vorhängeschloss gesichert, obwohl die Tür bereits über ein gutes Schloss verfügt. Ich habe zwar einen Schlüssel für das Vorhängeschloss, doch um es zu öffnen, hätte ich irgendwie auf die andere Seite der Tür gelangen müssen und dort hätte ich den Schlüssel nicht mehr gebraucht, da ich ja schon drin wäre. Ich hätte freilich auch über die Parkanlage ins Haus gelangen können; dazu wäre nur der Türöffner nötig gewesen, den aber meine Frau mit in die Schule genommen hatte. An manchen Tagen läuft wirklich alles perfekt!

Ich wartete einige Zeit vor der Tür, weil ich hoffte, jemand würde das Haus verlassen, aber es kam niemand. Keine Menschenseele war zu sehen, obwohl Autos im Parkdeck standen. Einfach zu klingeln und zu fragen, ob man mir öffnete, wäre kaum möglich gewesen, da man es hierzulande als klüger erachtet, niemandem zu öffnen, den man nicht kennt oder der sich nicht angekündigt hat. Wohl oder Übel musste ich mir wieder ein Taxi nehmen, zur Schule meiner Frau fahren und mir von ihr den Türöffner für die Parketage geben lassen. So kann man schon mal einen Morgen sinnvoll verstreichen lassen.

[Anmerkung des Autors: Ich habe diesen Artikel noch einmal gepostet, diesmal auch mit Bildern von der British School. Am allerletzten Schultag wollte man mir (allerdings nur unter dem strengen Blick des Wachpersonals) schließlich erlauben, auch ein paar Aufnahmen von der Schule zu machen, die unser Sohn ein Jahr lang besucht hat. Für gewöhnlich ist das Fotografieren aus Sicherheitsgründen streng untersagt, aber da ich so nett darum bat, machte man eine Ausnahme. Zum Re-Post geht es hier.]