The British School Quito

Ein Schuljahr ist schnell vergangen und gestern war der letzte Schultag in der British School Quito – Grund genug, einen alten Artikel noch einmal zu posten (Hier geht´s zum ursprünglichen Artikel). Ich habe von der Verwaltung die Erlaubnis erhalten, Fotoaufnahmen zu machen, und so sieht man auch einmal, wie es in einer britischen Auslandsschule eigentlich aussieht. Ich hoffe, nach dem Ausscheiden des Königreichs aus der Europäischen Union war dies nicht die letzte Möglichkeit, ein Stück Großbritannien hautnah zu erleben. Wir werden diesen tropischen Außenposten britischer Lebensart sehr vermissen. Thank you Mr. Bloy.

Wir haben uns nun doch dagegen entschieden, unseren Sohn auf das Colegio Alemán zu schicken. Die Deutsche Schule ist eine der besten Schulen überhaupt und an der Qualität der Lehrer und des Unterrichts gibt es keinen Zweifel. Das Colegio Alemán genießt weit über die Landesgrenzen hinaus einen exzellenten Ruf und eigentlich gibt es keinen Grund – von den Gebühren einmal abgesehen –, warum man seine Kinder nicht auf diese Schule schicken sollte.

Unser Sohn wuchs dreisprachig auf, und zwar mit Deutsch, Spanisch und Englisch. Wir verbrachten einige Jahre in den USA und dort ging unser Sohn auch in den Kindergarten. Später in Deutschland besuchte er von Anfang an die Amerikanische Schule. Dadurch, dass er in Amerika aufgewachsen ist und seither viel Zeit in einem englischsprachigen Umfeld verbracht hat, verfügt er im Englischen über ein Niveau, das dem eines Muttersprachlers entspricht. Wir wollten, dass er zumindest im ersten Jahr viel Englisch spricht, damit seine Fähigkeiten erhalten bleiben.

Die British School Quito genießt, ähnlich wie die Deutsche Schule, einen sehr guten Ruf. Aber dafür ist sie auch eine der teuersten Privatschulen im Lande. Wer schon einmal eine Rechnung in Händen gehalten hat, kann guten Gewissens behaupten, dass er den wahren Wert von Bildung kennt: Wie man hört, beträgt die monatliche Gebühr um die achthundert Dollar. Hinzu kommt noch eine einmalige Einschreibegebühr von sechshundert Dollar sowie der Beitrag für Lunch, der sich auf gut einhundert Dollar pro Monat beläuft. Aber immerhin ist eine gute Bildung auch etwas wert und wen interessiert schon schnöder Mammon, wenn er die höchsten Weihen der Weisheit erwerben kann.

Verglichen mit ihrem deutschen Pendant ist die British School deutlich kleiner: Zählt die Deutsche Schule ca. zweitausend Schüler, so sind es in der British School gerade einmal dreihundert. Das Gelände der Schule liegt auch nicht in Cumbayá, sondern etwas außerhalb von Tumbaco (das ist die Gemeinde weiter östlich von Cumbayá). Von Cumbayá aus kann man sie mit dem Auto in etwa zwanzig Minuten erreichen, vorausgesetzt, es gibt keinen Stau, was morgens zu bestimmten Zeiten aber leider immer der Fall ist.

Das Gelände der Schule befindet sich in einer dem Anschein nach relativ ärmlichen Gegend und wie alle Schulen in Ecuador ist sie gegen die Nachbarschaft mit Mauern und Zäunen gesichert. Ein Sicherheitsdienst bewacht das gesamte Gelände und kontrolliert den Zugang. Außerhalb der offiziellen Besuchszeiten am Morgen und nach Schulschluss muss der Besucher, wie schon in der Deutschen Schule, seinen Ausweis abgeben und bekommt im Tausch dafür eine Besucherkarte. Ich habe mich ein wenig über den Wachschutz gewundert, denn auf den Schutzwesten der Mitarbeiter prangt groß der Davidsstern und darüber ist der Schriftzug „Sefardi“ zu lesen. Wenn man das Gelände betreten möchte, kommt es einem so vor, als passiere man einen israelischen Checkpoint. Ganz im Gegensatz zu ihrem martialischen Auftreten, sind die Leute aber sehr nett und hilfsbereit.

Bei der British School sieht man, dass der Zahn der Zeit schon ein wenig an der Substanz genagt hat. Zwar sind alle Gebäude gut in Schuss und zwar kümmert sich auch hier ein Heer von Bediensteten darum, dass alles so bleibt, doch man empfindet deutlich, dass einige Bereiche einer Generalüberholung bedürften. Der Principal, der es sich nicht nehmen lässt, uns persönlich herumzuführen, erklärt, dass Vieles in den nächsten zwei Jahren von Grund auf renoviert werden soll. Zu wünschen wäre es, denn die Schule macht einen sehr sympathischen Eindruck: In der Mitte des Geländes thront das Hauptgebäude mit dem Sekretariat, den Büros und der Cafeteria. Darum herum gruppieren sich die einzelnen Klassenräume, die in Bungalows untergebracht sind. Die Gebäude vermittelten mir doch stark den Eindruck einer Missionsschule, wie die Briten sie in vielen Teilen ihres ehemals weit gespannten Empires errichteten. Doch als man uns ins Innere führte, sahen wir, dass sie eingerichtet sind, wie es sich für moderne Klassenräume gehört, und dass es an nichts fehlt.

Wie in „Harry Potter“ werden die Schüler einzelnen Häusern zugeteilt und zuweilen kommt es vor, dass die Fiktion gar nicht so weit von der Wirklichkeit entfernt ist: Jedes dieser Häuser hat einen eigenen Namen und eine eigene Farbe. Mein Sohn kam zum Haus „Cayambe“ (nicht der sprechende Hut übernahm die Zuteilung, sondern eine Angestellte der Schule). Alle Häuser sind nach Vulkanen benannt und mit den Farben der ecuadorianischen Trikolore (blau, rot, gelb) ausgezeichnet. Cayambe ist gelb (oder Gold, wie auch „Gryffindor“, das Haus, dem Harry Potter angehört). Mein Sohn hat die Harry-Potter-Romane alle gelesen und musste schmunzeln, als ich ihn darauf aufmerksam machte.

Es war der erste Schultag und die Schüler waren in ihren Schuluniformen im Hof angetreten. Ich hatte tatsächlich einen Augenblick lang den Eindruck, ich befände mich im Mutterland England (oder in Hogwarts), als ich die Schüler in ihrer gebügelten Schulkleidung, die Mädchen in Rock und alle mit Krawatte dastehen sah. Das männliche Lehrpersonal trug übrigens ausnahmslos Anzug und die weiblichen Angestellten wirkten auf mich allesamt sehr gut gekleidet. Wüsste man nicht, dass es sich um Lehrer handelt, hätte man sie auch für Banker oder Angestellte in Führungspositionen in einer großen Firma halten können. Manche der Männer trugen dazu noch einen Panama-Hut, was sie sehr britisch wirken ließ. Allerdings sind es weniger die Äußerlichkeiten, die einen die „Britishness“ des Ortes empfinden lassen, sondern vielmehr die ganz besondere Art, wie man als Fremder aufgenommen wird. Alle sind so ausnehmend freundlich und so hilfsbereit, dass man sich sofort wohlfühlt. Ich habe das Gelände der Schule noch nie zuvor betreten, aber jedermann, dem ich begegne, gibt mir das Gefühl, als gehörte ich schon eine Ewigkeit dazu. Der Umgang ist so leger wie in einem exklusiven Tennis- oder Golfklub und sämtliche Klischees, die man immer gern über britische Höflichkeit bemüht, werden erfüllt. Dabei ist immer ein gewisses Understatement zu spüren – auch das sieht man als typisch britisch an; niemals würde man damit protzen, wer man ist, obgleich man durchaus Grund dazu hätte. Das alles macht es sehr angenehm und augenblicklich kamen mir viele schöne Erinnerungen an meine Reisen nach England ins Gedächtnis.

In der British School wird Schulkleidung getragen – für die meisten Schüler sicher ein handfester Grund, sich dem Wunsch der Eltern zu verweigern und lieber eine andere Schule zu besuchen, auf der keine Schulkleidung vorgeschrieben ist. Nur würde man es damit auch nicht besser treffen, jedenfalls ist mir keine Privatschule bekannt, an der keine einheitliche Kleidung getragen wird, und Ausländer wie Ecuadorianer, die es sich leisten können, schicken ihre Kinder der besseren Bildungschancen wegen nur zu gern dorthin. Wenn man nach Schulschluss durch die Stadt fährt, sieht man die verschiedenfarbigen Uniformen der Schulen: blau, braun, grün. An der Deutschen Schule trägt man übrigens graue Hose, weißes Shirt mit dem Schullogo darauf und, wer will, darf sich eine grüne Jacke überziehen (auf dem Herzen prangt das Emblem der Schule). Die Jacken und die dazu passenden Hosen erinnern sehr an die Trainingsanzüge der deutschen Fußballnationalmannschaft anno 1954. Das sind nicht die coolen Sachen, in denen man als Dreizehn-, Vierzehnjähriger gesehen werden möchte. In Deutschland würde man ganz sicher Sticheleien über sich ergehen lassen müssen, doch hierzulande ist es eher eine Auszeichnung, diese Kleidung tragen zu dürfen. Der einzige Trost ist, dass alle anderen genauso aussehen – kein Grund also, sich zu schämen. In einem Land wie Ecuador ist es nur einer kleinen Elite vergönnt, die Kinder auf teure Privatschulen zu schicken, so dass die Schüler dieser Schulen von Gleichaltrigen wohl eher beneidet werden, als dass man über sie lacht.

Für Jungs besteht die Uniform der British School aus weißem Hemd, gelber Krawatte (Haus Cayambe), blauem Blazer mit roten Streifen, grauer Hose und schwarzen Schuhen. In der Ventura-Mall, das ist eine Shopping-Mall in Tumbaco, unterhält die British School einen eigenen Uniform-Shop. Zwar besuchen die Einrichtung nur dreihundert Schüler, doch muss sich jeder mit einer Schuluniform eindecken. Die einfache Garnitur kostet schon über zweihundert Dollar, dabei sind die Schuhe, die hier in Ecuador extrem teuer sind, noch gar nicht mit eingerechnet. Darüber hinaus ist es ratsam, gleich mehrere Garnituren zu kaufen, denn schließlich verschmutzt ja auch mal etwas. Wer nur auf die Idee gekommen ist, Schüler in weiße Hemden zu strecken! Leider waren Hosen in der entsprechenden Größe und gelbe Krawatten (Haus Cayambe) nicht mehr verfügbar, so dass wir am Samstag erst zur Fabrik nach Quito fahren müssen, um die fehlenden Kleidungsstücke dort direkt zu kaufen. Wir haben immer noch kein Auto und der vermeintlich kurze Trip wird wahrscheinlich wieder zur Weltreise ausarten. Ich sehe mich nach der Rückkehr am Abend schon wieder vollkommen erschöpft auf der Couch liegen.

Am ersten Schultag holte ich meinen Sohn von der Schule ab. Da wir immer noch kein Auto haben und es in den Sternen steht, wann es geliefert wird, musste ich mit dem Taxi zur Schule fahren. Von unserer Wohnung aus zahlt man fünf Dollar und die Fahrt dauert ca. zwanzig Minuten. Unsere Wohngegend ist offenbar selbst für Taxifahrer so abgelegen, dass der Dispatcher der Taxi-Kooperative stets nachfragen muss, wo genau wir zu finden wären. Nach dem dritten oder vierten Mal konnte meine Frau nicht mehr an sich halten und machte dem Mann wortreich Vorwürfe, dass man immer noch nicht wüsste, wohin man das Taxi beordern solle. Ich glaube, die Tirade half, denn heute kam das Taxi auch ohne umständliches Nachfragen. Wenn ich mir in der Schule ein Taxi bestellen lasse, geben sie immer meinen Vornamen an, denn gewöhnliche deutsche Nachnamen sind für ecuadorianische Zungen einfach unmöglich korrekt auszusprechen. Ich bin dann Señor Henry (ausgesprochen je nach Gusto entweder Chenry mit hartem „Ch“ oder Enry, denn die spanische Sprache kennt kein „H“).

Ich hatte noch ein paar Besorgungen zu machen – unter anderem wollte ich ein Fitness-Studio testen – und bin deshalb mit dem Bus nach Tumbaco gefahren. Ich fand das Studio übermäßig teuer, aber zumindest hatte ich ein Probetraining frei. Zufällig lief mir der Besitzer über den Weg. Ich merkte schnell, das er ein Landsmann war und wir kamen ins Gespräch. Er erzählte, dass er seit vier Jahren im Lande sei. Mit seiner Frau zusammen hätte er das Studio aufgebaut, aber sie überlegten, ob sie nicht alles wieder verkauften und nach Europa zurück gingen. Die Mentalität der Leute hierzulande sei furchtbar. Die Ecuadorianer hätten keinen Respekt vor fremdem Eigentum und alles werde mutwillig zerstört. Wie zum Beweis zeigte er auf die Matten, mit denen er sein Studio erst kürzlich ausgelegt hätte, wie er meinte – sie waren schon über und über zerschlissen und sahen aus, als würden sie seit Jahren genutzt. Er war darüber erbost, dass jeder um kleinste Dollarbeträge feilsche. Er habe es so satt. Es gäbe einfach keine Kultur in diesem Land, auch keine Esskultur. Man hätte sich ein Grundstück am Pazifik gekauft und habe vor, ein Haus zu bauen – doch wozu? Es lohne ja doch nicht. Man wolle hier nicht bleiben. Man werde alles verkaufen und in Europa einen neuen Start versuchen. Ich wünsche ihm viel Glück.

Von Tumbaco aus wollte ich ein Taxi zur Schule nehmen. Ich postierte mich gut sichtbar am Taxistand vor der größten Shopping-Mall im Ort und war guter Hoffnung, dass ich in kürzester Zeit ein Taxi finden würde. Aber es dauerte geschlagene zwanzig Minuten bis überhaupt eines auftauchte. Ich nannte dem Fahrer mein Ziel, aber er entgegnete mir nur, dass er von einer British School noch nie gehört habe. Die British School ist eine der teuersten und exklusivsten Schulen des Landes und jeder in der Gegend kennt sie, Taxifahrer oder nicht. Ich muss annehmen, der Mann wollte mich nicht fahren. Doch schon wenige Minuten später tauchte ein zweites Taxi auf und diesmal hatte ich mehr Glück.

Als ich ankam, waren die meisten Eltern schon da, um ihre Kinder abzuholen. Eine Seitenstraße direkt an der Mauer, die das Gelände der Schule begrenzt, ist fürs Parken reserviert und dort standen nun die Wagen der Eltern. Die Phalanx der parkenden Autos gab einen deutlichen Hinweis auf den Wohlstand, der sich an diesem Ort sammelt: Sämtliche Fahrzeuge der Marke Chevy sowie diverser ostasiatischer Hersteller waren deutlich übermotorisiert, viele hatten Allradantrieb. Die SUVs waren eindeutig in der Überzahl. Manche der Autos waren so geräumig, dass man eine ganze Fußballmannschaft damit transportieren könnte, dennoch saßen meist nur zwei Personen darin. Wenn man diese Flotte aus geländegängigen Fahrzeugen so sah, hätte man glauben können, es gäbe in diesem Land keine einzige asphaltierte Straße.

Pünktlich um 15:20 Uhr öffnete die Schule ihre Pforten und die Kinder strömten befreit hinaus. Es dauerte gerade einmal fünf Minuten, dann hatten sich mehrere Dutzend Fahrzeuge in den Verkehr gequetscht und die Parkstraße war wieder leer. Während sie abfuhren, konnte man bei manchen der Autos auf der Heckscheibe einen Hinweis auf die Herkunft der Insassen erkennen: Man sah amerikanische, britische oder australische Fahnen. Es schien, als wollte man jedermann gut sichtbar kundtun, wer man ist. Ich hatte den Eindruck, die Insassen säßen gut geschützt in ihren stählernen Festungen, in denen sie nach Hause, zu ihren bewachten Wohnanlagen rollten.

Am nächsten Tag brachte ich meinen Sohn wieder mit dem Taxi zur Schule. Auf halbem Weg setzten wir meine Frau an ihrem Arbeitsplatz, dem Colegio Alemán ab. Viele der Schüler trugen die „Retro“-Schuluniform anno ’54, einige aber nur das weiße Shirt mit dem Adler auf der Brust, was mich ungewollt an die preußische Turnerriege aus Wilheminischer Zeit denken ließ. An der British School gab ich meinen Sohn ab und fuhr dann wieder mit demselben Taxi nach Hause. An der Pforte zu unserer Wohnanlage angekommen, merkte ich jedoch, dass ich nicht ins Hause kommen würde: Die Haushälterin hatte die Eingangstür zur Anlage aus mir unbekannten Gründen von innen mit einem dicken Vorhängeschloss gesichert, obwohl die Tür bereits über ein gutes Schloss verfügt. Ich habe zwar einen Schlüssel für das Vorhängeschloss, doch um es zu öffnen, hätte ich irgendwie auf die andere Seite der Tür gelangen müssen und dort hätte ich den Schlüssel nicht mehr gebraucht, da ich ja schon drin wäre. Ich hätte freilich auch über die Parkanlage ins Haus gelangen können; dazu wäre nur der Türöffner nötig gewesen, den aber meine Frau mit in die Schule genommen hatte. An manchen Tagen läuft wirklich alles perfekt!

Ich wartete einige Zeit vor der Tür, weil ich hoffte, jemand würde das Haus verlassen, aber es kam niemand. Keine Menschenseele war zu sehen, obwohl Autos im Parkdeck standen. Einfach zu klingeln und zu fragen, ob man mir öffnete, wäre kaum möglich gewesen, da man es hierzulande als klüger erachtet, niemandem zu öffnen, den man nicht kennt oder der sich nicht angekündigt hat. Wohl oder Übel musste ich mir wieder ein Taxi nehmen, zur Schule meiner Frau fahren und mir von ihr den Türöffner für die Parketage geben lassen. So kann man schon mal einen Morgen sinnvoll verstreichen lassen.

Das Auto

Unser“ Auto ist eigentlich nicht ganz richtig, denn technisch gesehen gehört der Wagen der Bank, über die wir den Kauf finanziert haben. In Deutschland ist der Kauf eines neuen Autos eine Routineangelegenheit, denn schließlich wollen die Autohersteller ihre Produkte unters Volk bringen und jeder, der noch ganz bei Trost ist, würde sich kaum auf ein Geschäft einlassen, bei dem er siebentausend Dollar Anzahlung und monatliche Raten von fast tausend Dollar zu leisten hätte. Aber hier sind das die gewöhnlichen Konditionen und die Leute kennen es auch gar nicht anders.

Autokauf

In Ecuador hat man keine Wahl, denn ein Gebrauchtwagen ist oft noch teurer als ein neues Auto. Zudem beschlich uns das Gefühl, dass der Händler, der inmitten seiner Autos saß wie eine Spinne im Netz, ganz entschieden versuchte, uns über den Tisch zu ziehen. Aber welcher Autohändler würde das nicht versuchen, wenn zwei arglose Fliegen – Pardon – Kunden in seinen Salon spaziert kämen.

Ein Neuwagen erschien uns immer noch als die beste Option. Kein Auto zu haben, wäre zwar auch möglich, aber wenn wir schon einmal hier waren, wollten wir auch etwas vom Lande sehen. Um an manche der Ort zu gelangen, die wir besucht haben, hätte man schon fast ein Abenteurer sein müssen. Ich bin aber eher der Sofa-Abenteurer und eine Expedition ins Unbekannte stößt für mich dort an Grenzen, wo man zu beschwerlichen Busreisen und stundenlangen Fußmärschen gezwungen ist. Darüber hinaus bin ich der Meinung, so ein Abenteuertrip sollte immer in einem gemütlichen Café enden.

Es hatte Wochen gedauert, bis wir schließlich eine Bank fanden, die sich nach den üblichen inquisitorischen Erkundigungen, wie es um unsere Solvenz bestellt sei, bereit erklärte, die Finanzierung zu übernehmen. Von den Konditionen muss man nicht reden – in Deutschland wäre man da lieber gleich Fußgänger geblieben oder hätte das Geldinstitut wegen sittenwidriger Kreditgeschäfte angezeigt, hier aber ist solcher Wucher die Norm und die Leute sind so abgestumpft, dass sie sich darüber auch gar nicht mehr aufregen.

Nach wochenlangem Bangen, nach zähen Verhandlungen und unzähligen gewonnenen Schlachten im Papierkrieg wurde uns die Finanzierung schließlich gewährt – wie gesagt, Wucher wäre eine angemessenere Bezeichnung. Nach allem, was wir an bürokratischem Ungemach hatten erdulden müssen, um den Wagen endlich zu bekommen, glaubten wir tatsächlich, es wäre ein Leichtes, ihn wieder zu verkaufen. Wir hätten uns niemals vorstellen können, welch enormen Kraftakt es bedeuten würde, das Auto wieder loszuwerden.

Hindernisse beim Versuch, ein Auto zu verkaufen

Zuerst versuchten wir die traditionelle Methode: Man klebt einen Zettel an die Scheibe mit der Aufschrift „Se vende“ (zu verkaufen) mit einer Telefonnummer darunter. Mit ein wenig Glück hat man den Wagen in ein paar Tagen verkauft, so glaubten wir zumindest. Tatsächlich meldeten sich schon bald Interessenten, doch sobald sie hörten, dass das Auto eigentlich der Bank gehöre, wurden sie plötzlich merkwürdig still, verdächtig still. Die Floskel, mit der das Gespräch dann üblicherweise beendet wurde, lautete: „Ich melde mich wieder“. Es muss nicht weiter ausgeführt werden, dass dieses Versprechen nie eingelöst wurde.

Als ein nicht unerhebliches Hindernis beim Versuch, das Auto zu verkaufen, stellte sich die Tatsache heraus, dass der Wagen über eine Automatik verfügt. Hierzulande fährt man in der Regel mit der traditionellen Schaltung und Automatik wird schon deshalb nicht gern angenommen, weil sie nur mit Aufpreis zu beziehen ist. Hinzu kommt, dass viele Leute nur unzureichend informiert sind: Nicht wenige glauben allen Ernstes, dass die Automatik, wie uns ein Interessent weiszumachen versuchte, dem Getriebe ernstlich schade. Viel eher sind da wohl Schäden durch unsachgemäßes Schalten zu befürchten. Wenn man den Leuten als Erwiderung eröffnet, dass man in den USA im Grunde nichts anderes als Automatik fahre, erntet man einen Blick, als hätte man nicht alle Tassen im Schrank. Nicht nur manchmal kommt man sich vor, als sei man hinter dem Mond gelandet.

Einmal unternahmen wir eine Reise – hin und wieder soll es dabei vorkommen, dass man die heimatlichen Gefilde weit hinter sich lässt. Man riet uns, die Verkaufsanzeige lieber vom Auto zu entfernen. Sie sei nur eine Einladung für Diebe. Denn am Nummernschild kann man erkennen, aus welcher Provinz ein Fahrzeug stammt. Ein „P“ steht für Pichincha; das ist die Provinz rund um Quito. Anderswo könnten gewisse Kreise ein Nummernschild aus einer weit entfernten Provinz als Einladung zu Geschäften ganz anderer Art verstehen. Wir waren keineswegs erpicht auf eine „unvergessliche“ Begegnung der besonderen Art und entfernten die Anzeige.

Ein Inserat wird aufgegeben

Wir mussten einsehen, so kamen wir nicht weiter. Wir beschlossen daher, es bei einem professionellen Portal mit einer Annonce zu versuchen. Aus irgendeinem Grund, der sich – wie so viele Gründe hier im Lande – auf mysteriöse Weise der Kenntnis selbst der klügsten Köpfe entzieht, war es nicht möglich, die Anzeige online aufzugeben. Das war wirklich bedauerlich, denn nun waren wir gezwungen, den weiten Weg nach Quito und durch Quito in Kauf zu nehmen. Ich fahre nicht gern in der Hauptstadt, denn zum einen kenne ich mich nicht aus und zum anderen sind die Straßen immer verstopft. Ständig steht man im Stau und nirgendwo findet man einen Parkplatz. Selbst eine Fahrt um den Block ist manchmal schon eine Tortur. Ich fahre eigentlich nur nach Quito, wenn es sich gar nicht vermeiden lässt und diesmal war dies der Fall.

Aber wir hatten Glück, denn wir fanden das Büro des Anzeigenportals fast auf Anhieb und in der Nähe gab es sogar noch freie Parkplätze. Obwohl es sich um eine Plattform für Gebrauchtwagen handelt, heißt das Portal merkwürdigerweise „Patio tuerca“ (Patio – Hof, Tuerca – Schraubenmutter). Selbstverständlich wurden wir an der Tür von einem Wachmann in Empfang genommen, der wie zum Kampfeinsatz an der Front gerüstet war. Die Mitglieder eines erprobten Antiterror-Kommandos hätten kaum martialischer aussehen können. Nachdem man unsere Personalien festgestellt hatte, wurden wir durch die Sicherheitsschleuse dirigiert. Im Gebäude erwartete uns ein kleiner Warteraum mit bequemen Sofas. Der Publikumsverkehr hielt sich in Grenzen und so dauerte es auch gar nicht lange, bis wir an einen freien Mitarbeiter verwiesen wurden.

Der Raum, den wir nun betraten, erinnerte an ein Callcenter: An etwa einem Dutzend Computertischen hockten überwiegend junge Männer mit Headset. Wie es schien, waren sie schwer beschäftigt – sie sprachen in ihre Headsets, tippten Daten ein, nahmen Recherchen vor, berieten und plauderten auch manchmal mit den Kunden am anderen Ende der Leitung. Wenn man gerade einmal nichts zu tun hatte – was jedoch nur selten vorkam –, schwätzte man mit den Kollegen. Dem Anschein nach waren die meisten kaum älter als Anfang Zwanzig. Es gab auch ein paar junge Frauen unter den Angestellten, doch die übergroße Mehrheit waren Männer und alle waren jung.

Jetzt wurde mir auch klar, warum man solch scharfe Sicherheitsmaßnahmen getroffen hatte: Dies war nicht der einzige Raum mit Computern darin, sondern das ganze Haus war vom Erdgeschoss bis unters Dach mit Technik vollgestopft. Die Rechner in diesem Raum wirkten nagelneu und sicher belief sich der Wert der elektronischen Ausstattung im ganzen Gebäude auf einige Hunderttausend Dollar. Nichts, was irgendeinen Wert hat – und sei er noch so gering –, darf man hierzulande unbeaufsichtigt lassen. Selbst die Klodeckel in den öffentlichen Toiletten werden abgeschraubt, denn findigen „Unternehmern“ versprechen sie ein gutes Geschäft. Was für ein Geschäft das allerdings sein soll, bleibt mir ein Rätsel.

Mir bleibt ebenfalls ein Rätsel, warum wir die Anzeige nicht online aufgeben konnten. Ich finde es ja schön, wenn ein Dienstleister den persönlichen Kontakt zu seinen Kunden sucht, aber in den Räumlichkeiten von „Patio tuerca“ durften wir uns davon überzeugen, dass man ein Inserat selbstverständlich online aufgeben kann. Warum sollte man sich die Mühe machen, ein Callcenter auf dem neuesten Stand der Technik zu unterhalten, wenn ein potentieller Inserent am Ende doch persönlich erscheinen muss?

Dieses Land steckt voller Rätsel und bei nicht wenigen davon scheint es sich um Mysterien zu handeln, die sich auf ewig einer vernünftigen Erklärung verschließen, genau wie die Trinität oder die Wiederauferstehung im Fleische oder die jungfräuliche Geburt. Der Geist der Aufklärung hat einen viel zu sehr daran gewöhnt, dass es auf jede Frage eine Antwort gibt – wenn schon nicht in der Realität, dann ganz sicher in der Theorie. Hier ist das nicht so und es gibt Fragen, die ohne Antwort bleiben, weil es keine Antwort gibt (manche Fragen stellt man darum lieber gar nicht erst). Genau an dieser Stelle, so scheint mir, verläuft die Demarkationslinie zwischen Vernunft und Irrationalität. Was der Verstand aber nicht fassen kann, das muss man glauben. Vielleicht sind deshalb die Kirchen in diesem Land immer voll.

Der junge Mann, der unsere Anzeige aufnahm, war so überaus freundlich und zuvorkommend, dass es mir fast schon verdächtig vorkam. Aber vielleicht war es einfach nur seine Art, freundlich zu sein, während er uns durch den Fragenkatalog lotste, der so dick wie das Telefonbuch von Quito zu sein schien. Meist handelte es sich um technische Details zu Motor, Getriebe oder Fahrwerk. Ich musste fast immer passen – ich bin Autofahrer, kein Kfz-Meister. Doch den Mitarbeiter des Anzeigenportals bekümmerte dies keineswegs und wo wir versagten, da nahm er eben den Eintrag an unserer Statt vor. Geduldig führte er uns durch den Katalog.

Wir brauchten fast eine Stunde, um die Anzeige aufzugeben und zu diesem Zeitpunkt waren wir schon fast davon überzeugt, es wäre die richtige Entscheidung gewesen, persönlich vorbeizukommen. Ich glaube, angesichts so vieler Fragen, auf die ich keine Antwort wusste, hätte ich Stunden vor dem Online-Formular gesessen und am Ende wäre meine Anfrage doch unbeantwortet geblieben, weil ich unverzichtbare Felder nicht hatte ausfüllen können.

Während ich so dasaß und meinen Blick über die Computertische und die Köpfe der vielbeschäftigten Mitarbeiter schweifen ließ, geriet plötzlich eine Wand mit dem Logo von „Patio tuerca“ in mein Blickfeld. Das Logo ist ein stilisiertes Lenkrad, welches an drei Stellen durchbrochen ist, als wäre es dort zerschnitten worden. Die Segmente sind durch geschweifte Bögen mit der Lenksäule verbunden. Das ganze erinnert an einen dreiflügeligen Propeller, dessen Blätter sich durch die Rotation verbogen haben als wären sie aus Gummi. In Comics werden Propeller immer so dargestellt.

Während ich verträumt auf die Wand starrte, wollte mir zunächst durchaus nicht klarwerden, dass es sich um das Logo des Anzeigenportals handelte. Für einen Augenblick hielt ich es tatsächlich für das Zeichen der Arischen Bruderschaft und tatsächlich rätselte es in meinem Hirn, was die Verfechter einer weißen Suprematie ausgerechnet in Ecuador zu suchen hätten. Dann aber las ich den Firmenschriftzug, doch es dauerte immer noch eine ganze Weile, bis mein in Tagträumen gefangener Verstand ihn mit dem Logo in Zusammenhang brachte.

Kaufinteressenten

Nachdem die Anzeige geschaltet war, meldete sich fast jeden Tag ein neuer Interessent, doch sobald wir ihm zu verstehen gaben, dass der Wagen der Bank gehöre, war der Deal geplatzt: Es sei viel zu kompliziert, den Vertrag umzuschreiben und außerdem dauere es viel zu lange. Die meisten wollten das Auto aber sofort mitnehmen. Einer ließ sich dann aber doch auf das Unternehmen ein und meine Frau fuhr mit ihm zur Bank.

Dort erhielt sie eine Abfuhr, die sich gewaschen hat: Die wichtigtuerische Mitarbeiterin des Kreditinstituts, die sich gebärdete, als sei sie die Kaiserin von Kontolandia, erging sich über die Angelegenheit im unerträglichsten Finanz-Fachchinesisch. Weder meiner Frau noch dem Interessenten gelang es herauszubekommen, was sie eigentlich zu sagen versuchte. Nur so viel war am Ende klar: Es würde etwa zwei Monate dauern, den Vertrag umzuschreiben. Es schien sich also keineswegs, wie wir bisher angenommen hatten, um einen simplen Finanzierungsvertrag zu handeln, sondern um ein umfängliches internationales Vertragswerk, zu dessen Änderung erst von höchster Stelle eine Expertenkommission einberufen werden musste. Man kann dem Interessenten nachfühlen, dass er alle Lust verlor, so lange auf sein Auto zu warten.

Leider erwartet man von der Menschheit immer das Höchste und also keineswegs klüger geworden durch eine Erfahrung, von der man wünscht, sie wäre einem erspart geblieben, wiederholte sich das ganze Spiel noch ein weiteres Mal: Wieder war es dieselbe Mitarbeiterin und wieder war der Interessent durch ihre hochherrschaftliche Attitüde derart eingeschüchtert, dass er schleunigst das Weite suchte. Es war sinnlos, auf ein Entgegenkommen des Geldinstituts zu hoffen, da dieses doch schon elementare Kundenfreundlichkeit vermissen ließ.

Wir trafen die Interessenten immer auf dem Parkplatz an der Tankstelle vor unserer Wohnanlage, denn schließlich möchte man die Ware gern in Augenschein nehmen, bevor man sie kauft. Einer gab uns den guten Tipp, wir sollten potentielle Interessenten auf keinen Fall zu einer Probefahrt einladen: Oft dient Kriminellen, die sich als Käufer ausgeben, die Spritztour nur dazu, herauszubekommen, wo der Verkäufer wohnt. Hat man dies in Erfahrung gebracht, kann man das Haus beobachten und so feststellen, wann sich ein Einbruch lohnt – man muss wirklich immer mit allem rechnen und vor allem darf man sich niemals zu sicher fühlen.

Ein anderer Interessent bemängelte, dass das Radio fehle. Wir mussten es ausbauen lassen, weil es seinen Betrieb auf unbestimmte Zeit eingestellt hatte. Derweil blieben wir wochenlang ohne Radio und – was auf Quitos Straßen viel schwerer ins Gewicht fällt – ohne Navi. Dabei fiel der Service unter die Garantieleistungen und es zeugt schon von einem ganz besonderen Verständnis, was Service ist, Kunden eine halbe Ewigkeit auf ein neues Gerät warten zu lassen (erst ein paar Tage, bevor wir das Auto endgültig abgeben sollten, installierte man das neue Radio).

Die Leute sind überaus misstrauisch und sie glauben einem nicht, selbst wenn man noch so sehr beteuert, dass das Auto tatsächlich über ein Navi verfüge, nur dass man es erst wieder einbauen lassen müsse. Der Mann versuchte den Preis zu drücken, indem er dreist behauptete, die Reparatur des Radios würde ihn zusätzliche achthundert Dollar kosten, dabei hatten wir das Gerät doch für gerade einmal zweihundert gekauft. Man hat den Eindruck, hierzulande versucht einen jeder für dumm zu verkaufen. Ständig fühlt man sich über den Tisch gezogen. Argwohn und Wachsamkeit sind einfach notwendig, will man nicht dauernd das Nachsehen haben. Das Misstrauen unter den Menschen ist so allgemein, dass man sich verwundert fragt, wie diese Gesellschaft überhaupt noch funktionieren kann.

Geldtransfer

Von der Bank war also keine Hilfe zu erwarten. Wir gewannen im Gegenteil den Eindruck, man lege uns so viele Steine wie nur möglich in den Weg. Ein anderes Verfahren musste deshalb zum Ziel führen: Der Käufer zahlte uns die Gesamtsumme und wir lösten den Vertrag bei der Bank ab. Die Idee klingt einfach, doch hierzulande kann es ein echtes Problem sein, eine größere Summe auf ein anderes Konto zu transferieren. Alle Geldbeträge über fünftausend Dollar fallen unter das Geldwäschegesetz und die Überweisung einer höheren als der genannten Summe muss zunächst von der Bank geprüft werden. Wird der Transfer für ordnungsgemäß befunden, stellt das Geldinstitut einen sogenannten Cheque certificado (einen zertifizierten Scheck) oder einen Cheque de gerencia (einen durch das Management autorisierten Scheck) aus und die Transaktion kann ihren Lauf nehmen.

Eine Interessentin wollte das Auto wirklich kaufen und tatsächlich brachte sie das Geld auf. Ihre Bank bestätigte die Summe durch einen Cheque certificado. Nun behielt sich aber unsere Bank vor, die Überweisung noch einmal selbst zu prüfen – sicher ist sicher. Diese zusätzliche Überprüfung hätte anderthalb Tage in Anspruch genommen. Die Interessentin war jedoch nicht bereit, diese Zeit abzuwarten. Sie wollte das Auto sofort mitnehmen.

Wir hätten ihrem Wunsch gern entsprochen, wenn sie uns nur eine notariell beglaubigte Erklärung unterschrieben hätte, in der sie bestätigte, dass sie den Wagen tatsächlich erhalten habe. Denn im Falle, dass der Scheck geplatzt wäre – etwa wenn durch die Prüfung Unregelmäßigkeiten offengelegt worden wären –, würde sie zwar das Auto erhalten haben, wir jedoch hätten nicht einen Cent gesehen. Und dann hätte sich ein Drama darum entwickelt, wie wir den Wagen wohl wiederbekommen sollen.

Um solche vermeidbaren Schwierigkeiten auszuschließen, muss man sich absichern. Doch die Frau wollte beides nicht – weder hatte sie vor, eine notarielle Erklärung zu unterschreiben, noch wollte sie die anderthalb Tage abwarten. Das Geschäft platzte. Wahrscheinlich brachte sie uns genauso viel Misstrauen entgegen wie wir ihr. Man kann es ihr nicht verübeln.

Abschied vom Auto

Am Ende gelang es uns dann doch noch, den Wagen zu verkaufen. Alle Hürden wurden erfolgreich genommen und der Käufer wartete sogar noch die anderthalb Tage ab, bis unsere Bank die Überweisung geprüft hatte (er vertraute offenbar darauf, dass wir in dieser Zeit nicht mit dem Auto und seinem Geld auf Nimmerwiedersehen verschwanden). Wir waren froh, dass wir den Wagen endlich loswurden, aber als der Käufer dann in unsere Wohnanlage kam, um das Auto mitzunehmen, war mir schon ein wenig schwer ums Herz.

Ich empfinde dem Auto gegenüber nicht mehr Anhänglichkeit als gegenüber unserem Kühlschrank oder der Sofaecke. Ich bin da eher pragmatisch: Das Auto ist für mich eine Maschine, die es einem erlaubt, bequem von A nach B zu reisen. Und dennoch, wir haben so viele wundervolle Orte besucht und so viele schöne Dinge erlebt und vieles davon wäre nicht möglich gewesen ohne unseren Wagen. Viele Erinnerungen hängen an diesem Auto und nun, da es verkauft ist, habe ich den Eindruck, die Gegenwart wäre um ein Stück ärmer. Fast kommt es mir so vor, als ende ein wichtiger Abschnitt in unserem Leben, und ich tröste mich mit dem Gedanken, dass es nur ein Auto ist, eine Maschine, die es einem erlaubt, von A nach B zu reisen.

Das Auto ist Teil der Geschichte unseres ecuadorianischen Abenteuers. Aber jede Geschichte muss notwendigerweise einmal zu einem Ende kommen, so wie unsere Zeit in Ecuador irgendwann einmal vorüber sein wird.

Simple Dinge

In Ecuador muss man ständig auf Überraschungen gefasst sein, doch handelt es sich in den allermeisten Fällen nicht um die Art unerwarteter Begegnung, die einen veranlassen könnte, beglückt auszurufen: „Ach, ist das schön!“ Meist reibt man sich verdutzt die Augen und fragt sich, ob das, was einem gerade widerfährt, wirklich wahr sein kann.

Meine Frau und ich unterhielten uns einmal über Argentinien: wie schön es doch wäre, irgendwann einmal dorthin zu reisen, einfach um das Land kennenzulernen, es von Buenos Aires bis nach Feuerland, von den Anden bis zum Atlantik zu durchqueren; welch ein großartiges Gefühl es doch sein müsste, in das ganz eigene Flair am Río de la Plata einzutauchen und die vielfältigen Aromen dieser einmaligen kulturellen Melange in sich einzusaugen. Meiner Frau gefiel diese Idee sehr und wie sie so darüber nachsann, meinte sie plötzlich verträumt und nicht ohne Bewunderung, eigentlich vereine Argentinien das Beste aus beiden Welten – Europa und Lateinamerika. Ihr kluger Gedanke forderte mich unweigerlich zu einem Bonmot heraus: Wenn dem so sei, dann vereine Ecuador nur das Schlechteste aus Lateinamerika in sich.

Das war wirklich böse und ich versichere hoch und heilig, ein solches Pauschalurteil entspricht keineswegs der Wahrheit, genauso wenig wie es meine wirkliche Meinung widerspiegelt. Es hat nur gerade so gut gepasst und da meine Frau ihr Land gegen alle Anfeindungen – ganz gleich, ob treffend oder nicht – stets wütend wie eine ecuadorianische Jeanne d’Arc verteidigt, regt sich eben manchmal der Funke eines diabolischen Widerspruchsgeistes in mir. Natürlich entfachte meine Provokation sofort einen Sturm der Entrüstung, der sich jedoch bald wieder legte, da ich meine Entgegnung als das offenbarte, was sie war – als etwas abgeschmackten Witz.

Doch die Empörung hätte heftiger ausfallen können und vor Jahren wäre sie es auch. Ich hatte zufällig einen Nerv getroffen, denn in jeder Übertreibung steckt nun einmal ein Körnchen Wahrheit. Meine Frau sieht natürlich, dass es Dinge in diesem Land gibt, die selbst dem größten Patrioten nicht behagen könnten, und man müsste schon gewaltige Scheuklappen tragen, um alles nur immer wunderbar zu finden. Je länger sie hier lebt, um so deutlicher nimmt sie solche Defizite auch selbst wahr und desto eher ist sie bereit, sich dies auch einzugestehen. Es ist nie ein erhebender Moment, Ideale zerrinnen zu sehen.

Abgesehen von den schlimmsten Tyranneien, gibt es auf der Welt wahrscheinlich kein Land, das man ausschließlich in düsteren Farben malen könnte. Ganz gewiss gehört Ecuador nicht zu diesen Ausnahmen. Selbstverständlich hat dieses Land seine guten Seiten, doch welche Antwort man bekommt, hängt auch davon ab, wen man fragt: Unter den Angehörigen der Oberschicht scheint es jedenfalls zum guten Ton zu gehören, ausnahmslos schlecht über Ecuador zu reden und zwar umso mehr, je höher man auf der Vermögensleiter emporgestiegen ist. Man hat den Eindruck, alles ist besser als das eigene Land, aber das mit Abstand Schlimmste und überhaupt die Wurzel allen Übels sei die derzeitige Regierung, der man nicht weniger als teuflische Böswilligkeit unterstellt.

Aber ich schweife ab. Es sind die kleinen Dinge, die einem die größten Kopfschmerzen bereiten und die einem die meiste Kraft rauben und über die man sich vor allem am meisten ärgert. Das vermeintlich Einfache, das, von dem zumindest in der Theorie angenommen werden darf, man könne es im Handumdrehen erledigen, erweist sich in der Praxis nur allzu oft – viel zu oft – als Herausforderung von geradezu herkulischen Ausmaßen.

Angesichts der fast unüberwindlichen Schwierigkeiten, mit denen man sich unversehens konfrontiert sieht, steht man so manches Mal kurz davor, den Verstand zu verlieren und manchmal wünscht man es sich sogar (oder wie Bernd das Brot es ausdrücken würde: „Kann mich jetzt bitte jemand bewusstlos schlagen!“). Es ist, als entpuppte sich die Montageanleitung für den Seifenhalter am Ende als detaillierte technische Beschreibung, wie man einen Quantencomputer zusammenbaut. Dabei möchte man doch kein Expansionsmodell des Universums berechnen, sondern sucht einfach nur einen Platz für die Seife. Nicht anders erging es uns, als wir versuchten, unser Auto zu verkaufen.

Am Meerschweinchensee

Ecuador ist ein Land der Vulkane. Der Reisende, den es aus einer tektonisch eher verschlafenen Weltgegend wie Deutschland in ein Land verschlägt, das von Nord nach Süd von einem Gürtel aktiver Vulkanberge durchzogen wird, ist erstaunt darüber, in welchem Einvernehmen und mit welcher stillen Gelassenheit die Menschen mit den Kräften der Natur leben. Die Vulkane gehören seit Urzeiten zum Alltag der Menschen, nicht anders als überfüllte Bankfilialen, stundenlanges Warten auf Ämtern und KFC (nur kann man nicht genau sagen, wer zuerst da war – die Berge oder der Colonel).

Am westlichen Saum des amerikanischen Kontinents taucht die pazifische unter die südamerikanische Platte. Die Kontinentalplatte wird dabei gestaucht wie ein Bogen Papier, der sich in den Walzen eines Druckers verklemmt hat. Das gewaltige Bergmassiv der Anden faltet sich in die Höhe und von Magmakammern aus wachsen Kanäle durch das Gestein gleich den Fäden eines Myzels. Wo sie die Erdoberfläche durchbrechen, wird Lava ausgespien und Vulkane wachsen als feuriges Fanal der plutonischen Kräfte in den Himmel.

Die Menschen haben dem Schauspiel der Natur seit frühester Zeit ehrfurchtsvoll und staunend gegenübergestanden. Oft mischte sich Angst in die Faszination, da man die Ursache für Lavaströme und Ascheregen nicht kannte. Die Angst mag gewichen sein, seit ein immer präziserer wissenschaftlicher Verstand den Vulkanen viele ihrer Geheimnisse entrissen hat, doch die Gefahren sind geblieben.

Oft liegt die Gefahr in Sichtweite städtischer Ansiedlungen: Von Quito aus kann man zum Beispiel bei klarem Wetter den Vulkan Pichincha majestätisch über der Stadt thronen sehen (bezeichnend ist, dass man ausgerechnet einer Bank den Namen eines unberechenbaren Vulkanberges gegeben hat: Banco del Pichincha). Auch einer der berühmtesten Vulkane der Welt, der Cotopaxi, den wir das Glück hatten, besuchen zu dürfen, befindet sich nicht einmal eine Autostunde von Quito entfernt. Seismologen beobachten den Berg so aufmerksam wie Anstaltsärzte einen somnambulen Axtmörder. Wenn sie ungewöhnliche Ausschläge im seismischen Herzschlag des Vulkanriesen entdecken, bereitet sich die Hauptstadt auf den Notfall vor.

Die Menschen leben seit Jahrtausenden mit der Gefahr, aber sie sind sich auch der Wohltaten bewusst, die ihnen die Vulkane spenden. Die Vulkanasche verwandelt die Gegend rund um die Berge in ein fruchtbares Eden, und so sind es gerade diese gefährdeten Regionen, in die es die Menschen seit der Erfindung des Ackerbaus zieht. Oft kann man beobachten, dass die Berge weit die Hänge hinauf in eine grüne Flickendecke aus Feldern, Wiesen und Weiden gewandet sind.

Wie überaus gnädigen, manchmal jedoch jähzornigen, aber immer unberechenbaren mächtigen Patronen begegnen die Menschen den Bergen mit Respekt, Ehrerbietung und stets auch mit der sehr realen Angst, die Wohltäter könnten ihnen ihre Gnade auch wieder entziehen. Immer wieder haben katastrophale Eruptionen die Anstrengungen vieler Generationen zunichte gemacht, und immer wieder und fast schon mit der Regelmäßigkeit eines Opferrituals haben die Berge Menschenleben gefordert – sei es, dass man ihnen freiwillig das Opfer brachte, um sie zu besänftigen, sei es, dass pyroklastische Ströme und Ascheregen ganze Landstriche auslöschten. Es ist kein Wunder, dass alle frühen Kulturen des amerikanischen Kontinents mächtige Gottheiten in den Vulkanen erkennen wollten.

Die Cuicocha-Kraterruine ist, wie der Name schon vermuten lässt, kein aktiver Vulkan – zumindest nicht in dem winzigen erdgeschichtlichen Augenblick, den wir Menschheitsgeschichte nennen. Cuicocha bedeutet je nach Lesart „Meerschweinchensee“ (Cuy heißt Meerschweinchen) oder Regenbogensee. Die gewaltige Caldera entstand vor über dreitausend Jahren infolge eines Ausbruchs unvorstellbaren Ausmaßes: Nicht nur wurde der Vulkankegel regelrecht vaporisiert und in die Stratosphäre geschleudert, die Explosion hat auch ein Loch von der Größe eines Asteroidenkraters in die Erdoberfläche gegraben. Die Asche fiel im Tal von Otavalo nieder und machte die Gegend zu einer der fruchtbarsten Regionen in Ecuador. Die Kraterruine füllte sich rasch mit Regenwasser und es entstand ein See. Zwei Inseln erheben sich über das stille Gewässer. Merkwürdig genug, sind beide nach deutschen Forschern benannt.

Der Krater liegt in der Nähe von Cotacachi, einer Stadt, die vor allem für ihre Lederarbeiten berühmt ist. Wir waren schon mehrmals dort und wir fahren immer wieder gern hierher, auch deshalb, weil man in einer Nebenstraße ein kleines Café namens „Serendipity“ findet. Dort gibt es alles, wonach das Herz des an zivilisatorischen Luxus gewöhnten Reisenden verlangt: guten Kaffee und einen Lemon pie, bei dessen Genuss einem die Sinne schwinden. Man verlässt Quito auf dem Abzweig der Panamericana, der nach Norden führt, aber von Cumbayá aus führt eine günstigere und weit angenehmer zu befahrende Route über Tababela, den nagelneuen internationalen Flughafen der Hauptstadt.

Man erreicht Cotacachi von Quito aus mit dem Auto in ca. anderthalb Stunden. Nachdem man den nördlichen Vororten Quitos glücklich entronnen ist, beschreibt die Autopista eine Schleife um das Tal des Río Pisque. Die Straße legt sich um die Flanke des Berges und auf der Beifahrerseite kann man in den Cañon blicken – wenn man nicht alle Hände voll damit zu tun hat, auf der Straße zu bleiben. Über dem Flusstal, direkt am Hang, dort, wo die Arbeit des Wassers Jahrmillionen alte Gesteine freigelegt hat, befindet sich ein Aussichtspunkt mit einem Parkplatz. Viele Reisende lassen sich die Gelegenheit zu einem Zwischenstopp nicht entgehen. Man picknickt oder vertritt sich die Beine, während man den Blick über das Tal des Río Pisque genießt.

Wann immer wir auf der Panamericana nach Norden fahren, halten wir an dieser Stelle. Die Landschaft wirkt eher karg und abweisend und sie erinnert mich ein wenig an New Mexico, was vielleicht einer der Gründe sein mag, warum ich so gern durch diese Gegend reise. Doch dieser Aussichtspunkt mit seiner grandiosen Fernsicht schmeichelt nicht nur dem ästhetischen Empfinden, sondern er dient auch ganz und gar praktischen Zwecken: Ein breiter Fächer Müll ergießt sich vom Parkplatz über Jahrmillionen alte Sedimente den Hang hinunter, womöglich sogar über Fossilien, die den Tod der Dinosaurier gesehen haben.

Unter den illegal entsorgten Relikten unserer Konsumkultur finden sich nicht nur Getränkeflaschen, Styropor-Boxen und Plastiktüten, sondern auch Artefakte der Wohnkultur des 21. Jahrhunderts, wie Sofas, Stühle und sogar ein Kühlschrank. Ich bin zuversichtlich, die Archäologie der fernen Zukunft wird allein schon durch die akribische wissenschaftliche Auswertung unserer zahlreichen Mülldepots mit fast absoluter Sicherheit auf die Ursache schließen können, die zum Untergang unserer Kultur geführt hat.

Wir halten uns in Cotacachi nur kurz auf, denn wir wollen zum Kratersee. Als würde man das unaussprechliche Geheimnis vor Fremden verbergen wollen, ist der Weg dorthin kaum ausgeschildert. Eigentlich sehen wir nicht einen einzigen Wegweiser und als wäre der Vulkansee nicht eine erstklassige touristische Attraktion, geht es über Landstraßen, die nicht nur so aussehen, als wären sie von allen Verkehrsministerien der letzten fünfzig Jahre ignoriert worden. Vielleicht ist aber nur noch kein Straßenbautrupp bis in diese entlegene Gegend vorgedrungen. Mancher Angehörige der Oberschicht lässt sich gern vernehmen, Ecuador verfüge über die besten Straßen in ganz Lateinamerika. Ich habe das Gefühl, dass damit keineswegs ein Kompliment ausgesprochen ist.

Wir müssen die Einheimischen fragen. Sie zeigen uns gutwillig den Weg. Wir befinden uns in einer dörflichen Einöde, die Lichtjahre vom nächsten ordentlichen Espresso entfernt scheint, aber die Jugendlichen, die wir treffen, stehen ihren Altersgenossen in Berlin in nichts nach: Der Schritt der Hose hängt fast an den Knien, die Cap lässig ins Gesicht gezogen, teure Sneakers, die Hände tief in den Taschen vergraben und die Schultern zum Buckel gerundet. In einer beliebigen europäischen Großstadt würde man so nicht weiter auffallen. Einzig die Gesichtszüge verraten, dass man von hier ist und dass die Vorfahren schon hier lebten, bevor die ersten Weißen übers Meer kamen.

Und dann sehen wir endlich den Kratersee. Bevor die Straße in den Naturpark einmündet, führt sie oberhalb der Uferböschung entlang. Viele Besucher ergreifen schon hier die Gelegenheit, das Auto am Straßenrand zu parken und fleißig Fotos zu schießen. Man kann einfach nicht weiterfahren, denn der Anblick des Sees ist so unglaublich fremd und über alle Maßen beeindruckend, dass man nicht erst warten möchte, bis man den Besucherparkplatz erreicht hat. Nachdem unsere Neugier fürs Erste befriedigt ist, fahren wir dann doch auf den Parkplatz des Besucherzentrums, der zu diesem Zeitpunkt erstaunlich leer wirkt.

Das Besucherzentrum ist ein massiver Bau direkt am Ufer der Cuicocha-Kraterlagune. Es gibt eine Kantine, in der landestypische deftige Schweinefleischgerichte angeboten werden und einen Bootssteg, von dem Ausflugsboote zum Rundkurs um die Inseln ablegen. Als wir eines der Boote zurückkehren sehen, entschließen wir uns spontan zu einer „Kreuzfahrt“. Die Tourteilnehmer haben ganz verfrorene Gesichter, doch das kann uns nicht schrecken. Aber erst einmal kaufen wir Tickets, sehen uns an den Souvenirständen um und machen Fotos. Als wir an der Lagune eintrafen, hatte gerade einmal ein halbes Dutzend Interessierter an der Bootsanlegestelle gestanden. Mittlerweile hat sich eine lange Schlange gebildet und wir bedauern, dass wir uns so viel Zeit gelassen haben. Aber wer zu spät kommt, den bestraft bekanntlich das Leben.

Wir reihen uns dennoch unter den Wartenden ein, denn zu dieser Zeit des Tages – es war bereits Nachmittag – nimmt der Besucherstrom deutlich zu, und zu hoffen, dass der Andrang nachlassen würde, scheint uns deshalb zwecklos. Also hieß es warten. Die meisten, die den See besuchen, wollen auch zu den Inseln. Wir warten eine geschlagene Stunde, doch dann endlich sind wir so weit nach vorn gerückt, dass wir mit der nächsten Tour an Bord dürfen. Zuvor wird man genötigt, eine Schwimmweste anzulegen, und wenn man dann inmitten all der anderen Schwimmwestenträger am Bootssteg steht und darauf wartet, dass es endlich losgeht, kommt man sich vor, als nähme man gerade an einer Rettungsübung auf der Titanic teil.

Dann kam das Boot, eine überdachte Ausflugsbarke. Nachdem die Passagiere, die das Glück hatten, vor uns in der Reihe zu stehen, ihren Platz geräumt haben, gehen wir an Bord, immer einer hübsch nach dem anderen. Ein kleines Mädchen hat ihre Rettungsweste so lieb gewonnen, dass sie sich weigert, sie wieder herzugeben. Man muss sie ihren kleinen Händen förmlich mit Gewalt entreißen und dann schreit die Kleine, als hätte man ihr den Arm ausgerissen. Ich kann sie noch hören, als wir längst abgelegt haben und das Boot sich schon fast in der Mitte des Sees befindet. Doch dann wird es mit einem Mal ganz still und man hört nichts weiter als das Brummen des Schiffsmotors und das sanfte Plätschern des Wassers.

Der See ist glatt wie ein Spiegel, das Wasser kristallklar und nahe der Bootsanlegestelle sieht man Seegras sich sanft in der Strömung wiegen. Ich tauche meine Hand hinein und ich bin mir nicht sicher, ob jemand mit einem nicht mehr ganz so kräftigen Herzen einen Sturz in die Fluten überleben würde, denn die Kälte beißt einen förmlich in die Finger. Bear Grylls wäre begeistert. Der Bootsführer erklärt, siebzig Meter sei der See tief und es lebten keine Fische darin. Der Grund dafür sei, dass es keine Zuflüsse gibt; Regen ist die einzige Quelle, aus der sich das Wasserreservoir speist.

Wir nähern uns den Inseln, die in der Mitte des Sees die Wasseroberfläche durchstoßen wie die Buckel der Midgardschlange. Das größere der beiden Eilande trägt den Namen Teodoro Wolf, das kleinere heißt Yerovi. An Steuerbord gleiten die in dichte Vegetation gehüllten Hänge der größeren Insel vorbei. Die Pflanzen sind braun wie überkochtes Gemüse, aber so passen sie viel besser zu dem schwermütigen Himmel, der wie eine Wattedecke über dem Kraterloch liegt.

An Backbord erheben sich die Kraterwände. Sie sind so steil, dass Pflanzen keinen Halt finden. Ein Freizeitkletterer könnte sie wohl kaum ohne Hilfsmittel erklimmen. Da man auf allen Seiten von senkrechten Wänden eingeschlossen ist, fühlt man sich wie ein Käfer in einer Schüssel. Die Landschaft ist mit nichts zu vergleichen, was man kennt, jedenfalls mit nichts in der Welt der Realität. Nicht nur einmal drängt sich mir der Eindruck auf, ich wäre in die Romanwelt Jules Vernes versetzt, und manchmal habe ich das Empfinden, es hätte mich in die romantischen, unheimlichen und oft bizarren Kulissen Karel Zemans verschlagen.

Wir umrunden die große Insel und dann kommt der Höhepunkt des Bootsausfluges: die Fahrt durch den Sund zwischen den Inseln, der passend zur Landschaft „Canal de los ensueños“ heißt. Ensueño kann gleichermaßen Traum, Träumerei oder Trugbild bedeuten und so bleibt es jedem Besucher selbst überlassen, ob er seine Träume oder seine Illusionen in der fremdartigen Landschaft gespiegelt sehen will.

Das Boot gleitet langsam durch den schmalen Kanal. Man sieht nichts als einen Wald aus Schilf und dahinter erheben sich die Inseln wie die aufgeblähten Kadaver toter Giganten. Das Rohr raschelt leise, wenn die Bordwände daran vorbeistreichen, doch es ist eigenartig, dass man keine Vögel hört. Die Vegetation wirkt welk, als begännen die Pflanzen unter dem trüben Himmel bereits zu vermodern, noch ehe sie in Blüte gestanden haben. Alles Leben scheint erstorben. Die Landschaft ist so tot wie die Darstellung eines Friedhofs auf einem vergilbten Gemälde.

Irgendwo an der Einfahrt zum Kanal sehen wir Ruinen. Sie verwittern langsam in der Wildnis aus braunem Gestrüpp, doch Niedergang und Verfall wollen zu dieser leblosen Landschaft viel besser passen als Entstehen und Wachsen. Ein Restaurant sollen die Mauern einst beherbergt haben, aber man vermag sich nicht so recht vorzustellen, dass sich Gäste an jenem trübsinnigen Ort zu feucht-fröhlicher Runde eingefunden haben könnten. Der Anblick ist bedrückend. Doch die Inseln sind nun Schutzgebiet und niemand darf sie betreten. So bleiben die traurigen Überbleibsel menschlicher Kolonisationsgelüste sich selbst überlassen. Irgendwann wird die Natur sie verschlungen haben.

Wir gleiten mit halber Motorkraft in den Kanal. Das stille Wasser schneidet sich durch einen dichten Wald aus Binsen. Einen Augenblick lang werden wir vollständig vom Schilf eingeschlossen, doch dann weichen die Halme zurück und wir blicken über den See auf das Besucherzentrum, auf das wir nun Kurs halten. An Backbord erscheint hoch über dem Wasser eine Grotte, in der, gleich der Madonnenerscheinung von Lourdes, die weiße Statue der Jungfrau steht. Wer gute Augen hat, kann sie sogar vom Besucherzentrum aus sehen, doch wahrscheinlich bekommt sie nur selten Besuch, denn schließlich gibt es an jeder Straßenkreuzung eine Madonna und es besteht keine echte Notwendigkeit, erst den beschwerlichen Weg hierher auf sich zu nehmen. Als ich einen letzten Blick hinauf zur Grotte werfe, kommt mir Arnold Böcklins „Toteninsel“ in den Sinn, doch im Brummen des Schiffsmotors und im Geschwätz der Passagiere verfliegt der Gedanke.

Nur Augenblicke später haben wir die Bootsanlegestelle erreicht. Wir geben die Rettungswesten artig ab und lassen den Bootstouristen nach uns den Vortritt. Oberhalb des Anlegers befindet sich die Kantine und dort wird jetzt an alle Teilnehmer der Tour Canelazo ausgeschenkt. Canelazo ist eine Art Grog, nur ohne Rum. Der Sud ist heiß, süß und schmeckt angenehm nach Zimt (Canela – Zimt). Und so ein wärmendes Getränk ist jetzt auch genau das Richtige, denn auf dem Wasser ist es kalt wie in einem Kühlschrank. Wenn man eine Dreiviertelstunde dem Fahrtwind ausgesetzt ist, fährt einem die feuchte Kälte irgendwann bis in die Knochen. Die dünne Höhenluft tut ein Übriges und eigentlich ist einem immer nur kalt. Der Canelazo wärmt uns aber wieder auf.

Wir streifen noch eine Zeitlang ziellos über das Gelände oberhalb des Bootsanlegers, schießen Fotos und lassen uns von dem spektakulären Panorama gefangennehmen. Wenn man vom Besucherzentrum aus nach oben blickt, sieht man über einer Klippe die Glasfront eines Restaurants. Wir denken uns, die Aussicht muss einfach großartig sein und so machen wir uns auf den Weg. Eine holprige Schotterstraße balanciert auf dem Grat des Kraterwalls entlang. Wir fahren mit dem Auto, weil wir nach der kurzen Stippvisite gleich aufbrechen wollen. Die Schotterstraße läuft nach ein paar Hundert Metern vom Kraterwall herunter und mündet in eine idyllische Landstraße ein. Es gibt übrigens einen Wanderweg, der auf dem Kraterwall entlang läuft, und wer gut zu Fuß ist, kann die Vulkanruine in sechs Stunden umrunden.

Wir erreichen das Restaurant über eine schmale Zufahrt. Die Einfahrt zum Parkplatz ist mit einem Seil gesperrt – nur Gäste des Restaurants haben das Privileg, hier parken zu dürfen. Wir geben uns als solche aus und ein glatzköpfiger kleiner Mann sprintet herbei und öffnet das Tor. Offenbar haben wir es mit dem Maître zu tun. Der See liegt auf der anderen Seite des Gebäudes und vom Parkplatz aus kann man leider überhaupt nichts sehen. Eigentlich wollen wir nur die Aussicht genießen, aber der kleine agile Mann schaut mich fragend an, und deshalb bekunde ich den Wunsch, Kaffee zu trinken. Ich ernte einen misstrauischen Blick. Der Mann scheint seine ganz eigene Philosophie zu haben und wie man potentielle Kundschaft verprellt, darauf versteht er sich offenbar ganz ausgezeichnet.

Der Gästeraum des Restaurants entpuppt sich als ein schmuckloser Saal. Es gibt keine Gardinen an den Fenstern und Energiesparlampen ragen nackt aus den Fassungen. Der Raum versprüht den Charme einer Bahnhofsmission der Heilsarmee. Aber ich glaube auch nicht, dass die Gäste, wenn schon nicht des Ambientes wegen, hier gern einkehren würden, um das gute Essen zu genießen.

Ich entscheide mich im letzten Moment gegen den Kaffee, denn ich ahne Schlimmes, und ich nehme stattdessen die heiße Schokolade. Heiß ist sie – daran gibt es nichts zu deuteln –, aber ich habe das Gefühl, man hat einfach gewöhnliches Kakaopulver aus dem Supermarkt in die gepanschte Milch gerührt. Dafür zwei Dollar zu verlangen, empfinde ich als eine Unverschämtheit.

Die Betreiber scheinen allen Ernstes zu glauben, allein schon der schöne Ausblick würde die Gäste in Scharen zu ihnen treiben. Berückend schön ist die Aussicht in der Tat. Man könnte sich durchaus vorstellen, in gepflegter Atmosphäre hinter den weiten Panoramafenstern zu sitzen und bei gutem Kaffee und leckerem Kuchen diesen phantastischen Ausblick über den See und die Inseln zu genießen. Leider findet man sich nur im Wartesaal eines Bahnhofs wieder und sogar das Essen erinnert an Mitropa. Was für eine Lage – und was für eine grandiose Verschwendung!

Wir brechen auf, sobald ich ein paarmal anstandshalber von meiner „Schokolade“ genippt habe. Zahlende Gäste sind wir und so kann man uns kaum verbieten, ein paar Aufnahmen vom See und den Inseln zu machen. Doch wir wollen die Kreise des misstrauischen Restaurantbesitzers nicht länger stören. Wir fahren auf den Asphalt der Straße und durch die liebliche Landschaft geht es zurück nach Quito. Es dauert eine Weile, bis die Kälte ganz aus meinem Körper gewichen ist.

Meine ecuadorianische Identität

Der Erwerb einer Aufenthaltserlaubnis kann sich in Ecuador zu einer langwierigen, äußerst anstrengenden und vor allem nervenaufreibenden Unternehmung auswachsen. Dank tiefgreifender, radikaler Reformen unterscheiden sich die Behörden hierzulande im Grunde kaum von den Ämtern in Deutschland – sie sind modern, effizient und exekutieren Dienstanweisungen mit derselben haarspalterischen Insistenz wie ihre deutschen Amtsvettern. Vom angeblichen südländischen Schlendrian keine Spur – die Beamten arbeiten effektiv wie Automaten und sie wirken auch oft genauso unsympathisch wie ihre deutschen Kollegen. Doch kein Ecuadorianer würde sich die speckigen Amtsstuben früherer Zeit und das Chaos, das in ihnen herrschte, zurückwünschen. Dennoch kann einen der bürokratische Irrsinn manchmal in die Verzweiflung treiben. Man könnte den Ämtern und allem, was man dort so erlebt, einen eigenen Blog widmen.

Wahrscheinlich lässt sich die Entwicklung hin zu mehr Bürokratie auch gar nicht vermeiden, denn wie man weiß, verselbständigt sich so ein Verwaltungsapparat, sobald er nur eine kritische Größe erreicht hat. Doch die Verwaltungsreform hat auch positive Dinge mit sich gebracht: Ein gravierender Unterschied zu deutschen Behörden besteht darin, dass die Mitarbeiter fast alle jung sind. In der Tat kann ich mich nicht erinnern, dem Angestellten einer Behörde gegenübergestanden zu haben, der älter als ich gewirkt hätte, und dabei bin ich doch noch nicht einmal dreißig! Scherz beiseite: Ehrenvoll im Dienst ergraute Beamte sieht man eigentlich gar nicht – entweder hat man sie im Zuge der Erneuerungsmaßnahmen aufs Altenteil geschickt oder sie fristen ihr Gnadenbrot in den Hinterzimmern, zwischen verstaubten Aktenbergen und Dokumentenablagen, die schon Spinnweben angesetzt haben, jedenfalls dort, wo sie kein Besucher der Behörde jemals zu Gesicht bekommt. Ich glaube nicht, dass man sie in den hauseigenen Aktenschreddern entsorgt hat – so viele Schredder könnte eine vielbeschäftigte Behörde ja auch gar nicht entbehren.

Ursprünglich war vorgesehen, dass der Arbeitgeber meiner Frau, die Deutsche Schule Quito, die notwendigen Schritte einleitet, um meinen Aufenthaltsstatus zu klären. Aus Gründen, die sich einer verstandesmäßigen Durchdringung entziehen, unterließ man es aber, sich mit den Behörden in Verbindung zu setzen. Drei Monate waren verstrichen und nichts war geschehen. Ab diesem Zeitpunkt hielt ich mich illegal im Lande auf.

Aus der Not entschieden wir uns, eine Anwältin damit zu beauftragen, die Sache in die Hand zu nehmen. Wer nun glaubt, damit wäre alles so gut wie ausgestanden, irrt gewaltig. Eigentlich bestellt man ja einen Rechtsbeistand, um sich nicht selber mit solch unangenehmen Dingen wie Behördengängen herumschlagen zu müssen, dennoch kann ich die Stunden gar nicht zählen, die ich, zu Tode gelangweilt, in den Wartesälen der Behörden verbracht habe. Inzwischen haben die Dienste der Anwältin – die unentbehrlichen Dienste, wie man ehrlicherweise hinzufügen muss – die Kleinigkeit von annähernd zweitausend Dollar verschlungen, doch am Ende hat es sich doch gelohnt und ich bezweifle, dass wir ohne ihre Hilfe so weit gekommen wären. Die Auslagen bekommen wir übrigens ersetzt, denn die Deutsche Schule ist verpflichtet, den Ehegatten ihrer Angestellten eine Aufenthaltserlaubnis zu verschaffen.

Um eine Aufenthaltserlaubnis zu erwerben, braucht man vor allem eines: Geduld. Am besten lässt man gleich den Gedanken fahren, dass man die Angelegenheit in ein paar Tagen abhaken könnte. Ich versichere, man kann es nicht. Ob man einen Rechtsbeistand zu Rate zieht, bleibt jedem selbst überlassen. Ich kann dazu eigentlich nur raten, denn aus eigener Erfahrung weiß ich, dass man schnell überfordert ist, zumal wenn man die Sprache nicht ausreichend gut beherrscht. Man kann sich nur zu leicht in den Labyrinthen der Bürokratie verirren und irgendwann verliert man in dem unentwirrbaren Wust aus Papieren und gescheiterten Hoffnungen den Verstand. Da ist es wichtig, dass man einen verlässlichen Lotsen hat, der einen sicher durch die tückischen Gewässer des Verwaltungsaktes geleitet.

An einem normalen Tag pendelt man mehrmals zwischen Einwanderungs- und Meldebehörde hin und her, und wenn einen nicht eine Stelle zur anderen schickt, weil irgendein wichtiges Formular, ein unverzichtbares Dokument oder eine unentbehrliche notarielle Beglaubigung fehlt, dann schickt einen eben die Stelle, zu der man doch eben hin beordert wurde, aus exakt denselben Gründen wieder zurück. Mit einer Böswilligkeit, wie sie nur Behörden eigen ist, wird man so etliche Male von Pontius zu Pilatus befohlen und am Ende ist man nicht einmal schlauer, geschweige denn, dass man das Gefühl hätte, die Sache wäre auch nur ein klitzekleines Stück vorangekommen.

Ich fühlte mich oft an die berühmte Szene in einem Asterixfilm erinnert, in der die Helden im Getriebe eines aufgeblähten bürokratischen Apparates unterzugehen drohen. Sie entgehen dem Verhängnis, indem sie auf die geniale Idee verfallen, das System zu veranlassen, sich gegen sich selbst zu wenden: Sie werfen Sand ins Getriebe der gut geölten Behördenmaschinerie, denn sie erfinden einfach ein Formular, das es in Wirklichkeit gar nicht gibt. Der sonst so fabelhaft effiziente Apparat strauchelt und der kleine böswillige Sabotageakt stiftet ein derartiges Chaos, dass bald alles in Wahnsinn versinkt. Am Ende implodiert der ganze Laden wie ein Schwarzes Loch. Vielleicht hätte ich einfach nur nach dem ungemein wichtigen und unverzichtbaren rosa Formularbogen fragen sollen …

Ich war inzwischen gut ein Dutzend Mal auf der Behörde und dann verbrachte ich dort auch immer gleich den ganzen Tag – morgens hin, am Nachtmittag wieder zurück. Die Anwältin, die meine Antragstellung betreute, pflegte mich immer am Morgen in ihr Büro einzubestellen und sie verstand es jedes Mal, meinen Unmut über die zu erwartenden Unannehmlichkeiten zu zerstreuen, indem sie treuherzig erklärte, heute gehe alles ganz, ganz schnell – eigentlich könnte ich mein Visum und sogar die Cedula, die ID-Card, gleich mitnehmen. Versprochen!

Natürlich erwiesen sich die vollmundigen Versprechungen nur als ein Mittel, mich aufzumuntern, denn die Anwältin spürte sehr wohl meinen Widerwillen, in der Sache auch nur noch einen Schritt weiterzugehen. Meine Hoffnung, diese Geduldsprobe heute endlich hinter mich bringen zu können, wurde dann auch jedes Mal aufs Neue gedämpft, kaum dass wir die Behörde betreten und der Beamte uns mitgeteilt hatte, es fehlte noch dieses Papier und jenes Formular und diese beglaubigte Kopie und jener amtliche Stempel. Man kommt sich manchmal vor wie in einem Irrenhaus, nur hat man den Eindruck, man stehe selber im Begriff, allmählich den Verstand zu verlieren.

Lohnt es sich, einen Rechtsbeistand zu engagieren? Auf jeden Fall! Ich möchte eigentlich jeden, der nach Ecuador kommt, um sich hier für längere Zeit niederzulassen, ermutigen, sich der Hilfe eines verlässlichen Rechtsberaters zu versichern. Ein Anwalt kann hierzulande für vieles nützlich sein. Die einzigen Anwälte, denen ich in Berlin begegnet bin, waren mehr oder weniger Zufallsbekanntschaften. Die meisten von ihnen fand ich übrigens sehr sympathisch (Ich muss allerdings einräumen, ich habe nie die traumatische Erfahrung machen müssen, eine anwaltliche Honorarrechnung auf den Tisch zu bekommen). Hier in Ecuador braucht man den Rechtsbeistand, damit er einem aus so mancher verzwickten Lage befreit. Denn man kann in Schwierigkeiten geraten, auch ohne je gegen das Gesetz verstoßen zu haben, und dann ist man darauf angewiesen, dass jemand die Eisen wieder aus dem Feuer holt.

Ein Beispiel für jene Wechselfälle des Lebens, in denen ein Anwalt nützliche Dienste leistet, mag genügen: Eines Tages forderte unsere Vermieterin ultimativ die Summe von zweitausend Dollar. Wir wunderten uns darüber und waren auch ein wenig besorgt, denn diese Forderung kam wie aus heiterem Himmel. Wir wollten die Wohnung in nächster Zeit kündigen und offenbar glaubte die Vermieterin, sie hätte in diesem Fall das Anrecht auf eine Art Entschädigungszahlung für entgangene Mieteinnahmen. Unsere Anwältin (das ist eine andere als die, in deren Hände die behördlichen Vorgänge um meine Aufenthaltserlaubnis gelegt sind) lächelte kühl und meinte, es gäbe keine rechtliche Grundlage, die eine solche Unverschämtheit stütze. Das sei reine Willkür – ich denke aber, es war wohl eher die reine Gier, die aus der Forderung der Vermieterin sprach.

Wir waren froh, dass die Anwältin das Telefongespräch führte, in der sie der Vermieterin lapidar mitteilte, dass ihre Forderung nichtig sei. Die Frau versuchte dann Geld herauszuschinden, indem sie insistierte, erst einmal müsse geprüft werden, ob das Parkett sich auch wirklich noch in dem Zustand befinde, in dem es angeblich gewesen sei, als es uns übergeben wurde. Ganz offensichtlich hat sie eine Art obsessive Leidenschaft zu dem Holzfußboden entwickelt, und ich glaube, an dem Tag, an dem Termiten die Holzplanken auffressen, hat das Leben für sie seinen Sinn verloren. Die Anwältin schmetterte das Ansinnen routiniert ab. Auch eine Mediation verweigerte sie.

Irgendwann, nach mehreren Monaten geduldigen Wartens, hatte das Schicksal doch noch ein Einsehen und es kam der Tag, an dem mir das Visum tatsächlich in den Pass eingetragen wurde. Und es kam sogar noch besser, denn vier Wochen später erhielt ich auch noch die Cedula de identidad. Ein Mitarbeiter der Anwältin brachte mit mir wieder fast den ganzen Tag auf dem Registro civil zu, der Meldebehörde. Die Anwältin scheint Mitarbeiter zu bevorzugen, die die meiste Zeit ihres Lebens in Spanien verbracht haben. Auch dieser junge Mann hatte dort sein ganzes Berufsleben absolviert. Erst seit zwei Jahren lebte er wieder in Ecuador, um, wie es scheint, nun Botengänge für seine Arbeitgeberin zu erledigen.

Wir warteten geraume Zeit, aber schließlich teilte uns ein Mitarbeiter der Meldestelle mit, dass alle Papiere nun vollständig seien und ich die Cedula in drei Stunden am Schalter abholen könnte. Mehr noch als mich diese lapidare Mitteilung freute, nahm die Frisur des Beamten meine ganze Aufmerksamkeit gefangen: Der Haaransatz über der Stirn war eckig wie ein Fußballplatz ausrasiert. Der schwarze Haarsaum legte sich um das Gesicht wie ein viel zu groß geratener Bilderrahmen. Man konnte deutlich die dunkle Wurzel an den Stellen erkennen, an denen der Rasierer zwei Finger breit Haar entfernt hatte. Der Mann wirkte bestimmt viel intelligenter, da die Stirn nun viel höher und breiter war, und obwohl er gerade Ende Zwanzig zu sein schien, erinnerte er mich sehr stark an Winfried Noë von Astro-TV.

Leider war es mir nicht möglich, den Ausweis noch an diesem Tag entgegenzunehmen, denn ich musste meinen Sohn von der Schule abholen. Aber das sei, so informierte man uns, überhaupt kein Problem, denn das Dokument läge am Schalter bereit und man könne es sich jederzeit aushändigen lassen. Das tat ich dann zwei Wochen später – man hat ja oft keine Zeit, aber so gut wie nie verspüre ich Lust, mich durch den dichten Verkehr auf Quitos Straßen zu quälen.

Und da ist sie nun – meine Cedula. Die Cedula de identidad ist eine ID-Card und als solche ist sie mit dem deutschen Personalausweis durchaus vergleichbar. Man kann sie aber bekommen, auch ohne die ecuadorianische Staatsangehörigkeit zu besitzen (was auf mich zutrifft). Das Foto beachte man am besten gar nicht, denn darauf sehe ich aus wie El Colorado, der berüchtigte Pistolero, kurz nach seiner Festnahme. Worauf es ankommt, ist ja auch nicht das Bild, sondern die Tatsache, dass ich den Ausweis überhaupt habe.

Hat sich der ganze Aufwand gelohnt? Ehrlich gesagt, ich weiß es nicht. Ich bin ein wenig skeptisch. Das Dokument ist zehn Jahre gültig und kann beliebig verlängert werden. Es besteht also kein Anlass zu der Sorge, man müsste die ganze Behördenquälerei noch einmal über sich ergehen lassen. Die Cedula nützt einem nur in Ecuador. In anderen Ländern, selbst in den Staaten des amerikanischen Kontinents, schindet man damit etwa so viel Eindruck wie mit der Visitenkarte Winfried Noës.

In Ecuador kann man mit der Cedula aber durchaus eine Menge anfangen: Zunächst einmal muss man nun nicht mehr ständig den Reisepass mit sich herumtragen. Die Cedula reicht vollkommen aus für den Fall, dass man sich ausweisen muss. Im Vergleich mit dem gewöhnlichen Touristen zahlt man oft nur den halben Eintrittspreis. Es mag sich zwar nur um wenige Dollar handeln, doch richtig sparen kann man, wenn man nach Galapagos reisen möchte. Der Unterschied kann einige Hundert Dollar betragen. Wirklich zu genießen vermag man die Vergünstigungen, die einem mit der Cedula gewährt werden, aber erst im Rentenalter, in der Tercera edad, denn dann zahlt man in allen staatlichen oder öffentlichen Einrichtungen stets nur den halben Preis.

Ich kann es mir ja noch einmal überlegen, ob ich meine bescheidene Rente nicht irgendwo an einem pazifischen Palmenstrand verzehren möchte. Die Cedula ist zeitlich unbegrenzt gültig und wer kann schon voraussehen, welche Zeiten uns noch erwarten. Mit der Cedula in der Tasche müsste ich in Ecuador jedenfalls keinen Asylantrag stellen. Und es ist beruhigend zu wissen, dass es einen Platz auf der Welt gibt, an dem man im Notfall Zuflucht finden könnte. Es gibt wahrlich unwohnlichere Orte als dieses tropische Paradies.

Auf den Spuren Humboldts

Die Straße nähert sich dem Vulkan von Südwesten und schlägt dann am Fuß des Berges einen weiten Bogen nach Norden, wo sie schließlich auch wieder aus dem Park hinausläuft. Die nördliche Route ist weit weniger befahren als die südliche und die meisten Besucher reisen auf demselben Weg zurück, auf dem sie in den Park gelangt sind. Unterhalb der Flanken des Berges sahen wir immer wieder Pferde auf der kargen Hochebene weiden. Ich wunderte mich aber, warum man nirgends Lamas oder Alpakas begegnet. Fast hat es den Anschein, die einheimischen Spezies sind in Ecuador zur Rarität geworden.

Unterhalb der nördlichen Flanke des Vulkans kamen wir zu einem wüsten Feld, das über und über mit Gesteinsbrocken übersät war. Die Trümmer hatte der Berg beim letzten Ausbruch im Jahre 1904 herausgeschleudert. Viele der Brocken, die über die Ebene verstreut lagen gleich Hagelkörnern nach einem heftigen Schauer, waren groß wie Kühlschränke und manche hatten sogar die Ausmaße von Autos, aber der Vulkan hatte sie durch die Luft geworfen, als wären sie Popcorn, das knisternd aus dem Topf springt. Die Flur war dicht gespickt mit den tonnenschweren Monolithen und fast hatte man den Eindruck, sie wären aus steinerner Saat der Erde entsprossen und warteten nur darauf, von Giganten geerntet zu werden.

Ich habe einmal gelesen, wenn man als Vulkanologe von einem Ausbruch überrascht wird, ist es der Gesundheit zuträglicher, man schaut nach oben, in den Himmel, statt nach unten, auf den Weg. Denn wenn man sieht, dass ein Felsblock im Begriff ist, auf einen niederzufallen als wäre er eine Smartbombe, abgefeuert von einer Killer-Drohne, können einem schnelles Reaktionsvermögen und ein beherzter Sprung das Leben retten. Ich bin natürlich kein Vulkanologe, aber ich werde es mir merken – für den nächsten Besuch.

Die „Humboldtsche Straße der Vulkane“ führt vom Cotopaxi aus immer geradeaus nach Norden. Hat man den Bergriesen erst einmal hinter sich gelassen, ist man auf sich selbst gestellt, denn fast alle Besucher des Parks reisen durch den Südausgang und dann weiter auf der Panamericana zurück nach Quito. Die Route über die Panamericana ist der kürzeste und schnellste Weg zurück in die Zivilisation und vor allem fährt man auf der schön ausgebauten Autopista viel bequemer als auf der holprigen Humboldtschen Straße. Die Anreise von Quito aus hatte kaum eine Stunde in Anspruch genommen, zurück brauchten wir fast vier Stunden.

Sobald man den Vulkan im Rücken hat, ändert sich der Zustand der Straße von einer glatten Schotterpiste hin zu einem von Erosionsrinnen und Schlaglöchern zerfressenen Allrad-Parkour. Felsbrocken, groß wie Fußbälle, liegen über den Weg verstreut gleich Landmienen und man muss höllisch aufpassen, dass man sich nicht den Unterboden ruiniert. An einigen Abschnitten der Straße kommt man kaum schneller als in Schrittgeschwindigkeit voran und der Zustand der Fahrbahn stellt wahrscheinlich das Limit dessen war, was ein Auto ohne Allradantrieb gerade noch bewältigen kann. Wer aber lieber bequem fährt, dem sei die Rückkehr über die Panamericana ans Herz gelegt.

Unterhalb des Vulkans, aber schon zum nördlichen Ausgang hin, liegt eine Hacienda in der trostlosen Einsamkeit der Hochebene. Manche der großen Landgüter gehen auf Gründungen des 16. oder 17. Jahrhunderts zurück. Dabei kam es vor, dass man Grundmauern aus der Zeit der Inkas in den Bau integriert hat, nicht anders als man Kirchen und Klöster auf den Fundamenten ehemaliger Tempel und Paläste errichtete. Die meisten Haciendas sind schon lange keine produzierenden Landwirtschaftsbetriebe mehr. Einige Güter wurden aufwändig restauriert und dem Tourismus zugänglich gemacht. Eine stilechte Übernachtung in den alten spanischen Gemäuern ist aber alles andere als erschwinglich und mehr als die erkleckliche Summe von zweihundert Dollar für die Nacht ist eher die Regel als die Ausnahme. Doch zumindest kann man sich einmal im Leben wie ein richtiger Latifundista fühlen.

Das Herrenhaus der Hacienda liegt so verlassen in der Landschaft, dass man sich unwillkürlich fragt, wer außer den hartleibigsten Eskapisten hier gern Urlaub machen würde. Aber vielleicht reicht ja eine Nacht, um sich zu sammeln und auf sich selbst zu besinnen. Länger würde man es wahrscheinlich sowieso nicht aushalten, denn ringsherum gibt es im Grunde nichts, worauf der neugierige, forschende Geist seine Aufmerksamkeit richten könnte: Abseits der ausgewiesenen Pfade darf man nicht durch den Páramo streifen und der Vulkan ist fast ständig in dichte Wolken gehüllt. Wahrscheinlich fühlt man sich schon nach kurzer Zeit ziemlich einsam.

Eigenartig ist, dass Steinmauern die Hacienda umgeben und den Besitz von der Außenwelt abgrenzen. Wer würde in dieser kargen und menschenleeren Landschaft das Stück Land innerhalb der Mauern, das genauso karg und menschenleer ist, betreten wollen und vor allem, in welcher Absicht? Es gibt ja nichts, das man stehlen könnte, und der eisige Wind streicht diesseits genauso wie jenseits der Mauern über das Land.

Erst nachdem man den Park durch den nördlichen Ausgang verlassen hat, wird die Straße wieder besser, und eigentlich befindet man sich erst jetzt auf der berühmten Humboldtschen Route. Der preußische Naturforscher ist in Ecuador wie in allen Ländern des südamerikanischen Kontinents, in denen man Spanisch spricht, fast schon so etwas wie ein Volksheld. Jeder kennt natürlich Humboldt, aber ich habe leider vergessen, die Leute zu fragen, ob sie wüssten, dass ihre Straße nach ihm benannt ist. Ich wäre wirklich gespannt gewesen auf ihre Antwort. Leider kam mir der Gedanke erst hinterher.

Wen könnte der Name „Humboldtsche Straße der Vulkane“ nicht beeindrucken, doch wenn man sich dann tatsächlich auf der berühmten Route befindet, ist man überrascht, bloß einen schmalen Kopfsteinpflasterweg vorzufinden. Ich war keineswegs enttäuscht, denn diese nostalgische Straße wie aus einer Reisebeschreibung Theodor Fontanes wird dem Geist und dem Andenken des berühmten Forschungsreisenden viel besser gerecht als eine moderne Autopista mit Bogenlampen und Leitplanken. Humboldt gilt als der Pate so mancher Entdeckung und als begehrter Namenspatron obendrein; erinnert sei an den Humboldt-Strom und den Humboldt-Pinguin. Dieser Straße aber hat man seinen Namen sicher nur ehrenhalber verlieren (immerhin ist verbürgt, dass er wirklich durch diese Gegend zog), denn die Vulkane waren ja schon seit jeher bekannt.

An diesem Tag waren wir allein unterwegs auf der Straße der Vulkane, aber wahrscheinlich wären wir es auch an jedem anderen Tag gewesen. Beiderseits des Weges findet man ein ländliches Postkartenidyll, das bis heute von einem metastatisch ausufernden Tourismus verschont geblieben ist. Es gibt keine asphaltierten Straßen, keine Hotels, keine Parkplätze und vor allem keine Touristen. Vor über zwanzig Jahren, als ich das Land zum ersten Mal besuchte, sah es in Ecuador fast überall so aus, doch seitdem ist viel Wasser den Río Napo hinuntergeflossen.

Die Zeit ist nicht stehengeblieben und selbst dieser verschlossene Landstrich am äußersten Rande des Erdkreises musste irgendwann einmal aus seinem Dornröschenschlaf erwachen. Doch dieses unscheinbare Fleckchen Ecuador beiderseits der Straße der Vulkane scheint sich seit den Zeiten Humboldts kaum verändert zu haben. Und so kann man auch heute noch einer Ursprünglichkeit begegnen, die anderswo längst verschwunden ist in einer Welt, die sich immer schneller um sich selbst zu drehen scheint.

Die Landschaft ist so schön, dass man alle paar Hundert Meter halten und Fotos machen möchte. Die liebliche grüne Flur schmiegt sich sanft wie ein Traum von Elysium in die Hügel. Wiesen, Weiden und Wälder wechseln einander in rascher Folge ab. Es ist nicht schwer sich vorzustellen, wie Humboldt und Bonpland vor über zweihundert Jahren über diese Straße zogen und wie sie unablässig Proben sammelten, Messungen vornahmen, sich Notizen machten und staunten und ihr Forscherglück gar nicht fassen konnten. Vor lauter Beschäftigtsein hatten sie wahrscheinlich gar keine Zeit, sich der Schönheit dieses reizenden Fleckchens Ecuador bewusst zu werden.

Am Straßenrand sahen wir Einheimische Mora-Beeren pflücken. Die Ernte der fast schwarzen Früchte scheint sich hierzulande ähnlicher Beliebtheit zu erfreuen wie in Deutschland das Pilzesammeln. „Mora“ wird immer mit „Maulbeere“ übersetzt, aber eigentlich handelt es sich um Brombeeren. Die Büsche wuchsen so dicht, dass man den Eindruck hatte, die Straße schneide sich durch eine endlose Wildnis aus Brombeergestrüpp. Wir fragten zweimal nach dem Weg. Die Leute meinten gutmütig, wir sollten der Straße einfach nur folgen, dann kämen wir schon irgendwann nach Quito. Sicher werden sie nicht oft nach dem Weg gefragt.

Ganz gewiss gab es schon zu Humboldts Zeiten eine Menge zu sehen, denn schließlich heißt die Route, auf der die berühmten Reisenden wandelten, nicht ohne Grund „Straße der Vulkane“. Uns aber war das Wetter leider nicht gewogen: Der Himmel war grau in Grau und undurchdringlicher Dunst lag über dem Horizont – man hätte nicht einmal erahnen können, wo die Bergriesen ihre schneebedeckten Gipfel in die Höhe reckten.

An einer Weggabelung trafen wir eine Frau in der Tracht der Indigenen. Man begegnet in der Landschaft mehr Kühen als Menschen, und wenn einem schon einmal jemand über den Weg läuft, sollte man unbedingt halten, denn man weiß nie, wann die nächste Gelegenheit kommt, Auskünfte einzuholen. Wir fragten die Frau, welcher der richtige Weg nach Quito sei, und bei dieser Gelegenheit wollten wir auch gleich wissen, wo denn die Vulkane wären, die uns der Reiseführer versprochen hatte und für die diese Straße berühmt ist.

Wahrscheinlich klang unsere Frage wie ein Vorwurf, gerade so, als machten wir die Frau persönlich dafür verantwortlich, dass man nichts sah. Wie um sich von jeglicher Schuld reinzuwaschen, zeigte sie mit ausgestrecktem Arm siebenmal zielsicher jeweils in eine andere Richtung und sagte dabei aus dem Effeff die Namen der Berge der Reihe nach her. Man konnte wirklich nicht das Geringste erkennen, aber irgendwo hinter dem Dunst warteten die Vulkanriesen darauf, von neugierigen Augen entdeckt zu werden. Nur an diesem Tag wollten sie sich leider nicht zeigen.

Von diesem Punkt an schien sich die Rückreise zu beschleunigen. Humboldt und seine Vulkane entschwanden bald unseren Blicken und unsere Gedanken richteten sich auf gutes Essen und den Komfort eines bequemen Sofas. Wir hielten noch einige Male, um den Ausblick zu genießen und um die schöne Landschaft zu fotografieren. Anderen Reisenden, die Abenteuerlust oder romantische Sehnsüchte auf die Spur Humboldts gelockt hätten, begegneten wir aber auch hier nicht, obwohl wir uns doch schon nahe der Stadt befanden. Irgendwo kurz vor Sangolquí, einem Ort südöstlich von Quito, bekamen wir dann seit Stunden zum ersten mal wieder Asphalt unter die Räder. Da wussten wir, wir waren zurück in der Zivilisation.

Wir fuhren durch ländliche Vorstädte, die so ausgestorben wirkten, als hätte man gerade die Sperrstunde verhängt. Die wenig befahrenen, schmalen Landwege mündeten bald in größere Straßen mit mehr Verkehr. Über Sangolquí gelangten wir nach El Tingo, einem hübschen Provinzstädtchen mit einer entzückenden Plaza. Von El Tingo ist es nur ein Katzensprung nach Cununyacu; dort befindet sich die Schule unseres Sohnes.

Der letzte Abschnitt der Reise führte über die schöne neue Autopista zurück nach Cumbayá. Die Fahrt verging wie im Fluge, und als wir dann wieder in die Behaglichkeit unseres Heims zurückgefunden hatten und es uns auf dem Sofa bequem machten, um auszuruhen und um die vielen neuen Eindrücke zu verdauen, die wie eine Flut auf uns eingestürmt waren, konnten wir kaum glauben, dass es erst wenige Stunden her sein sollte, dass wir unter dem Gletscher des Cotopaxi gestanden hatten.

Parque Nacional Cotopaxi

Als wir in den USA lebten, haben wir einmal einen Naturpark besucht, das Wichita Mountains Wildlife Refuge im Süden von Oklahoma. Großartig an den US-Naturparks ist, dass es gut ausgebaute Straßen gibt, auf denen man den Park bequem mit dem Auto durchqueren kann. Die Idee dahinter ist, dass es auch den einfachen, hart arbeitenden Menschen – und nicht nur einer Handvoll Privilegierter oder einigen elitären Abenteurern – möglich sein soll, einen Einblick in die Vielfalt der Natur zu gewinnen und ihre Schönheit zu genießen. Die amerikanische Kultur betet die Mobilität an und das Auto ist fast schon Gegenstand der Verehrung. Da würde es verwundern, wenn es in diesem Land auch nur einen Ort gäbe, den man nicht mit dem eigenen Wagen erreichen könnte, ganz gleich, wo auch immer sich dieser Ort befinden mag. Und so rollt man gemächlich durch die unberührten Weiten der Prärie und sieht den Bisons vom Auto aus dabei zu, wie sie friedlich grasen.

Die Gegend rund um den Cotopaxi ist mit Straßen so gut ausgebaut wie nur irgendein Naturpark in den USA. Weite Abschnitte sind sogar asphaltiert und lediglich direkt unterhalb des Vulkans und am Nordausgang muss man mit einer Schotterpiste vorliebnehmen, die umso holpriger wird je weiter man nach Norden kommt. Aber das Straßenbett ist immer noch gut genug, um auch Fahrzeugen, die nicht über Allradantrieb verfügen, eine leidlich sichere Fahrt zu ermöglichen.

Im Cotopaxi-Nationalpark findet man keine Bisons, sondern Wildpferde. Sie sind die Nachkommen der von den Spaniern eingeführten Andalusier. Sie dienten den Eroberern auf ihren Kriegszügen gegen die Azteken und gegen das Inka-Reich und oft erwiesen sich die Tiere in der Schlacht als kriegsentscheidende Waffe. Einigen gelang die Flucht in die Freiheit und auf den weiten Grasebenen unterhalb des Vulkans fanden sie offenbar so gute Lebensbedingungen vor, dass sie prächtig gediehen und sich vermehrten. Die Tiere zeigen keine Scheu vor dem Menschen. Wenn man sich ihnen nähert, beobachten sie einen nur aufmerksam, aber sie laufen nicht davon.

Wir näherten uns dem majestätischen Stratovulkan auf der Südroute. Es ging vorbei an tiefen Erdspalten und Klüften – ohne Zweifel Zeugnisse nicht weit zurückliegender tektonischer Aktivität. Viele der Hänge und Böschungen am Eingang des Parks sind zum Schutz gegen die Bodenerosion mit Pinien bepflanzt worden. In dem trüben Licht aus tiefhängenden Wolken, die an diesem Tag den Himmel verdunkelten, wirkten die Wälder fast schwarz. Leider hat man die Bäume viel zu dicht gesetzt, so dass das Unterholz in dem kühlen, feuchten Klima leicht zu faulen beginnt. An den Flanken der Berge sind die Bäume zudem oft starken Winden ausgesetzt und Windbruch kommt häufig vor. Die Stämme bleiben in dem dichten Bewuchs einfach liegen und verrotten mit der Zeit.

Wir rollten gemächlich auf der Straße dahin, die uns in sicherem Abstand an Klüften und Spalten vorbeiführte. Die geologischen Spuren wirkten wie Wunden, die sich nicht mehr schließen wollen. Einige Wagen fuhren vor uns und vielleicht gab es auch ein paar Autos hinter uns, doch sie verloren sich in der Weite der Landschaft. Es waren an diesem Tag nur wenige Touristen im Park unterwegs. Einigen der Besucher ging es dann aber doch nicht schnell genug und sie überholten die langsam vor ihnen rollende Kolonne, als wäre dies ein Rennen und als gelte es, die Ziellinie am Vulkan unter allen Umständen als erste zu überqueren.

Wir hatten es nicht eilig. Wir hielten ein paarmal und machten Fotos – ich glaube nicht, dass wir noch einmal Gelegenheit haben werden, den Vulkan zu besuchen. Die Parkregeln verbieten es, die ausgeschilderten Wege zu verlassen. Das Ökosystem rund um den Berg reagiert sehr empfindlich auf Eingriffe des Menschen und angesichts des kalten Klimas braucht eine Regeneration viel Zeit. Aber man darf halten und den Wagen verlassen, um Fotos zu schießen. Bären, wie im Yellowstone, gibt es natürlich nicht und deshalb muss man auch nicht fürchten, zur „Mahlzeit auf Rädern“ zu werden.

Der Puma, von dem noch immer einige Exemplare durch die menschenleeren Ebenen rund um den Vulkan streifen sollen, ist eher scheu und man müsste schon unglaublich viel Glück haben, um eines der Tiere je zu Gesicht zu bekommen. Allerdings sollte man immer ein Auge auf die Straße haben, denn mancher Parkbesucher scheint es gar nicht abwarten zu können, endlich sein Ziel zu erreichen: Schon von Weitem sieht man die Staubfahne, die sein geländegängiger Wagen aufwirbelt, wenn er ihn mit hoher Drehzahl über die Schotterpiste treibt.

Auf Umwegen zum Cotopaxi

Es gibt zwei Eingänge zum Cotopaxi-Nationalpark: einen im Süden, den anderen im Norden. Der südliche Einlass ist, obwohl weiter von Quito entfernt, mit dem Auto sehr viel leichter zu erreichen als der nördliche und die weitaus meisten Besucher entscheiden sich daher für den Südeingang. Man reist bequem auf der Panamericana und hinter Machachi, der nächstgrößeren Stadt südlich von Quito, aber noch vor Latacunga, nimmt man die gut ausgeschilderte Ausfahrt. Die Straßen sind hervorragend ausgebaut und eigentlich muss man sich auch keine Sorgen machen, dass man sich verfährt, denn der Cotopaxi ist so etwas wie die bekannteste touristische Ikone in diesem an landschaftlichen Höhepunkten keineswegs armen Land.

Man würde denken, dass bei der Anreise von Quito aus nichts schiefgehen könnte, denn die Route, auf der man sich dem Berg nähert, ist hervorragend ausgebaut und – wie wir bald feststellen sollten – auch gut ausgeschildert. Doch wir trauten der Sache nicht so richtig und ich hatte die nicht ganz unbegründete Befürchtung, man müsse die Zufahrt zum Park erst mühsam in der Landschaft suchen. Wir waren überzeugt, nach guter alter Landessitte hätte man wieder einmal vorausgesetzt, dass ein jeder intuitiv wüsste, wie er zum Berg gelangt, und daher wäre es auch ganz unnötig, Wegweiser aufzustellen. In Ecuador macht man des Öfteren die Erfahrung, dass man wichtige touristische Orte erst findet, nachdem man zehn Leute auf der Straße nach dem Weg gefragt hat. Nicht selten fangen die Schwierigkeiten aber dann erst an, denn es kommt vor, dass sich die Antwort der einen Hälfte der Gefragten nicht mit jener der andere Hälfte deckt.

Hinter Machachi nahmen wir eine Ausfahrt, von der wir überzeugt waren, dass sie uns direkt zum Eingang des Parks führen würde. Wir fuhren zehn Minuten auf dem gewundenen Asphaltstreifen durch die Wildnis. Eigentlich hätte uns stutzig machen müssen, dass wir niemanden sonst begegneten. Dass der Abzweig nicht ausgeschildert war, erschien uns hingegen nicht als ein ungünstiges Zeichen – wir gingen davon aus, dass man wieder einmal auf die überflüssigen Wegweiser verzichtet hätte. Irgendwann aber war die Straße einfach zu Ende und wir standen vor einem Maschendrahtzaun und einem Tor. Als handelte es sich um einen versteckten Außenposten des SETI-Programms, reckte sich hinter dem Zaun eine gewaltige Antennenschüssel in den Himmel.

Ein Wächter kam gemächlich aus seinem Postenhaus spaziert und ein kleiner Hund bellte aufgeregt. Meine Frau erklärte dem Mann, dass wir den Eingang zum Cotopaxi-Nationalpark suchten und dass wir uns wohl verfahren hätten. Der Mann schaute etwas amüsiert, denn dass dies nicht der richtige Weg war, leuchtete natürlich ein. Er meinte, die Ausfahrt finde sich ein Stück weiter die Panamericana runter. Aber eigentlich könne man sie nicht übersehen, denn der Weg sei ausgeschildert. Uns begann allmählich zu dämmern, dass wir das ecuadorianische Planungstalent grob unterschätzt hatten – Ausschilderungen und dazu noch flächendeckend, das war etwas revolutionär Neues.

Wozu die enorme Satellitenschüssel von den Ausmaßen einer Kirchenkuppel, zu der uns der Zufall verschlagen hatte, eigentlich dient, vergaßen wir leider zu erfragen. Dass es sich um eine wichtige militärische Anlage handelt, etwa zur Satellitenverfolgung oder zum Abhören der elektronischen Kommunikation, kann man natürlich nicht ausschließen, aber man muss sich fragen, wie ein einzelner Wächter und sein kleiner Hund einen Trupp zu allem entschlossener Pazifisten abwehren sollte?

Der Hals des Mondes

Mit seinen fast 5.900 Metern ist der Cotopaxi nach dem Chimborazo der zweithöchste Berg Ecuadors und dazu noch einer der höchsten aktiven Vulkane der Welt. Cotopaxi bedeutet auf Quechua „Hals des Mondes“ und wenn man den Berg bei Vollmond aus einer bestimmten Richtung sieht, wirkt er wie der Hals unter dem bleichen Antlitz des Erdtrabanten. Als wir den majestätischen Vulkankegel vor einigen Wochen besuchten, war Ausbruch-Warnstufe „Gelb“ ausgerufen worden und sämtliche alpinistischen Aktivitäten mussten eingestellt werden – nicht dass wir vorgehabt hätten, den Gipfel zu erstürmen.

Der Berg selbst und der Nationalpark, in dessen Zentrum er wie sein Herrscher thront, befinden sich nicht einmal eine Autostunde südlich von Quito. Die gute Erreichbarkeit mag einer der Gründe sein, warum der Cotopaxi so oft wie kaum ein anderer Berg in Südamerika bestiegen wird – Alpinisten müssen nicht erst eine lange, beschwerliche Anreise in Kauf nehmen, um ihr Ziel zu erreichen. Vom Hotel aus fährt man mit dem Auto direkt bis zum Fuß des Berges, lädt die Ausrüstung aus und schon kann das Abenteuer beginnen.

Unser Aufstieg endete da, wo das Abenteuer des ambitionierten Bergtouristen gerade erst beginnt, nämlich am Fuße des Vulkans. Natürlich konnte unsere Tour nicht mit dem Schwierigkeitsgrad einer alpinistischen Unternehmung wie der Besteigung eines Vulkans mithalten, aber dafür führte unser Weg auch nicht ausschließlich über Felsklippen, Geröllfelder und Gletscherspalten. Kein geringerer als Humboldt sollte unser Reisegefährte sein und der Weg, dem wir folgten, trägt noch heute den Namen des berühmten Naturforschers und Humanisten: „Humboldtsche Straße der Vulkane“. Was für ein stolzer Name!

In die Caldera

Vor einigen Wochen hatten wir den Pululahua-Krater besucht. Wir waren damals jedoch am Kraterrand geblieben und hatten lediglich einen kurzen Blick in die Caldera riskiert, denn wir fürchteten, der Abstieg und noch viel mehr der unvermeidliche Aufstieg würden sich zur körperlichen Tortur auswachsen. Nun aber hatten wir uns doch dazu verleiten lassen hinabzusteigen.

Ich schätzte, dass ein geübter Wanderer in nicht mehr als einer Stunde bis zum Boden gelangen könnte, und dass er zwei Stunden benötigte, um wieder emporzusteigen. Es zeigte sich dann aber, dass man gerade eine halbe Stunde braucht, um nach unten zu gelangen, und eine Stunde, um wieder hinaufzusteigen, und dabei hatten wir uns noch nicht einmal beeilt, sondern viele Pausen eingelegt – um zu rasten, zu fotografieren und einfach, um den herrlichen Ausblick zu genießen.

Der Weg führt an der Wand der Caldera entlang und ein steiniger Saumpfad, der an manchen Stellen kaum breit genug ist, auch nur einer Person Platz zu bieten, windet sich im Zickzack der Serpentinen in die Tiefe. Beiderseits wird der Weg von dichter Vegetation gesäumt – Regen und die allabendlich über den Krater ziehenden Wolken spenden Feuchtigkeit genug, um üppigen Pflanzenbewuchs zu ermöglichen. Abfließendes Regenwasser hat tiefe Rinnen in den Boden gewaschen und freigelegte Gesteinsbrocken und allerlei Geröll machen den Abstieg oft zu einem schwierigen Balanceakt. Die Wahl festen Schuhwerks erweist sich in jedem Fall als eine kluge Entscheidung.

Auf dem Weg in den Krater begegnen einem kaum Menschen. Die meisten Touristen scheuen die anstrengende und vor allem zeitraubende Klettertour und sie bleiben daher oben am felsigen Kraterrand. Man steigt allenfalls fünfzig Meter hinab, schießt wie zum Beweis des eigenen Wagemuts ein paar schnelle Selfies und klettert dann wieder hoch zur Aussichtsplattform. Der Selfie-Stick ist dabei ein unerlässliches Utensil und ich habe noch nie so viele Menschen mit dem lächerlichen Stab auf einem Haufen gesehen.

Eigentlich hatten wir gar nicht vorgehabt, den Boden des Kraters zu besuchen, aber nach zehn Minuten war schon fast die Hälfte der Strecke zurückgelegt und es kam uns nicht einmal besonders anstrengend vor. Ich weiß nicht, ob es Entdeckergeist war oder einfach Neugier, aber da wir schon einmal so weit gekommen waren, erschien es uns irgendwie töricht, so kurz vor dem Ziel umzukehren. Wenn eine Wanderung so angenehm ist wie diese, verbietet es sich, an den Rückweg und seine Strapazen zu denken.

Während des Abstiegs begegneten uns zweimal Bewohner des Kraters. Beim ersten Mal war es eine ältere Frau. Sobald sie meine Kamera sah, machte sie mit einer unmissverständlichen Geste klar, dass sie nicht fotografiert zu werden wünschte. Wahrscheinlich gibt es viel zu viele Besucher, die den Krater für eine Art Freilichtmuseum halten und die sich nicht scheuen, seinen sehr zurückgezogen lebenden Bewohnern mit geradezu voyeuristischer Neugier zu begegnen. Der zweite Kraterbewohner, der uns an diesem Tag über den Weg lief, war ein Mann mit seinen beiden Maultieren. Eines der Tiere ritt er selber, das andere diente ihm als Lasttier; es war mit Bündeln und Kanistern bepackt. Er grüßte freundlich, beachtete mich und die Kamera aber sonst nicht weiter.

Wir gelangten schneller zum Kratergrund, als wir es für möglich gehalten hatten: Vor uns breitete sich eine weite Idylle aus Wiesen und Weiden aus. Feldwege führten schnurgerade durch den sattgrünen, bunt mit Blumen gesprenkelten Rasenteppich. An den Rändern sah man den Mais sich in die Sonne recken. Pferde galoppierten über die Weiden und Hunde trotteten gemächlich auf den Wegen daher.

Wir kamen an einem alten Gehöft vorbei, das durch Jahrzehnte der Vernachlässigung in Verfall geraten war. Die Dachbalken kragten wie die Spanten eines geplünderten Piratenschiffes in die Luft. Die Denkmalpflege hatte zwar verzweifelte Anstrengungen unternommen, die zerbröckelnden Mauern vor dem Einsturz zu bewahren, doch es schien, alle Bemühungen wären vergeblich, denn sie kamen zu spät. Die Zeit forderte ihren Tribut – der Verfall hatte längst das Stadium der Unumkehrbarkeit erreicht und alles, was von dem einstmals ansehnlichen Haus noch übrig ist, sind brüchige Mauern und eine Handvoll morscher Balken.

Gleich nachdem man den Kraterboden erreicht hat, führt der Weg an einem Haus vorbei. Der Bau ist rund wie eine Jurte und von der Höhe des Kraterwalls aus betrachtet, wirkt er er eher wie der Tank einer Kläranlage. Auf dem Grundstück war ein junger Mann gerade mit Gartenarbeiten zugange. Er sprach gebrochen Englisch und wir erfuhren, dass man Zimmer mieten könne, nur wusste er nicht, wie viel man zu bezahlen hätte. Später fragte er seinen Vater – zwanzig Dollar verlangte man für die Nacht. Es schien jedoch nicht viele Reisende zu geben, die von dem Angebot Gebrauch machten. Als ich später allein durch den Krater streifte, begegnete mir nur ein junges Paar, das sich offenbar auf eine romantische Abenteuerreise begeben hatte. Ansonsten war ich ganz allein. Zwischen den Kraterwänden herrschte eine so tiefe Stille, dass jedes fremde Geräusch wie der Vorbote einer Invasion wirkte.

Mitten im Krater gibt es ein kleines Hotel. Ich gelangte eher zufällig zu diesem Ort, während ich den Feldwegen ziellos durch die üppig grüne Flur folgte. Es schien, das Gasthaus stand leer und die einzigen Bewohner waren der Besitzer, seine Familie und eine Angestellte. Von der anderen Seite hörte ich Kinderlachen und als ich den Bau umrundete und einen neugierigen Blick wagte, sah ich eine Frau, die an irgendeiner Maschine mit etwas Schweißtreibendem beschäftigt war: Sie brauchte ihre ganze Kraft, um ein großes, schweres Handrad zu drehen. Ich weiß nicht, was genau sie da tat, aber es sah aus wie etwas, das Mägde und Knechte auf einem Gutshof um das Jahr 1900 getan haben würden. Zwei Kinder tollten in der Nähe herum. Ich wollte nicht stören und begab mich in den Gästeraum.

Das kleine Hotel ist so rustikal eingerichtet, dass man sich vorstellen könnte, man sei in einer Berghütte in den Rocky Mountains. Doch Bergsteiger und andere Abenteurer bekommt man hier wohl eher nicht zu Gesicht, denn es bedarf keiner besonderen körperlichen Fähigkeiten oder einer speziellen Ausrüstung, um zum Grund des Kraters zu gelangen. Es dauerte geraume Zeit, bis es mir gelang, auf mich aufmerksam zu machen. Ich wollte einfach nur eine Weile sitzen und ausruhen und damit ich einen Vorwand hätte, bestellte ich einen Kaffee.

Eine Angestellte war gerade damit beschäftigt, Caldo de pollo, also Hühnersuppe, zu kochen. Der aromatische Duft zog durch das ganze Haus und obwohl ich Suppen im Allgemeinen und Hühnersuppe im Speziellen gar nicht mag, bekam ich dennoch Appetit, weil es so verführerisch roch. Als die Frau dann endlich geruhte, meine Anwesenheit zu bemerken, nahm sie meine Bestellung in einer Mischung aus Verwunderung und Widerwillen entgegen. Es dauerte eine gefühlte Ewigkeit bis der Kaffee kam. Nach guter alter Landessitte bestand er aus Instantpulver, das mit heißem Wasser aufgegossen worden war. Zumindest machten Milch und Zucker das Getränk einigermaßen genießbar.

Während ich so dasaß und meinen Kaffee trank – zum Glück war er heiß –, schaute der Besitzer vorbei. Er nahm von mir keinerlei Notiz, grüßte auch nicht, obwohl ich doch als der einzige Gast in der Lobby seines Hotels saß. Ich sprach ihn an, weil ich mehr über den Krater in Erfahrung bringen wollte, und wenn es jemanden gäbe, der darüber Bescheid wüsste, dann doch wohl er, da er hier lebte. Meine Spanischkenntnisse sind nicht der Rede wert, aber mein Englisch ist passabel und so fragte ich ihn, ob er Englisch spräche. Er bejahrte und ich hatte sogar den Eindruck, dass er die Sprache sehr gut beherrschte, fast wie jemand, der längere Zeit in den USA verbracht hatte. Doch ich kann mich natürlich auch täuschen, denn seine Antworten blieben einsilbig. Meist beschränkte er sich sogar nur auf ein, wie es schien, widerwillig dahingemurmeltes Ja oder Nein.

Schon nach wenigen Minuten ging mir der Redestoff aus und außerdem kommt man sich schnell wie ein Idiot vor, wenn man immer nur Fragen stellt, aber nie eine Antwort bekommt. Es ist alles andere als erbaulich zu versuchen, mit jemandem ein Gespräch zu führen, der nicht im Geringsten an einer Unterhaltung interessiert zu sein scheint. Der Mann verstand mein Angebot zum Smalltalk offenbar gründlich falsch und ich hatte sogar den Eindruck, er fühlte sich regelrecht belästigt. Vielleicht lässt man sich als Hotelbesitzer zu solcherart seichter Unterhaltung nur herab, wenn man es mit zahlenden Gästen zu tun hat.

Ich verabschiedete mich und machte mich auf den Rückweg. In der Einsamkeit des Kraters hat man sich menschlicher Gesellschaft offenbar bis zu dem Punkt entwöhnt, dass man selbst schon die flüchtige Begegnung mit Fremden als Störung empfindet. Ich hatte den Eindruck, die Leute wollten für sich bleiben und das mag auch der Grund sein, warum sie die Anwesenheit neugieriger Reisender nur ungern dulden. Ich wundere mich aber, warum man ausgerechnet ein Hotel betreibt, wenn man doch mit Menschen nichts zu tun haben möchte. Das ist ungefähr so, als würde jemand mit einer ausgeprägten Anthropophobie ausgerechnet im Kundenservice bei Ikea arbeiten.

Der Aufstieg hatte es in sich. Wenn man nicht daran gewöhnt ist, Treppen zu steigen oder sich in schier endlosen Trainingssitzungen auf dem Stepper zu kasteien, beginnen die Oberschenkel schon nach kurzer Zeit infernalisch zu brennen. Aber man hat es ja nicht eilig und man kann so viele Pausen machen, wie man eben braucht, um sich wieder zu erholen. Die Mittagssonne schien heiß auf die Kraterflanke und der Fels speicherte und reflektierte die Wärme wie die Ziegelwände in einem alten Bäckerofen. Die steil aufragenden Wände der Caldera unterbinden jede Luftzirkulation und an manchen Abschnitten des Weges staute sich die Hitze wie im Fokus eines Brennspiegels. Schon nach kurzer Zeit rann mir der Schweiß über den Rücken, als hätte ich ein anstrengendes Ausdauertraining absolviert. Das Shirt klebte mir auf dem Leib und ich hätte sonst etwas gegeben für eine kühlende Brise. Doch man spürte nicht den geringsten Lufthauch.

Anderen Spaziergängern machte der Aufstieg weniger zu schaffen: Als ich einmal rastete (und dabei die schöne Aussicht genoss), überholte mich eine Frau von vielleicht Siebzig. Sie trug einen dicken Wollpullover, dazu auf dem Kopf ein grünes Filzhütchen, wie es in Deutschland wohl nur passionierte Jäger im Seniorenalter aufzusetzen pflegen. Dazu hatte sie sich einen prall gefüllten Rucksack auf den Rücken geschnallt. Sie grüßte mich freundlich und stapfte dann in einem solch forschen Tempo den Pfad hinauf, dass man glaubte, sie wäre fest entschlossen, sämtliche Rekorde einzustellen. Während sie hurtig an mir vorbeizog, rätselte ich, wie man es in dieser Hitze fertigbringt, einen dicken Wollpullover zu tragen (wahrscheinlich war er aus molliger Alpaka-Wolle gefertigt) und dazu noch einen Filzhut und es dennoch vermeidet zu schwitzen.

Oberhalb des Kraters gibt es ein schönes Hotel mit einem gemütlichen Restaurant. Das Hotel sitzt auf dem Grat des Kraterwalls wie die Ananasspalte auf der Piña colada. Es gibt eine kleine Lobby unter einer Kuppel, in deren Zenit sich ein Fenster befindet, das gleich einem allsehenden Auge Licht spendet. Man sitzt entspannt in den überaus bequemen Sesseln, trinkt Tee aus Guayusa, einer Pflanze des Oriente, und schaut durch die riesigen Panoramafenster verträumt in die karge Hochgebirgslandschaft.

Vom Restaurant aus blickt man direkt in den Krater und an jedem Nachmittag wird man Zeuge, wie die Wolken gleich einem Wasserfall aus Trockeneisnebel in Zeitlupe über den Felsgrat in die Caldera stürzen. Wenn man vom behaglichen Innern des Hotels aus die aufregend andersartige Welt jenseits der Panoramafenster gewahrt, fühlt man den angenehmen Schauder des Exotischen und man kommt sich so vor, als befände man sich im beschützten Innern seines Raumschiffs, das gerade auf einem fremden, gefährlichen Planeten gelandet ist. Und aus der sicheren und komfortablen Kommandozentrale bewundert man die ganz und gar unvertraute Landschaft mit ihren grandiosen Schauspielen.