Neues zum Erdbeben

Im Lichte neuer Informationen scheint die erste Prognose, wonach Bahía das Erdbeben relativ unbeschadet überstanden hätte, wohl hinfällig. Man geht inzwischen davon aus, dass achtzig Prozent der Stadt verwüstet sind. Viele Häuser stehen noch, aber man muss annehmen, dass die Statik gelitten hat und dass man sie früher oder später wird abreißen müssen. Die meisten Städte der Küstenregion sind betroffen. Auch Manta, die große Hafenstadt am Pazifik, soll erhebliche Schäden davongetragen haben. Präsident Rafael Correa hat seinen Auslandsaufenthalt vorzeitig beendet und ist umgehend in die Regionen des Landes gereist, die am stärksten von den Auswirkungen des Bebens betroffen sind. Es heißt, als er die Verheerungen in Manta sah, sei er den Tränen nahe gewesen.

Manche Städte, wie Pedernales, sind vollkommen zerstört worden. Es gibt viele Todesopfer zu beklagen. In Canoa ist das Hotel „Canoa Beach“ eingestürzt. Dabei wurden Hotelgäste, unter ihnen Schweden, Dänen, Italiener, Amerikaner und auch Deutsche, verschüttet. Viele von ihnen sind offenbar noch am Leben, aber sie können sich nicht aus eigener Kraft befreien. Sie könnten gerettet werden und man hofft und bangt, dass in der nächsten Zeit Hilfe eintreffen wird. Da auch Deutsche zu den Opfern gehören, wurde die Botschaft der Bundesrepublik Deutschland informiert und gebeten, alles in ihrer Macht Stehende zu tun, um den Menschen zu helfen. Der ecuadorianische Staat ist angesichts des Ausmaßes der Katastrophe schlicht überfordert. Die Behörden tun, was in ihren Kräften steht, doch oft reichen die Kräfte einfach nicht aus.

Hilfe gelangt nur schwer in die betroffenen Regionen. Viele Gegenden sind von der Grundversorgung mit Wasser, Lebensmitteln und Medikamenten abgeschnitten und es drohen Epidemien. Die Regierung hat Hilfskonvois organisiert, um die Eingeschlossenen mit dem Nötigsten zu versorgen.

Leider haben in der Stunde der größten Not immer auch die skrupellosesten Elemente einer Gesellschaft Konjunktur. Dann ist die Zeit der Verbrecher, der Spekulanten und der unmoralischen Geschäftemacher gekommen. Dass Häuser und Geschäfte geplündert werden, erachtet man dabei noch als das geringste Übel. Man hört jedoch davon, dass einige Konvois von Banden überfallen worden seien: Wegelagerer zwangen die Helfer und Fahrer mit vorgehaltener Waffe, ihnen die Hilfsgüter auszuhändigen. Wer sich da weigert, den Anordnungen Folge zu leisten, hat entweder zu viele Actionfilme gesehen oder ist einfach nur dumm. Man weiß nicht, ob man aus schierer Not stiehlt, weil man die Hilfsgüter dringend zur Eigenversorgung benötigt, oder ob man die Gelegenheit für das große Geschäft wittert. Vieles ist denkbar und nur wenig davon kann mit Sicherheit ausgeschlossen werden.

Es tut mir in der Seele weh, Bahía so am Boden zu sehen. Ich kenne die Stadt nun schon seit vielen Jahren und es war immer schön zu erleben, wie der Fortschritt Einzug hielt und wie die Stadt sich mit den Jahren veränderte, ohne dass sie ihren unverwechselbaren Charakter einbüßte. Bahía hatte sich durch alle Wechselfälle des Lebens hindurch stets seinen Charme bewahrt. Es wird lange dauern, bis die Stadt wieder zu ihrer alten Heiterkeit zurückfindet. Ich hoffe sehr, dass ihre Einwohner sich nicht entmutigen lassen, denn so klein die Stadt auch sein mag, Bahía hat Bedeutung: Ein Ecuador ohne Bahía de Caráquez wäre ein sehr viel ärmeres Land.

Die meisten Informationen, auf die ich mich stütze, habe ich über Facebook bezogen. Ich mag Facebook nicht und es ist daher auch nicht mein Account, über den Nachrichten zu mir gelangen, sondern der meiner Frau. Es scheint, sie steht mit halb Ecuador in Verbindung und die Nachrichten gehen bei ihr in solch dichter Folge ein, dass ich fast glaube, ihr Notebook sei einer der großen Knotenpunkte des Cyberkosmos. Für die Richtigkeit der Angaben kann ich freilich nicht garantieren, denn niemand von uns ist bisher in der Küstenregion gewesen und hat die Verheerungen mit eigenen Augen gesehen. Was ich weiß, habe ich letztlich von anderen erfahren. Denn das ist wohl der Segen und auch der Fluch unserer Welt – nämlich dass wir alles wissen können, doch dass wir es von anderen erfahren müssen.

[Anmerkung: Die Bilder wurden von meiner Frau knapp zwei Wochen nach dem Beben aufgenommen.]

Ein Tempel für die Menschheit

Wenn man nach Quito reist, lohnt es sich, der Capilla del Hombre einen Besuch abzustatten. Auch wenn der Name etwas anderes vermuten lässt, ist die „Kapelle“ kein wirklich sakrales Gebäude, denn sie ist erdacht und erbaut als ein der Verehrung des Menschen gewidmeter Tempel und sie ist deshalb auch keinem höheren Wesen geweiht als dem Menschen selbst. Die Capilla del Hombre ist das Werk Oswaldo Guayasamíns, des bis dato bedeutendsten und einflussreichsten Künstlers Ecuadors. Guayasamín selbst betrachtete die Kapelle immer als sein Hauptwerk, doch ihre Vollendung sollte er nicht mehr erleben: Erst im Jahre 2002, drei Jahre nach seinem Tod, wurde der Bau feierlich eröffnet.

Informationen zu Leben und Werk Oswaldo Guayasamíns kann man aus jeder einschlägigen Enzyklopädie ziehen. Die Schaffensperiode des Künstlers überspannt fünfeinhalb Jahrzehnte bis zu seinem Tode im Jahre 1999. Mit einem Oeuvre von mehreren Tausend Werken, die meisten davon Gemälde, gehört Guayasamín mit Sicherheit zu den produktivsten bildenden Künstlern überhaupt. Die meisten seiner Bilder befinden sich im Besitz der „Fundación Guayasamín“, einer von ihm selbst gegründeten Stiftung, die sein Werk und sein Erbe verwaltet. Das Grundstück mit der Capilla del Hombre und dem Privathaus des Künstlers ist ebenfalls Eigentum der Stiftung.

Auf dem Parkplatz vor der „Fundación Guayasamín“ standen an diesem Tag gerade einmal drei oder vier Autos. Das ist natürlich nichts im Vergleich zu dem Andrang, der an jedem einzelnen Tag der Woche im Quicentro, der größten Shoppingmeile der Stadt, herrscht. Aber hinter den Pforten des Stiftungsgeländes wartet auch nur Kunst auf den Besucher und nicht Gucci. So fanden wir uns dann fast allein auf dem riesigen Areal wieder und an diesem Tag begegnete man auf dem Gelände mehr Wächtern und Gärtnern als Besuchern. Aber ich empfand die Stille als sehr angenehm, denn man konnte überall umherstreifen und wurde von niemandem dabei gestört.

Gerade fand eine Führung statt und wir schlossen uns der Gruppe an. Mit uns waren es gerade einmal sieben Teilnehmer und darüber hinaus begegneten wir niemandem. Die Führung fand auf Englisch statt, denn bei der Gruppe der Kunstinteressierten handelte es sich größtenteils um Amerikaner, wie man unschwer aus dem breiten Akzent ersehen konnte. Man kann die Capilla als eine Art Kunstgalerie oder einen Kunsttempel unter anderem Namen ansehen, doch einige der Leute, die mit uns zusammen durch die Säle schlenderten, hatten sich ausstaffiert, als wollten sie gleich im Anschluss zu einer Expedition in die unerforschten Regionen des Amazonas-Regenwaldes aufbrechen. In einem Kosmonautenanzug oder mit einer Taucherausrüstung hätte man sicher kaum mehr auffallen können.

Ecuador gilt eben noch immer als einer der abenteuerlichsten Flecken auf diesem Planeten und in der Wildnis ist gute Ausrüstung nun einmal alles. Irgendwo in den Urwäldern des Oriente, der östlichsten Region des Landes, könnte man noch Verständnis für Trekkingstiefel, Cargohosen in Khaki, Tool-Westen und Ranger-Hüte aufbringen. Aber hier, in der Hauptstadt, im Zentrum Quitos? Es würde mich nicht wundern, hätten sie sich auch noch ihr Bushcraft-Messer an den Leib geschnallt – zur Abwehr von Jaguaren wie zudringlichen Einheimischen gleichermaßen.

Kaum hatte ich das Innere der Capilla del Hombre betreten, da begann ich auch schon eifrig Fotos zu schießen. Doch ich kam gerade noch dazu, zweimal auf den Auslöser zu drücken, da machte mich die Führung freundlich darauf aufmerksam, dass das Fotografieren sowohl in der Capilla als auch in den Räumlichkeiten des Wohnhauses des Künstlers untersagt sei. Ich hatte das Verbotsschild, das ohne jeden Zweifel am Eingang angebracht war, leider übersehen und die Belehrung wohl auch überhört. Die anderen Teilnehmer der Führung sahen mich strafend und auch ein wenig peinlich berührt an, dass ich die Etikette auf solch eklatante Weise verletzt hatte. Ich hätte ihnen mit einer gewissen Berechtigung entgegenhalten können, dass es die Regeln des Anstands und erst recht die des guten Geschmacks verletze, wie zur Safari gerüstet in einem Kunsttempel zu erscheinen. Das einzige gelungene Bild aus dem Innern der Kapelle findet sich übrigens in der Galerie.

Der Bau erinnerte mich auf seltsame Weise an einen parsischen Feuertempel, zumal in seinem Zentrum eine ewige Flamme brennt. Nicht, dass ich schon je ein zoroastrisches Heiligtum besucht hätte, ich hatte nur plötzlich den Eindruck, so müsse es in seinem Innern aussehen. Wie man auf den Fotos erkennen kann, ist der Baukörper streng kubisch mit einem quadratischen Grundriss. Darüber thront eine Kuppel. Außen ist diese wie ein Konus gestaltet, doch im Innern wölbt sich über den Betrachter ein Kuppelgewölbe mit einem Oculus im Zenit. Es gibt zwei Geschosse – eines auf ebener Erde und ein zweites darunter, einer Krypta ähnlich. Im Zentrum, direkt unter dem Auge der Kuppel, brennt die ewige Flamme.

An den Wänden hängen Gemälde von oft monumentalen Ausmaßen. Das größte, eine Allegorie auf das Ringen zwischen Spanien und Lateinamerika, misst von einer Seite zur anderen geschätzte zehn Meter (vielleicht auch weniger, jedenfalls wirkt es so groß wie eine Kinoleinwand). Wie ein riesiges Altarbild hängt es an prominenter Stelle im Hauptraum und wahrscheinlich nicht zufällig hat man den Eindruck, man stehe vor einer gewaltigen Ikonostase.

Auf fast allen Bildern sind jedoch Menschen dargestellt, doch oft fällt es schwer, in den gequälten, zerstückelten, geschundenen Leibern überhaupt noch etwas Menschliches zu erkennen. Der künstlerische Gestaltungswillen hat sich hier mit äußerster Expressivität entladen und nur zu oft sieht der Betrachter in dem Schlachthaus auf der Leinwand bloß eine Reflexion der schrecklichsten Facetten der beunruhigenden Realität seiner eigenen Welt.

Die Capilla del Hombre ist dem Leiden und dem Schmerz der ganzen Menschheit gewidmet und deshalb sind es auch nicht Heilige oder Engelswesen, die im seligen Reigen über das Kuppelgewölbe ziehen, sondern Menschen, denen Furchtbares angetan wurde: Man sieht skelettierte Gestalten, blass wie Würmer, die sich in verzehrendem Sehnen nach dem Licht strecken. Es wurde ihnen genommen, als man sie in die Dunkelheit eines Berges verbannte wie die Verdammten, die im innersten Kreis der Hölle ihre Sündenschuld büßen. Doch diese menschlichen Schattenwesen im Schlund des Tartaros sind ohne Schuld. Das sind die Sklaven von Potosí, des Cerro rico, des Berges, auf dessen Reichtümern das Spanische Imperium gründete und von dem aus die ganze Welt einst mit Silberpesos überschwemmt wurde. Der Oculus im Gewölbe dient als ein Sinnbild der Sonne, zu der diese lebenden Toten streben gleich dem Getier, das aus den Tiefen des Meeres zum Licht emporsteigt. Ich konnte mich nicht des Eindrucks entziehen, dies sei ein Totentanz, und vielleicht hat der Künstler diese Metapher mit Absicht zitiert.

Das ist keine Kunst, die man sich in die eigenen vier Wände hängen würde. Niemand möchte seinen Blick auf geschundene und zerstückelte Leiber richten, wenn er, gemütlich am Kamin sitzend, sich seinen wohlverdienten Sherry hinter die befrackte Brust kippt. Man verlässt die Capilla in gedrückter Stimmung: So viel Leid und Schmerz, wie im Fokus einer Linse an einem einzigen Ort konzentriert, lassen selbst wenig empfindsame Naturen mit sehr verstörenden Gefühlen zurück.

Als wir dann später das Haus des Künstlers besuchten, fragte einer der Anwesenden die Führung, ob denn Guayasamíns Kunst ausschließlich von solchen düsteren Themen bestimmt gewesen sei. Habe er denn nicht auch einmal Blumen, Stillleben, Akte oder Landschaften gemalt? Kunst, so die Antwort, sei für ihn stets eine Art des Protests gegen den Zustand der Welt gewesen. Mit lieblichen Landschaften und Akten werden wohl die meisten von uns einverstanden sein, nicht aber mit Unterdrückung, Terror, Folter und Mord. Die einzigen Landschaftsbilder, die Guayasamín malte, sind Ansichten von Quito, die sich in großer Zahl in seinem Nachlass finden. Dabei kam es vor, dass er, getreu seiner expressionistischen Grundhaltung, den Himmel je nach Stimmung einmal in Schwarz, bei anderer Gelegenheit jedoch in Rot ausführte. Sein Hauptaugenmerk lag jedoch immer auf dem Menschen, der unverrückbar im Zentrum seiner Kunst steht.

Da sich die Gelegenheit anbot, besuchten wir auch noch das Wohnhaus des Künstlers. Wenn man versuchte sich vorzustellen, wie das Haus eines berühmten Malers auszusehen hätte, würde man mit Sicherheit die Wohn- und Arbeitsstätte Guayasamíns als Beispiel zitieren. Die Architektur nimmt Anleihen beim spanischen Kolonialstil, doch in einer beeindruckenden Synthese aus Tradition und Moderne ist etwas ganz Neues entstanden.

Das Anwesen ist buchstäblich bis auf den letzten Quadratzentimeter vollgestopft mit Kunst. Wenn man die Räumlichkeiten betritt, ist man praktisch von allen Seiten von Kunst umgeben, man taucht förmlich darin ein. Alles ist sehr geschmackvoll zu einem großen Ganzen arrangiert, so dass sich einem trotz der ungeheuren Anzahl der Exponate und trotz der unterschiedlichen Herkunft und der sehr verschiedenen Stile nirgends der Eindruck des Überladenen aufdrängt. Viele Künstler, Freunde des Hausherrn, spendeten eigene Werke. So findet man zum Beispiel an einer der Wände Marc Chagall mit leichter Hand verewigt. Darüber hinaus war Guayasamín Zeit seines Lebens ein eifriger wie kenntnisreicher Sammler präkolumbianischer Kunst. Die Kollektion umfasst Tausende von oft sehr eindrucksvollen Stücken aus den verschiedenen Kulturepochen des amerikanischen Kontinents. Abgesehen von der hohen Qualität der Exponate würde eine Sammlung dieses Umfangs jedem kunsthistorischen Museum zur Ehre gereichen.

Noch viel beeindruckender als die Privatgemächer mit ihren Kunstschätzen, ja, selbst noch als die Capilla del Hombre in ihrer Monumentalität des Leidens ist das Atelier des Künstlers. Guayasamín war ein Workoholic; dem Vernehmen nach arbeitete er vierzehn Stunden am Tag, und zwar jeden Tag. Das Atelier war sein eigentlicher Lebensmittelpunkt, denn die meiste Zeit seines Lebens verbrachte er dort. Von ihm ist der Ausspruch überliefert, er hätte zwar viele Frauen geliebt, aber die einzig wahre und unvergängliche Liebe in seinem Leben sei die Liebe zur Kunst.

Der Raum ist riesig wie ein Salon und in der Tat befindet sich im hinteren Teil eine Bibliothek mit bequemen Klubsesseln, die dem Ambiente ein wenig großbürgerliches Flair verleihen. Wären nicht die Staffeleien und die langen Tische mit den Farben, Pinseln, Spachteln, Tiegeln und Paletten, würde man meinen, man befände sich in den Räumlichkeiten eines exquisiten Gentleman-Clubs. Guayasamín war ein Mensch, der sich gern mit schönen Dingen umgab, und schön ist einfach alles in diesem Haus, selbst noch der Ort, an dem er seine Werke schuf.

Als wir das Atelier betraten, empfing uns Bach so schön und herzerwärmend, dass ich zuerst dachte, die künstlerische Leitung der Stiftung wäre der Marotte verfallen, die Besichtigungstouren mit musikalischer Begleitung zu versehen. Doch ich wurde eines Besseren belehrt: Wann immer der Künstler in seinem Atelier arbeitete, pflegte er Bach zu hören, und da man ihn auch jetzt spielte, war es fast, als würde Guayasamín jeden Augenblick durch die Tür treten und die Besucher in seiner Künstlerwerkstatt begrüßen. Der Mann hat wahrhaftig in seinem eigenen Paradies gelebt.

Auf einer der Staffeleien stand ein großformatiges Porträt Fidel Castros, eines guten Freundes des Künstlers. Der kubanische Staatschef hielt übrigens die Rede zur Einweihung der Capilla del Hombre. Guayasamín hat den Máximo Líder insgesamt dreimal gemalt. Auf diesem Bild erinnert er mich sehr an die streng blickenden spanischen Adligen in den Werken El Grecos. Mit seiner willensstarken Stirn, der kräftigen gebogenen Nase und dem schwarzen Bart könnte man den kubanischen Revolutionär glatt für einen Konquistador halten.

Am Ende waren wir Oswaldo Guayasamín noch eine Pflicht schuldig: Im Garten des Hauses befindet sich seine letzte Ruhestätte. Es war sein Wunsch, dass seine Asche an dem Ort verbleibe, den er sich selbst ausgesucht hatte: Von hier aus könnte er sowohl seine Kapelle des Menschen als auch sein Haus sehen, sowie die Stadt, die er so sehr liebte – Quito. Über dem Grab steht eine Pinie – er hat sie eigenhändig gepflanzt. Es heißt, dies sei ein Lebensbaum, ein Symbol des ewigen Lebens. An seinen Ästen flattern bunte Bänder und hängen Amulette. Man kann sich nur schwer des Eindrucks erwehren, der Geist des Künstlers durchwehe diesen Ort und verwandle alles in etwas Wunderbares. Und so kann es geschehen, dass ein Haus der Kunst zu einer sakralen Weihestätte des Menschen wird und eine gewöhnliche Pinie zu einem heiligen Baum des Lebens.

Es ist kein trauriger Ort und doch macht es einen betroffen, wenn man an der Stelle steht, die das letzte Refugium auf dieser Welt sein soll für einen Menschen, dessen außergewöhnliche Odyssee des Geistes andauerte, so lange er lebte. Aber es wäre möglich, seine Prophezeiung erfüllt sich und er kehrt eines Tages zurück. Vielleicht hat er aber nie die Welt der Lebenden verlassen, wenn wahr ist, was man über große Geister sagt: nämlich dass sie unsterblich sind.

Als wir die Anlage verließen, drangen plötzlich Worte in einer bekannten Sprache an mein Ohr: Zwei ältere Damen spazierten Arm in Arm zum Ausgang und parlierten dabei im gewählten akademischen Deutsch der Vor-Achtundsechziger über die Welt im Allgemeinen und über die Kunst Guayasamíns im Speziellen. Vielleicht waren es pensionierte Kunstprofessorinnen oder bloß Laien, die sich leidenschaftlich für die Kunst interessieren. Ich glaube, Oswaldo Guayasamín hätte bei diesem Anblick seinen Spaß gehabt, und ich habe das Gefühl, dass man noch sehr lange Zeit über seine Kunst sprechen wird. Denn die Welt, die er durch sein Schaffen zu einem besseren Ort zu machen versuchte, ändert sich nun doch nicht so schnell, wie alle Menschen guten Willens glauben möchten. Jedoch, schön wäre es.

Am Krater

Am vorletzten Wochenende juckte es uns wieder einmal in den Beinen und wir wollten die freien Tage nicht verstreichen lassen, ohne etwas von welterschütternder Bedeutung vollbracht zu haben. Obwohl ich sonst wenig Veranlassung habe, mich von unseren mehr oder weniger einstimmig gefassten Kollektivbeschlüssen auszunehmen, verspürte ich eigentlich nicht viel Lust auf einen Trip in die Umgebung der Stadt. Doch meine Frau schien wieder einmal von Unrast getrieben und ihr die Idee auszureden, schien so sinnlos wie jemanden mit Restless-leg-Syndrom den Rat zu erteilen, er müsse, um schlafen zu können, doch einfach nur die Füße stillhalten.

Man hätte ja auch einmal zuhause bleiben und einen Brettspielabend mit Monopoly oder den Siedlern von Katan veranstalten können; man hätte es sich auf der Couch bequem machen und sich bei Pizza, Eis und Popcorn dem cineastischen Overkill mit allen drei Folgen von „Der Pate“ hingeben können (raubkopierte DVDs kann man hier allerorten für zwei oder drei Dollar kaufen). Als Großstadtmensch aus Überzeugung und Bestimmung bin ich eher fürs Bequeme und ich kann nur im Ausnahmefall einen triftigen Grund darin entdecken, ferne Orte zu besuchen, wenn man es sich in den eigenen vier Wänden gemütlich machen kann.

Für mich gibt es kaum etwas Schöneres als den Sonntag einmal in Ruhe und Frieden zuhause zu verbringen – schließlich hat man in der Woche genug Stress –, aber meine Frau meint, da wir schon einmal hier im Lande seien, wäre es eine Dummheit, wenn wir nicht auch einige seiner Sehenswürdigkeiten besuchten. Sie wird nicht müde, diese Weisheit nach Art eines Ceterum censeo wieder und wieder von sich zu geben, noch bevor ich überhaupt den leisesten Einspruch erheben kann, ja, bevor ich überhaupt widersprechen möchte, denn es kommt ja durchaus vor, dass wir einmal einer Meinung sind. Außerdem, so meint sie, käme die Gelegenheit vielleicht nie wieder. Das ist wohl wahr und damit hat sie ausnahmsweise einmal Recht.

Als wir vor einigen Wochen die Mitte der Welt (Mitad del Mundo) besuchten, hörten wir zufällig von einer Tour zu einem spektakulären Vulkankrater. Ich hatte von diesem Besuch nicht eigens berichtet, weil der Trip zur Mitad del Mundo ohnehin zum Standard-Repertoire jeder Ecuadorreise gehört wie die Pusteln zu den Windpocken. Nichtsdestotrotz habe ich es mir nicht versagen können, ein paar Bilder auf diese Seite zu stellen – nur für den Fall, dass man mir vorwirft, ich hätte diese touristische Sensation absichtlich ausgelassen. Auf einem der Bilder sieht man mich sogar in der typischen Pose des Touristen, der stolz wie ein Weltbezwinger mit jedem Fuß auf einer Hemisphäre steht (weitere Bilder von der Mitte der Welt befinden sich in der Galerie).

Auf dem Areal der Mitad del Mundo haben sich einige kleinere Reiseagenturen angesiedelt; sie bieten vor allem Kurztrips zu den Sehenswürdigkeiten in der Umgebung der Stadt an. Die Bilder am Büro eines dieser Reiseveranstalter waren von solcher Imaginationskraft, dass wir spontan beschlossen, an einem anderen Tag wiederzukommen, um eine Tour zu buchen. Die Mitarbeiterin des Reisebüros empfahl uns, die Eintrittskarte für die Mitad del Mundo sowie die Banderole, die man ums Handgelenk geklebt bekommt, aufzuheben, denn andernfalls müssten wir das nächste Mal noch einmal Eintritt bezahlen. Ich sollte die Banderole nach Möglichkeit so entfernen, dass sie nicht reißt, was eine nicht geringe Herausforderung darstellte, wie jeder weiß, der schon einmal versucht hat, den Türsteher seines Lieblingsklubs mit einem wiederverwendeten Armband auszutricksen. Den Rest des Abends war ich dann auch damit beschäftigt, die Banderole mit äußerster Akribie von meinem Handgelenk zu pulen.

Die Tour zum Krater Pululahua, so der Name der Örtlichkeit, nimmt ihren Ausgang auf dem Areal der Mitad del Mundo und wenn man daran teilnehmen möchte, muss man erst einmal dorthin gelangen. Meine Frau erklärte dem Mitarbeiter am Einlass wortreich, wo das Problem lag, und sie zeigte ihm auch die Eintrittskarte, die wir anlässlich des Besuches vor einer Woche gekauft hatten, und die Banderole, die sauber abzulösen mir unter größten Schwierigkeiten gelungen war. Der Mitarbeiter hatte ein Einsehen und verwies uns zu einem Serviceeingang an der Seite.

Dort empfing uns der unvermeidliche Posten des Wachschutzes mit dem grimmigen Gesichtsausdruck des Uniformierten, der ein Grüppchen fröhlicher Zivilisten nahen sieht (Wachposten gucken immer grimmig, wenn sie Zivilisten nahen sehen; das lernen sie wahrscheinlich auf der Akademie für Wachposten). Wieder legte sich meine Frau mit nicht weniger grimmiger Plauderlaune ins Zeug. Sie bestürmte den Mann mit einem unwiderstehlichen Wortschwall, als gelte es ein furchtbares Schicksal abzuwenden wie seinerzeit Scheherazade. Sie vergaß auch nicht, das Ticket und die Banderole triumphierend vor der Nase des Mannes zu schwenken. Der Uniformierte folgte der Bewegung wie der T-Rex der Fackel in „Jurassic Park“, und hätte sie die Banderole weggeworfen, wäre der Mann ihr wahrscheinlich hinterhergerannt.

Schließlich, nach einer herzerweichenden Rede, die selbst noch einen kaltherzigen Bösewicht wie Lord Voldemort zu Tränen gerührt hätte, ließ uns der Mann mit gönnerhafter Miene ein. So wie meine Frau ihn bearbeitet hatte, konnte er sich wie der Held fühlen, der zwei hilflosen Fremden das Leben rettete. Ich glaube nicht, dass so etwas in Deutschland möglich gewesen wäre: Regeln sind Regeln und Ordnung muss nun einmal sein!

An der Reiseagentur wartete bereits der Kleinbus, der uns hinauf zum Krater transportieren sollte – ein klappriger alter Ford, dessen beste Zeit schon seit mindestens zwanzig Jahren vorüber war. Aber immerhin war der Fahrersitz mit Cupholdern ausgestattet und das Armaturenbrett war edel in Holz gefasst. Ich schrieb uns in die Teilnehmerliste ein und da wir an diesem Tag die letzten waren, die sich für die Tour anmeldeten, und man angeben musste, aus welchem Land man kommt, konnte ich ersehen, woher die anderen Tour-Teilnehmer stammten: Abgesehen von mir kam die einzige Teilnehmerin, deren Muttersprache nicht das Spanische ist, aus Schweden. Alle übrigen entstammten dem hispanischen Kulturkreis. Die meisten waren natürlich Ecuadorianer, aber auch ein junges Paar aus Chile fuhr mit.

Dann traf auch endlich unser Tour-Guide ein und schon ging es hinauf zum Krater. Dort trafen wir ein, kaum dass wir abgefahren waren – nach nur zehn Minuten war die Fahrt zu Ende. Jetzt wurde uns auch klar, dass wir keine Tour hätten buchen müssen, um zum Krater zu gelangen; man kann bequem mit dem eigenen Auto fahren. Viele hatten genau das getan und der Parkplatz vor dem Eingang war restlos mit den Autos der anderen Besucher zugestellt. Auch der unvermeidliche Porsche fand sich darunter. „Mutig“, bemerkte mein Sohn, und in der Tat stellt es angesichts der ausufernden Kriminalität im Lande ein nicht geringes Wagnis dar, einen Luxuswagen wie diesen auf einem unbewachten Parkplatz abzustellen. Aber ich bin sicher, der Porsche-Fahrer hat sich etwas dabei gedacht. Während unser Guide den Bus irgendwo zu parken versuchte, machten wir uns auf den Weg zum Krater.

Wenn man oben auf dem Kamm des Katerwalls steht, kann man angesichts der unirdischen Szenerie leicht dem Eindruck erliegen, man erlebe die Vision einer fremden Welt: Der Krater ist gewaltig und tief wie die Schädelkalotte eines gestürzten Titanen. Als wäre er die umgestülpte Schüssel des Himmels, ist er von einem Meer aus Wolken und Dunst erfüllt. Man kann die Luft darunter förmlich anfassen, da sie das Kraterloch wie ein Block aus Kristall zu füllen scheint. Der Fels ist überall von einem samtigen Pelz aus Vegetation überzogen und der Kraterboden ist bis in den letzten Winkel mit dem grünen Schachbrettmuster der Felder und Gärten bedeckt. Man sieht Häuser und Gehöfte, die gleich Miniaturen unter dem hastig dahineilenden Wolkendunst liegen. Wie eine Schneelawine, die träge über einen Felsgrat fließt, stürzen die Wolken über den Kraterrand. Sie gleiten durch das Rund der Caldera als wären sie Schaum in einer Tasse Macchiato. Die Kraterwände halten sie im Innern gefangen und so zerreibt sie der Fels allmählich zu Fetzen.

Mit seinem Hut und seinem lässigen Gehabe ist unser Guide die ecuadorianische Variante eines Indiana Jones. Als wir den Kraterrand erreicht haben, schwingt er sich verwegen auf die Balustrade, welche die Grenze zwischen Leben und Tod markiert: Rechter Hand senkt sich der Abhang dreihundert Meter in die Tiefe, aber die schwindelerregende Höhe scheint den Mann nicht im Mindesten zu bekümmern. Mit geradezu stoischer Ruhe setzt er zu seinem Vortrag an: Die Caldera hat einen Durchmesser von vier Kilometern und der Wall des Kraters steigt vom flachen Kraterboden aus über dreihundert Meter in die Höhe. Auf der Kraterseite sind die Wände fast senkrecht und es mag Stellen auf dem Wall geben, von denen aus man einen Stein fallen lassen kann und er würde erst wieder zur Ruhe kommen, wenn er auf dem Kraterboden aufschlägt.

Der Krater entstand vor Äonen infolge einer kataklysmischen Eruption: In den Magmaherden hatte sich Druck aufgebaut. Dieser Druck steigerte sich mit der Zeit so sehr, dass die Gesteinsdecke den plutonischen Kräften nicht länger standhalten konnte. In einer gewaltigen Explosion entluden sich die unterirdischen Kräfte und wie den Korken einer Sektflasche, die man zu sehr schüttelt, katapultierte der Vulkan das Gestein in die Stratosphäre. Zurück blieb jener riesige Krater gleich einer geologischen Pockennarbe.

Infolge eines einmaligen Zusammenspiels verschiedener klimatischer Phänomene beginnen die Wolken jeden Nachtmittag pünktlich um drei Uhr ihre Reise in den Krater. Wir waren gegen halb drei auf dem Kraterrand und konnten gerade den Anfang dieses faszinierenden Schauspiels verfolgen: Wie ein Wasserfall stürzen die Wolken über den Rand und schon nach kurzer Zeit ist das Kraterrund mit Wolken gefüllt als wäre es eine Schüssel mit dicker Graupensuppe. Später in der Nacht löst sich die Wolkendecke wieder auf und dann ist der Himmel sternenklar. Im Krater selbst gibt es kein Wasser und man wundert sich, wie die Menschen, die auf seinem Boden siedeln, überleben können. Die Wände und der Kratergrund sind aber mit einem dichten Pelz aus Vegetation überzogen. Die einzige Quelle der lebenspendenden Feuchtigkeit sind die Wolken.

Mindestens seit der Zeit der Inkas ist der Pululahua-Krater von Menschen besiedelt. In letzter Zeit hat es aber eine starke Abwanderung gegeben, denn niemand bei Verstand möchte sich für immer in dieses vorzeitliche Refugium einsperren lassen: Es gibt weder Radio noch Fernsehen noch Internet – die steil aufragenden Felswände verhindern jede Kommunikation mit der Außenwelt. Handys sind also vollkommen sinnlos, und Straßen, auf denen man mit dem Auto zum Kratergrund gelangen könnte, gibt es schon gar nicht. Vor einigen Jahren hat man zum ersten Mal eine Telefonverbindung eingerichtet. Die Leitungen schwingen wie die Kabel einer Seilbahn im Hochgebirge Hunderte Meter frei durch die Luft. Der einzige Weg in den Krater hinein und wieder hinaus führt über steinige Saumpfade, die sich in Serpentinen an den Kraterwänden entlang in die Tiefe winden.

Im Krater leben fast nur noch Alte. Die letzte Schule wurde schon vor Jahren geschlossen und auch der letzte Arzt hat dem Pululahua vor geraumer Zeit den Rücken gekehrt – die Patienten sind ihm ausgegangen. Die Leute besinnen sich lieber auf Kräuter und die heilenden Kräfte der Natur als den Rat eines Arztes zu suchen. Die typischen Altersgebrechen und Zivilisationskrankheiten, über die man den Berliner Rentner bei jedem sich bietenden Anlass klagen hört, scheinen hier vollkommen unbekannt zu sein. Trotz ihres fortgeschrittenen Alters erfreuen sich die Bewohner des Kraters einer so guten Gesundheit, dass sie nie einen Arzt nötig haben. Der arme Mann musste wahrscheinlich frustriert aufgeben, weil er sich fast zu Tode langweilte – niemand wollte ihn konsultieren.

Die Kraterbewohner finden ihr Auskommen in der Landwirtschaft. Vielfach wird Subsistenzwirtschaft betrieben, denn was der eigenen Hände Arbeit nicht hergibt, ist nur sehr schwer zu beschaffen. Einmal pro Woche befördern die Bauern ihre Waren auf Eseln zu einem Markt an der Mitad del Mundo. Darüber hinaus haben sie wohl nicht viel Kontakt mit der Außenwelt und das Leben im Krater ist sicher so geruhsam wie in einem einsamen Weltraumhabitat auf der Rückseite des Mondes. Damit ist auch das Geheimnis um die eiserne Gesundheit der Leute gelüftet: Der geheime Quell ihres Wohlbefindens scheint in der Abwesenheit von jeglichem Stress zu liegen. Aber wie sollte man sich auch gehetzt fühlen, wenn das einzige alltägliche Ereignis von Bedeutung im Leben der wöchentliche Gang zum Markt ist.

Hin und wieder verirren sich von Wanderlust getriebene Touristen in die Caldera. Der Abstieg mag dem alpinistisch Ungeübten noch unter Mühen möglich sein, aber der Aufstieg hat es in sich, zumal man auf dreitausend Metern Höhe nach ein paar schnellen Bewegungen oft das Gefühl hat, man würde einen Sack über den Kopf gestülpt bekommen. Als wäre man einem Vakuum ausgesetzt, ist plötzlich die Luft weg, und dann muss man erst einmal stehen bleiben und warten, bis sich das wie wild rasende Herz wieder beruhigt hat.

Im Krater gibt es ein Hotel, das den an den Komfort der Zivilisation gewöhnten Reisenden mit einem bequemen Bett für die Nacht und einer anständigen Mahlzeit versorgt. Durch ein Teleskop kann der Bewohner der Nordhalbkugel die fremden Konstellationen des südlichen Sternenhimmels bewundern, denn pünktlich zur Nacht löst sich die Wolkendecke, die ab drei Uhr Nachmittags über dem Krater zu liegen pflegt, wieder auf. Man muss aber aber kein Teleskop haben, um die Wunder des Weltalls bestaunen zu können. Einige campen im Krater. Wenn man dann nachts unter dem bestirnten Firmament liegt, das von den Kraterwänden eingerahmt wird wie von den beschützenden Händen eines Schöpfergottes, mag man sich wie der erste Mensch fühlen, der seinen Blick voller Ehrfurcht zu der erhabenen Größe des Himmels aufrichtete.

Die leidige spanische Sprache

Der Erwerb einer fremden Sprache folgt ganz eigenen Gesetzen. Wie man weiß, lernen die Menschen nicht alle auf dieselbe Weise, und ein Weg, der dem einen schnelle Erfolge verspricht, mag den anderen in eine Sackgasse führen. Aus Erfahrung weiß ich, dass ich eine Sprache am besten lerne, wenn ich sie nur oft genug höre, insbesondere, wenn die Worte von einem Muttersprachler gesprochen werden. Zumindest war es beim Englischen so, der einzigen Fremdsprache, die ich gut genug spreche, um darin sowohl eine gepflegte Unterhaltung zu führen, die nicht ständig an den eingeübten Floskeln des Smalltalks kleben bleibt, als auch ohne die Hilfe eines Wörterbuches Texte zu lesen, deren Schwierigkeitsgrad ein klitzekleines Bisschen über das Niveau der Dialoge bei den Teletubbies hinausgeht.

Experten – Linguisten, Lernforscher, Polyglotte – räumen ein, es mag zwar ausgewiesene Sprachtalente geben, dennoch könnten auch Menschen Fremdsprachen erlernen, die sich selbst überhaupt nicht für sprachbegabt halten (in diese Kategorie falle ich). Ich möchte der Expertenmeinung nicht grundsätzlich widersprechen und ich glaube sogar, dass unter idealen Bedingungen jeder eine Fremdsprache erlernen kann, doch meist sind die Bedingungen weit davon entfernt, ideal zu sein und dann hat natürlich derjenige, dem der Zugang zur Sprache leichtfällt, einen Vorteil gegenüber dem „Normalbegabten“.

Vor einigen Jahren traf ich in Berlin einen jungen Brasilianer, der erst seit wenigen Wochen in der Stadt lebte. Obwohl er sozusagen kaum angekommen war, sprach er so gut Deutsch, dass ich direkt neugierig wurde. Ich fragte ihn, wie er denn die Sprache so schnell habe erlernen können. Er erzählte mir, dass er sich, ein Jahr bevor er nach Deutschland kam, jeden Tag DVDs auf Deutsch angeschaut und auch oft die „Deutsche Welle“, das deutsche Auslandsfernsehen, geguckt hätte. Ich war begierig zu erfahren, ob er denn nicht Vokabeln habe lernen müssen oder ob er denn nicht Übungen zur Grammatik gemacht hätte, aber er verneinte. Natürlich sprach er nicht perfekt und manchmal fehlte ihm das eine oder andere Wort, doch war er dann zumindest fähig, wortreich und sehr anschaulich zu beschreiben, was er meinte, und wenn man nur deutlich genug sprach, verstand er fast alles auf Anhieb. Das ist mehr als erstaunlich und ich denke, nur wenige Menschen sind mit einem derartigen Sprachtalent gesegnet. Ich kann mit größter Sicherheit erklären, dass ich nicht zu diesen Glücklichen gehöre.

Gemeinhin stellt man sich vor, man müsse nur lange genug in einem fremden Land leben und wenn der Kontakt zu seinen Bewohnern auch eng genug ist, sei das Erlernen der Sprache dieses Landes ein Kinderspiel, etwas, das man gewissermaßen en passant erledigen kann – auch ohne lästiges Vokabelnpauken, ohne langweilige Grammatikübungen und vor allem ohne quälende Repititorien. Aus eigener Erfahrung kann ich sagen, dass an dieser Idee ungefähr so viel dran ist wie an der Illusion, man könnte übers Wasser laufen, wenn man es sich nur fest genug vornimmt.

Der Aufenthalt in einem fremden Land ist natürlich noch kein Garant dafür, dass man auch die Sprache erlernt, denn der Lernerfolg ist an bestimmte Bedingungen geknüpft, und fehlen diese, ist der Erwerb des fremden Idioms nur um den Preis von Blut, Schweiß und Tränen sowie jeder Menge Kopfschmerzen möglich. All die Expats, die sich in Kulturen eingerichtet haben, deren Sprache sie nicht sprechen – sei es, dass sie nicht wollen, sei es, dass sie nicht können –, und die deshalb auch noch nach Jahren in ihrer neuen Heimat wie Fremdkörper wirken, geben davon beredt Zeugnis. Ich habe in Berlin Menschen getroffen, die kaum fähig waren, auch nur ein Dutzend Worte auf Deutsch zu sagen, obwohl sie fünf Jahre oder länger in der Stadt lebten. Das ist bedauerlich, aber eigentlich sollte ich nicht sie, sondern mich selbst bedauern, denn im Augenblick bin ich gar nicht so weit davon entfernt, ihre Erfahrung zu wiederholen, und es gibt Momente des Versagens und der Unfähigkeit, in denen ich wirklich den Tränen nahe bin – Tränen der Wut.

Die wichtigste Bedingung für den Lernerfolg ist natürlich, dass man mit der Sprache, die man lernen möchte, überhaupt in Kontakt kommt – je öfter dieser Kontakt stattfindet und je nachhaltiger er ist, für umso wahrscheinlicher kann man es ansehen, dass man ein Verständnis für die neue Sprache entwickelt. Der Versuch, eine Sprache zu meistern, die man weder tagtäglich hört noch selbst zu sprechen gezwungen ist, kommt dem Bestreben gleich, das Schwimmen zu lernen, ohne jemals ein Schwimmbad von innen gesehen zu haben.

Ich komme hier mit absolut niemandem in Kontakt. Es scheint fast, als lebte ich in einem Paralleluniversum, das zufällig einige Überschneidungen mit dieser Welt aufweist, dem Universum von Newton und Einstein. Ansonsten aber gibt es nicht viele Gemeinsamkeiten zwischen meiner Welt und der Welt da draußen. Die Bewohner unserer Urbanisation entziehen sich größtenteils der Annäherung durch ihre Mitmenschen, aber die Wohnanlage ist ja auch keine normale Stadt mit einem normalen öffentlichen Leben, das die Möglichkeit böte, sich zu begegnen.

Es gibt hier eigentlich nur zwei Arten von Residenten: Die einen sind wohlhabend und die anderen sind steinreich. Verschwiegenheit bedeutet hierzulande Sicherheit (s.v. „Kriminalität“) – je weniger die Nachbarn von einem wissen, desto sicherer fühlt man sich und desto besser glaubt man sein Eigentum beschützt. Da ist es natürlich schwierig, einen Kontakt aufzubauen. Außerdem fahren alle mit dem Auto und nur ein paar Verrückte gehen manchmal joggen. Die einzigen Worte bzw. Redewendungen, die ich wirklich brauche, um einigermaßen komfortabel durch den Tag zu kommen, beschränken sich auf „Guten Tag“ und „Danke“. Mehr muss ich eigentlich nie sagen und manchmal ist auch das schon zu viel. Es leuchtet ein, dass man eine Sprache wohl kaum wird lernen können, wenn es keinen Anlass gibt, sie zu sprechen.

In den USA habe ich viel fern gesehen. Im Gegensatz zu seinem etwas biederen deutschen Gegenstück ist amerikanisches Fernsehen eine Sache mit erheblichem Suchtpotential; ich liebe US-TV, denn es ist einfach nur großartig und wie von einer psychedelischen Droge kann man davon eigentlich nie genug bekommen. Doch der Marathon vor der Glotze dient nicht nur rein hedonistischen Zielen, sondern hat zugleich auch einen ganz praktischen Zweck: Durch die Dauerberieselung verbessert sich das Hörverständnis ganz enorm. Selbst die Werbung nützt da. Es ist ein wirklich erhebendes Gefühl, wenn man plötzlich feststellt, dass man alles versteht und dass man zum Beispiel den witzigen Plaudereien in den Late-Night-Shows oder den Pointen der Comedians problemlos zu folgen vermag. Dazu muss man mit keinem besonderen Sprachtalent gesegnet sein – es reicht, die Mattscheibe anzubeten.

Leider haben wir hier in Ecuador keinen Fernseher und so bin ich fast vollkommen von der Möglichkeit abgeschnitten, zumindest hin und wieder etwas Spanisch zu hören. Ich könnte mir auf Youtube Videos hochladen, aber – mein Gott! – das hätte ich auch in Berlin tun können. Dazu hätte ich nicht um den halben Erdball reisen müssen. Zu allem Übel scheint sich im Fundus der spanischsprachigen Videos kaum etwas wirklich Gescheites zu finden. Man stößt nur immer wieder auf die unsäglichen Telenovelas. Ich hasse diese absurden Daily Soaps aber so sehr, dass sie für mich ein Grund wären, niemals auch nur eine einzige spanische Vokabel zu lernen.

Spanisch ist keine einfache Sprache. Ich möchte nicht bezweifeln, dass es Menschen gibt, die Spanisch leicht finden und die auch in kurzer Zeit Lernerfolge erzielen, von denen ich nur träumen kann. Für mich ist diese Sprache so kompliziert wie nur irgendein exotisches Idiom aus dem hintersten Winkel der Welt, und ich habe manchmal das Gefühl, ich könnte noch eher Mandarin oder Arabisch lernen als Spanisch. Ich muss mir eingestehen, dass ich leider überhaupt keine Ader für diese Sprache habe. Mit viel Fleiß könnte man sicher so manches erreichen, allein mir fehlt der Antrieb; und man kann so manches über mich sagen, aber zu behaupten, ich sei fleißig, wäre ungefähr so, als würde man Mario Barth witzig nennen. Was nützt es, eine Sprache zu lernen, wenn man mit niemandem sprechen kann!

Wenn ich viel Englisch höre, kann ich mir Redewendungen und Wörter merken, und es ist erstaunlich, wie viel mein Hirn festzuhalten vermag, auch ohne dass ich mich langwierigen Exerzitien über Vokabellisten verschreiben müsste und ohne dass ich mich der Selbstkasteiung des Grammatikstudiums auszuliefern hätte. Aus irgendeinem Grund, der für mich ein vollkommenes Mysterium bleibt, verweigert das störrische Denkorgan aber denselben Dienst, wenn es sich um Spanisch handelt. Ich denke manchmal, die Art der Verschaltung meiner Neuronen steht der Beherrschung dieser Sprache so sehr entgegen wie die berüchtigten zwei linken Füße einer Karriere als Rudolf Nurejew. Wir, die spanische Sprache und ich, sind einfach nicht füreinander geschaffen, und wie es aussieht, können wir niemals Freunde sein.

Ich habe das ungute Gefühl, je länger ich hier lebe, umso weniger verstehe ich und umso weniger bin ich überhaupt fähig, selbst einfachste Sätze zu bilden. Die meisten Wörter kann ich nicht einmal korrekt aussprechen und die wenigen Sprechversuche, zu denen mir der Alltag Anlass gab, gipfelten darin, dass man mich je nach Sympathie entweder unsicher lächelnd oder achselzuckend oder fragend oder völlig verwirrt ansah. Je mehr Mühe ich mir gebe, mich verständlich zu machen, desto größere Verwirrung scheinen meine stockend vorgebrachten Ausführungen zu stiften. Das ist einfach nur frustrierend und mittlerweile habe ich eine regelrechte Abneigung dagegen entwickelt, überhaupt irgendetwas auf Spanisch zu sagen. Aber das muss ich ja auch gar nicht. Wie man grüßt und sich bedankt, habe ich gelernt, und das reicht, um durch den Tag zu kommen. Mehr wird vielen Expats übrigens auch nicht abverlangt und ich fühle mich fast schon wie einer von ihnen.

Es ist ermüdend und gleichermaßen unfruchtbar, immer nur Vokabeln zu lernen, wenn man keine Möglichkeit hat, sie zu üben. Es ist wirklich erstaunlich, wie schnell man vergisst: Mein Kopf ist wie ein Schwarzes Loch, das alles, was hineingelangt, unerbittlich verschlingt und niemals wieder lässt es auch nur den kleinsten Zipfel davon wieder hervortreten. Ich frage mich, wo all die vielen Vokabeln geblieben sind, die ich mir unter so großen Mühen versucht habe ins Gedächtnis zu hämmern. In meinem Kopf sind sie jedenfalls nicht.

Dafür geschehen neuerdings kuriose Dinge: Während ich mich krampfhaft an eine spanische Vokabel zu erinnern versuche, schießen mir plötzlich russische Wörter ins Hirn, die ich seit einer Ewigkeit weder gehört, noch gesprochen habe und an die mich zu erinnern ich nicht einmal den Wunsch verspüre. Das ist schon eine merkwürdige Art von Ironie (wirklich, sehr witzig!) und zugleich ist dieser unerbetene „Besuch“ aus der Vergangenheit schon ein wenig befremdlich, denn eigentlich habe ich mich als Teenager mehr für die durchsichtigen Blusen meiner Russischlehrerin als für das Schul-Russisch erwärmen können.

Vielleicht ist dies eine Art himmlisches Zeichen, um mir zu verstehen zu geben, ich solle ja nicht glauben, es sei bereits vorbei mit der russischen Sprache. Als Atheist und Rationalist vermag ich mich zwar nicht so recht davon zu überzeugen, dass nicht existente himmlische Mächte mir Zeichen schicken, aber die Welt ist ja bekanntlich größer als der eigene Verstand und man sollte die Türen stets geöffnet halten für unerwarteten Besuch.

Es könnte sich auch bloß um eine pathologische Laune meines Gedächtnisses handeln, das wie bei einer voll belegten Festplatte fieberhaft Speicherplatz zu schaffen versucht, indem es den alten Datenmüll entsorgt. Kürzlich ist mir sogar die verrückte Idee gekommen, dass ich, zurück in Berlin, meine Russisch-Studien wieder aufnehmen könnte. Gelegenheit zu sprechen, gäbe es jedenfalls genug, denn schließlich gilt Berlin innerhalb Deutschlands als die heimliche russische Hauptstadt. Aber das ist sicher nur so eine Flitzidee, die sich schnell verliert, sobald ich wieder in den hektischen Alltag der Stadt eintauche.

Diese merkwürdigen Gringos

Auf dem Rückweg stoppen wir kurz am Verkaufsstand des Kokosmannes, der uns den Weg zum Schmetterlingshaus gezeigt hatte. Wir nehmen einen Coco helado und genießen das erfrischende Getränk. Trotz des Regens, der am Nachtmittag zunächst als Nieselschauer einsetzt und sich dann zum Plattern verstärkt, ist es tropisch warm. Der Verkäufer posiert gern für ein Foto und ich stelle mich mit meiner Kokosnuss dazu. Die Aufnahme erhält mit Sicherheit einen bevorzugten Platz im Gringo-Reisealbum. Wir setzen uns mit unserem Coco ins Auto und gönnen uns eine kleine Verschnaufpause – nicht, dass unser Trip nach Mindo bis hierher so abenteuerlich gewesen wäre, dass wir unbedingt eine Pause nötig gehabt hätten. Es ist nur manchmal schön innezuhalten und einfach nur zu beobachten.

Ein älteres Paar kommt des Weges, beide unverkennbar Gringos und beide in der komisch-grotesken Unisex-Uniform der Hobbyornithologen: khakifarbenes Tropen-Outfit, das direkt aus dem Fundus von „Hatari“ zu stammen scheint; der Hosenbund der Shorts bis unter die Achseln geschnallt, so dass zumindest der Mann wie eine schlankere Ausgabe von Higgins, dem Verwalter auf Robin Masters Anwesen in „Magnum“, wirkt. Die Wanderstiefel mit unverwüstlicher Profilsohle und die fein säuberlich gerollten Socken über den dünnen Waden vervollständigen das Bild. Vor der Brust baumeln Feldstecher und dazu noch Kameras. In Gürteltaschen sind weitere Extras verstaut, die sicher dazu dienen, das Überleben in Extremsituationen zu gewährleisten – vielleicht greift ja einmal ein Vogelschwarm an, durch den Anblick der Hobby-Vogelkundler bis aufs Blut gereizt. Mit Extremsituationen hat man es in diesem Land wahrhaftig täglich zu tun! Da ist es beruhigend, wenn man das entsprechende Abwehrmittel immer griffbereit hat. Ich glaube, so mancher Ecuadorianer würde sich bekreuzigen wie beim Anblick des Leibhaftigen, wenn er jenes Grauen im Doppelpack unversehens zu Gesicht bekäme.

Abenteuer auf dem Río Mindo

Nur einen Katzensprung vom Schmetterlingshaus entfernt, befindet sich die Rafting-Station. Ich musste mich belehren lassen, dass man nur dann vom Rafting sprechen kann, wenn die Wildwasser-Argonauten auch die Möglichkeit haben, das Gefährt, dem sie sich anvertrauen, selbst zu steuern. Sitzt man jedoch auf einem Traktorreifen, ist diese Möglichkeit nur sehr eingeschränkt vorhanden. Man nennt die Tätigkeit dann folglich auch nicht Rafting, weil man ja nicht auf einem Raft, einem Floß sitzt, sondern Tubing (Tube – Schlauch). Sechs solcher Reifen werden nach Art eines Kohlenstoffmoleküls zusammengeschnürt, der siebte Reifen kommt in die Mitte.

Am Río Mindo geht es zu wie am Riesenrad auf dem Rummelplatz, wenn die Vergnügungssüchtigen sich in die Gondeln drängen: Sobald ein Floß besetzt ist, wird es der Strömung anvertraut, aber schon folgt das nächste und so könnte es wahrscheinlich fort gehen bis in alle Unendlichkeit, wenn nicht irgendwann die Nacht hereinbrechen würde. Auf jedem der Gummiflöße klammert sich ein halbes Dutzend todesmutiger Tubonauten an die Reifen, doch es geht eher gemächlich den Fluss hinunter, von abenteuerlicher Wildwasserfahrt keine Spur. Irgendwo, ein paar Hundert Meter unterhalb der Einstiegsfurt, zieht man die kreischende Fahrtgemeinschaft wieder ans Ufer; die Flöße finden auf Pickups den Weg zurück zum Ausgangsort und mit der Rückfuhre wird gleich frisches menschliches Cargo zur Tubing-Station gebracht.

Als ich mich der Station nähere, um Fotos zu schießen, werde ich gleich ein paarmal von den „Bootsführern“ gefragt, ob ich mitfahren will. Man scheint es zu glauben, denn schließlich sehe ich aus wie ein Gringo und damit scheine ich geradezu prädestiniert für Abenteuer dieser Art. Nicht wenige sind sichtlich verstört, als ich dankend ablehne. Ich mache ein paar Fotos. Am Ufer drängen sich Leute in Schwimmwesten so dicht wie die Mähnenrobben auf den Felsklippen vor Feuerland.

Ein paar der Abenteuerwilligen haben sich Go-pros an den Kopf geschnallt, kleine Kameras, mit denen man festhalten kann, was man gerade sieht. Man kann sagen, was man will, aber mit so einer Linse an der Stirn sieht man einfach nur lächerlich aus. Im besten Falle würde man für einen Borg gehalten werden, aber ich glaube nicht, dass es hierzulande viele Trekkies gibt, die den Spaß auch verstehen könnten. Die meisten, die das Wagnis eingehen, sich den Fluss hinuntertragen zu lassen, scheinen Ecuadorianer zu sein. Überhaupt sieht man nur sehr wenige Touristen, die man für Ausländer halten könnte, und wenn, dann sind sie sofort als solche zu erkennen – als hätte man ihnen ein Mal auf die Stirn tätowiert.

Lustige Karnevalszeit

Die Menschen reisen aus ganz verschiedenen Gründen: Manche suchen das Abenteuer, das sie in ihrem Alltag vermissen; andere hoffen im Fremden das Gewohnte wiederzufinden; wieder andere möchten ihre Schaulust befriedigen. Für mich kann eine Reise ruhig beschwerlich sein (zumindest bis zu einem gewissen Grad), am Ziel aber – und mag es auch noch so weit entfernt sein – möchte ich doch nur immer wieder in einem schönen Café landen und bei Latte macchiato und Chocolate-Chip-Cookies einen magischen Sonnenuntergang über einem unberührten tropischen Paradies genießen … oder die majestätische Ruhe über einer menschenleeren Eiswüste … oder die donnernde Brandung an einem wilden ozeanischen Gestade.

Leider findet man so selten Cafés in Eiswüsten und an einsamen Küsten. Eigentlich möchte ich mich ein wenig wie die Besucher des Restaurants am Ende des Universums im „Hitchhikers Guide to the Galaxy“ fühlen: Man sitzt in angenehmer Begleitung gemütlich beim Essen und lässt sich von der grandiosen Show bezaubern – immerhin wird man Zeuge des Anfangs, und zwar des Anfangs von so ziemlich allem. So viel muss es aber gar nicht sein. Das einsame Meeresufer würde mir schon reichen. Ich glaube, man wird zum Snob, wenn man zu viele Reiseführer liest.

Es ist Karnevalszeit und auch Mindo gibt sich willig dem Schabernack hin. Die Hauptstraße ist dicht bevölkert und viele der Leute haben ihre Cariocas dabei – zur Karnevalszeit die Waffe der Wahl. Cariocas sind Sprayflaschen, die mit Schaum gefüllt sind. Anlässlich des Karnevals ist es üblich, dass vorbeikommende Passanten gnadenlos eingeseift werden, und wenn man selber keine Carioca zur Hand hat, mit der man Vergeltung üben könnte, ist man einfach nur das willkommene Opfer. Ich halte die Fenster geschlossen, denn die Kombattanten nehmen keine Rücksicht darauf, ob ihre Opfer an dem Spaß teilhaben wollen oder nicht. Ein paarmal prallen die Attacken an der Scheibe ab und ich bin froh, dass ich im Auto sitze.

Vor uns fährt ein Truck und auf der Ladefläche sitzt ein Mädchen, nicht älter als vierzehn. Die Wagen rollen wie bei einem Autokorso im Schritttempo auf der Hauptstraße entlang und das Opfer sitzt wie auf dem Präsentierteller. Diese Gelegenheit lassen sich die bösen Jungs aus der Gegend natürlich nicht entgehen. Sie seifen das arme Ding so unerbittlich ein, dass das Mädchen am Ende wie ein Schneemann aussieht. Die Jungs aber haben ihren Spaß und lachen sich fast kaputt.

Wir halten kurz auf der Hauptstraße, denn meine Frau will Eintrittskarten für das Schmetterlingshaus und die Kolibri-Station besorgen. Mindo wird in diesen Tagen von Touristen geradezu überschwemmt, aber die Stadt scheint sich gut auf den Ansturm vorbereitet zu haben, denn es gibt kaum eine Straße, in der man einmal kein Hotel oder Hostal findet. Man fragt sich unwillkürlich, wo die Einheimischen wohnen, denn die ganze Stadt scheint ausschließlich aus Hotels, Pensionen, Restaurants und Cafés zu bestehen.

Während wir so am Rande der Hauptstraße stehen, die Warnblinklichter vorsorglich eingeschaltet (so ist es hierzulande üblich, auch wenn man keinen Unfall hatte oder eine Reifenpanne), kommt der Dorfpolizist auf uns zu und macht uns mit strenger Miene darauf aufmerksam, dass das Parken auf der Hauptstraße, übrigens der einzigen im Ort, verboten sei. Er sieht unglücklich aus, wahrscheinlich schlägt ihm der ganze Trubel aufs Gemüt – daher auch die schlechte Laune. Wir fahren eine Straße weiter und warten auf meine Frau, die schon nach kurzer Zeit mit den Tickets auftaucht. Sie ist so fröhlich, als hätte sie gerade einen Schatz gefunden.

Die Mitte der Welt

Von Quito aus fuhren wir auf der Panamericana Norte zunächst Richtung San Antonio de Quito, einem Vorort der Hauptstadt am äußersten nördlichen Ende. Es ist verblüffend, wie schnell sich die Landschaft verändert: Die Gegend um Cumbayá ist grün und ganze Landstriche wirken geradezu lieblich, fast schon mediterran, doch hier, nur wenige Kilometer außerhalb der Stadt, sieht man allein kahle Berge, an deren Flanken sich schwärzliche Reste von Vegetation klammern gleich den verkohlten Hautresten an einem gerösteten Meerschweinchen. Das Land sieht aus, als wäre erst kürzlich eine verheerende Feuersbrunst darüber hinweggerollt und von dem üppigen Garten Eden, den der Besucher unter dem Tropenhimmel zu finden erwartet, blieben nur Ruß und Staub. Das einzige Lebendige in dieser toten Landschaft ist der sich ständig verändernde Himmel mit seinen Dramen aus Wolken und Licht. Doch ich habe Fotos von 1992, als ich Ecuador zum ersten Mal besuchte, und schon damals erschien die Gegend genauso karg und wüst wie heute.

In Quito ist billiges Bauland knapp und hier wie auch in anderen Vororten der Stadt ziehen sich die Wohnviertel mehrere hundert Meter an den Flanken der Berge hinauf; manchmal sieht es so aus, als wären die Häuser bloß Schwemmgut, von einer Tsunami-Welle auf die Hänge geworfen. Man hat es ausnahmslos mit einfachen Betonkästen zu tun, zwei Fenster und eine Tür sind wie Augen und Mund die Öffnungen nach draußen. Die Behausungen haben alle dieselben Proportionen und ihre Besitzer fanden es angezeigt, dem tristen Beton durch einen Anstrich in bunten Pastelltönen einen fröhlicheren Anschein zu geben.

Die Bebauung ist nicht sehr dicht und die Front der Häuser zeigt immer zur Talseite, so dass durch schieren Zufall ein geordnetes Muster entsteht. So hat man manchmal den Eindruck, jemand hätte versucht, ein abstraktes Kunstwerk zu schaffen, indem er bunte Schuhkartons in der Einöde verstreute. Manche der Häuser stehen in schwindelerregender Höhe und der Ausblick von dort muss atemberaubend sein. Allerdings habe ich keine Straßen gesehen, die dorthin führen, so dass ihre Bewohner sich wahrscheinlich jeden Tag die steilen Hänge hinaufschleppen müssen. In der dünnen Höhenluft Quitos komme ich manchmal schon außer Atem, wenn ich nur ein paar Treppen steige. Die Leute, die auf den Hängen wohnen, müssen unglaublich fit sein.

Die Straße nach Mindo führt direkt am Monument „Mitad del Mundo“ vorbei, der „Mitte der Welt“. Gleich gegenüber befindet sich das futuristische Hauptquartier der Unasur (Unión de Naciones Suramericanas), der Union der südamerikanischen Nationen. Man hätte kaum eine passendere Stelle zum Versammlungsort der Länder eines ganzen Kontinents bestimmen können als diesen Punkt direkt auf dem Äquator. Tatsächlich bedeutet Quito, der Name der Hauptstadt, in der Sprache des Volkes der Quitu-Cara, das die Gegend bis zur Ankunft der Spanier bewohnte, „Mitte der Welt“.

Manta: Santa Marianita

Maria Vicenta will uns nicht von Manta Abschied nehmen lassen, ohne uns an einen weiteren spektakulären Strand geführt zu haben. Auf einer Piste, deren Asphalt so unberührt scheint, als wäre er erst in der Nacht zuvor gegossen worden, fahren wir nach Santa Marianita. An diesem wie an allen Tagen scheint die Sonne aus einem feindlich blauen Himmel unerbittlich auf das ausgedörrte Land. Zwischen grellem Sonnenschein und Schatten gibt es keine Nuancen und das Gleißen über der Fahrbahn ist so stark, dass einem die Augäpfel schmerzen. Zwar weiß jedes Schulkind, dass sich Wärme und Licht aus dem nuklearen Feuer im Innern der Sonne speisen, doch erst hier möchte man es wirklich glauben. Die Sonne am tropischen Himmel ist ein anderer Stern als die kühle silbrige Scheibe, die sich im Nebeldunst des Nordens verbirgt, und man bekommt ihre Kraft zu spüren als eine dem Menschen feindlich gesinnte Naturgewalt.

Wir fahren vorbei an ockerfarbenen Hügeln, an Dornengestrüpp und ausgedörrter Erde. Doch dann, wie aus heiterem Himmel, öffnet sich der Blick auf den Ozean. Sein Anblick ist wie eine alles überwältigende Offenbarung. Das Blau des Meeres unter dem allgewaltigen Himmel ist unbeschreiblich – so wie man sich den Pazifik in seinen Träumen immer vorgestellt. In diesem Augenblick scheint es mir nicht mehr verwunderlich, dass die Alten Himmel und Meer von Gottheiten bevölkert glaubten. Doch selbst ein Gott müsste weichen vor der Majestät des Anblicks und auch ein noch so betörender Traum könnte unmöglich bestehen vor der Kraft dieses Bildes.

Santa Marianita ist kein unentdecktes Paradies, sondern eines, zu dem die Annehmlichkeiten moderner Infrastruktur wie zeitgenössischer Konsumkultur gefunden haben: Es gibt Parkplätze, einige Strandbars, mehrere kleine Pensionen und nicht einmal eine Handvoll Restaurants wartet in den Hügeln hinter dem Strand auf Gäste. Nichts von alledem ist auf Massenandrang ausgelegt. Am Strand selbst geht es sehr ruhig zu. Die meisten Gäste lümmeln in den Bars oder Restaurants, nur einige Verwegene werfen sich in die Wellen, andere sieht man erste vorsichtige Schritte mit dem Kite machen. Obwohl Meer und Strand geradezu zum Badevergnügen einladen (aber wann tun sie das nicht!), sieht man weit weniger Badewillige als an einem beliebigen Ostseestrand bei schlechtem Wetter. Die Leute können den Strand an ausnahmslos jedem Tag des Jahres genießen – da würde man irgendwann auch das Paradies über haben.

Es gibt erstaunlich viele Kiter an diesem Strandabschnitt, doch einen echten Profi sucht man vergeblich unter ihnen. Die besten sind allenfalls passable Amateure. Die meisten aber, die sich in die Gurte schnallen lassen, stellen sich so linkisch an, dass man in ihnen sofort den Anfänger erkennt. Ihrem blassen Teint nach zu urteilen, handelt es sich um Touristen. Die einheimischen Ausbilder legen ihnen die Geschirre an und der warme auflandige Wind füllt die bunten Schirme und lässt sie in den Himmel steigen. Ein eigenes Brett bekommen die Eleven aber noch nicht unter die Füße, denn erst einmal müssen sie lernen, mit dem Schirm über den Strand zu gehen und dabei sollen sie ein Gefühl für das Segel und die Launen des Windes entwickeln. Peinliche Missgeschicke, wie an anderen Stränden, wo Kiter in spe schon einmal bäuchlings hundert Meter über den Sand geschleift werden, wissen die Instruktoren zu verhindern. Jedenfalls ist mir kein Strandbesucher begegnet, dessen Bauch die verräterischen Brandspuren aufwies. Wie ich höre, kostet ein Kite-Kurs gerade dreihundert Dollar, und ich bin versucht, es zu wagen. Es muss einfach herrlich sein, allein mit der Kraft des Windes scheinbar schwerelos über die Wellen zu gleiten.

Während mein Sohn und ich uns kühn wie die Galapagos-Leguane ins Meer werfen, machen es sich meine Frau und ihre Freundin in einer der Strandbars bequem. Wie üblich haben sie viel zu bereden und das große Bier, das ich vor Maria Vicenta stehen sehe, scheint ihre Zunge noch mehr als sonst zu lösen. Meine Frau braucht solch einen Zungenlöser natürlich nicht. Sie kann auch so stundenlang reden, aber ich werde den Verdacht nicht los, der Barmann habe ihr eine Überdosis Aufputschdrogen in den Fruchtsaft gerührt. Doch Redseligkeit entspricht dem Naturell der Küstenbewohner und wer noch nicht erlebt hat, was es heißt, von einer Wortlawine ausgeknockt zu werden, der sollte die Madrina meiner Frau (also ihre Patentante) kennenlernen. Diese Frau kann schneller sprechen als ein Maschinengewehr zu schießen vermag, und zu allem Unglück kann sie es auch noch länger, viel länger. Widerstand ist zwecklos und eigentlich kann man die Wortflut nur wie eine Naturkatastrophe über sich ergehen lassen und hoffen, dass man alles ohne größeren Schaden übersteht (posttraumatische Störungen sind natürlich nicht auszuschließen).

Die Wellen werfen meinen Sohn und mich mit unbändiger Gewalt umher. Ein paarmal ziehen mich die Brecher unter Wasser: Man hört nur noch Rauschen und das Geräusch rollender Kiesel. Es ist finster wie am Grunde der Tiefsee. Im Bruchteil einer Sekunde verliert man jede Orientierung, und man kommt sich vor, als säße man mit verbundenen Augen in einer Achterbahn. Oft weiß man nicht, ob man kopfüber wie eine gekenterte Boje in der Dunkelheit treibt. Doch dann, als würde man von einem Wal ausgespuckt gleich einem unverdaulichen Happen, wird man wie ein Korken an die Oberfläche gespült und erst jetzt gibt es wieder Oben und Unten. Die Wasserwand rollt weiter auf den Strand, doch prustend und lachend und gierig nach Luft schnappend erwartet man schon die nächste Woge.

Kritiker in eigener Sache

Sind meine Berichte viel zu kritisch? Sicher sehen andere, die ebenfalls Erfahrungen in diesem Land gesammelt haben (oder deren ganz persönliches Abenteuer noch andauert), die Dinge anders, aber ich kann nur immer wieder betonen, dass dies meine ganz persönliche Sicht ist. Man sagt mir manchmal, ich würde nichts Gutes zu berichten wissen. Ich denke, das entspricht nicht der Wahrheit, aber ein jeder kann sich ja leicht selbst ein Bild machen: Wer diesen Blog aufmerksam liest, wird sehr wohl bemerken, dass meine Texte überwiegend positiv gefärbt sind.

Ich kann es mir jedoch manchmal einfach nicht verkneifen, ein wenig über die Eigenheiten dieses Landes und seiner Menschen zu lästern – es juckt mich dann geradezu in den Fingern, ein unerfreuliches Erlebnis in eine Anekdote zu verwandeln. Wenn man aus einer persönlichen Niederlage einen Witz macht, ist dies immer noch besser, als sich durch Ärger das Leben verleiden zu lassen. Schreiben kann so gleichzeitig Seelen-Therapie sein, und manche Dinge muss man einfach herauslassen, sonst würde man verrückt.

Letztlich schreibe ich ja keinen Reiseführer, der schon deshalb nur positiv berichtet, weil dessen Autor ein Anliegen verfolgt, nämlich möglichst viele Menschen davon zu überzeugen, in dem Land Urlaub zu machen, das er in seinem Werk anpreist. Aber Schönfärberei ist auf Dauer einfach nur langweilig. Ich wollte in jedem Fall vermeiden, dass meine Texte langweilig sind. Ich denke, eine kleine Spitze an der richtigen Stelle ist für einen Text, was für die Suppe das Salz ist. Es ist mir ein Herzensanliegen, in meinen Posts eine grundsätzlich positive Sicht zu artikulieren, denn dies ist die Art, wie ich dieses Land und seine Menschen wahrnehme. Aber man könnte in einem Paradies leben – es sind immer die Nadelstiche, die man am deutlichsten spürt.