Todos los Santos

Am Abend schlendern wir ziellos durch die Straßen Cuencas. Auf der Suche nach der ganz großen Entdeckung und vielleicht auch in der Hoffnung, ein besonderes Schnäppchen zu machen, besuchen wir Kunstgewerbeläden und Boutiquen. An einem dieser Geschäfte vorbei führt ein schmaler Gang zum Hinterhaus. Auf dem Türsturz steht „Todos los Santos“, ansonsten kein Hinweis, was es mit diesem recht unscheinbaren Eingang auf sich hat. Der leere Gang dahinter ist wie eine Lockung und wir sind neugierig. Wir fragen den Besitzer des Ladens, ob man hineingehen dürfe und mit entlassender Geste gibt er uns zu verstehen, dass wir uns ruhig umsehen sollen. Wir treten ein.

Ein schmaler hoher Gang führt unter einer von altem Gebälk gestützten Decke in die Tiefe des Gebäudes. Kerzenlicht erhellt behaglich die Dunkelheit: Alle paar Schritte steht eine steinerne Schale auf dem Boden, aus der sich der Schaft einer Kerze wie ein sprießender Pflanzenstängel erhebt. Wasser im Gefäß reflektiert das Kerzenlicht und auf der Oberfläche schwimmen Rosenblätter. Der Gang ist ziemlich schmal und so schreiten wir ihn hintereinander ab wie die Teilnehmer einer mystischen Prozession.

Wir wissen noch immer nicht, wohin uns dieser Weg führen wird. Ich habe das unbestimmte Gefühl, am Ende wartet ein Mysterium auf uns oder eine Offenbarung. Doch dann nimmt alles einen viel profaneren Ausgang: Wir gelangen in einen großen Konferenzraum, in dem man gerade damit beschäftigt ist, Stühle für das Auditorium eines abendlichen Vortrags aufzustellen; nebenan befindet sich ein streng dekorierter Speisesaal und wenn man um ein paar Ecken geht, steht man plötzlich in einer modernen Restaurantküche. Später finden wir noch eine Bäckerei, in deren altertümlichen Holzregalen Brote und Kuchen angeboten werden, denen man auf den ersten Blick ansieht, dass es sich um Produkte der selten gewordenen Kunst der Handwerksbäckerei handelt.

Als wir weiter in das Innere dieses labyrinthischen Baus vordringen, gelangen wir in ein Restaurant und wir betreten einen kleinen Weinkeller, der sich anheimelnd unter einer tiefen Gewölbedecke aus Ziegeln duckt. Angestellte des Restaurants sind gerade eifrig damit beschäftigt, die Tische einzudecken und die Dekoration herzurichten. Wir sind die einzigen Besucher zu dieser Stunde, doch niemand nimmt von uns Notiz, denn wahrscheinlich sieht man uns auf den ersten Blick an, dass uns der Zufall hierher verschlagen hat, und dass wir nicht vorhaben, hier das Abendessen einzunehmen. Von den Plätzen des Restaurants aus hat man einen bezaubernden Blick auf die Ufer des Río Tomebamba, der die Stadt an ihren südlichen Ausläufern durchfließt.

Wir sind gerade im Begriff zu gehen, als wir von einer kleinen drahtigen Frau im Business-Kostüm angesprochen werden. Ich glaube erst, sie sei die Restaurant-Managerin und vielleicht denkt sie, wir wollen zu Abend essen, doch der Irrtum klärt sich schnell auf. Wir sagen ihr, dass uns lediglich der Zufall hierher geführt hätte und wir drücken unser Erstaunen darüber aus, welch einen wundervollen Ort wir hier vorgefunden haben. Als Europäer muss man seine Maßstäbe ganz neu justieren, denn der Erhalt von Kulturmonumenten steht auf der Agenda der hiesigen Politik nicht unbedingt an erster Stelle, und wenn man doch einmal alte Gebäude schön restauriert sieht, ist das die große Ausnahme, und man sollte daher das Ergebnis umso höher schätzen.

Die Frau aus dem Restaurant erklärt uns, dass die Räumlichkeiten, in denen wir uns befinden, zu einem Nonnenkloster gehören. Sie sei auch nicht die Managerin des Restaurants, das nur einen Teil davon ausmache, sondern die Verwalterin der Stiftung, der die Restaurierung, der Erhalt sowie der Betrieb der Einrichtungen des Klosters übertragen worden sei. Wir sehen sie staunend an, doch sie klärt uns auf: Früher einmal hätten alle Räumlichkeiten dem Kloster unterstanden und dort, wo wir uns gerade befänden, hätten Nonnen gelebt. Zu seinen Glanzzeiten beherbergte das Kloster 120 Insassinnen.

Doch die Welt hat sich seitdem mit rasender Geschwindigkeit verändert und statt dass man den Töchtern lebenslange Versorgung garantiert, indem man sie das Gelübde ablegen und ins Kloster eintreten lässt, schickt man sie lieber zum Studium nach Übersee oder auf eine der heimischen Universitäten, damit sie Ärztinnen oder Anwältinnen werden. Das Kloster existiert zwar nach wie vor, doch gerade einmal drei ältliche Nonnen trotzten der Zeit und dem Lauf der Welt in Gebet und frommer Andacht.

Der Bereich, in dem die Nonnen leben, ist von den Teilen des Klosters, die für Besucher zugänglich sind, strikt getrennt. Wer den Schleier nimmt, ist für die Welt verloren. Wenn man früher ins Kloster ging, sagte man seinem Heim, seiner Familie und seinen Freunden Lebewohl und das Leben (wenn man es so nennen will), das man von nun an bis zum Lebensende zu führen hatte, muss sich ungefähr so anfühlen, als sei man lebendig begraben. Alles, was man liebt, ist einem genommen, und nur das Allerwenigste von dem, was man als lebenswert erachten würde, ist geblieben.

Die Nonnen verkehren mit der Außenwelt durch Drehtüren, so dass nicht einmal Blickkontakt möglich ist. Nahrungsmittel und alles, was die Insassinnen des Klosters zum Leben benötigen, findet durch diese Pforten zwischen den Welten ins Kloster hinein, nur weniges kommt jedoch hinaus. Es kommt nicht selten vor, dass man den Nonnen Zettelchen mit Nachrichten schickt, durch die man sie ersucht, für das Seelenheil einer Person zu beten oder Fürbitte zu leisten. Selber sprechen kann man sie nämlich nicht, denn die Nonnen verlassen niemals die Räumlichkeiten des Klosters und niemand bekommt sie je zu Gesicht.

Eines der wenigen Zeugnisse des handwerklichen Geschicks der Nonnen sind übrigens die Backwaren der hauseigenen Klosterbäckerei. Wenn man lange Zeit nur mit dem Industriebrot aus dem Supermarkt hat Vorlieb nehmen müssen, ist so ein frischer, von Hand geformter Laib geradezu eine Offenbarung für die Sinne. Wir kaufen mehrere Tüten mit Backwerk, die aber gerade einmal bis zum nächsten Morgen überstehen.

Die Säkularisierung und ein weites Spektrum an Bildungs- und Berufschancen für junge Frauen haben der Lebensperspektive Kloster viel von ihrer Attraktivität genommen. Der Personalbestand des Klosters ist über die Jahre ausgedünnt. Zuwendungen flossen spärlicher und notwendige Reparaturen konnten schon bald nicht mehr vorgenommen werden. Irgendwann war der ganze Gebäudekomplex in einem solch bemitleidenswerten Zustand, dass es nur noch eine Frage der Zeit zu sein schien, bis das morsche Gebälk zusammenbrach und die letzten Insassinnen unter sich begrub. Doch wenn es eines gibt, das man in einem Kloster im Überfluss hat, dann ist es Zeit. Und so schrieben die Nonnen fleißig Briefe an Gott und die Welt – in diesem Fall wohl überwiegend an die Welt, wenn sie wohl auch so manches für den Allmächtigen bestimmte Gebet in ihre Bitten eingeschlossen haben mögen.

Die fleißige Schreibarbeit machte sich am Ende bezahlt: Gott und irgendeine „Heritage Foundation“ aus den USA erhörten das Flehen der schreibfreudigen Nonnen und man brachte tatsächlich die fünf Millionen Dollar auf, die es kostete, das Kloster von Grund auf zu sanieren. Und eine Wiederherstellung war auch dringend nötig, denn die brüchigen Mauern hätten wohl kein weiteres Jahrzehnt überstanden. Die Rettung hatte natürlich ihren Preis, denn ein beträchtlicher Teil des Klosters wurde seinem ursprünglichen weltabgewandten Zweck entfremdet und der (zahlenden) weltlichen Öffentlichkeit übergeben. Doch man kann den ursprünglichen Zweck der alten Gemäuer noch sehr gut erahnen, denn die Restaurierung erfolgte sehr behutsam und indem man so viel alte Bausubstanz wie nur möglich bewahrte, hat der Genius loci nichts von seiner Ursprünglichkeit eingebüßt. Vielfach ist es da nicht schwer, sich gedanklich in eine Zeit zu versetzen, in der die einzigen Bewohner jener Räumlichkeiten Nonnen waren.

Die Stiftungsverwalterin zeigt uns einen winzigen fensterlosen Raum, der vielleicht drei mal zwei Meter im Geviert misst. Die mit Holz vertäfelten Wände sind fast schwarz und die Decke ist so niedrig, dass ich den Kopf einziehen muss, wenn ich aufrecht stehe. Aber der Ecuadorianer ist in der Regel kleiner als der durchschnittliche Europäer und früher waren die Menschen ohnehin nicht so groß wie heute. Die Frau von der Stiftung erzählt uns, dass es sich um eine Gästekammer handele. Ich denke, nun gut, zu zweit kann man es hier wohl aushalten und wenn man schläft, braucht man ohnehin kein Licht. Aber sie sagt, dass man zu Zehnt in dieser winzigen Zelle zu nächtigen pflegte, und manchmal vielleicht auch zu Zwölft. Ich möchte mir nicht vorstellen, was passiert, wenn da jemand Nachts auf die Toilette muss.

Da keine weiteren Gäste zugegen sind, lässt es sich die Verwalterin der Stiftung nicht nehmen, uns durch das ganze Haus zu führen. Besucherführungen dieser Art gehören wahrscheinlich nicht zum Programm, doch sie scheint sichtlich Spaß daran zu haben, uns einen Einblick in die fremde Welt des Klosters zu gewähren, und sie genießt es offenbar, wie wir staunen und wie sich uns manchmal ein wenig die Haare sträuben.

Irgendwann stehen wir in der Backstube. Im hinteren Teil thront der riesige Ofen, in dem das leckere Gebäck entsteht, mit dem die Regale des Bäckerladens bestückt werden. Sanfte Wärme strahlt von ihm aus und erfüllt die ganze Stube mit Behaglichkeit. Der Ofen ist riesig wie ein Atommeiler und sein Inneres so geräumig, dass es scheint, man könnte einen Fiat Uno darin parken, wenn er nur durch die Tür passte. Nebenan liegen die Brotschieber. Die größten bringen es sicher auf eine Länge von fast doppelter Mannshöhe und wenn sie mit mehreren Broten bestückt sind, braucht es die Arme eines Berserkers, um das Brot sicher bis in den hintersten Winkel des Ofens zu befördern.

Ich lege die Hand auf die Wandung des Ofens und ich spüre die Wärme. Die Verwalterin erklärt, der Ofen dürfe niemals auskühlen, denn es würde Tage dauern, ihn wieder auf Betriebstemperatur zu heizen. Die sparsamen Nonnen haben übrigens nie etwas verschwendet und so verwundert es nicht, dass sie, lange vor der Erfindung von Green Energy und Recycling, selbst noch die Abwärme der Bäckerei für etwas Nützliches zu verwenden wussten: Mit der entweichenden Wärme wurden die darüber liegenden Räume beheizt. Dort hielt man Cuyes, also Meerschweinchen. Bei molliger Wärme gedeihen die flauschigen Nager nämlich prächtig und in den Anden waren sie seit jeher eine begehrte Proteinquelle.

Ein Speisesaal ist vom eigentlichen Restaurant abgetrennt. Von einem Separee zu sprechen, verbietet sich aber deshalb, weil drei Tische mit jeweils zwei Stühlen darin stehen. Der Raum ist ganz schlicht gestaltet: Die Wände sind weiß getüncht, in Nischen hängen Bilder lokaler Künstler, Tische und Stühle stehen auf nacktem Steinfußboden. Obwohl ich diese Schlichtheit mag und den Willen zum Stil anerkennen muss, macht mir der Saal doch zu sehr den Eindruck eines Refektoriums, als dass ich einen entspannten Abend zu zweit darin verbringen könnte. Irgendwie erwartet man immer, dass jeden Augenblick der ehrwürdige Bruder Jorge aus „Der Name der Rose“ den Raum betritt und einem mit einem Vortrag über die Verwerflichkeit des Lachens den Abend verleidet. Ich ziehe die weniger streng wirkenden Räumlichkeiten des Restaurants vor.

Wir haben die Zeit der Frau von der Stiftung schon über Gebühr beansprucht und wir wollen gehen. Wir werfen einen letzten Blick ins Restaurant. Ich schaue kurz in die Speisekarte, um mich wieder einmal davon zu überzeugen, dass eine in stilvollem Ambiente genossene Mahlzeit auch ihren Preis hat – die Preise unterscheiden sich nur unwesentlich von dem, was man in Berlin in einem Lokal dieses Niveaus erwarten dürfte.

Man muss relativierend hinzufügen, dass der stilvolle Abend in Cuenca keinen bitteren Nachgeschmack hinterlässt wie dies bei einem Restaurantbesuch in Cumbayá der Fall wäre. Die Preise in Cuenca sind gut und gerechtfertigt, in Cumbayá jedoch hat man es mit den ekstatischen Übertreibungen einer durch die hiesige Schickeria entfesselten Lifestyle-Orgie zu tun. Hier ist einfach alles teuer und es ist fast nie seinen Preis wert. Nur schade, dass Cuenca so weit von Quito entfernt ist.

Nach Guayaquil

Von Bahía geht es mit dem Auto nach Guayaquil. Wir machen einen kurzen Abstecher nach Montecristi, um Hamacas, also Hängematten, und andere Flechtarbeiten zu kaufen, denn dafür ist die Stadt bekannt. Da Montecristi ohnehin auf dem Weg liegt, wollen wir die Gelegenheit nicht ungenutzt verstreichen lassen. Während meine Frau und unser Gast ihr Glück an der Hauptstraße mit ihren Dutzenden von Geschäften versuchen, harren mein Sohn und ich tapfer am Auto aus.

Es macht mir nichts aus, einfach nur herumzusitzen und zu warten, denn zum einen erweckt die Gegend ganz den Eindruck, als wäre es keine gute Idee, den Wagen längere Zeit unbewacht stehen zu lassen, und zum anderen mache ich mir überhaupt nichts aus Einkaufen. Ich kann die Leidenschaft mancher Leute nicht verstehen, die es magisch zu Einkaufszentren und Geschäften zieht und die erst dann davon genug haben, wenn ihr Budget restlos ausgeschöpft ist.

Ich gehöre eher zu den Typen, die entweder irgendwo gelangweilt herumsitzen oder aber einfach bloß genervt sind – doch immer mit unverkennbarer Leidensmiene –, während ihre Partner exzessiv der Einkaufsleidenschaft frönen, einer, wie mir scheint, typisch weiblichen Leidenschaft. Schlimmer kann es nur werden, wenn man dann auch noch genötigt wird, ein Geschmacksurteil abzugeben, denn einfach zu schweigen, ist natürlich kein Verhalten, für das man Verständnis erwarten darf. Ab jetzt bewegt man sich auf dünnem Eis; bei jedem Schritt ist daher allergrößte Vorsicht geboten, denn ein falsches Wort genügt und der Tag ist ruiniert.

Schon nach einer Stunde taucht das gutgelaunte Einkaufsduo wieder auf, bepackt mit Hängematten, Körben und allerlei sonstigen Flechtarbeiten. Dafür würde man in Berlin ein Vermögen ausgeben müssen, hier aber bekommt man alles zum Spottpreis; ich habe nicht gefragt, aber wahrscheinlich hat alles zusammen weniger als hundert Dollar gekostet. Es ist mittlerweile schon Mittag und die Zeit drängt und daher reicht es diesmal auch, dass ich die Einkäufe nur kurz lobe. Ich erinnere stattdessen daran, dass es Zeit sei aufbrechen, wenn wir Guayaquil noch vor Einbruch der Dunkelheit erreichen wollen – ich fahre Nachts nur ungern auf unbekannten Straßen.

Nachdem die Einkäufe sicher im Wagen verstaut sind, steht der Reise nichts mehr im Wege. Unser Auto ist bis unter das Dach beladen und erst nachdem Rucksäcke, Taschen und Koffer ganz neu nach Art eines kubischen Puzzles arrangiert worden sind, findet sich auch Platz für die neuesten Anschaffungen. Dann aber sitzen wir alle glücklich im Auto und die Reise kann beginnen.

Unsere Route führt über mehrspurige Highways, die so neu aussehen, als hätte man sie eigens für uns gebaut. Rechts und links der Straße erstrecken sich grüne Weiden so weit das Auge reicht. Das Land ist platt wie ein Pfannkuchen und nur selten wird die eintönige Szenerie von einer Baumgruppe oder einem kleinen Wäldchen aufgelockert. Hin und wieder verlieren sich Häuser oder kleine Weiher in der pastoralen Weite.

Das Land wirkt so fruchtbar und unberührt wie die Landschaften der heilen Öko-Werbe-Welt. In der Tat begegnen wir immer wieder Rinderherden, die im Schatten von Bäumen und Buschwerk Schutz vor der tropischen Hitze suchen, die das Land und seine Bewohner lähmt. Ob die Tiere glücklich sind, kann man nicht sagen, aber was sollte so eine Kuh denn schon anderes wünschen als eine Herde, in der sie sich geborgen fühlt, üppige grüne Weiden und Frieden. Von allem hat sie hier mehr als genug.

Leder, Pilger und Kaffee

Wir wollten Cotacachi besuchen. Warum auch nicht! (Wir – das ist jenes ominöse Kollektiv, das stets einem Willen gehorcht und mit einer Stimme spricht.) Cotacachi ist bekannt für seine Lederarbeiten und alles, was man sich aus Leder nur wünscht – Gürtel, Geldbörsen, Schuhe, Taschen –, kann man dort in guter Qualität und zu einem recht günstigen Preis kaufen. Wir fuhren auf der Panamericana Norte von Quito aus direkt nach Norden. Wie fast alle Hauptrouten in Ecuador wurde auch diese Straße in den letzten Jahren großzügig erneuert und modern ausgebaut. Über weite Strecken befindet sie sich in einem erstklassigen Zustand und die Fahrt selbst über lange Strecken ist wirklich ein Vergnügen.

An wenigen Abschnitten wird noch immer gebaut und so ist der Verkehr manchmal auf eine Spur eingeengt. Dort staut es sich dann hin und wieder, vor allem hinter den vielen Schwerguttransportern, die Steigungen und Gefälle oft nur im Schritttempo bewältigen können. Sie zu überholen, ist ein riskantes Manöver, denn da man nur eine Fahrspur zur Verfügung hat, ist man genötigt, auf die dicht befahrene Gegenfahrbahn auszuweichen. Aber natürlich gibt es mutige Fahrer, die das Risiko eines Frontalzusammenstoßes für wenige Minuten Zeitersparnis gern in Kauf nehmen. Hat man die Engpässe aber erst einmal passiert, geht die Fahrt zügig voran.

Von Cumbayá aus braucht man bei gemächlicher Fahrt etwa zwei Stunden bis Cotacachi. Auf halber Strecke gerieten wir in eine endlose Kolonne von Wanderern, die auf dem Standstreifen der Fahrbahn nach Norden zog. Da es sich zumeist um Jugendliche handelte – die Älteren schienen den Gruppen als eine Art Wanderführer vorauszugehen –, nahm ich wie selbstverständlich an, es müsse sich um eine Naturführung, einen jährlich stattfindenden Traditionsmarsch, um ein Festival oder um ein Event handeln, wie man es manchmal ins Leben ruft, um die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit auf wichtige gesellschafts- oder umweltpolitische Fragen zu lenken.

Die Wanderer waren ein zähes Volk, denn weder zwanzig Kilometer hinter uns noch vor uns gab es irgendeine nennenswerte Ansiedlung. Die Autopista zog sich endlos durch die majestätische Einsamkeit des Gebirges, grub sich in steil abfallende Hänge, schlängelte sich durch Täler. Manchmal, wenn die Asphaltpiste im Bogen um einen Berg zog, konnte man den Blick von der Klippe herab durch ein weites Tal schweifen lassen. Ich konnte die schöne Aussicht nicht genießen, denn rechter Hand fiel der Hang in eine furchteinflößende Tiefe hinab und ich wagte es nicht, die Augen auch nur für eine Sekunde von der Straße abzuwenden.

Der Zug nahm kein Ende. Manchmal, wenn die Straße wegen des unpassierbaren Geländes eines Umweg machte, nahmen die Wanderer einen Abzweig und stiegen direkt in die Hänge. Man sah sie in endloser Kette gleich einem Ameisenzug die Anhöhe bezwingen. Für einen kurzen Moment erschienen sie, winzig wie Streichholzköpfe, auf dem Kamm des Bergrückens. Dann überschritten sie den Grat und begannen den Abstieg. Der Anblick erinnerte an längst vergangene Zeiten, als Trägerkarawanen durch die Anden zogen, um Güter von einem Ende des weitläufigen Inkareiches zum anderen zu befördern, und Boten sich aufmachten, die Befehle des Inka-Kaisers bis in den hintersten Winkel des Reiches zu tragen. Und immer wieder kommt mir die Szene aus Werner Herzogs „Aguirre“ in den Sinn. Die Autopista umrundete den Berg und auf der anderen Seite traf sie wieder auf den Zug der Wanderer.

Im Abstand von mehreren Kilometern hatte man Streckenposten aufgebaut. Vor Tischen mit Getränken und Informationsmaterial wurden die Wanderer von Pantomimen empfangen. Kein Witz – schwarzer Ganzkörperanzug, weiß geschminktes Gesicht (Wir sind immer noch mitten in den Anden!). Nach stundenlangem verzehrenden Fußmarsch werden sich die Erschöpften bestimmt darüber gefreut haben, von Marcel-Marceau-Klonen pantomimisch zum Durchhalten angefeuert zu werden. Man musste langsam fahren und durfte sich keine Unaufmerksamkeit gestatten, denn viele der Fußgänger trugen keine Bedenken, die Straße zu überqueren, ohne sich zu vergewissern, ob die Fahrbahn auch wirklich frei war. Immerhin ist die Autopista das Äquivalent zur Autobahn und wer außer einem Verrückten käme schon auf die Idee, fröhlich über die A3 zu spazieren?

Wir waren neugierig geworden, und fragten uns, was dieser Exodus biblischen Ausmaßes eigentlich zu bedeuten hatte. Wir hielten kurz an und fragten jemanden, der so aussah, als ob er es wüsste. Obwohl man wegen der vielen Wanderer nur im Schritttempo vorankam, staute sich hinter uns sofort die Fahrzeugkarawane und das unvermeidliche Hupkonzert setzte ein. Der Mann erzählte uns, dies sei die Prozession für die Heilige von … ich kann mich beim besten Willen nicht mehr an den unaussprechlichen Namen erinnern (die Heilige möge mir verzeihen). [Nachtrag: Inzwischen ist er mir wieder eingefallen – Tabacundo]

Jetzt plötzlich ergab alles einen Sinn. Ich wunderte mich nur ein wenig darüber, dass vor allem junge Menschen, Jugendliche zumeist, an der Prozession teilnahmen. Ältere sah man kaum, nicht einmal Personen mittleren Alters. Im atheistischen Berlin hingegen, meiner Heimatstadt, begegnen einem zur Messfeier fast nur Alte und voll sind die Kirchen eigentlich nur an den Feiertagen, wenn die säumigen Schäfchen sich doch einmal ins Haus des Herrn begeben. Die Jüngeren muss man regelrecht mitschleifen und dann fragen sie nur immerfort: „Wann ist es denn endlich vorbei?“ Was für Banausen!

Mit dem Auto hat man die Strecke in weniger als einer halben Stunde bewältigt, aber zu Fuß und dann noch durch die Berge wäre man bestimmt sechs Stunden unterwegs. Zwischenzeitlich begann es auch noch wie aus Eimern zu regnen, doch die Pilger schreckte dies nicht ab. Durchgeweicht bis auf die Knochen, zogen sie stoisch Kilometer um Kilometer dem verheißenen Ziel entgegen. Schließlich durften wir, zwei Getaufte und der Atheist, auch noch einen Blick auf die Heilige erhaschen: hinter einer Wegbiegung breitete sich ein riesiger Parkplatz aus und an dessen Eingang, vor einem dramatischen Bergpanorama, hatten die Impresarios der Erbauung ein mehrere Meter hohes Gestell mit der Monstranz aufgebaut. Erst eine Handvoll Pilger hatte das Ziel erreicht und da der Pilgerzug sich in den Bergen wie die Marschkolonne einer Armee in die Länge gezogen hatte, würde es vermutlich noch Stunden dauern, bis der Letzte eingetroffen wäre.

Die lebensgroße Figur der Heiligen war prächtig geschmückt und empfing ihre Verehrer mit einem seligen Lächeln. Aus der Höhe blickte sie auf die vorbeiziehende Autokolonne und es schien sogar, als würde sie jedes einzelne der Autos segnen. Dies brachte meine Frau sofort auf eine grandiose Idee: Irgendwo in den Anden soll es einen Ort geben, an dem man das Auto tatsächlich von einem Priester segnen lassen kann, inklusive Weihwasser und all den anderen nützlichen Vorkehrungen, die helfen, das Böse unfehlbar abzuwehren. Natürlich müssen wir hin, denn angesichts der Sittenverrohung auf den Straßen empfiehlt sich himmlischer Beistand in jedem Fall.

Cotacachi ist ein winziges Städtchen ohne größere Attraktionen. Man muss den Stadtvätern zugute halten, dafür Sorge getragen zu haben, dass die Straßen ordentlich gepflastert und sauber sind und dass keine Bauruinen das Stadtbild verschandeln. Der eigentliche Grund, der uns und alle anderen hierher zieht, ist eine Straße im Zentrum, in der sich Geschäft an Geschäft reiht und überall verkauft man Leder.

Wir trafen gegen Mittag in Cotacachi ein und da so eine Reise hungrig macht, und sei sie auch noch so kurz, mussten wir uns zunächst einmal ausgiebig stärken. Wir suchten das erstbeste Restaurant auf, das uns gefiel – und tappten gleich in eine Touristenfalle. Nicht, dass das Essen schlecht gewesen wäre oder überteuert oder die Besitzer versucht hätten, sich dem internationalem Einheitsgeschmack anzubiedern – das war es nicht. Als wir das Restaurant, einen riesigen, schön dekorierten Saal, betraten, hatten sich erst wenige Gäste eingefunden. Doch kaum hatten wir Platz genommen und die Bestellung aufgegeben, füllte sich der Saal mit amerikanischen Reisegruppen. Es waren ihrer tatsächlich gleich mehrere, wie man unschwer an den ecuadorianischen Guides erkennen konnte, die T-Shirts mit dem Namen des jeweiligen Reiseveranstalters trugen. Alle Tische des Restaurants waren nun bis auf den letzten Platz besetzt – und es gab viele Tische –, aber ich glaube, abgesehen von den Touristenführern war meine Frau die einzige Ecuadorianerin unter den Gästen.

Nur allzu oft findet man den Eindruck bestätigt, dass amerikanische Touristen sich stets ein bisschen daneben benehmen. Natürlich tun sie das nicht willentlich und schon gar nicht in böser Absicht und man kann es ihnen auch nicht übelnehmen, denn die meisten wissen es einfach nicht besser. In der Regel sind Amerikaner angenehme Zeitgenossen, sie sind nett, gesprächig und hilfsbereit, aber viele haben die Staaten noch nie in ihrem Leben verlassen und sie unterliegen daher dem Irrglauben, dass das Leben selbst an den entferntesten Orten der Welt ungefähr denselben Regeln gehorche wie in einer x-beliebigen Kleinstadt in Texas. Und Ecuador liegt gewissermaßen direkt vor der Haustür. Was also sollte hier schon anders sein als zuhause? Auf der Toilette fuchtelte einer der Touristen verzweifelt vor dem Wasserhahn herum. Er hoffte, den Sensor zu aktivieren, denn er wollte sich die Hände waschen. Ich machte ihn freundlich darauf aufmerksam, dass er einfach nur den Hebel nach oben ziehen müsste. Er betätigte den Hebel, das Wasser floss und er schaute mich an, als hätte ich für ihn gerade das Fahrrad neu erfunden – Thank you. You are welcome!

Amerikaner sind laut; nie machen sie einen Hehl daraus, woher sie kommen und welche Überzeugungen sie haben. Viele scheinen tatsächlich zu glauben, die Welt sei eine Art Wurmfortsatz der Vereinigten Staaten und deshalb könne man sich überall ganz wie zuhause geben. Und außerdem will ja alle Welt ohnehin genau so leben wie man selbst – warum also sich anpassen? Nicht wenige Expats, also Auswanderer, die sich in Ecuador dauerhaft niedergelassen haben, pflegen exakt denselben Lebensstil wie in ihrer Heimat (und leider auch dieselben Einstellungen) und mit ihrem Geld ist ihnen das auch gut möglich. Die Ecuadorianer schauen dem Treiben teils spöttisch, teils ablehnend, vielfach aber auch neidisch zu und lästern über die Gringos in ihrer Mitte, die sich aufführen, als sei das Land eine Provinz Amerikas.

Die Mitglieder der Reisegruppen orderten so gewaltige Mahlzeiten, als wären sie schon seit Tagen halb verhungert durch die Anden geirrt. Einige konnten der Exotik dann doch nicht widerstehen und bestellten sich Cuy asado, also frittiertes Meerschweinchen, um dann mit hochgezogenen Lippen und enttäuschtem Gesichtsausdruck an den Knöchelchen herumzunagen. An so einem Cuy ist nicht viel dran und eigentlich ist es eine Enttäuschung. Die Einheimischen meinen darum, man dürfe nur die größten und fettesten Tiere schlachten, denn sonst esse man im Grund nichts weiter als Panade. Das Fleisch erinnert sehr an Kaninchen und ist ziemlich trocken, aber vielleicht war das Cuy, das ich vor Jahren probieren durfte, auch nicht fett genug. Mein Lieblingsessen wird es bestimmt nicht werden. Es gibt in der Sierra Familienrestaurants, die auf Cuy spezialisiert sind. Dort bietet man nichts anderes an als Cuy, in allen vorstellbaren Zubereitungsarten. Und die Läden sind zur Mittagszeit rappelvoll. Man sieht, Essen ist ein Stück Kultur und was man nicht in der Kindheit zu schätzen gelernt hat, kann man als Erwachsener nur sehr schwer liebgewinnen.

Nach dem Essen gingen wir einkaufen – wozu sollte man sonst nach Cotacachi kommen? Wir suchten nach nichts Bestimmtem, sondern schlenderten einfach nur so von Geschäft zu Geschäft. Die Läden selbst sind keineswegs alle gleich, was Ausstattung und Preislage betrifft. Es gibt regelrechte Kaufhäuser, die alles anbieten, was der Lederliebhaber nur wünschen kann. Leider bedient das Angebot eher den Massengeschmack. Dafür ist die Ware in der Regel recht preiswert. Daneben finden sich immer wieder kleine, geschmackvoll eingerichtete Boutiquen, die zwar über ein viel kleineres Sortiment verfügen, dafür aber teilweise mit wirklich originellen Stücken aufwarten können. Ware von guter Qualität hat natürlich ihren Preis, aber dennoch fährt man immer noch günstiger als bei den großen internationalen Labels. Die findet man übrigens auch, so man dem eingestanzten Schriftzug Glauben schenken will; ich habe mir sagen lassen, dass es sich sämtlich um Fälschungen handelt.

Sehr gut haben mir die Reisetaschen gefallen – schöne Taschen, auch Koffer, aus hochwertigem Leder und dazu noch aufwendig verarbeitet. Sie sahen edel aus und waren einfach nur schön, viel zu schön, um damit schnödes Reisegepäck durch die Gegend zu schleppen. Im Vergleich zu den Waren in Europa sind sie geradezu für einen Schnäppchenpreis zu haben (an die zweihundert Dollar kostete eine große Tasche dennoch). Doch was sollte ich mit einer exquisiten Reisetasche hier in Ecuador anfangen? Man würde mich sofort für reich halten und bei der erstbesten Gelegenheit um mein Gepäck erleichtern. Am Ende kaufte ich mir für zwanzig Dollar einen Gürtel. Das Leder ist so dick, dass man es unmöglich falzen kann, und die Geschäftsinhaberin musste sich sehr anstrengen, um den Gürtel auf meine Länge zuzuschneiden und mit neuen Löchern zu versehen. Alle Gürtel waren ausschließlich in Überlängen verfügbar und ich hätte sie mir leicht zweimal um den Bauch schnallen können. Wahrscheinlich hat man amerikanische Touristen als Käufer im Visier.

Eine Überraschung erlebten wir noch. Obwohl Ecuador zu den Ländern gehört, in denen aufgrund günstiger klimatischer Bedingungen Kaffee angebaut wird (Ecuador gehört jedoch nicht zu den großen Kaffeeproduzenten), hat das Land merkwürdigerweise keine eigene Kaffeekultur hervorgebracht. Der Ecuadorianer trinkt Instant-Kaffee, ein scheußliches Gebräu, und bis vor einigen Jahren hat man Coffeeshops vergeblich gesucht. Mittlerweile gibt es sie in jeder Shopping-Mall und vor allem von der gutbetuchten Kundschaft werden sie geradezu enthusiastisch angenommen. Aber wie sollte es auch anders sein, dass vornehmlich die, die es sich leisten können, ihren Kaffee hier trinken, da beispielsweise ein großer Latte macchiato um die 3,50 Dollar kostet. Dafür bekommt man andernorts schon ein komplettes Mittagessen, inklusive Vorsuppe, Hauptgang, Nachspeise und Getränk. Sehr oft begegnet man den Filialen von „Juan Valdez“, einer kolumbianischen Kette, die in den USA und ganz Lateinamerika vertreten ist. Die Shops erinnern ein wenig an „Starbucks“ und auch das Angebot ist ähnlich, obwohl ich finde, dass der Kaffee deutlich besser schmeckt als bei dem Multi aus Seattle. Richtig gut ist „Sweet and Coffee“, eine einheimische Kette, die erst in den letzten Jahren auf Expansionskurs steuerte. Der Kaffee ist exzellent und das Angebot an exotischen Kuchen und Cookies sucht seinesgleichen.

Kleine Provinzstädte wie Cotacachi können in der Regel nicht mit dem Luxus guten Kaffees aufwarten. Pulverkaffee ist hier meist das Getränk der Wahl für den unter Entzug leidenden Koffein-Junkie. Umso erstaunlicher war es, dass wir ausgerechnet in einer verlassenen Nebenstraße ein Café entdeckten. „Café Serendipity“ stand groß an die Scheibe gemalt. Wir waren neugierig und traten ein. Der Innenraum war einfach, aber sehr gemütlich eingerichtet. Am größten Tisch saßen vier Gäste, offensichtlich Ecuadorianer, doch in dieser Gegend Touristen wie wir. Einer trug einen Poncho, den er sich vielleicht im nahegelegenen Otavalo gekauft hatte (nur Touristen kommen auf die absurde Idee, sich Ponchos anzuziehen). Auf einer Tafel im Gastraum wurde für ein großes Truthahn-Essen geworben: Roast turkey, Mashed potatoes, Cranberry sauce. Wir glaubten nicht eine Sekunde, dass die Betreiber etwas anderes als Amerikaner sein könnten. Auch die Kuchenkarte bot eine gute Auswahl an amerikanischen Klassikern: Apple pie, Lemon pie, Cookies, Brownies und dergleichen mehr. Das Angebot überzeugte uns. Meine Frau und ich entschieden uns für den Lemon pie, mein Sohn nahm den Apple pie.

Die Bedienung rekrutierte sich aus Einheimischen und während wir auf Kuchen und Kaffee warteten, versuchte meine Frau, die Leute auszuhorchen – das entsprach dem üblichen und erprobten Verfahren und meist findet man so eine ganze Menge heraus, denn die Angesprochenen erweisen sich oft als sehr mitteilsam, nachdem man sie erst einmal vorsichtig angestoßen hat. Dann kam der Kuchen. Der Lemon pie war so gut, dass er uns bestimmt süchtig gemacht hätte, würden wir noch ein weiteres Stück bestellt haben. Und auch der Apple pie, den mein Sohn aß, war unglaublich lecker, eigentlich so lecker, dass ein Stück bei weitem nicht ausreichte, den Appetit darauf zu stillen. Erstaunt war ich aber über den Kaffee, denn statt der üblichen Pulverplörre servierte man uns einen exzellenten Cappuccino, nach landesüblicher Sitte mit etwas Zimt bestäubt.

Meine Frau hatte inzwischen ihre inquisitorische Befragung abgeschlossen und folgendes herausgefunden: Ursprünglich war das Café tatsächlich von einer Amerikanerin betrieben worden. Vor einigen Jahren kehrte sie aber in die Staaten zurück. Doch bevor sie Ecuador verließ, brachte sie ihren Angestellten bei, wie man Lemon und Apple pie und all die anderen typisch amerikanischen Spezialitäten bäckt, wie man einen ordentlichen Espresso brüht und wie man ein Thanks-giving-Essen zubereitet. Die ehemaligen Angestellten sind jetzt die Besitzer und führen das Café im hergebrachten Stil weiter. Manchmal ist das Alte eben nicht unbedingt schlecht, nur weil es alt ist. Mag das Café auch eine Oase des internationalen Mainstream in einem ecuadorianischen Provinznest sein, so ist es dennoch hochwillkommen, denn manchmal kann man eben doch nicht von liebgewonnenen Gewohnheiten lassen. Wir werden wiederkommen, ganz bestimmt.

Unter Irren

Es ist nun schon eine Weile her, dass ich Zeit und Muße gefunden habe, ein paar Zeilen zu schreiben. Aber das Leben ist hier so verrückt und nimmt einen derart in Anspruch, dass man nur selten dazu kommt, sich um die angenehmen Dinge zu kümmern. Man hat manchmal den Eindruck, man sei von Irren umgeben. Aber vielleicht täuscht die Wahrnehmung, vielleicht ist dieser Eindruck ganz falsch und es kommt nur auf die richtige Perspektive an. Vielleicht bin in Wirklichkeit ja ich derjenige, der verrückt geworden ist und habe es nur nicht gemerkt. Die Irren in der geschlossenen Anstalt, die glauben, sie seien Napoleon, halten sich sicher auch nicht für verrückt. In den letzten Tagen haben sich die Ereignisse regelrecht überschlagen und wir hatten kaum Zeit, Atem zu holen. Aber alles der Reihe nach.

Ein neuer Mitbewohner

Mein Sohn wünscht sich schon seit Jahren einen Hund. Bisher konnten wir ihm diesen Wunsch nicht erfüllen, denn unsere Berliner Wohnung ist nicht gerade groß und auch noch einen Hund darin zu halten, hätte unsere Nerven und wahrscheinlich die des Hundes zu sehr strapaziert. Hier in Ecuador bewohnen wir eine neue, sehr geräumige Wohnung. Platz wäre also da. Zudem ist der Boden in Wohnzimmer, Küche und Bad gefliest. Wenn also wirklich einmal etwas daneben geht, ist das kein großes Malheur. Sollte es irgendwo überhaupt möglich sein, unserem Sohn den sehnlichsten Wunsch zu erfüllen, dann wohl hier. Wir freundeten uns also mit dem Gedanken an, dass wir bald ein weiteres Familienmitglied würden begrüßen dürfen.

Man darf sich nichts vormachen – ist so ein Tier erst einmal im Haus, schließt man es sogleich ins Herz, ganz egal wie ablehnend man ihm am Anfang auch begegnet sein mag. Unser Sohn wollte nun unbedingt einen Mops haben, weil Möpse eben klein sind und leicht in der Wohnung gehalten werden können. Er hatte sich ein wenig in die Idee verrannt und war auch nicht bereit, Alternativen in Betracht zu ziehen. Wir erkundigten uns sogleich nach Preisen. Jeder, der schon einmal einen Hund besessen hat oder sich ein wenig mit Rassehunden auskennt, weiß, dass ein Welpe aus einer Zucht auch seinen Preis hat. Die günstigste Offerte belief sich dann immer noch auf dreihundert Dollar und wir fragten uns, warum es ausgerechnet ein teurer Rassehund sein muss. Wir waren hin und hergerissen, ob wir wirklich so viel Geld für ein Haustier ausgeben sollten. Schließlich wünschte sich unser Sohn so sehr einen Hund, so sehr, dass er sogar gewillt war, morgens früher als sonst aufzustehen, um mit ihm Gassi zu gehen. Das Verlangen nach einem Hund muss wirklich groß sein, wenn er zu solch einem Opfer bereit ist.

Am Ende vertagten wir die Entscheidung. Manchmal ist es das Beste, man wartet einfach ab und lässt die Dinge ihren Lauf nehmen. Wie der Zufall so spielt, fand sich bald eine Lösung: Die Besitzerin des Cyber-Shops hat eine Bekannte, die Hunde hält (vielleicht ist es auch eine Verwandte – ich sehe da nicht so richtig durch). Eine der Hündinnen hatte gerade einen Wurf und die Leute fragten sich, was sie mit so vielen Hunden anfangen sollten. Das Beste wäre, sie einfach zu verschenken! So reifte die Idee heran, einen der Welpen zu uns zu nehmen.

Vorletzten Freitag besuchte mein Sohn zusammen mit meiner Frau, die einem Schwätzchen nie abgeneigt ist, die Leute, um sich die Hunde anzusehen und vielleicht einen auszuwählen, den man mitnehmen könnte. Ich blieb zuhause und rechnete nicht damit, dass unser Sohn so schnell mit einem Hund wiederkommen würde, zumal meine Frau dieser Vorstellung eher reserviert gegenübersteht. Am Ende trat dann genau das ein, womit niemand gerechnet hatte, was man aber hätte voraussehen müssen: Als ich die Tür öffnete, stand mein Sohn freudestrahlend vor mir, in beiden Händen eine große Kiste und darin befand sich ein haariges Etwas, das entfernt an eine Kuh in Miniatur erinnerte.

Der Welpe ist acht Wochen alt, fast so winzig wie ein Meerschweinchen und hat ein Fleckenmuster wie die Milka Kuhflecken. Er hört auf den Namen Titan – sicherlich weil er so furchteinflößend wirkt. Die meiste Zeit des Tages verschläft er. Er rollt sich dann auf seiner Kuschelmatte zusammen und gibt keinen Mucks von sich. Wenn ich am Computer sitze und schreibe, legt er sich auf meine Füße und schläft ein. Das ist der bravste Hund, den ich je in meinem Leben gesehen habe. Er ist so lieb, dass er nicht mal bellt. Nur wenn er einmal zufällig sein eigenes Spiegelbild in der Scheibe sieht, fängt er an zu springen und zu kläffen, aber das ist eher drollig. Leider ist er noch nicht stubenrein und was er wirklich gut kann, ist fressen, Wasser lassen und Häufchen machen. Jedes Mal, wenn ich eine der Tretminen in der Wohnung sehe, bin ich heilfroh, dass der Boden gefliest ist. In den nächsten Wochen wollen wir aber versuchen, ihn stubenrein zu bekommen. Wir haben schon eine Leine mit einem winzigen Geschirr daran gekauft. Neulich haben wir es ihm angelegt – er hielt währenddessen ganz still – und als wir ein bisschen mit ihm herumliefen, schien er sich nicht daran zu stören. So ein lieber Hund!

Eile mit Weile

In der letzten Woche ist endlich ein lang gehegter Traum wahr geworden. So muss man es fast beschreiben, denn nachdem wir so lange auf einen Internetanschluss hatten warten müssen, schickte der Netzanbieter endlich seine Leute vorbei, um die dafür nötige Kabelbox installieren zu lassen. Ein versierter Mitarbeiter hätte sicher gereicht, aber es kamen ihrer gleich vier und es dauerte ungefähr zwei Stunde, bis die Kabel gelegt und die Anschlüsse an der Wand befestigt waren. Merkwürdigerweise hat der Hauseigentümer zwar an jeder Wand zwei Steckdosen anbringen lassen, aber es befindet sich nur ein Telefonanschluss in der Wohnung und zwar ausgerechnet in der hintersten Ecke des Schlafzimmers. Die Installateure meinten, wenn ich die Box woanders hängen haben möchte, müssten sie die Kabel durch die Wohnung legen. Ich entschied mich dann aus ästhetischen Gründen doch dafür, das Telefon in die hinterste Ecke der Wohnung zu verbannen.

Ich war allein zuhause, meine Frau war arbeiten und meinen Sohn hatte ich zur Schule gebracht. Die Leute des Internetanbieters begnügten sich nicht damit, die Kabelbox einfach zu installieren, wie es sich gehört, sondern stellten mir zig Fragen, die ich, mangels ausreichender Spanisch-Kenntnisse, gar nicht beantworten konnte. Ich musste passen, aber hätte ich mich auch verständlich ausdrücken können, so würde ich sie wahrscheinlich doch nicht verstanden haben, denn meistens ging es um technische Details, und es gibt keine Sprache, in der ich dazu kompetent hätte Stellung nehmen können. Am Ende ging es dann doch, ohne dass ich auch nur eine einzige Frage beantwortet hätte, und am Abend hatten wir endlich Internet.

Einige Tage später kam dann noch der Telefon-Mann. Er war wie vom Schlag gerührt, als er die Kabelbox an der Wand hängen sah, denn man hatte ihn beauftragt, Internet und Telefon zu installieren. Er suchte dann in sämtlichen Zimmern die Wände nach irgendwelchen Anschlüssen ab, kratzte sich konsterniert am Kopf und war mit seinem Latein schließlich am Ende. Er murmelte etwas davon, dass er eine Box holen müsste und dass er wiederkommen würde. Weder holte er die Box, noch kam er jemals wieder. Dafür kamen am nächsten Tag noch einmal drei Mitarbeiter derselben Firma und installierten endlich den Telefonanschluss.

Was jetzt noch fehlt, ist das Fernsehen, um die langen ereignislosen Abende zu überstehen. Mittlerweile habe ich fast alle Bücher, die ich mir mitgebracht habe, ausgelesen und Lektüre-Nachschub kommt wahrscheinlich erst in einigen Wochen, wenn unser Container aus Deutschland eintrifft. Vorsorglich habe ich mir einen nicht eben kleinen Fundus an Büchern eingepackt. Darunter ist vieles, das ich mir irgendwann einmal gekauft habe, das ich aber nie gelesen habe, weil ich bisher keine Zeit hatte. Aber vielleicht hatte ich so wenig Zeit, weil ständig der Fernseher lief. Die Tage in Berlin haben mich meist so sehr erschöpft, dass ich mich oft nur noch nach Bequemlichkeit und Entspannung sehnte. Was gibt es Schöneres, als sich in einen gemütlichen Sessel zu fläzen und durch das Abendprogramm zu zappen.

Der Schock zum Wochenende

Letzten Samstag war wieder einmal der große Einkaufswahnsinn angesagt. Wir mussten nach Quito, um Dinge zu kaufen, die es hier in Cumbayá nicht gibt. Zum Beispiel brauchten wir unbedingt einen Wäschetrockner, denn schließlich ist es kein Zustand, wenn ständig die ganze Wohnung mit nasser Wäsche verhängt ist. Da wir immer noch kein Auto haben – die Lieferung kann sich nur noch um Wochen verzögern –, nahmen wir Taxis und den Bus. Am Ende dauerte alles wieder länger, als wir ursprünglich geplant hatten, denn ist man einmal dabei, unentbehrliche Dinge zu kaufen, fallen einem gleich tausend andere Sachen ein, die mindestens genauso unentbehrlich sind.

Nachdem wir aus Quito zurückgekehrt waren, musste meine Frau einer Klinik in der Innenstadt Cumbayás noch einen Besuch abstatten, um die Ergebnisse ihrer letzten Blutuntersuchung zu erfahren. Sie litt seit Tagen unter Durchfällen und die Ärzte vermuteten eine Infektion. Wir verbrachten noch mindestens eine Stunde in der Klinik. Meine Frau wurde ohne Befund (weder Viren noch Bakterien ließen sich nachweisen) nach Hause geschickt. Der Arzt gab ihr ein Rezept, auf das sie in der Apotheke ein Durchfallmittel erhalten würde. Wir suchten noch die Apotheke auf, um das Rezept einzulösen. Nach einem skeptischen Blick auf den Zettel meinte die Apothekerin, dass dieses Durchfallmittel seit zwei Jahren nicht mehr vertrieben werden dürfe und folglich auch nicht im Bestand der Apotheke zu finden sei. Sie gab meiner Frau stattdessen ein anderes Medikament. Da es schon dunkel wurde, nahmen wir uns ein Taxi und fuhren nach Hause. Wir hatten das Haus gegen zwölf Uhr Mittags verlassen. Nach über sechs Stunden Besorgungsmarathon kehrten wir glücklich erschöpft mit unseren Einkäufen heim.

Vor dem Haus empfing uns ein Blitzlichtgewitter in Blau und Rot. Zwei oder drei Polizeiwagen parkten vor dem Eingang, einige Polizisten standen herum und die Bewohner der Wohnanlage erwarteten uns draußen. Alle schauten uns an, als wären wir in irgendetwas verwickelt, von dem wir als einzige nichts wussten. Wir stiegen aus dem Taxi und fragten, was passiert sei. Man sagte uns, es sei eingebrochen worden. Wie sie uns dabei ansahen, wussten wir, dass es die Diebe auf unsere Wohnung abgesehen hatten. Dennoch stürmten wir die Treppe nach oben in der Hoffnung, nein, in der unerschütterlichen Erwartung, dass sich alles als ein Alptraum erweisen würde, den man vergessen hat, sobald man aufwacht. Doch die Ahnung trügt nie und die schlimmsten Befürchtungen werden wahr, wenn man am wenigsten damit rechnet.

Es kam genauso, wie wir befürchtet hatten: Die Wohnungstür aufgebrochen, die Schubladen herausgerissen, die Schränke durchwühlt. Noch wie betäubt, sprachlos, doch mit rasendem Herzschlag prüften wir, was noch da war und was fehlte. Nach unserer verzweifelten Inventur war klar, dass die Diebe genau wussten, was mitzunehmen lohnte. An unseren Reisepässen waren sie nicht interessiert. Wichtige Papiere und Dokumente lagen immer noch fein säuberlich geordnet an ihrem Platz. Selbst Bargeld verschmähten sie, denn die Sparbüchse unseres Sohnes, die immerhin 150 Dollar enthielt, war nicht angetastet worden. Was fehlte, waren die Laptops von uns dreien sowie ein dazugehöriger Kühler, eine Kamera, das Handy meines Sohnes und zwei teure File-cabinets meiner Frau.

Was macht man in solch einer Situation? Die Szene wirkte surreal. Ich hatte den Eindruck, ich wäre gar nicht anwesend, sondern schaute mir von irgendeinem Ort weit entfernt einen Film an, der zufällig von mir und meiner Familie handelte. Vier Polizisten standen in unserem Wohnzimmer und stellten Fragen: Wann wir das Haus verlassen hätten, ob uns etwas aufgefallen sei, welche Dinge wir vermissen würden. Ein Mitarbeiter der Kriminalpolizei nahm den Fall auf und kümmerte sich um die Spurensicherung, die darin bestand, mit der Handy-Kamera Fotos von dem zerstörten Türschloss zu machen. Ich hatte den Eindruck, dass er häufig Fälle wie diesen zu bearbeiten hätte. Anders als seine Polizeikollegen trug er keine Uniform. Er trat vielmehr so auf, wie man es von den coolen Cops in den Filmen US-amerikanischer Provenienz erwartet: Jeans und Sneakers, schwarze Adidas-Jacke über dem bulligen Oberkörper, das Haar kurz geschoren und ein Brillantstecker im Ohr.

Der Polizist hörte sich ruhig und nicht ohne Mitgefühl unsere Sicht der Dinge an: Wenn man sich an den üblichen ecuadorianischen Preisen orientiert, belief sich der materielle Schaden auf etwa viertausend Dollar. Das ist nicht wenig, zumal wir nicht wohlhabend genug sind, um solche Verluste mal eben aus der Portokasse zu ersetzen. Was aber noch schwerer wiegt als der finanzielle Aderlass ist der Verlust wichtiger, ja unersetzbarer Arbeitsmaterialien: Meine Frau hatte mit ihrem Laptop sämtliche Schulunterlagen verloren und war der Verzweiflung nahe. In den File-cabinets befanden sich weitere wichtige Materialien für die Unterrichtsvorbereitung – über Jahre ausgearbeitet, zusammengestellt und archiviert. Mein Sohn braucht seinen Laptop für die Schule. Wir hatten ihm extra einen für tausend Dollar hier in Ecuador gekauft. Das hört sich nach viel an, man muss aber bedenken, dass Computer und insbesondere Laptops hierzulande manchmal doppelt so teuer sind wie in den USA. In der British School wird vernetzt mit „Google Classroom“ gearbeitet; ohne einen eigenen Laptop ist es schlichtweg einfach unmöglich, an Materialien zu kommen oder überhaupt am Unterricht teilzunehmen. Ein Laptop war daher ein absolutes Muss. Das Gerät war gerade ein paar Tage alt, also nagelneu, und mein Sohn, der von uns dreien wohl am meisten von Computern versteht, hatte gerade damit begonnen, einige unverzichtbare Programme zu installieren, als die Diebe zuschlugen. Und ich schließlich brauche meinen Laptop zum Schreiben. Die Kamera, eine teure Lumix, war gerade ein Jahr alt. Meine Frau hatte sich schon immer eine gute Kamera gewünscht und sie schließlich eigens dafür gekauft, um sie nach Ecuador mitzunehmen; sie wollte „schöne Bilder“ machen. Schöne Bilder macht sie jetzt wahrscheinlich auch – es ist bittere Ironie, dass sie nun für immer in Ecuador bleiben wird. Ich hoffe nur, dass die Kriminellen nicht allzu viel Freude an der Kamera haben. In ihrer Eile haben sie das Ladekabel und den Transformator übersehen. Meine Frau hatte die Lumix in Europa gekauft und europäische Ladekabel sind hier in Ecuador nur schwer zu bekommen. Ich fürchte, sobald der Akku leer ist, wird man die Kamera entweder wegwerfen oder alle verwertbaren Teile ausschlachten und den Rest unauffällig entsorgen.

Leider hatte mein Sohn sein Handy im selben Rucksack verstaut, in dem sich auch der Computer befand. Die Diebe schütteten hektisch die Schulbücher und Hefter auf den Boden, stopften den Computer hinein und nahmen den Rucksack mit. Dabei merkten sie offenbar nicht, dass sich darin ein eingeschaltetes Handy befand. Gleich nach unserer Ankunft versuchte die Polizei, das Handy über Satellit zu orten. Sie wurde auch schnell fündig, doch leider konnte der Standort nur mit einem Radius von zweihundert Metern bestimmt werden. Das Handy befand sich zu diesem Zeitpunkt irgendwo in der Nähe des Quicentro Sur im Süden der Stadt. Leider ist das Areal dicht bebaut und man hätte schon mehrere Teams in das dichte Gassengewirr schicken müssen, um den genauen Standort ausfindig zu machen. Bloß wegen einiger Computer würde die Polizei wohl kaum Männer und Ressourcen verschwenden. Am nächsten Tag versuchte man wieder eine Ortung, doch diesmal hatte man keinen Erfolg. Wahrscheinlich hatten die Diebe das Handy entdeckt und die Sim-Karte entfernt.

Nach einer Stunde war die Polizei wieder weg und wir waren allein. Es war fast, als wäre nichts geschehen. Dies könnte ein ganz normaler Samstagabend sein. Wir könnten einen Film gucken oder Musik hören, lesen oder uns unterhalten. Nichts von alledem schien an diesem Abend möglich. Da es im Augenblick nichts zu tun gab, hatten wir alle Zeit der Welt und schon ging das Grübeln los: Warum? Warum wir? Warum heute? Warum sind wir nicht früher nach Hause gekommen? Das sind Fragen, auf die es keine Antwort gibt und man tut sich selbst einen Gefallen, sie gar nicht erst zu stellen. Man braucht eine Beschäftigung, um sich von solch nutzlosen wie quälenden Gedanken abzuhalten.

Um uns abzulenken, schauten wir uns noch einmal in aller Ruhe – so ruhig man eben nach solchen Ereignissen sein kann – die Einbruchsspuren an: Die Wohnungstür war offenbar mit einem Brecheisen aufgestemmt worden. Soviel konnte selbst ich als kriminaltechnischer Laie erkennen. Den Spuren nach zu urteilen, mussten die Diebe nur ein einziges Mal ansetzen, dann flog die Tür auch schon ihn hohem Bogen auf. Jetzt war mir auch klar, warum sie der Gewalteinwirkung so wenig Widerstand entgegengesetzt hatte: Zwar sind die Wände aus undurchdringlichem Beton, aber der Türrahmen besteht aus Pressholz und Pappe. Das ist keine Übertreibung, die Beweise waren eindeutig: Unter einer ca. fünf Millimeter dünnen Holzblende, die dem Türrahmen ein schweres und massives Aussehen verleiht, verbirgt sich ein dünner Rahmen aus Pressholz, dasselbe wie man es für Ikea-Möbel verwendet. Der Pressholzrahmen wurde einfach mit Montageschaum in der Tür fixiert. Unebene Stellen wurden mit Pappe ausgeglichen (ganz recht, dieselbe Pappe, aus der man Schuhkartons macht). Darüber wurde dann die dünne Blende genagelt, die dem Rahmen den Anschein von Massivholz verleiht. Selbstverständlich kann solch ein Türrahmen keiner hohen Belastung standhalten (wer schon einmal Ikea-Möbel in handliche Stücke zerbrochen hat, weiß, dass ein paar gezielte Tritte reichen, um einen ganzen Schrank zu demolieren).

Zum Teil muss man dem Hausbesitzer die Schuld geben, dass es zu den geschilderten Ereignissen kommen konnte, denn er hat es offenbar versäumt, die erforderlichen Sicherheitsmaßnahmen zu treffen. Das Haus ist nagelneu und es ist auch schön anzusehen, eine regelrechte Augenweide ist es, aber was nützt dies, wenn Kriminelle ohne jeden Widerstand und dazu noch mitten am Tage eindringen und die Bewohner bestehlen können. Zumindest würde man erwarten dürfen, dass die Wohnungstür den unerwünschten Eindringlingen das Leben schwer macht. Man sieht, dass die Wohnung in großer Eile durchsucht worden ist, denn wäre man gründlich gewesen, hätte man auch den Tablet-Computer meiner Frau entdeckt, der unter einem Papierstapel lag. Hätte die Tür sich nur fünf Minuten dem gewaltsamen Eindringen widersetzt – was man von einer ordentlichen Tür wohl erwarten kann –, wären die Diebe wahrscheinlich unverrichteter Dinge wieder abgezogen, denn im Erdgeschoss befanden sich zu jener Zeit Anwohner, die durch den Krach alarmiert worden wären. So aber reichte es, das Brecheisen anzusetzen, einmal kräftig zu ziehen und – plong! – schon stand die Tür offen. Das war nicht einmal laut genug, um die Bewohner der Parterre-Wohnungen aufhorchen zu lassen. Als die Polizei sie befragte, gaben sie zu Protokoll, dass sie nichts gesehen oder gehört hätten.

Unsere Wohnung war nicht die einzige, die an diesem Samstagnachmittag ausgeraubt wurde. Auch die Nachbarwohnung war aufgebrochen worden, auch dort hatten die Diebe alles Wertvolle mitgenommen. Die Bewohnerin, eine junge Frau, studiert Filmkunst an der hiesigen Universität. Ihr Vater ist der Bürgermeister von Otavalo. Die Diebe wussten ganz genau, was sich lohnt: Auf einem Tisch mitten im Wohnzimmer stand ihr Mac. Der materielle Schaden wäre zu verkraften, zumal ihr Vater einen gut bezahlten Posten bekleidet, aber unglücklicherweise hatte sie ihre Abschlussarbeit, einen Film, an dem sie seit anderthalb Jahren arbeitete, auf der Festplatte gespeichert. Sie war leider so unvorsichtig, keine Kopie anzufertigen, und deshalb ist nun all die Arbeit zunichte geworden. Sie heulte wie ein Schlosshund und ich konnte ihr die Verzweiflung, die Enttäuschung und die Wut nachfühlen. Mir ging es auch nicht anders, doch dauerte es erst einmal eine ganze Weile, bis sich die Ereignisse in mein Bewusstsein gegraben hatten. Mein Verstand sträubte sich noch immer, das Unvermeidliche zu akzeptieren. Noch immer klammerte ich mich an die sinnlose Hoffnung, man würde die Computer wiederfinden und alles würde sich noch einmal zum Guten wenden. Ich wünsche ihr Glück und hoffe, dass sie ihren Abschluss dennoch schafft.

Meine Frau war völlig aufgelöst, denn sie hatte all ihre Unterrichtsmaterialien, die Arbeit von Jahren, verloren. Der Hausbesitzer und Vermieter weilte gerade mit seiner Familie in den USA und so waren nur seine Söhne und seine Schwiegermutter gekommen, um den Schaden in Augenschein zu nehmen. Meine Frau war verständlicherweise sehr erregt und warf dem Besitzer vor, er hätte durch den Einbau minderwertiger Türen die Sicherheit der Hausbewohner gefährdet. Die Schwiegermutter, ein fette Matrone, entgegnete schnippisch, ob meine Frau denn denke, sie (also die Vermieter) hätten den Einbruch verübt. Meine Frau sagte ihr ganz ruhig ins Gesicht, dieses Gespräch sei absurd und warf die Tür zu (oder zumindest das, was von der Tür noch übrig war). Später freilich erfuhren wir, dass die Frau selbst schon einmal Opfer eines Überfalls wurde. Man hatte ihr eine Waffe an die Schläfe gehalten und sie beraubt. Die Leute hier nehmen solche Ereignisse mit einer Gleichgültigkeit hin, dass es einen nur wundert. Beraubt zu werden, ist Teil des Lebens und Kriminalität wird fast schon als selbstverständlich wahrgenommen. Nahezu jeder kann eine Geschichte erzählen, und eine ist schrecklicher als die andere.

Man könnte einwerfen, warum solch ein Aufruhr wegen einiger Laptops? Schließlich wurde niemand verletzt, niemand kam zu Schaden und das ist doch das Wichtigste. Ja, das ist das Wichtigste. Demgegenüber verliert alles andere an Bedeutung. Natürlich überlegt man immer, was man falsch gemacht haben könnte, durch welche Unvorsichtigkeit man unerwünschte Aufmerksamkeit auf sich gezogen habe. Das ist schwer zu sagen. Wahrscheinlich gerieten wir schon allein deshalb ins Blickfeld der Kriminellen, weil wir ein schönes neues Haus bewohnen und weil wir (d.h. mein Sohn und ich) wie Gringos aussehen. Das sind Merkmale, die einen aus der Masse herausheben und die geeignet sind, die Leute glauben zu machen, man sei reich. Die Ironie ist, dass wir es gar nicht sind. Wir leben zur Zeit buchstäblich von der Hand in den Mund. Jeder Dollar, der verdient wird, ist am Ende des Monats quasi verdampft. Wenn man annähernd so leben will, wie man es aus Europa gewohnt ist, wenn man also eine schöne Wohnung haben möchte und wenn man den Anspruch hat, die Kinder auf eine gute Schule zu schicken, ist das Geld rasend schnell ausgegeben. Die Lebenshaltungskosten sind hierzulande einfach unvorstellbar hoch und selbst für bescheidene Rücklagen ist fast gar kein Geld übrig. Man darf auch nicht vergessen, dass Ortslehrkräfte an den deutschen Auslandsschulen, wie etwa meine Frau, viel schlechter bezahlt werden als die Auslandslehrkräfte, die doppeltes Gehalt beziehen. Befände sich meine Frau in einer solch vorteilhaften Lage, würden wir einfach in den nächsten Elektronikladen fahren und ein paar Laptops kaufen. Das wäre nur zu schön, doch leider schert sich die Realität nicht um Wunschträume.

Unerwartete Hilfe

Noch am selben Abend rief meine Frau ihren Vater an und aufgelöst in Tränen berichtete sie ihm, was sich zugetragen hatte. Sie sagte ihm, dass sie sämtliche Materialien verloren hätte, dass wir die Computer mit unserem letzten Geld gekauft hätten und dass nun alles fort sei und wir nicht wüssten, was wir tun sollten. Ihr Vater hörte sich ihre Schilderung ruhig an und lud uns dann zu sich ein. Er bot an, uns allen neue Laptops zu kaufen. Als ich das hörte, war ich zunächst einmal sprachlos. Ich fragte mich, warum er das tun sollte, aber dann wurde mir klar, dass es ihm wohl ein Herzensbedürfnis war, uns zu helfen. Ich war beschämt und ich hätte verstanden, wenn er allein seiner Tochter oder seinem Enkel einen neuen Laptop kaufen würde. Mir wäre wohler gewesen, ich hätte mir selbst einen kaufen können, mit meinem eigenen Geld. Einer von uns hätte nach Miami fliegen, bei Best-Buy drei Laptops holen und schon am nächsten Tag zurückkehren können. Das hätte wahrscheinlich sogar noch weniger gekostet als die Geräte hier im Lande zu kaufen. Warum eigentlich nicht? Was sprach dagegen?

Das Abenteuer, in dieses Land zu kommen und uns hier einzurichten, hat unsere finanziellen Mittel restlos erschöpft. Alles ist viel teurer als wir uns hatten vorstellen können, sehr viel teurer sogar. Von unserer einstmals üppig gefüllten Reisekasse ist allein die Erinnerung geblieben. Warum sollten wir also ein so großzügiges Angebot nicht annehmen? Eigentlich hatten wir gar keine andere Wahl, denn die Computer sind unverzichtbar: Meine Frau könnte ihrer Arbeit nicht nachgehen und mein Sohn könnte nicht die Schule besuchen. Der einzige, der wirklich darauf verzichten könnte, ohne berufliche Konsequenzen fürchten zu müssen, wäre ich.

Wir verbrachten die Nacht auf den Sonntag unruhig und taten kaum ein Auge zu. Die beschädigte Tür hatten wir notdürftig mit Möbeln verstellt – für einen beherzten Einbrecher hätte diese Sicherung wohl kein Hindernis dargestellt. Am nächsten Morgen erschien die Matrone mit einem Handwerker, um die beschädigte Tür reparieren zu lassen. Die Reparatur bestand eigentlich nur darin, dass ein dünnes Stahlblech in den Türrahmen gesetzt und verschraubt wurde. Die verbogenen Riegel wurden notdürftig begradigt und – hoppla! – schon war die Tür repariert. Die Instandsetzung dauerte gerade einmal zwanzig Minuten und ich wunderte mich, ob alle in diesem Land verrückt geworden sind, oder ob ich der einzige bin, der spinnt.

Der Vater lebt in Santo Domingo, einer Stadt, die man von Quito aus mit dem Bus in etwa fünf Stunden erreichen kann. Die Straße führte hinauf in die Berge und als wir Quito verließen, konnten wir von hoch oben auf die südlichen Stadtbezirke hinabblicken. Es sah aus, als hätte sich eine graue Häuserlawine in das Tal ergossen, gerade so, als wäre ein mit grauen Lego-Steinen gefüllter Eimer in der Badewanne ausgeschüttet worden. Irgendwo dort befanden sich jetzt unsere Laptops. Ich trauerte meinem Dell Bradley nach. Wir waren wie füreinander gemacht. Bei Best-Buy hatte ich 540 Dollar bezahlt. Das ist nicht viel für einen Laptop. Sicherlich gibt es weit bessere und leistungsstärkere Geräte, aber mir genügte dieser. Nun war er weg und ich musste es hinnehmen.

Am Abend trafen wir in Santo Domingo ein. Die Stadt wirkte genauso ungastlich wie bei unserem ersten Besuch und ich fürchte, sie wird uns auch nicht einladender erscheinen, wenn wir sie noch öfter besuchen. Der Vater meiner Frau holte uns vom Busbahnhof ab. Erst kürzlich hatte er einen Unfall und deshalb kam er nicht wie üblich mit dem eigenen Wagen, sondern ließ sich von einem guten Freund chauffieren. Zuhause angekommen, wurde auch schon das Abendessen serviert. Es gab frische Blutwurst, Longaniza. Meine Frau liebt die deftige Spezialität und langte ordentlich zu. Mir war der Appetit auf der langen Fahrt vergangen. Außerdem rumorte es merkwürdig in meinem Magen und deshalb hielt ich es für klüger, mit einem Tee Vorlieb zu nehmen.

Am nächsten Morgen, es war ein Montag, fuhren wir mit dem Auto in eine Gegend, in der vor allem Fabriken und Lagerhäuser angesiedelt zu sein schienen. Die Straßen waren menschenleer. Auf einem vollkommen verwaisten Parkplatz hielten wir. Vor einem großen Tor standen einige Personen und schienen auf etwas zu warten. Kein Türschild verriet, was hinter dem mit Stahlplatten bewehrten Eingangstor zu finden wäre. Als wir dann endlich eingelassen wurden, fanden wir uns im Lager eines Elektronikimporteurs wieder. Fernseher, Computer und Drucker standen, fabrikneu verpackt, auf dem Boden oder lagen zur Ansicht auf Tischen. Die Laptops hatte man in Vitrinen untergebracht. Wir schauten uns ein wenig um und versuchten in Erfahrung zu bringen, welche Leistungsparameter die Geräte aufzuweisen hätten und vor allem wie viel sie kosteten. Man fragte uns, ob wir das Betriebssystem mit oder ohne Garantie wünschten. Wir wunderten uns – was soll das denn für eine Frage sein? Wir fanden, dass die Computer im Vergleich zu den Geräten im normalen Elektronikgeschäft nicht preiswerter wären, und entschlossen uns daher, zu Computron zu fahren.

Computron ist die hiesige Kette für Elektronikartikel. Wir fanden rasch drei Laptops, die uns gefielen, und ließen sie uns einpacken. Vorher lud der Angestellte noch das Office-Paket auf die Festplatte. Mein Schwiegervater zahlte stillschweigend. Beschämt verließen wir den Laden. Um das Maß unserer Beschämung voll zu machen, lud er uns auch noch zum Mittagessen ein. Vielleicht sollte ich mir aber gar nicht so viele Gedanken machen und es als das nehmen, was es ist: ein Akt der Großzügigkeit. Es fällt mir leichter, sein Geschenk anzunehmen, wenn ich mir vorstelle, dass er einfach nur ein großzügiger Mann mit einem noblen Charakter ist. Wie man hört, hat er schon öfter Freunden aus der Patsche geholfen, und auch gegenüber seinen Angestellten soll er sich sehr anständig verhalten. Man mag dies für eine Selbstverständlichkeit halten, aber hierzulande kommt es nicht oft vor, dass ein Chef sich um die Sorgen und Nöte seiner Mitarbeiter kümmert. Die Leute vertrauen ihm und schätzen seine Art. Vielleicht gibt es nicht mehr viele Menschen wie ihn auf der Welt. Man kann froh sein, dass sie noch nicht ganz ausgestorben sind.

Zurück nach Cumbayá

Unsere wertvolle Fracht wollten wir nicht den normalen Linienbussen anvertrauen. Wir bestellten uns ein Express-Taxi. Das ist ein Pkw oder ein Kleinbus mit einem Fahrer und drei bis fünf Passagieren. Diese Art zu reisen ist zwar ein wenig teurer als der normale Bus, dafür ist man aber auch schneller am Ziel und meistens fährt man viel bequemer. Wir fuhren in die Nacht hinein und unterwegs begann es zu regnen. Auf der Autopista begegnete uns wieder der Wahnsinn, den man üblicherweise auf dieser Route erwarten kann: Vor uns verlor ein Pkw auf der regennassen Straße die Haftung, wurde in eine 180-Grad-Drehung geschleudert und geriet auf die Gegenfahrbahn. Höhere Mächte oder der Zufall wollten es, dass just in diesem Augenblick einmal kein dichter Gegenverkehr auf der Gegenspur entlangrollte, und die Insassen des Wagens kamen mit dem Schrecken davon. Etwa auf halber Stecke passierten wir eine Unfallstelle; der Unfallwagen war wie eine Ziehharmonika zusammengequetscht worden. In einer engen Kurve kam uns ein Sattelschlepper entgegen. Er fuhr auf unserer Spur, doch im letzten Augenblick lenkte er zurück. Wären wir nur ein wenig schneller gefahren, hätte es leicht zur Katastrophe kommen können. Dass wir noch lebten, war entweder Vorsehung oder reines Glück. Ich bin geneigt, letzterem den Vorzug zu geben.

Einmal machten wir an einer Tankstelle mitten in den Bergen Rast. Um uns herum türmten sich bewaldete Bergketten zu einem atemberaubenden Panorama. Dann ging es weiter und als wir höher in die Berge hinaufkamen, wurden wir bald von dichtem Nebel eingeschlossen. Es war wie in einer Waschküche, man konnte kaum dreißig Meter weit blicken. Unser Fahrer drosselte die Geschwindigkeit, schaltete die Scheinwerfer ein und hielt die Spur. Die geänderte Wetterlage und die schlechte Sicht schienen jedoch einige Fahrer nicht davon abzuhalten, ihren gewohnten Fahrstil beizubehalten. Manch einer fuhr ohne Licht und es war ein Wunder, dass es nicht noch mehr Unfälle gab. Einmal überholten wir in dichtem Nebel einen Motorradfahrer, der es nicht für nötig befand, durch Licht auf sich aufmerksam zu machen. Dazu war er noch schwarz gekleidet. Er schien zu glauben, dass er die eklatanten Sicherheitsmängel durch langsames Fahren auf dem Standstreifen ausgleichen könnte. Ich frage mich, warum man in diesem Land den Wahnsinnigen Autos und Motorräder gibt statt sie einzusperren.

Neue Überraschungen in Cumbayá

Am nächsten Tag, einem Dienstag, mussten wir wieder zur gewohnten Zeit, also kurz nach Sieben, das Haus verlassen, denn meine Frau wollte pünktlich in der Schule sein. Leichter gesagt als getan: Das Schloss der Haustür hatte sich verklemmt und ließ sich auch trotz größter Kraftanstrengung nicht mehr drehen. Die Tür zur Parketage war ebenfalls verschlossen, denn auch hier hatte das billige Schloss seinen Geist aufgegeben und der Riegel ließ sich nicht mehr zurückschieben. Die Mängel waren seit längerer Zeit offensichtlich, aber bekanntlich muss erst etwas Schlimmes geschehen, bevor Abhilfe geschaffen wird. Wir waren im Treppenhaus eingesperrt, denn aus dem Fenster unserer Wohnung im zweiten Obergeschoss zu springen, ist für jemanden, der kein Artist ist, doch etwas riskant. Meine Frau oszillierte zwischen Wut- und Tobsuchtsanfällen, weil in diesem Haus nicht einmal so einfache und selbstverständliche Dinge funktionierten. In unserer Not klopften wir bei der Mieterin unter uns an die Tür. Sie öffnete noch halb verschlafen im Schlafanzug. Wir fragten sie, ob wir aus ihrem Schlafzimmerfenster klettern dürften. Sie erkannte unsere Lage und hatte nichts dagegen.

Kaum waren wir aus dem Haus, begegneten wir schon dem nächsten Hindernis: Angesichts der Tatsache, dass die Diebe ohne großen Widerstand zu finden, in die Wohnanlage eindringen konnten, hatte der Besitzer angeordnet, die Türen mit Vorhängeschlössern zu sichern. Es dauerte geraume Zeit bis sich endlich jemand fand, der einen Schlüssel hatte. In der Zwischenzeit wurde von allen Seiten viel geschrien und geschimpft und es wurden Drohungen ausgesprochen. Der Chihuahua einer der Besitzerinnen eines Hauses innerhalb der Wohnanlage kläffte meine Frau an und versuchte sie zu beißen. Der Köter ist klein und zerbrechlich wie ein Rehkitz, doch bellt er jeden an, der sich auch nur auf fünfzig Meter nähert. Eigentlich hört man ihn den ganzen Tag bellen als wäre er von Sinnen. Wenn man mich fragt, gehört der Hund zum Hundepsychiater oder eingeschläfert. So früh am Morgen hatte die Besitzerin das Tier frei in der Anlage herumlaufen lassen und meine Frau, deren Nerven mittlerweile blank lagen, war nahe daran, die dauerkläffende Töle mit einem Tritt in die Hundehölle zu schicken.

Wir nahmen ein Taxi. Der Fahrer an diesem Morgen war uns gut bekannt, denn er hatte uns schon öfter zur Deutschen Schule bzw. zur British School gefahren. Auf der Calle Santa Inés muss er wohl für einen Augenblick unkonzentriert gewesen sein, denn er touchierte ganz leicht den vor ihm stehenden Audi A4. Es gab wieder einmal Stau und die Kolonne kam nur im Schritttempo voran. Eigentlich war es kein echter Auffahrunfall, sondern nur ein leichtes Anstoßen an der Stoßstange. Der Fahrer des Audi sprang jedoch wie ein geölter Blitz aus dem Wagen. Von meinem Platz im Font des Taxis konnte ich ihn genau sehen: Straff gebügelter grauer Anzug, akkurat gebundene Krawatte, die Haare platt gegelt, teure Sonnenbrille. Der Taxifahrer blieb sitzen und versuchte mit dem Mann zu reden, doch der zückte gleich sein Handy und rief seinen Anwalt an.

Ich versuchte zu erkennen, ob der Schaden an seinem Auto ein solch extremes Verhalten rechtfertigte, doch ich konnte nichts entdecken. Die Stoßstange wirkte unversehrt, keine Beule, keine Delle. Vielleicht hatte der Lack einen Kratzer davongetragen, aber würde man deshalb gleich seinen Anwalt anrufen? Während diese gebügelte Canaille ihrem Rechtsbeistand das „Verbrechen“ meldete, stieg die Tochter aus dem Auto, ein etwa zehnjähriges Mädchen in der Uniform der Deutschen Schule. Ich hasse dieses reiche Pack, das glaubt, besser als der Rest der Menschheit zu sein, weil es Anzug und Krawatte trägt, ein teures deutsches Auto fährt und das eigene Kind auf eine exquisite Schule schickt. Der Taxifahrer ist ein einfacher Mann, der sich, wie die meisten in diesem Land, irgendwie durch den Alltag schlägt und zu überleben versucht. Mit ein wenig gutem Willen hätte man sich gütlich einigen können, denn der Schaden war nur sehr gering – wenn es überhaupt einen Schaden gab. Doch Audi wollte keine Einigung. Leute seiner Sorte sind es gewohnt, Menschen wie den Taxifahrer als Untergebene zu betrachten: Man pflegt nur dann mit ihnen Umgang, wenn sie im Haus die Böden schrubben oder die Toiletten reinigen. Ich weiß nicht, wie die Sache endete. Jedenfalls machte Audi mit seinem Handy eifrig Fotos vom Nummernschild des Taxis und von dem „Schaden“ an seinem wertvollen deutschen Wagen. Der Taxifahrer fürchtete das Schlimmste und wahrscheinlich hat er wirklich Grund, sich Sorgen zu machen, denn solches Geschmeiß wie Audi bewegt nur zu gern alle Hebel, um den „Pöbel“ in die Schranken zu weisen.

Wenn der Tag schon einmal schlecht angefangen hat, warum sollte er dann besser enden? Als wir zuhause ankamen, ließ sich das Schloss unserer Wohnungstür nicht mehr öffnen. Es klemmte. Die Riegel hatten sich durch die gewaltsame Türöffnung verzogen und schließlich so verkeilt, dass man ihn nicht mehr zurückziehen konnte. Die Tür saß fest wie zugeschweißt. Sicherlich hätte ich mir mit einem kräftigen Tritt Zugang zur Wohnung verschaffen können, doch dann hätte der Besitzer darauf bestanden, dass ich die Tür bezahle. Zum Glück waren an diesem Tag Handwerker im Haus. Der Besitzer ließ in aller Eile jene Sicherheitsmängel beheben, die der Einbruch offengelegt hatte. Er schickte einen Schlosser zu uns nach oben, um die Tür zu öffnen. Der Mann mühte sich redlich, aber auch Expertenhände vermochten die Tür nicht aufzubekommen. Ironisch schlug ich vor, doch das Schloss einfach aufzubohren. Der Schlosser entgegnete schlagfertig, genau das habe er gerade in diesem Moment auch vorschlagen wollen. Wir warteten dann noch einmal geschlagene zwei Stunden bis das Schloss endlich nachgab. Zwar kann ich die Fähigkeiten des Mannes als Schlosser nicht beurteilen, aber ganz sicher ist er der miserabelste Dieb, von dem man je gehört hat. Der Einbau eines neuen Schlosses war dann allerdings in ein paar Minuten erledigt.

Wir werden uns nach einer neuen Wohnung umsehen müssen, denn das Haus, in dem wir zur Zeit wohnen, ist nicht sicher – trotz aller Bemühungen des Hausbesitzers, diesen Zustand zu ändern. Seine Anstrengungen kommen zu spät. Wir und unsere Nachbarin werden ausziehen. Für den Besitzer der Anlage ist das ein finanzieller Verlust, zumal er nicht so schnell Nachmieter finden wird, wenn sich herumspricht, dass schon zweimal eingebrochen worden ist (vor vier Wochen drangen Unbekannte in die Parketage ein). Schon oft hat man davon gehört, dass immer wieder dieselben Häuser heimgesucht werden. Wenn es einmal etwas zu holen gab, warum dann nicht auch beim zweiten Mal? Wir wollen kein Risiko eingehen und wer sagt uns, dass wir beim nächsten Mal so glimpflich davonkommen?

Fazit

Ich bin in meinem ganzen Leben noch nie bestohlen worden, aber dies ist eine Erfahrung, die ich nicht unbedingt wiederholen möchte. Wir hoffen, dass wir bald ein Heim finden werden, in dem wir uns wohlfühlen und in dem wir sicher sind. Gewiss kann man nie vollkommene Sicherheit erwarten, weder in Ecuador, noch in Deutschland. Das ist etwas, das es nicht gibt und auch nicht geben kann. Dennoch sollte man sämtliche möglichen Vorkehrungen treffen, damit man solche bitteren Erfahrungen gar nicht erst machen muss. Das ist man sich und den Menschen schuldig, die man liebt.

Polnische Haferflocken

Heute haben wir unseren Wocheneinkauf gemacht. Es gibt mehrere Supermarktketten, die um die Gunst der mehr oder weniger betuchten Kundschaft buhlen. Wir fuhren extra nach Tumbaco – das ist die Nachbargemeinde Cumbayás etwas weiter östlich –, weil wir hofften, den hohen Preisen in Cumbayá ausweichen zu können. Die preiswerteren Supermärkte sind Tia und Santa Maria; wer einmal richtig Geld ausgeben möchte, sollte Supermaxi oder Mi Comisariato besuchen. Da es in Cumbayá keinen Santa Maria gibt, fuhren wir mit dem Taxi nach Tumbaco.

Wie Cumbayá ist Tumbaco eine kleine Gemeinde östlich von Quito. Von Cumbayá aus sind es noch einmal zehn Minuten bis ins Zentrum von Tumbaco. Im Gegensatz zu Cumbayá, in dem das viele Geld, das in den letzten Jahren in die Gemeinde hineingeflossen ist, zu einer Explosion der Mietpreise geführt hat, ist Tumbaco noch unberührt geblieben vom allgemeinen Landkaufrausch. Alles ist eine Nummer kleiner: Im Zentrum gibt es noch kuschlige kleine Geschäfte (tiendas), in denen der Besitzer persönlich hinter der Ladentheke steht. Die großen Malls haben noch nicht die Innenstadt unter sich begraben und auch die Agenten der Globalisierung, die transnationalen Ketten sind im Stadtbild noch nicht so präsent wie in der Nachbargemeinde. Der unvermeidliche Colonel Sanders lächelte uns freilich gleich am Ausgang des Supermarktes entgegen.

Das Zentrum Cumbayás sieht aus wie das Zentrum irgendeiner wohlhabenden amerikanischen Kleinstadt. Alles ist bis zu einem gewissen Grade auswechselbar und die Shopping-Malls wirken ohnehin so, als seien sie geklont worden. Tumbaco dagegen hat sich seinen ursprünglichen Charme bewahrt. Man fragt sich, wie lange es so bleiben wird, denn je stärker die Grundstückspreise in Cumbayá anziehen, umso mehr Menschen wird es in das billigere Tumbaco ziehen.

Die Fahrt dauerte etwa zehn Minuten und kostete 3,50 Dollar. Als wir angekommen waren, fiel uns ein, dass wir ruhig mit dem Bus hätten fahren können, denn da hätte jeder von uns nur 25 Cents für die Fahrt bezahlt (da zeigt sich der Sparfuchs!). Zurück nach Cumbayá mussten wir natürlich ein Taxi nehmen – mit vollen Einkaufstaschen im vollbesetzten Bus auf kurvenreicher Strecke unterwegs zu sein, ist nicht gerade ein Vergnügen.

Das Santa Maria ist ein riesiger Supermakt, in dem es einfach alles gibt, abgesehen vielleicht von Quark und Roggenmischbrot. Überhaupt sucht man Roggen vergeblich. Ich glaube, würde man danach fragen, könnten die Leute hier nichts damit anfangen. Wie – man bäckt Brot nicht aus Weizen? Kurios, diese Deutschen. Merkwürdig genug, gibt es Gerste zu kaufen, und zwar nicht etwa geschrotet oder zu Mehl vermahlen, sondern als Korn. Wer braucht denn sowas? Erstaunlich ist auch die unglaubliche Auswahl an Haferflocken – ganze Regale sind ausschließlich für Haferfocken reserviert. Als ich das erste Mal im Jahre 1992 nach Ecuador kam, aß man die Haferflocken nicht, sondern man verkochte sie zu Schleim, den man dann eiskalt mit Fruchtsäften mixte. Das hört sich etwas merkwürdig an, aber das auf diese Weise hergestellte dickflüssige Getränk, das man nach der Marke „Quaker“ nannte, schmeckt an heißen Tagen sehr gut und erfrischt ungemein.

Quaker gibt es übrigens immer noch, aber seit damals sind Dutzende Marken dazugekommen, und alle werben um die Gunst des ecuadorianischen Konsumenten. Um ein besonderes Gütezeichen scheint es sich zu handeln, wenn die Ware mit dem Attribut „polnisch“ versehen wird. Man wirbt ausdrücklich mit polnischen Haferflocken (Avena polaca). Was polnischen Hafer so besonders macht, will mir zwar nicht in den Sinn, aber wer behauptet, dass Werbung immer einen Sinn ergibt. Wir nahmen zwei große Packungen Haferflocken mit, jedoch nicht die polnischen, weil wir unsere Gaumen erst allmählich auf die Geschmacksexplosion vorbereiten wollen.

Am Ende schieben wir unseren Einkaufswagen mit banger Erwartung zur Kasse. Nachdem alles durch den Scanner gezogen wurde, steht auf der Kassenanzeige die Zahl 130. Das ging mal eben ins Geld! Wir hatten gehofft, im Santa Maria könnten wir etwas preiswerter einkaufen, aber schließlich stellte sich heraus, dass Tia doch billiger ist und nicht Santa Maria, wie wir irrigerweise annahmen. Meiner Frau gefällt Tia nicht, denn die Märkte sind kleiner und enger und die Auswahl an Lebensmitteln ist auch nicht so groß wie im Santa Maria (Ich weiß gar nicht, ob es dort polnische Haferflocken gibt). Wenigstens haben wir jetzt erst einmal alles, was man in einer Küche als Grundausstattung an Essbarem haben sollte – Yummie!

Ach ja, ich brauchte eine neue Zahnbürste und da in meinem Kopf immer noch der Aldi-Preis herumspukte, glaubte ich, auch hier würde ich den Artikel für kleines Geld bekommen. Ich kaufte die billigste Bürste im Doppelsparpack und bezahlte dafür fünf Dollar. Heißt es nicht, man solle auf keinen Fall bei der Zahnpflege sparen? Bis zum nächsten Einkauf!

Kaufrausch in Quito

Heute wurden Kühlschrank, Herd und Matratzen in unsere neue Wohnung geliefert. Wir haben eine Wohnung in Cumbayá angemietet, weil das Colegio Alemán (die Deutsche Schule Quito), in der meine Frau als Lehrerin arbeiten und die unser Sohn besuchen wird, ganz in der Nähe liegt. Zwar wäre es reizvoll gewesen, in Quito selbst zu wohnen, allerdings hätten wir dann jeden Morgen einen ziemlich langen und stressigen Anfahrtsweg zu bewältigen gehabt. Die letzten Tage haben wir in der Wohnung einer Bekannten meiner Frau verbracht. Von dort sind es mindestens zwanzig Minuten mit dem Taxi nach Cumbayá. Schon am Vortag musste ein Transporter für den nächsten Morgen bestellt werden, denn ein normales Taxi hätte alle unsere Koffer und Neuanschaffungen nicht in einer Tour bewältigen können. Bis 10:00 Uhr mussten wir in unserer neuen Wohnung sein, weil dann Kühlschrank, Herd und Matratzen geliefert werden sollten. Was sollte da schon schief gehen, dachte ich mir.

Schon gegen 7:00 Uhr klingelte uns der Fahrer, der den Kühlschrank liefern sollte, aus dem Bett. Er wäre in einer halben Stunde bei der Wohnung – ob uns das recht sei. Wir erklärten ihm, dass wir erst ab 10:00 Uhr den Kühlschrank entgegennehmen könnten. Etwas später rief der Fahrer des Transporters an. Er meinte, er könne die Tour heute nicht machen, weil er nicht nach Quito fahren dürfe. Das hat folgende Bewandnis: Um den Verkehr nach Quito zu regulieren, hat man beschlossen, dass an bestimmten Wochentagen Fahrzeuge mit einer bestimmten Endnummer auf dem Nummernschild nicht nach Quito oder heraus fahren dürfen, an anderen Tagen wiederum Fahrzeuge mit anderen Endnummern usw. Heute war eben der Transporter dran – wie hätte der gute Mann auch wissen sollen, dass er ausgerechnet an diesem Tag nicht fahren kann. Meine Frau regte sich furchtbar auf, denn schließlich hatten wir einen Termin zu halten und der Fahrer hatte sein Wort gegeben, pünktlich zu sein. Nach vielem Hin und Her sagte er schließlich zu, einen anderen Transporter zu schicken. Leider kam der nie an, so dass wir am Ende doch gezwungen waren, zwei Taxis zu bezahlen.

Während der Fahrt schaute ich aus dem Fenster und ließ die Eindrücke auf mich wirken. Plötzlich sah ich etwas, das mir bekannt vorkam: Das Taxi hatte an einer Ampel direkt vor dem Colegio Italiano gestoppt, und als ich aus dem Fenster blickte, sah ich vor dem in die Jahre gekommenen Gebäude die Statue des „Sterbenden Galaters“ aus Pergamon stehen. Die Autoabgase hatten zwar den Firnis der Betonreplik schon etwas angegriffen, aber es war unzweifelhaft der Galater. Es ist schon merkwüdig, in welchen Verwandlungen einem bekannte Dinge manchmal entgegentreten.

Der Kühlschrank wurde geliefert, aber es zeigte sich, dass die Tür defekt war. Also wurde alles wieder eingepackt und mitgenommen. Der neue Schrank kam dann zwei Stunden später. Vorher war schon der neue Herd angekommen, denn daran fehlte es ebenfalls. Seit die Regierung beschlossen hat, Gasöfen allmählich aus dem Verkehr zu ziehen und ganz auf Induktionsöfen setzt, gibt es keine mit Gas betriebenen Öfen mehr zu kaufen. Einmal die Woche kommt ein Lkw und bringt volle Gasflaschen im Tausch gegen leere. Früher wurde so jeder Winkel Ecuadors mit Gas versorgt, doch jetzt hat man begonnen, das Versorgungsnetz auszudünnen, um die Leute dazu zu bringen, Induktionsöfen zu kaufen. Wir haben den neuen Ofen, der übrigens aus ecuadorianischer Produktion stammt, gleich mit einer ersten Mahlzeit eingeweiht – es gab Spaghetti. So ein Induktionsofen ist eine tolle Sache: alles wird unglaublich schnell warm, viel schneller als bei Gas. Die schöne neue Küchenwelt hat aber ihren Preis und etwas Billiges findet man nicht. Einen Tag vorher hatten wir schon einmal vorsorglich einen Topf und eine Pfanne gekauft. Der Topf, der nicht mal sehr groß ist, hat sechzig Dollar gekostet und die Pfanne vierzig.

Während meine Frau und mein Sohn in der Wohnung darauf warteten, dass Herd und Kühlschrank geliefert wurden, fuhren mein Schwager und ich los, um ein paar Einkäufe zu machen. Wir brauchten solche alltäglichen Dinge wie Bodenreiniger, Putzschwämme, Kleiderbügel, Waschpulver, Wäscheklammern und fast alles, was in jeder normalen Wohnung im Überfluss vorhanden ist. Wir fuhren also von Santa Inés, das ist der Distrikt von Cumbayá, in dem unsere Wohnung liegt, ins Zentrum von Cumbayá. Auf der Hinfahrt nahmen wir kein Taxi und so dauerte es bestimmt eine Stunde, bis wir endlich den Supermarkt erreichten. Wir mussten einmal umsteigen und die Busse, die wir nahmen, rasten schon los, bevor wir überhaupt eingestiegen waren. Man hält sich dann einfach am Türgriff fest und schwingt sich wie Indiana Jones in den Bus.

Wir kauften bei „Tia“ ein. Das ist eine Supermarktkette im preisgünstigeren Segment. Am Ende waren es dann aber doch hundert Dollar und wir hatten gerade so das Nötigste besorgt. Das reichte, um etwa zehn Einkaufstüten zu füllen (und die Tüten sind wirklich klein, kein Vergleich mit denen, die man beim deutschen Discounter bekommt). Zurück fuhren wir mit dem Taxi – ich hätte mir auch nicht vorstellen können, wie wir uns mit vollen Tüten in den fahrenden Bus hätten schwingen sollen. Die Fahrt dauerte nur wenige Minuten und kostete am Ende 1,80 Dollar. Ich hatte nur einen Zehn-Dollar-Schein, aber auch den konnte mir der Fahrer nicht wechseln. Mit Mühe und Not kratzten wir etwas Kleingeld zusammen.

Am Abend, als wir mit dem Taxi zurück nach Quito zu unserer provisorischen Unterkunft fuhren, rief die Bank an und bestätigte, dass sie die Finanzierung für unser Auto bewilligen wolle. Das ist eine gute Nachricht, denn ohne ein Auto ist man in Ecuador wirklich aufgeschmissen. Sicher, man kann den Bus nehmen, aber erstens muss man denn viel Zeit mitbringen und zweitens muss man sportlich sein und die Herausforderung lieben. Billig ist es allemal und man kommt auch überall hin. Wer das Abenteuer sucht, wird den Bus lieben.

Unser Heim, unsere Möbel

Heute haben wir endlich den Vertrag für die Wohnung unterschrieben, die für die nächste Zeit der Mittelpunkt unseres Lebens sein wird. Das Haus hat drei Etagen. Es gab keinen Vormieter, alles ist nagelneu – an vielen Stellen sieht man noch die Bleistiftmarkierungen der Zimmerleute und Fliesenleger. Bis auf die Schränke und eine Spüle ist unser neues Heim so leer wie eine Ausnüchterungszelle der Nachtwache. Dadurch wirken die Räume noch größer als sie ohnehin schon sind. Es gibt einen Balkon, ein Gemeinschaftsgrundstück und eine Dachterrasse, die so riesig wie ein Tenniscourt ist. Ich habe gleich nachgefragt, ob man dort grillen dürfe – aber selbstverständlich, war die Antwort. Vorn blickt man auf einen Stadtteil von Cumbayá und die Berge. Ganz in der Nähe wird gerade ein neues Gebäude hochgezogen; die Maurer verputzen schon die Wände, aber es wird wohl noch eine Weile dauern, bis die Baustelle vor unserer Haustür verschwunden ist. Hinter dem Haus gibt ein ein kleines Stückchen Land, auf dem eine Kuh friedlich grast.

Wir sind hier angekommen wie Flüchtlinge, wir besitzen nichts. Doch sind wir natürlich nicht wirklich mittellos, aber wir sind auch nicht so gut betucht, dass wir alle unsere Ausgaben aus der Portokasse bestreiten könnten. Und Ausgaben werden auf uns zukommen, so viel ist sicher. Alles ist unglaublich teuer, viel teurer als in Deutschland. Insbesondere die Anschaffung von Elektrogeräten bedeutet einen Schlag ins Kontor. Wer hier seit längerer Zeit lebt, konnte die Anschaffungen wenigstens nach und nach tätigen. Wir müssen alles auf einmal kaufen – Matratzen, Herd, Kühlschrank, Töpfe, Pfannen, Besteck, Tisch, Stühle und all die anderen Dinge, die man als zivilisierter Mensch braucht. Wir haben schon mal Matratzen gekauft, die dann im Laufe der Woche geliefert werden. Der Kauf selbst war eine Qual, denn meine Frau konnte sich nicht entscheiden, ob sie lieber die etwas härtere oder die etwas weichere Variante haben möchte. Dann versuchte uns der Verkäufer auch noch das teurere Modell anzudrehen. Schließlich aber war der Kauf perfekt und alle waren zwar erschöpft, doch glücklich. Wir besorgten noch Kissen und Decken, denn zwar liegt Cumbayá – so heißt der Ort, an dem wir wohnen werden – um einiges tiefer als Quito, dennoch sind die Nächte ziemlich kalt und eine kuschelige Decke braucht man auf jeden Fall.

Wir kamen nicht umhin, auf unserer Einkaufsodyssee das Quicentro, eine der größten Malls der Stadt, zu besuchen. Für mich sehen alle Malls gleich aus – man hätte sich auch in irgendeinem Shoppingzentrum in Dallas, New York, London oder Berlin befinden können. Meinem Gefühl nach ist das Quicentro deutlich größer als etwa das Alexa oder die Mall of Berlin, was aber einfach nur am Grad meiner geistigen und körperlichen Erschöpfung gelegen haben mag. Alle großen internationalen Marken sind vertreten – nichts Besonderes also. Der Aufenthalt in dieser Mall wäre nicht weiter bemerkenswert gewesen, hätte ich nicht nach endlosen, schmerzhaft empfundenen Stunden der Suche nach dem Goldenen Vlies auf die Toilette gemusst – unglaublich, was man dort zu sehen bekommt: Die Türen der Toilettenkabinen bestehen aus Glas und sind halbdurchsichtig. Zwar kann man von draußen nicht hineinsehen (wer möchte schon wissen, was dort vor sich geht!), von innen kann man aber sehr wohl alles sehen, was sich vor der Tür abspielt. Es ist schon merkwürdig, auf dem Klo zu sitzen und das Gefühl zu haben, die Kloschüssel stünde mitten im Raum und alle laufen an einem vorbei, ohne Notiz zu nehmen.

Das ist aber noch nicht alles, was die Sanitäreinrichtungen der Mall an Attraktionen zu bieten haben! Auf der anderen Seite befinden sie die Batterien mit den Pissoirs, ungefähr zwölf in einer Reihe, und über jedem einzelnen hängt tatsächlich ein Bildschirm. Man sieht weiße Federwolken über einen azurblauen Himmel treiben. Das hat etwas sehr Beruhigendes; man fühlt sich augenblicklich entspannt und man wird von dem unwiderstehlichen Verlangen gepackt, es einfach ungehemmt fließen zu lassen. Jedem, der das sieht, wird augenblicklich klar: So viel Fortschritt braucht die Menschheit!

Zuvor statteten wir einem Möbelhaus, das uns empfohlen worden war, einen Überraschungsbesuch ab. Wir hatten keinen bestimmten Vorsatz, etwas zu kaufen, aber schon als wir durch die Tür kamen, stach uns ein Sofa förmlich ins Auge und der Entschluss war bereits gefasst, ohne dass wir darüber noch einmal nachdenken mussten. Unsere neue Wohnung ist noch vollkommen leer, aber sitzen möchte man ja schon dann und wann. Das Geschäft mit dem Namen Colineal ist in der besten Einkaufsstraße Quitos angesiedelte und bietet auf drei Etagen edle Möbel und Accessoirs für den Mann oder die Frau mit Stil. Das Colineal ist ein Möbelgeschäft ganz anderer Art als jenes, das wir einige Tage zuvor besucht hatten (Möbel bis zur Wellblechdecke, Träger hasten ameisenhaft durch die Klüfte zwischen den Möbelbergen). Was man sieht, ist teuer, aber dafür von höchster Qualität. Selbst die Dekorationen sind echt: Auf dem Tisch und im Regal der Ausstellung standen drei Flaschen Heineken. Als ich eine nahm, merkte ich, dass es echte Flaschen waren. Das Bier hätte man trinken können, wäre es nur nicht so warm gewesen.

Offenbar legt das Unternehmen großen Wert auf sein Image und so findet man unter den Angestellten, die mit dem Verkauf befasst sind, keine Männer, nur Frauen. Die meisten sehen sehr gut aus (muss wohl irgendeines der vielen Einstellungskriterien sein) und ihre Anziehungskraft wird noch gesteigert durch das sehr geschmackvolle und vor allem figurbetonende rote Kleid, das sie tragen – eine Art Firmenuniform. Ihr Arbeitsvertrag scheint ihnen ebenfalls das Tragen hoher Schuhe vorzuschreiben, denn ich sah keine, die nicht auf wenigstens fingerlangen Absätzen durch den Laden paradierte. Die Angestellten wirkten alles anderes als Verkäuferinnen, man hätte vielmehr meinen können, sie seien Hostessen einer edlen Hotelkette. Als ich dies sah, musste ich unwillkürlich an Ikea mit seinen Cargohosen und gelben T-Shirts denken. Ich hätte stundenlang in den Polstern sitzen und ihnen bei der Arbeit zusehen können.

Alles anders!

Der Alltag hat einen daran gewöhnt, die meisten Dinge als völlig normal zu erachten. Erst wenn man den gewohnten Standpunkt verlässt, wenn man gezwungen ist, die Welt aus einer anderen Perspektive zu betrachten, merkt man, dass es das „Normale“ eigentlich gar nicht gibt und vielleicht auch gar nicht geben kann. Wenn das, was man eben noch als normal empfand, plötzlich die Ausnahme ist, und die gewohnte Welt auf dem Kopf zu stehen scheint, begreift man, dass man einer Illusion erlegen war.

Der Kulturschock zeigt sich immer in den kleinen Dingen. Wie man es auch dreht und wendet – wir kommen nie über das hinweg, was wir einmal gelernt haben. Was uns einmal antrainiert worden ist, bleibt ein Leben lang der Maßstab, an dem wir alles messen müssen. Die Moral steckt uns in den Knochen und wir können sie nicht auf dieselbe Weise austreiben, wie sie uns eingetrichtert wurde. Ich habe bereits drei Jahre in Texas gelebt und glaubte daher, dass es nichts gäbe, was mich noch wirklich beeindrucken könnte. Aber manchmal irrt man eben.

In Belleville, New Jersey, (in der Nähe Newarks), wohnen wir bei Freunden meiner Frau. In der Nähe befindet sich ein Supermarkt, und da wir als Gäste nicht nur den Kühlschrank leeren wollen, ist schnell der Entschluss gefasst, wir müssten einkaufen gehen. Man kann den Supermarkt in ca. fünf Minuten zu Fuß erreichen und wir beschließen hinzulaufen – ein Kuriosum in einem Land, in dem selbst kürzeste Entfernungen mit dem Auto zurückgelegt werden. Drinnen erwartet uns eine unglaubliche Fülle an Lebensmitteln. Belleville liegt zwar weniger als eine Autostunde von New York entfernt, ist aber dennoch nur eine Kleinstadt, und eine ziemlich provinzielle dazu. Der Supermarkt aber ist, was die Reichhaltigkeit des Angebots betrifft, besser ausgestattet als die Masse der Berliner Verbrauchermärkte, ganz gleich, welcher Kette sie angehören. Es gibt einfach alles: Kochbananen, sogar in unterschiedlichen Reifegrade, getrocknete Chilis in verschiedenen Sorten, Mangos, Süßkartoffeln, Melonen. Insbesondere das Angebot an Obst und Gemüse ist überwältigend. Und auch alles übrige ist in solch einer überbordenden Fülle vorhanden, dass beim Einkaufen die Qual der Wahl der Normalzustand ist.

Die meisten Waren sind jedoch nicht gerade billig. Die Preise sind mit denen in Deutschland durchaus vergleichbar. Ich habe den Eindruck, es ist alles sogar noch teurer als in Berlin. Seit 2008, als wir Amerika verließen, hat die Preisschraube noch einmal deutlich angezogen. Ist das nun nur ein Eindruck oder tatsächlich eine Konsequenz der Geldpoliktik der FED, dem quantitative easing, was nichts anderes als eine gesteuerte Inflation bedeutet? Man fragt sich, wie die einfachen Leute überleben. Allerorten hört man von Zweit- oder Drittjobs, mit denen sich die Menschen notdürftig über Wasser halten.

Gestern sprach mich ein Mann auf der Straße an. Er versicherte mir, er wolle nichts Böses. Zum Beweis zeigte er mir seinen Führerschein – was auch immer das beweisen mochte. Stattdessen bot er mir zwei Bruce-Lee-DVDs zum Kauf an. Ich log, ich sei kein großer Fan von Bruce Lee, denn ich wollte die DVDs auf keine Fall kaufen. Ich fragte ihn stattdessen, ob ich ihm sonst irgendwie helfen könnte. Ein bisschen Geld für den Bus wäre nicht schlecht, meinte er. Er habe nur das, was er bei sich hätte und sonst nichts (außer seinen Sachen schien er nichts zu besitzen). Ich gab ihm alles, was ich an Kleingeld in den Taschen hatte und er zog dankbar in die Nacht. Ich kam mir ganz schlecht dabei vor, ihn einfach so gehen zu lassen.

Unsere Reisekasse war zu diesem Zeitpunkt noch gut gefüllt und wir hielten uns mit Einkäufen im Supermarkt nicht zurück. Am Ende wollte ich noch etwas Bier kaufen, denn Wasser allein löscht bekanntlich nicht den Durst. Ich war ein wenig schockiert zu erfahren, dass die Supermärkte keine alkoholischen Getränke verkaufen. Vielleicht ist diese Regelung ein archaisches Überbleibsel aus der Zeit der Prohibition, vielleicht will man Jugendliche davor schützen, sich auch noch der letzten funktionsfähigen Gehirnzellen zu entledigen, vielleicht wollen radikale Abstinenzler einfach nur den ganzen Bundesstaat terrorisieren – ich weiß es nicht. Joao, unser Gastgeber, ist erstaunt, dass ich etwas anderes erwartet habe und meint bloß, wenn wir Bier kaufen wollten, müssten wir mit dem Auto zehn Minuten weit fahren, zu einem speziellen Laden. Das wäre angeblich kein Liquor-Store. New Jersey versucht sich doch nicht etwa am schwedischen Modell? Ich nehm’s so hin; durch die Gegend zu fahren, habe ich keine Lust, zumal mir Joao am Tag zuvor erzählte, dass die Gegend fünf Straßen weiter ein ganz übles Pflaster sei.

Ich grübelte noch lange, welchen Sinn es haben könnte, Bier aus dem Supermarkt zu verbannen, zumal in einigen Bundesstaaten jeder, der Alkohol kauft, einen Adult-Check über sich ergehen lassen muss, ganz gleich wie alt er wirklich ist (und wie alt er aussieht). Eine vernünftige Antwort fällt mir nicht ein. Ich brauche ein Bier, um meine Hirnzellen anzukurbeln. Joao hat eine Coronita im Kühlschrank, die er mir, als der warmherzige Mensch, der er ist, sofort mit einem strahlenden Lächeln serviert. Eine Coronita ist eine kleine Corona extra, nur ein Shot in einer winzigen Flasche, zu leeren in einem einzigen Zug. Ich genieße das kalte Bier nach einem langen heißen Tag.

Einige Tage später haben wir dann tatsächlich Gelegenheit, ein Weingeschäft aufzusuchen. Wir waren die einzigen Kunden in dem auf winterliche Temperaturen gekühlten Geschäft, das eher an eine große Lagerhalle denn an eine gediegene Weinhandlung erinnerte. Die Auswahl war wirklich sehr gut, viele Qualitätsweine fanden sich darunter, aber meine Frau hatte sich nun einmal in den Kopf gesetzt, ihren Freunden ein ganz besonderes Geschenk zu machen: Es sollte ein deutscher Eiswein sein und nichts anderes. Da die Weine nicht mehr in den Koffer passten, waren wir also gezwungen, ein paar Flaschen hier in Amerika zu kaufen. Eiswein hatten sie leider nicht und ich bezweifele, dass der Angestellte, der ein wenig wie der Comic-Guy aus den Simpsons aussah, sich überhaupt vorstellen konnte, was wir meinten. Er zeigte uns einen kanadischen „Ice wine“, was immer das sein sollte. Als ich den Karton mit der Flasche aus dem Regal nahm, um ihn mir genauer anzusehen, wäre mir fast ein Malheur passiert. Mehrere Flaschen fielen um; zum Glück ging nichts zu Bruch.

Am Ende entschieden wir uns für zwei Flaschen Riesling von der Mosel, ein Wein süß, der andere trocken ausgebaut. Ich glaube, wir haben eine gute Wahl getroffen. Jedenfalls kann man mit einem deutschen Qualitäts-Riesling nicht wirklich etwas falsch machen. Als wir schon gehen wollten, entdeckte ich noch eine kleine, aber wohlbestellte Abteilung mit Craft-Bieren. Eine Flasche (0,3 Liter) kostete um die 2,50 Dollar. Wir hatten wenig Zeit, so dass ich mir nicht in Ruhe die Etiketten anschauen konnte, und die Namen der meisten Biere sagten mir gar nichts. Auch gab es viele exotische Sorten, z.B. Schokoladen- oder Apfelbiere, mir war aber eher nach Gerste und Hopfen in seiner natürlichen Form als Pils. Ein Ale hätte es auch getan, aber dann verließ ich den Laden doch, ohne etwas zu kaufen.

Diese fast schon panische Angst vor dem Alkohol in allen seinen Spielarten ist schon merkwürdig. Man scheut ihn offenbar wie der Teufel das Weihwasser. High Fructose Corn Syrup scheint aber etwas Gutes zu sein, denn sonst würden nicht alle Lebensmittel den süßen Syrup aus biochemisch umgewandelter Maisstärke enthalten. Es ist fast unmöglich, eine Marmelade mit „richtigem“ Zucker zu finden (zumindest eine Industriemarmelade), oder – wenn es denn schon sein muss – eine Limonade, die übrigens in einer an Wahnsinn grenzenden Vielfalt zu finden ist. Wenn das Zeug wenigstens betrunken oder high machen würde, könnte man zumindest die körperlichen Schäden gegen die zu erwartende Rauschwirkung abwägen. Aber so holt mal sich einfach nur Diabetes. Schön saufen kann man sich die Welt damit jedenfalls nicht.

Richtig voll werden die Supermärkte eigentlich erst am Abend, aber dann, nach Sonnenuntergang, stürmen die Menschen wie auf ein geheimes Zeichen hin die Geschäfte. Schon damals, 2006 in Texas, fiel mir auf, dass sich Familien mit kleinen Kindern bevorzugt in den späten Abendstunden in den Supermärkten aufhalten. Hier in New Jersey ist es nicht anders. Zum Teil mag das daran liegen, dass es im Sommer am Tag oft unerträglich heiß ist. Es ist nicht zum Aushalten – man fühlt sich wie in einem Backofen. Im Grunde kann man den Sommer nur auf zweierlei Weise überstehen: in gut klimatisierten Räumlichkeiten oder in einer kühlen Seebrise am Antlantikstrand. Büros, Shoppingmalls und Wohnungen werden auf frostige 20 oder gar 18 Grad heruntergekühlt – eine Stunde im Supermarkt und man ist regelrecht unterkühlt und schlottert nur so vor Kälte. Wegen der ständigen Temperaturwechsel und wegen des andauernden Zugs aus der Klimaanlage ist mir schon die Nase zugeschwollen, aber anders lassen sich die Temperaturen einfach nicht aushalten.

Im Supermarkt begegnet einem der übliche Wahnsinn. Amerika ist ja vor allem eine Sitzkultur. Ich glaube, kein Volk hat die Sitzkultur so weit vorangetrieben wie die Amerikaner. Ein Wohnzimmersofa ist nicht nur irgendein Möbelstück, sondern der Mittelpunkt des Hauses, gewissermaßen die Schaltzentrale, von der alle Aktivität ausgeht, ja von der das Leben selbst seinen Anfang nimmt. Man kann nicht genau sagen, ob das Sofa die Verlängerung des Autos ist oder umgekehrt, jedenfalls muss ein echt amerikanisches Sofa mit Cupholdern und Mittelkonsole ausgerüstet sein; vor allem aber muss es groß sein – verglichen mit seinen europäischen Pendants einfach gigantisch groß.

Das neue Sofa unserer Gastfamilie liegt wie eine Endmoräne im Wohnzimmer. In die Cup-Halter passen XXL-Becher und das Aufbewahrungsfach in der Mittelkonsole ist so groß wie eine kleine Kühlbox; sämtliche Fernbedienungen verlieren sich darin geradezu. Die Auswirkungen der sitzenden Lebensweise kann man jeden Abend im Supermarkt betrachten. Dick zu sein, ist keine Ausnahme, etwas mollig ist fast jeder. Man sieht nur wenige dünne Menschen im Straßenbild. Erschreckend ist aber die Anzahl der wirklich massiv Übergewichtigen.

Schon auf dem Flug von Dublin nach New York fiel auf, dass sich einige unglaublich adipöse Personen unter die übrigen Passagiere gemischt hatten. Man darf zurecht annehmen, dass es sich um Amerikaner handelte. Ich war froh, dass ich nicht neben einen von ihnen sitzen musste – nicht, weil ich sie nicht leiden könnte oder weil ich etwas gegen Dicke hätte, sondern weil die Sitze schon für normalgewichtige Personen zu eng und zu unbequem waren. Jeder Zentimeter Ellenbogenfreiheit muss mühsam mit dem Sitznachbarn ausgehandelt werden. Ich hätte nicht gern neben jemanden sitzen wollen, der nicht in der Lage ist, Kompromisse zu machen.

New York

New York – diese Stadt hat einfach zu viel von allem: Menschen, Straßen, Autos, Geschäfte. Manhattan gleicht einer gigantischen Gefängniszelle, in der die Menschen auf engstem Raum zusammengepfercht sind. Ein bisschen fühlt man sich immer an „Flucht aus New York“ erinnert. Trotz eines gewissen Trash-Appeals kann man dem Film nicht absprechen, eine treffende Metapher auf die Zustände im Big Apple zu bieten, Snake Plissken als Tourist sozusagen. Wenn man am Time Square steht oder die Fifth Avenue herunterläuft, hat man wirklich den Eindruck, man befände sich im Zentrum der Welt. Hätte die Welt eines, wäre es mit Sicherheit New York. Das Gewirr der Sprachen, Kulturen und Ethnien ist einfach babylonisch. Die Vielfalt ist ungeheuer, man kann sich kaum sattsehen an all dem Neuen. Die Eindrücke, die wie ein Trommelfeuer auf den Besucher einprasseln, sind so überwältigend, dass die Sinne nach einem Tag Sightseeing so abgestumpft sind wie nach einem 24stündigen Feiermarathon in einem Techno-Club.

Man vergleicht Berlin immer mit New York, doch so sehr ich Berlin auch liebe – mit dem Big Apple kann es die Spreemetropole nicht aufnehmen. New York ist größer, lauter, verrückter als Berlin es je sein könnte. Eine Ähnlichkeit gibt es allerdings: New York wirkt wie Berlin auf Steroiden. Wäre die Stadt ein Wesen aus Fleisch und Blut, könnte es vor Kraft nicht mehr laufen und würde alle anderen schon durch seine schiere Größe erdrücken. Für Zugezogene erscheint Berlin schnell, manchmal zu schnell und die Berliner Kodderschnautze tut ein Übriges, um diesen Eindruck noch zu verstärkten, aber das Tempo in New York ist einfach nur brutal. Man hat den Eindruck, auch die innere Vereinsamung der Menschen ist viel weiter vorangeschritten als in Berlin. Jeder interessiert sich nur für sich selbst. Dafür hat die Stadt mit ihrer in den Himmel strebenden Architektur die Sphäre des Irdischen längst hinter sich gelassen. New York ist die Welt im Kleinen und eine Welt nach eigenem Recht.

Schon ein einziger flüchtiger Blick auf die Stadt lässt sie als das Maximumum dessen erscheinen, was für eine Stadt überhaupt nur möglich scheint. Nichts wird verschwendet, kein Raum bleibt ungenutzt. Manhattan ist voll von Menschen, Konsum und Geld. Die Straßen sind förmlich gepflastert mit Geschäften. Es ist fast unmöglich, nichts zu kaufen, denn die Auslagen sind derart verführerisch, dass man sofort zugreifen möchte. Die Preise sind jedoch alles andere als einladend. Unsere am Anfang prall gefüllte Reisekasse schrumpfte schneller als ein Ballon, dem man die Luft ablässt. Zwei Tüten Softeis aus dem Eiswagen schlugen mit 13 Dollar zu Buche. Dafür hätte ich in Berlin in meinem Lieblingseiscafe in den Potsdamer Arkaden den größten Schlemmereisbecher bestellen können. Der Hotdog ohne alles (nur mit Senf und Ketchup) kostet vier Dollar. Was soll’s – wann isst man schon mal einen Hotdog in New York! Mein Sohn, der ihn mit Genuss verspeiste, pries ihn als den besten Hotdog ever. Das will was heißen!

Schon die Fahrt nach New York war ein Abenteuer für sich: Als Berliner ist man es ja gewohnt, die öffentlichen Verkehrsmittel zu nutzen, mit denen die Stadt auch großzügig ausgestattet ist. New York ist übrigens eine von wenigen Städten in den USA, die über ein öffentliches Beförderungssystem verfügen, das diesen Namen auch wirklich verdient. In Dallas etwa gibt es nur ein paar Buslinien, welche die Stadt von einem Ende zum anderen verbinden. Man steht sich die Füße in den Bauch bis mal ein Bus kommt und die Fahrten dauern eine Ewigkeit. Wer Amerika bereist, braucht unbedingt ein Auto, denn dieses Land ist für Autos gebaut, nicht für Menschen.

Die Freunde, bei denen wir übernachteten, wohnen in Belleville, New Jersey. Am Anfang hatten wir noch keinen Mietwagen, mit dem wir nach New York hätten fahren können. Doch hinterher war ich ganz froh, dass wir nicht das Auto nahmen. Die Strecke hat es wirklich in sich: Man muss gefühlte zwanzigmal den Highway wechseln – Exit links, Exit rechts – und dabei auch noch auf den Verkehr achten, der zu jeder Tageszeit im besten Fall zähflüssig ist. Ich hätte auch gar nicht gewusst, wo ich den Wagen abstellen soll und bestimmt ist stundenlanges Parken nicht ganz billig. Ohne Navi ist man verloren und wann immer ich in amerikanischen Großstädten zu fahren gezwungen bin, preise ich den Erfinder dieser hilfreichen Technik als einen der Heroen der Menschheit.

Wir fuhren mit dem Zug von Silverlake nach Newark Penn Station. Von dort ging es weiter mit der Linie Richtung World Trade Center (WTC). In der Station Journal Avenue stiegen wir um in die Linie zur 33sten Straße. Wir glaubten uns schon verloren, aber dann hatten wir rein zufällig doch die richtige Linie bestiegen. Von Station 33ste Straße ging es zu Fuß weiter. Wir ließen uns im Stadtgetümmel treiben. Eigentlich wollte ich auf das Empire State Building, aber als ich erfuhr, wie viel eine Tour kostet, war mir die Lust vergangen. Jeder von uns dreien hätte 32 Dollar Eintritt bezahlen müssen und der Trip einmal hoch und wieder runter hätte anderthalb Stunden gedauert. Für sparten uns das Geld, dafür hätten wir uns viele Eistüten kaufen können.

Manhattan muss man zu Fuß erkunden. Mit dem Auto zu fahren, bietet keinen Komfort, weil man ständig gezwungen ist, sich auf den Verkehr zu konzentrieren. Als Fußgänger kann man sich im Grunde auch gar nicht verlaufen, denn die Straßen sind nach Art eines Rasters durchnummeriert. Ich habe mir dennoch einen kleinen Touristenstadtplan gekauft. Das Stück Papier ist so groß wie eine A4-Seite und kostete 4,50 Dollar. Wir schauten uns die New York Public Library an, Grand Central Station und das Rockefeller Center.

Mitten in Manhattan auf der Fifth Avenue begegneten wir zufällig Bekannten aus Berlin. Das deutsch-peruanische Paar und seine zwei Kinder machen in New York und in Miami Urlaub. Wie hoch ist wohl die Wahrscheinlichkeit, dass man seinem Nachbarn in Manhattan begegnet? Wir machten ein wenig Small-Talk mitten auf der Straße, während uns der Strom der Passanten umfloss wie die Flutwasser eine Insel. Sie verkündeten stolz ihren Entschluss, auf die Spitze des Empire State Building hinauffahren zu wollen. Ich nannte ihnen die Preise und die Ernüchterung trat augenblicklich ein. Schon nach kurzer Zeit trennten wir uns wieder und ein jeder verfolgte seinen eigenen ziellosen Kurs. Dass uns der Zufall noch einmal zusammenführt, halte ich für ausgeschlossen, auch wenn dafür eine mathematische Wahrscheinlichkeit bestehen mag.