Regime Change

Unser Gastgeber wirkte auf Anhieb sympathisch, so sympathisch, dass man ihm den Politiker gern verzeihen wollte. Nachdem wir die Kartons abgeladen und in seiner Garage untergestellt hatten, bat er uns ins Haus. Hierzulande wird noch der Tradition einer ursprünglichen Gastfreundschaft gehuldigt und man würde es schlicht als unanständig ansehen, einen Besucher an der Haustür zurückzuschicken. Sein Haus, eine strahlende Residenz im Gewand postmodernistischer Zurückhaltung, hatte sicher mehrere Millionen Dollar gekostet, wie übrigens alle Häuser innerhalb der Mauern dieser Suburbanisation. Ein magischer Vollmond ging gerade über dem Dachgiebel auf. Die Szene wirkte so irreal wie die extravaganten Sehnsuchtsbilder in einem Immobilienkatalog für Superreiche.

Wir nahmen auf den schönen Sofas vor dem Kamin Platz. Das Wohnzimmer war sehr geschmackvoll eingerichtet. In der Dekoration ließ sich ein verhaltener Minimalismus erkennen, und an den Wänden hingen Kunstwerke, wie man sie wohl kaum auf dem Flohmarkt finden würde. Ein Bild gefiel uns besonders und meine Frau fragte nach dem Künstler. Wir googelten später, um mehr herauszufinden. Wir überschlugen, dass die Kunst, die allein in diesem Raum an den Wänden hing, gut zwanzigtausend Dollar wert war, vielleicht sogar noch mehr, denn der Künstler lebt nicht mehr und man darf davon ausgehen, dass seine Werke ständig an Wert gewinnen.

Wir unterhielten uns auf Englisch, dem einzigen Idiom, das alle gut genug sprachen, um darin eine gepflegte Unterhaltung zu führen. Die Frau unseres Gastgebers ist Amerikanerin und er selbst spricht ein perfektes Englisch, das jedoch den harten spanischen Akzent nicht ganz verhehlen kann. Um das Eis zu brechen, ergingen wir uns ein wenig in Smalltalk. Wir plauderten über Kunst – und über die schönen Bilder, die es an den Wänden zu bestaunen gab, ließ sich auch trefflich reden – und über einiges andere, Dinge, die man schnell wieder vergessen hat.

Der Verlauf des Gesprächs bot unserem Gastgeber dann aber doch Gelegenheit, recht schnell zur Sache zu kommen: Als meine Frau meinte, dass sein Name ihr irgendwoher bekannt sei, erklärte er, dass sie ihn wahrscheinlich in Zusammenhang mit der Mesa gehört habe; er sei darin Mitglied. Er fügte scherzhaft hinzu, er wäre somit ihr Boss, und das war keineswegs nur ein ironisches Bonmot, um das Gespräch aufzulockern, sondern es war die Wahrheit, nur eben in einen Witz und in ein sympathisches Lächeln verpackt. Die Mesa ist das, was in den USA das School board ist, also das Gremium, das die großen Entscheidungen in der Schulpolitik trifft. Selbstverständlich kann einer derart einflussreichen und mächtigen Körperschaft nur ein erlauchter Personenkreis angehören. Es ist immer gut zu wissen, mit wem man es zu tun hat.

Ich werde stets hellhörig, wenn man mir erzählt, man entstamme einer alten Familie, denn was man damit wirklich zu sagen versucht, ist, dass man eigentlich reich sei und dass man es schon gewesen sei zu einer Zeit, für die die meisten Menschen nicht einmal die Namen ihrer Vorfahren anzugeben wüssten. Einen langen Stammbaum hinter sich zu haben, ist aber kein Verdienst, sondern allenfalls Gunst des Schicksals oder doch eher reiner Zufall.

Ich habe gegoogelt – ich konnte einfach nicht widerstehen, zumal unser Gastgeber ja selber ins Gespräch eingebracht hatte, dass er einer Familie mit Herkommen entstamme: alter spanischer Kolonialadel aus Quito und reich begütert. Der Name ist bekannt. In Deutschland ist ein Name wie der andere und allenfalls ein „Von“ vor dem Nachnamen verleiht seinem Träger den schwachen nostalgischen Glanz einer vermeintlich besser geordneten Welt. Hierzulande sagt der Name aber viel über die soziale Stellung einer Person aus und manche Namen haben einen schöneren Klang als andere. Und der Name unseres Gastgebers ist für ecuadorianische Ohren schon fast ein Engelschoral.

Unser Gastgeber ist Anwalt und er strebt eine politische Karriere an. Seit Kurzem kandidiert er für einen Wahlkreis in Quito. Ich konnte nicht herausbekommen, für welche Partei er eigentlich ins Rennen geht, aber aus seinen Äußerungen wurde klar, in welche Richtung sein politisches Engagement zielt: Von der derzeitigen Regierung sprach er nur als „Regime“. Regimen haftet der Ruch des Unrechts und der Gewalt an und selbstverständlich ist es eine ehrenhafte Tat, sie zu beseitigen, vor allem, wenn man edle Ziele verfolgt. Er sprach davon, dass man (wer auch immer dies sein soll) die Demokratie (was immer das sein soll) „reinstallieren“ wolle. Ich wagte einzuwenden, dass der derzeitige Präsident sich dem Votum des Volkes in drei Wahlen habe stellen müssen, und in den letzten zwei hätte er sogar im ersten Wahlgang die absolute Mehrheit errungen. Mehr demokratische Legitimation kann man eigentlich kaum haben.

Unseren Gastgeber focht das nicht an: Die Regierung hätte ihre Leichen im Keller. Ich verstand nicht, was er mir damit sagen wollte, und er sah sich zu einer Erklärung genötigt. Die Regierung führe Listen mit über drei Millionen Wählern, die es in Wirklichkeit gar nicht gibt – Phantome, Geister, Harvey der Hase. Bei einer Einwohnerzahl von sechzehn Millionen würde man mit solch einem Stammkapital natürlich jede Wahl gewinnen, ganz gleich, wie sehr sich die Opposition auch anstrengen mag. Ich konnte es nicht glauben, doch er beharrte, es sei die Wahrheit. Den Beweis blieb er natürlich schuldig, aber ich erwartete auch nicht, dass er die gefälschten Wählerlisten in diesem Augenblick aus der Schreibtischschublade ziehen würde.

Man muss dazu wissen, dass in Ecuador die Wahl Staatsbürgerpflicht ist. Wer wählt, erhält darüber einen amtlichen Nachweis. Ohne diesen Nachweis kann man auf verschiedenen staatlichen Stellen ernste Probleme bekommen und dann benötigt man eine Freistellung, eine Art Ablassbrief, der wiederum bestätigt, dass alle Schuld beglichen sei und dass man ab sofort wieder in dieselben Rechte eingesetzt sei wie jemand, der seiner Staatsbürgerpflicht brav nachgekommen ist.

Da jeder Wahlberechtigte also wählen muss, denn andernfalls hätte er Sanktionen zu gewärtigen, ist davon auszugehen, dass die Wahlbeteiligung nahe einhundert Prozent liegt – das dürften schon fast realsozialistische Quoten sein. Drei Millionen zusätzliche Wähler würden da natürlich auffallen. Doch keine Wahlbeobachterkommission hat je beanstandet, dass die Wahlen im Land nicht dem allgemein anerkannten Standard entsprochen hätten, wie er für demokratische Wahlen als angemessen erachtet wird.

Ich wollte diese Ungeheuerlichkeit nicht weiter kommentieren. Meine Frau verwies darauf, dass die derzeitige Regierung das Land wie kaum eine Regierung zuvor vorangebracht hätte. Zum ersten Mal – man möchte sagen, seit Menschengedenken – hat man den Eindruck, die jahrzehntelange Erstarrung, in der sich das Land befunden hatte, wäre beendet und Ecuador hätte doch noch seine Ausfahrt in die Zukunft gefunden. Meine Frau verwies auf Infrastrukturprojekte, die das Land völlig umgestaltet hätten, auf die Bildungs- und Justizreform, auf die Reform des Ämterapparates und nicht zuletzt darauf, dass dieser verschlafene Flecken namens Ecuador, dieses letzte Stückchen Erde am äußersten Ende der Welt endlich einen Zugang zur Moderne gefunden hätte.

Alle diese Dinge sind wahr und jeder, der das Land im Abstand von mehreren Jahren besucht hat, kann sich mit eigenen Augen davon überzeugen. Unser Gastgeber hatte darauf nur zu entgegnen, dass alle diese Werke die Pflicht der Regierung gewesen seien, die Pflicht jeder Regierung, die den Anspruch erhebt, ein Land verantwortungsvoll zu führen und die auch über die Fähigkeiten verfügt, dieser Aufgabe nachzukommen. Eine solche Argumentation führt geradezu zwingend zu dem Schluss, dass es allen Vorgängerregierungen entweder am Willen mangelte, das Land zum Besseren zu verändern, oder dass man schlicht unfähig war und deshalb scheitern musste. Führer, so fügte er enigmatisch hinzu, würden stets für ihre schlechten Taten in Erinnerung bleiben. Er ließ offen, was er damit meinte, aber seine Worte schwebten wie ein Verdikt im Raum.

Wir sprachen noch ein wenig über die Zukunft. Unser Gastgeber ging davon aus, dass die derzeit im Amt befindliche Regierung auch die nächsten Wahlen gewinnen werde – dank ihrer drei Millionen Phantomwähler. Er konnte sich nicht mit dem Gedanken versöhnen, dass man sie vielleicht auch deshalb gewählt und zweimal im Amt bestätigt hatte, weil alle vorangegangen Regierungen das Wohlergehen der großen Mehrheit im Lande sträflich vernachlässigt hatten, und zwar über Jahrzehnte.

Rafael Correa, der derzeitige Amtsinhaber, wird 2017 zurücktreten. Die Opposition wittert Morgenluft, doch die meisten halten sie nicht für die Alternative, die das Land weiter voranbringen könnte. An der Spitze der Bewegung steht ein Banker und die Leute spotten, er unterhalte ein gut gefülltes Konto in der Steueroase Panama. Dass sich dieser Mann als Anwalt der einfachen Leute ausgibt, ist wirklich lächerlich, aber allein mit den Stimmen der reichen Elite (die ihm, wie ihre Herzen, ohnehin schon zufliegen) könnte er keine Wahl gewinnen. Viele im Lande fürchten, mit einem Sieg der Opposition würde das Land einen Rückfall in die Zeiten dreister Klientelpolitik erleben, da eine raffgierige Elite sich dank ihrer Beziehungen und dank ihres Einflusses die lukrativsten Pfründen zu sichern verstand. Wenn man sich die jüngste Geschichte Ecuadors anschaut, sind diese Ängste nicht ganz unbegründet.

Unser geschätzter Gastgeber schien nicht besonders erfreut über den Umstand, dass nach der nächsten Wahl ein Mann wie Lenín Moreno das Präsidentenamt übernehmen könnte, doch er lächelte die bittere Pille einfach weg. Moreno war unter Correa bis Mitte 2013 Vizepräsident, aber seitdem ist es ruhig um ihn geworden und eigentlich hegt man keine großen Erwartungen mehr für seine politische Zukunft. Seit einem Raubüberfall 1998 sitzt er im Rollstuhl und er war der erste hohe Amtsträger mit einer Behinderung in ganz Lateinamerika. Im Jahre 2012 wurde er wegen seines Engagements für Behinderte sogar als Kandidat für den Friedens-Nobelpreis gehandelt (den Preis hat dann aber die EU erhalten – wofür eigentlich?).

Mir ist nicht ganz klar, warum unser Gastgeber den Ex-Vizepräsidenten überhaupt ins Spiel brachte, aber er schien ihn als einen möglichen und aussichtsreichen Bewerber für das Präsidentenamt anzusehen. Vielleicht ist das aber nur eine taktische Finte, um die Leute zu ängstigen, so dass sie es sich überlegen und ihre Stimme im letzten Moment doch noch dem Banker mit dem Auslandskonto geben. Wenn man unseren Gastgeber so reden hörte, hätte man glauben können, mit einem Rollstuhlfahrer als Präsidenten setze man das Schicksal der Republik aufs Spiel. Denn auf den Gesundheitszustand Morenos anspielend, meinte er mit besorgter Miene, er könnte im Amt sterben und er beschwor damit den Alptraum eines Staatsnotstandes herauf. Woher er seine ärztliche Weisheit nahm, weiß ich nicht zu sagen, aber wenn dem so wäre und tatsächlich jeder, der im Rollstuhl sitzt, in akuter Lebensgefahr schwebte, wäre zumindest im Falle Schäubles noch zu hoffen.

Im übrigen meinte er, Moreno sei ein „funny guy“ – vielleicht spielte er auf die Lachtherapie an, durch die es ihm gelang, seinen Gesundheitszustand zu stabilisieren, nachdem ihn die Ärzte schon abgeschrieben hatten. Ob aber jemand, dessen offenbar einzige Qualität darin zu bestehen scheint, „lustig“ zu sein, als Präsident eine gute Figur abgäbe, mag man bezweifeln, ganz abgesehen davon, dass er ein todkranker Mann sei – jedenfalls nach der Meinung eines Laiendoktors.

Man ist ganz hin und hergerissen zwischen der persönlichen Liebenswürdigkeit und Hilfsbereitschaft dieses Mannes, der zudem noch überaus sympathisch wirkt, und seinen Aussagen, die man wohl weniger als persönliche Meinung zu werten hat, sondern vielmehr als knallharte politische Agenda ansehen muss. All die Schlagworte, die er an diesem Abend bemühte, um sein Missbehagen gegenüber der Regierung zum Ausdruck zu bringen, kamen mir verdächtig bekannt vor: Regime, Wahlen manipuliert (auch wenn er das explizit nicht so sagte), Demokratie reinstallieren.

Es braucht keinen genialen Politstrategen, um daraus ein griffiges Programm zu schmieden, welches das Potential hat, als politischer Brandbeschleuniger zu wirken. NGOs spielen nach wie vor eine zweifelhafte Rolle in der ecuadorianischen Politik und es würde mich keineswegs überraschen, wenn unser Gastgeber den Segen und die Unterstützung mächtiger Schirmherren gewonnen hätte.

Regime haben leider keinen guten Leumund und wenn man eine rechtmäßig gewählte Regierung nur lange genug so tituliert, hängt man ihr eine Zielscheibe um, auf die man sich in aller Ruhe einschießen kann. Denn es ist ein Verbrechen, eine legitime Regierung zu stürzen, aber es ist legitim, ein Regime zu beseitigen. Eine neue, eine bessere Ordnung ist denkbar und sie ist sogar wünschenswert und vor allem ist sie gerecht – zumindest wenn man Propagandisten vom Schlage unseres Gastgebers glaubt. Wäre dem wirklich so, hätten die Menschen sich doch längst für eine andere Führung entschieden, denn schließlich ist Ecuador nach allgemeinem Dafürhalten keine Diktatur, und auch wenn man eine Regierung als Regime bezeichnet, heißt das natürlich nicht, dass sie wirklich eines wäre. Zu schade, dass man sich das Volk, das einen wählen soll, nicht aussuchen kann.

[Anmerkung: Lenín Moreno wurde vom linken Lager – wie von unserem Gastgeber vorausgesehen – tatsächlich als Präsidentschaftskandidat aufgestellt. Im April 2017 hat er die Stichwahl gegen den Banker Guillermo Lasso denkbar knapp gewonnen. Wie ebenfalls vorhergesehen, behaupteten die Verlierer, die Wahlen seien manipuliert worden. Gleichsam als Beweis führten sie die völlig anderslautenden Prognosen an. Unabhängige Wahlbeobachter konnten jedoch keine Manipulationen feststellen und sie kamen zu dem Ergebnis, dass die Wahl korrekt abgelaufen sei. Prognosen der dem konservativen Lager nahestehenden Info-Institute hatten Lasso zunächst deutlich vor Moreno gesehen, so dass sich für viele mittlerweile die Frage erhebt, ob nicht eher hier eine gezielte Manipulation vorliegt, welche dem konservativen Lager im Falle einer Niederlage einen bequemen Vorwand bieten würde, die Wahl anzufechten. Die Opposition bestreitet dies und erklärt, sie wolle das Wahlergebnis in jedem Falle überprüfen lassen.]

Clash of Clans

Die Begegnung, die wir an diesem Abend haben sollten, war für mich in vielerlei Hinsicht lehrreich. Auch wenn das Gespräch, das sich zwischen uns und unserem Gastgeber entspann, sehr schnell offenbarte, dass uns Welten trennten, war es doch wider Erwarten kein unangenehmes Zusammentreffen. Im Gegenteil, unser Gastgeber verstand es, uns jederzeit das Gefühl zu geben, wir seien willkommen. Wir waren kaum je einer Meinung und dennoch kam nie der Eindruck auf, wir wären ihm darob weniger liebe Gäste.

Unser Gastgeber ist Politiker und offenbar hat er eine Mission. Zumindest erweckte er den Anschein, doch bei Politikern kann man das nie so genau sagen, denn eine Mission kann ein brauchbares Vehikel sein, die eigene Karriere voranzutreiben, und welcher Politiker käme nicht zu der Überzeugung, dass sein derzeitiger Platz in den Rängen der Politik keineswegs seiner wahren Bestimmung entspreche. Ich hatte den Verdacht, der Mann versuchte ernsthaft, uns zu seinen Ansichten zu bekehren, aber das ist vielleicht nur eine Berufskrankheit, wie das dauernde Siegerlächeln und der männliche Händedruck, eine Marotte, die man nur schwer wieder ablegen kann, nachdem man gezwungen war, sie anzunehmen.

Nur wenige Begegnungen bleiben einem derart im Gedächtnis haften und vor allem sind nur wenige wert, festgehalten zu werden. In mir reifte der Entschluss, von diesem Abend zu berichten. Sobald wir wieder zuhause waren, begann ich mir deshalb Notizen zu machen, denn dass Details mit der Zeit verschwimmen, ist so sicher wie das Delirium nach der samstäglichen Berliner Partynacht. Zudem ist das Gedächtnis ein unzuverlässiger Zeuge, denn es färbt die Erinnerungen stets in der Farbe, die ihm am angenehmsten ist.

Nach dem Erdbeben, das Bahía de Caráquez und die ganze Küstenregion von Esmeraldas bis nach Guayaquil getroffen hatte, versuchte meine Frau, ihrer Familie das Leben ein wenig erträglicher zu machen. Ihre Angehörigen leben in Bahía. Wir hatten haltbare Nahrungsmittel, Medikamente, Kleidung und auch zwei Zelte besorgt (nach dem Beben hatten alle Angst, in ihren Häusern zu schlafen) und wir beabsichtigten, die Sachen mit einem Hilfstransport an die Küste zu schicken.

Beinahe täglich machte sich damals ein Versorgungskonvoi zur Küste auf. Auch der Arbeitgeber meiner Frau, die Deutsche Schule Quito, engagierte sich mit einem Hilfsprogramm. Man organisiert einen großen Konvoi, der die Eingeschlossenen mit allem versorgen sollte, was sie in dieser kritischen Situation benötigten. Meine Frau wollte die Chance nutzen und zur Küste mitfahren, doch leider ergab sich keine Gelegenheit und dass sie die Kartons für ihre Familie einfach mitschickte, erwies sich aus vielerlei Gründen als unmöglich.

Wir überlegten nun, wie die Nahrungsmittel, die Kleidung und die Zelte nach Bahía gelangen könnten. Ein privat organisierter Transport – man hätte die Sachen mit dem Auto an die Costa schaffen können – wäre angesichts der zu erwartenden Schwierigkeiten kaum möglich gewesen: Die Straßen waren noch immer zerstört und eine ausufernde Kriminalität machte eine Fahrt an die Küste zu einem gefährlichen Abenteuer. Meine Frau war völlig verzweifelt, denn es schien, die Sachen würden nicht mehr rechtzeitig in Bahía eintreffen.

Enttäuscht und traurig räsonierte sie eines Tages vor einer ihrer Klassen darüber, dass sie keine Möglichkeit gefunden hätte, ihrer Familie zu helfen. Nach dem Unterricht suchte eine ihrer Schülerinnen das Gespräch. Sie eröffnete meiner Frau, dass es vielleicht doch möglich wäre, etwas nach Bahía zu schicken, denn ihr Vater organisiere selber einen Hilfstransport und dieser gehe schon am nächsten Tag zur Küste ab. Die Schülerin erklärte, ihre Familie würde sich sehr freuen, wenn meine Frau den Vorschlag annehmen könnte. Es gäbe genug Platz. Wir müssten die Pakete nur einfach noch an diesem Abend bei ihr in der Wohnanlage abgeben.

Am Abend luden wir die Kartons ins Auto und führen zu der Wohnanlage, in der die Familie des Mädchens residiert. Meine Frau war heilfroh, dass sich doch noch eine Möglichkeit ergeben hatte, etwas nach Bahía zu schicken. Zwar befindet sich die Urbanisation in Cumbayá, doch sie liegt in einer Gegend, die wir noch nie zuvor besucht hatten und deshalb wussten wir auch nicht, wie wir dorthin gelangen sollten.

Sucht man in Berlin einen unbekannten Ort, würde man einfach in die Straßenkarte schauen und in der Regel findet man auch, wonach man sucht. Da hier in Ecuador fast jeder in irgendeiner Urbanisation lebt und jede der Wohnanlagen einen unverwechselbaren Namen trägt, reicht es völlig aus, den Namen der Wohnsiedlung zu kennen. Leider sind Urbanisationen in keiner Karte verzeichnet (geschweige denn in den Karten des Navi) und wenn man sich, so wie wir, nicht auskennt, kann man manchmal wirklich verzweifeln.

Wir fragten Leute auf der Straße. Normalerweise erntet man als Antwort nur ein Schulterzucken oder eine vage Angabe, die sich als richtig oder falsch herausstellen kann (ehe die Leute zugeben würden, dass sie den Weg nicht kennen, sagen sie lieber irgendetwas, von dem sie bloß annehmen, dass es die richtige Richtung sei). Selbst in einer so überschaubaren Stadt wie Cumbayá geht die Zahl der Wohnsiedlungen in die Dutzende und nicht einmal die Alteingesessenen kennen alle.

Doch die Urbanisation, die wir suchten, war ausnahmsweise so bekannt, als würde man in Berlin nach dem Brandenburger Tor fragen. Jeder, den wir ansprachen, kannte sie nicht nur, sondern jeder konnte uns auch exakt beschreiben, wie wir dorthin gelangten. Ich konnte mich nicht entscheiden, ob ich dies für ein gutes oder ein schlechtes Zeichen halten sollte. Jedenfalls enthob es mich der Pflicht, durch das mittlerweile stockdunkle Cumbayá zu irren.

Die kaum noch beherrschbare Kriminalität zwingt die Menschen, sich in den Schutz von Mauern zurückzuziehen. Doch beschützte Wohnanlagen sind keineswegs nur einer Elite vorbehalten, wie die Burgen des Mittelalters dem Adel. Wohnanlagen gibt es fast in jeder Preisklasse und nur, wer wirklich arm ist, muss auf Schutz verzichten. Wenn man das Land nicht kennt, könnte man auf die Idee kommen, sich irgendwo ein Haus zu bauen und darin zu wohnen – warum auch nicht.

Man sollte davon tunlichst Abstand nehmen, denn ein ungeschütztes Anwesen stellt für die einschlägigen Milieus geradezu eine Einladung dar, die man nicht ausschlagen kann. Man darf damit rechnen, nicht nur einmal, sondern so viele Male ausgeraubt zu werden, bis es entweder nichts mehr zu holen gibt, oder bis man aufgibt und in eine sichere Wohnanlage umsiedelt. Wenn man dabei bloß mit dem Schrecken davongekommen ist, hat man noch Glück gehabt.

Die Urbanisation, die wir an diesem Abend besuchten, gehört zweifellos zu den teuersten Orten der Stadt und sie ist darum auch besonders gut geschützt. Bis zu diesem Zeitpunkt wusste ich nicht, dass es Wohnanlagen in der Wohnanlage gibt. Das klingt verrückt, ist aber nur Teil des allgemeinen Wahnsinns, den dieses Land befallen zu haben scheint.

Direkt an der Straße befindet sich das große Tor, welches – wie hierzulande üblich – mit Schranken und Kameras gesichert ist und das von recht martialisch wirkenden Wächtern bewacht wird. Wer Einlass begehrt, muss sich ausweisen, und wie ein Fremder vor dem Tor einer mittelalterlichen Festung wird man von den Wachen nach dem Begehr gefragt. Ohne einen handfesten Grund wird man nicht eingelassen und darüber hinaus muss man auch noch jemanden kennen, der hier wohnt, andernfalls hat man schlechte Karten. Wollte man sich etwa als Miet- oder Kaufinteressent die Anlage einfach nur einmal anschauen, wäre man gehalten, einen akkreditierten Makler zu beauftragen und einen Termin zu vereinbaren. Der Sicherheitswahn hierzulande grenzt schon an Paranoia und er scheint umso ausgeprägter, je nobler die Immobilie ist. Diese hier schien besonders teuer.

Nachdem man glücklich durch die Sicherheitskontrollen gekommen ist und die Torwächter passiert hat, bewegt man sich auf scheinbar gewöhnlichen Straßen, als wäre man in einer normalen Stadt, mit dem Unterschied, dass eine Urbanisation von einer normalen Stadt ungefähr so weit entfernt ist wie das „Venetian“ in Las Vegas von der echten Lagunenstadt. Es gibt nur Straßen und Mauern und hinter diesen Mauern residiert eine Oberschicht, die um nichts mehr fürchtet als um ihren kostbaren Besitz und um ihre Sicherheit. Diese Urbanisation war anders als alle Wohnanlagen, die wir bisher gesehen hatten, denn kaum waren wir vom Wachpersonal durch den äußeren Mauerring geschleust worden, standen wir nach nur ein paar Wegbiegungen vor einer weiteren Mauer.

In „Clash of Clans“, dem wuseligen Online-Computerspiel, hat man nur dann eine Chance, dem Ansturm einer feindlichen Armee zu widerstehen, wenn man die Mauern der eigenen Stadt ordentlich verschachtelt, denn dadurch zwingt man den Feind, immer neue Wälle zu bestürmen, kaum dass er ein Hindernis überwunden hat. Angesichts der himmelwärts strebenden Mauern, hinter denen man sich in dieser Wohnanlage verschanzte, hätte man glauben können, im Lande tobe ein Belagerungskrieg, nur dass die Eloy sich vor den Nachstellungen der Morlocks für diese unerreichbar in ihren Wohnquartieren eingeigelt hatten.

Jede dieser Suburbanisationen ist eine Welt für sich, eine kleine Festung, deren Bewohner den Anfeindungen einer feindlichen Umwelt hinter schier unüberwindlichen Mauern zu trotzen versuchen. Jedes einzelne dieser Quartiere hat seine eigenen Regeln – man möchte fast sagen, seine eigenen Gesetze – und selbstverständlich hat es auch sein eigenes Personal. Jede Untereinheit hat ihre Wachmannschaft, so wie der äußere Mauerring ebenfalls sein eigenes Personal beschäftigt. Man mag dies für absurd halten, aber auf diese Weise werden Absprachen unter den Angehörigen des Wachschutzes erschwert und man kann sich wieder ein ganzes Stück sicherer fühlen. Es kann nämlich sehr gefährlich sein, wenn Insiderwissen von einem Ort wie diesem, an dem sich so viel Reichtum und Prominenz konzentriert, nach außen sickert.

Das wichtigste Merkmal, anhand dessen man die Wächter unterscheiden kann, ist die Uniform: Die Schutztruppe jeder einzelnen Unterwohneinheit hat eine eigene Dienstkleidung, die sich in Farbe und Schnitt deutlich von den Uniformen der Kollegen in den anderen Quartieren unterscheidet – für Leute mit einem Uniformfetisch ein Traum: Man fährt einmal die Urbanisation ab und in einer Stunde hat man mehr paramilitärisches Gepränge gesehen als auf einem internationalen Polizeikongress mit anschließender Parade aller Teilnehmer in voller Montur.

Einmal in der Anlage, erwies es sich als kein leichtes Unterfangen, das Haus der Familie zu finden. Keines der Häuser ist nummeriert und Namensschilder sucht man an den Türen ebenfalls vergeblich – es wäre ja auch zu schön, wenn man Einbrechern noch einen Hinweis geben würde, wo man nach wertvollem Raubgut zu suchen hätte. Doch es ist egal, in welches Haus man einbricht, ein Raubzug würde überall lohnen. Und die Bewohner des Viertels brauchen keine Namensschilder, da anzunehmen ist, sie wissen, wo sie wohnen. Wir fuhren ziellos auf den sauber gefegten Straßen umher, vorbei an Briefkästen und gepflegten Vorgärten mit akkurat getrimmten Rasenflächen.

Es war ein milder Abend und die Leute ließen die Türen offen, so dass man von der Straße aus ins weitläufige Souterrain ihrer Häuser blicken konnte: Die Familien hatten sich vor dem Kamin versammelt und Opa und Oma wurden von einer Schar adrett gekleideter Enkel umschwärmt – ein Bild wie aus der Kaffee-Jacobs-Weihnachtswerbung. In jeder echten Stadt wäre man des Wahnsinns, würde man die Türen zu dieser nächtlichen Stunde sperrangelweit offen stehen lassen, aber eine Urbanisation, zumal eine so teure wie diese, gleicht viel eher einem luxuriösen Millionärsgefängnis. Zwei Mauerringe sowie eine Armee von Wachhunden sorgen zuverlässig dafür, dass all die guten Leute aus „guten“ Familien keine Belästigungen fürchten müssen. Das ist das Leben, wie es jeder gern hätte – sicher und friedlich –, aber wie es sich nur wenige wirklich leisten können.

Um den Kontrast zu verdeutlichen, sei an dieser Stelle folgende Anekdote eingeflochten: Ein Freund von uns wohnt in Guayaquil. Eines Abends stand er mit einigen guten Bekannten vor der Haustür. Man unterhielt sich, trank vielleicht auch ein bisschen und genoss die abendliche Stimmung. Insgesamt waren ihrer sechs oder sieben Personen vor dem Haus versammelt. Plötzlich tauchten zwei Motorräder auf. Niemand rechnete mit etwas Schlimmem, doch als man die Motorräder heranbrausen sah, ahnte man bereits, was folgen würde: Die bewaffneten Fahrer zwangen alle Anwesenden, Geld und Schmuck herauszugeben und sie verschwanden ebenso blitzartig, wie sie aufgetaucht waren. Am nächsten Tag ging der Schwager unseres Freundes mit seinem Neffen in den Park. Leider vergaß er, das Garagentor abzuschließen. Als er wieder zu Hause war, stellte er fest, dass die Mikrowelle fehlte. Wer sich da den Luxus uniformierter Wächter leisten kann, hat zumindest den Vorteil, dass er seine Mikrowellengerichte nicht kalt essen muss.

Botschaften von der anderen Seite der Straße

Eines Tages steckte eine Nachricht unter einem der Scheibenwischer unseres Autos. Ich wunderte mich, denn dies war kein Zettel, den man aus einem Notizblock gerissen und hastig beschrieben hatte, um jemanden in aller Eile über etwas Wichtiges in Kenntnis zu setzen. Vielmehr handelte es sich um einen sauberen Bogen Papier im DIN-A4-Format. Das Blatt war mit einem längeren Text beschrieben und mit einem Laserprinter ausgedruckt worden. Ich fragte mich ein wenig besorgt, wer die Person sei, die mir diese offenbar wichtige Mitteilung zukommen lassen wollte, aber der Verfasser ließ sich nicht ermitteln, denn die Unterschrift fehlte.

Obwohl ich den Inhalt mehr erriet, als dass es mir gelang, ihn mir aus dem Spanischen zusammenzureimen, war klar, dass es um unseren Wagen ging. Ich gab die Nachricht später meiner Frau und sie bestätigte mir, was ich ohnehin schon wusste: Man beschwerte sich in recht weinerlichem Ton darüber, dass wir unser Auto immer vor dem Haus auf der anderen Seite der Straße parken würden.

Man – offensichtlich handelte es sich um die Person, die in dem feudalen Anwesen gegenüber residiert – ersuchte uns dringend darum, den Wagen nicht mehr vor seinem (oder ihrem) Haus abzustellen. Die Gründe hierfür konnte man getrost als Vorwand abtun: Wortreich und gleichermaßen larmoyant erging sich der Verfasser darüber, dass das Parken auf der Straße den Verkehrsfluss behindere und überhaupt die allgemeine Ordnung störe (Ich muss annehmen, man arbeitet demnach bei der Verkehrspolizei). Um die Dringlichkeit der Botschaft zu unterstreichen, war gleich der gesamte Text in Versalien gesetzt worden, als handelte es sich um eine höchstrichterliche Anordnung, der man unter Strafandrohung Folge zu leisten hätte.

Man muss wissen, dass es in unserer Wohnanlage weder eine Parkordnung gibt, noch Sonderparkzonen. Jeder kann sein Auto abstellen, wo es ihm beliebt, vorausgesetzt, er steht nicht gerade auf dem Bürgersteig, blockiert keine Einfahrt und behindert nicht den Verkehr. Obwohl es sich um eine private Wohnsiedlung handelt, sind die Straßen allen Anwohnern gleichermaßen zugänglich. Alle Häuser in der Anlage verfügen ohnehin entweder über Parketagen oder den Hauseigentümern bzw. Mietern stehen eigene Parkplätze auf dem Grundstück zur Verfügung. Nicht viele scheinen jedoch die Parkmöglichkeiten im eigenen Haus zu nutzen, denn manche der Straßen innerhalb der Anlage sind so dicht mit Autos zugestellt wie eine vielbesuchte Einkaufsstraße im Zentrum von Quito.

Zwar haben auch wir einen eigenen Parkplatz im Parkkeller, doch liegt er abgelegen in einer Ecke, noch dazu genau neben einem Betonpfeiler. Es ist alles andere als ein Vergnügen, den Wagen dort ein- oder auszuparken, und hat man ihn erst einmal abgestellt, kommt man wegen der Enge nur mit größten Schwierigkeiten aus der Tür. Das Ausparken ist eine Qual, da man in der engen Garage immer mehrere Anläufe braucht, um zu drehen. Dabei muss man stets höllisch aufpassen, sich nicht den Lack an den Kanten des Betonpfeilers abzuschmirgeln. Da parke ich lieber gleich auf der Straße, wie viele andere Residenten der Anlage auch.

Jeder, der in unserer Wohnanlage residiert, glaubt, er sei ein kleiner König, ein Monarch nach eigenem Recht, ausgestattet mit Exklusivrechten, die niemand anderer für sich beanspruchen darf. Das ist keineswegs eine Übertreibung, sondern alltägliche Wahrheit: Ecuador ist trotz aller Veränderungen, die sich in den letzten Jahren mühsam ihren Weg gebahnt haben, immer noch ein Land der Klassen und der Klassengegensätze. Die Menschen, die in teuren Wohnanlagen wie dieser wohnen, gehören der Oberschicht an, einem Menschenschlag, der sein Selbstverständnis aus seinen Privilegien und seinem gesellschaftlichen Einfluss ableitet und der seine führende Position im Land seinem Besitz sowie Jahrhunderte alten Gewohnheitsrechten und Traditionen verdankt.

Die Leute, denen man hier in der Anlage begegnet – falls man ihnen begegnet, denn die meisten ziehen die aristokratische Distanz vor – sind in vielerlei Hinsicht ganz anders als die übrigen 99 Prozent der Bewohner dieses Landes. Herkunft, Stand und soziales Prestige sind über alle Klassengrenzen hinweg bedeutsam. Ständig wird man taxiert, wer man sei, was man hier wolle, wie man überhaupt hereingekommen wäre. Man kommt sich manchmal so vor, als stünde man vor den Pforten eines elitären Klubs und ein prüfender Blick des Hausbutlers entscheide, ob man eingelassen werde oder nicht. Selbstverständlich hat man jede Chance verwirkt, wenn man jetzt Cargo-Shorts und T-Shirt trägt, wenn man nicht glattrasiert ist und das Haar nicht kurzgeschnitten ist und ordentlich gescheitelt als wäre man ein Primaner.

Es ist schon merkwürdig, wie der gesellschaftliche Zwang zur Etikette das Aussehen der Leute vereinheitlicht: Alle sehen immer so aus, als kämen sie gerade aus dem Büro oder als wären sie dorthin unterwegs. Individualität drückt sich jedenfalls nicht im äußeren Erscheinungsbild aus und die schrägen Typen, die wie bunte Farbtupfer aus der Masse herausstechen, gibt es hier einfach nicht.

Ich weiß bis heute nicht, warum der Hausbesitzer Anstoß daran nahm, dass unser Wagen auf der Straße vor seinem Anwesen parkte. Eine Ordnungswidrigkeit war in jedem Fall ausgeschlossen. Wahrscheinlich empfindet er diesen Teil der Straße als sein Eigentum, als sein kleines Königreich, über das nur er gebieten darf und sonst niemand. Zwar gehört ihm die Straße nicht, und er hat auch kein Recht, irgendjemandem irgend etwas zu verbieten, aber wer würde da nicht die Beherrschung verlieren, wenn plötzlich ein fremder Wagen vor dem Wohnzimmerfenster stünde!

Ich war versucht, das Auto dennoch vor seinem Haus abzustellen, genau vor seiner Eingangstür und zwar so, dass er es gar nicht übersehen könnte. Doch man muss immer mit der Rachsucht jener Leute rechnen – ein Schelmenstück wie dieses würde sie in ihrer Ehre kränken und man weiß ja, wozu gekränkte Ehre fähig ist. Ein dicker Kratzer im Lack oder ein durchstochener Reifen bedeuteten am Ende mehr Ärger als die Sache überhaupt wert ist. Wann immer es möglich ist, parke ich daher auf unserer Seite der Straße. Ich habe mit diesen Leuten nichts zu schaffen und ich habe auch nicht vor, sie mir zu Freuden zu machen, solange ich hier in dieser Wohnanlage noch lebe. Aber wahrscheinlich sind sie genauso froh darüber wie ich, dass wir uns aus dem Weg gehen.

Rich Boys

Hier in Ecuador besucht unser Sohn die British School Quito. Er ist dreisprachig aufgewachsen und eine seiner Muttersprachen ist Englisch. Es war uns ein Herzensanliegen, diese Sprachfähigkeit wenn nicht zu fördern, so doch wenigstens zu erhalten und deshalb schrieben wir ihn an jener hochgeachteten Institution ein. Nun war Bildung noch nie umsonst zu haben – Fleiß und nicht unbeträchtliche finanzielle Aufwendungen, zumindest in weiten Teilen der Welt, sind der Preis. Die British School versteht sich als elitäre Privatinstitution und der Gedanke an die Höhe des Schulgeldes kann einen so manche Nacht um den Schlaf bringen. Gerade in einem Land wie Ecuador, in dem eine gute Ausbildung bis auf den heutigen Tag noch immer das Privileg der Wohlhabenden ist, merkt man, was Bildung wirklich wert ist, und vor allem, wie viel es kostet, sie zu erlangen.

Die British School wie auch die anderen renommierten Auslandsschulen in Ecuador (wie etwa die deutsche, die amerikanische oder die französische Schule) werden von Kindern besucht, deren Eltern ein Vermögen dafür aufwenden, ihren Sprösslingen eine gute Ausbildung angedeihen zu lassen. In der Regel können sich die Familien diese Ausgaben, die sich für nur ein Kind vom Kindergarten bis zum Abitur auf den Gegenwert eines Einfamilienhauses belaufen, auch wirklich leisten. Nicht selten jedoch bringen Familien mit einem kleineren Budget große Opfer, damit auch ihre Kinder in den Genuss des fast exklusiven Vorrechts weniger Gutbetuchter gelangen können. Man glaubt, die horrenden Ausgaben würden sich am Ende bezahlt machen, da man eine gute Ausbildung als das Sprungbrett für eine erfolgreiche und vor allem in finanzieller Hinsicht lukrative Karriere betrachtet.

Die meisten der Familien, deren Kinder solche exklusiven Privatschulen besuchen, müssen sich aber um Geld keine Sorgen machen, denn oft handelt es sich um die sogenannten oberen Zehntausend, um den geschlossenen Zirkel einer Geld- und Funktionselite, die dieses Land nach wie vor unter ihrer Kontrolle hält. Man hat es mit Leuten wie dem CEO von McDonalds für ganz Lateinamerika zu tun oder dem Besitzer sämtlicher KFC-Restaurants im Lande (und noch einiger weiterer Ketten) oder einem der größten Milchproduzenten, dessen Produkte man in jedem Supermarkt findet. Die Reihe ließe sich endlos fortsetzen und auch diejenigen, die keinen besonderen Rang in der Forbes-Liste für Ecuador beanspruchen können, sind immer noch wohlhabend genug, um einen angesehenen Platz in der Gesellschaft einzunehmen.

Einmal war mein Sohn ins Haus eines seiner Klassenkameraden eingeladen. Das Anwesen des Freundes befindet sich, wie hierzulande üblich und notwendig, in einer teuren und daher exklusiven Wohnanlage – exklusiv deshalb, weil jeder, dem die paar hunderttausend Dollar fehlen, um entweder ein Grundstück zu kaufen oder um sich die horrenden Mieten leisten zu können, automatisch davon ausgeschlossen ist, hier zu wohnen. Unsere Urbanisation in Miravalle ist fest in der Hand von Leuten, die man getrost dem reichsten einen Prozent dieses Landes zurechnen kann. Damit ist diese Wohnanlage schon ziemlich exklusiv. Es gibt aber Siedlungen, die selbst dies noch in den Schatten stellen, und jeder, der dort wohnt, kann als eine Art Krösus angesehen werden, dem alles unter den Händen zu Dollarscheinen wird.

In solch einer Anlage lebt der Freund meines Sohnes. Das Haus der Familie kostete dem Vernehmen nach 1,5 Millionen Dollar. Das mag angesichts des hochpreisigen Wohnumfeldes vielleicht als gar nicht so viel erscheinen, doch wenn man hört, dass die Immobilie bereits nach einem Jahr abbezahlt war, weiß man, mit wem man es zu tun hat. Selbstredend bestand der Fuhrpark ausschließlich aus deutschen Luxusautos – man weiß deutsche Ingenieurskunst eben zu schätzen.

Apropos Auto: Es gibt tatsächlich Menschen, die für jeden Tag der Woche ein Auto haben. Auch wenn es an dieser Stelle gut gepasst hätte – ich habe mir diese Anekdote keineswegs ausgedacht: Ein anderer Mitschüler meines Sohnes erzählte ihm einmal, dass seine Familie seinerzeit Zeit sieben Autos besessen hätte, für jeden Tag der Woche eines. Da man davon ausgehen muss, dass Autos im Bereich der oberen Mittelklasse ab einem Preis von fünfzigtausend Dollar angeboten werden, kann man sich leicht selbst ausrechnen, mit welchen Wertkonzentrationen man es in den Garagen der Reichen zu tun hat (und nicht nur dort). Nicht selten besteht der Fuhrpark sogar nur aus Luxuswagen. Da ist es kein Wunder, dass man sich hinter Mauern und Stacheldraht einigelt wie in einer belagerten Festung.

Es sind vor allem die Kinder dieser Leute, welche die British School und die anderen teuren Auslandsschulen besuchen; für den gewöhnlichen Ecuadorianer stellen diese Bildungstempel eine regelrechte Tabuzone dar. Man ist es fast leid, immer wieder in dieselben Gesichter zu blicken, aber es ist eine nur allzu offensichtliche und von niemandem verleugnete Tatsache, dass an Orten wie diesem stets nur der geschlossene Kreis der Gutbetuchten zusammenfindet, allesamt Angehörige einer durch Besitz und Einfluss geadelten Schicht, die über der Gesellschaft liegt wie Mehltau. Der Besuch solcher Bildungseinrichtungen stellt damit zugleich auch die unerlässliche Initiation in jene weitverzweigten Netzwerke des Wohlstands und des Wohlwollens dar, deren man sich später als Erwachsener wie selbstverständlich bedient, um Vermögen und Einfluss zu mehren. Der Eintritt in die Ivy League exklusiver Schulen ist die Weihe zu einem Schicksal von Bedeutung.

Ecuador ist ein Land der Klassengegensätze und des Klassendünkels. Menschen am unteren Ende der Einkommensskala werden von vielen Reichen nicht als gleichwertig angesehen. Man schätzt ihre Dienste und beschäftigt sie auch gern als Angestellte, doch man würde sich schwerlich herablassen, sich mit ihnen gemein zu machen. Zwischen Arm und Reich liegen Welten; die Grenzen verlaufen nicht nur entlang materieller Verwerfungen, die Verständigung stoppt auch vor Hindernissen, welche Brüche mentaler Art markieren. Es stellt schon eine seltene Ausnahme dar, wenn es doch einmal vorkommt, dass Brücken der Verständigung die tiefen Gräben überwinden.

Als Angehöriger einer in jeder Hinsicht bevorrechteten Klasse wird man von Kindheit an daran gewöhnt, dass Empleadas, also Hausangestellte, für alle Arbeiten zuständig sind, mit denen behelligt zu werden, eine Person von Stand als unter ihre Würde erachtet. Kinder aus wohlhabenden Haushalten werden nicht selten durch den hauseigenen Chauffeur von der Schule abgeholt und im blitzblank geputzten Heim wartet schon die Empleada mit dem Essen.

Eines Tages forderte ein Lehrer die Schüler nach dem Ende der Unterrichtsstunde auf, die Stühle hochzustellen. Wohl an keiner deutschen Schule hätte sich aus diesem berechtigten Wunsch jemals ein Problem ergeben. Ganz im Gegenteil, viele Eltern würden wahrscheinlich sogar den Umstand begrüßen, dass ihre Sprösslinge auch einmal selbst mit anpacken müssen, anstatt sich, wie zuhause nicht selten üblich, immer nur bedienen zu lassen. Ich selbst könnte die Stühle gar nicht zählen, die ich während meiner Schulzeit hochgestellt habe, und ich kann mich nicht daran erinnern, dass ich es widerwillig getan hätte.

Hier in Ecuador wird jene vermeintliche Selbstverständlichkeit leicht als Angriff auf die Integrität und den sozialen Status eines Angehörigen der Oberschicht verstanden. Menschen, die von Kindesbeinen an daran gewöhnt sind, Angestellte mit aus ihrer Sicht niederen Arbeiten zu beauftragen, empfinden es natürlich als Zumutung, wenn man sie bittet, bei einer leichten Aufgabe zur Hand zu gehen.

Aber es waren nicht die Schüler, die sich über diese „Behandlung“ beschwerten, sondern deren Eltern: Einige entblödeten sich tatsächlich, bei der Schulleitung ganz offiziell einen Nachlass bei den Schulgebühren zu fordern, da ihre Kinder gezwungen würden, die Arbeit von Dienstpersonal zu verrichten. Schließlich wäre es ihr Geld, von dem die Gehälter der Angestellten der Schule bezahlt würden. Warum also sollten ihre Kinder eine Arbeit tun, für die doch Dienstboten zur Verfügung stehen.

Am Ende musste die Schule nachgeben, denn immerhin alimentiert das Geld dieser Leute den Schulbetrieb, und nur ein Narr würde die Hand beißen, die ihn füttert. Merken diese Menschen eigentlich noch, was sie da von sich geben? Ich bin mir nicht sicher, ob sie überhaupt jemals über sich und ihren Platz in der Welt nachdenken. Ich fürchte, ihr Verhalten wird der nächsten Generation als Beispiel dienen und die Kinder werden das prätentiöse Anspruchsdenken der Eltern imitieren. Man kann nur hoffen, dass Bildung den unerträglichen Klassendünkel eines Tages aufheben wird. Und Bildung ist das, was diese Kinder erhalten.

Der Wahnsinn namens Alltag

Die wichtigste und nützlichste Tugend, die man in Ecuador haben kann, ist Geduld. Seit einigen Wochen leben wir nun schon in unserer neuen Wohnung, aber bisher haben wir weder Fernsehen, noch Internet, noch Telefon. Letzte Woche war der Internet-Mann da und machte uns drei Angebote mit jeweils unterschiedlichen Übertragungsgeschwindigkeiten und demzufolge jeweils unterschiedlichen monatlichen Gebühren. Wir nahmen das günstigste Angebot, das immerhin noch 35 Dollar pro Monat kostet, und verließen uns auf die Zusage, dass er sich um alles weitere kümmern würde. Ich habe das unbestimmte Gefühl, wir werden noch viele Wochen ohne Internet in unserer Wohnung sitzen (dazu auch hier und hier).

Zum Glück gibt es gleich um die Ecke einen Cyber, d.i. ein Cyber-Shop, in dem man für wenig Geld surfen und auch mal eine Seite oder zwei ausdrucken kann, wenn man keinen eigenen Drucker besitzt. Abends ab 18:00 Uhr sind fast alle Plätze ausnahmslos mit Teenies belegt, die entweder Call of Duty, Grand Theft Auto online spielen oder ihre Idole, Ikonen der Musikindustrie, anhimmeln. Neulich waren einige etwa 13- oder 14jährige Mädchen da, die immer wieder ihren Lieblingssong, gesungen von einer der hiesigen Pop-Diven, im Karaoke-Stil nachzusingen versuchten. Bestimmt eine Stunde oder länger konnte ich mir immer wieder den selben Song anhören – Mädchen-Pop der schlimmsten Sorte – und dazu noch den Gesang der Hobbypopsternchen, die oft nicht nur einen Ton danebenlagen. Sie genierten sich überhaupt nicht, dass alle im Raum zuhörten, und schienen erst zufrieden, als sie dann wenigstens ein paar Töne getroffen hatten.

Gleich neben dem Cyber-Shop befindet sich eine Art Restaurant, in dem sich die Anwohner Freitags und am Wochenende zum Essen und zum gemütlichen Beisammensein treffen. Zwar hat es in den letzten paar Jahren in Cumbayá viele tiefgreifende Veränderungen gegeben, weil reiche Quiteños oder solche, die sich bloß für wohlhabend halten, hierher gezogen sind, sich Grund und Boden inklusive neuer Häuser gekauft und damit letztlich die Grundstückspreise ruiniert haben, dennoch findet man immer noch Inseln, in denen die Alteingesessenen in ihren einfachen Häuser dem Luxuswahn trotzen. Das Restaurant ist nichts weiter als ein Holzkohlegrill unter einem mit Wellblech gedeckten Vordach. Dahinter, unter dem Dach, hat die Besitzerin einige Stühle und Tische für die Gäste aufstellen lassen. Die übliche Kundschaft kommt aus der Nachbarschaft. Es gibt solche einfachen Gerichte wie gegrilltes Fleisch mit Maiskolben oder Salchipapas, das sind dicke Pommes frites (Papas fritas) mit einer gegrillten Wurst (Salchicha). Die Leute sitzen in der lauen Abendluft, schlagen sich die Bäuche mit den deftigen Gerichten voll, trinken Bier aus der Flasche und unterhalten sich bis spät in die Nacht hinein. Einmal wollte ich mir auch eine Portion gestatten, aber meine Frau riet mir mit vor Entsetzen geweiteten Augen ab, als könnte ich mir durch die Bestellung eines einfachen Gerichts den Tod auf dem Teller einhandeln. Bei allem, was gegrillt, gebraten oder frittiert ist, muss man sich nicht wirklich sorgen. Acht geben sollte man jedoch bei den vermeintlich gesunden Nahrungsmitteln wie Salaten und frisch gepressten Säften, von denen ich, eingedenk meiner Erfahrungen während vorangegangener Reisen, lieber die Finger lasse. Vielleicht mag meine Frau auch deshalb nicht dort essen, weil kein Salat angeboten wird. Mein Sohn jedenfalls machte schon ganz große Augen als er den Teller mit den Papas fritas und der Salchicha sah.

Die meisten Leute haben nicht viel Geld in der Tasche und zehn oder zwanzig Dollar sind für manch einen ein kleines Vermögen. Auf der letzten Hausversammlung hatten die Mieter und die Besitzer von Wohneigentum lebhaft die Frage der Sicherheit diskutiert. Unbekannte waren in die Parketage eingedrungen und hatten versucht, eines der Autos gewaltsam aufzubringen. Auf der Versammlung hatte man in Abstimmung mit dem Besitzer der Anlage beschlossen, dass ein Concierge eingestellt würde, der sich um alle Belange kümmern könnte. Natürlich muss der Concierge von den Mietern bzw. Wohnungseignern bezahlt werden. Seit etwa einer Woche wirbelt ein junger Mann durch die Anlage, beseitigt den Müll, nimmt kleinere Reparaturen vor und schrubbt die Böden blitzblank. Das ist wirklich kein leichter Job, und den ganzen Tag Fußböden schrubben, kann einen schon ordentlich fordern. Ich habe erfahren, dass er eine Frau hat und dass die beiden ein Baby haben. Man müsste annehmen, dass die Arbeit, die er tagtäglich verrichtet, gut genug bezahlt ist, um die Familie ernähren zu können, zumal das Einkommen seiner Frau für die Zeit nach der Entbindung entfällt. Wie man sich erzählt, gehört er einer Familie an, in der das Dienstbotendasein Tradition hat: Seit Generationen steht man im Dienste „der Reichen“ und verrichtet all die niederen Tätigkeiten, die man sich – reich oder nicht – am liebsten ersparen möchte. Ich war schockiert zu hören, dass er gerade einmal dreihundert Dollar pro Monat verdient. Ich glaube allerdings nicht, dass es sich um eine Vollzeitstelle handelt. Aber man bräuchte schon mehrere solcher Jobs, um in einer derart teuren Stadt wie Cumbayá einigermaßen über die Runden zu kommen.

Das Leben in Ecuador und im Speziellen in Cumbayá ist unglaublich teuer; manchmal scheint mir, sogar noch teurer als in Deutschland. Ein Kollege meiner Frau gestand, er und seine Frau bräuchten im Monat gut tausend Dollar für Nahrungsmittel – ernähren sich diese Leute nur von Trüffel und Kaviar? Es ist jedoch wahr, dass man für einen ganz normalen Familienwocheneinkauf ein kleines Vermögen lassen kann. Einhundert Dollar sind schneller ausgegeben, als man es für möglich halten möchte, und damit ist ein Einkaufswagen, wie man sie üblicherweise in den Supermärkten vorfindet, noch kaum gefüllt.

Neulich Morgens fuhren wir mit dem Taxi zur Schule. In der Deutschen Schule beginnt die Arbeit um 7:30 Uhr und meine Frau muss ein wenig früher da sein, weil es Lehrern auch außerhalb der offiziellen Arbeitszeiten nie an Arbeit mangelt. Der Unterricht an der Schule meines Sohnes beginnt erst Punkt 8:00 Uhr. Also fahren wir mit dem Taxi zuerst zum Colegio Alemán, setzten meine Frau ab, und dann geht die Fahrt weiter zur British School. Die erste Etappe kostet 2,50 Dollar. Die Fahrt von der Deutschen Schule weiter zur Schule meines Sohnes, die etwas außerhalb liegt, schlägt noch einmal mit derselben Summe zu Buche. Dort angekommen, überreichte ich dem Taxifahrer einen Zwanzig-Dollar-Schein, um die Fahrt, fünf Dollar insgesamt, zu bezahlen. Doch der Fahrer hatte nicht genug Wechselgeld in seinem Portemonnaie und konnte mir nicht herausgeben. Die Situation hätte Anlass zu einiger Verwirrung geben können, doch der Taxifahrer meinte nur, ich könne ihm das Geld auch irgendwann später geben. Er wohne ebenfalls im Sektor Santa Inés (das ist unser Stadtteil in Cumbayá) und er werde Nachmittags um fünf Uhr vorbeikommen, um das Geld in Empfang zu nehmen. Als ich gegen halb drei mit dem Bus losfuhr, um meinen Sohn von der Schule abzuholen, sah ich ihn wieder mit seinem Taxi auf der Straße. Er fragte mich im Vorbeifahren, ob ich Geld gewechselt hätte, doch ich musste passen – ich hatte den großen Schein noch immer in der Tasche.

Wenn ich meinen Sohn von der Schule abhole, nehmen wir immer den Bus. Der Bus ist das weitaus geläufigste öffentliche Verkehrsmittel in Ecuador und fast überall das einzige. In Cuenca, einer Stadt im Süden des Landes, entsteht ein Straßenbahnnetz, doch Cuenca bleibt damit wohl auf lange Zeit eine Ausnahme. Das gewöhnliche und meistbenutzte Verkehrsmittel bleibt nach wie vor der Bus. Seit Jahren nun schon liegen Pläne vor, das arg strapazierte Verkehrsnetz von Quito durch eine U-Bahn zu entlasten. Die Planungen sind weit fortgeschritten und eigentlich hätte mit dem Bau schon begonnen werden müssen, wenn sich nicht Widerstand gegen das neue Verkehrsmittel geregt hätte. Eine U-Bahn-Fahrt soll vierzig Cent kosten. Die Fahrt wäre damit deutlich teurer als eine Fahrt mit dem Bus, die den Fahrgästen gerade einmal 25 Cents abverlangt, und zwar unabhängig davon, wie weit man fährt. Viele Menschen fürchten, dass sie sich dann Fahrten nicht mehr leisten könnten, und sie sind deshalb gegen den Bau der Metro.

Wenn man wissen will, wie dieses Land tickt, muss man mit dem Bus fahren. Das Liniennetz ist erstaunlich verzweigt und im Prinzip kommt man zu jedem Ort der Stadt ohne jemals ein Taxi benutzen oder weit zu Fuß gehen zu müssen. Selbstverständlich darf man auf einigen Strecken nicht denselben Komfort erwarten wie im eigenen Auto. Manchmal sind die Busse regelrecht überfüllt und man muss stehen, was wirklich unangenehm sein kann, wenn der Fahrer meint, die Passagiere bräuchten etwas Frischluft und in voller Fahrt die Türen aufreißt. Auf den längeren Routen, wie zum Beispiel zwischen Quito und Cumbayá, verkehren richtige Reisebusse mit bequemen Polstersitzen, und meistens ergattert man auch einen Sitzplatz, so dass man die Fahrt ganz entspannt genießen kann. Die Fahrer halten auch nur an den Haltestellen, und nicht etwa zwischendurch, wie auf den kürzeren Strecken, wo man nur den Arm heben muss, und schon bremst der Bus und man springt ab oder auf.

Auf den längeren Routen steigen an fast jeder Station fliegende Händler zu und versuchen, ihre Ware an den Mann oder die Frau zu bringen: frisches Gebäck, Eis, Feuerzeuge, Zeitungen, Kugelschreiber, Kaugummis, Schokolade. Es gibt kaum etwas, was man nicht im Bus kaufen kann. Die Fahrer lassen die Händler seelenruhig gewähren; vielleicht bekommen sie ein kleines Handgeld. Einmal versuchte ein Hare-Krishna-Jünger sein Glück. Zuerst hielt er eine Bekehrungsrede, die so professionell wirkte, dass jede x-beliebige Werbeagentur ihn von der Stelle weg eingestellt hätte. Nachdem er seine Ansprache beendet hatte, verteilte er Büchlein, in denen man Lebenshilfe und Anleitungen zur Meditation finden konnte. Wer mochte, konnte eines der Bücher für nur einen Dollar erstehen, die anderen sammelte er bis zum nächsten Stopp wieder ein. Am Ende war er bestimmt ein Dutzend Bücher losgeworden. Meine Frau war schon versucht, eines zu kaufen, aber mein skeptischer Blick hielt sie dann doch zurück.

Von unserem Viertel (Santa Inés) aus fährt so ein kleiner Tingel-Tangel-Bus bis ins Zentrum von Cumbayá und wieder zurück. Morgens können die Busse richtig voll werden, denn die Bediensteten der reichen Haushalte fahren von den ärmeren Vierteln, wo sie wohnen, in die Stadtteile der Reichen. Köchinnen, Wäscherinnen, Kinder- und Putzfrauen, Haushälterinnen, Gärtner, Chauffeure, Handwerker, Wachschutzleute – sie alle müssen zu Arbeit und sie alle nehmen den Bus, der nur schleppend vorankommt, denn alle fünfzig Meter ruft jemand „Gracias“ – das Zeichen, dass der Fahrer anhalten möge. Einige Menschen steigen dann aus und eilen auf zigfach gesicherte Tore oder Türen zu, durch die sie nach der üblichen Gesichtskontrolle eingelassen werden. So geht das über die ganze Strecke und wenn ich dann schließlich zuhause ankomme, ist der Bus fast leer.

Am Nachmittag, wenn ich meinen Sohn von der Schule abholen möchte, fahre ich erst bis ins Zentrum von Cumbayá. Dort nehme ich dann den Bus Richtung Tumbaco (das ist die nächste Gemeinde weiter östlich). An der Haltestelle muss man nie lange warten, denn während ein Bus abfährt, sieht man schon in der Ferne den nächsten anrollen. Eigentlich sind es nur drei oder vier Kilometer bis nach Tumbaco, doch die nagelneue Autopista nimmt einen ziemlich weiten Umweg um das Tal des Rio San Pedro. Der Fluss hat sich derart tief ins Erdreich gegraben, dass das Flusstal stellenweise zur Schlucht mit fast senkrechten Wänden wird. Nach Tumbaco geht es mit leichtem Gefälle abwärts und die Fahrer lassen keine Gelegenheit aus, um wieder einmal den Streckenrekord zu brechen. Da die Straße einige Kurven hat, ist es ratsam, sich gut festzuhalten, will man nicht ständig willenlos gegen den Sitznachbarn gepresst wird.

Ich fahre nie ganz bis nach Tumbaco, sondern steige immer schon an der Station „El Nacional“ aus. Dabei handelt es sich um eine riesige Trainingsstätte für Nachwuchsfußballer – Fußballfelder so weit das Augen reicht. Vom Bus aus sieht man zu jeder Tageszeit Dutzende von Nachwuchstalenten auf den penibel gepflegten Rasenplätzen kicken. Auf der anderen Seite der Straße liegt ein Park und genau davor befindet sich die Haltestelle, an der mein Anschlussbus schon startbereit wartet. Meist stärken sich die Fahrer jedoch erst mit einem Snack an den Imbissbuden direkt oberhalb der Haltestelle. Auch geben sie den Händlern so Gelegenheit, noch einmal durch die Busse zu gehen und ihre Waren feilzubieten.

Zur British School geht es überwiegend bergauf und die Busse schleppen sich mühsam auf den von Schlaglöchern gesäumten Straßen entlang. Es geht durch einfache Wohnviertel, manchmal sieht man Werkstätten oder kleine Geschäfte. Die Straße, an der die Schule liegt, ist die Calle Cunuyacu. Zu sehen gibt es nicht viel, doch seit einiger Zeit hat man auf einigen der Grundstücke, die direkt an die Straße grenzen, zu bauen begonnen. Riesige Werbetafeln, mit denen Käufer angelockt werden sollen, verraten mehr: Errichtet werden Luxus-Wohnsiedlungen, moderne, weitläufige Anlagen mit 24-Stunden-Bewachung, mit Mauern, Elektrozäunen und Scheinwerfern. Vielleicht, so das Kalkül der Bauherren, wollen dieselben Leute, die ihre Kinder auf eine teure und exklusive Privatschule schicken, gleich in der Nähe ihrer Schützlinge wohnen.

Von allen Eltern der etwa dreihundert Schüler der British School bin ich der einzige, der mit dem Bus anreist, um sein Kind abzuholen. Manchmal sieht man ein, zwei Taxis, der Rest fährt mit dem eigenen Wagen vor. Das sind Fahrzeuge im überwiegend hochpreisigen Segment, wenn nicht sogar aus der Luxussparte. Mehrmals sah ich tatsächlich einen Porsche, die meisten anderen Gefährte sind dagegen eher geländegängig, allradgetrieben und mehr als bloß ausreichend stark motorisiert. Man kommt sich vor, als wäre man auf einer Autoshow, denn viele der Wagen sehen nagelneu aus. Jedes Mal, wenn ich am Eingang der Schule stehe und auf den Bus warte, treffen mich neugierige wie gleichermaßen irritierte Blicke aus dem klimatisierten Innern der vorbeiziehenden Autokarawane: Gehört der dazu? Warum steht er dort? Ein Gringo-Opa guckte mich an, als hätte er noch nie jemanden auf den Bus warten sehen. Ich weiß aus eigener Erfahrung, dass in den USA nur die Menschen mit dem Bus fahren, die so arm sind, dass sie sich kein eigenes Auto leisten können. Und da muss man schon wirklich sehr arm sein, denn kurioserweise gibt es Obdachlose, die in Autos leben. Ich glaube, auch wenn wir unser eigenes Auto bekommen sollten – es kann sich nur noch um Wochen handeln –, werde ich die Gewohnheit beibehalten, und mit dem Bus zur Schule meines Sohnes fahren.

Ich denke, viele der Menschen, die ihre Kinder auf solch teure Schulen schicken, haben den Kontakt zur Wirklichkeit in diesem Land verloren oder überhaupt nie einen Kontakt zum Leben gehabt. Mit dem wirklichen Leben, wie es sich direkt vor ihrer Haustür abspielt, kommen sie kaum je in Berührung. Wie sollte man auch – man wohnt in beschützten Wohnanlagen, fährt im klimatisierten Auto durch die Stadt anstatt auch nur ein paar Meter zu Fuß zu gehen, kauft in teuren Malls ein und lässt sich die Einkäufe auch noch vom Angestellten des Supermarktes ins Auto packen, das im gesicherten Parkhaus wartet. Viele dieser Leute begegnen niemals den „normalen“ Ecuadorianern, es sei denn als Hausangestellten und dann vermeidet man es wohl eher, von ihnen Kenntnis zu nehmen. Man umgibt sich mit seinesgleichen oder mit jenen Einheimischen, die durch ihren Reichtum ein ähnlich hohes soziales Prestige, wie man es selbst zu besitzen glaubt, für sich in Anspruch nehmen können. Manche von ihnen erscheinen vor der Schule tatsächlich mit ihren Hausangestellten, der Nanny etwa oder der Haushälterin. Man erkennt es an der Kleidung: Während der Herr Business-Anzug trägt und die Dame mit Geschmack sich mit teurer Designerkleidung und edlen Accessoires schmückt, ist die Bedienstete schmucklos in Kittelschürze und Arbeitsanzug gehüllt. Man zweifelt manchmal, ob all die Revolutionen, in die sich die Menschheit für eine bessere Welt stürzte, wirklich etwas genützt haben.

Oberhalb der Schule, nicht mehr als zweihundert Meter entfernt, thront ein Franziskaner-Konvent wie eine einsame Bergfestung am Hang. Dieselbe Straße, auf der die Eltern ihre teuren Autos parken, wenn sie die Kinder abholen, führt hinauf zum Sanctuario Eucaristico, wie auf einem Hinweisschild vor der Schule zu lesen ist. Ich frage mich, was die Franziskaner wohl denken mögen angesichts des eitlen Schaulaufens, das tagtäglich vor ihren Augen vorbeizieht. Ich hätte nicht übel Lust, einmal hinaufzugehen und sie zu fragen. Schließlich wies der Heilige Franz von Assisi, der Gründer des Ordens, jeglichen Besitz von sich und er vertrat sogar der Meinung, die Kirche sollte arm sein. Vielleicht ist es ein gutes Zeichen, dass der derzeitige Papst ihn zum Namenspatron erkoren hat. Ich hoffe, ich nehme irgendwann einmal all meinen Mut zusammen und statte den Brüdern auf dem Berg einen Besuch ab, vorausgesetzt, sie wollen mich überhaupt empfangen.

Die Rückfahrt von der Schule nach Hause ist weit spektakulärer als die Hinfahrt. Nicht nur führt die Strecke über weite Teile bergab, der Bus ist in der Regel auch voll besetzt. Eine Maximalkapazität scheint es nicht zu geben und jeder, der den Bus heranwinkt, wird auch mitgenommen. So kommt es gar nicht so selten vor, dass die Türen nicht mehr geschlossen werden können, weil sich die Fahrgäste so eng drängen, dass der Platz nicht mehr reicht, um für solche Nebensächlichkeiten wie geschlossene Türen zu sorgen. Ich muss allerdings zugeben, dass ich dies erst ein einziges Mal erlebt habe und dann auch nur am Morgen, wenn die Leute ohnehin spät dran sind und jeden Bus nehmen, den sie kriegen können. Ich hatte gerade meinen Sohn zur Schule gebracht, und da kam auch schon der Bus, mit dem ich nach Hause fahren würde. Als er vor mir hielt und die Tür sich öffnete, sah ich nichts als einen Wust von dicht gedrängten Leibern. Ich hätte auf den nächsten Bus in zehn Minuten warten können. Andererseits hatte ich noch nicht gefrühstückt und mir war deshalb schon ganz flau zumute. Länger wollte ich nicht warten. Also stieg ich ein in der Hoffnung, dass sich der Bus auf der Strecke rasch leeren würde.

Ich hatte gerade meinen Fuß auf das Trittbrett gesetzt, als der Fahrer auch schon das Gaspedal bis zum Anschlag durchtrat. Man tut gut daran, sich mit aller Kraft festzuhalten, denn die Fahrer nehmen weder Rücksicht auf den Komfort noch die Sicherheit der Fahrgäste. Während der Bus beschleunigte, hing ich noch halb aus der Tür und es gelang mir auch nicht, mich zwischen die anderen Passagiere in den Bus zu schieben. Mir war nur zu deutlich bewusst, dass ich wohl unweigerlich mit dem nächsten Laternenpfahl Bekanntschaft machen müsste, würde ich den Griff loslassen – nicht, dass ich die Absicht gehabt hätte! Auf der Rückfahrt ist die Strecke ziemlich abschüssig und die Fahrer nutzen jede Gelegenheit, die Maximalgeschwindigkeit aus ihren Fahrzeugen herauszukitzeln. Bei manchen Bodenwellen hat man das Gefühl, der Magen würde sich umstülpen und in den Kurven zerren die Fliehkräfte so unerbittlich, dass man glaubt, man wäre nicht in einem Bus, sondern hätte sich ins Astronautentraining verirrt.

Der Fahrtwind pfiff scharf an meinem Gesäß vorbei und ich schmiegte mich ganz eng an den Bus, denn ich fürchtete, ich könnte an irgendeinem der Zaunpfähle oder Mauervorsprünge hängen bleiben, an denen wir mit wahnwitziger Geschwindigkeit vorbeirasten. Neben mir stand die Kassiererin; sie lehnte lässig in der Tür und hielt sich ebenso lässig fest. In der anderen Hand hatte sie das Wechselgeld. Das Buspersonal auf den längeren Strecken ist immer in Zweierteams unterwegs: einer fährt, der andere kassiert, nur weiß man nicht, welcher der anspruchsvollere Job ist, denn gerade wenn die Busse voll sind, hangeln die Kassierer sich mit nahezu artistischer Gelenkigkeit durch den Fahrgastraum oder springen bei Stopps aus einer Tür, kassieren in einem irren Tempo das Geld von den Fahrgästen, die gerade aussteigen, und springen ebenso verwegen wieder durch die andere Tür in den Bus, während der Fahrer schon mit Vollgas beschleunigt. Als die Kassiererin mich nach Fahrgeld fragte, konnte ich mit Mühe und Not den geforderten Vierteldollar aus der Tasche kramen. Dabei schielte ich immer wieder ängstlich auf die vorbeirasende Umgebung.

An der nächsten Haltestelle stiegen einige der Passagiere aus; etwas Platz wurde frei und ich nutzte die Gelegenheit, weiter ins Innere des Busses vorzudringen. Ein Mann neben mir fragte: „Do you speak English?“ Es kommt so gut wie nie vor, dass man in Ecuador auf Englisch angesprochen wird. Umso verwunderter war ich, dass mich ausgerechnet jemand im Bus fragte, wo doch selbst in den teuren Boutiquen der Shopping-Malls ausschließlich Spanisch gesprochen wird. Ich musste seine Frage bejahen und er schickte voller Neugier sofort die nächste Frage hinterher: woher ich käme. Ich sagte es ihm und er überlegte eine Weile, was dies wohl zu bedeuten hätte. Dann hielt der Bus, die Tür ging auf und weitere Passagiere drängten sich zwischen uns.

Auf der Strecke zwischen Tumbaco und Cumbayá wurde ich abermals „erkannt“: Ich stieg nichtsahnend in den Bus und hangelte mich bis in die Mitte vor, damit ich den Leuten, die aussteigen wollten, nicht im Wege stünde. Irgendwo mitten im Gang standen zwei junge Männer, die aussahen wie Gringos oder Europäer – also wie ich. Völlig ahnungslos blickte ich auf und sie deuteten den Blickkontakt offenbar als Zeichen, denn sie grüßten mich, als würden wir uns gut kennen, als wären wir seit ewigen Zeiten Kameraden und Reisegefährten auf abenteuerlichen Wegen. Man muss entweder ziemlich verzweifelt sein oder von starkem Heimweh geplagt werden, wenn man den Erstbesten grüßt, der aussieht, als würde er von dort stammen, wo man selbst herkommt. Ich erwiderte ihren Gruß eher desinteressiert, weil ich es für ganz schön kühn halte, jemanden als Geistesverwandten anzusehen, nur weil er vielleicht vom selben Kontinent stammt.

Es ist übrigens für einen normal großen Europäer oder Amerikaner gar nicht so einfach, eine längere Busfahrt zu unternehmen, wenn man dabei nur einen Stehplatz hat. Der normal große Ecuadorianer kann in einem landesüblichen Bus bequem stehen. Schwieriger wird dies für Menschen ab einer Körpergröße von etwa 1,85 Metern. Wenn ich in einem der Linienbusse aufrecht stehe, reibt mein Schädeldach am Wagenhimmel. Ich mache mich aber immer ein wenig kleiner, federe in die Knie und ziehe den Kopf ein, denn man muss stets damit rechnen, dass der Bus in eine Delle taucht oder über eine Bodenwelle springt. Die rasant-sportliche Fahrweise der meisten Fahrer tut noch ein Übriges. Der Reisekomfort ist doch ganz erheblich eingeschränkt, wenn einem der Kopf ständig gegen die Decke gerammt wird. Aber manchmal hat man ja Glück und kann sitzen. Da scherzt dann nicht das Schädeldach, sondern die Knie, denn auch der Abstand zwischen den Sitzen ist auf eine kleinere Körpergröße geeicht.

Ich habe die ersten Schritte unternommen, mich meinem kulturellen Umfeld zumindest optisch anzugleichen. Ein wenig Bräune macht aus mir zwar noch keinen Ecuadorianer, zumindest aber glaubt man nun nicht mehr, ich sei gerade dem Flugzeug entstiegen. Nichts sticht hier mehr hervor als ein kreideweißer Teint. Eigentlich ist hier niemand wirklich blass, es sei denn, er käme aus einem kalten, dunklen Land oder wäre rothaarig. Man müsste sich schon sehr anstrengen, um die aristokratische Blässe auf Dauer zu bewahren, denn die Sonne scheint am Tag nahezu ununterbrochen und schließlich kann man sich nicht für immer im dunklen Zimmer vergraben.

Zur Zeit ist es so warm wie an einem heißen Badetag in Berlin. Erst in den Abendstunden kühlen die Temperaturen dann aufgrund der Höhe wieder merklich ab, was aber zugleich den Vorteil hat, dass man gut schläft. Der Himmel strahlt blau in Blau und wenn doch einmal Wolken aufziehen, ist man froh darüber, dass einem die Sonne einmal nicht den ganzen Tag auf den Pelz brennt. Man fragt sich, ob es wohl hin und wieder regnet. Manch Schöne, die ihren makellos weißen Teint nicht durch den geringsten Anflug von Farbe entstellt sehen möchte, wechselt die Straßenseite im Laufschritt, nur um ja schnell wieder in den Schatten zu gelangen. Während sie durch die pralle Sonne eilt, hält sie ihre Hand über den Kopf, damit das Gesicht beschattet ist. Was würde sie wohl denken, wenn sie die sommerlichen Parks und Badestrände Berlins mit ihren Sonnenanbetern sähe? Ich habe gerade gelesen, dass die Temperaturen im spätsommerlichen Berlin noch einmal bis auf 25 Grad steigen. Wenn ich Berlin auch ein wenig vermisse, den Winter vermisse ich ganz bestimmt nicht! Ich bin froh, dass mir das nasskalte Wetter und die arktische Dunkelheit erspart bleiben. Zwar gibt es auch hier eine Art „Winter“, doch regnet es dann mehr. Richtig kalt wird es aber nie und wenn es einen doch danach verlangen sollte, wieder einmal im Schnee herumzutollen, müsste man schon bis auf fast 6.000 Meter aufsteigen. Man sollte nur Acht geben, dass man sich für diese Unternehmung keinen aktiven Vulkan aussucht, der kurz vor dem Ausbruch steht, wie derzeit der Cotopaxi, wenn man den Vulkanologen glauben will. Dann kann es nämlich richtig warm werden, höllisch warm.

Ich bin jetzt fleißig dabei, Spanisch zu lernen. Aber ich muss ehrlich bekennen: es fällt mir unglaublich schwer. Mein Hirn sträubt sich regelrecht dagegen, selbst die einfachsten Wörter zu behalten. Aber Vokabeln zu pauken ist auch wirklich nicht die Art von Ablenkung, die man sich an einem lauen Sommerabend wünscht, zumal hier jeder Abend ein lauer Sommerabend ist. Es geht langsam voran, viel langsamer als ich mir wünschte. Nichtsdestotrotz mache ich Fortschritte. Manchmal jedoch sind nicht Bücher die besten Lehrmeister, manchmal lehrt einen der Alltag mehr als alle Weisheit, die man in Büchern finden kann: Zumindest weiß ich jetzt, was in Ecuador „cool“ heißt: chevere (gesprochen: tschéwere; „Wie cool!“ heißt dann que chevere, gesprochen: ke tschéwere). Und auch solch ein nützliches, kaum zu unterschätzendes weil oft gebrauchtes Wort wie „Schlumpf“ kenne ich jetzt: pitufo. Damit ist es nun möglich, in jedem tiefschürfenden Gespräch den richtigen Akzent zu setzen: Que chevere, pitufo – Wie cool, du Schlumpf.