Unser Gastgeber wirkte auf Anhieb sympathisch, so sympathisch, dass man ihm den Politiker gern verzeihen wollte. Nachdem wir die Kartons abgeladen und in seiner Garage untergestellt hatten, bat er uns ins Haus. Hierzulande wird noch der Tradition einer ursprünglichen Gastfreundschaft gehuldigt und man würde es schlicht als unanständig ansehen, einen Besucher an der Haustür zurückzuschicken. Sein Haus, eine strahlende Residenz im Gewand postmodernistischer Zurückhaltung, hatte sicher mehrere Millionen Dollar gekostet, wie übrigens alle Häuser innerhalb der Mauern dieser Suburbanisation. Ein magischer Vollmond ging gerade über dem Dachgiebel auf. Die Szene wirkte so irreal wie die extravaganten Sehnsuchtsbilder in einem Immobilienkatalog für Superreiche.
Wir nahmen auf den schönen Sofas vor dem Kamin Platz. Das Wohnzimmer war sehr geschmackvoll eingerichtet. In der Dekoration ließ sich ein verhaltener Minimalismus erkennen, und an den Wänden hingen Kunstwerke, wie man sie wohl kaum auf dem Flohmarkt finden würde. Ein Bild gefiel uns besonders und meine Frau fragte nach dem Künstler. Wir googelten später, um mehr herauszufinden. Wir überschlugen, dass die Kunst, die allein in diesem Raum an den Wänden hing, gut zwanzigtausend Dollar wert war, vielleicht sogar noch mehr, denn der Künstler lebt nicht mehr und man darf davon ausgehen, dass seine Werke ständig an Wert gewinnen.
Wir unterhielten uns auf Englisch, dem einzigen Idiom, das alle gut genug sprachen, um darin eine gepflegte Unterhaltung zu führen. Die Frau unseres Gastgebers ist Amerikanerin und er selbst spricht ein perfektes Englisch, das jedoch den harten spanischen Akzent nicht ganz verhehlen kann. Um das Eis zu brechen, ergingen wir uns ein wenig in Smalltalk. Wir plauderten über Kunst – und über die schönen Bilder, die es an den Wänden zu bestaunen gab, ließ sich auch trefflich reden – und über einiges andere, Dinge, die man schnell wieder vergessen hat.
Der Verlauf des Gesprächs bot unserem Gastgeber dann aber doch Gelegenheit, recht schnell zur Sache zu kommen: Als meine Frau meinte, dass sein Name ihr irgendwoher bekannt sei, erklärte er, dass sie ihn wahrscheinlich in Zusammenhang mit der Mesa gehört habe; er sei darin Mitglied. Er fügte scherzhaft hinzu, er wäre somit ihr Boss, und das war keineswegs nur ein ironisches Bonmot, um das Gespräch aufzulockern, sondern es war die Wahrheit, nur eben in einen Witz und in ein sympathisches Lächeln verpackt. Die Mesa ist das, was in den USA das School board ist, also das Gremium, das die großen Entscheidungen in der Schulpolitik trifft. Selbstverständlich kann einer derart einflussreichen und mächtigen Körperschaft nur ein erlauchter Personenkreis angehören. Es ist immer gut zu wissen, mit wem man es zu tun hat.
Ich werde stets hellhörig, wenn man mir erzählt, man entstamme einer alten Familie, denn was man damit wirklich zu sagen versucht, ist, dass man eigentlich reich sei und dass man es schon gewesen sei zu einer Zeit, für die die meisten Menschen nicht einmal die Namen ihrer Vorfahren anzugeben wüssten. Einen langen Stammbaum hinter sich zu haben, ist aber kein Verdienst, sondern allenfalls Gunst des Schicksals oder doch eher reiner Zufall.
Ich habe gegoogelt – ich konnte einfach nicht widerstehen, zumal unser Gastgeber ja selber ins Gespräch eingebracht hatte, dass er einer Familie mit Herkommen entstamme: alter spanischer Kolonialadel aus Quito und reich begütert. Der Name ist bekannt. In Deutschland ist ein Name wie der andere und allenfalls ein „Von“ vor dem Nachnamen verleiht seinem Träger den schwachen nostalgischen Glanz einer vermeintlich besser geordneten Welt. Hierzulande sagt der Name aber viel über die soziale Stellung einer Person aus und manche Namen haben einen schöneren Klang als andere. Und der Name unseres Gastgebers ist für ecuadorianische Ohren schon fast ein Engelschoral.
Unser Gastgeber ist Anwalt und er strebt eine politische Karriere an. Seit Kurzem kandidiert er für einen Wahlkreis in Quito. Ich konnte nicht herausbekommen, für welche Partei er eigentlich ins Rennen geht, aber aus seinen Äußerungen wurde klar, in welche Richtung sein politisches Engagement zielt: Von der derzeitigen Regierung sprach er nur als „Regime“. Regimen haftet der Ruch des Unrechts und der Gewalt an und selbstverständlich ist es eine ehrenhafte Tat, sie zu beseitigen, vor allem, wenn man edle Ziele verfolgt. Er sprach davon, dass man (wer auch immer dies sein soll) die Demokratie (was immer das sein soll) „reinstallieren“ wolle. Ich wagte einzuwenden, dass der derzeitige Präsident sich dem Votum des Volkes in drei Wahlen habe stellen müssen, und in den letzten zwei hätte er sogar im ersten Wahlgang die absolute Mehrheit errungen. Mehr demokratische Legitimation kann man eigentlich kaum haben.
Unseren Gastgeber focht das nicht an: Die Regierung hätte ihre Leichen im Keller. Ich verstand nicht, was er mir damit sagen wollte, und er sah sich zu einer Erklärung genötigt. Die Regierung führe Listen mit über drei Millionen Wählern, die es in Wirklichkeit gar nicht gibt – Phantome, Geister, Harvey der Hase. Bei einer Einwohnerzahl von sechzehn Millionen würde man mit solch einem Stammkapital natürlich jede Wahl gewinnen, ganz gleich, wie sehr sich die Opposition auch anstrengen mag. Ich konnte es nicht glauben, doch er beharrte, es sei die Wahrheit. Den Beweis blieb er natürlich schuldig, aber ich erwartete auch nicht, dass er die gefälschten Wählerlisten in diesem Augenblick aus der Schreibtischschublade ziehen würde.
Man muss dazu wissen, dass in Ecuador die Wahl Staatsbürgerpflicht ist. Wer wählt, erhält darüber einen amtlichen Nachweis. Ohne diesen Nachweis kann man auf verschiedenen staatlichen Stellen ernste Probleme bekommen und dann benötigt man eine Freistellung, eine Art Ablassbrief, der wiederum bestätigt, dass alle Schuld beglichen sei und dass man ab sofort wieder in dieselben Rechte eingesetzt sei wie jemand, der seiner Staatsbürgerpflicht brav nachgekommen ist.
Da jeder Wahlberechtigte also wählen muss, denn andernfalls hätte er Sanktionen zu gewärtigen, ist davon auszugehen, dass die Wahlbeteiligung nahe einhundert Prozent liegt – das dürften schon fast realsozialistische Quoten sein. Drei Millionen zusätzliche Wähler würden da natürlich auffallen. Doch keine Wahlbeobachterkommission hat je beanstandet, dass die Wahlen im Land nicht dem allgemein anerkannten Standard entsprochen hätten, wie er für demokratische Wahlen als angemessen erachtet wird.
Ich wollte diese Ungeheuerlichkeit nicht weiter kommentieren. Meine Frau verwies darauf, dass die derzeitige Regierung das Land wie kaum eine Regierung zuvor vorangebracht hätte. Zum ersten Mal – man möchte sagen, seit Menschengedenken – hat man den Eindruck, die jahrzehntelange Erstarrung, in der sich das Land befunden hatte, wäre beendet und Ecuador hätte doch noch seine Ausfahrt in die Zukunft gefunden. Meine Frau verwies auf Infrastrukturprojekte, die das Land völlig umgestaltet hätten, auf die Bildungs- und Justizreform, auf die Reform des Ämterapparates und nicht zuletzt darauf, dass dieser verschlafene Flecken namens Ecuador, dieses letzte Stückchen Erde am äußersten Ende der Welt endlich einen Zugang zur Moderne gefunden hätte.
Alle diese Dinge sind wahr und jeder, der das Land im Abstand von mehreren Jahren besucht hat, kann sich mit eigenen Augen davon überzeugen. Unser Gastgeber hatte darauf nur zu entgegnen, dass alle diese Werke die Pflicht der Regierung gewesen seien, die Pflicht jeder Regierung, die den Anspruch erhebt, ein Land verantwortungsvoll zu führen und die auch über die Fähigkeiten verfügt, dieser Aufgabe nachzukommen. Eine solche Argumentation führt geradezu zwingend zu dem Schluss, dass es allen Vorgängerregierungen entweder am Willen mangelte, das Land zum Besseren zu verändern, oder dass man schlicht unfähig war und deshalb scheitern musste. Führer, so fügte er enigmatisch hinzu, würden stets für ihre schlechten Taten in Erinnerung bleiben. Er ließ offen, was er damit meinte, aber seine Worte schwebten wie ein Verdikt im Raum.
Wir sprachen noch ein wenig über die Zukunft. Unser Gastgeber ging davon aus, dass die derzeit im Amt befindliche Regierung auch die nächsten Wahlen gewinnen werde – dank ihrer drei Millionen Phantomwähler. Er konnte sich nicht mit dem Gedanken versöhnen, dass man sie vielleicht auch deshalb gewählt und zweimal im Amt bestätigt hatte, weil alle vorangegangen Regierungen das Wohlergehen der großen Mehrheit im Lande sträflich vernachlässigt hatten, und zwar über Jahrzehnte.
Rafael Correa, der derzeitige Amtsinhaber, wird 2017 zurücktreten. Die Opposition wittert Morgenluft, doch die meisten halten sie nicht für die Alternative, die das Land weiter voranbringen könnte. An der Spitze der Bewegung steht ein Banker und die Leute spotten, er unterhalte ein gut gefülltes Konto in der Steueroase Panama. Dass sich dieser Mann als Anwalt der einfachen Leute ausgibt, ist wirklich lächerlich, aber allein mit den Stimmen der reichen Elite (die ihm, wie ihre Herzen, ohnehin schon zufliegen) könnte er keine Wahl gewinnen. Viele im Lande fürchten, mit einem Sieg der Opposition würde das Land einen Rückfall in die Zeiten dreister Klientelpolitik erleben, da eine raffgierige Elite sich dank ihrer Beziehungen und dank ihres Einflusses die lukrativsten Pfründen zu sichern verstand. Wenn man sich die jüngste Geschichte Ecuadors anschaut, sind diese Ängste nicht ganz unbegründet.
Unser geschätzter Gastgeber schien nicht besonders erfreut über den Umstand, dass nach der nächsten Wahl ein Mann wie Lenín Moreno das Präsidentenamt übernehmen könnte, doch er lächelte die bittere Pille einfach weg. Moreno war unter Correa bis Mitte 2013 Vizepräsident, aber seitdem ist es ruhig um ihn geworden und eigentlich hegt man keine großen Erwartungen mehr für seine politische Zukunft. Seit einem Raubüberfall 1998 sitzt er im Rollstuhl und er war der erste hohe Amtsträger mit einer Behinderung in ganz Lateinamerika. Im Jahre 2012 wurde er wegen seines Engagements für Behinderte sogar als Kandidat für den Friedens-Nobelpreis gehandelt (den Preis hat dann aber die EU erhalten – wofür eigentlich?).
Mir ist nicht ganz klar, warum unser Gastgeber den Ex-Vizepräsidenten überhaupt ins Spiel brachte, aber er schien ihn als einen möglichen und aussichtsreichen Bewerber für das Präsidentenamt anzusehen. Vielleicht ist das aber nur eine taktische Finte, um die Leute zu ängstigen, so dass sie es sich überlegen und ihre Stimme im letzten Moment doch noch dem Banker mit dem Auslandskonto geben. Wenn man unseren Gastgeber so reden hörte, hätte man glauben können, mit einem Rollstuhlfahrer als Präsidenten setze man das Schicksal der Republik aufs Spiel. Denn auf den Gesundheitszustand Morenos anspielend, meinte er mit besorgter Miene, er könnte im Amt sterben und er beschwor damit den Alptraum eines Staatsnotstandes herauf. Woher er seine ärztliche Weisheit nahm, weiß ich nicht zu sagen, aber wenn dem so wäre und tatsächlich jeder, der im Rollstuhl sitzt, in akuter Lebensgefahr schwebte, wäre zumindest im Falle Schäubles noch zu hoffen.
Im übrigen meinte er, Moreno sei ein „funny guy“ – vielleicht spielte er auf die Lachtherapie an, durch die es ihm gelang, seinen Gesundheitszustand zu stabilisieren, nachdem ihn die Ärzte schon abgeschrieben hatten. Ob aber jemand, dessen offenbar einzige Qualität darin zu bestehen scheint, „lustig“ zu sein, als Präsident eine gute Figur abgäbe, mag man bezweifeln, ganz abgesehen davon, dass er ein todkranker Mann sei – jedenfalls nach der Meinung eines Laiendoktors.
Man ist ganz hin und hergerissen zwischen der persönlichen Liebenswürdigkeit und Hilfsbereitschaft dieses Mannes, der zudem noch überaus sympathisch wirkt, und seinen Aussagen, die man wohl weniger als persönliche Meinung zu werten hat, sondern vielmehr als knallharte politische Agenda ansehen muss. All die Schlagworte, die er an diesem Abend bemühte, um sein Missbehagen gegenüber der Regierung zum Ausdruck zu bringen, kamen mir verdächtig bekannt vor: Regime, Wahlen manipuliert (auch wenn er das explizit nicht so sagte), Demokratie reinstallieren.
Es braucht keinen genialen Politstrategen, um daraus ein griffiges Programm zu schmieden, welches das Potential hat, als politischer Brandbeschleuniger zu wirken. NGOs spielen nach wie vor eine zweifelhafte Rolle in der ecuadorianischen Politik und es würde mich keineswegs überraschen, wenn unser Gastgeber den Segen und die Unterstützung mächtiger Schirmherren gewonnen hätte.
Regime haben leider keinen guten Leumund und wenn man eine rechtmäßig gewählte Regierung nur lange genug so tituliert, hängt man ihr eine Zielscheibe um, auf die man sich in aller Ruhe einschießen kann. Denn es ist ein Verbrechen, eine legitime Regierung zu stürzen, aber es ist legitim, ein Regime zu beseitigen. Eine neue, eine bessere Ordnung ist denkbar und sie ist sogar wünschenswert und vor allem ist sie gerecht – zumindest wenn man Propagandisten vom Schlage unseres Gastgebers glaubt. Wäre dem wirklich so, hätten die Menschen sich doch längst für eine andere Führung entschieden, denn schließlich ist Ecuador nach allgemeinem Dafürhalten keine Diktatur, und auch wenn man eine Regierung als Regime bezeichnet, heißt das natürlich nicht, dass sie wirklich eines wäre. Zu schade, dass man sich das Volk, das einen wählen soll, nicht aussuchen kann.
[Anmerkung: Lenín Moreno wurde vom linken Lager – wie von unserem Gastgeber vorausgesehen – tatsächlich als Präsidentschaftskandidat aufgestellt. Im April 2017 hat er die Stichwahl gegen den Banker Guillermo Lasso denkbar knapp gewonnen. Wie ebenfalls vorhergesehen, behaupteten die Verlierer, die Wahlen seien manipuliert worden. Gleichsam als Beweis führten sie die völlig anderslautenden Prognosen an. Unabhängige Wahlbeobachter konnten jedoch keine Manipulationen feststellen und sie kamen zu dem Ergebnis, dass die Wahl korrekt abgelaufen sei. Prognosen der dem konservativen Lager nahestehenden Info-Institute hatten Lasso zunächst deutlich vor Moreno gesehen, so dass sich für viele mittlerweile die Frage erhebt, ob nicht eher hier eine gezielte Manipulation vorliegt, welche dem konservativen Lager im Falle einer Niederlage einen bequemen Vorwand bieten würde, die Wahl anzufechten. Die Opposition bestreitet dies und erklärt, sie wolle das Wahlergebnis in jedem Falle überprüfen lassen.]