Berlin – Bahía: ein Jahr, ein Tag

Berlin im August 2017. Meine Frau ist für einen längeren Erholungsurlaub nach Ecuador geflohen zurückgekehrt – ein Jahr an der Spree reichte aus, um unser Nervenkostüm bis an den Rand der Belastbarkeit zu strapazieren. Kaum ein Tag vergeht, an dem ich nicht wünschte, an den Pazifik zurückzukehren. Zumindest für einen von uns hat sich dieser Wunsch erfüllt.

Berlin kann einen wirklich fordern. Der Alltag hat einen fest im Griff, aber Flucht ist ebenso ausgeschlossen wie Erlösung. Man ist bloß noch ein winziges Rädchen in der mehr oder weniger gut geölten Maschinerie des Lebens oder was man dafür halten mag. Der Daseinszweck beschränkt sich darauf zu funktionieren. Aber selbst Maschinen müssen hin und wieder in die Werkstatt. Menschen brauchen so etwas nicht: Wie Rädchen drehen sie sich so lange, bis sie kaputtgehen.

Und die Leute? Mit guten Manieren kommt man in Berlin nicht weiter und ohne es zu merken, hat man schlechte Laune, die hier in der Stadt chronisch ist und so verbreitet zu sein scheint wie die Schwindsucht bei Victor Hugo. Schon bald gebärdet man sich genauso ruppig wie der Rest der Stadt, dabei will man doch einfach nur in Ruhe gelassen werden.

Meine Frau hat dem Verdruss Lebewohl gesagt und ist in freundlichere Gefilde ausgewichen. In Bahía empfängt sie tropisches Laissez faire und die Geruhsamkeit eines Alltags, der an einen Bingo-Abend in der Seniorenresidenz erinnert. Bahía ist ruhig, sehr ruhig, jedenfalls gerade ruhig genug, um den gereizten Nerven die dringend benötigte Ruhepause zu gönnen.

Aus der Stadt am Pazifik gibt es gute Neuigkeiten zu vermelden: Nach dem Erdbeben ist Bahía auf dem besten Weg, zu altem Glanz zurückzufinden. Das muss man nicht ganz wörtlich nehmen, denn die Stadt war nie der Ort, der seine Besucher zu beeindrucken suchte. Die gravierendsten Schäden sind beseitigt, wenn es auch sicher noch Jahre dauern wird, bis alle Wunden geheilt sind, aber alles deutet darauf hin, dass es allmählich wieder bergauf geht mit der Stadt am Pazifik.

Das Leben ist auf die Straßen zurückgekehrt. Die Strandpromenade füllt sich wie vordem mit sonnenhungrigen Touristen, die Zahl der Übernachtungen steigt und die Bars und Restaurants verzeichnen endlich wieder höhere Umsätze. Das Stadtbild wirkt entschieden verändert, da die meisten der himmelstürmenden Hoteltürme eingestürzt sind oder abgerissen werden mussten – Grund genug, einen Neustart zu wagen. Und die Menschen haben neues Selbstvertrauen geschöpft und vor allem haben sie Zutrauen in die eigene Kraft gewonnen: Schon beginnt man sich zu organisieren, um der schwächelnden Stadtverwaltung mit Elan und Eigeninitiative unter die Arme zu greifen. Bahía, die Stadt am Pazifik, nimmt das Schicksal in die eigenen Hände.

Henry´s Sports Café, das Etablissement meines amerikanischen Namensvetters, profitiert von dem allgemeinen Aufschwung. Das Beben hat alle Gebäude an der Wasserfront einstürzen lassen – bis auf Henrys Café. Und so eröffnet sich dem Besucher der Location seit Neuestem ein phantastischer Blick über den Mündungstrichter des Río Chone und über den Pazifik – sicher ein Grund mehr, Henry einen Besuch abzustatten und im Genuss der göttlichen French Toasts zu schwelgen, die der allzeit entspannt wirkende Chef mit eigener Hand zubereitet.

Wie man hört, haben sich die Geschäfte spürbar belebt, und zu wünschen wäre es Henry, denn schließlich hält man eine Durststrecke, wie sie die Stadt nach der Katastrophe erlebte, nicht ewig durch. Sicher wird man nun wieder das eine oder andere Craftbeer ausschenken (ich liebe false friends: Kraftbier) und vielleicht wird das eine oder andere davon auch einmal über den Durst getrunken werden (oder schlecht gewesen sein, zumindest das letzte). Ich hoffe, die lustigen Hörnerhelme stehen noch immer auf dem Tresen, damit man sich im Falle eines Schamversagens auch einmal so richtig lustig danebenbenehmen kann.

Dany´s Gym, das coolste Fitnessstudio in ganz Bahía (und in Ecuador und überhaupt), hat seine Pforten nach wie vor geöffnet. Der leistungswillige Eisenjünger und die rekordaffine Extrem-Athletin sind jederzeit willkommen, aber genauso alle anderen, auch wenn sie nicht den Wunsch verspüren, in jedem Training über sich hinauszuwachsen, sondern einfach nur gut trainieren möchten. Und gut trainieren, das kann man in Dany´s Gym in der Tat (und manchmal auch über sich hinauswachsen).

Der Besitzer hat übrigens bei mir anfragen lassen, ob ich 110-Pfund-Hanteln hätte (das sind ca. 50 kg). Er wolle sie für sein privates Training kaufen. Meine eigenen lassen sich aber lediglich mit läppischen 35 kg beladen und so kam das Geschäft nicht zustande. Was man mit 50-Kilo-Kurzhanteln anstellen kann? Bankdrücken fiele mir ein, fünfzig Kilo auf jeder Seite, aber sonst? Ich könnte damit freilich noch Curls machen, einarmig, versteht sich, aber nur, wenn ich gut aufgewärmt bin …

Ich beneide meine Frau nicht oft, denn alle offensichtlichen Vorzüge, die sie im Vergleich zu mir hat, und alle lobenswerten Eigenschaften, die sie besitzt und die mir dagegen vollkommen abgehen, werden mehr als aufgewogen durch den Umstand, dass sie Lehrerin ist. Das wiegt schwer. Doch um eines beneide ich sie ganz sicher, nämlich darum, dass sie nun in Bahía ist, wo ich doch im Berliner Sommer (Kann es einen größeren Euphemismus geben?) ausharren und darauf hoffen muss, dass wir wenigstens einen goldenen Herbst bekommen. Ich höre mich schon an wie mein eigener Opa!

Ich gönne ihr die Zeit in ihrem Refugium der Ruhe und des Friedens und ich wünschte, ich könnte bei ihr sein. Oceano pacífico bedeutet wörtlich „Friedlicher Ozean“ und friedlich geht es in Bahía fürwahr zu. Ich wünsche ihr, dass sie genug Kraft schöpft für ein ganzes langes Schuljahr. Ich wünsche ihr außerdem, dass sie die letzte Etappe ihrer Reise, gewissermaßen den Gipfelsturm ihrer Tour um die halbe Welt unbeschadet übersteht: den Shopping-Marathon in Miami. Merkwürdig, aber der verregnete Berliner Sommer will mir mit einem Mal viel angenehmer erscheinen. Ich weiß auch schon, mit welchem Satz sie in die Tür fallen wird: Ich bin vollkommen erschöpft.

[Anmerkung: Alle Bilder in diesem Post wurden im August 2017 aufgenommen. Auf manchen liegt ein weicher Schmelz, als wäre die Aufnahme durch einen Filter gemacht worden. Wahrscheinlich war aber die Linse bloß mit Sonnencreme verschmiert.]

Abschied vom Pazifik

Am Tag vor unserer Abreise aus Bahía fahren wir nach Manta an den Strand. Santa Marianita liegt nur wenige Kilometer westlich der großen Stadt und doch hat man den Eindruck, man sei einen halben Kontinent und einen Ozean von der nächsten größeren Ansiedlung entfernt. Der Strand ist mit dem Auto gut erreichbar, denn die nagelneue Küstenstraße – ein Teilstück von Ecuadors Küstenautobahn, der Ruta del Spondylus – verbindet Manta auf dem kürzesten Weg mit all den anderen wundervollen Orten, die sich jenseits der Stadt wie Perlen an einer Kette aufreihen.

Kurz vor Manta kommen wir durch einen Wald von Ceibos, jenen gewaltigen Bäumen, deren bauchig ausladende Stämme an Wasserschläuche erinnern. Der Baum speichert darin das kostbare Nass, das er braucht, um die langen Trockenzeiten zu überstehen. Die Gegend erinnert in der Tat an eine Wüste und außer den Ceibos und etwas Gestrüpp, das sich verzweifelt an die staubtrockene Krume krallt, sieht man so gut wie kein Leben. (Es kann allerdings vorkommen, dass man in dieser gottverlassenen Gegend echten Aliens begegnet, Reisenden von fremden Welten, die auf diesem lebensfeindlichen Planeten gestrandet sind mit nichts weiter bewaffnet als einer teuren Spiegelreflexkamera mit Teleobjektiv.)

Bei Manta empfängt uns der pazifische Ozean wie eine Offenbarung. Sonnenglanz liegt blendend hell auf dem Wasser. Die See wiegt sich im Glitzern von Abermillionen von Diamanten. Im Hafen von Manta schaukelt ein Wald von Masten sanft in den Wellen. Ich habe Lust, an Bord zu gehen. Die Magie dieses ruhigen sonnigen Ozeans lockt mich an die entferntesten Gestade. Der Parkplatz vor dem Murcielago-Beach, dem Vorzeigestrand der Stadt, ist nicht übermäßig gefüllt – seit dem Beben hat Manta, wie viele Städte an der Küste, empfindliche Einbußen im Tourismusgeschäft hinnehmen müssen.

Es hat den Anschein, in Santa Marianita würde der Strand nur auf uns warten. Man sieht eine Handvoll Badender, aber sie verlieren sich in der schier grenzenlosen Ausdehnung der Küste. Die bunten Segel der Kite-Drachen hängen am ätherisch blauen Himmel. Sie wiegen sich im Wind wie Blumen an dünnen Blütenstängeln. Immer hat man den Eindruck, man sei allein. Das Geräusch des Windes und der Klang der Wellen verschlucken die Stimmen der anderen Besucher. Doch es besteht auch keine Notwendigkeit, enger zusammenzurücken, denn der Strand scheint an diesem Tag ohnehin viel zu groß zu sein für so wenig Gäste.

Später, ermattet von Sonne und Meer wie die Quallen in den Gezeitentümpeln, versuchen wir irgendwo etwas zu essen. Die Bars in unserem Rücken sind geschlossen wie auch fast alle Restaurants. Wir müssen weit laufen, um überhaupt ein Lokal zu finden, das geöffnet hat, und dann ist das Essen ziemlich gewöhnlich, aber dafür kommen uns die Preise reichlich übertrieben vor. Vielleicht empfindet es das halbe Dutzend Gäste, das trübsinnig an den Tischen hockt, ganz genauso: Missmutig stochern die Leute in den lieblos zubereiteten Fisch- und Krabbengerichten herum. Nicht wenige erwecken ganz den Anschein, als bedauerten sie, etwas bestellt zu haben. Wir kaufen nur Wasser und eisgekühlte Fanta und begnügen uns darüber hinaus mit Keksen und Schokolade aus unserem Notvorrat.

Der Hund hetzt derweil am Strand umher, als hätte man ihn mit starken Aufputschmitteln vollgepumpt. Mit hängender Zunge jagt er am Wasser entlang. Zu versuchen, ihn wieder einzufangen, wäre aber zwecklos, denn obwohl er so klein ist, kann er rennen wie ein geölter Blitz. Irgendwann hat er genug und dann kommt er von allein zurück, glücklich hechelnd, wie mir scheinen will. Ins Wasser wagt er sich zwar nicht, aber dafür gräbt er mit großer Hingabe Löcher in den Sand. Vielleicht hat ja jemand seine Lieblingssnacks am Strand verbuddelt. So ein verrücktes Hundi!

Wir bleiben, bis die Sonne nur noch zwei Hände breit über dem Meereshorizont hängt. Wir hätten die Abendstimmung gern noch ein wenig länger genossen, aber wir müssen zurück nach Bahía. Nächtliche Fahrten auf den größtenteils unbeleuchteten Straßen sind nicht immer ein Vergnügen und ganz ungefährlich sind sie auch nicht. Wir möchten nicht in Verlegenheit geraten, Manta, die große, quirlige Hafenstadt, nach Einbruch der Dunkelheit durchqueren zu müssen, zumal sich das Korps der freiwilligen „Helfer“, das die Stadt nächstens nach hilfsbedürftigen Fremden durchstreift, seit der Erdbebenkatastrophe beträchtlich vergrößert hat.

Das herabsinkende Tagesgestirn breitet seinen Strahlenfächer über das Meer und wo das Licht den Ozean berührt, verwandelt dieser sich in geschmolzenes Silber. Unter einer dünnen erkalteten Kruste scheinen die Wolken von innen heraus zu glühen. Schiffe ziehen über den Horizont, schwimmen durch die trüben Lichtbalken, als versuchten sie, den Tag mit ihren Netzen einzufangen. Wir spüren eine große Wehmut, denn es ist der letzte Abend, den wir in Bahía verbringen sollten, und es ist unser letzter Besuch am Strand. Schon bald werden wir vom Pazifik Abschied nehmen. Es wird ein Abschied für immer sein.

Stadt ohne Menschen

Ein letztes Mal müssen wir Canoa besuchen. Wir müssen, denn ohne diesen letzten Gruß erschiene unser Fortgang wie eine Flucht ohne ein Lebewohl und wie ein Abschied ohne das Versprechen einer Wiederkehr. Wir möchten noch einmal in dem einzigartigen Flair der Strandkommune schwelgen, noch einmal die Erinnerung an unsere zahlreichen Besuche im „Bambú“ mit einem opulenten Mahl feiern, noch einmal den Atem des Meeres fühlen, noch ein letztes Mal die Kraft der tropischen Sonne spüren, damit wir davon zehren können im kalten, dunklen Winter.

Nichts von alledem sollte geschehen. Seit dem Beben ist dieser Ort, wie so viele Orte an der Küste, nicht mehr der alte. Die Fröhlichkeit, die Unbeschwertheit, die sorglose Ausgelassenheit von früher sind dahin. Nichts von dem, was das alte Canoa ausmachte, scheint noch vorhanden. Die Stadt ist in einem so trostlosen Zustand, dass man weinen möchte: Alle Restaurants, alle Surf- und Yogaschulen, alle Hotels und Pensionen, alle Bars und Clubs sind geschlossen. Zu diesem Trauergemälde passt, dass an diesem Tag die Wolken grau und schwer über dem Meer liegen. Das aschbleiche Licht lässt die Farben verblassen, als sauge ein kummervoller Himmel der Welt unter ihm das Leben aus.

Auf den Straßen, die sich doch um diese Zeit (gerade sind Ferien) für gewöhnlich mit Sonnenanbetern, Vergnügungs- wie Erholungssuchenden gleichermaßen bevölkern, treffen wir kaum auch nur einen einzigen Menschen an. Canoa wirkt, als hätten seine Bewohner die Stadt in einem kollektiven Exodus verlassen. Und die, die dageblieben sind – wir treffen nur wenige an –, scheinen irgendwie traumatisiert.

Die fröhlichen Gesichter sind verschwunden. Alles ist leer und verlassen, Canoa ist vereinsamt wie eine Goldgräberstadt, nachdem das letzte Nugget aus dem Sand gewaschen wurde. Die Türen sind verrammelt, die Fensterläden geschlossen, am Straßenrand steht nicht ein einziges Auto. Selbst der herrliche Strand wirkt an diesem Tag so verwaist wie die Küste eines unberührten Eilands. Eine merkwürdige Stille liegt über diesem Ort, der doch nie Stille kennengelernt hat, und außer der Meeresbrandung hört man nichts. Wir scheinen die einzigen Lebewesen zu sein, die sich an diesem Tag hierher verirrt haben.

Unser erster Weg führt zum „Bambú“. Der Gästeraum ist leer und dunkel und vor dem Restaurant steht nicht ein einziger Wagen. An einem normalen Tag könnte man die Autos stapeln, aber heute sind die Straßen leer, als hätte man ein landesweites Fahrverbot verfügt. Uns beginnt zu dämmern, dass wir hier wohl nicht essen würden. Erst jetzt bemerken wir, dass die Küche geschlossen ist. Zwei Mitarbeiter sind offenbar mit Umbauarbeiten beschäftigt. Ansonsten sehen wir niemanden.

Wir fragen die Leute, ob das Lokal heute öffne, aber sie sehen uns so verständnislos an, als wären wir die einzigen, die noch nicht davon gehört haben: Das „Bambú“ öffne erst wieder am Ende des Jahres – vielleicht, so setzt man zögernd hinzu. Man hoffe, dass sich bis dahin wieder Gäste einstellen werden. Wir versichern der Crew, mit uns könnte man fest rechnen. Wir seien gewissermaßen Stammgäste, denn wann immer wir uns in Canoa aufhielten, besuchten wir selbstverständlich das „Bambú“. Wir wünschen den Leuten viel Glück – viel mehr können wir nicht für sie tun. Ich habe den Eindruck, Glück hätten sie viel nötiger als wir.

Was ein Spaziergang durch Canoa werden sollte, gleicht mehr einer Wanderung durch einen Ort, den das Glück verlassen hat. Die Stadt wirkt entvölkert – man hat den Eindruck, ihre Bewohner wären vor einem apokalyptischen Ereignis geflohen. Ich komme mir vor wie ein Katastrophentourist. Tatsächlich finden wir ein Restaurant, das geöffnet hat – es scheint das einzige in ganz Canoa zu sein. Da auch wir die einzigen Besucher in der Stadt sind, sitzen wir recht einsam im Gästeraum. Die Besitzerin jedenfalls scheint sich auch gehörig darüber zu wundern, dass es doch tatsächlich Leute gibt, die es in die Stadt zieht. Warum sie das Lokal überhaupt öffnete, da doch niemand hier ist, muss allerdings ein Rätsel bleiben.

Wir haben kein gutes Gefühl angesichts der Aussicht, inmitten all des Elends fröhlich zu speisen. Noch bevor wir die Bestellung aufgeben, suchen wir das Weite. Unser Auszug wirkt wie eine Flucht und das ist er in der Tat. Das Herz Canoas hat aufgehört zu schlagen und es bleibt abzuwarten, ob der Patient reanimiert werden kann. Es wäre nicht richtig gewesen, eine schöne Vergangenheit zu simulieren, wo doch die Gegenwart in Scherben liegt. Wir werden wiederkommen, ein Andermal, aber wir werden wiederkommen. Wir haben so viele schöne Stunden in Canoa verlebt, dass es uns fast wie ein Verrat vorgekommen wäre, die Stadt jetzt im Stich zu lassen. Doch alles, was wir ihr im Augenblick geben können, ist unser Mitgefühl.

Pazifische Träume in Stein

Von Bahía aus benötigt man auf der glänzend ausgebauten Küstenstraße mit dem Auto keine halbe Stunde bis Canoa. Kurz hinter San Vicente legen wir einen Zwischenstopp ein, um eine eisgekühlte Kokosnuss (Coco helado) zu genießen. Wenn es richtig heiß ist – und das ist es hier an fast jedem Tag –, löscht das isotonische Kokoswasser (Agua de coco) den Durst einfach am besten. Da in so einer unreifen grünen Nuss ziemlich viel des milchigen Getränks enthalten ist, kann man anschließend auch wieder ordentlich schwitzen, wenn man nicht gerade das Glück hat, im frostig-kühlen Innern eines vollklimatisierten Wagens Platz nehmen zu dürfen. Doch das Auto, das wir zu diesem Zeitpunkt fahren, ist nicht nur äußerst schwachbrüstig motorisiert – an mancher Steigung hätte Schieben wirklich geholfen –, sondern verfügt nicht einmal über eine Klimaanlage. In einem tropischen Land ist das eigentlich schon ein Verbrechen.

Der Kokosverkäufer hat seinen Verkaufsstand an der Küstenstraße direkt hinter einem Berg eingerichtet. Eine Ausfahrt führt zum Strand und wenn man wollte, könnte man mit dem Wagen ins Meer rollen. Wer sich traut, kann bei Ebbe mit dem Auto der Küste nach Norden bis Briceño folgen. So eine Strand-Rallye ist ein großer Spaß, aber die Fahrt ist nicht ganz ungefährlich – wir sollten dies schon bald selbst herausfinden. Der Kokosmann sitzt direkt neben der Ausfahrt, auf der man nach nicht einmal fünfzig Metern den Strand erreicht, und jeder, der vom Meer kommt oder dorthin will, löscht seinen Durst mit einem Coco helado. Lage ist eben alles, soll sich so ein Geschäft lohnen.

Der Berg, an dessen Fuß die eisgekühlten Kokosnüsse auf durstige Kehlen warten, verfügt übrigens über eine eigene Zufahrt. Auf der gegenüberliegenden Seite, nach San Vicente hin, führt ein gepflasterter Weg unter einem romantischen Blättergewölbe hindurch. Stauden von Beerenfrüchten leuchten einladend aus dem Blattwerk. Die Straße, die gerade breit genug ist, dass ein einzelnes Auto sie befahren kann, schlängelt sich halb um die Flanke des Berges und mündet dann abrupt auf einem Parkplatz.

Der Berg selbst, der sich nur eine kurze Strecke von San Vicente entfernt befindet, erhebt sich unvermittelt aus der Strandebene. Er ist nahezu kegelförmig und er steht über dem Meer als solitäres geologisches Monument, fast wie ein Leuchtturm, der auf einem Landvorsprung Wache hält. Auf dem Konus wächst der Wald struppig wie ein grüner Pelz, doch wenn man sich von Norden nähert, sieht man an der steilen Flanke, hoch über dem Meer, eine Wohnanlage. Die Nobelimmobilie klammert sich an den Fels wie die Festung des Alten vom Berge. Eine kleine Kuppel am Eingang blendet den Besucher mit einer Art ägäischem Zauber.

Wir haben uns schon immer gefragt, wer sich in diesem Schloss à la Philipp K. Dick hoch über dem Meer eingerichtet haben mag, und obwohl wir den Ort mehrere Male besuchten, trafen wir nie jemanden an, den wir mit Fragen belästigen konnten. Wir stellen den Wagen auf dem Parkplatz ab. Wir sind die einzigen Besucher, zumindest ist unser Auto das einzige Gefährt auf dem großen Parkplatz und daher drängt sich die Vermutung auf, dass derzeit niemand die Anlage bewohnt. Einige der Parkplätze werden von neckischen Zelten überdacht, einer Art Tunnelgewölbe aus Zeltplane mit Wimpeln daran, wie man sie vor Luxushotels und edlen Sterne-Restaurants findet.

Wir betreten die Anlage, bei der es sich genau genommen um Privatbesitz handelt, mit der Unverfrorenheit von reichen Kaufinteressenten. Von der Balustrade aus eröffnet sich dem Besucher ein atemberaubendes Panorama: Der Blick schweift bis zum Horizont, wo Himmel und Ozean in einer dünnen Linie ineinanderfließen. Im Schein der Nachmittagssonne vermählen sich Land und Meer zu einer unendlichen Ebene. Die Küste ragt als flacher Sporn in die See und eine milde Brise legt einen Saum aus Wellen darum. Es ist Ebbe, der Strand ist so flach und breit wie die Krempe eines Sombreros. Obwohl der Himmel etwas trübe ist, reicht der Blick bis Briceño und sogar bis Canoa.

Wir sind laut und benehmen uns mit der Ungezwungenheit von Leuten, die daran gewöhnt sind, mit einem Bündel Geldscheinen in der Tasche durch die Welt reisen, um reflexartig alles zu kaufen, was ihr Entzücken hervorruft. In einer Ecke liegt einsam ein Basketball und mein Sohn dribbelt aus Langeweile über die Terrasse. Das Geräusch macht dann doch jemanden auf uns aufmerksam: Der Junge ist etwa sechzehn Jahre alt und sein Vater sei, wie er uns später erzählt, der Verwalter der Anlage. Während der Abwesenheit der Eigentümer kümmere er sich darum, dass alles in gutem Zustand bliebe. Im Augenblick ist der Vater aber auch nicht da und so fragen wir den Sohn ein wenig aus.

Der Junge gibt sich ganz fachmännisch. Unter der Oberfläche seiner Abgeklärtheit spüre ich aber, wie aufgeregt er ist. Er ist stolz darauf, dass wir ihn für kompetent halten, unsere Fragen zu beantworten, denn immerhin treten wir als reiche Immobilienkäufer auf (wenn wir erklärt hätten, wir wollten uns bloß umsehen, hätte man uns sicher aufgefordert, die Anlage unverzüglich zu verlassen). Wir erfahren auf unsere Nachfrage, dass die Wohnungen vornehmlich Leuten aus Quito gehörten. Die Eigentümer lebten aber nicht darin, sondern sie nutzten sie entweder als Ferienwohnungen oder sie vermieteten sie an Touristen. Was für eine Verschwendung – man könnte sich jahrelang sozusagen frei Haus die Sonnenuntergänge am Pazifik ansehen und dennoch würde man nie genug daran haben.

Eine der Wohnungen sieht ziemlich heruntergekommen aus. Das Haus stünde seit zwanzig Jahren leer, erfahren wird. Durch den Beton der Terrasse ziehen sich Risse und die salzige Meeresluft hat die Farbe abgebeizt. Infolge der Erschütterungen durch das Erdbeben seien einige Häuser nicht mehr sicher und sie müssten deshalb abgerissen werden. Ich empfinde ein wenig Bedauern für die Besitzer, denn die Lage der Wohnungen auf ihrem Adlerhorst in der Höhe des Berges ist so unglaublich schön, dass man selbst in einem an Naturschönheit reichen Land wie Ecuador lange suchen müsste, um einen zweiten Ort wie diesen zu finden.

Im grünen Innern der Landzunge, die sich in die See bohrt wie die Schnauze eines Delphins, sieht man die Dächer zweier Anwesen aus der dichten Vegetation wachsen. Eines davon sei, wie man uns sagt, einmal ein Hotel gewesen, doch es hätte den Betrieb eingestellt. Es liegt nun als traurige Ruine im wuchernden Gestrüpp, ein Tummelplatz für Eidechsen, Spinnen und Geckos. Das andere liegt näher zum Meer hin und es erweckt ganz den Eindruck, als wäre es erst vor kurzer Zeit verlassen worden. Vielleicht hatte es einmal einer Familie als Heim gedient.

Aber auch dieses Anwesen ist verlassen, und wer auch immer einst darin gelebt haben mag – das Haus ist nun sich selbst überlassen und seinem Schicksal, das darin besteht, allmählich mit der Natur der Halbinsel zu verschmelzen. Ich kann mir vorstellen, die einstigen Bewohner fanden sehr schnell heraus, dass es kein ungeteiltes Vergnügen ist, an diesem einsamen Ort zu leben. Man zieht nur Ungemach, Ärger und letztlich Gefahren auf sich, wenn man hier in Ecuador sein Glück in der Abgeschiedenheit der Natur sucht. Ich muss gestehen, gäbe es eine vollkommene Version dieses Landes, hätte es mich gereizt, an diesem Ort zu leben – nur schade, dass sich die Welt weder um Träume, noch um Vollkommenheit schert.

Seit dem Erdbeben scheint der Küstenstreifen verlassen. Nicht nur einmal drängt sich uns der Eindruck auf, viele hätten der Region für immer den Rücken gekehrt und die, die geblieben sind, wären noch hier, weil sie keinen anderen Ort hätten, zu dem sie Zuflucht nehmen könnten. Manch einer will aber gar nicht weg und wenn man hier geboren ist und sein ganzes Leben am Meer verbracht hat, ist die Aussicht, etwa in eine so bedrückende Stadt wie Quito zu ziehen, keine Perspektive, die man freudigen Herzens annehmen würde.

Geheimnisse des French Toast und echte Wikinger

Bahía de Caráquez, die Stadt am Pazifik, wird von drei Seiten von Wasser umschlossen. Bis vor wenigen Jahren verlief die einzige dünne Lebensader, die den Ort mit dem Festland verband, entlang des Grates der Halbinsel, an deren Spitze Bahía liegt. Dann erbaute man unter großen Kosten und Mühen eine Brücke, welche den Einwohnern der Stadt nun eine schnellere Verbindung zum Rest der Welt gestattet. Doch Bahía bleibt seiner insularen Bestimmung treu: Auch wenn man heutzutage nicht mehr die beschwerliche Fahrt über die Halbinsel in Kauf nehmen muss, weil man das Festland in wenigen Minuten über die neue Brücke erreichen kann, bleibt einem doch das Gefühl erhalten, man befände sich auf einer Insel.

Die Nähe des Meeres nimmt dem Leben die Schwere und obwohl es hier in Wahrheit nicht leichter sein mag als an anderen Orten in Ecuador, befällt jeden, der die Stadt besucht, schon nach kurzer Zeit ein Gefühl der Sorglosigkeit gleich einer Amnesie. Aller Ungemach fällt ab und alle lästigen Verpflichtungen, alle Notwendigkeiten (wahre oder eingebildete), die der Reisende in der Welt jenseits des Meeres zurückgelassen hat, beginnen zu verblassen, als hätte das Rauschen der Wellen sie ausgelöscht. Der Ozean übt eine eigenartige, fast schon hypnotische Anziehungskraft aus auf alle, die nach festem Grund suchen im Wildwasser des Lebens. In Bahía, der Stadt im Meer, finden sie ihre friedliche Insel, und die Welt scheint sich um sie zu drehen wie der Hurrikan um ein Auge vollkommener Windstille.

In den letzten Jahren ist Bahía zum Refugium eines bunten Völkchens von Expats geworden – Auswanderer, Wanderer zwischen den Welten, gestrandete Reisende, Weltflüchtige, Träumer und Suchende. Mit den Immigranten wurde die Stadt zum Emporium für Sehnsüchte aller Art; einen schillernd bunten Markt für Träume und Träumereien von einem unbeschwerten Glück beherbergt dieser Ort. Die Einheimischen sind gegen dieses Fieber größtenteils immun, doch sie lassen die Fremden in ihrer Mitte gern gewähren. Aber sie wollen nicht mittun beim Bau der Luftschlösser – die Leute mit den verrückten Ideen sind immer die Fremden.

Es gibt kaum einen, in dem der Zauber der tropischen Meeresküste nicht das Verlangen nach einem Leben ohne verzweifelte Sinnsuche wachrufen würde. Manch einer der zugereisten Fremden hat sich in der Stadt häuslich niedergelassen und er versucht, seine Vision vom Glück Wirklichkeit werden zu lassen. Und manchmal, sehr selten freilich, wird man Zeuge, dass es tatsächlich noch möglich ist, Träume zu leben – in Bahía, der Stadt am Ende der Welt.

Amerikaner sind angenehme Zeitgenossen: Man kommt mit ihnen schnell ins Gespräch. Aus ihren Überzeugungen machen sie kein Geheimnis; sie sind stets gerade heraus ohne grob zu sein. Besonders fällt auf, wie unglaublich nett die Leute sind. Wer wie ich an die berüchtigte Berliner Ruppigkeit gewöhnt ist, kann gar nicht glauben, wie nett man sein kann. Da trifft es sich gut, dass die Kommune der Expats in Bahía zu einem Großteil aus Amerikanern besteht. Nicht alle freilich pflegen engen Kontakt zu den Einwohnern der Stadt – man hat genug an sich selbst und wenn man unter sich bleibt, fühlt man sich auch nicht so fremd. Doch es gibt Ausnahmen.

„Henry´s Sports Café“ ist ein schönes Beispiel dafür, welche Art „Karrieren“ in der Stadt möglich sind. Henry, mein Namensvetter, ist vor Jahren nach Bahía gekommen mit kaum mehr als dem Wunsch, Ruhe und Frieden zu finden. Obwohl ich mehr als nur einmal Gelegenheit hatte, mich mit ihm zu unterhalten, vermag ich natürlich nicht zu beurteilen, welche Sehnsüchte es sind, die ihn bestimmten, seine Zelte an diesem abgelegenen Flecken aufzuschlagen. Wer weiß schon, welche Hoffnungen sich erfüllt haben, welche Träume wahr geworden sind – und Bahía ist gewiss nicht der schlechteste Platz in der Welt, um sich heimisch zu fühlen. Henry jedenfalls scheint ein glücklicher Mensch zu sein und jedem, der es wissen will, würde er dies wahrscheinlich auch genau so sagen.

Das „Sports Café“ ist einer amerikanischen Sportsbar nachempfunden: Über den Köpfen der Gäste hängen große Bildschirme, auf denen rund um die Uhr Fußball-, Basketball- oder Football-Übertragungen aus den Staaten laufen. Die Wände sind mit Vereinsdevotionalien geschmückt und auf der Bar stehen Hörnerhelme – wahlweise, um daraus stilecht wie ein Wikinger Bier zu trinken, oder um als gehörnter Volltrottel lallend um die Zapfhähne zu stolpern, was gewiss nicht oft vorkommt, da man ausschließlich teure Cervezas artesanales (Craftbiere oder Handwerksbiere) ausschenkt. Doch im Augenblick bringt die Belegschaft ihre Zeit nicht mit Zapfen zu, sondern mit Däumchen-drehen. Die Gäste bleiben aus und durstige Kehlen sind rar.

Wir frühstücken ein paarmal im „Sports Café“ und immer treffen wir den Besitzer an. Er sitzt entspannt zwischen Tresen und Bar, trinkt seinen Morgenkaffee, checkt die Mails und erweckt darüber hinaus den Eindruck, er sei fest entschlossen, diesen Tag für einen guten Tag zu halten, ganz gleich, was in den nächsten Stunden geschehen mag – ob nun das Klo verstopft ist, die Lautsprecherboxen Feuer fangen oder ein Asteroid die Erde trifft. Und so ist es an jedem Tag. Henry ist Amerikaner und was man daher mit Gewissheit sagen kann, ist, dass er hinsichtlich dessen, was er von der Zukunft zu erwarten hat, eine durch und durch optimistische Einstellung hegt. Man mag dies für naiv halten, aber rosige Aussichten verschönern bekanntlich das Leben.

Wir bestellen den suchterzeugenden Stuffed French Toast und die üppigen Frühstücks-Burritos, Orangensaft mit Vanille und kanisterweise Kaffee. Der French Toast ist so gut, dass mein Sohn, ein ausgewiesener Liebhaber und Kenner dieses Gerichts, mich drängt, nach dem Rezept zu fragen, und Henry, der Besitzer des Cafés, teilt das Geheimnis gern mit seinen Gästen: Betty Crocker und Liebe – mehr bedarf es nicht. Vielleicht kommt es am Ende ja nicht darauf an, was man hat, sondern vielmehr, was man daraus macht.

Wir sind die einzigen Gäste und zwar an jedem einzelnen Morgen, an dem wir das Café besuchen (Abends bestellen wir Cocktails und wir sind ebenfalls allein). Seit dem Erdbeben bleiben die Touristen aus und obwohl Ferien sind und sich die Leute sonst keine Gelegenheit entgehen lassen, in Scharen an die Küste zu pilgern, wirkt die Stadt wie ausgestorben. Man könnte glauben, die Ausgangssperre sei verhängt (was sie eine Zeitlang tatsächlich war – zum Schutz vor Plünderern und Kriminellen). Es wird sicher noch Jahre dauern, bis der Ort zu alter Blüte zurückgefunden hat.

Das Café hat als eines von wenigen Gebäuden in Bahía das Erdbeben überstanden, ohne einen einzigen Kratzer abbekommen zu haben. Mehr noch, während viele in der Stadt alles verloren haben und andere Unternehmer aus der Gastronomiebranche herbe Einbußen hinnehmen mussten, könnte die Katastrophe dem „Sports Café“ sogar noch zum Vorteil gereichen: Zwar befindet sich das Gebäude, in dem das Etablissement untergebracht ist, nur einen Steinwurf vom Ufer des Río Chone mit Blick auf den Ozean entfernt, doch ein Haus direkt an der Wasserkante versperrte die Sicht. Wie auf Bestellung hat das Erdbeben dessen Mauern zum Einsturz gebracht und als wir das Café besuchten, beseitigten Planierraupen gerade den Schutt – gute Nachrichten für die Gäste des „Sports Café“.

Auch wenn man es ihm nicht anmerkt, macht sich Henry Sorgen um die Zukunft des Cafés – es gibt wohl keinen Gastronomen, der nicht besorgt wäre, wenn der Gästeraum seines Lokals über Wochen ausgestorben wirkte wie eine evangelische Kirche in Berlin zur Messfeier. Doch wie alle seine geschäftlich umtriebigen amerikanischen Landsleute hat auch er gleich mehrere Eisen im Feuer und vielleicht versprechen ja seine anderen Unternehmungen Erfolg. Und außerdem darf man hoffen, dass die Feriengäste irgendwann nach Bahía zurückkehren werden. Wo sollen sie sich am Abend vergnügen, wenn nicht im „Sports Café“, wo sie Cocktails schlürfen und Bier aus Hörnerhelmen trinken dürfen wie waschechte Barbaren!

Als wir von Bahía Abschied nehmen – es ist ein Abschied für immer –, wünsche ich Henry alles Gute und ich gebe meiner Überzeugung Ausdruck, dass die Zeiten nur besser werden können. Mein Namensvetter pflichtet mir bei, aber wie sollte er auch nicht: Schließlich ist er Amerikaner und Amerikaner sind bekanntlich Meister darin, das helle Licht am Ende des Tunnels zu erspüren, wenn niemand sonst daran glauben mag, dass der Tunnel überhaupt jemals endet, und so kann Henry der Tatsache, dass er nun von der Terrasse seines Lokals freie Sicht auf den Ozean hat, auch noch etwas Positives abgewinnen. Ich bin überzeugt, wir werden uns wiedersehen, und dann wird zur Feier des Tages das erlesene Craftbier in Strömen fließen. Und wenn es sein muss, werde ich mich sogar dazu überreden lassen, das edle Gebräu aus dem Wikingerhelm trinken.

Im Reich des Sandelbaumes

Im Innern der Halbinsel, an deren Spitze Bahía de Caráquez liegt, befindet sich eines der letzten Trockenwaldreservate an der gesamten ecuadorianischen Küste. Der Trockenwald (Cerro seco) ist das natürliche Biotop dieser Gegend, doch in den vergangenen Jahrzehnten mussten die einst riesigen Wälder der Landwirtschaft und den rasant wachsenden Siedlungen weichen. Dass ein letzter Rest der ursprünglichen Vegetation ausgerechnet an den Stadtgrenzen Bahías erhalten blieb – man kann das Reservat vom Stadtzentrum aus zu Fuß in ein paar Minuten erreichen –, mag man dadurch erklären, dass das Land in Privatbesitz ist.

Wir haben uns an diesem Tag mit Michaela zu einer Tour verabredet. Michaela ist Schweizerin und lebt schon seit vielen Jahren in Bahía. Man kennt sie und man respektiert sie – ein Umstand, der wahrscheinlich nicht unwesentlich dazu beiträgt, dass wir Bellavista, ein Viertel, das unter den Bahieños als verrufen gilt und das man deshalb nur ungern betritt, unbehelligt durchqueren können. Man hatte uns ganz energisch davon abgeraten, allein nach Bellavista zu gehen, doch mit Michaela fühlen wir uns sicher. Sie scheint die meisten der Anwohner zu kennen – man grüßt sich und wechselt ein paar Worte. Die Kamera lasse ich jedoch vorsorglich im Rucksack verschwinden.

Eigentlich hatten wir uns auf Marcelo gefreut, der die Touren üblicherweise leitet. Aber an diesem Tag ist er verhindert: Sein alter Vater ist während eines Nachbebens an einem Herzinfarkt gestorben und ich kann Marcelo gut nachfühlen, dass er nicht unbedingt in der Stimmung ist, sich von wissbegierigen und vor allem gut gelaunten Touristen Löcher in den Bauch fragen zu lassen. Wir hatten uns nicht nur deshalb auf Marcelo gefreut, weil man sagt, er sei ein exzellenter Naturkenner und ein großartiger Guide, sondern auch, weil das Gerücht geht, nach der Wanderung pflege er mit seinen Klienten immer Joints zu rauchen. In dieser Hinsicht sollten unsere Hoffnungen zwar enttäuscht werden, dennoch war die Tour ein ganz außergewöhnliches Erlebnis, etwas, das dem normalen Reisenden für gewöhnlich verwehrt bleibt, und an dem teilzuhaben wir vor allem unserer kompetenten Schweizer Tour-Leiterin zu verdanken haben.

Michaela holt uns vom Haus der Tante in Bahía ab und da der Trockenwald an den Berghängen des Küstengebirges direkt hinter der Stadt wächst, gehen wir zu Fuß. Vor dem Cerro seco liegt Bellavista, das Viertel unterhalb des Berges. Die Leute aus Bahía meiden diese Gegend, denn Bellavista ist berüchtigt. Uns begegnen Notunterkünfte und Armut. Noch immer, auch Monate nach dem Erdbeben, sieht man Menschen in Zelten oder unter freiem Himmel kampieren. Michaela, die den Weg durch das Viertel mehrmals am Tag zurücklegt, kennt die Leute und so haben wir nichts zu befürchten.

Vor dem Eingang zum Naturreservat heißt Michaela uns warten. Sie geht voraus und vergisst dabei auch nicht, das Tor wieder sorgfältig hinter sich zu schließen. Zuerst müsse sie die Hunde bändigen, so sagt sie, denn in der Vergangenheit sei es immer wieder vorgekommen, dass Fremde, auch Touristen, gebissen wurden. Die Hunde, die auf dem Gelände des Reservates leben, sind nämlich keine zahmen Tiere, die duldsam gegenüber dem Menschen wären. Hunde, die in einer liebenden Familie aufwachsen, würden sich über jeden Besuch freuen und selbst Fremde schwanzwedelnd begrüßen – so wie unser Hund, der vor Freude immer regelrecht aus dem Häuschen ist. Da er nie schlechte Erfahrungen mit der Spezies Mensch gemacht hat, hält er alle Menschen für seine Freunde (nicht jedem freilich gefällt es, wenn er von einem fremden Hund plötzlich aus lauter Zuneigung angesprungen wird).

Hier aber hat man es mit Straßenhunden zu tun und einige haben die schlimmsten Erfahrungen mit Menschen machen müssen. Die Anführerin des kleinen Rudels beäugt uns argwöhnisch und wittert aufmerksam – kein freudiges Schwanzwedeln, nur misstrauisches Schnüffeln. Michaela hält es für geraten, die Hündin festzuhalten, weil es ganz danach aussieht, dass sie die feindlichen Eindringlinge, die sie in uns sieht, bei der erstbesten Gelegenheit angehen würde. Michaela erzählt, sie hätte das Tier vor seinem ehemaligen Besitzer gerettet, nachdem dieser es mit seiner Machete beinahe totgeschlagen hatte. Seit sie die Hündin gesund gepflegt hat, lebt sie im Reservat, doch die einzigen Menschen, die sich ihr nähern dürfen, sind Marcelo und Michaela.

Michaela bindet die Hündin fest und bittet uns herein. Das Wohnhaus, von dem die Tour durch den Wald ihren Ausgang nimmt, befindet sich auf einem Hügel hoch über der Stadt. Das Anwesen wirkt fast wie eine Lodge in einem unberührten Naturparadies, dabei kann man doch von der Terrasse aus über die Dächer Bahías blicken, das sich direkt am Fuße des Hügels ausbreitet. Noch gibt es kaum Wände, aber wer braucht schon Wände, wenn es selbst Nachts oft so warm ist, dass man es ohne Klimaanlage kaum aushält. Michaela und Marcelo haben ambitionierte Pläne: Sie wollen irgendwann ein Café hoch oben auf dem Berg eröffnen und dann sollen die Leute zu ihnen hinaufkommen, guten Kaffee trinken, internationale Zeitungen und Zeitschriften lesen oder in der Bibliothek herumstöbern, während sie den Ausblick in die Natur genießen.

Bei dem Trockenwald-Reservat handelt es sich keineswegs, wie ich zunächst angenommen hatte, um eine staatliche Einrichtung, sondern um Privatland, dessen Besitzer sich über Generationen verpflichtet fühlten, das Land in seinem ursprünglichen natürlichen Zustand zu belassen. Außerhalb der Grenzen dieses Natur-Refugiums hat man die Bäume gefällt und bis auf ein paar spärliche Reste ist der Wald an der Küste heute verschwunden. Auf den Hügeln, auf denen einst mehrere Dutzend Meter hohe Baumriesen wuchsen, breitet sich staubtrockenes Buschland aus.

Der Großvater von Marcelo, dem das Land einst gehört hatte, und durch den es über seinen Vater auf Marcelo selbst gekommen ist, hatte es stets abgelehnt, Bäume zu fällen, auch zu einer Zeit, da es als modisch galt, Wälder zu roden. Man glaubte einst – und mancher tut das auch heute noch –, der Wald sei zu nichts anderem nütze, als daraus Bretter und Bohlen zu machen, und es sei durchaus eine gute Sache, lieber heute als morgen die Axt anzusetzen, um das Land von der „Wildnis“ zu befreien.

Der Trockenwald kann bei weitem nicht mit dem Artenreichtum des tropischen Regenwaldes konkurrieren, aber dafür sind die Spezies, die man hier findet, an die speziellen Bedingungen dieser Ökoregion angepasst: den Wassermangel, der die Küstenregion umso stärker beherrscht, je weiter man nach Süden vorstößt. Das Naturreservat ist das Reich des Sandelbaumes, einer einheimischen Art, die berühmt ist für ihr duftendes Holz, das Sandelholz oder Palo santo, wie man es hierzulande nennt. Viele Arten, wie man sie noch vor wenigen Jahrzehnten fast überall im Hügelland hinter der Küste fand, gedeihen heute ausschließlich in geschützten Reservaten wie diesem.

Der Bergrücken oberhalb der Stadt ist mit einem lichten Wald bewachsen, aus dem sich, je höher man in die Berge steigt, die gewaltigen Ceibos in den Himmel erheben. Ceibos gedeihen dort am besten, wo es trocken ist, und so verwundert es nicht, dass man auf dem Weg nach Manta (das südlich von Bahía liegt) durch eine sonnenverbrannte Landschaft fährt, in der man ausschließlich Ceibos stehen sieht. Der Anblick erinnert auf bizarre Weise an einen Stelenwald in einer ansonsten vollkommen kahlen Hügellandschaft.

Hier, im Trockenwald von Bahía, wachsen die Ceibos inmitten eines dichten Gestrüpps, doch mit ihren gigantischen Stämmen vom Umfang eines Wasserturmes und vor allem mit ihrer beeindruckenden Größe nehmen sie sich aus wie Riesen unter Zwergen. Selbst die kleinsten Exemplare überragen noch die höchsten Wipfel der anderen Baumarten. Die Stämme wirken angeschwollen wie Brauereifässer und es scheint, sie würden jeden Augenblick bersten von dem kostbaren Nass, das die Bäume in ihren Bäuchen sammeln. Die Borke ist grün wie die Haut eines Baumleguans und auf den Graten der Brettwurzeln sitzen Dornen ähnlich den Knochenhöckern auf den Nasen der Galapagos-Echsen.

Aber es gibt nicht nur Ceibos zu bestaunen. Immer wieder begegnen wir Sandelbäumen. Wenn man die Rinde ritzt, verströmt das Holz einen betörenden Duft – kein Wunder, dass schon die Menschen der indigenen Kulturen den Baum wegen seines Wohlgeruches zu schätzen wussten. Auch die Äste des Guayacán, eines Baumes, der ein stahlhartes Edelholz liefert, strecken sich durch das dichte Buschwerk dem Himmel entgegen. Baumfeigen nehmen ganze Baumstämme in den Würgegriff, Bromelien nisten üppig wie Topfpflanzen in Astgabeln, Lianen hängen herab und laden ein, wie Tarzan daran zu schwingen.

Obwohl es kaum Wasser gibt – die Erde ist staubtrocken –, weist der Trockenwald eine erstaunlich reiche Fauna auf: Auf Schritt und Tritt begegnen einem Insekten in den unterschiedlichsten Formen und Farben und nicht immer handelt es sich um die blutrünstigen Plagegeister, die jedem Warmblüter auch noch den letzten Blutstropfen aussaugen würden. Mehrmals begegnen uns Termitennester und als Michaela ein kleines Loch in einen ihrer Baue schlägt, beginnen die Tierchen gleich emsig zu wuseln, um den Schaden zu reparieren. Wir sehen Eidechsen durch das dichte Laub huschen. Manchmal flattern bunte Vögel durch den Wald, aber wenn man verhält und der Schritt einmal nicht durch die Blätter raschelt, ist es so still, dass man den eigenen Herzschlag hören kann.

Im Wald leben Wildtauben, Ameisenbären und seit neuestem sogar ein Puma. Die Wildtauben waren einst ausgerottet, aber in jüngster Zeit nisten sie wieder und zusammen mit seiner bevorzugten Beute hat sich auch ein Puma angesiedelt. Mit eigenen Augen hat freilich noch niemand die große Katze zu Gesicht bekommen – dazu sind die Tiere viel zu scheu und auch viel zu schlau –, aber es finden sich immer wieder Spuren; nachts hört man den großen Jäger fauchen und auf einigen der Bilder, welche die automatischen Kameras schossen, kann man den Berglöwen sogar sehen – er wirkt wie eine etwas zu groß geratene Katze. Dazu mag beitragen, dass die Unterart an der Küste kleiner ist als jene in den Bergen.

Früher, so erzählt Michaela, schlugen die Hunde nachts immer an, wenn sie den Puma in der Nähe wussten. Sie stürmten dann hinaus in den Wald, nur um schon nach kurzer Zeit mit Blessuren oder sogar mit schweren Verletzungen zurückzukehren. Doch sie haben ihre Lektion gelernt und wenn sie jetzt den Puma wittern, bleiben sie in der Sicherheit des Hauses. Der Puma aber streift lautlos und unsichtbar für die Menschen um das Haus.

Wir wandern zwei Stunden durch den Wald und obwohl es eigentlich nichts wirklich Spektakuläres zu sehen gibt – der Puma hat kein Interesse, sich uns zu zeigen –, wird es dennoch nie langweilig, auch dank der detailreichen und sehr interessanten Erklärungen Michaelas. Es ist stickig heiß; die Sonne verbirgt sich hinter einer mattgrauen Wolkenschicht und eine diffuse Helligkeit gleißt schmerzhaft aus allen Richtungen. Wir sind froh, als wir endlich wieder zum Haus auf dem Hügelkamm zurückfinden.

Michaela bietet uns eisgekühlten Maracuja-Saft an, und ich bin überzeugt, dass so ein kaltes Getränk nach der anstrengenden Wanderung durch das Hügelland besser erfrischt als der Joint, den Marcelo angeblich herumzureichen pflegt. Anschließend gibt es noch einen Kaffee aus der Kaffeemaschine – der wahre Luxus in dieser Gegend und die einzige Möglichkeit, meinen Blutdruck wieder auf messbare Werte zu treiben.

Während wir gemütlich auf der Terrasse sitzen, Kaffee trinken und den Blick über den Wald und die Stadt schweifen lassen, erzählt Michaela, wie schwer es sei, die Stadt von der Bedeutung des Biosphärenreservats zu überzeugen. Zwar ist Bahía rundherum von Natur umgeben – man muss nur ein paar Minuten gehen und schon ist man mitten in der Wildnis –, doch die Verantwortlichen haben kein Interesse an einer touristischen Vermarktung dieses Reichtums.

Ökotourismus spielt in den Zukunftsplanungen der Stadt keine Rolle und auch die meisten Einwohner sehen in dem geschützten Wald bloß eine unerschlossene Ressource. Sie wären schon längst dazu geschritten, diese Schatztruhe zu heben, wenn es sich nicht um Privatbesitz handeln würde und wenn Marcelo und Michaela nicht unermüdlich dafür sorgen würden, dass sich der illegale Holzeinschlag in Grenzen hält. Erst allmählich, ganz allmählich nur, beginnt man zu begreifen, welch einen Schatz man da vor der eigenen Haustür hat.

Illegaler Holzeinschlag und illegale Sammeltätigkeit sind weit verbreitet. Nicht selten versucht man, das wertvolle Sandelholz heimlich aus dem Wald zu schaffen. Manchmal hört man Axtschläge im Reservat oder den Klang der Motorsäge. Allerorten am Wegesrand sieht man Beweise für illegale Grabungstätigkeit: Manche der Bodenlöcher sind so tief, dass man sie für Fallgruben halten könnte. Die Leute durchstöbern das Gelände nach Relikten der alten Kultur der Caras, die sie dann für gutes Geld auf dem Schwarzmarkt verkaufen.

Oft kommt es vor, dass Leute mit Macheten auf dem Berg erscheinen und behaupten, Marcelo habe ihnen erlaubt, Holz zu schlagen – so sagen sie. Da Marcelo oft nicht da ist, muss Michaela die Besucher auf später vertrösten. Sie fordert sie dann auf zu warten, damit Marcelo ihnen persönlich sagen könne, ob sie den Wald betreten dürften. Manch einem gefällt das natürlich nicht und dann regt er sich furchtbar auf, als wäre er in seiner Ehre gekränkt, weil man wagt, an seinem Wort zu zweifeln. Que gente!

Man darf mit den Leuten nicht zu hart umspringen, denn sie fühlen sich schnell beleidigt und darüber hinaus haben sie Macheten, ein Umstand, der eine subtilere Vorgehensweise durchaus rechtfertigt. Viele können oder wollen nicht verstehen, warum man die Bäume nicht einfach fällt, statt sie ungenutzt auf dem Berg herumstehen zu lassen. So könnte man zumindest das Holz verkaufen – zu etwas anderem sei der Wald ohnehin nicht zu gebrauchen. Ich weiß nicht, ob sich diese Einstellung je ändern wird; falls aber doch, wird dies gewiss noch sehr lange dauern.

Wir kehren zurück in die Stadt. Wir nehmen den Weg über die Uferpromenade an der Pazifikseite. Dieser Teil der Promenade befindet sich ein gutes Stück hinter der Stadt und in der Regel begegnet man hier keiner Menschenseele, und wenn doch, handelte es sich üblicherweise um Personen, auf die man die Bezeichnung „Gestalt“ ausnahmsweise einmal mit gutem Gewissen anwenden könnte. Ich lasse die Kamera in der Tasche verschwinden – ohnehin habe ich schon genug Aufnahmen vom Pazifik in allen nur möglichen Stimmungen.

Die Promenade ist in einem bemitleidenswerten Zustand: Die eine Hälfte ist ins Meer abgerutscht und die andere klammert sich verzweifelt an die Erdscholle zehn Meter über den Wellen. Als handele es sich bloß um den Wall einer Sandburg und nicht um Armierungen, die aussehen, als würden sie selbst tagelangem Mörserbeschuss standhalten, haben die Stöße des letzten Bebens den Beton regelrecht zerrüttet. Über Hunderte Meter zieht sich ein Netz von Rissen durch die Straßendecke. Brocken, groß wie Eisschollen, sind ins Meer gestürzt und liegen nun gleich Wellenbrechern in der Brandung. Die Betontrümmer ragen aus der See wie die zersprengten Reste des Atlantikwalls. Unter dem Kliff sehe ich die Balustrade liegen, von der aus man allabendlich den goldenen Sonnenuntergang bestaunen konnte. Ein wütender Pazifik begräbt die Trümmer unter Wellen und Gischt.

Später kauft meine Frau auf dem Markt eine kleine Tüte mit Sandelholzspalten. Man legt sie in die Glut und das ganze Haus ist erfüllt von Wohlgeruch. Wir werden das Holz als Souvenir mit nach Berlin nehmen, wo uns der Duft an die Wildnis aus Ceibos und Sandelbäumen erinnern wird, die sich in den Bergen am Pazifik ausbreitet als letztes Refugium einer Vergangenheit, welche die Erinnerung an das Paradies in sich trägt.

In Trümmern

Welche Verwüstungen das Erdbeben angerichtet hat, sollten wir am Abend mit eigenen Augen sehen. Bahía liegt unter einem Hügel und als wollten die Bewohner der Stadt sich des Schutzes einer höheren Macht versichern, haben sie vor Jahren auf dem Gipfel einen Turm in der Form eines christlichen Kreuzes errichten lassen. Kostspielige Glaubensakte dieser Art lösen hierzulande keinerlei öffentliche Diskussion aus – die Atheisten sind hoffnungslos in der Unterzahl. Doch dem Monument mag weniger ein Glaubensbekenntnis zugrunde liegen als vielmehr der Wunsch, der Stadt ein Wahrzeichen zu verschaffen, das mehr Touristen auf die Halbinsel lockt.

Nach dem Beben ist „La Cruz“ (die Gegend rund um das Kreuz) weiträumig zerstört. Vor dem Erdbeben war die Bergspitze dicht bebaut, überall wohnten Familien, doch nun liegt alles in Trümmern, als hätte jemand eine Bauklötzerstadt mit ein paar mutwilligen Fußtritten zum Einsturz gebracht. Nicht ein einziges Haus hat die Erdstöße auch nur halbwegs aufrecht überstanden. Alles ist in einen riesigen Schuttberg verwandelt.

Schon auf dem Weg hinauf zur Spitze hatten wir Viertel durchquert, die allein aus Notquartieren zu bestehen schienen. Die Menschen dort leben in Zelten oder hausen in provisorischen Unterkünften, die aussehen wie große Metallschachteln. Das Leben spielt sich in aller Öffentlichkeit ab. Für Privatsphäre gibt es keinen Platz und selbst Intimstes wird oft nur durch einen Vorhang vor den Blicken der Straße verborgen. Als wir vorbeifahren, werden wir ungeniert begafft – außer Gaffen gibt es nichts zu tun und die Straße ist die einzige Sensation. Die Blicke sind mir unangenehm, denn sie scheinen mich zu fragen, wie es mir gut gehen kann, da sie doch leiden müssen.

Auf dem Berg finden sich nur noch Trümmer, von den einstigen Bewohnern keine Spur. Eine Treppe, die seeseitig auf die Anhöhe hinaufführt, ist in der Mitte gespalten, als wäre sie mit einer Axt zerteilt worden. Zudem hat sich der Beton gefährlich geneigt und wahrscheinlich hat nicht viel gefehlt, und alles wäre den Berg hinuntergerutscht. Das Kreuz selbst steht zwar noch als einsames Mahnmal der Zerstörung, aber die eiserne Treppe, über die man zur Aussichtsplattform hinaufsteigen konnte, hängt darin wie ein Pendel, das sich lose geschlagen hat: Ich kann sehen, wie die Konstruktion hin und her schwingt. Hochzusteigen wäre schierer Wahnsinn. Ein Spalt im Beton erweckt den Eindruck, um Haaresbreite wäre das Fundament mitsamt dem Turm und den Nebengebäuden als Trümmerlawine auf die Stadt gestürzt.

Meine Frau bricht in Panik aus, weil ich die Kamera noch immer offen sichtbar mit mir herumtrage. Doch hier oben ist niemand, der sie mir wegnehmen könnte. Wir sind allein. Ich begreife, es gibt keinen Grund, diesen Ort zu besuchen, denn alles, was man findet, sind Tod und Zerstörung. Ein Hund streunt einsam durch die Trümmer. Es herrscht eine Stille wie nach einer heftigen Schlacht; eine große Ruhe geht von dieser apokalyptischen Szenerie aus. Ich fühle mich wie ein Eindringling, denn ich habe den Eindruck, ich störe den Frieden, der sich gleich einem Leichentuch über diesen Schutthaufen gebreitet hat. Wir bewegen uns sehr vorsichtig und verlassen den Berg, so schnell wir können.

Begegnung am Kanal

Der Kauf eines Hauses will reiflich überlegt sein und bevor man solch einen Schritt wagt, sollte man sich gut informieren. Gucken ist unverbindlich und Fragen verpflichtet auch noch nicht zum Kauf. Aber man kann schon einmal eine Menge in Erfahrung bringen und manchmal ist so eine Besichtigungstour auch eine Gelegenheit, alte Bekannte wiederzusehen. Wir hatten gehört, dass der Sohn eines berühmten Einwohners der Stadt eine Wohnsiedlung außerhalb der Stadtgrenzen errichten lasse. Unsere Neugier war geweckt und wir wollten uns einmal ansehen, wie so etwas aussieht. Wir ließen uns daher für eine Objektbesichtigung vormerken und fuhren hin.

Die neue Siedlung befindet sich einige Autominuten außerhalb von Bahía. In der Stadt selbst ist gutes Bauland in den letzten Jahren rar geworden und leere Baugrundstücke gibt es schon seit langem nicht mehr. Zwar hört man immer wieder, dass Leute verkaufen wollen, doch gerade in der jüngsten Zeit hat die Stadt eine Art Immobilienfieber befallen und jeder, der eine sechsstellige Zahl korrekt auf ein Blatt Papier schreiben kann, fühlt sich bemüßigt, unverschämte Forderungen zu stellen, sobald man fragt, wie viel sein Grundstück wohl koste. Ich weiß nicht, ob jemand diesen Leuten schon einmal Realitätsverlust attestiert hat – mittlerweile scheint der Grad der Wahrnehmungsverzerrung ein klinisches Stadium erreicht zu haben.

Die Preise sind geradezu abenteuerlich. Für dieselbe Summe könnte man sich in Berlin ein kleines, aber feines Apartment leisten. Doch Bahía ist nicht Kalifornien oder die Costa del Sol, ja nicht einmal Guayaquil. Es handelt sich immer noch um denselben winzigen Flecken am Rande des Pazifiks, dessen Einwohner vor gut zwanzig Jahren die erste Verkehrsampel bestaunten wie das achte Weltwunder. Manchmal glaubt man, die Leute seien nicht mehr bei Trost, wenn sie annehmen, jemand würde ihnen ihr winziges Grundstück mit einem alten Haus darauf tatsächlich für den Fabelpreis abkaufen, den sie sich in einer tropischen Mondnacht bei Zuckerrohrschnaps und Bier herbeiphantasiert haben.

Die neue Wohnanlage wird auf Brachland errichtet, außerhalb von Leonidas Plaza, der quirligen Vorstadt von Bahía. Das Grundstück ist überwältigend groß – an der längeren Seite misst es sicher an die zweihundert Meter – und wenn man am Eingangstor steht, fühlt man sich fast so klein wie ein Gesandter aus dem Barbarenlande vor den Pforten der Verbotenen Stadt. Die Straße führt direkt vor dem Tor vorbei, doch die Siedlung ist immer noch weit genug von der Stadt entfernt, um nicht das Gefühl aufkommen zu lassen, man befände sich mittendrin.

Auf der gegenüberliegenden Seite grenzt die Anlage an ein Grundstück der Katholischen Universität. Diese Lehreinrichtung ist eine der besten privaten Hochschulen des Landes und wer hier studiert darf sich glücklich schätzen (und seinen reichen Eltern danken), denn allein schon der Besuch der berühmten Alma Mater stellt sicher, dass man sich nach dem Abschluss zur Elite des Landes zählen darf.

Das der Universität gehörende Grundstück ist noch vollkommen unerschlossen – das allgegenwärtige Grün wuchert uferlos bis zum Horizont – und da es sich zudem noch um ein Naturschutzgebiet handelt, besteht wenig Anlass zu der Befürchtung, dass sich daran jemals etwas ändern wird – also schöne Aussichten für Häuslebauer, die beim Morgenkaffee die freie Aussicht in die Natur genießen wollen. Ein gewaltiger Zaun aus armdicken Gitterstäben, wie man sie sonst nur im Zoo an den Gehegen der gefährlichsten Kreaturen findet, markiert die Grenze.

Nachdem der Wachschutzmann unsere Namen erfragt und uns eingelassen hat, können wir einen ersten Eindruck gewinnen. Überall in Bahía hört man über diese neue Wohnanlage reden. Wir spazieren ziellos umher, doch wirklich viel kann man freilich nicht sehen: Kaum mehr als ein Dutzend Häuser ist bis dato fertiggestellt, dazu stehen noch die Mustertypen, die man braucht, um Interessenten den Mund wässrig zu machen. Auch an Bäumen fehlt es noch: überall nur staubtrockene, kahle Erde. Der Ort erinnert sehr an eine Großbaustelle, auf welcher der Baubetrieb momentan zum Erliegen gekommen ist, weil der Investor gerade Konkurs angemeldet hat. Doch hier verhält es sich ausnahmsweise einmal anders.

Wir laufen gerade durch die Anlage und schauen uns die neuen Häuser und die ebenfalls neuen und schön gepflasterten Straßen an, als uns Rodrigo wie zufällig über den Weg läuft. Natürlich ist das kein Zufall, denn er bewohnt derzeit eines der Musterhäuser und selbstverständlich ist ihm unser Besuch vom Wachmann pflichtschuldig gemeldet worden. Rodrigo ist ein alter Freund – ich habe ihn 1992 zum ersten Mal getroffen – und sein Sohn ist der eigentliche Spiritus rector hinter dem Projekt, dessen erste Resultate wir gerade Gelegenheit haben, in Augenschein zu nehmen. Rodrigo ist mit einer alten Schulfreundin meiner Frau verheiratet und seinerzeit galt er, wie man hört, als der Schwarm von ganz Bahía. Er ist seit unserem letzten Treffen vor einigen Jahren deutlich gealtert, aber ja, er sieht immer noch gut aus, und zwar trotz der schweren Krankheit, von der er erst kürzlich genesen ist.

Rodrigo entstammt einer alten, einflussreichen Familie, die in der Gegend seit langem begütert ist. Ecuador, so könnte man glauben, ist voll von alten Familien und wohin man sich auch wendet, auf Schritt und Tritt begegnet einem irgend ein alter Titel, der seinem Träger Bewunderung und Vorrechte einträgt. Aber der Eindruck täuscht natürlich, denn es können immer nur wenige sein, die Vermögen und Privilegien unter sich aufteilen.

Doch man sollte nicht ungerecht sein: Gerade von Rodrigo wissen die Leute nur Gutes zu berichten. Man sagt, er hätte viele gute Dinge für die Stadt getan, und wer ihn kennt, möchte dies nur allzu gern glauben. Er ist dafür bekannt, dass er so manchem half, der in eine verzweifelte Lage geraten war. Und man weiß auch, dass er Freunde niemals im Stich lässt.

Nur zu oft begegnet man unter den Eliten dieses Landes jenem kalten Standesdünkel, der Distanz schafft zwischen den Welten der Besitzenden und der Habenichtse. Doch solches gekünstelte Gehabe liegt Rodrigo völlig fern; er ist immer ganz er selbst und man achtet und respektiert ihn gerade deswegen. Nie würde man erleben, dass er etwa mit seinen Angestellten anders verkehrte als mit Geschäftspartnern – ein Charakterzug mit Seltenheitswert. Menschenfreundlichkeit und Natürlichkeit prägen seinen Charakter und sie sind der Quell seiner Beliebtheit – etwas, das man beileibe nicht allen Angehörigen der Oberschicht nachsagen kann.

Rodrigo lässt es sich nicht nehmen, uns persönlich zu führen. Während wir uns die Musterhäuser anschauen, erklärt er, dass, wenn alles vollendet wäre, einmal hundert Wohneinheiten auf dem Gelände stehen würden. Auch werde man bald die Begrünung in Angriff nehmen. Die Hauseigentümer könnten selber entscheiden, welche Bäume sie auf ihrer Parzelle gepflanzt haben möchten. Es sei auch möglich, die Farbe zu wählen, in der das Haus später erglänzen soll.

Es gibt drei Typen von Häusern; sie sind unterschiedlich groß und die Preise sind entsprechend gestaffelt. Die mittlere Variante spricht uns am meisten an. Das Haus verfügt über zwei Etagen und drei Schlafzimmer sowie über ein sehr großes helles Wohnzimmer und eine schöne Wohnküche. Überdies gibt es eine Garage, doch man könnte den Wagen auch einfach auf der Straße abstellen, denn die Anlage wir rund um die Uhr bewacht. Der Komplettpreis für solch ein Haus beträgt 85.000 Dollar und der erste Spatenstich erfolgt, sobald der Klient dreißig Prozent der Gesamtsumme angezahlt hat.

Rodrigo erläutert, dass beim Bau nur qualitativ hochwertige Materialien Verwendung fänden und dass man Techniken einsetze, wie sie etwa in Deutschland Standard seien. Ich versuche mir vorzustellen, wie die Anlage einmal aussehen würde, wenn alles fertig wäre – wahrscheinlich kaum anders als eine propere deutsche Vorstadtsiedlung, in welcher der Mittelstand seinen Traum vom Glück verwirklicht hat: schnurgerade Reihen von Serien-Einfamilienhäusern mit schönen Einbauküchen und Carports; das Grauen als Mittelstandsidylle.

Hier in Ecuador, zumal in Bahía, fallen solche altbackenen Spießerträume auf fruchtbaren Boden. Die Leute sehnen sich geradezu verzweifelt nach der vermeintlich schönen heilen Welt des fernen Europa. Ein Haus, ordentlich in Reih und Glied neben anderen Häusern, von denen es sich auch beim dritten Mal Hingucken kaum unterscheiden ließe, hübsch herausgeputzte Vorgärten und argwöhnisch blickende Nachbarn sind für die meisten die Essenz des Glücks schlechthin und die unentbehrlichen Requisiten eines erfüllten Lebens. Jeder mag die Vollendung finden, die ihm beliebt.

Doch es gibt nicht viele Alternativen. In Ecuador findet man Landstriche von atemberaubender Schönheit und tatsächlich wäre es möglich, Land zu kaufen und sich ein Haus zu bauen. Man sollte vor solchen Utopien Reißaus nehmen. Trotz aller Veränderung zum Besseren prallen in diesem Land immer noch extreme soziale Gegensätze aufeinander und Gewaltkriminalität ist leider einer der bestimmenden Faktoren des Lebens. Solche Blütenträume von einem autarken Glück in der bezaubernden tropischen Landschaft würden dem Alltag nicht lange standhalten. Es bedarf nicht viel Phantasie, das Bild zu vervollständigen.

Die Wohnanlage verfügt über ein ausgedehntes Gemeinschaftsareal, das für alle Arten sportlicher Aktivitäten gerüstet ist: Es gibt einen Fußballplatz mit Kunstrasen, einen Tenniscourt, wie er selbst einen verwöhnten Profi zufriedenstellen würde, und einen großen Swimmingpool. Mitten durch die Anlage führt ein Graben von den Dimensionen des Panamakanals. Mir war keineswegs klar, dass es auf dem Areal der Siedlung Bewässerungsprojekte mit megalomanischem Anspruch gibt. Ein Brückenbogen mit einem gusseisernen Geländer im Jugendstil spannt sich anmutig über den Canyon.

Wenn alles erst einmal in das tropische Paradies verwandelt ist, das den Bauherren vorschwebt, wird man glauben, man wandle durch einen blühenden Lustgarten – oder so ähnlich. Rodrigo meint, das Gelände sei durch Überschwemmungen bedroht und um die Gefahr abzuwenden, habe man den Entwässerungskanal angelegt, ein Bauwerk von pharaonischen Ausmaßen. Ich frage mich, wie groß die Bedrohung wohl sein mag, wenn es eines mehrere Meter tiefen Kanals bedarf, um sie abzuwenden? Der Graben scheint geeignet, darin Mammuts zu fangen oder um als Deponie für den Müll der Stadt aus den letzten zehn Jahren zu dienen. Der Anblick verursacht ein flaues Gefühl in der Magengrube.

Wir plaudern noch ein wenig, wie man eben so plaudert, wenn man sich über die Jahre aus den Augen verloren hat. Über seine Krankheit spricht Rodrigo nicht, aber er meint, es sei nun alles wieder in Ordnung. Es gehe ihm gut. Zumindest ist er am Leben und das ist viel, wenn man den Gerüchten, die eine Zeitlang in Umlauf waren, Glauben schenken möchte.

Wir kommen schnell auf das Erdbeben zu sprechen, das Bahía wie die gesamte Küste getroffen hat. Auf einigen der Wege zeigen sich Verwerfungen und die Einfassung des Schwimmbeckens ist herausgebrochen, als hätte sie jemand mit dem Vorschlaghammer vorsätzlich herausgesprengt. Rodrigo zeigt auf eines seiner Musterhäuser, durch dessen Fassade sich ebenfalls Risse ziehen. Es sei jedoch nichts eingestürzt, wie er nicht ohne Stolz anmerkt; die Statik wäre jedenfalls nicht betroffen. Vielleicht spricht das für die gute Bauausführung oder für die „deutschen“ Standards. Ich kann es nicht beurteilen.

Rodrigo verabschiedet sich. Er sieht aus, als hätte er eine Verabredung zum Tennis auf dem nagelneuen Platz in seiner Anlage. Er ist etwas schlanker als ich ihn in Erinnerung habe, aber er sieht sportlich aus. Er scheint ruhiger geworden zu sein und vielleicht auch gelassener. Augenscheinlich geht es ihm gut. Ich freue mich darüber von ganzem Herzen und ich gönne ihm seinen Frieden.

Wir sind natürlich neugierig und natürlich ist die Auskunft des Investors keinen Pfifferling wert, wenn man seinen Sachverstand nicht auch noch durch eine zweite Meinung stärkt. Der Cousin meiner Frau, einer der Eigentümer und Betreiber des „Buenavista Place Hotel“, kennt sich aus mit Immobilien – notgedrungen. Gerade in einer Gegend, die regelmäßig von Erdbeben, Überschwemmungen und Erdrutschen heimgesucht wird, ist man auf kundigen Rat angewiesen.

Der Vetter stellt rundheraus in Frage, dass man durchgängig hochwertige Baumaterialien verwendet hätte, wie man behauptet, doch dass ein tiefer Flutgraben durch die Anlage verlaufe, sei einfach nur besorgniserregend. Wenn er zu entscheiden hätte, welcher der sicherste Platz für ein Haus sei, würde er eine Stelle wählen, die möglichst hoch liegt und vor allem möglichst weit entfernt vom Graben.

Zumindest wissen wir nun, dass der Graben kein stiller Wasserarm ist, der in einen Seerosenteich mündet, auf dem sich Liebespaare in Schwanenhalsbarken ein romantisches Stelldichein geben. Wir erfahren darüber hinaus, dass es die Wohnanlage schon seit vier Jahren gibt, aber erst der kleinste Teil der Parzellen sei verkauft. Vielleicht hat der Stillstand auf der Baustelle also doch etwas zu bedeuten. Ich kann es nicht wirklich glauben, dennoch will es mir nicht gelingen, die ungute hellseherische Ahnung abzuschütteln, die sich an mich klammert wie ein Alp.

Das grüne Herz des Paradieses

Unsere Tour durch die Mangrove begann am Hafen von Puertobelo. Wir waren die einzigen, die zu dieser Stunde beabsichtigen, zur Insel überzusetzen. Man erzählte uns später, dass der Tourismus seit dem Erbeben praktisch zum Erliegen gekommen ist. Wir bestiegen ein kleines Touristenboot und mit Motorkraft ging es über die breite Wasserstraße zwischen Festland und Insel. Salzige Seeluft wehte uns ins Gesicht. Der Atem des Meeres hatte sich bereits mit den Noten des Magrovensumpfes gemischt und die drückende Hitze trieb einen fauligen Geruch auf.

Die Isla Corazón ist eigentlich keine Insel im herkömmlichen Sinne, denn bei Flut ist sie vollständig mit Wasser bedeckt. Der braune Strom des Río Chone mischt sich an dieser Stelle mit dem Ozean und die Mangrove, welche die Insel als dichter Wald bedeckt, gedeiht prächtig in dieser Brackwasserzone, die weder ganz Fluss noch ganz Meer ist. Bei Hochwasser ragt allein das dichte Mangrovengestrüpp über den Meeresspiegel, und selbst bei Ebbe müsste ein Besucher des Eilandes durch zähen Schlick waten. Man hatte einen Pfad auf Pfählen angelegt, so dass Touristen die Insel trockenen Fußes besichtigen konnten. Das letzte Erdbeben hat ihn zum Einsturz gebracht und der Magrovensumpf hat ihn verschluckt.

Bei Ebbe saugt der Ozean die Wassermassen aus der Flussmündung und die Segelyachten, die mitten im Fluss ankern, richten ihren Bug nach der Gezeitenströmung aus. Dann sieht man plötzlich Sandbänke auftauchen, auf denen Vogelschwärme ein Festmahl an Krabben und Würmern vorfinden. An manchen Stellen wird das Meer so flach, dass das Wasser als glatter Spiegel über dem Grund liegt, während darum herum Wellen die Oberfläche kräuseln. Überall erzeugt der Sog des Meeres Strudel.

An den Inseln gibt die Ebbe Strände frei, die bei Hochwasser nur ein Tummelplatz für Fische sind. Die Strände legen sich wie eine cremefarbene Bordüre um die grünen Eilande und in dem feinen Sand finden einzelne Sonnenanbeter ihr Paradies. Manchmal sieht man Schiffe ankern und eine illustre Gesellschaft aus Skippern und Gezeitentouristen nimmt dann den Strand bis zur nächsten Flut in Besitz.

Nachdem die Motorschaluppe, die uns über den Sund beförderte, das grüne Ufer der Insel erreicht hatte, stiegen wir in ein Kanu um. Die Flut hatte die Insel überschwemmt und allein das dichte Mangrovengestrüpp schaute noch aus den bräunlichen Wassermassen hervor. Bei Ebbe wäre eine solche Tour nicht möglich, denn der tiefe Schlamm würde ein Fortkommen unmöglich machen. Wir saßen hintereinander im Boot wie die Teilnehmer einer gefährlichen Urwaldexpedition – in jeder Doku über den Amazonas kann man so etwas sehen. Unser Guide nahm den Platz am Heck ein und dann paddelte er seine neugierige Fracht durch das Dickicht.

Die Insel wird von einem natürlichen Kanal durchzogen. An einigen Stellen war die Wasserstraße so schmal, dass wir die Luftwurzeln der Mangroven zu beiden Seiten berühren konnten, während sich das Blätterdach wie ein grünes Gewölbe über uns schloss. Die Gezeiten drückten das milchig-trübe Wasser mit solcher Kraft durch den Mangrovenwald, dass man überall Wirbelschleppen sehen konnte. Blätter und paddelnde Insekten trieben an uns vorbei. Der Geruch von Fäulnis lag in der Luft wie der Odor der stymphalischen Sümpfe. Im Wald stand die Luft förmlich, nicht die geringste Brise war zu spüren und die Hitze trieb einem den Schweiß aus den Poren. Zumindest schützte das dichte Kronendach vor der heißen Sonne.

Einige Male lief das Kanu auf Baumstämme auf, die versteckt unter der Wasseroberfläche lagen. Unser Guide sprang in die schlammige Brühe, die ihm bis zur Brust reichte, und schob das Boot weiter. Da ich ihn so unbekümmert durch das Wasser rudern sah, fragte ich ihn später, ob es hier Haie gäbe. Er meinte, bis zum Jahr 1998, als El Niño die Küste traf, hätte man in den Mangrovensümpfen und im Meer vor der Küste eine reiche Tierwelt vorgefunden. Es hätte in der Tat viele Arten Haie, dazu Kaimane, Krokodile und sogar Mantarochen gegeben. Heute könne man immer noch Fregattvögel beobachten, Pelikane und Ibisse, die jedoch eine invasive Art auf dem amerikanischen Kontinent darstellten. Die meisten Spezies seien aber verschwunden und ausnahmsweise trug einmal nicht die andere invasive Art, der Mensch, die Schuld daran.

Der Mangrovensumpf mit seinem Gezirpe und Geraschel, mit all den versteckten Bewegungen, die man nur aus dem Augenwinkel gewahrt und wenn man hinsieht, kann man nichts entdecken, das trübe Wasser, bei dem allein ein Kräuseln an der Oberfläche verrät, dass sich etwas Lebendiges darunter verbirgt, gemahnten mich an die dampfende Dschungelwelt von Dagobah und hätte man eine Realverfilmung gewünscht, hätte dieser Mangrovensumpf als perfekter Drehort dienen können.

An manchen Bäumen waren kleine Leinensäcke angebunden. Unser Guide öffnete eines der Behältnisse und zeigte uns den Inhalt: Krabben. Die Menschen nutzen die Mangrove genau wie vor Tausenden von Jahren heute immer noch zur Nahrungssuche. Unterwegs begegneten uns zwei Jungs von dreizehn oder vierzehn Jahren. Sie zogen im Kanal entlang, das Wasser reichte ihnen bis zur Brust. Wir fragten, was sie dort täten, und sie meinten, sie noodlen.

Beim Noodlen handelt es sich um eine spezielle Fischfangtechnik. Ich weiß nicht, ob die spanische Sprache dafür ein Wort hat, aber mit „to noodle“ bezeichnet man in Texas den Versuch, einen Wels oder Catfish, wie sie dort heißen, mit der bloßen Hand zu fangen: Man tastet im trüben Wasser nach Höhlen und hat man eine gefunden und versteckt sich zufällig ein Fisch darin – Welse lauern gern in Höhlen –, steckt man ihm die Hand ins Maul. Wenn der Fisch nun zuschnappt, weil er glaubt, dass sich Beute in die Falle verirrt habe, greift man in die Kiemen und zieht ihn mit einem beherzten Ruck an die Oberfläche. Welse haben nur winzige Zähne, die einen nicht wirklich verletzen können – keine Gefahr also. Wir wünschten den Jungs viel Glück bei der Jagd und sie zogen weiter durch das undurchdringliche Dickicht Dagobahs.

Wir verließen die Mangalares, die Mangroven, auf der anderen Seite der Insel. Der Urwald öffnete sich plötzlich und wir glitten hinaus aufs offene Wasser. Eine frische Meeresbrise kühlte den Schweiß und man hatte den Eindruck, das Atmen fiele einem plötzlich Mal viel leichter. Vor uns lag die weite Mündung des Río Chone. Nachdem wir vom Kanu wieder in ein Motorboot umgestiegen waren, ging die Fahrt an der Südseite der Insel entlang zu den Kolonien der Fregattvögel und Pelikane.

Schon von weitem hörten wir das Gekreisch der agilen Fregattvögel, die sich in artistischen Flugmanövern gegenseitig Nistmaterial und Futter abjagten. Eine schwarze Wolke aus Vögeln kreiste ununterbrochen über den Wipfeln des Mangrovenwaldes. Wie Schatten zogen die kohlschwarzen Silhouetten mit den schlanken Flügeln und den gegabelten Schwänzen über den Himmel. Es herrschte ständiges aufgeregtes Gekreisch und immer war Bewegung in der Luft.

Überall leuchteten uns rote Farbtupfer aus dem Geäst entgegen. Der Farbton erinnerte verblüffend an Mohnblumen, aber hier handelte es sich um die Kehlsäcke der Männchen. Voller Eifer waren sie damit beschäftigt, Partnerinnen zu werben. Der bis zum Bersten aufgepumpte Hautsack hing ihnen vor der Brust wie der Blasebalg eines Dudelsacks. Das schrille Konzert hallte in ohrenbetäubender Lautstärke über das Wasser, aber ich weiß nicht, ob es Triumphschreie waren oder Schreie der Enttäuschung.

Die Plätze in den oberen Stockwerken der Baumkronen waren ausschließlich für die Brutplätze der Fregattvögel reserviert. Etwas tiefer saßen mit stolzer Würde die Pelikane und darunter, dicht am Wasser, die Kormorane. Durch das laute Gekreisch hindurch erklärte unser Guide, dass ein Kormoran ein halbes Kilo Fisch am Tag verspeisen könne und Pelikane könnten Fische bis zu einer Größe von einem halben Kilo schlucken. Im Wasser lagen zahlreiche Kadaver junger Fregattvögel. Die Tierleichen hatten sich zwischen den Luftwurzeln der Mangroven verfangen – Nahrung für die Fische. Einige sahen aus wie abgestürzte Segelflugzeuge.

Unser Guide ließ das Boot eine Weile in den Wellen schaukeln und gab uns Gelegenheit zu fotografieren. Dann drehten wir bei. Auf der Rückfahrt nahmen wir den längeren Kurs um die Insel. Das Geschrei der Vögel verstummte bald in der Ferne, wir aber hielten uns dicht an der Insel und folgten der Strömung des Río Chone.

Im Hafen von Puertobelo konnten wir uns mit eigenen Augen von den Auswirkungen einer anderen Naturgewalt überzeugen, welche die Gegend nach El Niño verheert hatte. Im April 2016 hatte ein starkes Erdbeben die Küstenregion heimgesucht. Obgleich das Epizentrum sich viel weiter im Norden befunden hatte, verursachten die Erdstöße in Bahía beträchtliche Schäden.

Schon bei unserer Ankunft am Hafen hatte ich mich gewundert, dass mitten in der Flussmündung Bäume standen. Man erklärte uns, die Erdbewegungen seinen derart heftig gewesen, dass riesige Erdschollen mitsamt dem Wald, der darauf wuchs, die Hänge hinunterrutschten. Erst im Wasser, einen Steinwurf vom Ufer entfernt, kamen sie zum Stehen. Ein Gutes hätte die Katastrophe allerdings: Die Äste der mittlerweile abgestorbenen Bäume bieten den Jungfischen gute Verstecke und auch Nahrung und so könnte man seit Kurzem in der Flussmündung einen nicht mehr erwarteten Fischreichtum feststellen.

Am Tage des Erdbebens lag eine kleine Flotte von Ausflugsschiffen im Hafen von Puertobelo vor Anker. Für den nächsten Tag hatte sich ein Minister zum Besuch angekündigt und wie in einem solchen Fall üblich, war man eifrig bemüht, einen würdevolleren Rahmen zu schaffen. Bei dem Schiff, das die honorigen Gäste durch die Flussmündung navigieren sollte, handelte es sich deshalb auch nicht um eine Schaluppe, wie sie uns zur Insel übergesetzt hatte, sondern um eine stattliche Yacht. Dann kam das Beben. Das Schiff fand sich am Grund des Flusses wieder, wo es sich mehrere Meter in den Schlick gebohrt hatte.

Unser Guide erzählte, die Geologen vermuten, es habe einen Mini-Tsunami gegeben. Das Erdbeben fand in der Nacht statt und niemand hat etwas beobachtet, aber die Erdrutsche, die ganze Wälder in den Fluss trugen, und versenkte Schiffe sprechen dafür, dass eine Flutwelle den Mündungstrichter des Río Chone getroffen hat. Mittlerweile wollen die Wissenschaftler sogar eine Verwerfung entdeckt haben, die sich der Länge nach durch die gesamte Flussmündung zieht. Es steht zu befürchten, dass es auch in Zukunft immer wieder heftige Erdstöße geben wird.

Wir waren am Ende unserer Tour, doch wir wollten von unserem Guide noch wissen, ob er eigentlich aus der Gegend stamme. Gutgelaunt entgegnete er, er sei hier sogar geboren und er habe immer hier gelebt. Nach El Niño hätte sich das Schicksal Puertobelos erst in den letzten Jahren wieder zum Besseren gewendet, und zwar dank der Touristen. Doch seit dem Erdbeben komme niemand mehr – wir waren an diesem Tag die einzigen, die hierher gefunden hatten.

Die Leute wollen dennoch nicht wegziehen und ich kann sie gut verstehen, denn trotz aller Härten und trotz der offensichtlichen Armut erscheint dieser Ort auf den ersten Blick wie das Paradies (und vielleicht auch auf den zweiten). Lichtjahre entfernt vom hektischen Getriebe einer vereinten Welt ruhen die Menschen noch in sich selbst. Fast könnte man im Anklang an alte utopistische Ideen behaupten, sie lebten im Einklang mit der Natur. Wer freilich eine gute Ausbildung hat, träumt von einem besseren Leben, und es sind nicht wenige, die das Land jedes Jahr Richtung Amerika oder Europa verlassen. Und dennoch, nicht alle wollen gehen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass man ein solches Paradies leicht aufgibt.

Nach den Mühen kommt die Belohnung: In San Vicente (das ist die Stadt auf der Festlandseite der Bucht) gibt es eine Bäckerei namens „El Toñito“. Wir fuhren ziellos durch die Stadt und fragten Leute auf der Straße, wo man um diese Zeit – die Abenddämmerung hatte bereits eingesetzt – etwas Leckeres essen könnte. Alle meinten das „El Toñito“ sei der Ort, nach dem wir suchten. Nachdem wir mehrmals um den Block gefahren waren – ein Kunststück, das man erst einmal fertigbringen muss in einer so übersichtlichen Stadt –, fanden wir den Laden dann schließlich doch.

Der Gästeraum war überfüllt und an der Theke musste man regelrecht drängeln, um sich Gehör zu verschaffen. In den Auslagen begegnete mir eine Spezialität der Gegend, ein letzter kulinarischer Gruß der Mangalares: Es gab Empanadas de pescado y de cangrejo, also Teigtaschen mit Fisch- und mit Krebsfleisch-Füllung. Wir aber orderten Berge von Kuchen, um die enormen Energiemengen zu ersetzen, die man beim Stillsitzen in einem Kanu verbraucht – Völlerei ist in diesem Zusammenhang ein viel zu milder Ausdruck. Die Halbwüchsigen wurden mit Pizza ruhiggestellt; eine eisgekühlte Cuvée der erlesensten Jahrgänge Champagne américain dünkte sie die passende Begleitung.

Ich fühlte mich gut, doch es waren nicht die toxischen Mengen Zucker, die mich in Hochstimmung versetzten. Die Eindrücke der letzten Stunden gingen mir durch den Kopf. Ich dachte an unsere Fahrt durch den Mangrovenwald und ich dachte an die Menschen, die in diesem Paradies leben. Wie schön das alles ist und wie gesegnet man sein muss, dies jeden Tag sehen zu dürfen. Ich kann gut verstehen, warum niemand von hier fortgehen will. Niemals.

Clash of Clans

Die Begegnung, die wir an diesem Abend haben sollten, war für mich in vielerlei Hinsicht lehrreich. Auch wenn das Gespräch, das sich zwischen uns und unserem Gastgeber entspann, sehr schnell offenbarte, dass uns Welten trennten, war es doch wider Erwarten kein unangenehmes Zusammentreffen. Im Gegenteil, unser Gastgeber verstand es, uns jederzeit das Gefühl zu geben, wir seien willkommen. Wir waren kaum je einer Meinung und dennoch kam nie der Eindruck auf, wir wären ihm darob weniger liebe Gäste.

Unser Gastgeber ist Politiker und offenbar hat er eine Mission. Zumindest erweckte er den Anschein, doch bei Politikern kann man das nie so genau sagen, denn eine Mission kann ein brauchbares Vehikel sein, die eigene Karriere voranzutreiben, und welcher Politiker käme nicht zu der Überzeugung, dass sein derzeitiger Platz in den Rängen der Politik keineswegs seiner wahren Bestimmung entspreche. Ich hatte den Verdacht, der Mann versuchte ernsthaft, uns zu seinen Ansichten zu bekehren, aber das ist vielleicht nur eine Berufskrankheit, wie das dauernde Siegerlächeln und der männliche Händedruck, eine Marotte, die man nur schwer wieder ablegen kann, nachdem man gezwungen war, sie anzunehmen.

Nur wenige Begegnungen bleiben einem derart im Gedächtnis haften und vor allem sind nur wenige wert, festgehalten zu werden. In mir reifte der Entschluss, von diesem Abend zu berichten. Sobald wir wieder zuhause waren, begann ich mir deshalb Notizen zu machen, denn dass Details mit der Zeit verschwimmen, ist so sicher wie das Delirium nach der samstäglichen Berliner Partynacht. Zudem ist das Gedächtnis ein unzuverlässiger Zeuge, denn es färbt die Erinnerungen stets in der Farbe, die ihm am angenehmsten ist.

Nach dem Erdbeben, das Bahía de Caráquez und die ganze Küstenregion von Esmeraldas bis nach Guayaquil getroffen hatte, versuchte meine Frau, ihrer Familie das Leben ein wenig erträglicher zu machen. Ihre Angehörigen leben in Bahía. Wir hatten haltbare Nahrungsmittel, Medikamente, Kleidung und auch zwei Zelte besorgt (nach dem Beben hatten alle Angst, in ihren Häusern zu schlafen) und wir beabsichtigten, die Sachen mit einem Hilfstransport an die Küste zu schicken.

Beinahe täglich machte sich damals ein Versorgungskonvoi zur Küste auf. Auch der Arbeitgeber meiner Frau, die Deutsche Schule Quito, engagierte sich mit einem Hilfsprogramm. Man organisiert einen großen Konvoi, der die Eingeschlossenen mit allem versorgen sollte, was sie in dieser kritischen Situation benötigten. Meine Frau wollte die Chance nutzen und zur Küste mitfahren, doch leider ergab sich keine Gelegenheit und dass sie die Kartons für ihre Familie einfach mitschickte, erwies sich aus vielerlei Gründen als unmöglich.

Wir überlegten nun, wie die Nahrungsmittel, die Kleidung und die Zelte nach Bahía gelangen könnten. Ein privat organisierter Transport – man hätte die Sachen mit dem Auto an die Costa schaffen können – wäre angesichts der zu erwartenden Schwierigkeiten kaum möglich gewesen: Die Straßen waren noch immer zerstört und eine ausufernde Kriminalität machte eine Fahrt an die Küste zu einem gefährlichen Abenteuer. Meine Frau war völlig verzweifelt, denn es schien, die Sachen würden nicht mehr rechtzeitig in Bahía eintreffen.

Enttäuscht und traurig räsonierte sie eines Tages vor einer ihrer Klassen darüber, dass sie keine Möglichkeit gefunden hätte, ihrer Familie zu helfen. Nach dem Unterricht suchte eine ihrer Schülerinnen das Gespräch. Sie eröffnete meiner Frau, dass es vielleicht doch möglich wäre, etwas nach Bahía zu schicken, denn ihr Vater organisiere selber einen Hilfstransport und dieser gehe schon am nächsten Tag zur Küste ab. Die Schülerin erklärte, ihre Familie würde sich sehr freuen, wenn meine Frau den Vorschlag annehmen könnte. Es gäbe genug Platz. Wir müssten die Pakete nur einfach noch an diesem Abend bei ihr in der Wohnanlage abgeben.

Am Abend luden wir die Kartons ins Auto und führen zu der Wohnanlage, in der die Familie des Mädchens residiert. Meine Frau war heilfroh, dass sich doch noch eine Möglichkeit ergeben hatte, etwas nach Bahía zu schicken. Zwar befindet sich die Urbanisation in Cumbayá, doch sie liegt in einer Gegend, die wir noch nie zuvor besucht hatten und deshalb wussten wir auch nicht, wie wir dorthin gelangen sollten.

Sucht man in Berlin einen unbekannten Ort, würde man einfach in die Straßenkarte schauen und in der Regel findet man auch, wonach man sucht. Da hier in Ecuador fast jeder in irgendeiner Urbanisation lebt und jede der Wohnanlagen einen unverwechselbaren Namen trägt, reicht es völlig aus, den Namen der Wohnsiedlung zu kennen. Leider sind Urbanisationen in keiner Karte verzeichnet (geschweige denn in den Karten des Navi) und wenn man sich, so wie wir, nicht auskennt, kann man manchmal wirklich verzweifeln.

Wir fragten Leute auf der Straße. Normalerweise erntet man als Antwort nur ein Schulterzucken oder eine vage Angabe, die sich als richtig oder falsch herausstellen kann (ehe die Leute zugeben würden, dass sie den Weg nicht kennen, sagen sie lieber irgendetwas, von dem sie bloß annehmen, dass es die richtige Richtung sei). Selbst in einer so überschaubaren Stadt wie Cumbayá geht die Zahl der Wohnsiedlungen in die Dutzende und nicht einmal die Alteingesessenen kennen alle.

Doch die Urbanisation, die wir suchten, war ausnahmsweise so bekannt, als würde man in Berlin nach dem Brandenburger Tor fragen. Jeder, den wir ansprachen, kannte sie nicht nur, sondern jeder konnte uns auch exakt beschreiben, wie wir dorthin gelangten. Ich konnte mich nicht entscheiden, ob ich dies für ein gutes oder ein schlechtes Zeichen halten sollte. Jedenfalls enthob es mich der Pflicht, durch das mittlerweile stockdunkle Cumbayá zu irren.

Die kaum noch beherrschbare Kriminalität zwingt die Menschen, sich in den Schutz von Mauern zurückzuziehen. Doch beschützte Wohnanlagen sind keineswegs nur einer Elite vorbehalten, wie die Burgen des Mittelalters dem Adel. Wohnanlagen gibt es fast in jeder Preisklasse und nur, wer wirklich arm ist, muss auf Schutz verzichten. Wenn man das Land nicht kennt, könnte man auf die Idee kommen, sich irgendwo ein Haus zu bauen und darin zu wohnen – warum auch nicht.

Man sollte davon tunlichst Abstand nehmen, denn ein ungeschütztes Anwesen stellt für die einschlägigen Milieus geradezu eine Einladung dar, die man nicht ausschlagen kann. Man darf damit rechnen, nicht nur einmal, sondern so viele Male ausgeraubt zu werden, bis es entweder nichts mehr zu holen gibt, oder bis man aufgibt und in eine sichere Wohnanlage umsiedelt. Wenn man dabei bloß mit dem Schrecken davongekommen ist, hat man noch Glück gehabt.

Die Urbanisation, die wir an diesem Abend besuchten, gehört zweifellos zu den teuersten Orten der Stadt und sie ist darum auch besonders gut geschützt. Bis zu diesem Zeitpunkt wusste ich nicht, dass es Wohnanlagen in der Wohnanlage gibt. Das klingt verrückt, ist aber nur Teil des allgemeinen Wahnsinns, den dieses Land befallen zu haben scheint.

Direkt an der Straße befindet sich das große Tor, welches – wie hierzulande üblich – mit Schranken und Kameras gesichert ist und das von recht martialisch wirkenden Wächtern bewacht wird. Wer Einlass begehrt, muss sich ausweisen, und wie ein Fremder vor dem Tor einer mittelalterlichen Festung wird man von den Wachen nach dem Begehr gefragt. Ohne einen handfesten Grund wird man nicht eingelassen und darüber hinaus muss man auch noch jemanden kennen, der hier wohnt, andernfalls hat man schlechte Karten. Wollte man sich etwa als Miet- oder Kaufinteressent die Anlage einfach nur einmal anschauen, wäre man gehalten, einen akkreditierten Makler zu beauftragen und einen Termin zu vereinbaren. Der Sicherheitswahn hierzulande grenzt schon an Paranoia und er scheint umso ausgeprägter, je nobler die Immobilie ist. Diese hier schien besonders teuer.

Nachdem man glücklich durch die Sicherheitskontrollen gekommen ist und die Torwächter passiert hat, bewegt man sich auf scheinbar gewöhnlichen Straßen, als wäre man in einer normalen Stadt, mit dem Unterschied, dass eine Urbanisation von einer normalen Stadt ungefähr so weit entfernt ist wie das „Venetian“ in Las Vegas von der echten Lagunenstadt. Es gibt nur Straßen und Mauern und hinter diesen Mauern residiert eine Oberschicht, die um nichts mehr fürchtet als um ihren kostbaren Besitz und um ihre Sicherheit. Diese Urbanisation war anders als alle Wohnanlagen, die wir bisher gesehen hatten, denn kaum waren wir vom Wachpersonal durch den äußeren Mauerring geschleust worden, standen wir nach nur ein paar Wegbiegungen vor einer weiteren Mauer.

In „Clash of Clans“, dem wuseligen Online-Computerspiel, hat man nur dann eine Chance, dem Ansturm einer feindlichen Armee zu widerstehen, wenn man die Mauern der eigenen Stadt ordentlich verschachtelt, denn dadurch zwingt man den Feind, immer neue Wälle zu bestürmen, kaum dass er ein Hindernis überwunden hat. Angesichts der himmelwärts strebenden Mauern, hinter denen man sich in dieser Wohnanlage verschanzte, hätte man glauben können, im Lande tobe ein Belagerungskrieg, nur dass die Eloy sich vor den Nachstellungen der Morlocks für diese unerreichbar in ihren Wohnquartieren eingeigelt hatten.

Jede dieser Suburbanisationen ist eine Welt für sich, eine kleine Festung, deren Bewohner den Anfeindungen einer feindlichen Umwelt hinter schier unüberwindlichen Mauern zu trotzen versuchen. Jedes einzelne dieser Quartiere hat seine eigenen Regeln – man möchte fast sagen, seine eigenen Gesetze – und selbstverständlich hat es auch sein eigenes Personal. Jede Untereinheit hat ihre Wachmannschaft, so wie der äußere Mauerring ebenfalls sein eigenes Personal beschäftigt. Man mag dies für absurd halten, aber auf diese Weise werden Absprachen unter den Angehörigen des Wachschutzes erschwert und man kann sich wieder ein ganzes Stück sicherer fühlen. Es kann nämlich sehr gefährlich sein, wenn Insiderwissen von einem Ort wie diesem, an dem sich so viel Reichtum und Prominenz konzentriert, nach außen sickert.

Das wichtigste Merkmal, anhand dessen man die Wächter unterscheiden kann, ist die Uniform: Die Schutztruppe jeder einzelnen Unterwohneinheit hat eine eigene Dienstkleidung, die sich in Farbe und Schnitt deutlich von den Uniformen der Kollegen in den anderen Quartieren unterscheidet – für Leute mit einem Uniformfetisch ein Traum: Man fährt einmal die Urbanisation ab und in einer Stunde hat man mehr paramilitärisches Gepränge gesehen als auf einem internationalen Polizeikongress mit anschließender Parade aller Teilnehmer in voller Montur.

Einmal in der Anlage, erwies es sich als kein leichtes Unterfangen, das Haus der Familie zu finden. Keines der Häuser ist nummeriert und Namensschilder sucht man an den Türen ebenfalls vergeblich – es wäre ja auch zu schön, wenn man Einbrechern noch einen Hinweis geben würde, wo man nach wertvollem Raubgut zu suchen hätte. Doch es ist egal, in welches Haus man einbricht, ein Raubzug würde überall lohnen. Und die Bewohner des Viertels brauchen keine Namensschilder, da anzunehmen ist, sie wissen, wo sie wohnen. Wir fuhren ziellos auf den sauber gefegten Straßen umher, vorbei an Briefkästen und gepflegten Vorgärten mit akkurat getrimmten Rasenflächen.

Es war ein milder Abend und die Leute ließen die Türen offen, so dass man von der Straße aus ins weitläufige Souterrain ihrer Häuser blicken konnte: Die Familien hatten sich vor dem Kamin versammelt und Opa und Oma wurden von einer Schar adrett gekleideter Enkel umschwärmt – ein Bild wie aus der Kaffee-Jacobs-Weihnachtswerbung. In jeder echten Stadt wäre man des Wahnsinns, würde man die Türen zu dieser nächtlichen Stunde sperrangelweit offen stehen lassen, aber eine Urbanisation, zumal eine so teure wie diese, gleicht viel eher einem luxuriösen Millionärsgefängnis. Zwei Mauerringe sowie eine Armee von Wachhunden sorgen zuverlässig dafür, dass all die guten Leute aus „guten“ Familien keine Belästigungen fürchten müssen. Das ist das Leben, wie es jeder gern hätte – sicher und friedlich –, aber wie es sich nur wenige wirklich leisten können.

Um den Kontrast zu verdeutlichen, sei an dieser Stelle folgende Anekdote eingeflochten: Ein Freund von uns wohnt in Guayaquil. Eines Abends stand er mit einigen guten Bekannten vor der Haustür. Man unterhielt sich, trank vielleicht auch ein bisschen und genoss die abendliche Stimmung. Insgesamt waren ihrer sechs oder sieben Personen vor dem Haus versammelt. Plötzlich tauchten zwei Motorräder auf. Niemand rechnete mit etwas Schlimmem, doch als man die Motorräder heranbrausen sah, ahnte man bereits, was folgen würde: Die bewaffneten Fahrer zwangen alle Anwesenden, Geld und Schmuck herauszugeben und sie verschwanden ebenso blitzartig, wie sie aufgetaucht waren. Am nächsten Tag ging der Schwager unseres Freundes mit seinem Neffen in den Park. Leider vergaß er, das Garagentor abzuschließen. Als er wieder zu Hause war, stellte er fest, dass die Mikrowelle fehlte. Wer sich da den Luxus uniformierter Wächter leisten kann, hat zumindest den Vorteil, dass er seine Mikrowellengerichte nicht kalt essen muss.