Nachdem wir uns eine Zeitlang in den Ruinen des Inka-Palastes von Pumapungo verloren haben und uns durch die Säle des Museums der Zentralbank haben treiben lassen, sind wir ermattet von so viel Kultur, aber vor allem tun uns die Füße weh. Leicht vergisst man, wie anstrengend ein Museumsbesuch sein kann: Minutenlang verharrt man vor den Vitrinen, versunken in die Betrachtung eines Exponats, ehe man seinen Weg gedankenverloren fortsetzt, aber kaum ist man ein paar Schritte gegangen, da zieht das nächste Schaustück die Aufmerksamkeit auf sich. Irgendwann sind drei Stunden vorbei, doch die Zeit scheint in einem einzigen Augenblick verflogen. Nur die Füße brennen.
Es ist schon Nachmittag und nach dem schmackhaften, aber nicht sehr üppigen Frühstück im Hotel sehnen wir uns nach einer opulenten Vesper. So wie wir hergefunden haben, lassen wir uns wieder zurück treiben – ohne klares Ziel und ohne sonderlichen touristischen Ehrgeiz. Vor Hunger halb entkräftet, schwanken wir auf der Calle larga, einer der Hauptstraßen, dem Stadtzentrum entgegen. Die Calle larga verläuft nördlich des Río Tomebamba und auf der Karte spreizt sie sich wie das Bein eines Zirkels vom Fluss ab. Die Straße führt auf geradem Wege direkt ins Zentrum der Stadt. Natürlich wollen wir nicht den ganzen Weg bis zum Hotel zurücklegen, ohne vorher gegessen zu haben, zumal wir fürchten, unterwegs an Entkräftung dahinzuscheiden.
Entlang der Calle larga reiht sich ein Restaurant an das andere. Nahezu an jeder Ecke könnte man einkehren, doch offenbar hat unsere Auszehrung noch nicht den Grad erreicht, da es einem egal ist, in welcher Form die dringend benötigten Kalorien zugeführt werden: Sobald wir vor der Tür eines Lokals anlangen, entspinnt sich ein ums andere Mal eine angeregte Diskussion darüber, ob es nicht lohnender wäre, lieber noch ein Stück weiter zu laufen, um zu sehen, was die nächste Adresse für uns bereithalte.
Wahrscheinlich ist es nur eine Auswirkung des Hungerdeliriums, ein klarsichtiges Halluzinieren infolge akuten Blutzuckerabfalls, aber wie ein Blitzstrahl (und völlig unvorbereitet) trifft mich in diesem Moment die Erkenntnis, dass der Merowinger völlig recht hat: Das Wissen um die Kausalität ist die einzige Freiheit im Leben – zu wissen, warum etwas geschieht. Ich sehe die anderen diskutieren und ich verstehe, warum es nichts zu essen gibt.
Wir laufen weiter und wie ich uns kenne, wären wir auch noch den ganzen übrigen Tag durch die Stadt marschiert, ein Zug der Elenden auf der Suche nach etwas Essbarem. Wenn es niemand sonst tut, muss man die Dinge selbst in die Hand nehmen. Mittlerweile hat sich der Fokus meiner Gedanken auf solche hochkalorischen Extravaganzen wie Cheeseburger oder Eiscreme verlegt oder auf Burger und Eiscreme oder Burger mit Eiscreme. Angesichts des lebensbedrohlichen Energieabfalls werden alle höheren Funktionen eingestellt; das Denken ist auf seine Urinstinkte reduziert.
Mit Tunnelblick wanke ich durch die Calle larga. Plötzlich stehe ich vor einem Schild mit der Aufschrift „Bagels“. Ich denke nicht nach – die wenigen Glukosemoleküle, die noch durch mein System zirkulieren, reichen gerade aus, um die Vitalfunktionen aufrechtzuerhalten. Es ist der reine kreatürliche Instinkt, der mich kurzerhand nach rechts durch die Tür schwenken lässt. Ich verschwende nicht einen einzigen Gedanken daran, was mich dahinter erwarten könnte.
Wir durchschreiten die Pforte zu einer anderen Welt. Nachdem wir Hunger und Elend nur knapp entronnen sind, erwartet uns ein Schlaraffenland, ein schwelgerisches Eldorado für alle, die das Kalorienzählen verabscheuen und denen Schlagsahne ein Lebenselixier bedeutet. Der Zufall hat uns in ein amerikanisches Café geführt ober vielmehr in ein Café, das von einer Amerikanerin geführt wird. Der Laden ist urgemütlich und macht Lust, länger zu verweilen, um sich mit Kalorien in ihrer leckersten Form den Bauch zu füllen.
Wir stürzen uns auf die Speisekarte wie ein Rudel hungriger Wölfe. Die Bestellung ist aberwitzig: Bald türmen sich auf dem Tisch Berge saftiger Toasts aus dem Grill und Bagels, aus denen der Creme cheese so üppig hervorquillt wie die Hüftrollen, die der Genuss des ringförmigen Backwerks verheißt; vor unseren Augen breitet sich ein buntes Potpourri von Lemon-, Apple- und Maracuja-Pies aus; ein Cesar Salad, der sich wie der Komposthaufen in einer Gärtnerei mittlerer Größe ausnimmt, türmt sich in der Schüssel.
Die Mixer surren ununterbrochen – es scheint, unsere Bestellung hat sie an die Grenze ihrer Kapazität getrieben – und als dann schließlich mein Chocolate-Malt auf dem Tisch steht, kann ich mein Glück kaum fassen: Das Glas ist riesig wie ein Meisterschaftspokal und sein Inhalt fließt über den Rand wie dickflüssige Magma über die Hänge eines Vulkans. Die Monstrosität wird zudem noch von einem Sahnehäubchen gekrönt. Die Besitzerin des Cafés stellt mir sogar den Mixbecher daneben – er ist immer noch gut zur Hälfte gefüllt. Ich glaube, ich bin im Himmel.
Der Malt, den ich bestellt habe, ist so dick, dass ich ihn selbst mit größter Anstrengung kaum durch den Strohhalm bekomme. Ein ganzes Kilo Schokoladeneis muss darin verarbeitet worden sein. Es dauert ewig, bis ich mein Glas und auch den Mixbecher bis auf den Grund geleert habe, aber danach bin ich so satt, als hätte ich eine Zwei-Liter-Einscreme-Box allein ausgelöffelt. Ich koste also lediglich von dem Maracuja-Pie, der ein so intensives und angenehmes Maracuja-Aroma verströmt, wie es nur mit frisch verarbeiteten Früchten gelingt. Gerade ist Saison und kaufen kann man die sauren Früchte nahezu überall.
Nach dem mächtigen Shake fühlte ich mich so schwer, als wäre ich mit dem Hosenboden am Stuhl festgeschraubt. Auch die anderen sind mit ihrem Essen sehr zufrieden und der warme Abglanz von Glückseligkeit liegt in ihren Augen, während der Kalorienexzess sie mit angenehmer Schläfrigkeit schlägt. Alle sind der Meinung, es hat sich gelohnt. Die besten Empfehlungen gibt eben manchmal der Zufall.
Die Besitzerin des Cafés ist Amerikanerin und sie ist überaus nett und vor allem ist sie sehr gesprächig. Während sie die Bestellung entgegennimmt, kommen wir ins Plaudern. Da ich das Glück habe, endlich einmal eine Expertin zu treffen, nutze ich die Gelegenheit und stelle ihr die eine Frage, die mir schon seit langem den Schlaf raubt: Worin besteht der Unterschied zwischen einem Malt und einem Shake? Die Chefin erklärt, im Grunde sei beides dasselbe, nur werde beim Malt etwas malted barley, also gemälzte Gerste, hinzugesetzt, was dem Shake eine malzige Note verleihe. Damit wäre auch diese existenzielle Frage ein für allemal beantwortet.
Manchmal kann man sich nur wundern, mit welcher Entschlossenheit und welchem Enthusiasmus manche Menschen sich einer Aufgabe verschreiben: Die Besitzerin des Cafés mag gut und gerne in einem Alter sein, in dem man in Deutschland den wohlverdienten Ruhestand zu genießen pflegt. Es ist sicher nicht leicht, jeden Tag zehn, zwölf Stunden auf den Beinen zu sein – freiwillig, wohlgemerkt. Dafür muss man das, was man tut, wirklich lieben. Ich glaube, dass die Café-Besitzerin nicht weniger als das Glück gefunden hat, ihre ganze private Insel der Glückseligkeit. Alles an diesem Ort strahlt jene Sorgfalt, Hingabe und Leidenschaft aus, die man nur dann aufzubringen bereit ist, wenn man sich seiner Arbeit mit Liebe widmet. Ich denke, das ist die einzige Weise, auf die es sich zu arbeiten lohnt. Alles andere ist Geldverdienen.
An einem der Tische sitzt ein weißhaariger alter Amerikaner. Er scheint eine Art Faktotum zu sein und ich wette, man trifft ihn fast immer hier an, auf seinem Stammplatz. Hin und wieder wirft er der Besitzerin einen launigen Kommentar zu. Man sieht dieser Tage viele alte Amerikaner in Ecuador – manche verzehren mehr schlecht als recht ihre Rente, andere betreiben Cafés.
Mir will es als regelrecht paradox erscheinen, dass ausgerechnet die Amerikaner, die doch bis zum Aufstieg von Starbucks und Konsorten über keine eigene Kaffeekultur verfügten (zumindest über keine, die diesen Namen verdiente), nun die Kultur der Coffee-Shops in alle Welt tragen. Es ist faszinierend, wie ein Land mit so wenig eigener Tradition sich aller Traditionen bemächtigt, mit ihnen experimentiert und sie der Welt um ein Vielfaches multipliziert wieder zurückgibt.
Oft hat man den Eindruck, der geschäftliche Erfolg sei nur möglich, weil man gleichsam das tief in der menschlichen Seele verankerte Bedürfnis nach Geborgenheit, nach Gemütlichkeit und natürlich nach gutem Essen so vorzüglich zu bedienen versteht. In der Tat ist so ein Coffee-Shop gemütlich, der Kaffee ist gut und man fühlt sich wohl. Es scheint, die Amerikaner haben einen siebten Sinn für solche lebenswichtigen Banalitäten und wo auch immer sie sich niederlassen, beginnen sie sofort geschäftstüchtig damit, ihre Netzwerke zu knüpfen. Da viele Amerikaner Ecuador zu ihrem Wohnsitz erkoren haben, sind die Maschen dieses Netzes nirgendwo allzu groß.
Wir fragen die Besitzerin ein wenig aus – nicht, dass wir sie nötigen müssten, unsere Fragen zu beantworten: Sie sagt, sie stamme aus Minnesota. Wir haben einige Jahre in Texas gelebt, und auch wenn für jemanden aus dem Norden Amerikas Texas als ein Land der Hillbillies erscheinen muss, freut sie sich doch zu hören, dass wir uns gern an unsere Zeit in den Staaten zurückerinnern.
Unser Sohn, der auch in den USA aufgewachsen ist und Englisch deshalb wie ein Amerikaner spricht, fühlt sich sofort wie zuhause. Er plaudert mit der Chefin, als würde man sich schon eine Ewigkeit kennen, und er fühlt sich dabei sichtlich wohl und ist auch ein wenig stolz, dass man ihn wie einen Erwachsenen behandelt. Ich bewundere die spielerische Leichtigkeit, mit der er die unsichtbare Grenze zwischen den Kulturen überwindet. Natürlich ist er sich dessen gar nicht bewusst, ich hingegen, der ich erst als Erwachsener in anderen Kulturen gelebt habe, bewege mich durch ein weites Niemandsland, passiere unsichtbare Grenzkontrollen und das Büro des Zolls. Fremde Kulturen sind faszinierend und in ihnen zu leben, hat seinen Reiz, heimisch aber fühlt man sich nur selten – es sei denn, man ist ihnen durch die Kindheit innig verbunden.
Wir verlassen das Café in gehobener Stimmung und wir fragen uns, warum es so etwas nicht in Quito oder gar in Cumbayá gibt. Doch im selben Augenblick, da wir uns diese Frage stellen, wissen wir die Antwort. Wahrscheinlich sind die Gewerbemieten dort so exorbitant hoch, dass es kaum jemand wagt, seine schwer verdienten Ersparnisse zu investieren. Und außerdem, wer möchte schon sein Leben in einem so trostlosen Ort wie Cumbayá beschließen. Etwas ähnliches wie das „Windhorse Café“ – so der Name des Lokals, in dem man uns so vorzüglich bewirtet hat – habe ich in Cumbayá noch nie gesehen und ich glaube, man wird noch sehr lange darauf warten müssen. Wir sind jedenfalls froh, dass der Zufall uns hierher geführt hat – ins Schlaraffenland der Toasts und Bagels und Pies und Cakes, ins süße Wunderland der Malts und Shakes.