Surfer und ungewöhnliche Jobs

27. Dezember: Weihnachten ist vorbei und das Leben folgt allmählich wieder seinem gewohnten Rhythmus – wenn es je davon abwich. Wir fahren nach Canoa. Das Wetter ist umgeschlagen. Zwar ist es immer noch genauso warm wie an den vorangegangenen Tagen, aber der Himmel hat sich mit einer dicken Schicht aus grauen Wolken bedeckt und hin und wieder fallen ein paar Regentropfen. Es war mittlerweile fast Mittag geworden und unsere erste Station führte uns unweigerlich ins „Bambú“. Eigentlich wollten wir erst baden und dann essen, aber gegen ein so elementares körperliches Verlangen wie es Hunger nun einmal darstellt, lässt sich eben nicht ankommen. Außerdem war die Verführung einfach zu groß und das Lokal war um diese Zeit noch relativ leer, so dass wir einen guten Tisch ergattern konnten.

Mein Sohn bestellte für sich die ausgezeichnete Hühnchen-Lasagne, meine Frau nahm einen Salat und ich begnügte mich, da ich eigentlich gar keinen Hunger verspürte, mit einem geradezu göttlichen Batido de coco (einem dicken, süffigen Kokosshake). Wenn die Kokosnuss eine Bestimmung hat, dann doch wohl die, als Shake im „Bambú“ zu enden! Ein großes Kelchglas hätte sicherlich gereicht, um den Magen zu füllen, aber keineswegs um den Appetit zu stillen. Deshalb genoss ich noch ein zweites Glas. Danach fühlte ich mich dann allerdings wie eine Stopfgans und das reichhaltige Getränk sättigte mich für den ganzen Tag. Meine Frau, durch ihr Salätchen durchaus noch nicht gesättigt, bestellte sich dann aus Neugier auch noch einen Shake und auch sie war begeistert, wie unglaublich lecker er schmeckte. Als sie ihren Batido schlürfte, meinte sie, Coco sei eher eine Speise der Armen; Reiche würden die nahrhafte Nuss verschmähen. Ich kann mir allerdings kaum vorstellen, dass jemand diesen unglaublichen Shake zurückweisen könnte.

Am Tisch neben uns hatte eine junge Familie Platz genommen. Der Vater sah aus wie ein Gangster-Rapper und benahm sich auch so: Er trug eine bunte Cap, eine schwarze Sonnenbrille verdunkelte seine Augen und er hatte die ganze Zeit Ohrstöpsel im Ohr – selbst ich konnte die Musik hören, obwohl er einige Meter entfernt saß. Dann kam das Essen, für ihn jedoch kein Grund, die Hörer aus den Ohren zu nehmen oder die Mütze abzunehmen, geschweige denn die Sonnenbrille. Während er aß, hatte er auch noch Zeit, die neuesten WhatsApp-Nachrichten auf seinem Handy zu checken und darauf zu antworten. Seine Frau und seine kleine Tochter saßen wie ein paar Fremde mit am Tisch. Wie peinlich muss man denn sein, ehe man es selber merkt?

Das Meer vor Canoa war so herrlich und schien so ursprünglich wie beim ersten Mal, da ich diesen Ort besucht hatte. Die Flut lief ein und türmte die Wassermassen zu zwei Meter hohen Wellen, auf deren Kämmen Schaumkronen glitzerten. Die Brecher rollten weit auf den Sand. Der Strand selbst war an diesem Tag nicht übermäßig mit Badegästen gefüllt. Es war die Zeit zwischen Weihnachten und Silvester, die Schulen hatten Ferien und wer es sich leisten kann, fuhr an die See, um unbeschwerte Tage am Strand zu genießen. Dennoch wirkte der Strandbetrieb eher beschaulich und ich wunderte mich darüber – was könnte einen denn daran hindern, diesen wundervollen Ort zu besuchen?

An diesem Tag sah man viele Surfer und im Gegensatz zu ihren Kollegen in Long Beach, New York, vermochten diese Leute die Wellen wirklich zu reiten. In Long Beach hatte man etwa neunzig Prozent des Strandes als Surfer-Beach deklariert und an den Abschnitten, die den Surfern vorbehalten waren, sorgte die Strandaufsicht dafür, dass man dem Wasser auch ja nicht zu nahe kam. Ein paar Wagemutige versuchten ihr Glück in den nicht sehr hohen Wellen, aber meist lagen sie eher unter dem Brett, als dass es ihnen gelungen wäre, länger als zwei Sekunden darauf zu stehen. Hier in Canoa scherte sich niemand darum, ob Surfer und Schwimmer sich vertrugen, und an manchen Abschnitten des Strandes, an denen man besonders viele Bretter sah, war es ratsam, stets auf der Hut zu sein, damit einem nicht der Kopf von so einem dahinjagenden Brett von den Schultern getrennt wurde. Aber die Surfer waren verträgliche Leute und machten gern Platz und suchten sich ein anderes Revier, wenn sie sahen, dass zu viele Schwimmer im Weg waren.

Manche der Wellenreiter waren echte Könner: Sie ruderten zweihundert Meter auf die See hinaus und wenn sie dort, wo das Meer sich wie ein Berg aufzutürmen begann, eine Welle erwischten, ließen sie sich von ihr mit einer Leichtigkeit, um die man sie nur beneiden kann, bis zum Strand tragen. Einen jungen Surflehrer erkannte ich wieder. Seine bevorzugte Klientel sind dralle und immer weißhäutige Touristinnen, die er bäuchlings aufs Brett legt und dann durch die Wellen schiebt, dass sie nur so kreischen. Das ist sicherlich ein Job, für den sich in keinem Job-Center der Welt eine aussagekräftige Beschreibung finden ließe.

Am Nachmittag zog der Himmel immer mehr zu und dann begann es zu regnen. Der Regen war wie eine warme Dusche und obwohl ich bald völlig durchnässt war, fror ich kein bisschen. Man behielt die nassen Sachen einfach an und irgendwann würde die Sonne sie wieder trocknen. Bei einem Strandspaziergang kamen uns Einheimische auf Pferden entgegen. Sie fragten uns, ob wir auch einmal über den Strand reiten wollten. Ich hatte seit meiner Kindheit nicht mehr auf einem Pferd gesessen und das war wohl eher ein handzahmes Pony, das auch bloß brav im Schritt ging. Ich lehnte ab. Ein Stück weiter kamen uns Jungs auf Crossmaschinen entgegengeknattert. Sie versuchten mit den Reifen Kreise in den Sand zu ziehen, aber scheiterten jedes Mal jämmerlich. Um ein Haar wäre der eine von ihnen sogar gestürzt. Überhaupt schienen sie die Maschinen nicht sehr gut unter Kontrolle zu haben und wir hielten vorsichtshalber Abstand.

Die Flut türmte das Meer immer weiter auf. Wenn man im Sand saß und über den Strand zum Wasser blickte, hatte man den Eindruck, das Meer würde sich in einer gewaltigen Flut erheben und alles Land verschlingen. Unter dem grauen Himmel erschienen die Wassermassen wie ein schwarzer Berg, der sich mit ungezügelter Gewalt auf das Land warf. Der tiefhängende graue Himmel bewirkte, dass der Horizont tatsächlich höher zu liegen schien als das Land. Man fühlt förmlich, welch ungeheure Kraft dem Ozean innewohnt.

Es war mittlerweile später Nachmittag geworden und höchste Zeit für den Aufbruch. Wir verabschiedeten uns von Canoa und fuhren zurück nach Bahía. Von der Brücke aus, die das weite Delta des Río Chone überspannt, warfen wir einen letzten Blick auf einen fast schwarzen Pazifik unter einem bleigrauen Himmel.

Klassentreffen

Meine Frau hatte ihre ehemaligen Kommilitonen, allesamt Ex-Stipendiaten aus der DDR, zu einer „Reunión“, einer Art Klassentreffen, eingeladen. Gut ein Dutzend Gäste folgten der Einladung. Unsere kleine Wohnung wäre bei solch einem Andrang natürlich aus allen Nähten geplatzt, aber zum Glück gibt es in jedem Haus unserer Wohnanlage einen Bereich, welcher der gemeinschaftlichen Nutzung vorbehalten ist. Auf dem Dach unseres Hauses befindet sich ein kleiner Saal, der gut geeignet ist für Familienfeste oder andere festliche Zusammenkünfte. Der Platz reicht für mindestens dreißig Gäste und zudem kann man auch noch die weite Dachterrasse nutzen, von der aus man einen wunderbaren Blick über Cumbayá und die Berge hat.

Wir gaben uns viel Mühe mit der Vorbereitung, denn wir wollten, dass unsere Gäste sich – zumindest kulinarisch – ein wenig an ihre Zeit in der DDR erinnert fühlten. Wir hatten schon Bockwürste, Gewürzgurken und das gute „Werder“-Ketchup (eine Marke aus dem Osten) aus Deutschland mitgebracht, was zwar, vor allem wegen der Schlepperei, einen nicht geringen zusätzlichen Aufwand bedeutete, aber die Mühe in jedem Fall wert war, denn deutsche Lebensmittel sind in Ecuador nur sehr schwer zu bekommen.

Die Vorbereitungen beanspruchten einiges an Zeit in Anspruch und bevor die Gäste dann am Sonntagnachmittag eintrafen, hatte ich schon seit den frühen Morgenstunden am Herd gestanden. René, bei dem wir bereits vor ein paar Wochen zu Besuch waren, ist ebenfalls ein Ex-Stipendiat aus der DDR. Von Santo Domingo aus, in dessen Nähe er sein Haus hat und wo sich auch seine Hühnerfarm befindet, benötigt man ca. drei Stunden mit dem Auto nach Cumbayá. Als meine Frau ihn zu ihrer „Ossi“-Party einlud, druckste er erst ein wenig herum: der Weg sei so weit und er wisse auch nicht, ob er Zeit habe, denn er müsse sich um seine Hühner kümmern. Er fragte, ob es denn Soljanka gäbe. In dem Fall wolle er es sich überlegen. Meine Frau erwiderte, dass selbstverständlich Soljanka serviert werde, denn natürlich wollte sie, dass René zu der Party käme. Sie fragte mich dann später ganz unschuldig, ob ich Soljanka kochen könnte. Mit einer gewissen Vorahnung fragte ich sie, warum ich das denn tun solle, und sie gab wie beiläufig zu verstehen, sie hätte den Gästen versprochen, es würde Soljanka geben und sie wolle nun nicht als Hochstaplerin dastehen. Ich hatte dieses Gericht in meinem Leben noch nicht gekocht und außerdem wusste ich nicht, ob ich die Zutaten rechtzeitig beschaffen könnte. Soljanka wurde fast immer in den Mensen der Universitäten und in Kantinen angeboten. Ich habe die gehaltvolle Suppe früher oft selber genossen, aber wer käme schon auf die Idee, ein Kantinengericht zuhause aufzutischen?

Das Internet ist eine tolle Erfindung, denn wen es nach Wissen dürstet, dem steht in nur einem Augenblick die Weisheit der gesamten Menschheit zur Verfügung. Die Fülle des Wissens wäre vielleicht ein klitzekleines Bisschen zu viel, da ich doch nur ein Rezept suchte. Aber manchmal braucht es gar nicht das Internet und das gute alte Buch tut es auch: Vor unserer Abreise nach Ecuador hat meine Frau noch ein Koch- sowie ein Backbuch gekauft, das wir unserem ohnehin nicht kleinen Fundus an Kochbüchern hinzufügen konnten. Das eine ist das „DDR-Backbuch“, das andere das „DDR-Kochbuch“. In letzterem schlug ich nun nach und ich wäre sehr überrascht gewesen, hätte ich darin kein Rezept für Soljanka gefunden.

Als ich dann übrigens am nächsten Tag auch das Backbuch durchblätterte, kamen mir fast die Tränen, so gerührt war ich: Nahezu alle Kuchen, die auf den großformatigen Bildern zu sehen sind, kenne ich von früher, doch erst in diesem Augenblick wurde mir bewusst, wie unendlich viel Zeit seitdem vergangen ist, und das Verrückte ist, ich habe es kaum bemerkt. Allmählich muss ich wohl alt werden, denn ich ertappe mich nun immer öfter dabei, wie ich der Nostalgie erliege, die sich unbemerkt in meine Erinnerungen einschleicht. Mich kommt dann so eine Wehmut an, die sich nur schwer ertragen lässt, und die wohl von der Erkenntnis herrührt, dass alles Schöne im Leben irgendwann einmal enden muss.

Die Zubereitung der Gerichte war dann nicht weiter schwierig, zumal wir Glück hatten und es uns gelang, die restlichen Zutaten in einem Delikatessengeschäft hier in Cumbayá zu kaufen (manchmal ist es eben doch kein Nachteil, wenn man in einer Stadt wohnt, die erst kürzlich von einer Invasion der Gutbetuchten überrollt wurde). Die Soljanka schmeckte übrigens genau so, wie ich sie in Erinnerung habe – wirklich lecker, obwohl ich mit diesem Gericht eigentlich immer Kantinenessen verbinde, das ich nur selten als schmackhaft empfand. Zusammen mit der Soljanka gab es einfache, herzhafte Gerichte: Bouletten, Bockwürste, Kartoffelsalat, als Nachtisch warmen Apfelkuchen mit Schlagsahne. Es versteht sich von selbst, dass wir für einen mehr als ausreichenden Vorrat an Getränken gesorgt hatten. An die Bouletten habe ich eine gute Hand Majoran gegeben, damit sie so schmecken, wie die Gäste sie von früher in Erinnerung haben. Es war übrigens gar nicht so einfach, an Majoran zu kommen, denn dieses Kraut findet in der hiesigen Küche nur spärlich Verwendung.

Am Nachmittag trudelten dann nach und nach die Gäste ein. Es sollte eine ganz zwanglose Party sein, nichts Offizielles, nur ein fröhliches Wiedersehen, ein Hallo nach über fünfundzwanzig Jahren. Doch obwohl sich die Gäste sehr über die Einladung und über das Essen freuten, und auch ordentlich zulangten, ohne dass man sie lange bitten musste, wollte die rechte Stimmung nicht aufkommen. Die Leute saßen etwas steif auf ihren Stühlen, aßen, tranken und waren darüber hinaus meist mit sich selbst beschäftigt. Am Essen kann es jedenfalls nicht gelegen haben, denn am Ende war fast alles aufgegessen und wir hatten so reichlich aufgetragen, dass wir schon befürchteten, wir würden hinterher die Hälfte wegwerfen müssen. Ein richtiges Gespräch – von Scherzen und Witzeleien ganz zu schweigen – wollte sich jedoch nicht einstellen und so glich unsere kleine Party stellenweise eher einer Konferenz mit sehr, sehr ernsten Teilnehmern. Schade.

Ich hätte mir gewünscht, dass die Stimmung entspannter, ja ausgelassener gewesen wäre, aber vielleicht hatte man sich nach so langer Zeit einfach nicht mehr allzu viel zu sagen. Vielleicht sind die Lebenswege unserer Gäste zu verschieden verlaufen, als dass es noch viele gemeinsame Anknüpfungspunkte gäbe. Über ein Vierteljahrhundert ist vergangen, seit sich ihre Wege zum letzten Mal kreuzten. Zwar hat man sich auch in der Zwischenzeit hin und wieder gesehen, hat sich zufällig getroffen, ist sich gewiss manchmal auch beruflich über den Weg gelaufen, doch hat ein jeder sein eigenes Leben geführt seither, hat Karriere gemacht, eine Familie gegründet, ein Haus gebaut, sich einen Freundeskreis geschaffen und hat der Bekanntschaften von früher nur in seltenen nostalgischen Momenten gedacht. Menschen können sich bekanntlich verändern in so langer Zeit und gar nicht so selten wird man sich eben fremd dabei. Bei einigen der Gäste konnte man sich ohnehin nur schwer vorstellen, dass sie einmal Studenten waren, die in der Mensa Soljanka aßen, am Nachmittag in den Bibliotheken hockten und für die Prüfungen büffelten und Abend für Abend Partys stürmten oder in Diskotheken einfielen. Die Zeit ist unerbittlich, gegen den einen mehr als gegen den anderen.

Eine Zeitlang saß ich zufällig neben Hugo, einem der Gäste. Laut meiner Frau soll er eine große Nummer am Verfassungsgericht sein, aber man merkt ihm die Bürde seines Amtes nicht unbedingt an. Hugo ist ein Mann mit vollendeten Manieren und überhaupt ist er einer der höflichsten Menschen, die man sich nur vorstellen kann (wenn diese Bezeichnung nicht so antiquiert wäre, würde ich ihn ohne zu zögern einen Gentleman nennen). Als ich ihm etwas zu essen anbot, lehnte er ebenso bescheiden wie bestimmt ab, aber es schien ihm wirklich unangenehm zu sein, seinen Gastgeber enttäuschen zu müssen. Er entschuldigte sich denn auch gleich wortreich dafür, dass er nichts essen könne, aber sein Arzt hätte es ihm strikt untersagt. Man habe bei ihm Diabetes im Anfangsstadium diagnostiziert und daher sei ihm, dem Genießer, der so gerne esse, im Grunde alles verboten, was schmeckt. Sein Leben sei nicht mehr dasselbe, aber er habe sich eben zu fügen, denn wenn er seinen gewohnten Lebensstil beibehalte, wären die Konsequenzen furchtbar.

Ich empfahl ihm eine kohlenhydratreduzierte Diät und vor allem Sport. Letzterer Vorschlag löste bei ihm deutliche Irritationen aus und er sah mich an, als hätte ich ihm nahegelegt, den Diabetes mittels einer Art Exorzismus auszutreiben. Am Ende ließ er sich dann zwar nicht zu körperlicher Betätigung, doch wenigstens dazu überreden, von der Bockwurst zu kosten, die wir eigens aus Deutschland mitgebracht hatten. Vielleicht waren es aber weniger meine Überredungskünste, als vielmehr der Umstand, dass er sich nicht mehr länger zurückhalten konnte, da er doch sah, wie sich alle anderen das Essen schmecken ließen. Der wahren Versuchung kann man eben doch nicht widerstehen. Er kaute genüsslich und meinte mit verträumtem Expertenblick, ja, das seien die „echten“ Bockwürste.

Man kann auch in Ecuador deutsche Wurst kaufen, oder zumindest das, was man hierzulande dafür hält. Gleich neben dem „Supermaxi“ in Cumbayá (das ist eine der großen Supermarktketten) befindet sich ein Verkaufsstand, an dem es Bratwurst und all die wunderbaren Dinge gibt, die das Herz des Wurstliebhabers höher schlagen lassen. In Berlin würde man dazu schlicht Wurstbude sagen, aber hier ist alles eine Nummer bedeutungsschwerer, denn wer Geld hat, lässt sich nur widerstrebend mit dem gemeinen Volk auf eine Stufe herab. Der edle Anstrich ist da einfach unerlässliche Verkaufsstrategie. Die Firma, welche die Würste herstellt, heißt „Bunz“ und die deutsche Nationalflagge hinter dem Namenszug suggeriert, dass es sich bei den in Plastik eingeschweißten Würsten tatsächlich um ein deutsches Produkt handelt. Meist ist es an dem Stand so leer wie auf dem Parkplatz eines Vorstadt-Autokinos außerhalb der Spielzeit. Die Ecuadorianer sind eben doch kein Volk von Wurstessern und werden es vermutlich auch niemals sein. Nur an den Wochenenden um das Oktoberfest sieht man Kundschaft: Als wir einmal zur Oktoberfestzeit zufällig mit dem Auto vorbeifuhren, hatte sich vor dem Würstchenstand eine fröhliche Zechgemeinde versammelt. Achtzig Prozent der Anwesenden rekrutierten sich aus dem deutschen Lehrpersonal des Colegio Alemán Quito. Der Rest waren deren Partner sowie einige Schüler der Deutschen Schule.

Mein Sohn, der seinen rechten Arm für eine gute Wurst hergeben würde, fragte mich einmal, ob wir uns den Wurststand ansehen könnten. Er wolle unbedingt einmal wieder eine leckere Bratwurst essen. Ich mache mir nichts aus Wurst, aber ihm zuliebe ging ich mit. Wir schauten uns nur ein wenig um. Es war Mittagszeit, aber wir waren die einzigen an der Wurstbude. Wir konnten uns nicht recht entscheiden, denn die Wurst in den Auslagen sah nicht einmal auf den ersten Blick wirklich „deutsch“ aus. Die Verkäuferin, die unseren skeptischen Blick bemerkte und deshalb sogleich beteuerte, dies sei tatsächlich deutsche Wurst, reichte uns ein paar Kostproben. Mein Sohn war enttäuscht – das sei nie und nimmer die Wurst, die er aus Berlin kenne. Und in der Tat, die Wurst schmeckte eindeutig anders. Kein Wunder, dass Hugo, der sich auskennt, mit Kennerblick urteilte, dies sei die „echte“ Wurst. Aber das waren ja auch die Würste aus der Dose, die wir aus Berlin mitgebracht hatten.

Als Nachtisch gab es Apfelkuchen mit Schlagsahne. Es war ein ganz einfacher Apfelkuchen, aber dank vorzüglicher Äpfel war er ausgezeichnet gelungen. Meine Frau kauft nur noch die Äpfel aus heimischer Produktion. Man kann im Lande auch Importäpfel kaufen, die meist aus Chile stammen und die in den großen und teuren Supermärkten manchmal fast ausschließlich angeboten werden. Die heimischen Äpfel hingeben muss man oft suchen; fast scheint es, man würde sie verstecken. Die hiesigen Sorten sehen zwar nicht so schön aus wie die rot leuchtenden chilenischen Früchte, aber sie schmecken viel besser und wenn man sie in einen Korb gibt, duftet die ganze Küche nach Äpfeln.

Unsere Gäste wunderten sich darüber, dass man Kuchen mit Schlagsahne isst. Offenbar war keiner von ihnen während der Studienzeit je zu Kaffee und Kuchen an einer richtigen Kaffeetafel eingeladen worden – Schlagsahne ist einfach ein Muss. Die hierzulande gängige Kombination ist die Dreifaltigkeit aus Kuchen, Fruchtgelatine (Götterspeise) und Eis. Das ist auch nicht schlecht und die erste Zeit nach unserer Ankunft hat meine Frau jeden Tag darin geschwelgt, als hätte sich der Himmel geöffnet. Freilich musste sie sich bald wieder zügeln, denn das schlechte Gewissen und die Angst vor dem Hüftgold waren mächtiger als die Versuchung. Einige der Gäste waren so begeistert von der Kombination Kuchen und Schlagsahne, dass sie mich regelrecht mit der Frage bestürmten, wie man etwas so Leckeres zubereite. Ich sagte es ihnen und sie staunten, wie simpel es ist. Dann luden sie sich noch mehr Kuchen auf die Teller und schaufelten ganze Berge von Schlagsahne darüber. Ich hatte reichlich davon bereitgestellt, aber ich hätte sie vorher vielleicht warnen sollen, dass zu viel davon brachial auf die Hüften schlägt.

Irgendwann gegen Ende, nach zwei Stunden, in denen die Zeit zuweilen in peinlichem Schweigen eingefroren schien, kam der Teil mit den Reden – kein offizieller Anlass ohne Rede, und dies war nun sozusagen ein offizielles Treffen der DDR-Stipendiaten und also mussten Reden gehalten werden: Reden, die ermuntern; Reden, die Mut machen; Reden der Ermahnung. Es wurde viel davon gesprochen, dass man zwar am Anfang eine schwere Zeit durchmache, aber dafür am Ende umso besser leben werde. Ich denke, das mag zutreffen für jemanden, der mehr als ein Vierteljahrhundert Zeit hatte, sich sein Leben in diesem Land einzurichten. Wir aber sind hier auf Abruf: Der Arbeitsvertrag meiner Frau, von dem unser aller Auskommen abhängt, wird mit Sicherheit enden und eine echte berufliche Perspektive ist nicht zu erkennen, weder für sie, noch für mich. Der Verweis eines Redners auf sein eigenes Leben – die ersten Jahre seien so hart gewesen, dass man oft nicht einmal genug zu essen gehabt hätte –, ist für jemanden, der hierher kommt, um es besser zu treffen, keine echte Ermutigung. Ich bin zwar kein großer Esser, aber muss es denn gleich Hunger sein?

Zieht man den materiellen Wohlstand als Maßstab heran, dann haben es die Ex-Kommilitonen fast alle gut getroffen. Doch dass wir bei Null anfangen, ist nur dann richtig, wenn man die ecuadorianische Seite betrachtet, denn schließlich hatten wir ja auch ein Leben in Berlin und wir haben es sogar immer noch; es hat nur im Augenblick seine Vitalfunktionen auf ein Minimum reduziert, als hielte es Winterschlaf. Es heißt immer so schön, man könne nicht gleichzeitig auf zwei Hochzeiten tanzen: Die meisten der Anwesenden haben in Deutschland nichts oder nicht viel zurückgelassen. Ihr Lebensmittelpunkt und alles, was sie sich in den Jahren darum geschaffen haben, liegt in Ecuador. Wir hingegen ließen das Inventar unserer Existenz in Berlin zurück; in Ecuador haben wir nichts. Es wäre ideal, könnte man seine Zeit aufteilen – eine Hälfte des Jahres hier in den Tropen, die andere in Berlin (zumindest würde man so dem langen kalten Winter entgehen). Aber man lebt ja nicht nur von Sonne, Meer und Strand und nur selten hat man das Glück, dass sich die Erfordernisse des Alltags aufs Beste mit den Träumen vom Glück vertragen, die einem wie ein unerfüllbares Vermächtnis anhängen.

Bei mir richtet sich immer ein wenig der innere Stachelpanzer auf, wenn ich jemanden moraltriefende Ratschläge erteilen höre: Sicher, meine Frau stammt aus Ecuador, aber deshalb gleich zu behaupten, ihr Platz sei hier und nur hier, weil dies nun einmal ihre Kultur ist, erachte ich als etwas vermessen, zumal diejenigen, die so sprechen, meine Frau kaum gut genug kennen, um sich eine derartige Feststellung erlauben zu dürfen. Und schließlich gab es gute Gründe, die sie einst veranlassten, aus diesem Land fortzugeben.

Es ist wohl wahr, dass man nicht aus seiner Haut heraus kann; ein Teil von einem bleibt sich immer treu und sehnt sich nach dem Vertrauten und nach einer Vergangenheit, die mit dem Abstand von Jahren als immer schöner empfunden wird. Doch daraus abzuleiten, dass es nur einen Platz geben könne, an dem es sich zu leben lohnte, weil man nur dort glücklich werden kann, scheint mir ein Trugschluss. Entspräche dies der Wahrheit, hätten sich die Menschen nicht zu allen Zeiten auf die gefahrvolle Reise zu den entferntesten Orten der Welt begeben, um dort das Glück zu suchen. Manche haben es gewiss gefunden, anderen ist nur die blanke Verzweiflung begegnet. Ich weiß nicht, was uns auf dieser Reise noch widerfahren wird, aber ich hoffe das Beste und ich vertraue darauf, dass stets nur die Wünsche wahr werden können, deren Erfüllung man am meisten ersehnt.

Lenins Gourmet-Reise

Obwohl wir uns geschworen hatten, so bald nicht wieder den Strand zu besuchen, zieht es uns schon am nächsten Tag wieder dorthin. Nach den Ferientagen ist Bahía eine andere Stadt: die Strände sind verwaist, die Hotels leer und die Straßen haben ohne die Ferientouristen zur üblichen verschlafenen Gemächlichkeit zurückgefunden. Am Vormittag drängt die Flut bis an die Mauern der Strandpromenade und die Felsblöcke, welche man zu ihrem Schutze aufgetürmt hat, bieten die einzige Möglichkeit, dem Meer nahe zu sein, ohne ständig im Wasser stehen zu müssen. Eine unbeschreibliche Faszination geht von diesem Ozean aus (allein schon dieses Wort – Ozean), und man fühlt eine Sehnsucht, die an den tiefsten Empfindungen rührt. Ich liebe das Meer und wenn ich könnte, würde ich seine Ufer nie wieder verlassen. Aber irgendwann ist auch der längste Urlaub vorbei und es heißt Abschied nehmen.

Der Strand, bei Ebbe fast hundert Meter breit, ist zu einem schmalen Saum geschrumpft, über das die Flut Wellen und Schaum treibt. Die meisten Feriengäste sind schon abgereist und wir sind an diesem Tag die einzigen, die sich am Strand blicken lassen. Nicht einmal Spaziergänger gibt es auf der Strandpromenade, obwohl das Wetter wirklich schön ist. Es ist Anfang November und es ist so heiß, dass man es nicht lange aushält, ohne Abkühlung in den Fluten des Pazifik zu suchen. Wir waten mehr als hundert Meter ins Meer hinaus, aber das Wasser reicht uns gerade bis zur Hüfte. Wir lassen uns von den Wellen mitnehmen und surfen wie die Galapagos-Pinguine auf der Brandung. Als wir genug haben, setzen wir uns auf die Felsblöcke. Die tropische Sonne hat uns im Nu getrocknet. Mittlerweile bin ich braun wie der Skipper einer Karibikjacht, und das Anfang November! Im kalten winterlichen Berlin wird kein Tag vergehen, an dem ich mich nicht nach der warmen Äquatorsonne sehne.

Einmal noch mussten wir eine weitere Etappe in Lenins kulinarischer Tour de force überstehen. Er lud uns ein in ein Restaurant mit dem schönen Namen „El Tomate“. Leider hatten wir nicht die geringste Ahnung, wo sich dieses Restaurant befindet, doch Lenin beschrieb uns genau den Weg. Nach einer Stunde Fahrt mit dem Auto waren wir kurz vor Portoviejo. Es war vorgesehen, dass wir uns an einem Rondell neben einer Tankstelle treffen, um dann den letzten Abschnitt der Fahrt gemeinsam zurückzulegen. Eigentlich kann man die Stelle nicht verfehlen, aber wir brachten es dennoch fertig. Mehrmals mussten wir den U-Turn nehmen und wir fuhren die Straße immer wieder hoch und runter – von dem Restaurant keine Spur. Schließlich fanden wir das „Tomate“ dann doch: Ein verblichenes, kaum noch lesbares Schild wies uns den Weg zu der versteckt liegenden Örtlichkeit. Wir waren die ersten. Lenin, der Schwiegervater und dessen Freund sowie ihr Anhang trudelten geraume Zeit später ein, wie üblich gut gelaunt und voller Vorfreude auf das Essen.

Das „Tomate“ ist ein riesiges Familienrestaurant unter einem noch gewaltigeren Palmstrohdach. Wände gibt es nicht, aber wer braucht schon geschlossene Räume in einer Weltgegend, in der die Temperaturen so gut wie nie unter 25 Grad Celsius sinken? Das Auto stellt man einfach irgendwo ab; Platz gibt es genug. Da es keine Wände gibt, braucht man auch keine Eingangstür. Vom Wagen gelangt man mit nur wenigen Schritten direkt in den Gästeraum, der auf Massenandrang ausgerichtet ist: Die Tische sind so groß wie die Tafelrunde an König Artus Hof und ebenfalls rund. Mindestens zwölf Gäste können daran Platz nehmen, ohne sich gegenseitig an den Ellenbogen zu stoßen. Das Restaurant ist ein typisches Mittagslokal. Wir sind an diesem Tag spät dran und nur wenige Gäste verweilen noch an den Tischen. Als wir bestellen wollen, erleben wir eine Enttäuschung, denn die Hälfte der Gerichte ist schon ausgegangen (Wer zu spät kommt … den Rest kennt man ja). Wir begnügen uns mit dem, was noch da ist. Ich nehme das gegrillte Schweinefleisch mit Reis.

Die Küche Manabís ist so abwechslungsreich wie kaum eine andere Lokalküche in Ecuador, und selbst ein so einfaches Gericht wie Schweinefleisch mit Reis kann ein kulinarisches Erweckungserlebnis bedeuten. Nach einem Berg von Vorspeisen – frittierten Maduros (das sind reife Kochbananen) mit Salprieta (eine grobkörnig würzige Erdnusspaste) und Chifles (dünne knusprige Chips aus Kochbananen) mit scharfer Soße – kommt endlich das Essen. Ich weiß nicht, was mich geritten hat, ausgerechnet Schweinefleisch zu bestellen – normalerweise esse ich gar kein Schwein. Der Teller sieht recht unspektakulär aus und ich bin skeptisch. Das Fleisch, drei große Grillscheiben an schneeweißem Reis, ist viel dunkler als ich es in Erinnerung habe. In Deutschland habe ich Schweinefleisch seit mindestens zwanzig Jahren gemieden, nicht aus religiösen oder ethischen Gründen, sondern weil ich mich vor dessen wässriger Konsistenz ekele. Außerdem empfand ich es immer als ziemlich fade.

Hier nun, im „Tomate“, probiere ich seit langer Zeit wieder Schwein. Ich nehme nur ein kleines Stück in den Mund und kaue vorsichtig – und ich kann kaum glauben, wie unglaublich lecker es ist. Das soll Schweinefleisch sein? Mein Mund erlebt eine wahre Geschmacksexplosion. Dieses Fleisch ist so ganz anders als das Schweinefleisch, das ich aus Deutschland kenne, viel fester und zugleich sehr saftig. Mir scheint, der Koch hat nur ein wenig Salz verwendet, und in der Tat wäre alles andere viel zu viel des Guten. Aber es wird noch viel besser als ich eine gute Portion scharfen Ají auf jeden Bissen tropfe. Ich muss mich zwingen, langsam zu essen und gewissenhaft zu kauen, denn es schmeckt so gut, dass die Versuchung groß ist, einfach nur zu schlingen.

Auch die anderen sind mit ihrem Essen sehr zufrieden. Allen mundet es ausgezeichnet. Lenin, der alte Sybarit, lobt das Essen in den höchsten Tönen und schwelgt in Erinnerungen an vergangene „Gourmetreisen“. Er ist ein wenig enttäuscht, weil die Fischsuppe, derentwegen er extra hergekommen ist, schon ausgegangen ist. Er meint, wann immer er Zeit habe, toure er durch die Küstenprovinz, um das lokaltypische Essen zu genießen, denn nirgendwo sei die Küche so gut wie hier. Ein Blick auf seine Leibesfülle verrät, dass aus ihm der Experte spricht. Mittlerweile sind wir die einzigen Gäste im Restaurant und das Personal macht schon Anstalten, das Lokal zu schließen. Doch Lenin will uns nicht gehen lassen, ehe wir nicht eine Torta de choclo (eine Art saftiger Maiskuchen) probiert hätten, die man ganz in der Nähe beziehen könne. Er verspricht, er sei in fünf Minuten zurück, und schon eilt er zu seinem Wagen.

Am Ende dauert es dann doch eine halbe Stunde (die Kellner schauen schon böse) und er bringt gleich mehrere Tüten mit den in der Aluform gebackenen goldgelben Maiskuchen mit. Wir sind so satt, dass wir uns die Torta de choclo für später aufsparen wollen und auch die anderen verschmähen die Leckerei – zumindest für den Augenblick. Ich probiere die Torta am nächsten Tag, obwohl sie ganz frisch sicher noch viel besser ist. Ich muss unbedingt das Rezept haben, und wenn ich dafür töten müsste! Ich kann nicht begreifen, wie ein simpler Maiskuchen so gut schmecken kann. Der Stoff hat eindeutig Suchtpotential. Das Rezept muss her oder man kann mich nicht für meine Taten verantwortlich machen!

Nach dem Essen verabschieden wir uns herzlich und ein jeder geht seiner Wege. Wir fahren zurück nach Bahía. Unterwegs machen wir an einem der zahllosen Stände beiderseits der Autopista halt und kaufen Mangos. Mangos haben gerade Saison und werden an der Küste allerorten angeboten. Meine Frau kauft gleich eine ganze Tüte voll. Sie nimmt verschiedene Sorten – ich wusste gar nicht, dass es mehrere Sorten gibt. Manche sehen so aus wie die Mangos, die man aus Deutschland kennt, andere sind nur so groß wie Pflaumen und eher rund. Der Schleier meiner Unwissenheit wird noch ein wenig weiter gelüftet, als wir gleich an Ort und Stelle probieren: Ich kann kaum glauben, dass das dieselben Früchte sein sollen, die ich aus Berlin nur als fades strunkiges Obst kenne. Wenn man in das dunkelgelbe Fleisch beißt, rinnt einem der Saft nur so über die Wangen. Diese Mangos sind sehr süß und unglaublich aromatisch; verglichen mit den Früchten in Berlin sind sie geradezu Supermangos. Schon wenn man sie aufschneidet, entströmt ihnen ein so intensiver Duft, dass einem das Wasser im Munde zusammenläuft. Die kleinen schmecken dabei noch einen Tick süßer als die großen. Schon am nächsten Tag ist von den leckeren Früchten nichts mehr übrig. Die Saison für Mangos dauert nicht lange und wir beschließen, dass wir die Schwelgerei noch recht oft wiederholen wollen.

Familientreffen

Der Tag sollte noch eine Überraschung bereithalten: Irgendwann rief der Vater meiner Frau an, um mitzuteilen, dass er wieder wohlauf sei. Natürlich freuten wir uns, dass es ihm besser ging, denn schließlich ist er nicht mehr der Jüngste und mit Erkrankungen dieser Art sollte man nicht scherzen, zumal es in den tropischen Breiten Krankheitserreger gibt, mit denen Bekanntschaft zu machen, nicht sehr vergnüglich ist. Als meine Frau ihrem Vater sagte, dass wir uns gerade in Bahía befänden, verkündete er ohne eine Sekunde zu zögern, dass er noch heute zu uns kommen wolle. Wir könnten am Abend mit seinem Eintreffen rechnen.

Das war nun wirklich eine Überraschung und ein seltenes Beispiel blitzartiger Genesung. Meine Frau grübelte so angestrengt, dass ich ihre Gedanken förmlich hören konnte. Sie fragte sich, was der Entschluss ihres Vaters wohl zu bedeuten hätte. Anders als Männer, behaupten Frauen ja immer (und besonders gern hinterher), Vorahnungen zu haben, und ich glaube, wenn es ihr möglich gewesen wäre, hätte sie alles rückgängig gemacht. Aber jetzt war es heraus und wir konnten dem Schwiegervater, da er so guter Stimmung war, wohl kaum raten, er solle lieber in Santo Domingo bleiben. Das ungute Gefühl aber wollte nicht verfliegen.

Wir verabredeten uns für den Abend im „Muelle Uno“. Das ist ein Restaurant an der Buchtseite der Stadt, direkt am Wasser gelegen, und der Name ist auch passend, denn er bedeutet nichts anderes als Pier. Viele Restaurants der Stadt liegen direkt an der Bucht – die See ist viel ruhiger als an der Pazifikseite und die besorgten Restaurantbesitzer fürchten zu Recht die Naturgewalten. Sturmfluten haben immer wieder die Uferpromenade unter Wasser gesetzt und Palmen fortgerissen. Auf der Pazifikseite gibt es an der Promenade, die direkt am Strand vorbeiführt, eigentlich nur ein Restaurant. Von weitem würde man den schlichten weißen Bau für eine Strandbar halten, doch gibt es dort den besten Langustensalat an der ganzen Küste. Das Restaurant hat jeden Tag nur wenige Stunden um die Mittagszeit geöffnet – nur so lange, wie es frische Languste gibt. In der Feinschmeckerabteilung des KaDeWe müsste man für solch ein Gericht ein kleines Vermögen hinblättern. Auch hier ist das Vergnügen infolge Überfischung und gestiegener Nachfrage nicht ganz billig, aber zumindest ist es auch für den normalen Geldbeutel erschwinglich.

Als wir am Restaurant eintrafen, erwartete uns der Vater meiner Frau bereits. Er wirkte gesund und geradezu revitalisiert nach seiner kurzen schweren Erkrankung und wir wunderten uns über seine Agilität. Zu unser aller, vor allem aber zur Überraschung meiner Frau, erschien der Vater nicht allein (das war die Vorahnung!). Im Schlepptau hatte er gleich noch seinen ältesten Sohn, dessen Frau sowie deren halbwüchsige Töchter, und einen alten Freund, dessen Frau und dessen halbwüchsige Töchter. Uns begleitete nur der Cousin meines Sohnes, der Neffe meiner Frau. Insgesamt zählten wir nun zwölf Personen. Die Stimmung war fröhlich und alle schienen sich zu freuen, dass wir uns endlich einmal trafen, nachdem der Schwiegervater allen von uns erzählt hatte. Wir machten uns miteinander bekannt und heiterer Stimmung begaben wir uns ins Restaurant.

Das „Muelle Uno“ bietet vor allem lokale Gerichte in großer Auswahl. Die Küche Manabís, das ist die Küstenprovinz, in deren Zentrum Bahía de Caráquez liegt, ist abwechslungsreich wie kaum eine andere Lokalküche Ecuadors und die meisten Einheimischen halten sie für die beste des ganzen Landes. Das mag damit zusammenhängen, dass über die Jahrhunderte immer wieder fremde Einflüsse über das Meer in die Region gelangt sind. Die Bewohner der Provinz haben diese Neuheiten stets begierig aufgenommen und kreativ verarbeitet. Selbstverständlich lud der Schwiegervater alle ein. Da zeigte sich wieder ganz der großzügige Spender, der er ist, und etwas anderes hätte er auch gar nicht akzeptiert.

Die meisten am Tisch langten ordentlich zu, bestellten Grillplatten, Fischsuppen, Berge von Reis und Gemüse, dazu noch Vorspeisen und Getränke. Man hatte den Eindruck, sie hätten in Vorbereitung auf diesen Abend seit Tagen gefastet, so gewaltig waren die Portionen, die sie orderten. Ich verspürte allenfalls leichten Appetit und wollte mich deshalb mit etwas ganz Einfachem begnügen. Also bestellte ich ein preiswertes Gericht, von dem ich glaubte, man würde es in einer bescheideneren Portion servieren.

Dann kam das Essen. Man brachte mir einen Teller, der fast begraben wurde unter drei gewaltigen Scheiben gegrilltem Rindfleisch. Es war gerade noch genug Platz für den Salat. Ich wunderte mich, denn ich hatte Menestra con arroz y carne, also Linsen mit Reis und Fleisch, bestellt. Von Reis und Linsen fand sich aber keine Spur. Doch dann kam noch ein zweiter Teller, auf dem sich ein Berg Reis türmte, hoch wie der Mount Everest, der zudem noch von einem Meer aus Linsen umspült wurde. Ich fragte mich, wer es fertigbringt, solche wahnwitzigen Portionen zu verspeisen. Ein Blick auf die Teller der anderen Gäste belehrte mich, dass es in der Tat keine kleinen Portionen gab – das waren Mahlzeiten für hungrige Sumo-Ringer, nicht für Normalmenschen. Die meisten schafften nur die Hälfte, den Rest ließen sie sich einpacken. Mein Gericht hatte gerade 4,50 Dollar gekostet, aber dafür war ich jetzt auch für die ganze Woche satt. Und es war wirklich gut. Ich genoss das Fleisch mit ein wenig Ají, einer scharfen Soße aus Zwiebeln und Chili. Das Essen war so lecker, dass akutes Suchtpotential bestand, und ich musste mich regelrecht zwingen aufzuhören, ansonsten hätte ich wohl weiter gegessen bis ich geplatzt wäre.

Mein Schwiegervater ist nicht nur spendabel, sondern er ist auch ein Mann, der sich um den Zustand der Welt sorgt, und der ihre derzeitige Verfassung als nicht sehr befriedigend empfindet. Er selbst bezeichnet sich als Marxist und er ergriff freudig meine Hand – geradezu wie die eines Verbündeten –, als ich im Tischgespräch offenbarte, dass ich Atheist sei. Man wundert sich nur, dass es hierzulande so wenige wie ihn gibt. Man muss kein besonders geschultes Auge haben, um die enormen Klassenunterschiede zu sehen und die Ungerechtigkeit, auf der sie gründen. Jedermann mit einem gesunden Gerechtigkeitsempfinden erkennt, dass Veränderungen notwendig, ja, unausweichlich sind, wenn diese Gesellschaft in Frieden leben will. Man würde erwarten, dass viel mehr Menschen diese Überzeugung teilen, zumal einem die Tatsachen förmlich ins Auge springen, aber die Reichen hierzulande kümmern sich nur um ihren Besitz und sie würden ihn jederzeit und mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln gegen die berechtigten Ansprüche der Besitzlosen verteidigen.

Apropos Weltrevolution: Als waschechter Salonrevolutionär und als glühender Bewunderer der russischen Revolution hat mein Schwiegervater seinen Erstgeborenen selbstverständlich Lenin genannt. Für europäische Ohren klingt das natürlich äußerst merkwürdig, aber hierzulande sind solche aus der jüngsten Weltgeschichte entlehnten Vornamen nicht ungewöhnlich. Auf vorangegangen Reisen bin ich schon einem Stalin und sogar einem Hitler begegnet – das sind Namen, die im deutschen Standesamt alle Alarmglocken schrillen lassen würden, doch hier stört sich niemand an ihnen. Ich bezweifle sogar, dass die Mehrheit der Menschen hierzulande weiß, wer Lenin war und wahrscheinlich wüsste kaum einer etwas Gescheites über die Oktoberrevolution zu sagen. Eigenartig ist nur, dass es so wenige Bolivars oder Sucres gibt, also Menschen, die man nach den Heroen des Kontinents benannt hat. Mir ist jedenfalls noch keiner begegnet.

Es ist eine Ironie, dass Lenin, ich meine Lenin 2 (nicht den Berufsrevolutionär und Theoretiker der Weltrevolution), so gar nichts von einem Umstürzler an sich hat. Er gebärdet sich zwar wie ein linker Intellektueller und macht ganz den Eindruck eines streitbaren Salondiskutanten, aber in Wahrheit ist er ein Sybarit, wie man ihn lange suchen müsste. Als Genussmensch aus Leidenschaft verbringt er seine ganze Freizeit mit der unermüdlichen Suche nach guten Restaurants, die er dann besucht, um zum einen natürlich das gute Essen zu genießen und zum anderen um Freunde und Verwandte mit seinem nie versiegenden Redefluss zu beglücken. Menschen, die es verstehen zu genießen – die sowohl an gutem Essen als auch an der Gesellschaft anderer Menschen Gefallen finden –, sind mir allemal lieber als jene grimmigen Revolutionäre, die nur zu gern bereit wären, für den Himmel auf Erden die Menschheit durch die Hölle zu schicken.

Lenin hatte an diesem Abend übrigens eine interessante Geschichte zu erzählen: In erster Ehe war er mit einer Wittmer verheiratet, einer Nachfahrin deutscher Einwanderer. Die Wittmers hatten sich, neben anderen Deutschen, auf Floreana, einer der kleineren Inseln im Galapagos-Archipel, mit dem Ziel niedergelassen, dort nicht weniger als ein ganz neues Leben zu beginnen. Und in der Tat war es ein neues Leben, das sie auf dem öden Eiland fanden; es war nur nicht das Leben ihrer Träume. Fast alle Auswanderer waren Suchende, die auf der Insel eine Art Elysium zu finden hofften. Die meisten sind am Ende gescheitert, wenn auch manchmal erst nach Jahrzehnten. Der Traum von Autarkie und einem selbstbestimmten Leben ließ sich nicht verwirklichen. Nur die Wittmers fanden ein Auskommen: sie bauten ein Hotel. Es war eine ihrer Enkelinnen, die Lenin heiratete.

Lenin erzählte an diesem Abend noch viel über die Galapagos-Inseln und es war interessant, die Geschichte einmal aus der Perspektive ihrer Bewohner zu hören. Über Floreana und ihre deutschen Bewohner gibt es übrigens einen sehr sehenswerten Dokumentarfilm mit dem Titel „The Galapagos Affair. Satan Came to Eden“ (erschienen 2013). Eigentlich wurde ich nur wegen des Films hellhörig, als Lenin von seiner ersten Ehe zu erzählen begann und dabei erwähnte, dass seine Frau von Floreana stamme. Familiengeschichten dieser Art interessieren mich sonst eigentlich nicht.

Wir ließen den Abend in einer Strandbar nahe dem Hotel meines Schwiegervaters bei Bier und Cocktails ausklingen. Rechtzeitig kam uns in den Sinn, dass wir das Auto für die Nacht an einem sicheren Ort unterstellen mussten. Lenin erbot sich sogleich, es doch einfach bei ihm zu lassen. Er hat ein Ferienhaus in San Vicente (das ist die Stadt auf der anderen Seite der Bucht) und da wir uns ohnehin gerade hier befanden, könnten wir das Auto auch gleich dalassen. Er bot sich sogar an, uns von San Vicente nach Bahía zu fahren. Gern willigten wir ein. Lenins Haus hat einen riesigen ummauerten Hof, auf dem man mit Leichtigkeit dreißig Fahrzeuge abstellen könnte. Er meinte, das Grundstück gehöre nicht ihm, sondern einer Frau, die zur Zeit in Florida lebe. Wenn es nach ihm ginge, würde er Ferienwohnungen darauf errichten lassen und diese für gutes Geld vermieten, doch die Eigentümerin hat kein Interesse und so ist die einmalige Chance vertan. Auf dem Grundstück wuchert derweil das Unkraut.

Was mir fehlt

Wenn man in ein anderes Land reist, entdeckt man Dinge, die man vorher nicht gekannt hat, macht Erfahrungen, die man nie gemacht hätte, wenn man daheim geblieben wäre, sieht, was man noch nie zuvor gesehen hat. Man erlebt etwas Neues. Manchmal sind die neuen Eindrücke schön und man freut sich, dass man den großen Schritt ins Abenteuer gewagt hat; manchmal sind sie es aber nicht und man bereut, dass man die Sicherheit und die Bequemlichkeit des eigenen Heims verließ und man fragt sich, warum man nicht auf die innere Stimme gehört hat, die einen immer wieder mahnte, zuhause zu bleiben. Ich glaube, ganz gleich, ob man gute oder schlechte Erfahrungen macht – Menschen brauchen Erfahrungen, damit sie wachsen können und damit sie sich vervollkommnen als Menschen. So schmerzlich der Abschied vom Vertrauten, vom Gewohnten, auch von der Bequemlichkeit sein mag, der Reisende wird mehr als jeder andere mit einem neuen und reicheren Leben belohnt.

Wenn man in ein anderes Land reist, lässt man auch immer etwas zurück und das ist nicht wenig: die Familie, Freunde, den Bekanntenkreis. Man verlässt Orte, die einem etwas bedeuten, wie die eigene Wohnung mit dem Zimmer, in dem das erste Bettchen des Sohnes stand. Die Straßen und Plätze, auf denen man tausendmal entlangging, ohne dass man daran einen einzigen Gedanken verschwendet hätte, sind verschwunden, und doch sind sie weiter da, denn längst sind sie Teil der Topografie des Gedächtnisses. Man verlässt jene Orte, an denen man mit den Menschen, die man liebt, Zeit verbracht hat, und tauscht sie gegen andere Orte, die einem nichts bedeuten. Wenn man auch dem Leben durch Erfahrungen etwas Neues hinzugewinnt, so verliert man doch auch immer ein kleines Stück davon. Und nach und nach geht alles dahin und was bleibt, ist Erinnerung.

Aber es sind ja nicht nur die ernsten und bedeutsamen Dinge im Leben, die man vermisst, und die einen ganz sentimental werden lassen, wenn man erst einmal angefangen hat, darüber nachzudenken. Oft ist es etwas ganz und gar Triviales, das gar nicht den Anschein erweckt, als wäre es wichtig in so einem Leben. Man merkt oft erst, wie sehr man diese kleinen Dinge vermisst, wenn man sie nicht mehr hat, und manchmal wird einem sogar dann erst bewusst, dass es sie überhaupt gibt. Es kommt vor, dass man sich nichts anderes mehr wünscht – als hinge das Leben von jenen Nebensächlichkeiten ab. Es sind oft die kleinen unersetzbaren Dinge, die darüber entscheiden, ob wir uns heimisch fühlen oder nicht, ob wir geneigt sind, unsere Zukunft als hoffnungsvoll zu empfinden, oder ob wir verzagen.

Ich vermisse meine Bibliothek. Viele Bücher haben wir im Container nach Ecuador geschickt. Aber das ist natürlich immer nur eine Auswahl, die dem Muster folgt: Welche Bücher würde ich auf eine einsame Insel mitnehmen. Das sind dann zumeist jene, die man sich irgendwann einmal gekauft hat, weil man den drängenden Wunsch verspürte, sie zu lesen, aber am Ende haben einen die Querelen des Alltags oder schlicht Müdigkeit davon abgehalten, sie überhaupt nur aufzuschlagen. Ich habe einige Bücher, die seit Jahren bei mir im Regal stehen, aber noch immer in Plastik eingeschweißt sind. Ein Besucher fragte mich einmal ungläubig, ob ich all die Bücher, die sich in den Regalen stapeln, wirklich gelesen hätte. Natürlich nicht, denn zuallererst kauft man ja Bücher, um sie zu besitzen. Das fühlt sich so an, als würde man einen Schatz erwerben, der nur darauf wartet, gehoben zu werden. Und die Vorfreude ist nicht selten größer als das Vergnügen des Lesens selbst. Zwar habe ich auch jetzt einen kleinen Bestand an Büchern um mich, aber es ist doch etwas anderes, in einer gemütlichen Bibliothek zu sitzen, aufs Geratewohl ins Regal zu greifen und einfach zu lesen, wozu man sich aus einer Laune heraus hinreißen lässt. Wenn die Stimmung danach ist, liest man sich fest und man merkt gar nicht, wie die Zeit verrinnt. Dazu ein Glas Port und die Welt war niemals näher am Zustand der Perfektion.

Merkwürdigerweise seht man sich immer nach Essen. Anscheinend prägen sich Geruch und Geschmack dem Gedächtnis schärfer als alle anderen Sinneswahrnehmungen ein, und es mag sein, dass es unmöglich ist, sie je wieder zu vergessen. Welche Speisen uns einmal beglückt haben, daran erinnern wir uns ein Leben lang, und wer hätte sich nicht schon einmal förmlich nach seiner Lieblingsspeise verzehrt, nachdem er sie lange entbehren musste.

Ich vermisse Schafskäse. Im ganzen Land – und ich bin mir nicht sicher, ob auf dem ganzen Kontinent – gibt es anscheinend nicht einen Ort, an dem man Schafskäse kaufen könnte. Was würde ich nicht geben für ein Stück Feta oder bulgarischen Schafskäse! Doch hier bekommt man immer nur Queso fresco; das ist ein aus pasteurisierter Kuhmilch hergestellter Weichkäse mit der Konsistenz von Mozzarella. Eigentlich schmeckt dieser Käse nach gar nichts, man hat manchmal sogar den Eindruck, man kaue auf einem Stück Radiergummi herum. Ich weiß nicht, warum er sich hierzulande so großer Beliebtheit erfreut. Gereifte Käse sieht man hingegen nur selten und wenn, sind sie unvorstellbar teuer – kein Vergleich mit den Preisen in deutschen Supermärkten, ja selbst mit denen in deutschen Edelfeinkostläden.

Es gibt auch europäische Käse zu kaufen, vor allem in den teuren Verbrauchermärkten und in Feinkostläden, aber man kann sich durchaus vorstellen, dass zum Beispiel ein bescheidenes Stück Roquefort ein Loch von der Größe eines Atombombenkraters in die Geldbörse reißt. Einmal waren wir auf einem Biomarkt, der immer am Wochenende in einer der feineren Einkaufspassagen Cumbayás abgehalten wird. Man muss durchaus fragen, ob alles, was als Bio etikettiert ist, auch wirklich nur Bio enthält. Aber ich bin kein fanatischer Bio-Verfechter und würde mich nicht daran stören, wenn es nicht so wäre. Zumindest gab es Käse nach europäischer Art, aber aus einheimischer Fabrikation, und auch gute Salami, die man hier im Lande sonst nirgends kaufen kann. Die Produkte sahen aus, als wären sie in kleinen Manufakturen oder sogar in Heimarbeit hergestellt worden und sie schienen weit entfernt vom üblichen Industriestandard. Wir nahmen Kostproben – lecker! Der Hartkäse, den wir probierten, erinnerte an Parmesan und war wirklich gut, über Spaghetti Alfredo oder in einer Lasagne einfach perfekt. Doch ein flaches Stück, nicht größer als ein Handteller, kostete sieben Dollar. Bei diesen Preisen überlegt man wirklich zweimal, ob man noch einmal abbeißt.

Eigenartig ist, dass ich Roggenbrot gar nicht vermisse. Das würde man aber von einem Deutschen erwarten und wenn man die Expatriates fragt, bekommt man unisono zu hören, dass es das deutsche Roggenbrot sei, dass sie vermissten. Vielleicht ist das aber nur ein Klischee. Roggen ist hierzulande wirklich etwas Exotisches und sehr viel schwerer zu finden als etwa Quinoa in Berlin (mittlerweile gibt’s Quinoa sogar im Supermarkt um die Ecke). Ich glaube, die meisten Leute hier haben noch nie von Roggen gehört und dass man daraus Brot backen kann, würde ihnen höchst merkwürdig erscheinen, geradezu barbarisch. So etwas wie Roggenmischbrot sucht man denn auch vergeblich. Zwar kann man sogenanntes Pan integral kaufen – das ist eine Art Vollkornbrot –, doch darf man sich nicht allzu große Hoffnungen machen, denn Brot wird hierzulande immer aus Weizen gebacken, auch Pan integral. Ich fürchte, die schöne dunkle Farbe mancher dieser Brote, deren wertvolle Bestandteile als besonders gesund angepriesen werden, stammt vom Malzzucker.

Richtiges, gutes Roggenbrot und dazu noch von einem deutschen Bäcker gebacken (wenn das nichts heißen will!), kann man im Bioladen in Cumbayá kaufen. Das ist zwar kein ganz billiges Vergnügen (fünf Dollar kostet der Laib), aber wenn es einen eben danach verlangt, was interessiert da schon schnöder Mammon! Ich bin kein großer Vollkorn-Fan, in Berlin war ich es nicht und hier werde ich nicht zu einem werden, und deshalb stört es mich auch nicht, dass Schrot- und Vollkornbrot hierzulande unbekannt sind. Meine Frau jedoch leidet regelrecht darunter, denn als wir noch in Berlin lebten, ernährte sie sich im Grunde von nichts anderem als den schweren Körner-Laiben aus der Bio-Bäckerei.

Ich vermisse das Roggenmischbrot, das mancherorts Graubrot genannt wird, und das vertraute Mundgefühl des Sauerteigs – Brote lässt man hier ausschließlich mit Hefe gehen, Sauerteig scheint dagegen unbekannt. Mit Hefe erreicht man lange nicht die Textur und die Komplexität der Aromen des Sauerteigs. Vielleicht versuche ich, selbst einen Sauerteig herzustellen. In Texas und in Berlin ist es mir einige Male sehr gut gelungen. Sauerteig zu machen, ist nicht schwer, denn im Grunde rührt man einfach nur Mehl und Wasser zusammen und wartet, bis die Pampe anfängt zu blubbern. Das kann einige Tage bis Wochen dauern. Ich habe aber gehört, dass den Hefen in den Tropen dieses Kunststück manchmal nicht so recht gelingen will. Vielleicht machen sie Siesta. Es käme auf einen Versuch an.

Merkwürdig ist, dass man Gerste im normalen Supermarkt kaufen kann, und zwar nicht etwa geschrotet oder zu Mehl vermahlen, sondern als Körner. Ich wüsste nicht, wozu man Gerstenkörner in einer normalen Haushaltsküche verwenden könnte. Gerste ist den Leuten hier noch eher vertraut als Roggen, denn man weiß natürlich, dass sie ins Bier gehört. Wozu man aber die Gerstenkörner noch nutzt, bleibt ein Rätsel. Meine Frau, die übrigens von hier stammt, musste ebenfalls passen.

Was ich noch vermisse? Portwein. Vielleicht gibt es im Land welchen zu kaufen, aber ich möchte lieber nicht nach Preisen fragen. Und wahrscheinlich muss man mit dem fast schon obligatorischen Sandeman, den man selbst in den weniger gut sortierten deutschen Supermärkten findet, Vorlieb nehmen. Einen Late Bottled Vintage Port wird man wohl eher nicht antreffen und dass man irgendwo auf eine Auswahl der Weine verschiedener Hersteller trifft, halte ich für ausgeschlossen.

Neulich sah ich im Supermaxi (das ist eine der teuren Supermarktketten) in der Abteilung für Spirituosen eine Flasche Jägermeister. Der Preis ließ mich fast aus den Latschen kippen – für den klebrigen Kräuterlikör wurden tatsächlich 72 Dollar verlangt. Etwas weiter, aber noch im selben Regal, stand der Bailey´s: über sechzig Dollar kostete die Flasche. Wenn man sich preiswert betrinken wollte, müsste man schon zum einheimischen Billigfusel greifen. In einigen Gegenden, in denen der Zuckerrohranbau Tradition hat, soll es auch guten Rum geben. Ein Abstecher könnte sich lohnen.

So weit ich sehen konnte, war das einzige, das etwa genauso viel wie in Deutschland kostete oder sogar noch um weniges preiswerter war, kubanischer Rum aus den staatlichen Destillerien. Die Flasche Black Rum, sieben Jahre in Eichenfässern gelagert, war für etwas mehr als dreißig Dollar zu haben – diesen Preis würde man durchaus auch in Berlin erwarten dürfen. Vielleicht kaufe ich mir eine Flasche, denn verschiedene Male gelang es uns, ein großartiges Gingerale herzustellen (Ingwer gibt es massenhaft zu kaufen, obwohl die Wurzel in der traditionellen einheimischen Küche keine Verwendung findet – ein weiteres der vielen ungelösten Rätsel dieses Landes). Zusammen mit einem Schuss gutem dunklen Rum wird das Ale zu „Dark and Cloudy“ veredelt, dem Longdrink der Skipper und Weltumsegler. Bis ich wieder eine gute Flasche Port genießen kann (vielleicht zusammen mit einem englischen Käse, einem Blue Stilton etwa), wird aber wohl noch eine ziemlich lange Zeit vergehen müssen. Doch ich bin geduldig, wie der Port, der auf mich wartet und der ja erst ein paar Jährchen reifen muss. Wenn der Wein warten kann, kann ich es auch.

Ich vermisse Käsekuchen. Ich könnte Cheesecake backen, den ich auch sehr mag, ja, nachdem ich geradezu süchtig bin, denn Creme Cheese (Queso crema, Frischkäse) bekommt man in allen Supermärkten. Aber das ist nicht dasselbe, auch wenn ich das samtig weiche Mundgefühl dieses Kuchens liebe. Deutscher Käsekuchen ist Teil meiner ältesten Erinnerungen und ein Stück Heimat sowieso. Außerdem liebe ich Käsekuchen einfach, am besten noch warm – wer kann da schon widerstehen. Leider bekommt man hierzulande keinen Quark. Das scheint etwas so Exotisches zu sein wie mancherorts frittiertes Meerschweinchen (Cuy asado) oder ganze Hühnerfüße, die in einer Suppe schwimmen (der Kenner lutscht gern die geleeartige Haut von den Knochen). Das wäre aber noch keine Tragödie, wenn es wenigstens Buttermilch gäbe, die man braucht, um Quark herzustellen. Doch bisher ist es mir nicht gelungen, irgendwo welche aufzutreiben. Schade, sehr schade. Allerdings gibt es Molkereien im Lande und vielleicht würde es sich lohnen, die Milch frisch von ihnen zu beziehen, denn anders als H-Milch lässt sie sich zu Quark verarbeiten; H-Milch ist dazu völlig ungeeignet, nur wird sie in den Geschäften ausschließlich angeboten.

Es ist schon verrückt: Ecuador ist ein Land, in dem die traditionelle Landwirtschaft viel verbreiteter ist als in Europa, aber die Leute bevorzugen die Lebensmittel nach Industriestandard aus dem Supermarkt, weil sie glauben, diese seien besser. Nur wer zu arm ist, um in den Supermärkten einzukaufen, geht auf den Wochenmarkt. Viele Ecuadorianer, der es sich leisten können, woanders zu kaufen, empfinden diese Märkte als unhygienisch, und auch mancher deutsche Einwanderer bekommt bei der Vorstellung, von dort Lebensmittel zu beziehen, eine Gänsehaut. In Berlin scheint demgegenüber die Welt auf dem Kopf zu stehen: Wer es sich leisten kann, kauft auf Biomärkten ein, weil er dort die vermeintlich frischere und gesündere Ware, Erzeugnisse aus traditioneller Landwirtschaft, zu bekommen hofft. Das Volk geht zu Aldi, Lidl oder Netto, die mit Schnäppchen und Schnäppchenpreisen locken. Den Leuten hierzulande würde es nur ein ratloses Stirnrunzeln entlocken, wenn sie sähen, dass es Menschen gibt, die unansehnliches Gemüse für viel Geld auf dem Markt kaufen.

Apropos: Wir kaufen auf dem Markt ein, sooft es möglich ist. Wir – das heißt eigentlich nur meine Frau, denn sobald die Händler mich entdecken, verdoppelt sich automatisch der Preis. Anscheinend befiehlt ihnen irgendein ungeschriebenes Marktgesetz, dass sofort der Gringo-Aufschlag erhoben werden muss, wenn jemand mit heller Haut und blauen Augen durch die Tür tritt. Ich lasse meine Frau immer allein auf den Markt gehen und sie will meist auch gar nicht, dass ich mitkomme; ich bin ihr wirklich keine große Hilfe, zumal sie, anders als ich, nicht die geringste Scheu hat, erbarmungslos mit den Händlern zu feilschen – ein Talent, das mir völlig abgeht. Manchmal ist es schon direkt peinlich, wie sie den Preis einer ohnehin schon preiswerten Ware auch noch zu drücken versucht. Aber hierzulande muss man sich fürs Feilschen nicht schämen, denn einfach jeder versucht noch irgendwie etwas für sich herauszuholen, und wenn es nur ein paar Cents sind. Wer noch nicht erlebt hat, wie Handeln wirklich funktioniert, muss meiner Schwiegermutter zugucken! Diese Frau hat noch jeden Händler in den Wahnsinn getrieben, wenn sie sich in den Kopf gesetzt hat, eine Ware zu kaufen, aber den Preis als unverschämt hoch empfindet. Am Ende hat sie noch immer ihren Willen bekommen – Hauptsache, sie geht und kommt nie wieder, niemals!

Colegio Alemán Quito

Unser Sohn soll das Colegio Alemán Quito, die Deutsche Schule Quito besuchen. Das Colegio Alemán ist eine Schule mit langer Tradition; in Ecuador genießt sie einen ausgezeichneten Ruf. Alle Bekannten, die wir fragten, welche denn die beste Schule in Quito sei, antworteten ohne zu zögern – die Deutsche Schule. Da meine Frau hier ohnehin als Lehrerin arbeitet, lag die Idee, unseren Sohn auf diese Schule zu schicken, nicht allzu fern.

Zwei Wochen zuvor – wir waren erst vor Kurzem in Quito eingetroffen –, hatten wir der Deutschen Schule schon einmal einen Besuch abgestattet. Meine Frau hatte sich in der Verwaltung vorgestellt und mein Sohn und ich hatten die Gelegenheit genutzt, um uns ein wenig umzusehen, zumal man uns ausdrücklich dazu eingeladen hatte, als wollte man sagen: Seht euch nur gründlich um – ihr werdet nichts finden, was euren Augen missfällt. Tatsächlich ist die Deutsche Schule ein Hort der Ordnung und Sauberkeit, wie man nur wenige selbst in Deutschland antreffen würde: Die Wege sind besenrein gekehrt, kein einziges welkes Blatt stört die vollkommene Harmonie; die Blumenrabatten sind wie aus dem Bilderbuch; der Rasen ist so akkurat geschnitten, als hätte man ihn mit der Nagelschere bearbeitet. Auf dem ganzen Gelände herrscht perfekte Ordnung – nichts ist überflüssig oder sieht so aus, als läge es zufällig herum. Gebäude und Wege sind in erstklassigem Zustand, die Wände sehen so glatt aus, als hätte man sie eben erst gestrichen. Ein Heer von unsichtbaren Helfern sorgt tagein, tagaus dafür, dass alles so bleibt: außerhalb der Schulzeit sieht man Gärtner, Techniker, Reinigungskräfte emsig unter den wachsamen Augen des schuleigenen Sicherheitsdienstes wirken. Der Wachschutz hat eine eigene Uniform und auf der Mütze prangt das Logo der Schule. Als wir das Stadion mit der 400-Meter-Tartanbahn besichtigen und eifrig Fotos schießen, werden wir misstrauisch beäugt. Man weicht uns keinen Zentimeter von der Seite. Vielleicht fürchtet man, einer von uns würde die schöne Bahn mit Kaugummipapier verunreinigen. Ordnung muss sein!

Die Schule behält sich vor, ihre Schüler in spe zunächst Tests absolvieren zu lassen. Schließlich gilt es, den guten Ruf zu verteidigen und letztlich will man auch wissen, mit wem man es im nächsten Schuljahr im Klassenraum zu tun haben wird. Das Zeugnis mit dem Versetzungsvermerk wäre zwar pro forma ausreichend, dies ist aber die Deutsche Schule und da gelten wiederum ganz eigene Gesetze.

Obwohl noch Ferien sind, hatte meine Frau das Haus während der ganzen Woche jeden Morgen vor Acht Uhr verlassen müssen. Wie üblich, bereiten sich die Lehrer in der Woche vor Schulbeginn in Schulungen und Weiterbildungen auf das kommende Schuljahr vor. Unser Sohn konnte derweil noch seine Ferien genießen und jeden Morgen ausschlafen, jedenfalls bis zum Donnerstag. Zwar wussten wir, dass er sich in der Woche noch den üblichen Test unterziehen sollte, aber dann kam alles ganz plötzlich. An einem Donnerstagmorgen stand plötzlich meine Frau in der Tür und verkündete etwas abgehetzt, dass wir sofort aufbrechen müssten, weil unser Sohn jetzt gleich (!) seine Tests schreiben sollte. Er war gerade erst aufgestanden und verständlicherweise verspürte er nicht die geringste Lust, die Schule zu besuchen – es waren Ferien! Und dann, zu allem Überdruss, sollte er auch noch eine Prüfung ablegen. Ich konnte sehr gut nachempfinden, warum er so schlecht gelaunt war.

Wir nahmen ein Taxi; die Fahrt aus dem Valle (das Tal – so nennen die Einheimischen die Gegend, in der wir wohnen) hinauf zur Schule dauert etwa zehn Minuten und kostet 2,50 Dollar. Das Colegio Alemán Quito befindet sich eben nicht, wie der Name behauptet, in Quito selbst, sondern in Cumbayá, das man als eine Art Vorort von Quito ansehen kann. Kaum waren wir angekommen, ging es sofort zum Test. Der Lehrer, der ihn abholte, war sehr nett, gar nicht so furchteinflößend wie die Lehrer, die ich aus meiner Schulzeit in Erinnerung habe. Mein Sohn drehte sich noch einmal um und warf mir einen etwas bangen Blick zu. Ich lächelte aufmunternd und sagte, ich würde im Sekretariat auf ihn warten.

An diesem Donnerstag wurden Deutsch und Englisch geprüft. Nach anderthalb Stunden kehrte mein Sohn quietschvergnügt zurück und als ich ihn fragte, wie es denn gewesen wäre, meinte er nur nur ganz cool: „Das war aber leicht!“ Mir fiel ein Stein vom Herzen. Am Freitag würden noch Mathe und Spanisch geprüft und ich hoffe, dass wir dann auch noch Grund zum Lachen haben.

Während mein Sohn seine Tests absolvierte, brachte ich meine Zeit damit zu, im Foyer des Sekretariats herumzusitzen. Wenn man nichts zu tun hat (ich hatte vergessen, mir Lektüre mitzubringen), ist es eine vortreffliche Art, die Zeit herumzubringen, indem man Leute beobachtet. Und an diesem Donnerstag war viel los in der Deutschen Schule Quito: Es wurden Weiterbildungen abgehalten und selbstverständlich hätten alle Lehrer auch dann daran teilgenommen, wenn diese nicht obligatorisch gewesen wären. Es herrschte ein ständiges Kommen und Gehen, so dass ich Gelegenheit hatte, mich mit der gesamten Belegschaft der Schule zumindest optisch vertraut zu machen.

Was einem sofort auffällt, ist der erfrischend zwanglose und kollegiale Umgang – alle duzen sich und die weiblichen Lehrkräfte werden, wie in Ecuador üblich, mit einem Wangenkuss begrüßt (allerdings küsst man nur einmal, während ich es noch aus Berlin gewohnt bin, auf beide Wangen zu küssen, was manchmal Verwirrung stiftet). Der Lehrkörper der Deutschen Schule Quito setzt sich jeweils zur Hälfte aus Ecuadorianern und Deutschen zusammen. Die Direktorenposten sind immer paritätisch besetzt: Ein Direktor ist Deutscher, der andere Ecuadorianer. Von meinem bequemen Sessel aus konnte ich das geschäftige Treiben in aller Ruhe beobachten: Lehrer schlenderten hin und her, Leute kamen die Treppen herunter und verschwanden in Büros, andere durchquerten ruhigen Schrittes das Foyer. Niemand hatte es eilig, die Atmosphäre war äußerst entspannt. Alle nahmen sich Zeit, um Kollegen, die man zufällig traf, zu grüßen. Man wechselte ein paar Worte, plauderte eine Weile freundschaftlich miteinander und ging dann gemächlich seiner Wege – der ecuadorianische Lebensstil hat eindeutig auf die deutsche Belegschaft abgefärbt. Es wirkte sehr beruhigend, den Leuten bei der Arbeit zuzusehen und ich würde sie direkt um ihren Job beneiden, wenn ich nicht wüsste, wie nervenaufreibend der Lehrerberuf manchmal sein kann. Dessen ungeachtet hört man immer wieder, dass es schwer sei, geeignetes Fachpersonal für längere Zeit zu verpflichten. Es kam schon vor, dass Lehrer nach dem ersten Jahr ihren Vertrag ohne Angabe von Gründen kündigten und einfach abreisten – nicht jeder kommt mit der neuen Situation klar. Vielleicht ist man deshalb so sehr um Schönwetter bemüht, denn schließlich kann ein gute Arbeitsatmosphäre helfen, Menschen auf längere Zeit zu binden.

Ich würde die Wahrheit verleugnen, wenn ich behauptete, man könne Ecuadorianer und Deutsche nicht voneinander unterscheiden. Selbst dem umgeschulten Auge fallen die Unterschiede sofort auf: Der deutsche Lehrer pflegt im Allgemeinen den eher unauffälligen Bekleidungsstil, der durch Understatement bis hin zu äußerster Schlichtheit gekennzeichnet ist. Bekleidung, die selbst noch so geringe Aufmerksamkeit erregen könnte, scheint geradezu verpönt. Einen solchen Anblick kennt man auch aus Schulen in Deutschland. Ich erinnere mich, dass meine Lehrer sich in der Mehrheit oft so schlecht kleideten, dass es zum Erbarmen war. Ich bin der Meinung, Lehrer sollten die Schule stets gut angezogen betreten, denn immerhin repräsentieren sie eine wichtige staatliche Institution.

Die einheimischen Lehrkräfte und insbesondere die Lehrerinnen machten auf mich einen viel stärkeren Eindruck und zwar nicht, weil sie die schöneren oder interessanteren Menschen gewesen wären, sondern weil sie sich einfach besser anzogen (Ausnahmen bestätigen die Regel). Die Lehrerinnen sahen so aus, wie ich mir als Schüler meine Lehrer immer gewünscht hätte. Aber es kann sein, dass die Zeit meine Erinnerungen ein wenig durcheinandergebracht hat.

Anschließend, sozusagen als Belohnung für den erfolgreichen Abschluss der Prüfungen, sind wir Pizza essen gegangen. Wir sind ins Pueblo gefahren – das ist das ältere innerstädtische Viertel Cumbayás. Um einen gepflegten kleinen Park haben sich Restaurants, Cafés und allerlei Geschäfte angesiedelt, die der solventen Kundschaft ihre Waren und ihren Service offerieren. Wohin man auch blickt, nirgends wird man etwas Preiswertes finden. Das Preisniveau entspricht durchaus dem der europäischen Metropolen und wer hofft, dennoch das berühmte Schnäppchen zu finden, hat sich gründlich verrechnet. Diese Gegend ist nicht für den kleinen Geldbeutel gedacht – ein Kollege meiner Frau verbrachte seinen letzten Urlaub in Spanien und er war der Meinung, Ecuador sei teurer.

Schließlich fanden wir ein Pizza-Restaurant. Es trug den Namen „Pizza rodante“ (d.i. Pizza auf Rädern). Seinen Namen verdankt das Lokal einem Wohnwagen, den man höchst dekorativ auf einer Seite des Gastraumes platziert hat. Früher sind Hausierer, Hippies oder Aussteiger mit solchen Wagen durch die Lande gezogen; heute sieht man sie in Berlin noch gelegentlich im Umkreis alternativer Wohnkultur. Hier diente der Wagen nur als Dekoration. Das Restaurants war einfach und mit einem gewissen kultivierten Hang zum Trash-Appeal eingerichtet: An den Wänden waren einfache Holzregale befestigt, in denen sich allerlei Nippes sammelte – Sonnenbrillen, Ansichtskarten, Dinosaurierspielzeug, antike Kameras und dergleichen Plunder mehr. Die Tische waren aus Industriespanplatten gezimmert und grobschlächtig verschraubt. Dennoch wirkte das Lokal sehr gemütlich und man verspürte Lust, eines der Cervezas artesanales (der Craft-Biere) zu genießen, die schon am Eingang groß angepriesen wurden. Meine Lust auf ein kühles Bier wurde sofort gedämpft, als ich sah, wie viel für das Vergnügen zu berappen wäre: 5,50 Dollar kostete die kleine Flasche.

Wir bestellten Pizza. Es gab eine unglaubliche Auswahl an Belägen und noch mehr Kombinationen. Mein Sohn – er war am Ende der einzige, der etwas aß – orderte erwartungsgemäß Pizza peperoni, die in Deutschland Pizza Salami heißt. Die Bedienung fragte, ob der Teig aus Vollkorn, Weißmehl oder aus einer Mischung von beidem gemacht werden solle. Er entschied sich für den klassischen Pizzateig. Dann kam die Pizza. Sie sah wirklich sehr gut aus und in diesem Augenblick hätte ich auch Lust gehabt, mir eine zu bestellen, aber ich unterließ es dann doch. Mein Sohn meinte, die Pizza schmecke hervorragend, aber das kann man auch erwarten, denn schließlich kostete sie 6,50 Dollar. Das ist für ecuadorianische Verhältnisse viel Geld; für die Hälfte dieses Betrages bekommt man mancherorts schon ein komplettes Mittagessen, inklusive Vorsuppe und Dessert. Die teuersten Pizzen schlugen mit acht Dollar zu Buche – das sind Preise, die man sicherlich auch in Berlin erwarten könnte.

An den Tischen rechts und links neben uns saß jeweils eine Gruppe junger Mädchen. Die Gruppe auf der Rechten bestellte ebenfalls Pizza. Sie tratschten ununterbrochen und ihr Redefluss wurde nur unterbrochen, um das Essen herunterzuschlucken. Die Gruppe links von uns war überwiegend damit beschäftigt, cool auszusehen, und so saßen sie fast die ganze Zeit lang schweigend am Tisch und musterten ihre Umgebung mit einem allzu deutlich zur Schau getragenen Ausdruck der Langeweile. Die Mädchen bestellten Pilsener und tranken ihr Bier gleich aus der Flasche. Dazu machten sie sehr erwachsene Gesichter, dabei mögen sie höchstens fünfzehn gezählt haben. Die Bedienung der Pizzeria nahm am Alter der Gäste keinen Anstoß, sie ließ sich nicht einmal die Ausweise zeigen, obwohl auf dem Etikett jeder Flasche vermerkt war, dass der Ausschank alkoholischer Getränke erst ab 18 gestattet sei. Dass man es sich in dem Alter leisten kann, einen teuren Laden wie diesen zu besuchen, sagt viel über die Herkunft der Mädchen aus. Meine Frau war empört, dass sie „Alkohol“ tranken und sie warf die Frage auf, wo denn die Eltern seien. Ich weiß es auch nicht.

Am Abend wollten wir noch etwas Brot einkaufen. Von unserer Reise vor drei Jahren war uns ein Bioladen im Zentrum von Cumbayá in guter Erinnerung geblieben. In dem Laden findet man die landestypischen Produkte, nur sind sie unmäßig teurer, weil eben „Bio“ auf den Etiketten steht. Mitten im Laden befand sich eine Art Schautisch, auf dem sich Gebäck stapelte. Es gab solch exotisches Backwerk wie Quinoa-Cookies und deutsches Roggenschrotbrot. Wir entschieden uns für das Roggenbrot – nicht, weil wir unbedingt jeden Tag deutsches Brot essen müssten, sondern weil es einfach eine Abwechslung im Weißbrot-Einerlei darstellt. Mein Frau, obgleich Ecuadorianerin von Geburt, hat sich während der Jahre, die sie in Deutschland verbrachte, derart an Roggensauerteig gewöhnt, dass sie nicht mehr ohne leben kann. Roggen ist hierzulande nur schwer zu bekommen und so exotisch wie vielleicht Quinoa in Deutschland. Der Besitzer des Bioladens jedenfalls wusste damit nicht viel anzufangen. Er wog das Brot und stellte fest, dass es ganz schön schwer sei, und in der Tat hatte man den Eindruck, man hielte einen Ziegelstein in der Hand. Dafür schmeckte es umso besser, wie richtiges gutes Bäckerbrot. Für meinen Geschmack hatte der Bäcker jedoch viel zu viel Leinsamen an den Teig gegeben, aber es war dennoch ein sehr gutes Brot. Selbst mein Sohn, der sich sonst nicht viel aus Brot macht, langte ordentlich zu. In zwei Tagen hatten wir es bis auf einen Kanten aufgegessen.

Mi Ranchito

Das Lieblingsrestaurant meines Sohnes ist das „Mi Ranchito“. Eigentlich handelt es ich dabei um gar kein richtiges Restaurant. Es ist eher ein Imbiss, den der Besitzer an einer Straßenecke eingerichtet hat: eine Hausecke wurde aufgefräst und in die entstandene Lücke hat man eine kleine Theke gebaut. Das „Mi Ranchito“ öffnet seine Pforten erst um 18:00 Uhr, aber von da an ist es immer so gut wie ausgebucht – zumindest in der Hochsaison, wenn die Erholungssüchtigen aus der Sierra nach Bahía strömen. Das Restaurant hat keinen Gastraum, Tische und Stühle werden jeden Abend direkt auf den Bürgersteig gestellt. Das beeinträchtigt das Geschäft nicht im Geringsten, denn in Bahía ist es immer so warm, dass man das ganze Jahr in Shorts und Flipflops herumlaufen kann. Die etwas strenge Kleiderordnung, wie man sie aus Quito kennt – lange Hose, geschlossene Schuhe, Hemd und Jacke – entfällt hier und selbst die Leute aus der Sierra, die als etwas steif gelten, entledigen sich gern ihrer Kleidung, um sie gegen das legere Freizeitoutfit einzutauschen.

Das „Mi Ranchito“ ist unschlagbar billig, aber die Leute würden nicht dort essen, wenn das Essen nicht auch gut wäre. Mein Sohn schwört auf die Tacos; sie sind satt gefüllt mit Fleisch und Guacamole und angesichts der Preise beschleichen einen schon Befürchtungen hinsichtlich der Herkunft des Fleisches. Der Taco kostet drei Dollar. Das ist nicht viel, aber dafür bekommt man eine wirklich gute Portion, so dass man gesättigt vondannen geht. Ein besseres Preis-Leistungs-Verhältnis hat nur noch die Hamburguesa, der Burger. Es gibt ihn in mehreren Variationen, den einfachen Burger bekommt man schon für schlappe 1,50 Dollar. Der Burger Mi Ranchito mit allem kostet 2,75 Dollar und dafür bekommt der hungrige Gast zwei Scheiben Fleisch, Gurken, Salat, Tomaten, Zwiebeln, Ham, Käse und sogar noch ein Spiegelei obendrauf und das alles in einem wirklich leckeren Brötchen (keinem Industriebrot, wie bei den Burgerketten üblich). Und alles schmeckt wirklich frisch und knackig.

Das Spiegelei im Burger ist übrigens typisch ecuadorianisch, passt aber ganz hervorragend zu den anderen Zutaten. 1992 habe ich in Guayaquil, der quirrligen Hafenstadt am Pazifik, zum ersten Mal einen Burger mit Spiegelei genossen. Meine Frau hatte mir davon erzählt, aber ich konnte nicht glauben, dass man soetwas essen wolle. Ich erinnere mich, der Burger war so groß, dass ich ihn mit beiden Händen festhalten musste und dass ich ihn am Ende nur mit Mühe und Not geschafft habe, was aber an der Hitze gelegen haben mag. Und er war gut, richtig gut. Ich habe mir später in Berlin immer wieder Burger mit Spiegelei gebraten – nach einem harten Workout an den Eisen genau das, was der Körper braucht.

Die Hamburguesa im „Mi Ranchito“ hat etwa die Größe eines Doppelwhoppers, ist aber etwas höher und wird in einer kleinen Tüte serviert, so dass die Soße nicht auf die Finger kleckert. Der Hamburger schmeckt phantastisch, wie ein guter Burger eben schmecken soll: Das Fleisch ist saftig und der Käse zieht lange Fäden, wenn man hineinbeißt. Selten habe ich einen so guten Burger für so wenig Geld gegessen. Ginge es nach meinem Sohn, würden wir jeden Abend ins „Mi Ranchito“ gehen. Ich kann ihn gut verstehen.

Auf der Suche nach Bequemlichkeit

An einem Sonnabend wollten wir uns nach Matratzen, Betten, einem Kühlschrank und einem Fernseher umsehen – kurz, nach allem, was das Leben komfortabel und lebenswert macht. Zunächst suchten wir nach einer Möglichkeit, preiswert drei Matratzen für uns zu kaufen, denn teuer bekommt man sie immer. Die Kunst besteht aber darin, die Sachen billig zu bekommen, oder zumindest billiger als anderswo. Und in der Kunst, etwas billiger zu kriegen als anderswo, darin ist der Ecuadorianer Meister. Ich muss erwähnen, dass meine Frau, obwohl sie schon sehr lange in Deutschland lebt, geborene Ecuadorianerin ist, und demzufolge in diese mir verschlossene Kunst vollständig eingeweiht ist.

Als wir los wollten, trafen wir unseren Nachbarn, der uns zwei Tage zuvor den Schlüssel zur Wohnung ausgehändigt hatte. Er gab uns ein paar Tipps, wo wir suchen sollten und wie wir schnell dorthin gelangen könnten, denn zwar ist meine Frau Ecuatorianerin, aber sie stammt nicht aus Quito. Ich hatte einen Rucksack mit einer Kamera dabei und der Nachbar riet, die Kamera in jener Gegend, die wir beabsichtigten zu besuchen, sicherheitshalber nicht hervorzuholen; auch sollte ich mir den Rucksack vor den Bauch hängen und vor allem immer gut festhalten. Ich war so verunsichert, dass ich mir schwor, mir seinen Rat zu Herzen zu nehmen.

Wir fuhren mit dem Bus. Ein Fahrt kostet nur 25 Cents, aber dafür kann man ein Abenteuer erleben. Nicht nur fährt man für nur einen Vierteldollar von einem Ende der Stadt bis zum anderen, unterwegs kann man auch erfahren, was sportliches Fahren eigentlich bedeutet. Wenn man einen Stehplatz hat, ist es ratsam, sich stets mit beiden Händen gut festzuhalten, sich breit hinzustellen und leicht in die Knie einzufedern. Die Kurven werden von den Fahrern, die den aggressiven Fahrstil bevorzugen, grundsätzlich mit Vollgas genommen, und wer sich nicht gut festhält, wird gegen die Scheibe geschleudert. Anders als in Berlin, fährt man immer noch mit der traditionellen Knüppelschaltung und die meisten Busfahrer geben nach dem Schalten so hart Gas, dass ihr Gefährt formlich einen Satz nach vorn macht. Wer sich nicht festhält, landet unweigerlich auf dem Hosenboden.

Das Ein- und Aussteigen an sich ist schon ein Abenteuer, denn die Busse stoppen an den Haltestellen immer nur kurz und der Fahrgast, der das Pech hat, als Letzter einzusteigen, ist nicht selten gezwungen, auf den fahrenden Bus aufzuspringen, um überhaupt noch mitzukommen. Damit es keine Verzögerungen an den Haltestellen gibt, öffnen die Fahrer oft schon vorher die Türen, während der Bus noch mit Höchstgeschwindigkeit fährt, was aber auch den Vorzug hat, dass es drinnen immer schön frisch ist.

Während der Fahrt füllte sich der Bus immer mehr. Ich stand eingekeilt zwischen Menschen mit indigenen Gesichtszügen und ich kann mit einiger Sicherheit sagen, dass ich der einzige Weiße in dem ganzen Bus war. Mein Sohn ist ja zumindest halber Ecuadorianer und wenn es darauf ankommt, zählt die eine Hälfte – nicht, dass ich mir darüber je ernsthaft Gedanken gemacht hätte oder dass es für mich überhaupt wichtig wäre. Wenn man aber plötzlich merkt, dass man weit entfernt von allem ist, was man als vertraut empfindet, wird einem klar, dass die Welt größer ist, als man glaubte, und dass das, was man für den Mittelpunkt hielt, in Wahrheit nur eine Provinz unter vielen ist. Ich bin mir sicher, in diese Gegend Quitos verirrt sich nie ein Tourist, denn das ist nicht das Quito, das der gewöhnliche Tourist zu sehen wünscht.

Als wir ausstiegen, herrschte überall geschäftiges Treiben. Es war Markt, Leute verkauften Obst, Gemüse, Gewürze und alles, was man sonst so zum Kochen braucht. Eine von Baldachinen überdachte Ladenzeile mit Dutzenden Marktständen zog sich den Berg hinauf. Straßengarküchen gaben Essen aus. Man sah knusprig frittierte Truthahnflügel und kross gebratenes Schweinefleisch mit Mais und Kartoffeln, große Kessel mit deftigen Eintöpfen. Ich wäre gern noch länger geblieben und hätte auch gern fotografiert, aber ich entsann mich der Warnung unseres Nachbarn und ließ es lieber. Man starrte mir auch so schon auf Schritt und Tritt hinterher. Aber es war kein böses Starren, eher ein neugieriges, verwundertes Mustern.

Wir besuchten einen Möbelmarkt. Um eine Halle herum hatte man weitere Marktstände aufgebaut und notdürftig mit Wellblech überdacht. Das war keine Ikea-Verkaufsaustellung, denn die Möbel waren oft meterhoch gestapelt und zwischen ihnen saßen die Besitzer auf Hockern oder auf den Stühlen, die sie selbst verkauften und taxierten die Kunden. Oft wusste man nicht, wo ein Laden aufhörte und wo der nächste anfing, denn noch der letzte Quadratzentimeter war mit Ware vollgestellt. Es war gerade Mittagszeit und die meisten Besitzer saßen eingekeilt zwischen ihren Waren und ließen sich ihre deftige Mahlzeit schmecken (ich sah Schweinefleisch mit Mais und Kartoffeln). Wenn wir vorbeigingen, hoben sie die Köpfe und sahen uns an, als wären wir eben einem Raumschiff entstiegen. Einen wie mich, hat man hier bestimmt noch nie gesehen.

Die Ausländer und Touristen tummeln sich zumeist im historischen Stadtkern und auf der Avenida Amazonas, in Gegenden, die von den Einheimischen halb belustigt, halb spöttisch „Gringolandia“ genannt werden. Meine Frau und mein Schwager gingen voraus, denn als „Gringos“ würden wir nur die Preise kaputtmachen. Mein Sohn ist zwar halber Latino, aber für einen Ecuadorianer ist er viel zu hell. Selbstverständlich konnte man von einem Gringo etwa für denselben Schrank mehr verlangen als von einem Einheimischen. Was macht es da schon für einen Unterschied, dass ich gar kein Gringo bin (Gringos werden für gewöhnlich nur die Nordamerikaner genannt). Aber das ist wohl historische Gerechtigkeit. Ich fand’s nur lustig, denn ich hätte mich kaum verstecken können – selbst, wenn ich es gewollt hätte – und so zu tun, als wäre ich ein Einheimischer, war aus naheliegenden Gründen ebenfalls ausgeschlossen. Genauso gut hätte ich mir gleich ein pinkfarbenes Eisbärkostüm anziehen können. Damit hätte ich auch nicht mehr Aufmerksamkeit auf mich gezogen, als ich ohnehin schon genoss.

Zwar kauften wir nichts, aber andere kauften und so wurden ständig Waren aus dem Markt herausgetragen. Das Schleppen übernahm ein Träger. Er war mindestens sechzig Jahre alt und nur halb so groß wie ich. Trotzdem lud er sich unglaubliche Lasten auf die Schultern. Ich sah mit eigenen Augen, wie er eine ganze Schrankwand schulterte, als wäre es nichts. Seine Last war mindestens doppelt so groß wie er selbst. Und dann, nachdem er sie sich aufgeladen hatte, preschte er mit kleinen Trippelschritten los, seine Last geschickt zwischen den Möbelbergen hindurchbalancierend; im Laufschritt fegte er durch die engen Gänge. Wenn ihm ein Kunde im Weg stand, forderte er ihn freundlich auf, beiseite zu treten. Ich halte mich nicht für einen Schlappschwanz, aber hätte ich auch nur für einen Tag tun müssen, womit dieser Mann sich wahrscheinlich schon sein ganzes Leben lang abplagt, wäre ich am Abend zusammengebrochen und mein Rücken wäre ruiniert.

Wir fuhren mit dem Bus zurück. Die Pfennigfuchser unter uns hatten haarscharf kalkuliert: Eine Busfahrt schlug mit 25 Cent pro Person zu Buche; wir waren vier, also zahlten wir einen Dollar. Eine Taxifahrt hätte zwei Dollar gekostet. Sparen kann so einfach sein! Beim Ausstieg wurde so gedrängelt, dass man Angst hatte, einem würden die Kleider vom Leib gerissen. Eine Frau hatte sich ihr Baby mit einem Tuch auf den Rücken gebunden, doch sie ging nicht weniger zielstrebig als die anderen daran, sich ihren Weg durch die Menge zu bahnen. Dann, als sie sich in einen Durchgang schob, stieß sich das Kleine den Kopf so heftig am Türrahmen, dass es „Boing“ machte. Doch das Baby schlief einfach friedlich weiter. Vom Bus ging es durch eine Schleuse, an welcher der Vierteldollar für die Fahrt zu entrichten war. Mein Sohn fand das spaßig und vergaß, das Geld in den Schlitz zu werfen. Ein Polizist wies ihn sogleich streng zurecht; reumütig ging er zurück und warf die Münze ein. Erziehung braucht manchmal eben doch Autorität.

Zu Mittag aßen wir in einem kleinen Restaurant mit Namen Café Ambassador: Lange schwere Holztische und Bänke, die Türrahmen mit Schnitzwerk versehen, die Decke von Holzbalken gestützt – man hatte den Eindruck, man befinde sich in einem bayerischen Traditionswirtshaus. Serviert werden einfache Gerichte. Ich hielt mich an das, was ich kenne und bestellte Churrasco. Das ist eine gegrillte Scheibe Rindfleisch, dazu zwei Spiegeleier, die darüberdrapiert werden. Reis und eingelegte Babykartoffeln dienen als Beilagen. Dazu trinkt man am besten ein Bier und ich bestellte mir gleich eins der Marke „Club“. In Ecuador gibt es zwei bekannte einheimische Biermarken. Die eine ist „Pilsener“, die andere „Club“. Beide schmecken sehr gut und brauchen den Vergleich mit europäischen Bieren nicht zu scheuen. Ich finde allerdings, das Pilsener hat ein wenig zu viel Kohlensäure und daher halte ich mich lieber an das Club.

Das Essen ist von wirklich sehr guter Qualität. Das Lokal selbst ist sehr sauber und sieht ordentlich aus; ich glaube nicht, dass man Angst haben muss, sich den Magen zu verderben. Man muss auch nicht lange auf sein Essen warten: Man bestellt am Tresen und bezahlt. Dann bekommt man eine Nummer ausgehändigt (ein kleiner Holzwürfel mit einer Zahl darauf), die man auf den Tisch stellt. Schon nach kurzer Zeit ist die Bedienung da und bringt das Essen. Es muss alles schnell gehen, denn die Leute, die hier essen, sind zumeist Angestellte aus den umliegenden Büros und Geschäften. Sie würden wohl kaum ihre kostbare Mittagspause damit verschwenden wollen, auf ihr Essen zu warten. Das Essen selbst ist sehr gut, und für solch ein exzellentes Essen zahlt man einen geradezu lächerlichen Preis. Das Almuerzo, also das Tagesgericht, kostet immer 3,50 Dollar. Dafür bekommt man Fleisch oder Fisch mit Soße, Kartoffeln oder Kartoffelbrei, Reis und Salat. Vorweg gibts noch eine Suppe und anschließend ein kleines Dessert, in diesem Fall ein Stück Bananenkuchen. Das Churrasco kostete übrigens 5,50 Dollar, aber auch das ist nicht viel für einen vollen Mittagsteller. Man ist pappesatt und gut schmeckt es auch. Touristen sieht man hier übrigens auch nicht.