Alles ist noch viel schlimmer als zunächst angenommen. Man hätte sich damit abfinden können, dass Häuser eingestürzt und Straßen zerstört sind, aber wir hören hier in Quito von immer neuen Opferzahlen und von schrecklichen Tragödien, die einem das Herz zerreißen und die einen am Ende einfach nur sprachlos zurücklassen. Aber was könnten Worte auch ausrichten angesichts all des Schrecklichen? Es ist nur schwer erträglich, das Leiden und Sterben der Menschen mit ansehen zu müssen und nichts dagegen tun zu können. Doch Quito ist weit entfernt vom Ort der Katastrophe und das Leben hier geht seinen gewohnten Gang, nicht anders als in einer Stadt jenseits des Ozeans, zehntausend Kilometer entfernt.
Da man die Toten noch nicht aus den Trümmern hat bergen können, denn noch immer fehlt es vielerorts an schwerem Räumgerät, liegt mittlerweile der Geruch von Tod und Verwesung über den zerstörten Städten. Wer mit dem Leben davongekommen ist, muss jetzt ums Überleben kämpfen. Vielerorts gibt es auch Tage nach der Katastrophe kein Wasser, keine Nahrung und keine Hilfe für die Eingeschlossenen. Die Menschen sind auf sich selbst gestellt. Doch sie kämpfen nicht nur gegen die Unbilden der Natur, zu allem Unglück sehen sie sich fortwährend den Angriffen von Kriminellen ausgesetzt. Man hört immer wieder von Überfällen und es muss als wahrscheinlich gelten, dass gerade jetzt, da das Erdbeben nicht nur Häuser ins Wanken gebracht hat, sondern auch die öffentliche Ordnung, viele Verbrechen verübt werden, von denen man vielleicht nie erfahren wird.
Ich habe gehört, dass das „Bambú“ zerstört wurde. Gewissheit habe ich jedoch nicht, denn es fehlen noch immer verlässliche Nachrichten. Einige Anhaltspunkte geben Bilder, die jüngst über Facebook veröffentlicht wurden. Auf ihnen sieht man dort, wo das „Bambú“ einst stand, nur noch ein Trümmerfeld. Das „Bambú“ ist einer der magischen Orte auf der Landkarte meiner Erinnerung. Wir haben viele schöne Stunden dort verbracht und als ich hörte, dass es nun fort sein soll, fühlte es sich so an, als hätte man mir meine Erinnerungen gestohlen.
Es tut weh, Orte, die einem etwas bedeuten, einfach verschwinden zu sehen. Man empfindet es als unfair und ungerecht und wenn man nur lange genug darüber nachdenkt, geben Betroffenheit und Trauer manchmal sogar dem Zorn nach. Aber wann hätte Zorn Dinge je wieder in Ordnung gebracht? Und wann hätte die Welt sich um Gerechtigkeit geschert? Welche Gerechtigkeit wird denen zuteil, die alles verloren haben? Und ist es etwa gerecht, dass so viele Menschen sterben mussten?
Man kann sich keine Vorstellungen von den Zerstörungen machen, die Canoa und auch die anderen Städte an der Küste heimgesucht haben. Canoa war immer ein fröhlicher Ort mit einem gewissen Laissez faire. In Canoa konnte man entspannt seinen Beschäftigungen nachgehen und niemand neidete einem sein Glück. Es fällt schwer zu glauben, dass das Glück diesen Ort für immer verlassen haben soll. Viele Urlauber sind unter den Opfern. Sie wollten nur ein paar schöne Ferientage in der Stadt und an den Stränden verbringen. Als das Beben kam, wurden nicht wenige unter den Trümmern ihrer Hotels, der Pensionen oder Restaurants, in denen sich sich gerade aufhielten, begraben.
Ich kann gar nicht sagen, wie sehr mich das alles betroffen macht. Ich liebe die Costa und Manabí. Ich glaube, es täte mir unendlich weh, sehen zu müssen, dass vieles davon einfach ausgelöscht wurde als hätte es nie existiert. Niemand weiß, wie es weitergehen wird. Man kann so wenig tun. Die betroffenen Regionen werden wahrscheinlich noch während der nächsten Wochen und Monate mit den unmittelbaren Folgen der Katastrophe zu kämpfen haben und es ist nicht abzusehen, wann die Menschen an der Küste wieder zu einem „geregelten“ Alltag zurückfinden werden. Alle Schäden zu beseitigen, wird aber gewiss noch Jahre dauern. Die Verheerungen sind zu schwer, als dass man eine schnelle Verbesserung der Situation erwarten könnte.
Ich hoffe das Beste. Ich hoffe, dass die Menschen nicht den Mut verlieren, und ich vertraue fest darauf, dass im Angesicht der Not die Menschlichkeit und das Mitleid der Vielen die Oberhand über die Gemeinheit und Habgier der Wenigen behalten werden.