Das Verwirrende in diesem Land ist, dass einem jeder etwas anderes erzählt, wenn man doch nur eine einfache und vor allem verbindliche Antwort haben möchte. Ich kann nicht sagen, ob dahinter eine bestimmte Intention steht, oder ob die Leute nur helfen wollen und es am Ende doch nicht besser wissen. Zugegeben, das Leben läuft auch hier in ähnlichen Geleisen wie in Deutschland, aber ehe man das Wie, Wo und Wann herausgefunden hat, kann viel, viel Zeit vergehen; um in der Metapher zu bleiben: Bevor man weiß, wo sich der Bahnsteig befindet, hat man sich die Füße wund gelaufen. Und das Nervenkostüm ist auch nicht mehr in bester Verfassung, zumal es die Regel zu sein scheint, dass man erst alle Irrwege ausmessen muss, ehe man sein Ziel findet.
Wie in Deutschland müssen auch in Ecuador alle Autos in bestimmten Abständen zum TÜV. Die zuständige Stelle heißt natürlich nicht so und mir ist momentan entfallen, wie sie sich eigentlich nennt, aber im Prinzip handelt es sich um genau dasselbe Verfahren. Über die technische Güte der Untersuchung kann ich natürlich nichts sagen. Der eigentliche Unterschied zwischen Ecuador und Deutschland zeigt sich aber im Preis: Zwar ist in Ecuador, von wenigen, sehr wenigen Ausnahmen abgesehen, alles teurer als in Deutschland, aber erfreulicherweise gehört ausgerechnet die Fahrzeugüberprüfung zu diesen wenigen Ausnahmen. Schlappe 23 Dollar zahlt man für die begehrte Plakette.
Unser Autohändler machte uns darauf aufmerksam, dass die technische Überprüfung sehr wichtig sei und dass man sich viel Ärger einhandeln kann, wenn man die Sache auf die leichte Schulter nimmt und den Termin verstreichen lässt. Aus irgendeinem logisch nicht nachvollziehbaren Grund finden Polizeikontrollen auf den Straßen stets nach Einbruch der Dunkelheit statt. Wenn man also Nachts mit dem Auto unterwegs ist, kann es durchaus vorkommen, dass man zur Überprüfung der Personalien und der Fahrzeugpapiere herausgewunken wird. Wenn dann etwas nicht stimmt, kann das sehr unangenehme Folgen haben. Um jegliche Unannehmlichkeiten zu vermeiden, wollten wir den Technik-Check so bald wie möglich vornehmen lassen. Doch unser Autohändler hatte noch eine schlechte Nachricht für uns: Leider gäbe es nur wenige Stellen, die autorisiert seien, und so wäre es kein kleines Kunststück, einen Termin zu ergattern. Man müsse schon nachts um 2:00 Uhr an der Terminausgabe sein, um mit einiger Wahrscheinlichkeit einen Termin am selben Tag zu bekommen.
Das sind in der Tat überraschende Neuigkeiten. Wir waren ein wenig ratlos, was wir tun sollten. Die Zeit schien uns etwas ungewohnt und wir fragten uns, ob die staatlichen Stellen noch nie etwas von Bürgerfreundlichkeit gehört hätten. Und selbst wenn wir zu nachtschlafender Zeit vor der Werkstatt aufgetaucht wären, hätte dies bedeutet, dass wir mit einem Termin allenfalls ab 8:00 Uhr rechnen könnten. Und wer schlägt sich schon gern die ganze Nacht um die Ohren, nur für einen Werkstatt-Check? Was also sollten wir tun? Der Autohändler bemerkte unsere Ratlosigkeit und schlug uns darum etwas anderes vor: Er habe einen Bekannten, der uns einen Termin auf viel einfachere Weise beschaffen könnte, ohne dass wir die ganze Nacht dafür opfern müssten. Für die kleine Serviceleistung werde nur ein geringes Entgelt fällig, das jedoch angesichts der vermiedenen Unannehmlichkeiten jeden Cent wert sei. Die reguläre technische Überprüfung kostet 23 Dollar, ein Termin mit Ausschlafen schlüge mit ca. sechzig Dollar zu Buche. Wir entschieden uns dann fürs Ausschlafen. Nun beging meine Frau leider einen Kardinalfehler, denn sie verplapperte sich beim Chef unseres Autohändlers, indem sie arglos erwähnte, dass sein Mitarbeiter uns freundlicherweise seine Hilfe bei der Beschaffung eines Termins zur technischen Überprüfung angeboten hätte. Der Chef schien diesen Extra-Service keineswegs gutzuheißen, denn als wir unseren Autohändler das nächste Mal ansprachen und fragten, wann wir denn auf einen Termin hoffen könnten, wiegelte er nur freundlich ab und die ganze Sache verlief im Sande.
Wir machten uns schon darauf gefasst, mitten in der Nacht aufzustehen und den halben Tag wartend im Auto zuzubringen, als meine Frau zufällig unsere Vermieterin auf das Problem ansprach. Die Vermieterin ruft meine Frau öfters an, teils um sich nach dem Befinden zu erkundigen (schön, dass ein Vermieter sich so für seine Mieter interessiert!), teils um herauszufinden, ob die Wohnung noch in Ordnung ist. Solange sie von unangemeldeten Inspektionen Abstand nimmt, soll es mir recht sein. Die Vermieterin meinte, einen Termin für den Technik-Check zu erhalten, sei überhaupt kein Problem. Sie kenne eine Stelle, bei der man auch nicht lange warten müsse. Ob ich morgen um 9:00 Uhr Zeit hätte? Ich könnte sie an der Schule meines Sohnes treffen. Sie würde vorausfahren und mir den Weg zeigen. Selbstverständlich war ich einverstanden, denn ich wollte den lästigen Termin so schnell wie möglich hinter mich bringen.
Am nächsten Tag erwartete ich sie Punkt 9:00 Uhr an der Schule meines Sohnes. Gemessen am landesüblichen Zeitempfinden war sie sehr pünktlich – gegen halb zehn traf sie schließlich gutgelaunt ein und sie entschuldigte sich sogar für die Verspätung. Ich hatte damit gerechnet, dass sie sich verspäten würde, und ich gönnte ihr das halbe Stündchen, denn wer hierzulande exakt auf die Minute eintrifft, wird leicht als eine Art komischer Kauz angesehen (oder für einen Deutschen gehalten). Wir fuhren nach Valle de los Chillos; das ist ein Vorort von Quito im Südosten. Wo genau sich die Werkstatt zur technischen Überprüfung befand, kann ich gar nicht sagen, weil ich mich die ganze Zeit darauf konzentrierte, am Heck meiner Vermieterin zu bleiben, und das Navi hatte ich auch nicht eingeschaltet.
Von der Autopista gelangten wir schließlich in eine Nebenstraße. Auf der linken Seite befand sich ein Autoshop, rechter Hand lag die Werkstatt. Punkt 10:00 Uhr trafen wir ein. Ich rechnete schon damit, dass wir einige Stunden Wartezeit in Kauf nehmen müssten, denn schließlich hatte es ursprünglich geheißen, man müsse schon Nachts vor Ort sein, um überhaupt einen Termin zu bekommen. Im Autoshop gegenüber holten wir uns einen Termin – ich war verblüfft, dass es auf einmal so schnell gehen sollte. Die Mitarbeiterin des Autoshops druckte mir ein DIN-A-4-Blatt mit dem Kennzeichen und den technischen Spezifikationen meines Autos aus. Ganz unten stand groß die Uhrzeit für meinen Werkstatt-Termin: 10:45 Uhr. Für den kleinen Service entrichtete ich noch einmal zwei Dollar.
Der Werkstatt-Termin selbst verlief so, wie man es auch in Deutschland erwarten könnte: Ich fuhr auf den Parkplatz, übergab dem Angestellten den Autoschlüssel und begab mich in den Wartesaal. Nach nicht mal einer Stunde war die Überprüfung abgeschlossen und der Techniker fuhr mir den Wagen auf den Stellplatz am Ausgang. Die Formalitäten waren in ein paar Minuten erledigt. Ein anderer Mitarbeiter klebte mir den Sticker auf die Windschutzscheibe – so einfach kann TÜV sein! Vom Ausgang aus konnte ich einen Blick in die Werkstatt werfen. Es gab zehn oder zwölf Hebebühnen und zwei Dutzend Mitarbeiter wirbelten im Akkord um die Autos herum. Alles wirkte sehr ordentlich und war penibel sauber; nirgendwo sah man Öllachen oder Fettflecken, das Werkzeug war akkurat verstaut. Selbst die Blaumänner der Techniker waren mit Bügelfalten versehen und wirkten wie frisch gewaschen und gestärkt. Im Autoshop hatte ich bemerkt, dass man Termine auch im Internet buchen kann. Dann kommt man einfach vorbei und muss auch gar nicht warten. Wirklich phantastisch, dieses Internet! Warum weiß eigentlich niemand davon?