Ein Schiff und ein Versprechen

Wir steigen die 444 Stufen wieder hinab und bummeln über die Uferpromenade. Wie es die Vorsehung will, befindet sich die Tía Juanita in der Stadt und meine Frau ist so erpicht darauf, sie und ihre Cousine zu treffen, als hätte sie deren Gegenwart ein halbes Leben lang schmerzlich entbehren müssen. Es scheint, man unternimmt nur deshalb weite Reisen, um immer wieder dieselben Menschen zu treffen, nur eben an verschiedenen Orten. Die Begegnung hat etwas von einem hochoffiziellen Regierungstreffen an sich und erst nachdem den Formalitäten, nach denen ein solch offizielles Treffen verlangt, Genüge getan ist, dürfen wir unseren Weg fortsetzen.

Nicht weit entfernt liegt die „Guayas“ am Kai vertäut, das Segelschulschiff der ecuadorianischen Marine. Das trübe Wasser des Flusses bewegt sich träge um ihren Bug. Blätter, Zweige und manchmal ganze Stämme treiben langsam am schlanken Rumpf des majestätischen Schiffes vorbei. Die „Guayas“ ist ein schönes Schiff, aber vielleicht empfindet man es nur so, weil Segelschiffe wie kaum ein anderes von Menschenhand geschaffenes Vehikel zum Sinnbild für Abenteuer und Romantik geworden sind. Zwar gehören diese Dinge einer fast vergessenen Vergangenheit an, genauso wie die Blutrache und der Frauenraub, dennoch glaubt man sie in diesem stolzen Schiff aufs Schönste verkörpert zu sehen.

Hin und wieder gibt sich die Marine die Ehre und dann darf man das Schiff sogar betreten. Alle sind herzlich zur Besichtigung eingeladen, auch solche ausgewiesenen Landratten wie wir. Der Kapitän und seine Offiziere begrüßen die Besucher an der Gangway. In ihren weißen Galauniformen erwecken sie ein wenig den Eindruck, sie hätten sich soeben vom Set der Serie „Love-Boat“ davongestohlen. Während der Kapitän jeden Besucher militärisch knapp mit Ehrenbezeugung und die Damen sogar mit Handkuss begrüßt, passt die Mannschaft auf, dass sich keiner der Besucher unter Deck verirrt – wahrscheinlich ist man nicht mehr dazu gekommen, die Kajüten aufzuräumen. Und wer es doch wagen sollte, die geheiligten Gesetze der christlichen Seefahrt zu brechen, wird eben Kiel geholt.

Anlässlich meiner ersten Reise nach Ecuador im Jahre 1992 bot sich uns die seltene Gelegenheit zu einem Rundgang auf der „Guayas“. Leider können wir das Schiff an diesem Tag nur vom Ufer aus bestaunen. Der Anblick ist wirklich beeindruckend. Wie erst muss es sein, wenn das Schiff unter vollen Segeln durch die Wellen gleitet!

Wir sind am Ende unserer Besichtigungstour und die Zeit drängt wieder einmal unerbittlich. Bis zum Abend wollen wir in Cuenca sein. Wir nehmen ein Taxi zurück zum Hotel, wo der Wagen auf einem sicheren Parkplatz schon startbereit auf uns wartet. Sich mit dem eigenen Auto durch den dichten Verkehr zu quälen, käme angesichts der zu erwartenden Strapazen einer Strafe gleich. Das Taxi kostet nicht einmal zwei Dollar und außerdem kennt der Fahrer den Weg (ich aber nicht).

Wir verstauen ein paar letzte Gepäckstücke im Wagen und dann rollen wir auch schon Richtung Cuenca, neuen Abenteuern entgegen. Doch als wir von Guayaquil Abschied nehmen, sind wir ein wenig traurig. Ich empfinde Wehmut, jener Stadt Lebewohl zu sagen, die ich doch eben erst zu entdecken begonnen habe, deren Duft und deren Klang ich gerade erst kennenlernen durfte. Es ist ein Abschied, der das Versprechen einer Rückkehr heraufbeschwört: Wir werden wiederkommen, irgendwann, und dann werden wir mehr Zeit haben, die große, verlockende und aufregende Stadt am Río Guayas zu entdecken.

Ein Friedenskuss zum Neuen Jahr

Am Abend des letzten Tages im Jahr waren wir gleich zweimal eingeladen: einmal bei der Madrina (also der Patentante meiner Frau) und dann bei der Tía, der Tante, der ich bei der Zubereitung des Truthahn geholfen hatte. So ein Silvesterabend ist in Bahía eine ganz beschauliche Angelegenheit: Man stellt Stühle vor das Haus, auf denen dann die Gäste zwanglos platziert werden. Es gibt Speisen und Getränke, man unterhält sich oder lauscht einfach nur der Musik. Fast immer feiert man mit der Familie.

An diesem Abend hatte Julio, der Mann der Madrina, ein paar Flaschen guten chilenischen Wein mitgebracht. Zu Essen gab es, ganz dem Brauch entsprechend, natürlich Truthahn und Condumio. Condumio ist eine gehaltvolle und traditionell zu Truthahn gereichte Soße, die so dick ist, dass man sie auf den ersten Blick für ein Frikassee halten könnte. Man bereitet Comdumio aus Weißbrot, Wein, Walnüssen sowie Gewürzen zu. Die Soße schmeckt leicht süßlich und passt ausgezeichnet zum Truthahnbraten. Ich trank an diesem Abend drei Gläser von dem exzellenten Rotwein, den Julio mitgebracht hatte, aber ich aß nicht allzu viel, da wir ja auch noch bei der Tante eingeladen waren. Mitten auf der Straßenkreuzung verbrannten derweil knisternd die Reste einer Silvesterfigur. Manchmal krachte das Holz in der Glut und dann stoben Funkengarben in den dunkelpurpurnen tropischen Nachthimmel.

Im Haus der Tante hatte sich zur selben Zeit die andere Hälfte der Familie versammelt. Der Truthahn war bereits tranchiert und selbst noch das letzte Fitzelchen Fleisch war fein säuberlich von den Knochen gelöst worden, als hätte eine Ameisenarmee erst kürzlich den Kadaver gesäubert. Die Gäste lobten das Essen und die Tante erklärte ihnen, ich hätte den Truthahn zubereitet. Das war natürlich eine maßlose Übertreibung, denn mein Anteil an der Vorbereitung dieses Essens bestand in kaum mehr, als den Puter in den Ofen zu schieben. Das ungerechtfertigte Lob war mir nachgerade peinlich und ich wies die fremden Lorbeeren umgehend zurück, indem ich erklärte, dass die Tante ganz allein gekocht und ich ihr beim Truthahn nur ein wenig assistiert hätte. Aber in der Tat war der Braten gut gelungen: Das Fleisch war wunderbar saftig und weich, was aber nicht zuletzt daran gelegen haben mag, dass die Tante einen Puter von guter Qualität gekauft hatte. Eine Spur Thymian rundete das Aroma perfekt ab.

Am Rande des Familienmahles kam ich mit Vladir ins Gespräch. Vladir ist der Ehemann einer Cousine meiner Frau. Er spricht sehr gut Englisch, so dass wir tatsächlich ein Gespräch führen konnten, denn mein mehr als dürftiges Spanisch gestattet mir nicht einmal die einfachste Konversation, ohne dabei ins Stottern zu geraten. Vladir fragte mich nach dem Rezept für den Truthahn, und ich fühle mich zum wiederholten Male bemüßigt zu erklären, dass nicht ich, sondern die Tante ganz allein gekocht hätte. Nachdem ich dies klargestellt hatte, weihte ich ihn in das „Geheimnis“ ein. Seine Frage rührte mehr aus beruflichem denn aus privatem Interesse her, denn Vladir hat erst kürzlich eine Ausbildung zum Koch abgeschlossen.

Vladir hat jahrelang in der Computerbranche gearbeitet. Später verlegte sich die Familie darauf, eine exklusive Privatschule zu betreiben. Dazu kaufte man im Zentrum Bahías ein leerstehendes Hotel – die Vorbesitzer hatten den Betrieb aus finanziellen Gründen einstellen müssen –, baute das ganze Objekt zur Schule um und stattete diese großzügig mit aller erdenklichen Technik sowie mit dem neuesten Lehrmaterial aus. Mit hochfliegenden Erwartungen nahm man den Betrieb auf.

Was sich zunächst erfolgreich anließ, entpuppte sich aber schon bald als ein finanzieller Alptraum: Um die laufenden Kosten decken zu können, war man auf den regelmäßigen Eingang der Schulgelder angewiesen. Doch je länger der Schulbetrieb andauerte, als umso katastrophaler erwies sich die Zahlungsmoral der Leute, die den Ehrgeiz hatten, ihre Kinder auf eine exklusive und vor allem teure Privatschule zu schicken. Und da man die säumigen Zahler nicht alle auf einmal der Schule verweisen konnte, denn unter einer kritischen Anzahl an Immatrikulierten wäre der Betrieb nicht mehr tragfähig gewesen, geriet man immer mehr in eine Zwickmühle. Irgendwann war abzusehen, dass das Projekt, mit dem man so große Hoffnungen verbunden hatte, in ein finanzielles Desaster führen würde. Und so entschied man nach einiger Zeit, dass es das Beste wäre, den Schulbetrieb einzustellen. Die Schule wurde abgewickelt und man beratschlagte, was nun geschehen soll. Am Ende beschloss man, das Objekt wieder in das Hotel zurückzuverwandeln, als das man es ursprünglich gekauft hatte.

Seit der Eröffnung des „Buenavista Place“ könne man über mangelnden Zuspruch nicht klagen. In der Saison sind die Zimmer laut Vladir fast immer vollständig ausgebucht und auch den Rest des Jahres liefen die Geschäfte exzellent. Demnächst möchte man auch noch ein Restaurant eröffnen, um noch mehr zahlende Gäste anzulocken. Die erste Hürde hin zum eigenen Lokal hat Vladir schon einmal gemeistert – die Ausbildung zum Chef. Er taucht dann auch gleich den kleinen Finger ganz fachmännisch in das Butterfett aus dem Bräter, kostet und nach kurzem Nachdenken improvisiert er, wie er das durch den Braten aromatisierte Fett weiterverarbeiten würde.

Das „Buenavista Place“ ist übrigens ein sehr schönes Hotel und vor allem ist es ein modernes Hotel, denn es wurde ja erst kürzlich komplett neu aufgebaut. Wenn man die Lobby betritt und der Rezeptionist, in der Regel ein Mitglied der Familie, einen freundlich empfängt, fühlt man sich sofort wie Zuhause, was auch nicht verwunderlich ist, denn das Haus wird als reines Familienunternehmen geführt und alle, die hier arbeiten – sei es bei der Zimmerreinigung, sei es an der Rezeption, sei es in der Verwaltung –, sind mit Herzblut dabei. Auf der hoteleigenen Website kann man sich selbst ein Bild machen.

Das „Buenavista Place“ ist unübertroffen günstig gelegen: Direkt im Herzen Bahías, erreicht man alle sehenswerten Orte und auch die herrlichen Strände bequem zu Fuß. Und ein Spaziergang durch Bahía lohnt sich allemal! Wer nach Bahía kommt und im „Buenavista Place“ logieren möchte (vorausgesetzt, es sind noch Zimmer frei), darf gern erwähnen, dass er den Tipp von Henry hat. Vielleicht gibt es ja einen Descuentito, einen kleinen Rabatt. Dass ich quasi zum Feilschen angestiftet habe, muss freilich nicht erwähnt werden.

Wir unterhalten uns noch ein wenig über das Land, die Leute und über Politik. Vladir meint, der Unterschied zwischen dem Ecuador von 1992, als ich das Land zum ersten Mal besuchte, und dem Ecuador von Heute sei so groß, dass man kaum glauben könne, es handele sich um dasselbe Land. Ich muss ihm Recht geben. Allein in den letzten acht Jahren haben solche einschneidenden Veränderungen stattgefunden, dass die Generation der heute Sechzehn- oder Achtzehnjährigen ihre Heimat wohl kaum in dem rückständigen Flecken von damals wiedererkennen würde, der wie eine Insel der Ahnungslosen vom Rest der Welt abgeschnitten war. Doch nicht einmal an den entferntesten Enden der Erde könnte man sich noch verstecken vor einer Welt im Globalisierungsrausch. Einen Großteil des phänomenalen Erfolges wird man jedoch dem derzeitigen Präsidenten und seiner Regierung zuschreiben müssen, und die meisten Ecuadorianer sehen das genauso, übrigens auch die, die sich nicht unbedingt für Unterstützer der Regierung Correa halten.

Kritiker des Präsidenten werden freilich nicht müde zu behaupten, die gigantischen Infrastrukturprojekte, die Gründung ganzer Universitätsstädte, die Justiz-, Steuer- und Bildungsreformen seien nur auf Pump finanziert und hätten das Land an den Rand des Bankrotts gebracht. Als Kronzeugen bietet man immer wieder gern die ganze abgehalfterte Garde der Ex-Präsidenten auf, die sich dann auch mehr oder minder feindselig äußert. Doch bei der Frage, warum man beispielsweise Straßen, Schulen und öffentliche Einrichtungen über Jahrzehnte einfach verfallen ließ, während man den Wohlhabenden praktisch die Steuern schenkte, winden sie sich wie die Zitteraale. Aber als mit allen Wassern gewaschene Politprofis sind sie dann doch clever genug, sich im letzten Moment in irgendeine populistische Floskel zu retten.

Vladir meint, im Grunde gäbe es keine echte Alternative zur derzeitigen Regierung und ihm sei ein wenig bange für die Zeit nach der Präsidentschaft des gegenwärtigen Amtsinhabers. Denn es könne gut sein, dass viele der fortschrittlichen Entwicklungen, die in den letzten Jahren mühsam in die Wege geleitet wurden, wieder gestoppt werden. Ich möchte ihm nicht widersprechen, aber ich kann die Zukunft des Landes auch nicht als allzu düster empfinden, zumal die meisten der positiven Veränderungen mittlerweile so fest Fuß gefasst haben, dass es unmöglich scheint, sie wieder zu beseitigen, ohne einen Sturm des Protests zu entfachen und vor allem ohne auf den entschlossenen Widerstand der Bevölkerung zu treffen. Und wie man weiß, wurden in Ecuador schon Regierungen allein durch den Aufruhr der Straße gestürzt.

Die letzten Minuten des alten Jahres verstreichen und bald ist es Mitternacht. In meiner Heimatstadt Berlin erwartet man, dass um diese Zeit das Feuerwerk losbricht. Der nächtliche Himmel ist dann erfüllt vom grellen Farbenglanz der Illuminationen. Das Donnern der Raketen und Böller ist ohrenbetäubend. Mit Schlag Mitternacht setzt das Krachen ein, und zwar so plötzlich und in solcher Stärke, dass man glaubt, die Feldartillerie einer Invasionsarmee beschieße das Stadtzentrum; ein nicht endendes Stakkato aus Explosionen rollt über die Dächer, die Fensterscheiben erzittern und Pulverdampf liegt schwer in der Luft. In manchen Jahren zischten die Raketen in einem wahren Hagelsturm an den Fenstern vorbei, und man traute sich kaum, den Balkon zu betreten, weil man fürchten musste, wie eine Schießbudenfigur abgeknallt zu werden. Die Leute sind verrückt, aber Silvester ist eben nicht Silvester, wenn man nicht ein Vermögen für die Knallerei ausgibt.

In Bahía ist es ruhig. Es ist das ganze Jahr ruhig und auch in den letzten Sekunden des Jahres geht es nicht anders zu als an einem beliebigen Tag – von Knallerei, Partystimmung und Suff keine Spur. Die Leute erwarten das Ende des Jahres gefasst und zumeist nüchtern. Alkoholische Getränke werden in so homöopathischen Dosen genossen, dass es schon die große Ausnahme ist, wenn jemand, so wie Julio, gleich mehrere Flaschen Wein zum Essen mitbringt und die anderen Gäste auch noch zum Trinken animiert. Würde man sich nicht durch einen Blick in den Kalender und auf die Uhr vergewissern, dass das Jahr in wenigen Minuten endet, könnte man glauben, einer gewöhnlichen Reunión, einem zwanglosen Familientreffen, beizuwohnen. Eigenartige Gedanken schießen mir durch den Kopf und ich fühle mich einen Augenblick lang in Bradburys „Last Night of the World“ versetzt: Die Menschen wissen, es gibt keinen Morgen, denn die Welt wird in dieser Nacht untergehen, doch sie verhalten sich in der allerletzten Nacht auf Erden nicht anders als in allen Nächten zuvor.

Die Welt geht natürlich nicht unter, nicht in dieser Nacht und auch nicht in den paar Milliarden Nächten, die noch folgen werden. Und auch Bahía wird noch lange bestehen und seine Bewohner werden sich noch unendlich vieler ruhiger Abende erfreuen können. Doch dann ist es endlich Mitternacht, aber ohne Uhr würde man den Zeitpunkt glatt verpassen, so still ist es. Und nun erheben sich die Gäste feierlich von ihren Stühlen, umarmen und küssen einander und wünschen sich ein glückliches Neues Jahr. Für einen kurzen Augenblick habe ich das Empfinden, ich hätte mich in eine katholische Messfeier verirrt, wenn am Ende die Gläubigen einander den Friedenskuss geben. Ich umarme die Tante, den Onkel, drücke meine Frau an mich und gebe ihr einen dicken Kuss. Und irgendwie ist es dann doch schön – auch ohne Alkohol und Partys und buntes Raketenfeuerwerk.

Familientreffen

Der Tag sollte noch eine Überraschung bereithalten: Irgendwann rief der Vater meiner Frau an, um mitzuteilen, dass er wieder wohlauf sei. Natürlich freuten wir uns, dass es ihm besser ging, denn schließlich ist er nicht mehr der Jüngste und mit Erkrankungen dieser Art sollte man nicht scherzen, zumal es in den tropischen Breiten Krankheitserreger gibt, mit denen Bekanntschaft zu machen, nicht sehr vergnüglich ist. Als meine Frau ihrem Vater sagte, dass wir uns gerade in Bahía befänden, verkündete er ohne eine Sekunde zu zögern, dass er noch heute zu uns kommen wolle. Wir könnten am Abend mit seinem Eintreffen rechnen.

Das war nun wirklich eine Überraschung und ein seltenes Beispiel blitzartiger Genesung. Meine Frau grübelte so angestrengt, dass ich ihre Gedanken förmlich hören konnte. Sie fragte sich, was der Entschluss ihres Vaters wohl zu bedeuten hätte. Anders als Männer, behaupten Frauen ja immer (und besonders gern hinterher), Vorahnungen zu haben, und ich glaube, wenn es ihr möglich gewesen wäre, hätte sie alles rückgängig gemacht. Aber jetzt war es heraus und wir konnten dem Schwiegervater, da er so guter Stimmung war, wohl kaum raten, er solle lieber in Santo Domingo bleiben. Das ungute Gefühl aber wollte nicht verfliegen.

Wir verabredeten uns für den Abend im „Muelle Uno“. Das ist ein Restaurant an der Buchtseite der Stadt, direkt am Wasser gelegen, und der Name ist auch passend, denn er bedeutet nichts anderes als Pier. Viele Restaurants der Stadt liegen direkt an der Bucht – die See ist viel ruhiger als an der Pazifikseite und die besorgten Restaurantbesitzer fürchten zu Recht die Naturgewalten. Sturmfluten haben immer wieder die Uferpromenade unter Wasser gesetzt und Palmen fortgerissen. Auf der Pazifikseite gibt es an der Promenade, die direkt am Strand vorbeiführt, eigentlich nur ein Restaurant. Von weitem würde man den schlichten weißen Bau für eine Strandbar halten, doch gibt es dort den besten Langustensalat an der ganzen Küste. Das Restaurant hat jeden Tag nur wenige Stunden um die Mittagszeit geöffnet – nur so lange, wie es frische Languste gibt. In der Feinschmeckerabteilung des KaDeWe müsste man für solch ein Gericht ein kleines Vermögen hinblättern. Auch hier ist das Vergnügen infolge Überfischung und gestiegener Nachfrage nicht ganz billig, aber zumindest ist es auch für den normalen Geldbeutel erschwinglich.

Als wir am Restaurant eintrafen, erwartete uns der Vater meiner Frau bereits. Er wirkte gesund und geradezu revitalisiert nach seiner kurzen schweren Erkrankung und wir wunderten uns über seine Agilität. Zu unser aller, vor allem aber zur Überraschung meiner Frau, erschien der Vater nicht allein (das war die Vorahnung!). Im Schlepptau hatte er gleich noch seinen ältesten Sohn, dessen Frau sowie deren halbwüchsige Töchter, und einen alten Freund, dessen Frau und dessen halbwüchsige Töchter. Uns begleitete nur der Cousin meines Sohnes, der Neffe meiner Frau. Insgesamt zählten wir nun zwölf Personen. Die Stimmung war fröhlich und alle schienen sich zu freuen, dass wir uns endlich einmal trafen, nachdem der Schwiegervater allen von uns erzählt hatte. Wir machten uns miteinander bekannt und heiterer Stimmung begaben wir uns ins Restaurant.

Das „Muelle Uno“ bietet vor allem lokale Gerichte in großer Auswahl. Die Küche Manabís, das ist die Küstenprovinz, in deren Zentrum Bahía de Caráquez liegt, ist abwechslungsreich wie kaum eine andere Lokalküche Ecuadors und die meisten Einheimischen halten sie für die beste des ganzen Landes. Das mag damit zusammenhängen, dass über die Jahrhunderte immer wieder fremde Einflüsse über das Meer in die Region gelangt sind. Die Bewohner der Provinz haben diese Neuheiten stets begierig aufgenommen und kreativ verarbeitet. Selbstverständlich lud der Schwiegervater alle ein. Da zeigte sich wieder ganz der großzügige Spender, der er ist, und etwas anderes hätte er auch gar nicht akzeptiert.

Die meisten am Tisch langten ordentlich zu, bestellten Grillplatten, Fischsuppen, Berge von Reis und Gemüse, dazu noch Vorspeisen und Getränke. Man hatte den Eindruck, sie hätten in Vorbereitung auf diesen Abend seit Tagen gefastet, so gewaltig waren die Portionen, die sie orderten. Ich verspürte allenfalls leichten Appetit und wollte mich deshalb mit etwas ganz Einfachem begnügen. Also bestellte ich ein preiswertes Gericht, von dem ich glaubte, man würde es in einer bescheideneren Portion servieren.

Dann kam das Essen. Man brachte mir einen Teller, der fast begraben wurde unter drei gewaltigen Scheiben gegrilltem Rindfleisch. Es war gerade noch genug Platz für den Salat. Ich wunderte mich, denn ich hatte Menestra con arroz y carne, also Linsen mit Reis und Fleisch, bestellt. Von Reis und Linsen fand sich aber keine Spur. Doch dann kam noch ein zweiter Teller, auf dem sich ein Berg Reis türmte, hoch wie der Mount Everest, der zudem noch von einem Meer aus Linsen umspült wurde. Ich fragte mich, wer es fertigbringt, solche wahnwitzigen Portionen zu verspeisen. Ein Blick auf die Teller der anderen Gäste belehrte mich, dass es in der Tat keine kleinen Portionen gab – das waren Mahlzeiten für hungrige Sumo-Ringer, nicht für Normalmenschen. Die meisten schafften nur die Hälfte, den Rest ließen sie sich einpacken. Mein Gericht hatte gerade 4,50 Dollar gekostet, aber dafür war ich jetzt auch für die ganze Woche satt. Und es war wirklich gut. Ich genoss das Fleisch mit ein wenig Ají, einer scharfen Soße aus Zwiebeln und Chili. Das Essen war so lecker, dass akutes Suchtpotential bestand, und ich musste mich regelrecht zwingen aufzuhören, ansonsten hätte ich wohl weiter gegessen bis ich geplatzt wäre.

Mein Schwiegervater ist nicht nur spendabel, sondern er ist auch ein Mann, der sich um den Zustand der Welt sorgt, und der ihre derzeitige Verfassung als nicht sehr befriedigend empfindet. Er selbst bezeichnet sich als Marxist und er ergriff freudig meine Hand – geradezu wie die eines Verbündeten –, als ich im Tischgespräch offenbarte, dass ich Atheist sei. Man wundert sich nur, dass es hierzulande so wenige wie ihn gibt. Man muss kein besonders geschultes Auge haben, um die enormen Klassenunterschiede zu sehen und die Ungerechtigkeit, auf der sie gründen. Jedermann mit einem gesunden Gerechtigkeitsempfinden erkennt, dass Veränderungen notwendig, ja, unausweichlich sind, wenn diese Gesellschaft in Frieden leben will. Man würde erwarten, dass viel mehr Menschen diese Überzeugung teilen, zumal einem die Tatsachen förmlich ins Auge springen, aber die Reichen hierzulande kümmern sich nur um ihren Besitz und sie würden ihn jederzeit und mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln gegen die berechtigten Ansprüche der Besitzlosen verteidigen.

Apropos Weltrevolution: Als waschechter Salonrevolutionär und als glühender Bewunderer der russischen Revolution hat mein Schwiegervater seinen Erstgeborenen selbstverständlich Lenin genannt. Für europäische Ohren klingt das natürlich äußerst merkwürdig, aber hierzulande sind solche aus der jüngsten Weltgeschichte entlehnten Vornamen nicht ungewöhnlich. Auf vorangegangen Reisen bin ich schon einem Stalin und sogar einem Hitler begegnet – das sind Namen, die im deutschen Standesamt alle Alarmglocken schrillen lassen würden, doch hier stört sich niemand an ihnen. Ich bezweifle sogar, dass die Mehrheit der Menschen hierzulande weiß, wer Lenin war und wahrscheinlich wüsste kaum einer etwas Gescheites über die Oktoberrevolution zu sagen. Eigenartig ist nur, dass es so wenige Bolivars oder Sucres gibt, also Menschen, die man nach den Heroen des Kontinents benannt hat. Mir ist jedenfalls noch keiner begegnet.

Es ist eine Ironie, dass Lenin, ich meine Lenin 2 (nicht den Berufsrevolutionär und Theoretiker der Weltrevolution), so gar nichts von einem Umstürzler an sich hat. Er gebärdet sich zwar wie ein linker Intellektueller und macht ganz den Eindruck eines streitbaren Salondiskutanten, aber in Wahrheit ist er ein Sybarit, wie man ihn lange suchen müsste. Als Genussmensch aus Leidenschaft verbringt er seine ganze Freizeit mit der unermüdlichen Suche nach guten Restaurants, die er dann besucht, um zum einen natürlich das gute Essen zu genießen und zum anderen um Freunde und Verwandte mit seinem nie versiegenden Redefluss zu beglücken. Menschen, die es verstehen zu genießen – die sowohl an gutem Essen als auch an der Gesellschaft anderer Menschen Gefallen finden –, sind mir allemal lieber als jene grimmigen Revolutionäre, die nur zu gern bereit wären, für den Himmel auf Erden die Menschheit durch die Hölle zu schicken.

Lenin hatte an diesem Abend übrigens eine interessante Geschichte zu erzählen: In erster Ehe war er mit einer Wittmer verheiratet, einer Nachfahrin deutscher Einwanderer. Die Wittmers hatten sich, neben anderen Deutschen, auf Floreana, einer der kleineren Inseln im Galapagos-Archipel, mit dem Ziel niedergelassen, dort nicht weniger als ein ganz neues Leben zu beginnen. Und in der Tat war es ein neues Leben, das sie auf dem öden Eiland fanden; es war nur nicht das Leben ihrer Träume. Fast alle Auswanderer waren Suchende, die auf der Insel eine Art Elysium zu finden hofften. Die meisten sind am Ende gescheitert, wenn auch manchmal erst nach Jahrzehnten. Der Traum von Autarkie und einem selbstbestimmten Leben ließ sich nicht verwirklichen. Nur die Wittmers fanden ein Auskommen: sie bauten ein Hotel. Es war eine ihrer Enkelinnen, die Lenin heiratete.

Lenin erzählte an diesem Abend noch viel über die Galapagos-Inseln und es war interessant, die Geschichte einmal aus der Perspektive ihrer Bewohner zu hören. Über Floreana und ihre deutschen Bewohner gibt es übrigens einen sehr sehenswerten Dokumentarfilm mit dem Titel „The Galapagos Affair. Satan Came to Eden“ (erschienen 2013). Eigentlich wurde ich nur wegen des Films hellhörig, als Lenin von seiner ersten Ehe zu erzählen begann und dabei erwähnte, dass seine Frau von Floreana stamme. Familiengeschichten dieser Art interessieren mich sonst eigentlich nicht.

Wir ließen den Abend in einer Strandbar nahe dem Hotel meines Schwiegervaters bei Bier und Cocktails ausklingen. Rechtzeitig kam uns in den Sinn, dass wir das Auto für die Nacht an einem sicheren Ort unterstellen mussten. Lenin erbot sich sogleich, es doch einfach bei ihm zu lassen. Er hat ein Ferienhaus in San Vicente (das ist die Stadt auf der anderen Seite der Bucht) und da wir uns ohnehin gerade hier befanden, könnten wir das Auto auch gleich dalassen. Er bot sich sogar an, uns von San Vicente nach Bahía zu fahren. Gern willigten wir ein. Lenins Haus hat einen riesigen ummauerten Hof, auf dem man mit Leichtigkeit dreißig Fahrzeuge abstellen könnte. Er meinte, das Grundstück gehöre nicht ihm, sondern einer Frau, die zur Zeit in Florida lebe. Wenn es nach ihm ginge, würde er Ferienwohnungen darauf errichten lassen und diese für gutes Geld vermieten, doch die Eigentümerin hat kein Interesse und so ist die einmalige Chance vertan. Auf dem Grundstück wuchert derweil das Unkraut.