Ex umbra in solem

Las Cuevas de Jumandy: Schon nach wenigen Metern umfängt uns die Dunkelheit wie ein Vorhang aus schwarzem Samt. Nur unsere Stirnlampen spenden jetzt noch Licht. Wir gelangen in eine Kaverne, deren Wände wie ein Kamin in die Höhe wachsen. An ihrem Grund liegt ein schwarzer Pool. Ein Wasserfall bricht sich an mehreren Felsstufen und mischt sich schäumend mit den schwarzen Wassern. Starke Strömungen wallen die Oberfläche des Pools auf. An dieser Stelle sei der Fluss vier Meter tief, lässt uns der Guide wissen. Das ist sehr beruhigend, zumal es nun gilt, das Gewässer zu überwinden. Doch kein Charon geleitet den Reisenden auf seiner Barke zum jenseitigen Ufer. Wir sind gehalten, uns selbst den Weg zu bahnen.

An einer der Felswände ist ein Seil verankert und an diesem dünnen Lebensfaden hangelt sich der Reisende hinüber, während er bis zur Brust im Wasser hängt. Als ich mich durch die schwarzen Fluten ziehe, taste ich nach dem Grund, doch wie die Füße eines Schwimmers über einer Meerestiefe finde ich nur Leere. Die Strömung ist so stark, dass man fortgerissen würde, wenn man sich nicht mit aller Kraft am Seil festhielte. Während ich mich durchs Wasser ziehe – ich bin froh, dass ich Klimmzüge übe –, fühle ich plötzlich, wie mir die Strömung einen Gummistiefel fortreißt. Ich kann nichts dagegen tun. Es ist, als würde mir ein Wal den Stiefel vom Fuß lutschen und im Bruchteil einer Sekunde ist der plumpe Treter fort, unrettbar verloren am Grunde des Styx.

Der Guide macht ein Gesicht, als hätte er Zahnschmerzen, doch ich würde jede Wette eingehen, dass man mit den Gummistiefeln, die mittlerweile am Grunde des Pools liegen, ganze Kompanien ausrüsten könnte. Ich ziehe mir den anderen Stiefel aus und laufe barfuß und dabei stelle ich fest, dass man so viel leichter und viel sicherer durch die Dunkelheit geht. Freilich muss man aufpassen, wohin man tritt, und manchmal pikt es auch ein bisschen, aber die Eindrücke vervielfachen und verstärken sich, da nun alle Sinne gereizt werden.

Die Wände sind überzogen mit dicken Krusten aus Kalkablagerungen, die an manchen Stellen aussehen wie die fleischigen Bäuche von Sepien, an anderen wie versteinerte Wasserfälle. Die Inkrustationen sind von matter Pastellfarbe und schimmern in einem hellen Fleischton. Schwarze Adern laufen durch das Gestein als wäre es Sepsis. Wir ducken uns unter stachelige Gewölbe aus Stalaktiten. In Äonen verwachsen die Tropfsteine mit ihren Schwestern, den Stalagmiten, zu Säulen, die wie die schlanken Körper korsettierter Sufragetten wirken. Kraggewölbe schießen in die Höhe – man könnte glauben, man sei im Innern eines prähistorischen Grabtumulus eingeschlossen. Im Gewölbesturz leuchtet Glimmer. Das Funkeln erinnert mich an den unterirdischen Himmel bei Jules Verne und ich hoffe, wir müssen nicht wie seine Helden durch das Innere eines Vulkans an die Oberfläche zurückkehren.

Als wir in einer größeren Kaverne anlangen, legen wir eine kurze Verschnaufpause ein. Unser Guide steht auf einem Sims hoch über uns und im fahlen Licht der Lampen wirkt er wie der stolze Krieger eines untergegangenen Volkes. Er berichtet von Jumandy. Die Geschichte ist schnell erzählt: Jumandy war der Anführer eines Aufstandes gegen die Spanier. Im Jahre 1578 erfasste die Erhebung die Region rund um Archidona. Es gelang den Rebellen, die Herrschaft der grausamen Fremden für kurze Zeit abzuschütteln, gerade so lange, wie die spanischen Herren benötigten, um frische Truppen heranzuführen. Die Erhebung endete in Feuer und Tod. Die Anführer des Aufstandes wurden nach Quito verschleppt, gefoltert und gevierteilt. Ihre Schädel stellte man jahrelang an den Mauern von San Blas aus. Zwar konnten die Spanier die Rebellen besiegen, doch die Erinnerung an die Rebellion vermochten sie nicht auszulöschen.

Der Guide bittet uns, für einen Augenblick das Licht zu löschen. Die Dunkelheit, die uns nun umfängt, ist so vollständig, dass man das Gefühl hat, man könnte sie mit Händen greifen. Man reißt die Augen auf und starrt hinein, aber man weiß plötzlich nicht mehr, ob man überhaupt noch Augäpfel hat, mit denen man schauen könnte. Mir, dem Atheisten, kommt ein kurioser Gedanke: Solche Dunkelheit muss in der Welt geherrscht haben, bevor Gott das Licht erschuf. Dann gehen die Lampen wieder an – fiat lux – und die Welt, die eben noch ausgelöscht war, ist so plötzlich wieder da, als wäre sie in diesem Augenblick erschaffen worden.

Manche Durchlässe sind so schmal, dass man sich regelrecht hindurchzwängen muss. Die Wände sind feucht und glatt wie eine schwitzende Glatze. Wenn man zwischen ihnen hindurchschlüpft, hat man in der Tat den Eindruck, man dränge sich zwischen schwitzende Körper, die sich in inniger Umarmung zu vereinen suchen. Manche Kavernen sind so flach, dass man den Kopf einziehen muss, doch hat man nie das Gefühl, die Wände würden einen bedrängen. Viel eher fühlt man sich behütet, beschützt von Tausenden Tonnen Fels, während draußen die Welt gegen einen wütet.

Ich hatte mir vorgestellt, ich würde in einen klaustrophobischen Alptraum hinabsteigen, wie er in „The Descent“ auf das Schillerndste ausgemalt wird, doch stattdessen finde ich mich in einer verzauberten Märchenwelt von anrührender Schönheit wieder. Die Bewohner dieser stillen Landschaft sind friedlich: blasse Fischlein, die flink durch die Pools schwimmen, und Spinnen, die mit ihren tentakelartigen Beinen lautlos über die Glimmerwände schreiten. Die Tiere bewegen sich dabei geisterhaft langsam wie Tiefseekrabben und wenn man sie dem grellen Licht der Lampen aussetzt, krabbeln sie einfach ungerührt weiter. Wahrscheinlich sind sie blind, wie die agilen Fische.

Wir kommen an einen weiteren Pool, in dem es wirbelt wie in einem Jakuzzi. Über eine Felskante stürzt ein Wasserfall. Unser Führer durch das Reich der Finsternis fragt uns mit einem maliziösen Lächeln, ob jemand schwimmen wolle. In diesem Augenblick könnte man ihn für den Leibhaftigen halten. Es ist fast stockdunkel und die Wasser sind schwarz wie Tinte. Man könnte höchstens einmal kurz eintauchen, denn ein Jakuzzi ist dieser See natürlich nicht, wenn er auch so brodeln mag. Außerdem habe ich den Eindruck, niemand will sich vor den Augen der anderen lächerlich machen. Vielleicht fürchtet man auch, man könnte enden wie mein Gummistiefel. Wir lehnen dankend ab. Unser Führer macht eine Miene, als sei er enttäuscht.

Ein schwacher Schein zeigt uns den Weg an die Erdoberfläche. Wir steigen dem Licht entgegen wie Gefangene, die einem lichtlosen Verlies entrinnen. Wir waren nur kurz in der Dunkelheit und doch sind unsere Augen dem Tageslicht entwöhnt. In den Mythen ist nicht vielen Reisenden eine glückliche Rückkehr aus der Unterwelt beschieden. Doch wir sind nur zu Besuch und dies ist ein Spaßbad mit Wasserrutschen und nicht die Phlegräischen Felder.

Unser Vergil führt uns sicher ans Licht: Ein Katarakt aus moosbewachsenen Felsblöcken steigt empor in den Tag. Wir klettern hinauf und schon sind wir wieder an der Erdoberfläche. Das erste, was ich sehe, ist ein Typ in quietschbunter Badehose, der seinen Selfie-Stick schwenkt, als wollte er das Bad, die Höhlen, uns und seine eigene Dummheit in ein 360-Grad-Panoramabild bannen. Ich weiß nicht, ob ich mit auf das Foto möchte, aber zumindest kann ich nun absolut sicher sein, dass ich wieder zuhause bin.

Ich gehe sofort zur Stiefelausgabe und melde pflichtschuldigst den Verlust – da bin ich ganz deutsche Sekundärtugend. Kühl gibt man mir zu verstehen, ich solle am Ausgang zehn Dollar entrichten, aber irgendwie habe ich es dann doch vergessen. Ich gräme mich nicht allzu sehr, denn ich gehe davon aus, dass man mit den Stiefeln, die mittlerweile im Pool liegen, einen regelrechten Gummistiefelgroßhandel begründen könnte.

Wir fahren weiter nach Norden und die wilde grüne Landschaft bezaubert uns so sehr, dass wir ganz melancholisch werden. Dies ist ein Abschied, doch wir hoffen, eines Tages werden wir zurückkehren. Die Straße führt durch verwunschene Wälder und über rauschende Flüsse. Die Autopista ist makellos glatt und es fährt sich darauf so sanft wie auf der Magistrale, über die der Präsident seiner allmorgendlichen Lagebesprechung entgegenrollt. Doch hier, in der Einsamkeit des Tieflandes, begegnet uns niemand – keine Touristen, keine Anwohner, nicht einmal Präsidenten. Wir sind allein, verloren im grünen Labyrinth der Flüsse, die alle zum Amazonas streben. In Baeza schwenken wir nach Westen. Bis zum Pass geht es nun stetig bergauf. Das Auto scheint sich in sein Schicksal gefügt zu haben: Als ich ihm wütend die Sporen gebe, habe ich den Eindruck, die Maschine würde unter dem Gaspedal jeden Augenblick still entschlafen.

Nachdem wir den Pass überwunden haben, gelangen wir zu dem einzigen Streckenabschnitt, an dem noch immer gebaut wird: Die Straße kerbt sich durch das Gebirge, als hätten Titanen mit gewaltigen Felshämmern einen Keil in den Horizont geschlagen. Es ist Abend geworden. Die Sonne sinkt in die Klamm als fiele sie plötzlich vom Himmel und es ist, als würden wir ihrer Bahn folgen – zuerst hinter die Berge und dann immer weiter nach Westen, bis an die Küsten Elysiums. Die Welt ist von der Magie des Abends erfüllt und die Anden entbieten uns einen letzten Gruß, ehe sie im Abendrot verglühen. Drei Tage später werden wir Ecuador verlassen.

Reise zum Mittelpunkt der Erde

Las Cuevas de Jumandy: Wir stehen unter dem Felsdach des Höhleneingangs. Glasklares, kühles Wasser umspült unsere Knöchel. Über unsere Köpfe spannt sich das Stalaktitengewölbe gleich einem Himmel aus herabstürzenden Donnerkeilen. Die Wasser gleiten plätschernd über ein Bett aus blankpoliertem Fels. Der Blick dringt kaum ein Dutzend Meter tief in die Höhle, dann verliert er sich in einer Schwärze, die den Eingang verstopft wie ein monolithischer Block Kohle. Wir warten auf den Guide, unseren Führer durch die Unterwelt, und auf weitere Teilnehmer. Der Höhlenneuling in mir will einen Moment lang tatsächlich glauben, man könnte den Untergrund allein betreten. Doch schon hier am Eingang wird klar, ohne Führer würde man sich in dem weitverzweigten Labyrinth unrettbar verirren.

Ein älteres Paar gesellt sich zu uns und dann kommt auch endlich unser Führer durch das chthonische Reich: Es ist ein junger Mann, der stolz seine indigene Herkunft herausstellt – in einem Land wie Ecuador keineswegs eine Selbstverständlichkeit. Er trägt überdimensionale Ohrstecker, aber ich glaube kaum, dass es sich um den individuellen Ausdruck eines alternativen Lebensstils nach westlicher Mode handelt, sondern wohl eher um traditionellen Schmuck. Ich wundere mich, dass er keine Gummistiefel trägt, und hätte ich geahnt, dass man eigentlich keine braucht, würde ich auf die plumpen Knobelbecher verzichtet haben. Bevor es losgeht, händigt unser Führer jedem der Teilnehmer eine Stirnlampe aus. Mit dem Licht am Kopf sieht man zwar aus wie ein Tiefsee-Anglerfisch, doch will der Reisende aus der Unterwelt wieder ans Tageslicht zurückfinden, ist ihm die Lampe so unentbehrlich wie Orpheus die Harfe.

Mit einem erwartungsvollen Kribbeln im Bauch brechen wir auf. Zuerst bedauern wir ein wenig, uns nur für die einstündige Tour angemeldet zu haben, doch am Ende sind wir froh darüber, denn obwohl ich nicht unter Platzangst leide und auch sonst keine Beklemmung in engen Räumen verspüre, hätte ich die klaustrophobische Enge keine vier Stunden ertragen mögen. Kameras sind übrigens strikt verboten (weshalb es auch keine Fotos gibt). Auf den Aufnahmen würde man ohnehin kaum etwas erkennen, denn in der Höhle herrscht vollkommene Finsternis. Einige der Teilnehmer anderer Gruppen bewahrt aber weder das offizielle Verbot noch der gesunde Menschenverstand vor der Torheit, ihre Handys mitzunehmen. Manch einer möchte nicht einmal auf den unvermeidlichen Selfie-Stick verzichten. Ich schwanke, ob ich diese Leute für ihren kühnen Nonkonformismus bewundern oder sie wegen ihrer Ignoranz verachten soll.

Unser Führer bewegt sich so sicher, als hätte er nie woanders gelebt als in diesem unterirdischen Reich. Mit den schweren Gummistiefeln ist es unmöglich, ihm in gleicher Weise zu folgen: Wie die typischen Westler, also Menschen, die die meiste Zeit ihres Lebens im Sessel verbracht haben und die ohne ihre Autos, Rolltreppen und Fahrstühle hilflos sind, stolpern wir hinterdrein. Wo wir mühsam über das chaotische Terrain klettern, schreitet unser Guide mit der Leichtigkeit eines aristokratischen Spaziergängers aus, die Arme auf dem Rücken verschränkt wie ein lustwandelnder Marquis. Behände wie ein Bergelf hüpft er von Fels zu Fels, schlüpft geschmeidig durch enge Kamine und tänzelt über handschmale Grate. Derweil tasten wir uns ächzend durch den stockdunklen Parkour.

Am Eingang wird darauf hingewiesen, dass Personen unter zehn und über sechzig Jahren der Zutritt verwehrt sei (das Schild mit der hübschen Vignette und der Aufschrift „Wir müssen draußen bleiben“ fehlt aber noch). Es ist vollkommen klar, warum man dieses Verbot erlassen hat – kaum einer, dem es nicht in den Fingern juckte, die Gelegenheit zu ergreifen, um sich der nervigen Hausplagen ein für alle Mal zu entledigen: Man beschert der frechen Brut und dem schlecht gelaunten Altenteil den Ausflug des Lebens und das Labyrinth sorgt zuverlässig dafür, dass die Probleme für immer aus dem Haus sind. Mein Sohn ist zwar älter, aber einen Augenblick lang bin ich versucht, ihn schon mal allein vorausgehen zu lassen … Ich glaube, es gibt da diesen Spruch: Was in den Höhlen passiert, bleibt in den Höhlen.

Meine Höhlenerfahrung beschränkt sich auf die Feengrotten in Thüringen, die ich als Kind besucht habe. Dort könnte man wahrscheinlich sogar mit dem Rollator hineinfahren und auf der anderen Seite des Berges wieder hinaus. Hier aber werden dem Besucher körperliche Höchstleistungen abverlangt und die Gefahren, denen man auf Schritt und Tritt begegnet, sind keineswegs gering: Das unterirdische Terrain ist wie geschaffen, um sich sämtliche Knochen zu brechen. Wer da das Gefühl hat, schon das Bücken nach der Fernbedienung sei eine artistische Meisterleistung, sollte lieber an der Oberfläche bleiben.

In Deutschland wäre solch eine Tour vielleicht gar nicht möglich – nicht aus Mangel an entsprechenden Örtlichkeiten, sondern wegen rechtlicher Vorbehalte. Wahrscheinlich müsste man erst eine fünfseitige Verzichtserklärung (in dreifacher Ausführung) unterschreiben und ellenlange Belehrungen über sich ergehen lassen. Kein Veranstalter würde seine Klienten einem derartigen Risiko aussetzen, ohne sich vorher eine wasserdichte Absicherung verschafft zu haben. Hier in Ecuador muss man nichts unterschreiben und auch Belehrungen unterbleiben, aber ich habe dennoch meine Zweifel, ob man deshalb gleich einen Hubschraubernottransport ins nächste Krankenhaus spendiert bekäme … Die Höhlen sind der perfekte Ort für Angstpsychosen vielfältigster Art.

Immer wieder Canoa

Am 3. November ist die ganze Stadt auf den Beinen, um sich die Parade anlässlich der Erhebung Bahías zum Kanton im Jahre 1875 anzuschauen. Der Aufzug hat Tradition und die Einwohner der Stadt säumen nicht nur die Uferpromenade, auf der die Parade stattfindet, sondern nehmen selber in großer Zahl am Umzug teil: Jede Schule marschiert mit einer eigenen Abordnung. Schüler und Lehrer haben sich herausgeputzt, um auf diesem wichtigen gesellschaftlichen Ereignis zu glänzen. Die Parade dauert den ganzen Vormittag, denn jede noch so kleine Behörde oder Institution entsendet ihre Teilnehmer. Man sieht die Bomberos, die örtliche Feuerwehr, stolz in ihren Uniformen durch die jubelnde Menge marschieren. Eine Abordnung der Streitkräfte paradiert zackig über das Pflaster, dass die Sohlen nur so knallen – einfache Soldaten in Kampfmontur; Scharfschützen im Fransentarn, das Gewehr wie ihr Baby im Arm wiegend; bullige Typen der Marine-Infanterie, bei denen man sich vorstellen kann, dass sie keiner Kneipenschlägerei aus dem Weg gehen; Offiziere, die zum Gruß stolz den Paradesäbel präsentieren.

Die Straßen sind dicht gesäumt mit Schaulustigen. Salsa-Rhythmen dringen aus den Laufsprecherboxen und die Leute haben sichtlich Spaß am Marschieren und Präsentieren und am Zuschauen. Oft werden die Abordnungen von jungen Frauen in knappen Kleidern und hohen Schuhen angeführt. Sie sind Fahnenträgerinnen oder sollen wohl einfach nur die Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Viele haben sich bunte Schärpen umgelegt, die sie als Gewinnerinnen irgendeiner Misswahl oder als exzellente Studentinnen ausweisen. Die Marschkolonnen werden mit Jubel- und Hochrufen empfangen und die Paradeteilnehmer genießen ihre momentane Aufmerksamkeit. Als die Parade beendet ist, verläuft sich die Menge keineswegs. Die meisten bleiben an der Promenade, wo bis in die Nachtstunden hinein Volksfeststimmung herrscht.

Später holten wir den Wagen mit dem Vorsatz ab, nach Canoa an den Strand zu fahren. Es war einer jener Tage, die so heiß sind, dass man glaubt, lebendig gebraten zu werden. Wir hatten Ferien und wer käme da schon auf die Idee, in seiner tristen Wohnung hocken zu bleiben, zumal bei solch einem Wetter! Wir konnten es kaum erwarten, nach Canoa zu gelangen – was für ein herrlicher Strand! Doch bevor wir uns in die Brandungswellen stürzen konnten, bekundeten zwei Drittel der Teilnehmer unserer Badepartie, dass sie Hunger verspürten, großen Hunger sogar. Selbstverständlich mussten erst die drängenden leiblichen Bedürfnisse befriedigt werden, bevor die Badelust gestillt werden konnte. Das „Bambú“ lag nur wenige Schritte von unserem Parkplatz entfernt – wir hatten mit Mühe und Not noch einen freien Platz ergattern können. Ein sonnenverbrannter älterer Herr, offenbar der Angestellte des kleinen Restaurants, vor dem unser Wagen stand, gab zu erkennen, dass er auf das Auto aufpassen würde. Es war klar, dass wir uns später für diesen Service erkenntlich zeigen würden, denn wo sich viel Volk tummelt, hat die Zunft der Diebe ein gutes Auskommen.

Der hungrige Teil unserer Reisegruppe stärkte sich erst einmal ausgiebig im „Bambú“, denn schließlich verleiht so ein voller Magen, vor allem wenn er mit fettreicher Nahrung gefüllt ist, genug Auftrieb, um in den Meeresbrechern nicht unterzugehen. Ich habe gelesen, Haie hätten keine Schwimmblase und der Auftrieb werde allein durch die Fettleber erzeugt. Vielleicht ist es beim Menschen ja ähnlich. Es war heiß wie in einem Backofen, nur die stramme Meeresbrise brachte ein wenig Erfrischung. An Essen war wegen der Hitze nicht zu denken und so begnügte ich mich mit einem Kaffee, während mein Sohn Spaghetti Carbonara und meine Frau eine dicke Suppe mit Käse orderten. Mein Sohn hat offenbar den Magen der Ecuadorianer geerbt, denn ganz gleich wie heiß es auch sein mag, so ein ordentliches Mittagessen besteht immer aus der Heiligen Dreifaltigkeit von Suppe, Hauptgericht und Dessert. Dabei sind die Suppen oft so gehaltvoll, dass man leicht auf das Hauptgericht verzichten könnte. Meine Frau nahm noch einen Cocos-Flan zum Dessert und ich bestellte noch einen Kaffee – die Hitze machte träge und müde und ich hoffte, dass das Koffein meinen Kreislauf ankurbeln würde.

Bekannten, gleich ob prominent oder nicht, begegneten wir diesmal nicht. Anlässlich unseres letzten Besuchs in Canoa waren wir der halben Hautevolee Bahías förmlich in die Arme gelaufen. Meiner Frau war es recht und sie nutzte die Gelegenheit zum fröhlichen Plaudern. Diesmal gab es nichts zum Tratschen und wahrscheinlich hatte sie wieder einmal ihre Vorahnungen, denn sie hatte sich vorsorglich ein Buch mitgenommen, damit ihr die Zeit nicht zu lang würde.

Was für ein herrlicher Strand! Es herrschte Ebbe und auf dem sechzig, siebzig Meter breiten Streifen aus feinem Sand versammelte sich die übliche Standgesellschaft. Sehen und gesehen werden, lautet das Motto. Man kann deutlich erkennen, wie hoch das Wasser bei Flut steht, denn an dieser Stelle steigt der Sand zu einem zwei, drei Meter hohem Wall an. Bei Ebbe liegt davor ein Glacis von fünfzig und weiter hinauf an der Küste von hundert Metern Breite. Die letzte Flut hat dort den Sand geglättet und verfestigt, so dass er sich ideal eignet, um darauf Fußball zu spielen. Und so sieht man verschiedentlich junge Männer gekonnt Bälle kicken. Mancher Strand-Adonis ist darunter: gravitätisch lässt er den Ball von der hantelgestählten Brust abtropfen und lässig passt er ihn zu seinen Mitspielern weiter.

Eine junge Frau geniert sich kein bisschen, nur wenige Meter von mir entfernt Liegestütze zu machen (und sie kann Liegestütze!). Später stemmt sie sich ächzend in den Seitstütz. Zwischen den Trainingssätzen hakt sie immer wieder den BH ihres Bikinis auf, um ein Maximum an Sonne einzufangen. Und in der Tat brennt die Sonne an diesem Tag, als wollte sie den Ozean verdampfen. Der Himmel ist stahlgrau und nur in der Nahe des Zenits sieht man eine Andeutung von Blau, dennoch gleißt das Tagesgestirn wie eine Magnesiumfackel. Das Licht ist so unerbittlich hart, dass einem die Augäpfel schmerzen, wenn man den Blick über Meer und Sand schweifen lässt. Vom Ozean her weht eine steife Brise und die Brecher werfen sich unermüdlich auf den Strand. Die Luft ist warm wie der Strahl eines Heißluftgebläses, aber das Meer verheißt Abkühlung.

Wir werfen uns lustvoll den Wellen entgegen. Das Meer ist einfach wunderbar und genau richtig temperiert, um den lieben langen Tag darin auszuharren. Wir möchten das Wasser am liebsten gar nicht mehr verlassen. Aber natürlich hat uns das fortwährende Auf und Ab nach kurzer Zeit so erschöpft, dass wir nur allzu gern wieder an den heißen Strand zurückkriechen. Mir ist schon ganz schwindelig von den vielen Hechtsprüngen und dem Tauchen und in meinem Kopf rauscht es wie in einer Meeresmuschel. Als uns der heiße Sand die Sohlen verbrennt, sind wir doch froh, wieder festen Boden unter den Füßen zu spüren. Wir wagen uns noch mehrmals ins Meer, aber jedes Mal kehren wir ein wenig ermatteter zurück. Nach ein paar Stunden bin ich wie genudelt; Meer und Sonne haben mich ausgelaugt. Mein Körper sehnt sich nach Kühle und Schatten und meine Kehle lechzt nach einem kalten Pils.

Es sind Ferien und der Strand ist gut gefüllt mit Urlaubern aus der Sierra – man erkennt sie sofort am blassen Teint. Auf dem Kamm des Flutwalls haben geschäftstüchtige Hoteliers Strandzelte und Liegestühle aufgebaut. Da wir nicht den ganzen Tag in der brennenden Sonne sitzen wollen, mieten wir uns eines der Zelte; fünf Dollar kostet der Tag. Von der Anhöhe aus hat man einen guten Überblick über den Strand und das Meer. Zwei Surfer stehen scheinbar gelangweilt herum, die Bretter lässig unter die muskulösen Arme geklemmt. Man findet sie wahrscheinlich an jedem tropischen Strand der Welt und ihr Habit ist auch immer das gleiche: Die äußerst knapp geschnittenen Shirts lassen genug gebräunte Haut sehen, um sich ohne große Anstrengung auch den Rest vorstellen zu können; dazu die quietschbunte Badehose und die obligatorische Sonnenbrille für die Coolness. Etwas Lokalkolorit verleiht der Afro. Wenn das wirklich Surfer sind – die Bretter lassen es vermuten –, dann sind das sie merkwürdigsten Surfer, die ich je gesehen habe, denn statt aufs Meer zu schauen, um nach der perfekten Welle zu suchen, haben sie nur Augen für die üppigen Strandschönheiten. Sie stehen geschlagene zwei Stunden im heißen Sand, aber weder gelingt es ihnen, eine Welle zu erhaschen, noch schaffen sie es, eine der Schönen zu mehr als einem kurzen Flirt zu verführen. Zumindest haben sie als Trost noch etwas mehr Bräune abbekommen. Vielleicht klappt´s ja beim nächsten Mal – mit dem Surfen und den Schönen.

Wir laufen am Strand ein Stück nach Norden. Schon nach ein paar Minuten haben wir den Trubel hinter uns gelassen und wir sind fast die einzigen auf dem hundert Meter breitem Sandstreifen. Nach zwanzig Minuten gelangen wir an eine kleine Bucht. In dem Geröll hinter dem Strand haben sich Berge von Treibgut verfangen wie Krill in den Barten eines Wals. Nach Norden hin steigt das Niveau immer weiter an, so dass sich die Küste stellenweise zu regelrechten Cliffs auftürmt. Die Bucht selbst wird an ihrem nördlichen Ende von schroffen Felsformationen begrenzt, die ein gutes Stück in die Meeresbrandung hineinragen. Bei Ebbe ist das Wasser so flach, dass man einfach hindurchwaten kann, um die Felsen zu umrunden.

Eine einsame Felsnadel, stark wie ein mittelalterlicher Wehrturm, steht vor der Küste und trotzt den Elementen. Bei Niedrigwasser könnte man hinlaufen, doch reicht einem der Meeresspiegel bis zur Brust, und dann muss man auch noch die fast senkrechte Felswand erklimmen, um zur Spitze zu gelangen. Einige Wagemutige haben dies tatsächlich getan und winken von der Höhe herab übermütig den Strandspaziergängern zu. Die Flut läuft ein und am Fuß des Felsens bricht sich schäumend die Brandung. Ich kann mir nicht vorstellen, wie sie wieder zurückkommen wollen. Wir laufen zurück. Als wir die Felsen umrunden, steht ein alter fetter Mann breitbeinig wie ein Feldmarschall auf der Anhöhe und glotzt die Mädchen in ihren Bikinis an, dass ihm fast der Sabber aus dem Mund läuft.

Irgendwann ist auch der schönste Strand einfach nur zu heiß und zu sandig. Wir packen unsere Sachen und fahren zurück nach Bahía. Es ist später Nachmittag, aber es sieht nicht danach aus, als würde sich der Strand bald leeren oder als würde der Ort je zur Ruhe kommen. Wie man hört, sei es wegen der vielen Partys ein Ding der Unmöglichkeit, auch nur eine Nacht durchzuschlafen. Ganz gleich, wann man nach Canoa fährt, die Stadt erweckt immer den Anschein, als hätten hier gerade die Ferien begonnen. Sicher macht dies einen Teil ihres Reizes aus und die Leute kommen hierher, um in die entspannte Atmosphäre einzutauchen und die gestresste Seele baumeln zu lassen. Wir drücken dem Mann vom Restaurant, der so gut auf unser Auto aufgepasst hat – immerhin wurde nichts gestohlen –, noch ein paar Dollar in die Hand. Er freut sich. Erschöpft, aber glücklich geht es zurück nach Bahía.