Von Santo Domingo aus ging es weiter nach Bahía. Es ist immer wieder ein Erlebnis, sich dem Meer zu nähern: Schon wenn man die salzige Seeluft riecht, hat man plötzlich den Eindruck, als wäre der Horizont viel weiter und der Himmel höher und die Luft wäre viel leichter zu atmen. Man mag sagen, das sei Einbildung, aber irgendwie gerät man augenblicklich in eine andere Stimmung. Das Leben fühlt sich so viel leichter an am Meer und die Leute scheinen viel weniger von den tristen Notwendigkeiten des Lebens getrieben als in den Bergen, wo alles schwer ist, als herrschte eine andere Schwerkraft, die unerbittlicher als anderswo am Gemüt der Menschen zerrt. Die Küste verspricht Leichtigkeit und der Ozean Vergessen. Man möchte den flüchtigsten Launen nachgeben und das Leben einfach treiben lassen, als wäre es ein Sandkorn in den Gezeiten.
Bei Pedernales stießen wir endlich auf die Küste und dann ging es eine Stunde auf der neuen Autopista nach Süden. Wir überquerten die Brücke, die Bahía bei San Vicente mit dem Festland verbindet, und fuhren in den goldenen pazifischen Sonnenuntergang. Die Tante wartete schon auf uns. Sie hatte eine ihrer Wohnungen, die sie über die Feiertage für gewöhnlich an zahlende Gäste vermietet, eigens für uns reserviert. Das Haus der Tante war übrigens eines von wenigen Häusern im Ort, die weihnachtlich dekoriert waren. Auch hier hatte man wie schon in Cumbayá den Eindruck, den Leuten liege nicht viel an Weihnachten. Jedoch geht man in die Kirche und feiert die Messe und für die Nacht an Heiligabend bereitet man ein großes Essen im Kreise der Familie, das dann genau Schlag Zwölf im Gedenken an die Geburt des Erlösers eingenommen wird.
Mein Sohn und ich warfen uns sofort aufs Bett, regelten die Klimaanlage, die im Haus der Tante nur selten benutzt wird, auf eisige Temperaturen herunter und zappten uns durch das Fernsehprogramm. Meine Frau hatte leider nicht so viel Glück an diesem Abend, denn als gute Katholikin war sie verpflichtet, die Tante und ihre Mutter zur abendlichen Messe zu begleiten. Was war ich froh, dass ich so ein Heide bin!
Im Fernsehen liefen die Avengers, aber in der Werbepause zappte ich ziellos durch das Programm und plötzlich sah ich ein bekanntes Gesicht. Wie um die Weihnachtszeit nahezu überall üblich, lief auch hier auf den meisten Sendern das unumgängliche „Familienprogramm“, also Herz-Schmerz-Filme der übelsten Sorte, Schmachtfetzen zum Davonlaufen oder zum Augenausweinen, je nach Seelenzustand. Es ist interessant zu sehen, dass viele Produktionen ganz offensichtlich auf einen internationalen Einheitsgeschmack abzielen, unabhängig davon, aus welchem Land sie stammen. Ein wenig verwunderte es mich dann aber schon, plötzlich das Gesicht Erol Sanders auf dem Bildschirm zu sehen. Ich schaltete sofort zu den Avengers zurück. Wir guckten dann noch bis in die Puppen. Viel später wiegte uns das Rauschen des Meeres endlich in den Schlaf (vielleicht war es auch nur das monotone Fauchen der Klimaanlage).