Ein Friedenskuss zum Neuen Jahr

Am Abend des letzten Tages im Jahr waren wir gleich zweimal eingeladen: einmal bei der Madrina (also der Patentante meiner Frau) und dann bei der Tía, der Tante, der ich bei der Zubereitung des Truthahn geholfen hatte. So ein Silvesterabend ist in Bahía eine ganz beschauliche Angelegenheit: Man stellt Stühle vor das Haus, auf denen dann die Gäste zwanglos platziert werden. Es gibt Speisen und Getränke, man unterhält sich oder lauscht einfach nur der Musik. Fast immer feiert man mit der Familie.

An diesem Abend hatte Julio, der Mann der Madrina, ein paar Flaschen guten chilenischen Wein mitgebracht. Zu Essen gab es, ganz dem Brauch entsprechend, natürlich Truthahn und Condumio. Condumio ist eine gehaltvolle und traditionell zu Truthahn gereichte Soße, die so dick ist, dass man sie auf den ersten Blick für ein Frikassee halten könnte. Man bereitet Comdumio aus Weißbrot, Wein, Walnüssen sowie Gewürzen zu. Die Soße schmeckt leicht süßlich und passt ausgezeichnet zum Truthahnbraten. Ich trank an diesem Abend drei Gläser von dem exzellenten Rotwein, den Julio mitgebracht hatte, aber ich aß nicht allzu viel, da wir ja auch noch bei der Tante eingeladen waren. Mitten auf der Straßenkreuzung verbrannten derweil knisternd die Reste einer Silvesterfigur. Manchmal krachte das Holz in der Glut und dann stoben Funkengarben in den dunkelpurpurnen tropischen Nachthimmel.

Im Haus der Tante hatte sich zur selben Zeit die andere Hälfte der Familie versammelt. Der Truthahn war bereits tranchiert und selbst noch das letzte Fitzelchen Fleisch war fein säuberlich von den Knochen gelöst worden, als hätte eine Ameisenarmee erst kürzlich den Kadaver gesäubert. Die Gäste lobten das Essen und die Tante erklärte ihnen, ich hätte den Truthahn zubereitet. Das war natürlich eine maßlose Übertreibung, denn mein Anteil an der Vorbereitung dieses Essens bestand in kaum mehr, als den Puter in den Ofen zu schieben. Das ungerechtfertigte Lob war mir nachgerade peinlich und ich wies die fremden Lorbeeren umgehend zurück, indem ich erklärte, dass die Tante ganz allein gekocht und ich ihr beim Truthahn nur ein wenig assistiert hätte. Aber in der Tat war der Braten gut gelungen: Das Fleisch war wunderbar saftig und weich, was aber nicht zuletzt daran gelegen haben mag, dass die Tante einen Puter von guter Qualität gekauft hatte. Eine Spur Thymian rundete das Aroma perfekt ab.

Am Rande des Familienmahles kam ich mit Vladir ins Gespräch. Vladir ist der Ehemann einer Cousine meiner Frau. Er spricht sehr gut Englisch, so dass wir tatsächlich ein Gespräch führen konnten, denn mein mehr als dürftiges Spanisch gestattet mir nicht einmal die einfachste Konversation, ohne dabei ins Stottern zu geraten. Vladir fragte mich nach dem Rezept für den Truthahn, und ich fühle mich zum wiederholten Male bemüßigt zu erklären, dass nicht ich, sondern die Tante ganz allein gekocht hätte. Nachdem ich dies klargestellt hatte, weihte ich ihn in das „Geheimnis“ ein. Seine Frage rührte mehr aus beruflichem denn aus privatem Interesse her, denn Vladir hat erst kürzlich eine Ausbildung zum Koch abgeschlossen.

Vladir hat jahrelang in der Computerbranche gearbeitet. Später verlegte sich die Familie darauf, eine exklusive Privatschule zu betreiben. Dazu kaufte man im Zentrum Bahías ein leerstehendes Hotel – die Vorbesitzer hatten den Betrieb aus finanziellen Gründen einstellen müssen –, baute das ganze Objekt zur Schule um und stattete diese großzügig mit aller erdenklichen Technik sowie mit dem neuesten Lehrmaterial aus. Mit hochfliegenden Erwartungen nahm man den Betrieb auf.

Was sich zunächst erfolgreich anließ, entpuppte sich aber schon bald als ein finanzieller Alptraum: Um die laufenden Kosten decken zu können, war man auf den regelmäßigen Eingang der Schulgelder angewiesen. Doch je länger der Schulbetrieb andauerte, als umso katastrophaler erwies sich die Zahlungsmoral der Leute, die den Ehrgeiz hatten, ihre Kinder auf eine exklusive und vor allem teure Privatschule zu schicken. Und da man die säumigen Zahler nicht alle auf einmal der Schule verweisen konnte, denn unter einer kritischen Anzahl an Immatrikulierten wäre der Betrieb nicht mehr tragfähig gewesen, geriet man immer mehr in eine Zwickmühle. Irgendwann war abzusehen, dass das Projekt, mit dem man so große Hoffnungen verbunden hatte, in ein finanzielles Desaster führen würde. Und so entschied man nach einiger Zeit, dass es das Beste wäre, den Schulbetrieb einzustellen. Die Schule wurde abgewickelt und man beratschlagte, was nun geschehen soll. Am Ende beschloss man, das Objekt wieder in das Hotel zurückzuverwandeln, als das man es ursprünglich gekauft hatte.

Seit der Eröffnung des „Buenavista Place“ könne man über mangelnden Zuspruch nicht klagen. In der Saison sind die Zimmer laut Vladir fast immer vollständig ausgebucht und auch den Rest des Jahres liefen die Geschäfte exzellent. Demnächst möchte man auch noch ein Restaurant eröffnen, um noch mehr zahlende Gäste anzulocken. Die erste Hürde hin zum eigenen Lokal hat Vladir schon einmal gemeistert – die Ausbildung zum Chef. Er taucht dann auch gleich den kleinen Finger ganz fachmännisch in das Butterfett aus dem Bräter, kostet und nach kurzem Nachdenken improvisiert er, wie er das durch den Braten aromatisierte Fett weiterverarbeiten würde.

Das „Buenavista Place“ ist übrigens ein sehr schönes Hotel und vor allem ist es ein modernes Hotel, denn es wurde ja erst kürzlich komplett neu aufgebaut. Wenn man die Lobby betritt und der Rezeptionist, in der Regel ein Mitglied der Familie, einen freundlich empfängt, fühlt man sich sofort wie Zuhause, was auch nicht verwunderlich ist, denn das Haus wird als reines Familienunternehmen geführt und alle, die hier arbeiten – sei es bei der Zimmerreinigung, sei es an der Rezeption, sei es in der Verwaltung –, sind mit Herzblut dabei. Auf der hoteleigenen Website kann man sich selbst ein Bild machen.

Das „Buenavista Place“ ist unübertroffen günstig gelegen: Direkt im Herzen Bahías, erreicht man alle sehenswerten Orte und auch die herrlichen Strände bequem zu Fuß. Und ein Spaziergang durch Bahía lohnt sich allemal! Wer nach Bahía kommt und im „Buenavista Place“ logieren möchte (vorausgesetzt, es sind noch Zimmer frei), darf gern erwähnen, dass er den Tipp von Henry hat. Vielleicht gibt es ja einen Descuentito, einen kleinen Rabatt. Dass ich quasi zum Feilschen angestiftet habe, muss freilich nicht erwähnt werden.

Wir unterhalten uns noch ein wenig über das Land, die Leute und über Politik. Vladir meint, der Unterschied zwischen dem Ecuador von 1992, als ich das Land zum ersten Mal besuchte, und dem Ecuador von Heute sei so groß, dass man kaum glauben könne, es handele sich um dasselbe Land. Ich muss ihm Recht geben. Allein in den letzten acht Jahren haben solche einschneidenden Veränderungen stattgefunden, dass die Generation der heute Sechzehn- oder Achtzehnjährigen ihre Heimat wohl kaum in dem rückständigen Flecken von damals wiedererkennen würde, der wie eine Insel der Ahnungslosen vom Rest der Welt abgeschnitten war. Doch nicht einmal an den entferntesten Enden der Erde könnte man sich noch verstecken vor einer Welt im Globalisierungsrausch. Einen Großteil des phänomenalen Erfolges wird man jedoch dem derzeitigen Präsidenten und seiner Regierung zuschreiben müssen, und die meisten Ecuadorianer sehen das genauso, übrigens auch die, die sich nicht unbedingt für Unterstützer der Regierung Correa halten.

Kritiker des Präsidenten werden freilich nicht müde zu behaupten, die gigantischen Infrastrukturprojekte, die Gründung ganzer Universitätsstädte, die Justiz-, Steuer- und Bildungsreformen seien nur auf Pump finanziert und hätten das Land an den Rand des Bankrotts gebracht. Als Kronzeugen bietet man immer wieder gern die ganze abgehalfterte Garde der Ex-Präsidenten auf, die sich dann auch mehr oder minder feindselig äußert. Doch bei der Frage, warum man beispielsweise Straßen, Schulen und öffentliche Einrichtungen über Jahrzehnte einfach verfallen ließ, während man den Wohlhabenden praktisch die Steuern schenkte, winden sie sich wie die Zitteraale. Aber als mit allen Wassern gewaschene Politprofis sind sie dann doch clever genug, sich im letzten Moment in irgendeine populistische Floskel zu retten.

Vladir meint, im Grunde gäbe es keine echte Alternative zur derzeitigen Regierung und ihm sei ein wenig bange für die Zeit nach der Präsidentschaft des gegenwärtigen Amtsinhabers. Denn es könne gut sein, dass viele der fortschrittlichen Entwicklungen, die in den letzten Jahren mühsam in die Wege geleitet wurden, wieder gestoppt werden. Ich möchte ihm nicht widersprechen, aber ich kann die Zukunft des Landes auch nicht als allzu düster empfinden, zumal die meisten der positiven Veränderungen mittlerweile so fest Fuß gefasst haben, dass es unmöglich scheint, sie wieder zu beseitigen, ohne einen Sturm des Protests zu entfachen und vor allem ohne auf den entschlossenen Widerstand der Bevölkerung zu treffen. Und wie man weiß, wurden in Ecuador schon Regierungen allein durch den Aufruhr der Straße gestürzt.

Die letzten Minuten des alten Jahres verstreichen und bald ist es Mitternacht. In meiner Heimatstadt Berlin erwartet man, dass um diese Zeit das Feuerwerk losbricht. Der nächtliche Himmel ist dann erfüllt vom grellen Farbenglanz der Illuminationen. Das Donnern der Raketen und Böller ist ohrenbetäubend. Mit Schlag Mitternacht setzt das Krachen ein, und zwar so plötzlich und in solcher Stärke, dass man glaubt, die Feldartillerie einer Invasionsarmee beschieße das Stadtzentrum; ein nicht endendes Stakkato aus Explosionen rollt über die Dächer, die Fensterscheiben erzittern und Pulverdampf liegt schwer in der Luft. In manchen Jahren zischten die Raketen in einem wahren Hagelsturm an den Fenstern vorbei, und man traute sich kaum, den Balkon zu betreten, weil man fürchten musste, wie eine Schießbudenfigur abgeknallt zu werden. Die Leute sind verrückt, aber Silvester ist eben nicht Silvester, wenn man nicht ein Vermögen für die Knallerei ausgibt.

In Bahía ist es ruhig. Es ist das ganze Jahr ruhig und auch in den letzten Sekunden des Jahres geht es nicht anders zu als an einem beliebigen Tag – von Knallerei, Partystimmung und Suff keine Spur. Die Leute erwarten das Ende des Jahres gefasst und zumeist nüchtern. Alkoholische Getränke werden in so homöopathischen Dosen genossen, dass es schon die große Ausnahme ist, wenn jemand, so wie Julio, gleich mehrere Flaschen Wein zum Essen mitbringt und die anderen Gäste auch noch zum Trinken animiert. Würde man sich nicht durch einen Blick in den Kalender und auf die Uhr vergewissern, dass das Jahr in wenigen Minuten endet, könnte man glauben, einer gewöhnlichen Reunión, einem zwanglosen Familientreffen, beizuwohnen. Eigenartige Gedanken schießen mir durch den Kopf und ich fühle mich einen Augenblick lang in Bradburys „Last Night of the World“ versetzt: Die Menschen wissen, es gibt keinen Morgen, denn die Welt wird in dieser Nacht untergehen, doch sie verhalten sich in der allerletzten Nacht auf Erden nicht anders als in allen Nächten zuvor.

Die Welt geht natürlich nicht unter, nicht in dieser Nacht und auch nicht in den paar Milliarden Nächten, die noch folgen werden. Und auch Bahía wird noch lange bestehen und seine Bewohner werden sich noch unendlich vieler ruhiger Abende erfreuen können. Doch dann ist es endlich Mitternacht, aber ohne Uhr würde man den Zeitpunkt glatt verpassen, so still ist es. Und nun erheben sich die Gäste feierlich von ihren Stühlen, umarmen und küssen einander und wünschen sich ein glückliches Neues Jahr. Für einen kurzen Augenblick habe ich das Empfinden, ich hätte mich in eine katholische Messfeier verirrt, wenn am Ende die Gläubigen einander den Friedenskuss geben. Ich umarme die Tante, den Onkel, drücke meine Frau an mich und gebe ihr einen dicken Kuss. Und irgendwie ist es dann doch schön – auch ohne Alkohol und Partys und buntes Raketenfeuerwerk.

Auto-da-fé mit Truthahn

Man hat immer viel zu tun. Man könnte auf einer einsamen Insel stranden, mit einer Palme darauf und einem Vorrat an Kokosnüssen, gewiss fände man eine Beschäftigung, die einen vollständig ausfüllt. Leider bin ich erst jetzt – einen Monat später – dazu gekommen, die Ereignisse um Silvester in Textform aufzuarbeiten, aber dafür habe ich im Januar auch so viele Posts veröffentlicht wie kaum je zuvor. Ich versuche natürlich, die Texte immer zeitnah in den Blog einzustellen, aber manchmal ist das eben nicht möglich. Viel Spaß beim Lesen!

In Bahía ist jeder Tag ein Feiertag und so ist es nicht verwunderlich, dass seine Bewohner auch den letzten Tag des Jahres nicht anders an sich vorüberziehen lassen als all die anderen Tage. In meiner Heimatstadt Berlin mit ihrer Rastlosigkeit und ihrem erbarmungslosen Tempo fühlt man sich fortwährend genötigt, ein Leben auf der Überholspur zu führen, zumal man ausschließlich solchen Menschen zu begegnen scheint, die noch mehr Arbeit und noch mehr Termine und noch mehr Besorgungen in den magischen 24 Stunden unterzubringen verstehen als man selbst. Immer hat man ein schlechtes Gewissen, wenn man die Mitmenschen scheinbar grenzenlose Energien entfalten sieht, während man sich selbst vor Erschöpfung kaum noch rühren mag. Mir scheint, vieles ist bloß eine Frage des Willens, aber ich kann mich einfach nicht dazu bringen zu wollen, wenn sich doch alles in mir sträubt.

In Berlin nimmt man die Feiertage viel deutlicher als eine Unterbrechung im hektischen Getriebe des Lebens wahr: Alles kommt für einen Augenblick zum Stillstand; die Menschen, die in der Tretmühle ihres Alltags gefangen sind, halten kurz inne, um Luft zu schöpfen; die lärmende Hast setzt für einen kurzen Augenblick aus und in der Stille hört man manchmal sogar die eigenen Gedanken, ehe der Lärm der Rastlosigkeit wie ein Flutberg über einen hereinbricht und alles unter sich erstickt.

In Bahía, dem pazifischen Refugium für Lebenskünstler aller Art, ist es ruhig. Zeit hat keine Bedeutung und Uhren sind sowohl der Beweis als auch das Symbol seiner zeitlosen Existenz, denn entweder sind sie kaputt oder sie gehen so hoffnungslos und mit solcher Regelmäßigkeit falsch, dass man fast schon glauben möchte, die Stadt sei durch irgendein kosmisches Phänomen in den Einflussbereich der berühmten Einsteinschen Raum-Zeit-Verzerrungen geraten. Wer aber nicht ohne Zeit leben kann, mag sich mit dem Gedanken trösten, dass eine Uhr, die steht, zumindest zweimal am Tag die exakte Zeit anzeigt – man weiß nur nicht wann. Dem Glücklichen schlägt keine Stunde. Und überhaupt nützen Uhren nur wenig, wenn man sie einfach ignoriert: Niemand käme auf die wirklich irrwitzige Idee, den Rhythmus des eigenen Lebens dem Takt eines leblosen Mechanismus zu unterwerfen. Und da die Zeit ausgesetzt ist, kommt einem ausnahmslos jeder Tag des Jahres wie ein Feiertag vor.

Die Tante bittet mich, beim Truthahn zu helfen. Am letzten Tag des Jahres wird traditionell ein großes Essen für die Familie bereitet, und bevor sich am Abend der Besuch einstellt, hat die fleißige Hausfrau schon seit den frühen Morgenstunden geputzt und gekocht, und so ist sie nicht selten bereits am frühen Nachmittag mit den Nerven am Ende. Da ist eine helfende Hand manchmal die letzte Rettung vor dem Selbstmord aus Verzweiflung. Warum die Tante ausgerechnet mich fragt, bleibt allerdings eines von vielen ungelösten Rätseln. Wahrscheinlich habe ich die Ehre meiner Frau zu verdanken, die anlässlich einer der vielen Reuniones mit der Familie leichtsinnig ausplauderte, dass wir in den vergangenen Jahren zu Weihnachten fast immer ein großes Essen ausgerichtet hätten, zu dem der Truthahn als Krönung natürlich nicht fehlen durfte. Jetzt galt ich also als der große Chef und ich konnte die Tante, die immer so nett ist, schlecht enttäuschen.

Wie man einen Truthahn zubereitet – ein kurzer Exkurs: Vor so einem Truthahn muss man keine Angst haben. Wenn der gewaltige Vogel aufgebahrt in der Küche liegt als wäre er ein Alien in einem Geheimlabor der US-Regierung, ist man schon ein wenig eingeschüchtert, aber eigentlich besteht kein Grund dazu. Das einzige, worauf es wirklich ankommt, ist die Garzeit: Lässt man den Truthahn nicht lange genug im Ofen, ist er innen noch roh, und das ist nicht nur unschön, sondern kann wegen der Keime auch gefährlich sein; lässt man ihn dagegen zu lange in der Röhre, könnte er leicht austrocknen und die Gäste kauen dann mit so bemüht freundlichen Gesichtern auf dem trocknen Fleisch herum, dass man sich kaum traut, sie zu fragen, ob es denn mundet. Auch dies ist ärgerlich, doch das Malheur lässt sich leicht vermeiden, indem man peinlich genau auf die Garzeit achtet.

Ich habe die Erfahrung gemacht, dass es mehr auf die Qualität des Truthahns ankommt, als auf die sonstigen Zutaten. Ein guter Truthahn braucht nicht viel: Man wäscht ihn gründlich innen und außen, trocknet ihn dann sorgfältig mit Küchenpapier und nun kann man ihn für den Ofen vorbereiten. Ich nehme an diesem Tag nur Salz, frisch zerstoßenen schwarzen Pfeffer und Thymian. Damit reibe ich den Truthahn sorgfältig ein. Es empfiehlt sich, unter die Haut zu gehen, zumindest an den Stellen, an denen es möglich ist. Hat man die Gewürze aufgebracht, bestreicht man den Truthahn von allen Seiten großzügig mit weicher Butter (man darf dazu ruhig die Hände benutzen).

Der Puter sollte am Ende vollständig von einer Schicht Butter und den Gewürzen bedeckt sein. Fast ein ganzes Päckchen Butter kann man dabei schon verbrauchen, doch das Fett bleibt ja im Bräter und schlägt daher nicht auf die Hüften. Wenn man will, kann man den Truthahn auch noch füllen – Orangen, Trockenpflaumen, Äpfel und ein Zweiglein Rosmarin bieten sich an –, aber die Füllung ist wirklich kein Muss und ohne schmeckt er genauso gut. Man legt den auf diese Weise vorbereiteten Puter, Brust nach oben, in einen großen Bräter und bevor man ihn ins Rohr schiebt, platziert man noch zwei oder drei Stück Butter auf der Oberseite und das war´s auch schon! Kinderleicht, oder?

Bei den Garzeiten richtet man sich nach dem Gewicht. Im Internet findet man (vorzugsweise auf englischsprachigen Seiten) Tabellen, aus denen man verlässlich ersehen kann, wie lange ein Truthahn mit einem bestimmten Gewicht bei welcher Temperatur braucht, bis er fertig ist. Jetzt muss man nur noch die Uhr im Auge behalten. Alle halbe Stunde wird der Braten mit der flüssigen Butter aus dem Bräter beschöpft – so bleibt das Fleisch saftig und die Butter gibt Geschmack. Je nach Gewicht braucht so ein Vogel zwischen drei und sechs Stunden, aber darüber muss man sich keine Gedanken machen, da man ja die genaue Zeit aus der einschlägigen Tabelle ersehen kann. Gegen Ende kann man den Braten auch noch glasieren, wie es bei den Amerikanern üblich ist, doch auch das ist natürlich keine Vorschrift, an die man sich unbedingt zu halten hätte.

Die Tante war etwas verblüfft, dass ich sie nach Butter fragte, wo doch jeder hier im Lande Butter schlicht für Teufelszeug hält, das in seiner Gefährlichkeit nur noch vom islamistischen Terror und von Gringos im Freizeitoutfit übertroffen wird. Stattdessen offerierte sie mir aus ihren Vorräten Margarine. Den chemisch gehärteten Fetten, einem Erzeugnis der guten alten Chemieindustrie, vertraut man merkwürdigerweise eher als dem Naturprodukt Butter. Ich musste extra zum Supermarkt, um einen Block zu kaufen, weil sich nirgends im Haus welche fand.

Der neueste Trend geht übrigens hin zu Kokosfett, dem geradezu magische Eigenschaften zugeschrieben werden. Man kann es hier für viel Geld in Bioläden kaufen. Man wäre erstaunt, könnte man die Würfel Kokosfett sehen, die sich im Kühlregel bei Aldi stapeln und die man schon für ein paar Cent bekommt. Ich kenne Kokosfett eigentlich nur als eine Zutat der Kuvertüre für Kalten Hund, einer Berliner Spezialität aus meinen Kindertagen. Ich bleibe lieber bei dem, was ich kenne, und bevorzuge weiterhin die gute irische Butter und mein spanisches Olivenöl. Thymian hingegen wird in der landestypischen Küche nicht verwendet, und ich weiß gar nicht mehr, warum wir ihn eigentlich mitnahmen. Es kommt sicher nicht oft vor, dass man zufällig ein bisschen Thymian bei sich hat.

Am Nachmittag gingen wir ein wenig spazieren. Manch einer hatte schon seit Tagen Año-viejo-Figuren vor dem Haus aufgestellt und alle freuten sich natürlich darauf, die Figuren endlich in Brand setzen zu dürfen. Die Figuren symbolisieren das alte Jahr und werden gegen Mitternacht unter der allgemeinen Freude der Zuschauer den Flammen übergeben und mit ihnen verschwinden auch all die unheilvollen Geister der Vergangenheit im reinigenden Feuer. Das hat etwas von einem Auto-da-fé an sich und gerade wenn man den Figuren menschliche Gestalt verliehen hat, ist einem manchmal schon komisch zumute, wenn man sie brennen sieht. Feuerwerk und Knaller sind übrigens zum Jahreswechsel nicht üblich. Ganz selten einmal sieht man eine Rakete ihre funkelnde Leuchtspur in den Nachthimmel ziehen, knallen aber hört man es gar nicht. Bahía ist ruhig – auch in den letzten Stunden des Jahres.

Mittlerweile kann man die Figuren auch kaufen, aber mancherorts ehrt man noch immer die alten Bräuche und lässt es sich nicht nehmen, sie aus Holz und Pappmaschee selber zu bauen. Je größer sie sind, desto größer ist natürlich auch das Spektakel, das ihre feierliche Verbrennung erzeugt. Doch die allergrößten bleiben oft von den Flammen verschont – einmal, weil sie so schön anzusehen sind, und zum anderen, weil ihre Schöpfer viel Arbeit und Zeit aufgewendet haben, um sie zu bauen. Da will man sie nicht in wenigen Minuten zu einem Häufchen Asche verbrennen sehen. Meine Frau meinte, früher hätte man die Años viejos vor jedem Haus, an jeder Straßenecke stehen sehen. Was man hingegen heute erlebe, sei nur ein müder Abklatsch vergangener Zeiten.