Berlin – Bahía: ein Jahr, ein Tag

Berlin im August 2017. Meine Frau ist für einen längeren Erholungsurlaub nach Ecuador geflohen zurückgekehrt – ein Jahr an der Spree reichte aus, um unser Nervenkostüm bis an den Rand der Belastbarkeit zu strapazieren. Kaum ein Tag vergeht, an dem ich nicht wünschte, an den Pazifik zurückzukehren. Zumindest für einen von uns hat sich dieser Wunsch erfüllt.

Berlin kann einen wirklich fordern. Der Alltag hat einen fest im Griff, aber Flucht ist ebenso ausgeschlossen wie Erlösung. Man ist bloß noch ein winziges Rädchen in der mehr oder weniger gut geölten Maschinerie des Lebens oder was man dafür halten mag. Der Daseinszweck beschränkt sich darauf zu funktionieren. Aber selbst Maschinen müssen hin und wieder in die Werkstatt. Menschen brauchen so etwas nicht: Wie Rädchen drehen sie sich so lange, bis sie kaputtgehen.

Und die Leute? Mit guten Manieren kommt man in Berlin nicht weiter und ohne es zu merken, hat man schlechte Laune, die hier in der Stadt chronisch ist und so verbreitet zu sein scheint wie die Schwindsucht bei Victor Hugo. Schon bald gebärdet man sich genauso ruppig wie der Rest der Stadt, dabei will man doch einfach nur in Ruhe gelassen werden.

Meine Frau hat dem Verdruss Lebewohl gesagt und ist in freundlichere Gefilde ausgewichen. In Bahía empfängt sie tropisches Laissez faire und die Geruhsamkeit eines Alltags, der an einen Bingo-Abend in der Seniorenresidenz erinnert. Bahía ist ruhig, sehr ruhig, jedenfalls gerade ruhig genug, um den gereizten Nerven die dringend benötigte Ruhepause zu gönnen.

Aus der Stadt am Pazifik gibt es gute Neuigkeiten zu vermelden: Nach dem Erdbeben ist Bahía auf dem besten Weg, zu altem Glanz zurückzufinden. Das muss man nicht ganz wörtlich nehmen, denn die Stadt war nie der Ort, der seine Besucher zu beeindrucken suchte. Die gravierendsten Schäden sind beseitigt, wenn es auch sicher noch Jahre dauern wird, bis alle Wunden geheilt sind, aber alles deutet darauf hin, dass es allmählich wieder bergauf geht mit der Stadt am Pazifik.

Das Leben ist auf die Straßen zurückgekehrt. Die Strandpromenade füllt sich wie vordem mit sonnenhungrigen Touristen, die Zahl der Übernachtungen steigt und die Bars und Restaurants verzeichnen endlich wieder höhere Umsätze. Das Stadtbild wirkt entschieden verändert, da die meisten der himmelstürmenden Hoteltürme eingestürzt sind oder abgerissen werden mussten – Grund genug, einen Neustart zu wagen. Und die Menschen haben neues Selbstvertrauen geschöpft und vor allem haben sie Zutrauen in die eigene Kraft gewonnen: Schon beginnt man sich zu organisieren, um der schwächelnden Stadtverwaltung mit Elan und Eigeninitiative unter die Arme zu greifen. Bahía, die Stadt am Pazifik, nimmt das Schicksal in die eigenen Hände.

Henry´s Sports Café, das Etablissement meines amerikanischen Namensvetters, profitiert von dem allgemeinen Aufschwung. Das Beben hat alle Gebäude an der Wasserfront einstürzen lassen – bis auf Henrys Café. Und so eröffnet sich dem Besucher der Location seit Neuestem ein phantastischer Blick über den Mündungstrichter des Río Chone und über den Pazifik – sicher ein Grund mehr, Henry einen Besuch abzustatten und im Genuss der göttlichen French Toasts zu schwelgen, die der allzeit entspannt wirkende Chef mit eigener Hand zubereitet.

Wie man hört, haben sich die Geschäfte spürbar belebt, und zu wünschen wäre es Henry, denn schließlich hält man eine Durststrecke, wie sie die Stadt nach der Katastrophe erlebte, nicht ewig durch. Sicher wird man nun wieder das eine oder andere Craftbeer ausschenken (ich liebe false friends: Kraftbier) und vielleicht wird das eine oder andere davon auch einmal über den Durst getrunken werden (oder schlecht gewesen sein, zumindest das letzte). Ich hoffe, die lustigen Hörnerhelme stehen noch immer auf dem Tresen, damit man sich im Falle eines Schamversagens auch einmal so richtig lustig danebenbenehmen kann.

Dany´s Gym, das coolste Fitnessstudio in ganz Bahía (und in Ecuador und überhaupt), hat seine Pforten nach wie vor geöffnet. Der leistungswillige Eisenjünger und die rekordaffine Extrem-Athletin sind jederzeit willkommen, aber genauso alle anderen, auch wenn sie nicht den Wunsch verspüren, in jedem Training über sich hinauszuwachsen, sondern einfach nur gut trainieren möchten. Und gut trainieren, das kann man in Dany´s Gym in der Tat (und manchmal auch über sich hinauswachsen).

Der Besitzer hat übrigens bei mir anfragen lassen, ob ich 110-Pfund-Hanteln hätte (das sind ca. 50 kg). Er wolle sie für sein privates Training kaufen. Meine eigenen lassen sich aber lediglich mit läppischen 35 kg beladen und so kam das Geschäft nicht zustande. Was man mit 50-Kilo-Kurzhanteln anstellen kann? Bankdrücken fiele mir ein, fünfzig Kilo auf jeder Seite, aber sonst? Ich könnte damit freilich noch Curls machen, einarmig, versteht sich, aber nur, wenn ich gut aufgewärmt bin …

Ich beneide meine Frau nicht oft, denn alle offensichtlichen Vorzüge, die sie im Vergleich zu mir hat, und alle lobenswerten Eigenschaften, die sie besitzt und die mir dagegen vollkommen abgehen, werden mehr als aufgewogen durch den Umstand, dass sie Lehrerin ist. Das wiegt schwer. Doch um eines beneide ich sie ganz sicher, nämlich darum, dass sie nun in Bahía ist, wo ich doch im Berliner Sommer (Kann es einen größeren Euphemismus geben?) ausharren und darauf hoffen muss, dass wir wenigstens einen goldenen Herbst bekommen. Ich höre mich schon an wie mein eigener Opa!

Ich gönne ihr die Zeit in ihrem Refugium der Ruhe und des Friedens und ich wünschte, ich könnte bei ihr sein. Oceano pacífico bedeutet wörtlich „Friedlicher Ozean“ und friedlich geht es in Bahía fürwahr zu. Ich wünsche ihr, dass sie genug Kraft schöpft für ein ganzes langes Schuljahr. Ich wünsche ihr außerdem, dass sie die letzte Etappe ihrer Reise, gewissermaßen den Gipfelsturm ihrer Tour um die halbe Welt unbeschadet übersteht: den Shopping-Marathon in Miami. Merkwürdig, aber der verregnete Berliner Sommer will mir mit einem Mal viel angenehmer erscheinen. Ich weiß auch schon, mit welchem Satz sie in die Tür fallen wird: Ich bin vollkommen erschöpft.

[Anmerkung: Alle Bilder in diesem Post wurden im August 2017 aufgenommen. Auf manchen liegt ein weicher Schmelz, als wäre die Aufnahme durch einen Filter gemacht worden. Wahrscheinlich war aber die Linse bloß mit Sonnencreme verschmiert.]

An den Eisen

Ich wollte wieder einmal „ordentlich“ trainieren. Wer schon je versucht hat, in den eigenen vier Wänden seinen Leib zu stählen, weiß, dass das Training im trauten Heim lange nicht dieselbe Güte hat wie ein Workout in einem richtigen Studio. Man ist immer zu nah an seinen Gewohnheiten und zwischen Sessel und Couch will nicht die Rechte Stimmung fürs Gewichtestemmen aufkommen: Immer überlegt man, ob man noch einen Satz Curls macht, oder ob man an den Kühlschrank geht und sich etwas Leckeres zu essen holt; ob man sich noch einmal durch Ausfallschritte quält oder sich nicht doch lieber auf das schöne weiche Sofa wirft. In einem Studio ist man solcher nur allzu menschlichen Versuchungen enthoben und hat man den beschwerlichen Weg zur Stätte des Ruhmes erst einmal zurückgelegt, gibt es nichts, was dann noch zwischen der eigenen Entschlossenheit und den Eisen steht.

In Cumbayá gibt es tatsächlich eine ganze Reihe von Orten, die sich euphemistisch als „Studio“ bezeichnen. Viele davon verfügen allerdings nur über einen einzigen Kursraum, in dem irgendein Zirkeltraining veranstaltet wird. Andere wirken so heruntergekommen wie die speckigen und in Schweißduft getauchten Hinterhofverliese, denen man im Berlin der Neunziger hier und da noch begegnen konnte. Unwillkürlich muss ich immer an die Szene in „Rocky“ denken, in der Balboa wie wahnsinnig auf Rinderhälften einprügelt. Man möchte in solchen Studios eigentlich nichts anfassen, am allerwenigsten die Hanteln, die nicht nur so aussehen, als wären sie durch viele Hände gegangen und noch nie gereinigt worden. Da könnte man auch gleich mit Rinderhälften trainieren. Das wäre auch hygienischer.

Alle Studios in Cumbayá sind wahnwitzig teuer. Für die Beiträge, die hier für einen Monat erhoben werden, könnte man sich in Berlin fast schon in einen Nobelclub einmieten. Dabei lässt die Ausstattung oft zu wünschen übrig und in manchem schicken Studio gibt es nicht einmal Hantelständer, etwa um Kniebeugen auszuführen, oder Klimmzugstangen. Dafür aber werden jede Menge sinnloser Kurse angeboten und man fragt sich, wer so etwas haben möchte. Kniebeugen scheinen hingegen unbekannt zu sein und so begegnet man immer wieder Trainierenden mit dicken Armen und bemitleidenswert dünnen Oberschenkeln. Wie richtig trainiert wird, wissen offenbar die wenigsten, wahrscheinlich nicht einmal die Trainer.

Merkwürdig genug, erlebt Cumbayá, ja, das ganze Land, derzeit einen Crossfit-Boom ohnegleichen. Überall schießen Crossfit-Studios aus dem Boden und die meisten sind nicht einmal schlecht. Die Einrichtung ist zweckmäßig und funktional und das Equipment ist oft nagelneu. Freilich bietet ein Crossfit-Studio lange nicht die Möglichkeiten, die man in einem konventionellen Studio erwarten kann. Crossfit erfreut sich dennoch ungeheurer Beliebtheit, obwohl auch hier die Preise alles andere als angemessen sind.

Bei uns in der Nähe befindet sich „Nouba Crossfit“, einer der zahlreichen Triebe am Stamme der Crossfit-Bewegung. Die Räumlichkeiten des Studios erwecken eher den Eindruck einer Schulsporthalle denn den eines Gyms. Eigentlich handelt es sich nur um einen großen Raum mit hoher Decke und einem Gummifußboden, der an die Ausnüchterungszelle der Bahnhofspolizei gemahnt. Alles ist äußerst karg eingerichtet und auf Funktionalität abgestimmt. Die Wände hat man weiß gestrichen und sonst gibt es eigentlich nicht viel, woran sich das Auge festhalten könnte. Das Equipment ist überschaubar: Langhanteln, Kugelhanteln, Medizinbälle, Klimmzugstangen und zwei Ruderergometer. Trainiert wird vor allem mit Langhanteln. Die Kettlebells habe ich noch nie zum Einsatz kommen sehen, ebenso wenig die Medizinbälle.

Wenn ich in einem Crossfit-Studio trainiere, beschränkt sich mein Workout mangels anderer Möglichkeiten auf Kniebeugen, Kreuzheben, Klimmzüge, Rudern und Schulterdrücken. Das ist eine ganze Menge und mehr als ausreichend, um ein anspruchsvolles und gutes Workout zu gewährleisten. Ich bin nicht erpicht darauf, meine Trainingsgewichte zu maximieren, mir kommt es vielmehr darauf an, in jeder Wiederholung eine saubere Übungsausführung zu gewährleisten, denn schließlich werden die Gelenke mit den Jahren nicht besser. Wichtig ist, dass man ein gutes Muskelgefühl hat und ein guter Pump nach dem Training ist allemal mehr wert als die Befriedigung darüber, es wieder einmal allen im Studio gezeigt zu haben.

In den Pausen beobachte ich immer die Crossfitter (mangels anderer Ablenkungen). Eine Crossfit-Einheit dauert dreißig Minuten und wird unter Anleitung eines Trainers in der Gruppe absolviert. Alle halbe Stunde kommt eine neue Gruppe ins Studio. Die Stärke variiert, doch in der Regel kann man mit bis zu zwanzig Teilnehmern rechnen. Das ist nicht wenig und das Studio kann sicher gut davon leben, denn jeden Tag werden gut ein Dutzend Kurse angeboten. Jeder der Teilnehmer zahlt siebzig Dollar pro Monat – für zwei Trainingseinheiten pro Woche à dreißig Minuten (das entspricht etwa der durchschnittlichen Trainingsrate) erachte ich eine solche Summe als maßlose Übertreibung.

Ich habe eigentlich nichts gegen Crossfit an sich und hin und wieder übernehme ich Elemente daraus auch in mein Training, aber wenn man dem Treiben so zuschaut, muss man ernstlich um die Gesundheit so manches Kursteilnehmers fürchten. Ich weiß nicht, warum es Trainer gibt – ein Trainer ist immer im Kurs anwesend –, wenn die Leute am Ende viel zu große Lasten mit elend schlechter Technik zu heben versuchen. Aber anscheinend geht es beim Crossfit nicht darum, ein Gewicht mit korrekter Technik zu bewältigen, sondern nur darum, ein möglichst schweres Gewicht mit welcher Technik auch immer zur Hochstrecke zu bringen – wenn es sein muss, auch ganz ohne Technik. Man wundert sich manchmal nur, warum nicht alle paar Minuten irgendeine Bandscheibe herausploppt.

Die meisten der Kursteilnehmer sind jung und junge Gelenke verzeihen bekanntlich noch so manche Torheit. Das ist vielleicht auch der Grund, warum man in den Kursen niemanden sieht, der die Vierzig überschritten zu haben scheint. Wenn ich bei „Nouba Crossfit“ trainiere, bin ich oft der mit Abstand Älteste, aber ich bin ja auch kein Crossfitter und deshalb halte ich mich lieber fern von Übungen, mit denen man sich die Gelenke in Windeseile ruiniert. Nur beim Snowboarden geht es wahrscheinlich noch schneller.

Um ihre Gelenke scheinen sich die Teilnehmer der Kurse aber weit weniger Sorgen zu machen als ich: Wenn sie Kniebeugen machen, sieht man sie auch noch die letzten Zentimeter bis auf die Fersen herabsinken, als würden sie sich in Postion bringen, ihre Notdurft zu verrichten. Und wenn das Gewicht zu schwer ist, was nicht selten der Fall zu sein scheint, versuchen sie sich mit Schwung nach oben zu federn.

Wirklich bedrohlich wird es beim Kreuzheben: Der Rundrücken und Knie, die unter der Last wie beim Foxtrott nach innen einknicken, sind fast die Norm. Dabei bewegen die Leute Gewichte, die wirklich beachtlich sind. Ich frage mich ein ums andere Mal, ob sie sich damit wirklich etwas Gutes tun. Aber sie scheinen davon überzeugt zu sein. Der Teamgeist befeuert ihr ruchloses Tun: Wenn es einem gelingt, sein Gewicht mit haarsträubender Technik zu heben, applaudieren die anderen, als hätte er wirklich eine Leistung vollbracht, die verdiente, gewürdigt zu werden.

An Tagen, an denen Kniebeugen ausgeführt werden, bricht die Hälfte unter der Last zusammen. Viele kommen aus der Hocke nicht mehr hoch und müssen die Hantel nach hinten abwerfen. Manch einen habe ich schon mit der Last im Kreuz auf die Knie fallen sehen und wann immer ich diese mittlere Katastrophe erlebe, will mir scheinen, jetzt seien die Bänder wirklich hinüber. Kaum auf dem Boden, kippen die Leute mit der Hantelstange nach hinten um wie die Limbo-Tänzer. Schon der gesunde Menschenverstand müsste diesen treuen Crossfit-Adepten sagen, dass ein Knie, sofern es sich nicht um eine haltbare Titan-Prothese handelt, solch eine Misshandlung keineswegs ein ganzes Leben lang aushält. Von all dem Gewichtewerfen scheppert und knallt es in der Halle, als würden die Arbeiter einer Eisengießerei plötzlich Amok laufen und Eisenbahnräder herumschleudern.

Ich vermute, viele der jetzt noch agilen Crossfitter werden mit vierzig Gelenke wie Pinocchio die Marionette haben und spätestens mit fünfzig wird der Orthopäde ihr bester Freund sein (und vielleicht auch ihr einziger, weil sie ohne ihre Krücken nirgendwo mehr hinkommen). Doch wenn ich meine Kniebeugen mache und dabei die Wiederholungen langsam ausführe, mit dem Gesäß nicht bis zum Boden heruntertauche und davon Abstand nehme, die Knie vollständig durchzustrecken, ernte ich Blicke, als wäre ich der Idiot und sie die Olympioniken. Aber die Zeit arbeitet für mich – und gegen sie.

Ich weiß nicht, ob diese Leute schon einmal von Trainingsmethodik gehört haben. Außer, dass man offenbar bei jeder Gelegenheit versucht, maximale Gewichte zu verwenden, habe ich noch keine Methode erkennen können. Einen sah ich einmal Wallballs mit einem schweren Medizinball ausführen (das war das einzige Mal, dass ich jemanden mit einem Medizinball trainieren sah). Er stieß den Ball zwanzig Minuten lang fast ununterbrochen die Wand hinauf. Nach zehn Minuten atmete er wie ein Asthmatiker, dem man die Katze zum Streicheln in den Arm gelegt hat, und gegen Ende bekam er regelrechte Erstickungsanfälle. Er stöhnte wie ein Schmerzpatient, dem das Morphium ausgegangen ist.

Sicher kann ein Workout, das die gesamte Körpermuskulatur beansprucht, ungeheuer anstrengend sein, aber nachdem er seine „Übung“ beendet hatte, lag er eine Stunde lang komatös auf der Matte. Weder bewegte er sich, noch schien er ansprechbar – für mich ein klarer Fall für den Rettungssanitäter. Doch man ließ ihn einfach am Rande der Matte liegen wie ein benutztes Handtuch und beachtete ihn nicht weiter. Später hatte er sich wieder erholt, zumindest war er ansprechbar und er kam auch wieder aus eigener Kraft auf die Beine, doch er wankte aus dem Studio, als hätte er nicht Bälle sondern Tequilas gestemmt.

Ganz so schlimm würde ich es natürlich nicht treiben, aber nachdem ich während eines Zeitraumes von einigen Monaten keine Kniebeugen hatte ausführen können, fand ich, es wäre eine ganz fabelhafte Idee, es mit zehn Sätzen à zehn Wiederholungen nach Art einer German-High-Volume-Einheit zu versuchen (wahrscheinlich habe ich mich doch vom Enthusiasmus der Crossfitter anstecken lassen). Das Gewicht war recht niedrig (achtzig Kilo) und wider Erwarten kam ich erstaunlich leicht durch die Sätze. Fast war ich versucht, die Last zu steigern.

Zum Glück habe ich es nicht getan, denn die nächsten drei Tage litt ich an Ganzkörperschmerzen wie ein Alkoholiker auf kaltem Entzug. Jeder einzelne Muskel tat weh, nicht nur die Oberschenkel, und ich wusste kaum, wie ich nachts liegen sollte. Ich bewegte mich durch die Wohnung wie ein steinalter Greis – vielleicht ein Vorgeschmack auf später. Doch das war nur die gerechte Strafe für Unbesonnenheit. Manche Dinge sollte man eben überlegt angehen und gerade im Training ist weniger manchmal eben doch mehr (aber nicht nur im Training).

The British School Quito

Ein Schuljahr ist schnell vergangen und gestern war der letzte Schultag in der British School Quito – Grund genug, einen alten Artikel noch einmal zu posten (Hier geht´s zum ursprünglichen Artikel). Ich habe von der Verwaltung die Erlaubnis erhalten, Fotoaufnahmen zu machen, und so sieht man auch einmal, wie es in einer britischen Auslandsschule eigentlich aussieht. Ich hoffe, nach dem Ausscheiden des Königreichs aus der Europäischen Union war dies nicht die letzte Möglichkeit, ein Stück Großbritannien hautnah zu erleben. Wir werden diesen tropischen Außenposten britischer Lebensart sehr vermissen. Thank you Mr. Bloy.

Wir haben uns nun doch dagegen entschieden, unseren Sohn auf das Colegio Alemán zu schicken. Die Deutsche Schule ist eine der besten Schulen überhaupt und an der Qualität der Lehrer und des Unterrichts gibt es keinen Zweifel. Das Colegio Alemán genießt weit über die Landesgrenzen hinaus einen exzellenten Ruf und eigentlich gibt es keinen Grund – von den Gebühren einmal abgesehen –, warum man seine Kinder nicht auf diese Schule schicken sollte.

Unser Sohn wuchs dreisprachig auf, und zwar mit Deutsch, Spanisch und Englisch. Wir verbrachten einige Jahre in den USA und dort ging unser Sohn auch in den Kindergarten. Später in Deutschland besuchte er von Anfang an die Amerikanische Schule. Dadurch, dass er in Amerika aufgewachsen ist und seither viel Zeit in einem englischsprachigen Umfeld verbracht hat, verfügt er im Englischen über ein Niveau, das dem eines Muttersprachlers entspricht. Wir wollten, dass er zumindest im ersten Jahr viel Englisch spricht, damit seine Fähigkeiten erhalten bleiben.

Die British School Quito genießt, ähnlich wie die Deutsche Schule, einen sehr guten Ruf. Aber dafür ist sie auch eine der teuersten Privatschulen im Lande. Wer schon einmal eine Rechnung in Händen gehalten hat, kann guten Gewissens behaupten, dass er den wahren Wert von Bildung kennt: Wie man hört, beträgt die monatliche Gebühr um die achthundert Dollar. Hinzu kommt noch eine einmalige Einschreibegebühr von sechshundert Dollar sowie der Beitrag für Lunch, der sich auf gut einhundert Dollar pro Monat beläuft. Aber immerhin ist eine gute Bildung auch etwas wert und wen interessiert schon schnöder Mammon, wenn er die höchsten Weihen der Weisheit erwerben kann.

Verglichen mit ihrem deutschen Pendant ist die British School deutlich kleiner: Zählt die Deutsche Schule ca. zweitausend Schüler, so sind es in der British School gerade einmal dreihundert. Das Gelände der Schule liegt auch nicht in Cumbayá, sondern etwas außerhalb von Tumbaco (das ist die Gemeinde weiter östlich von Cumbayá). Von Cumbayá aus kann man sie mit dem Auto in etwa zwanzig Minuten erreichen, vorausgesetzt, es gibt keinen Stau, was morgens zu bestimmten Zeiten aber leider immer der Fall ist.

Das Gelände der Schule befindet sich in einer dem Anschein nach relativ ärmlichen Gegend und wie alle Schulen in Ecuador ist sie gegen die Nachbarschaft mit Mauern und Zäunen gesichert. Ein Sicherheitsdienst bewacht das gesamte Gelände und kontrolliert den Zugang. Außerhalb der offiziellen Besuchszeiten am Morgen und nach Schulschluss muss der Besucher, wie schon in der Deutschen Schule, seinen Ausweis abgeben und bekommt im Tausch dafür eine Besucherkarte. Ich habe mich ein wenig über den Wachschutz gewundert, denn auf den Schutzwesten der Mitarbeiter prangt groß der Davidsstern und darüber ist der Schriftzug „Sefardi“ zu lesen. Wenn man das Gelände betreten möchte, kommt es einem so vor, als passiere man einen israelischen Checkpoint. Ganz im Gegensatz zu ihrem martialischen Auftreten, sind die Leute aber sehr nett und hilfsbereit.

Bei der British School sieht man, dass der Zahn der Zeit schon ein wenig an der Substanz genagt hat. Zwar sind alle Gebäude gut in Schuss und zwar kümmert sich auch hier ein Heer von Bediensteten darum, dass alles so bleibt, doch man empfindet deutlich, dass einige Bereiche einer Generalüberholung bedürften. Der Principal, der es sich nicht nehmen lässt, uns persönlich herumzuführen, erklärt, dass Vieles in den nächsten zwei Jahren von Grund auf renoviert werden soll. Zu wünschen wäre es, denn die Schule macht einen sehr sympathischen Eindruck: In der Mitte des Geländes thront das Hauptgebäude mit dem Sekretariat, den Büros und der Cafeteria. Darum herum gruppieren sich die einzelnen Klassenräume, die in Bungalows untergebracht sind. Die Gebäude vermittelten mir doch stark den Eindruck einer Missionsschule, wie die Briten sie in vielen Teilen ihres ehemals weit gespannten Empires errichteten. Doch als man uns ins Innere führte, sahen wir, dass sie eingerichtet sind, wie es sich für moderne Klassenräume gehört, und dass es an nichts fehlt.

Wie in „Harry Potter“ werden die Schüler einzelnen Häusern zugeteilt und zuweilen kommt es vor, dass die Fiktion gar nicht so weit von der Wirklichkeit entfernt ist: Jedes dieser Häuser hat einen eigenen Namen und eine eigene Farbe. Mein Sohn kam zum Haus „Cayambe“ (nicht der sprechende Hut übernahm die Zuteilung, sondern eine Angestellte der Schule). Alle Häuser sind nach Vulkanen benannt und mit den Farben der ecuadorianischen Trikolore (blau, rot, gelb) ausgezeichnet. Cayambe ist gelb (oder Gold, wie auch „Gryffindor“, das Haus, dem Harry Potter angehört). Mein Sohn hat die Harry-Potter-Romane alle gelesen und musste schmunzeln, als ich ihn darauf aufmerksam machte.

Es war der erste Schultag und die Schüler waren in ihren Schuluniformen im Hof angetreten. Ich hatte tatsächlich einen Augenblick lang den Eindruck, ich befände mich im Mutterland England (oder in Hogwarts), als ich die Schüler in ihrer gebügelten Schulkleidung, die Mädchen in Rock und alle mit Krawatte dastehen sah. Das männliche Lehrpersonal trug übrigens ausnahmslos Anzug und die weiblichen Angestellten wirkten auf mich allesamt sehr gut gekleidet. Wüsste man nicht, dass es sich um Lehrer handelt, hätte man sie auch für Banker oder Angestellte in Führungspositionen in einer großen Firma halten können. Manche der Männer trugen dazu noch einen Panama-Hut, was sie sehr britisch wirken ließ. Allerdings sind es weniger die Äußerlichkeiten, die einen die „Britishness“ des Ortes empfinden lassen, sondern vielmehr die ganz besondere Art, wie man als Fremder aufgenommen wird. Alle sind so ausnehmend freundlich und so hilfsbereit, dass man sich sofort wohlfühlt. Ich habe das Gelände der Schule noch nie zuvor betreten, aber jedermann, dem ich begegne, gibt mir das Gefühl, als gehörte ich schon eine Ewigkeit dazu. Der Umgang ist so leger wie in einem exklusiven Tennis- oder Golfklub und sämtliche Klischees, die man immer gern über britische Höflichkeit bemüht, werden erfüllt. Dabei ist immer ein gewisses Understatement zu spüren – auch das sieht man als typisch britisch an; niemals würde man damit protzen, wer man ist, obgleich man durchaus Grund dazu hätte. Das alles macht es sehr angenehm und augenblicklich kamen mir viele schöne Erinnerungen an meine Reisen nach England ins Gedächtnis.

In der British School wird Schulkleidung getragen – für die meisten Schüler sicher ein handfester Grund, sich dem Wunsch der Eltern zu verweigern und lieber eine andere Schule zu besuchen, auf der keine Schulkleidung vorgeschrieben ist. Nur würde man es damit auch nicht besser treffen, jedenfalls ist mir keine Privatschule bekannt, an der keine einheitliche Kleidung getragen wird, und Ausländer wie Ecuadorianer, die es sich leisten können, schicken ihre Kinder der besseren Bildungschancen wegen nur zu gern dorthin. Wenn man nach Schulschluss durch die Stadt fährt, sieht man die verschiedenfarbigen Uniformen der Schulen: blau, braun, grün. An der Deutschen Schule trägt man übrigens graue Hose, weißes Shirt mit dem Schullogo darauf und, wer will, darf sich eine grüne Jacke überziehen (auf dem Herzen prangt das Emblem der Schule). Die Jacken und die dazu passenden Hosen erinnern sehr an die Trainingsanzüge der deutschen Fußballnationalmannschaft anno 1954. Das sind nicht die coolen Sachen, in denen man als Dreizehn-, Vierzehnjähriger gesehen werden möchte. In Deutschland würde man ganz sicher Sticheleien über sich ergehen lassen müssen, doch hierzulande ist es eher eine Auszeichnung, diese Kleidung tragen zu dürfen. Der einzige Trost ist, dass alle anderen genauso aussehen – kein Grund also, sich zu schämen. In einem Land wie Ecuador ist es nur einer kleinen Elite vergönnt, die Kinder auf teure Privatschulen zu schicken, so dass die Schüler dieser Schulen von Gleichaltrigen wohl eher beneidet werden, als dass man über sie lacht.

Für Jungs besteht die Uniform der British School aus weißem Hemd, gelber Krawatte (Haus Cayambe), blauem Blazer mit roten Streifen, grauer Hose und schwarzen Schuhen. In der Ventura-Mall, das ist eine Shopping-Mall in Tumbaco, unterhält die British School einen eigenen Uniform-Shop. Zwar besuchen die Einrichtung nur dreihundert Schüler, doch muss sich jeder mit einer Schuluniform eindecken. Die einfache Garnitur kostet schon über zweihundert Dollar, dabei sind die Schuhe, die hier in Ecuador extrem teuer sind, noch gar nicht mit eingerechnet. Darüber hinaus ist es ratsam, gleich mehrere Garnituren zu kaufen, denn schließlich verschmutzt ja auch mal etwas. Wer nur auf die Idee gekommen ist, Schüler in weiße Hemden zu strecken! Leider waren Hosen in der entsprechenden Größe und gelbe Krawatten (Haus Cayambe) nicht mehr verfügbar, so dass wir am Samstag erst zur Fabrik nach Quito fahren müssen, um die fehlenden Kleidungsstücke dort direkt zu kaufen. Wir haben immer noch kein Auto und der vermeintlich kurze Trip wird wahrscheinlich wieder zur Weltreise ausarten. Ich sehe mich nach der Rückkehr am Abend schon wieder vollkommen erschöpft auf der Couch liegen.

Am ersten Schultag holte ich meinen Sohn von der Schule ab. Da wir immer noch kein Auto haben und es in den Sternen steht, wann es geliefert wird, musste ich mit dem Taxi zur Schule fahren. Von unserer Wohnung aus zahlt man fünf Dollar und die Fahrt dauert ca. zwanzig Minuten. Unsere Wohngegend ist offenbar selbst für Taxifahrer so abgelegen, dass der Dispatcher der Taxi-Kooperative stets nachfragen muss, wo genau wir zu finden wären. Nach dem dritten oder vierten Mal konnte meine Frau nicht mehr an sich halten und machte dem Mann wortreich Vorwürfe, dass man immer noch nicht wüsste, wohin man das Taxi beordern solle. Ich glaube, die Tirade half, denn heute kam das Taxi auch ohne umständliches Nachfragen. Wenn ich mir in der Schule ein Taxi bestellen lasse, geben sie immer meinen Vornamen an, denn gewöhnliche deutsche Nachnamen sind für ecuadorianische Zungen einfach unmöglich korrekt auszusprechen. Ich bin dann Señor Henry (ausgesprochen je nach Gusto entweder Chenry mit hartem „Ch“ oder Enry, denn die spanische Sprache kennt kein „H“).

Ich hatte noch ein paar Besorgungen zu machen – unter anderem wollte ich ein Fitness-Studio testen – und bin deshalb mit dem Bus nach Tumbaco gefahren. Ich fand das Studio übermäßig teuer, aber zumindest hatte ich ein Probetraining frei. Zufällig lief mir der Besitzer über den Weg. Ich merkte schnell, das er ein Landsmann war und wir kamen ins Gespräch. Er erzählte, dass er seit vier Jahren im Lande sei. Mit seiner Frau zusammen hätte er das Studio aufgebaut, aber sie überlegten, ob sie nicht alles wieder verkauften und nach Europa zurück gingen. Die Mentalität der Leute hierzulande sei furchtbar. Die Ecuadorianer hätten keinen Respekt vor fremdem Eigentum und alles werde mutwillig zerstört. Wie zum Beweis zeigte er auf die Matten, mit denen er sein Studio erst kürzlich ausgelegt hätte, wie er meinte – sie waren schon über und über zerschlissen und sahen aus, als würden sie seit Jahren genutzt. Er war darüber erbost, dass jeder um kleinste Dollarbeträge feilsche. Er habe es so satt. Es gäbe einfach keine Kultur in diesem Land, auch keine Esskultur. Man hätte sich ein Grundstück am Pazifik gekauft und habe vor, ein Haus zu bauen – doch wozu? Es lohne ja doch nicht. Man wolle hier nicht bleiben. Man werde alles verkaufen und in Europa einen neuen Start versuchen. Ich wünsche ihm viel Glück.

Von Tumbaco aus wollte ich ein Taxi zur Schule nehmen. Ich postierte mich gut sichtbar am Taxistand vor der größten Shopping-Mall im Ort und war guter Hoffnung, dass ich in kürzester Zeit ein Taxi finden würde. Aber es dauerte geschlagene zwanzig Minuten bis überhaupt eines auftauchte. Ich nannte dem Fahrer mein Ziel, aber er entgegnete mir nur, dass er von einer British School noch nie gehört habe. Die British School ist eine der teuersten und exklusivsten Schulen des Landes und jeder in der Gegend kennt sie, Taxifahrer oder nicht. Ich muss annehmen, der Mann wollte mich nicht fahren. Doch schon wenige Minuten später tauchte ein zweites Taxi auf und diesmal hatte ich mehr Glück.

Als ich ankam, waren die meisten Eltern schon da, um ihre Kinder abzuholen. Eine Seitenstraße direkt an der Mauer, die das Gelände der Schule begrenzt, ist fürs Parken reserviert und dort standen nun die Wagen der Eltern. Die Phalanx der parkenden Autos gab einen deutlichen Hinweis auf den Wohlstand, der sich an diesem Ort sammelt: Sämtliche Fahrzeuge der Marke Chevy sowie diverser ostasiatischer Hersteller waren deutlich übermotorisiert, viele hatten Allradantrieb. Die SUVs waren eindeutig in der Überzahl. Manche der Autos waren so geräumig, dass man eine ganze Fußballmannschaft damit transportieren könnte, dennoch saßen meist nur zwei Personen darin. Wenn man diese Flotte aus geländegängigen Fahrzeugen so sah, hätte man glauben können, es gäbe in diesem Land keine einzige asphaltierte Straße.

Pünktlich um 15:20 Uhr öffnete die Schule ihre Pforten und die Kinder strömten befreit hinaus. Es dauerte gerade einmal fünf Minuten, dann hatten sich mehrere Dutzend Fahrzeuge in den Verkehr gequetscht und die Parkstraße war wieder leer. Während sie abfuhren, konnte man bei manchen der Autos auf der Heckscheibe einen Hinweis auf die Herkunft der Insassen erkennen: Man sah amerikanische, britische oder australische Fahnen. Es schien, als wollte man jedermann gut sichtbar kundtun, wer man ist. Ich hatte den Eindruck, die Insassen säßen gut geschützt in ihren stählernen Festungen, in denen sie nach Hause, zu ihren bewachten Wohnanlagen rollten.

Am nächsten Tag brachte ich meinen Sohn wieder mit dem Taxi zur Schule. Auf halbem Weg setzten wir meine Frau an ihrem Arbeitsplatz, dem Colegio Alemán ab. Viele der Schüler trugen die „Retro“-Schuluniform anno ’54, einige aber nur das weiße Shirt mit dem Adler auf der Brust, was mich ungewollt an die preußische Turnerriege aus Wilheminischer Zeit denken ließ. An der British School gab ich meinen Sohn ab und fuhr dann wieder mit demselben Taxi nach Hause. An der Pforte zu unserer Wohnanlage angekommen, merkte ich jedoch, dass ich nicht ins Hause kommen würde: Die Haushälterin hatte die Eingangstür zur Anlage aus mir unbekannten Gründen von innen mit einem dicken Vorhängeschloss gesichert, obwohl die Tür bereits über ein gutes Schloss verfügt. Ich habe zwar einen Schlüssel für das Vorhängeschloss, doch um es zu öffnen, hätte ich irgendwie auf die andere Seite der Tür gelangen müssen und dort hätte ich den Schlüssel nicht mehr gebraucht, da ich ja schon drin wäre. Ich hätte freilich auch über die Parkanlage ins Haus gelangen können; dazu wäre nur der Türöffner nötig gewesen, den aber meine Frau mit in die Schule genommen hatte. An manchen Tagen läuft wirklich alles perfekt!

Ich wartete einige Zeit vor der Tür, weil ich hoffte, jemand würde das Haus verlassen, aber es kam niemand. Keine Menschenseele war zu sehen, obwohl Autos im Parkdeck standen. Einfach zu klingeln und zu fragen, ob man mir öffnete, wäre kaum möglich gewesen, da man es hierzulande als klüger erachtet, niemandem zu öffnen, den man nicht kennt oder der sich nicht angekündigt hat. Wohl oder Übel musste ich mir wieder ein Taxi nehmen, zur Schule meiner Frau fahren und mir von ihr den Türöffner für die Parketage geben lassen. So kann man schon mal einen Morgen sinnvoll verstreichen lassen.

Lustige Witwen

Nachmittags um drei Uhr verlassen wir dann endgültig den Strand. Wir müssen zurück nach Bahía und Maria Vicenta muss zur Führerscheinprüfung – sie trinkt nur noch eben schnell ihr Bier aus. In diesem Land kein Auto zu besitzen, ist eigentlich eine Qual, denn mit dem Bus dauert die Fahrt über jede noch so kurze Strecke eine Ewigkeit. Da ist es schon kurios und wirklich so etwas wie eine Rarität, wenn jemand in meinem Alter nicht Auto fahren kann. Wir verabschieden uns herzlich, danken Maria Vicenta für ihre Gastfreundschaft und wünschen ihr viel Glück für die Prüfung. Maria Vicenta meint, wir könnten jederzeit nach Manta kommen und bei ihr übernachten, denn sie und meine Frau seien allerbeste Freundinnen seit Kindertagen. Um anzudeuten, wie nah sie sich wirklich stehen, verschränkt sie Zeige- und Mittelfinger, als seien es siamesische Zwillinge.

Es geht zurück nach Bahía. In Rocafuerte legen wir einen Zwischenstopp ein, um Dulces, Süßigkeiten, zu kaufen. Schon auf der Hinfahrt hatten wir die Stadt besuchen wollen, aber das Navi, dieser hinterlistige Intrigant von einem Elektronenhirn, hatte dafür gesorgt, dass wir das Ziel verfehlten. Diesmal verlassen wir uns ganz altmodisch auf unsere Straßenkarte, die ich noch kurz vor unserer Abreise in Berlin gekauft hatte. Damals rümpfte meine Frau die Nase und fragte mich, wozu ich denn eine Karte ausgerechnet aus Deutschland mitnehmen müsste. Sie meinte ganz unschuldig, ich könnte doch auch welche in Ecuador kaufen. Dabei guckte sie mich so an, als beabsichtigte ich, einen Toilettensauger, eine Gasmaske und eine Skiausrüstung ins Gepäck zu schmuggeln. Doch ich bin froh, dass ich die Karte habe, denn hier in Ecuador kommt man nur schwer an Straßenkarten, die wirklich etwas taugen. Und dem Navi, dieser heimtückischen Maschine, kann man einfach nicht trauen.

In Rocafuerte laden wir tütenweise Dulces ein – Alfajores (kleine runde Kekse mit Schichtfüllung), Toffees, Suspiros (Sahnebaisers) und vieles mehr. Ich glaube, mein Blutzuckerspiegel hat in den folgenden Tagen bedenkliche Werte erreicht und wahrscheinlich würde man mich mit einem Zuckerschock in die nächste Klinik eingeliefert haben, hätte ich nicht das örtliche Fitnessangebot genutzt und die überschüssigen Kalorien bei Kniebeugen und Kreuzheben verbrannt. Aufgeladen mit so viel Energie, kann man wie ein wahrhaftiger Berserker trainieren und selbst noch ein solch mörderisches Programm, wie ich es mir manchmal ausdenke, um das Gewissen nach all der Völlerei zu beruhigen, kommt mir unter dem Einfluss der süßen Droge geradezu läppisch vor.

In Leonidas Plaza, der Vorstadt von Bahía, einige Kilometer landeinwärts, begegnen uns die ersten Viudas. Damit hat es folgende Bewandtnis: Viuda bedeutet Witwe. Zum Jahresende verkleiden sich vorzugsweise junge Männer als Witwen und bitten Passanten oder Autofahrer um Geld. Die Spenden geben sie dann für Partys und Alkohol aus oder wonach auch immer ihnen gerade der Sinn steht – also Alkohol und Partys. Doch die Tradition ist im Niedergang begriffen, denn eigentlich ist so eine zünftige Witwe mit einem Handwagen oder Karren unterwegs, in den sie die Leiche ihres verstorbenen Ehemannes gebettet hat. Den Karren schiebt sie nun umher, um aller Welt ihre Trauer über das Ableben des ach so geliebten Gatten zu bekunden. Den Gatten, eine mehr oder weniger aufwändig gestaltete Puppe, stellt man sich dabei als das alte, gewissermaßen dahingeschiedene Jahr vor und die Rolle der Witwen besteht nun darin, den Verblichenen lautstark und möglichst publikumswirksam zu beweinen. Je origineller und vor allem je lustiger die Witwen den Tod des Gatten zu beklagen verstehen, desto lockerer sitzt den Leuten das Geld in der Tasche und für eine gute Show sind sie auch gern bereit, die lustigen Witwen anständig zu entlohnen.

Meine Frau ist in Bahía aufgewachsen, aber sie meint, heute scheine niemand mehr zu wissen, was es mit der Tradition auf sich habe. Die jungen Männer verkleiden sich nur noch – was allerdings auch sehr lustig sein kann – und gehen die Leute um Geld an. Die Commedia dell’arte früherer Zeit ist aber fast in Vergessenheit geraten.

Kurz vor Bahía stoppen uns einige ziemlich aufreizend gekleidete und stark geschminkte Witwen und ich frage mich, ob sich solch ein Aufzug für eine Trauernde überhaupt ziemt. Eigentlich will ich weiterfahren, aber ich fürchte, ich könnte jemanden verletzen und so halte ich. Die „Witwe“ hat eine wallende schwarze Lockenmähne, trägt Miniröckchen und stöckelt in ihren Pumps gekonnt um das Auto (so muss man sich erst einmal auf Highheels bewegen können!). Sie sagt, was für ein hübscher Bursche ich sei und schmeichelt mir, ich hätte so schöne blaue Augen. Ich gebe ihr einen Dollar – für die blauen Augen – und wir dürfen weiterfahren.

Ich lasse den Abend bei einem brutalen Beintraining in meinem Lieblingsstudio ausklingen. Das Studio ist so voll, dass man kaum einen Schritt machen kann, ohne jemanden auf die Füße zu treten. Der Besitzer macht über Silvester und Neujahr Urlaub, so dass der Fitnesstempel geschlossen bleiben muss. Der sportliche Teil der Einwohnerschaft Bahías nutzt die letzte Gelegenheit des Jahres, um die schwächelnde Muskulatur noch einmal präventiv durchzuarbeiten. Ich lasse mich von so viel Trainingswut anstecken und erhöhe spontan die Schlagzahl. Von all dem Zucker im Blut (dank der Dulces aus Rocafuerte) habe ich ein regelrechtes High. Das Training ist die Hölle und obwohl meine Oberschenkel schon nach kurzer Zeit so infernalisch zu brennen beginnen, als hätte man mir flüssiges Blei in den Muskel gespritzt, genieße ich jede Sekunde.

Der Schweiß der Rechtschaffenen

Ich gehe trainieren – eigentlich eine Wahnsinnsidee, denn in Bahía herrscht brütende Hitze. Doch hierzulande schert sich niemand um Temperaturen, es sei denn, es ist kalt, und zwar richtig kalt, und 16 Grad (plus, wohlgemerkt) gelten an der Küste schon als die Grenze unterhalb derer kein menschliches Leben mehr möglich ist. Die meisten haben in ihrem Leben noch nie Schnee gesehen und ich glaube, sie können sich auch nicht recht vorstellen, wie es sich in der Eiseskälte lebt. An Wärme sind sie aber gewöhnt.

Das Studio befindet sich nur wenige Schritte vom Haus der Tante entfernt. Trotz der Hitze ist es erwartungsgemäß voll und die Jugend der Stadt stählt ihre Körper vorzugsweise mit schweren Hanteln. Ich habe das Studio kaum betreten, da fange ich auch schon an zu schwitzen als wäre ich in eine Sauna geraten. Alle Räumlichkeiten sind mit Lautsprechern gespickt, als wäre dies kein Sportstudio, sondern irgendein Tanzschuppen, und die Musik, die ständig aus den Boxen dröhnt, ist so laut, dass man ernstlich um sein Gehör fürchten muss. Eine Oase relativer Ruhe ist lediglich die Dachterrasse, aber auch hier ist der Lautstärkepegel noch hoch genug, dass man sich förmlich anbrüllen müsste, um sich verständlich zu machen. Einen positiven Effekt hat die ohrenbetäubende Lautstärke: Das Gedröhne macht aggressiv und bringt einen damit in genau die richtige Stimmung, die man für ein gutes Workout braucht.

Der Besitzer erkennt mich und grüßt freundlich. Er sieht etwas schläfrig und schlapp aus; wahrscheinlich hat ihn die Hitze schon weichgekocht. Ich gebe ihm die 1,50 Dollar für den Besuch des Studios und beginne damit, mich aufzuwärmen – eine Unternehmung, die mir angesichts der tropischen Temperaturen ein wenig sinnlos erscheint. Nach nur zehn Minuten bin ich in Schweiß gebadet und ich fühle mich so schwach, dass ich am liebsten nach Hause gehen und mich willenlos ins Bett schmeißen würde. Aber Training ist nun einmal Training und Ausreden zählen da bekanntlich nicht. Also bleibe ich und lasse es etwas langsamer angehen.

Allmählich komme ich dann doch in Fahrt und mein Kreislauf kommt mit den tropischen Temperaturen immer besser zurecht; wenn ich länger an einer Stelle verweile, bildet sich auf dem Boden sofort eine Schweißpfütze. Mein Shirt klebt mir wie ein nasser Waschlappen auf dem Leib. Mein Kreislauf ist noch nicht an die Hitze gewöhnt und ich habe mehrmals das Gefühl, mir würde schwarz vor Augen. Meine Lunge pfeift wie eine altertümliche Herzlungenmaschine. Ich muss längere Pausen als sonst einlegen, damit ich nicht zusammenbreche.

Während ich ausruhe, kann ich die anderen Trainierenden beobachten: Nur wenige scheinen wirklich zu wissen, was genau sie da eigentlich tun. Die Möchtegerns nehmen viel zu große Gewichte und wenn man ihnen dabei zuschaut, wie sie sie zu heben versuchen, hat man das ungute Gefühl, jeden Augenblick wäre man gefordert, Erste Hilfe zu leisten. Ein paarmal denke ich, gleich ist die Bandscheibe weg, aber am Ende passiert doch nichts. Glück gehabt – ein junger Körper verzeiht so manche Torheit. Für gewöhnlich greift der Besitzer ein, redet der sportelnden Jugend ins Gewissen und zeigt, wie es richtig geht. Aber heute hat er offenbar keine Lust, den bequemen Sessel zu verlassen, in dem er wie festgeklebt sitzt. Die mörderische Hitze lähmt auch den stärksten Willen.

Die lokale Fitnessqueen gibt sich wieder einmal die Ehre: hautenge Leggings im Tarnmuster und dazu das passende Stirnband, Sport-BH in Neonpink. Sie macht Crunches mit einer 20-Kilo-Platte und in der Tat ist ihr Sixpack so hart, dass eine Messerklinge daran zerbrechen würde. Anschließend pumpt sie immer wieder Sätze von mehreren Dutzend Liegestützen, ihre Zehenspitzen ruhen erhöht auf einer Bank und ihr Körper ist hart und gespannt wie eine Stahltrosse. Ich bin mir nicht sicher, ob einer der Typen im Studio es ihr gleichzutun könnte, trotz der dicken Arme, die man gern und oft zur Schau stellt. Mir scheint, sie hat die Vierzig schon überschritten, aber von Altersdegeneration hat dieser Körper noch nie etwas gehört.

The British School Quito

Wir haben uns nun doch dagegen entschieden, unseren Sohn auf das Colegio Alemán zu schicken. Die Deutsche Schule ist eine der besten Schulen überhaupt und an der Qualität der Lehrer und des Unterrichts gibt es keinen Zweifel. Das Colegio Alemán genießt weit über die Landesgrenzen hinaus einen exzellenten Ruf und eigentlich gibt es keinen Grund – von den Gebühren einmal abgesehen –, warum man seine Kinder nicht auf diese Schule schicken sollte.

Unser Sohn wuchs dreisprachig auf, und zwar mit Deutsch, Spanisch und Englisch. Wir verbrachten einige Jahre in den USA und dort ging unser Sohn auch in den Kindergarten. Später in Deutschland besuchte er von Anfang an die Amerikanische Schule. Dadurch, dass er in Amerika aufgewachsen ist und seither viel Zeit in einem englischsprachigen Umfeld verbracht hat, verfügt er im Englischen über ein Niveau, das dem eines Muttersprachlers entspricht. Wir wollten, dass er zumindest im ersten Jahr viel Englisch spricht, damit seine Fähigkeiten erhalten bleiben.

Die British School Quito genießt, ähnlich wie die Deutsche Schule, einen sehr guten Ruf. Aber dafür ist sie auch eine der teuersten Privatschulen im Lande. Wer schon einmal eine Rechnung in Händen gehalten hat, kann guten Gewissens behaupten, dass er den wahren Wert von Bildung kennt: Wie man hört, beträgt die monatliche Gebühr um die achthundert Dollar. Hinzu kommt noch eine einmalige Einschreibegebühr von sechshundert Dollar sowie der Beitrag für Lunch, der sich auf gut einhundert Dollar pro Monat beläuft. Aber immerhin ist eine gute Bildung auch etwas wert und wen interessiert schon schnöder Mammon, wenn er die höchsten Weihen der Weisheit erwerben kann.

Verglichen mit ihrem deutschen Pendant ist die British School deutlich kleiner: Zählt die Deutsche Schule ca. zweitausend Schüler, so sind es in der British School gerade einmal dreihundert. Das Gelände der Schule liegt auch nicht in Cumbayá, sondern etwas außerhalb von Tumbaco (das ist die Gemeinde weiter östlich von Cumbayá). Von Cumbayá aus kann man sie mit dem Auto in etwa zwanzig Minuten erreichen, vorausgesetzt, es gibt keinen Stau, was morgens zu bestimmten Zeiten aber leider immer der Fall ist.

Das Gelände der Schule befindet sich in einer dem Anschein nach relativ ärmlichen Gegend und wie alle Schulen in Ecuador ist sie gegen die Nachbarschaft mit Mauern und Zäunen gesichert. Ein Sicherheitsdienst bewacht das gesamte Gelände und kontrolliert den Zugang. Außerhalb der offiziellen Besuchszeiten am Morgen und nach Schulschluss muss der Besucher, wie schon in der Deutschen Schule, seinen Ausweis abgeben und bekommt im Tausch dafür eine Besucherkarte. Ich habe mich ein wenig über den Wachschutz gewundert, denn auf den Schutzwesten der Mitarbeiter prangt groß der Davidsstern und darüber ist der Schriftzug „Sefardi“ zu lesen. Wenn man das Gelände betreten möchte, kommt es einem so vor, als passiere man einen israelischen Checkpoint. Ganz im Gegensatz zu ihrem martialischen Auftreten, sind die Leute aber sehr nett und hilfsbereit.

Bei der British School sieht man, dass der Zahn der Zeit schon ein wenig an der Substanz genagt hat. Zwar sind alle Gebäude gut in Schuss und zwar kümmert sich auch hier ein Heer von Bediensteten darum, dass alles so bleibt, doch man empfindet deutlich, dass einige Bereiche einer Generalüberholung bedürften. Der Principal, der es sich nicht nehmen lässt, uns persönlich herumzuführen, erklärt, dass Vieles in den nächsten zwei Jahren von Grund auf renoviert werden soll. Zu wünschen wäre es, denn die Schule macht einen sehr sympathischen Eindruck: In der Mitte des Geländes thront das Hauptgebäude mit dem Sekretariat, den Büros und der Cafeteria. Darum herum gruppieren sich die einzelnen Klassenräume, die in Bungalows untergebracht sind. Die Gebäude vermittelten mir doch stark den Eindruck einer Missionsschule, wie die Briten sie in vielen Teilen ihres ehemals weit gespannten Empires errichteten. Doch als man uns ins Innere führte, sahen wir, dass sie eingerichtet sind, wie es sich für moderne Klassenräume gehört, und dass es an nichts fehlt.

Wie in „Harry Potter“ werden die Schüler einzelnen Häusern zugeteilt und zuweilen kommt es vor, dass die Fiktion gar nicht so weit von der Wirklichkeit entfernt ist: Jedes dieser Häuser hat einen eigenen Namen und eine eigene Farbe. Mein Sohn kam zum Haus „Cayambe“ (nicht der sprechende Hut übernahm die Zuteilung, sondern eine Angestellte der Schule). Alle Häuser sind nach Vulkanen benannt und mit den Farben der ecuadorianischen Trikolore (blau, rot, gelb) ausgezeichnet. Cayambe ist gelb (oder Gold, wie auch „Gryffindor“, das Haus, dem Harry Potter angehört). Mein Sohn hat die Harry-Potter-Romane alle gelesen und musste schmunzeln, als ich ihn darauf aufmerksam machte.

Es war der erste Schultag und die Schüler waren in ihren Schuluniformen im Hof angetreten. Ich hatte tatsächlich einen Augenblick lang den Eindruck, ich befände mich im Mutterland England (oder in Hogwarts), als ich die Schüler in ihrer gebügelten Schulkleidung, die Mädchen in Rock und alle mit Krawatte dastehen sah. Das männliche Lehrpersonal trug übrigens ausnahmslos Anzug und die weiblichen Angestellten wirkten auf mich allesamt sehr gut gekleidet. Wüsste man nicht, dass es sich um Lehrer handelt, hätte man sie auch für Banker oder Angestellte in Führungspositionen in einer großen Firma halten können. Manche der Männer trugen dazu noch einen Panama-Hut, was sie sehr britisch wirken ließ. Allerdings sind es weniger die Äußerlichkeiten, die einen die „Britishness“ des Ortes empfinden lassen, sondern vielmehr die ganz besondere Art, wie man als Fremder aufgenommen wird. Alle sind so ausnehmend freundlich und so hilfsbereit, dass man sich sofort wohlfühlt. Ich habe das Gelände der Schule noch nie zuvor betreten, aber jedermann, dem ich begegne, gibt mir das Gefühl, als gehörte ich schon eine Ewigkeit dazu. Der Umgang ist so leger wie in einem exklusiven Tennis- oder Golfklub und sämtliche Klischees, die man immer gern über britische Höflichkeit bemüht, werden erfüllt. Dabei ist immer ein gewisses Understatement zu spüren – auch das sieht man als typisch britisch an; niemals würde man damit protzen, wer man ist, obgleich man durchaus Grund dazu hätte. Das alles macht es sehr angenehm und augenblicklich kamen mir viele schöne Erinnerungen an meine Reisen nach England ins Gedächtnis.

In der British School wird Schulkleidung getragen – für die meisten Schüler sicher ein handfester Grund, sich dem Wunsch der Eltern zu verweigern und lieber eine andere Schule zu besuchen, auf der keine Schulkleidung vorgeschrieben ist. Nur würde man es damit auch nicht besser treffen, jedenfalls ist mir keine Privatschule bekannt, an der keine einheitliche Kleidung getragen wird, und Ausländer wie Ecuadorianer, die es sich leisten können, schicken ihre Kinder der besseren Bildungschancen wegen nur zu gern dorthin. Wenn man nach Schulschluss durch die Stadt fährt, sieht man die verschiedenfarbigen Uniformen der Schulen: blau, braun, grün. An der Deutschen Schule trägt man übrigens graue Hose, weißes Shirt mit dem Schullogo darauf und, wer will, darf sich eine grüne Jacke überziehen (auf dem Herzen prangt das Emblem der Schule). Die Jacken und die dazu passenden Hosen erinnern sehr an die Trainingsanzüge der deutschen Fußballnationalmannschaft anno 1954. Das sind nicht die coolen Sachen, in denen man als Dreizehn-, Vierzehnjähriger gesehen werden möchte. In Deutschland würde man ganz sicher Sticheleien über sich ergehen lassen müssen, doch hierzulande ist es eher eine Auszeichnung, diese Kleidung tragen zu dürfen. Der einzige Trost ist, dass alle anderen genauso aussehen – kein Grund also, sich zu schämen. In einem Land wie Ecuador ist es nur einer kleinen Elite vergönnt, die Kinder auf teure Privatschulen zu schicken, so dass die Schüler dieser Schulen von Gleichaltrigen wohl eher beneidet werden, als dass man über sie lacht.

Für Jungs besteht die Uniform der British School aus weißem Hemd, gelber Krawatte (Haus Cayambe), blauem Blazer mit roten Streifen, grauer Hose und schwarzen Schuhen. In der Ventura-Mall, das ist eine Shopping-Mall in Tumbaco, unterhält die British School einen eigenen Uniform-Shop. Zwar besuchen die Einrichtung nur dreihundert Schüler, doch muss sich jeder mit einer Schuluniform eindecken. Die einfache Garnitur kostet schon über zweihundert Dollar, dabei sind die Schuhe, die hier in Ecuador extrem teuer sind, noch gar nicht mit eingerechnet. Darüber hinaus ist es ratsam, gleich mehrere Garnituren zu kaufen, denn schließlich verschmutzt ja auch mal etwas. Wer nur auf die Idee gekommen ist, Schüler in weiße Hemden zu strecken! Leider waren Hosen in der entsprechenden Größe und gelbe Krawatten (Haus Cayambe) nicht mehr verfügbar, so dass wir am Samstag erst zur Fabrik nach Quito fahren müssen, um die fehlenden Kleidungsstücke dort direkt zu kaufen. Wir haben immer noch kein Auto und der vermeintlich kurze Trip wird wahrscheinlich wieder zur Weltreise ausarten. Ich sehe mich nach der Rückkehr am Abend schon wieder vollkommen erschöpft auf der Couch liegen.

Am ersten Schultag holte ich meinen Sohn von der Schule ab. Da wir immer noch kein Auto haben und es in den Sternen steht, wann es geliefert wird, musste ich mit dem Taxi zur Schule fahren. Von unserer Wohnung aus zahlt man fünf Dollar und Fahrt dauert ca. zwanzig Minuten. Unsere Wohngegend ist offenbar selbst für Taxifahrer so abgelegen, dass der Dispatcher der Taxi-Kooperative stets nachfragen muss, wo genau wir zu finden wären. Nach dem dritten oder vierten Mal konnte meine Frau nicht mehr an sich halten und machte dem Mann wortreich Vorwürfe, dass man immer noch nicht wüsste, wohin man das Taxi beordern solle. Ich glaube, die Tirade half, denn heute kam das Taxi auch ohne umständliches Nachfragen. Wenn ich mir in der Schule ein Taxi bestellen lasse, geben sie immer meinen Vornamen an, denn gewöhnliche deutsche Nachnamen sind für ecuadorianische Zungen einfach unmöglich korrekt auszusprechen. Ich bin dann Señor Henry (ausgesprochen je nach Gusto entweder Chenry mit hartem „Ch“ oder Enry, denn die spanische Sprache kennt kein „H“).

Ich hatte noch ein paar Besorgungen zu machen – unter anderem wollte ich ein Fitness-Studio testen – und bin deshalb mit dem Bus nach Tumbaco gefahren. Ich fand das Studio übermäßig teuer, aber zumindest hatte ich ein Probetraining frei. Zufällig lief mir der Besitzer über den Weg. Ich merkte schnell, das er ein Landsmann war und wir kamen ins Gespräch. Er erzählte, dass er seit vier Jahren im Lande sei. Mit seiner Frau zusammen hätte er das Studio aufgebaut, aber sie überlegten, ob sie nicht alles wieder verkauften und nach Europa zurück gingen. Die Mentalität der Leute hierzulande sei furchtbar. Die Ecuadorianer hätten keinen Respekt vor fremdem Eigentum und alles werde mutwillig zerstört. Wie zum Beweis zeigte er auf die Matten, mit denen er sein Studio erst kürzlich ausgelegt hätte, wie er meinte – sie waren schon über und über zerschlissen und sahen aus, als würden sie seit Jahren genutzt. Er war darüber erbost, dass jeder um kleinste Dollarbeträge feilsche. Er habe es so satt. Es gäbe einfach keine Kultur in diesem Land, auch keine Esskultur. Man hätte sich ein Grundstück am Pazifik gekauft und habe vor, ein Haus zu bauen – doch wozu? Es lohne ja doch nicht. Man wolle hier nicht bleiben. Man werde alles verkaufen und in Europa einen neuen Start versuchen. Ich wünsche ihm viel Glück.

Von Tumbaco aus wollte ich ein Taxi zur Schule nehmen. Ich postierte mich gut sichtbar am Taxistand vor der größten Shopping-Mall im Ort und war guter Hoffnung, dass ich in kürzester Zeit ein Taxi finden würde. Aber es dauerte geschlagene zwanzig Minuten bis überhaupt eines auftauchte. Ich nannte dem Fahrer mein Ziel, aber er entgegnete mir nur, dass er von einer British School noch nie gehört habe. Die British School ist eine der teuersten und exklusivsten Schulen des Landes und jeder in der Gegend kennt sie, Taxifahrer oder nicht. Ich muss annehmen, der Mann wollte mich nicht fahren. Doch schon wenige Minuten später tauchte ein zweites Taxi auf und diesmal hatte ich mehr Glück.

Als ich ankam, waren die meisten Eltern schon da, um ihre Kinder abzuholen. Eine Seitenstraße direkt an der Mauer, die das Gelände der Schule begrenzt, ist fürs Parken reserviert und dort standen nun die Wagen der Eltern. Die Phalanx der parkenden Autos gab einen deutlichen Hinweis auf den Wohlstand, der sich an diesem Ort sammelt: Sämtliche Fahrzeuge der Marke Chevy sowie diverser ostasiatischer Hersteller waren deutlich übermotorisiert, viele hatten Allradantrieb. Die SUVs waren eindeutig in der Überzahl. Manche der Autos waren so geräumig, dass man eine ganze Fußballmannschaft damit transportieren könnte, dennoch saßen meist nur zwei Personen darin. Wenn man diese Flotte aus geländegängigen Fahrzeugen so sah, hätte man glauben können, es gäbe in diesem Land keine einzige asphaltierte Straße.

Pünktlich um 15:20 Uhr öffnete die Schule ihre Pforten und die Kinder strömten befreit hinaus. Es dauerte gerade einmal fünf Minuten, dann hatten sich mehrere Dutzend Fahrzeuge in den Verkehr gequetscht und die Parkstraße war wieder leer. Während sie abfuhren, konnte man bei manchen der Autos auf der Heckscheibe einen Hinweis auf die Herkunft der Insassen erkennen: Man sah amerikanische, britische oder australische Fahnen. Es schien, als wollte man jedermann gut sichtbar kundtun, wer man ist. Ich hatte den Eindruck, die Insassen säßen gut geschützt in ihren stählernen Festungen, in denen sie nach Hause, zu ihren bewachten Wohnanlagen rollten.

Am nächsten Tag brachte ich meinen Sohn wieder mit dem Taxi zur Schule. Auf halbem Weg setzten wir meine Frau an ihrem Arbeitsplatz, dem Colegio Alemán ab. Viele der Schüler trugen die „Retro“-Schuluniform anno ’54, einige aber nur das weiße Shirt mit dem Adler auf der Brust, was mich ungewollt an die preußische Turnerriege aus Wilheminischer Zeit denken ließ. An der British School gab ich meinen Sohn ab und fuhr dann wieder mit demselben Taxi nach Hause. An der Pforte zu unserer Wohnanlage angekommen, merkte ich jedoch, dass ich nicht ins Hause kommen würde: Die Haushälterin hatte die Eingangstür zur Anlage aus mir unbekannten Gründen von innen mit einem dicken Vorhängeschloss gesichert, obwohl die Tür bereits über ein gutes Schloss verfügt. Ich habe zwar einen Schlüssel für das Vorhängeschloss, doch um es zu öffnen, hätte ich irgendwie auf die andere Seite der Tür gelangen müssen und dort hätte ich den Schlüssel nicht mehr gebraucht, da ich ja schon drin wäre. Ich hätte freilich auch über die Parkanlage ins Haus gelangen können; dazu wäre nur der Türöffner nötig gewesen, den aber meine Frau mit in die Schule genommen hatte. An manchen Tagen läuft wirklich alles perfekt!

Ich wartete einige Zeit vor der Tür, weil ich hoffte, jemand würde das Haus verlassen, aber es kam niemand. Keine Menschenseele war zu sehen, obwohl Autos im Parkdeck standen. Einfach zu klingeln und zu fragen, ob man mir öffnete, wäre kaum möglich gewesen, da man es hierzulande als klüger erachtet, niemandem zu öffnen, den man nicht kennt oder der sich nicht angekündigt hat. Wohl oder Übel musste ich mir wieder ein Taxi nehmen, zur Schule meiner Frau fahren und mir von ihr den Türöffner für die Parketage geben lassen. So kann man schon mal einen Morgen sinnvoll verstreichen lassen.

[Anmerkung des Autors: Ich habe diesen Artikel noch einmal gepostet, diesmal auch mit Bildern von der British School. Am allerletzten Schultag wollte man mir (allerdings nur unter dem strengen Blick des Wachpersonals) schließlich erlauben, auch ein paar Aufnahmen von der Schule zu machen, die unser Sohn ein Jahr lang besucht hat. Für gewöhnlich ist das Fotografieren aus Sicherheitsgründen streng untersagt, aber da ich so nett darum bat, machte man eine Ausnahme. Zum Re-Post geht es hier.]

Fitnesstraining in Ecuador

Immer wieder das leidige Thema „Fitness“ (komme eben einfach nicht los davon, da ich lange Jahre als Trainer gearbeitet habe): Ich bin auf der Suche nach einem Fitness-Studio. Da wir nahe der Hauptstadt wohnen, sollte man meinen, dass es nicht allzu schwer sein kann, ein Studio zu finden, das erstens eine hinreichende Ausstattung an Hanteln aufzuweisen hat, so dass ein gutes Training garantiert ist, und das zweitens nicht allzu teuer ist. Das zweite Kriterium muss man insofern einschränken, da alles, einfach alles in Ecuador unglaublich teuer ist. Der Preis sollte sich also am unteren Level des hiesigen Niveaus orientieren, vorausgesetzt, das Studio ist so eingerichtet, dass zumindest die elementarsten Voraussetzungen für ein gutes Training erfüllt werden. Hört sich nicht so an, als ob ein solches Studio schwer zu finden wäre? Ich war überrascht, wie schwer es ist, überhaupt ein Studio zu finden.

Vor einigen Tagen besuchte ich das „Physique“, ein Fitness-Studio im größten Einkaufszentrum Cumbayás. Ich hatte hohe Erwartungen, vielleicht zu hohe, denn nachdem ich die offerierte Probestunde absolviert hatte, war klar, dass man mich nicht als neues Mitglied gewinnen würde. Vor allem fehlten Langhanteln, mit denen erst ein gutes, effektives Training möglich ist, und zudem schreckte mich der Preis ein wenig ab (46 Dollar) – für so wenig Training so viel zu verlangen, erschien mir fast schon unverschämt. Ich war zuversichtlich, dass ich in der Stadt ein Studio finden würde, das etwas preiswerter wäre und das die Geräte zur Verfügung stellte, die ich brauchte und die ich aus allen Studios, in denen ich in Berlin trainiert hatte, kannte.

Im Internet machte ich die Adressen und Telefonnummern der hiesigen Studios ausfindig. Mangels ausreichender Spanischkenntnisse ließ ich meine Frau anrufen und Erkundigungen einholen. Viele der Studios führen schon die Bezeichnung Wellness im Namen. Wellness gemahnt immer an Entspannung und Wohlfühlatmosphäre. Wo es Wellness gibt, möchte man sich eigentlich nicht anstrengen, sondern ausruhen und es sich gut gehen lassen. Die Bilder auf den Websites ließen das Schlimmste befürchten: Man sieht Saunalandschaften, Spinning-, Yoga- und Pilates-Räume, in denen Menschen glücklich lächelnd bei Streching und Atemübungen ihre Erfüllung finden. Menschen in Bademänteln lümmeln in skandinavischen Freizeitmöbeln. Zwar sieht man auf den Bildern schöne Körper, aber Hanteln, mit deren Hilfe sie zweifelsfrei geformt wurden, sieht man nicht. Ich habe keine Lust auf diesen Wellness-Mist und ich frage mich ernsthaft, ob ich in diesem Land der einzige bin, der einfach nur trainieren möchte.

Ich dachte, noch schlimmer kann es eigentlich nicht kommen, bis ich die Preise zu hören bekam. Manche der Studios lassen sich ihren Service mit bis zu achtzig Dollar pro Monat vergolden. Ich meinte schon, das „Physique“ sei teuer, aber mit seinen 46 Dollar monatlichem Beitrag gehört es wohl eher zu den preislich günstigeren Einrichtungen.

Auf dem Weg von unserer Wohnung im Sektor Santa Inés ins Zentrum von Cumbayá fährt der Bus an einem Studio vorbei. Ich nahm die Gelegenheit wahr und warf einen Blick hinein und wenn ich schon mal da war, konnte ich ja auch die Preise erfragen. Das Studio – ich sträube mich, es so zu nennen – war alt und abgeranzt jenseits aller Vorstellungskraft. In Deutschland würde man es schon aus hygienischen Gründen schließen müssen, von den sonstigen Mängeln einmal abgesehen. Eigentlich bestand es nur aus einem großen Raum, in den verschiedene Trainingsmaschinen, Hanteln, Matten etc. wahllos hineingestopft waren. Es war eng wie in einer Abstellkammer und ich weiß nicht, wie es möglich sein soll, eine Übung auszuführen, ohne den Nebenmann zu behindern.

Man liegt mit der Vermutung sicher nicht falsch, dass die Geräte niemals einer technischen Überprüfung hatten standhalten müssen. Zu behaupten, sie hätten ihren Dienst getan, wäre eine gelinde Untertreibung, denn eigentlich gehörte sämtliches Inventar verschrottet: Die Hantelstangen sind von jahrzehntelanger intensiver Nutzung verbogen und haben Rost angesetzt. Die Gewichtscheiben gleichen frühgeschichtlichen Lochankern, wie sie die Unterwasserarchäologie manchmal vor den mediterranen Küsten ans Licht bringt. Die Trainingsmaschinen quietschen und knarren, als würden sie gleich zusammenbrechen. Ich hätte Bedenken, sie mit hohen Gewichten zu beladen. Ich würde mehr Vertrauen in ihre Sicherheit und Haltbarkeit haben, hätte ich sie eigenhändig zusammengeschweißt – und ich habe noch nie in meinem Leben ein Schweißgerät in der Hand gehalten! Es gibt sicher heroischere Arten, von der Bühne des Lebens abzutreten, als von einem Plattenstapel begraben zu werden.

Alles in allem würde man denken, dass solche grottigen Studios selbst hier in Ecuador längst der Vergangenheit angehören müssten. Doch sie erfreuen sich regen Zuspruchs: Es war später Nachmittag und das „Studio“ war rappelvoll. Ein Blick genügte und ich wusste, dass ich dort auf keinen Fall trainieren würde. Mehr zum Spaß frage ich nach dem Preis – dreißig Dollar wollte der Besitzer pro Monat dafür haben. Wofür eigentlich? Vielmehr müsste jeder, der in dieser lebensgefährlichen Bruchbude trainieren will, einen Risikoausgleich bekommen.

Ich habe die Hoffnung aufgegeben, dass man hier in Ecuador ein einigermaßen ansprechendes Studio zu einem halbwegs vernünftigen Preis finden kann. Ausnahmen gibt es allerdings: Das Studio in Bahía, das ich wegen seines ganz eigenen Charmes, der an ein Home-Gym denken ließ, für eine Ausnahme hielt, entpuppt sich im Lichte der neuen Erfahrungen als ganz und gar nicht so übel. Der Besitzer versteht offenbar etwas von Training und hat das Studio dementsprechend eingerichtet – nichts Überflüssiges, nur das Notwendigste – und der Preis ist auch akzeptabel: 1,50 Dollar kostet die Tageskarte, 25 Dollar der Monat. Wer im Urlaub einmal trainieren möchte, dem sei ein Abstecher hierher empfohlen. Das Studio befindet sich schräg gegenüber dem Hotel Italia. Man kann es kaum verfehlen, denn ständig schallt Musik in solch infernalischer Lautstärke heraus, dass man glaubt, der Besitzer versuchte sich die Gäste mit dieser Art der Folter willenlos gefügig zu machen. Bei mir hätte es fast geklappt.

Die Situation auf dem Fitness-Markt in Ecuador gleicht jener in Deutschland in den achtziger Jahren: Es gibt wenige große Studios, deren Fokus eher auf Wellness, denn auf Training ausgerichtet ist. Man zahlt hohe monatliche Gebühren, die mit einem breitgefächerten Bespaßungs-Angebot begründet werden. Menschen, die den Pool oder den Handtuchservice gar nicht nutzen wollen, müssen dennoch jene horrenden Beiträge entrichten, denn eine andere Möglichkeit, gut zu trainieren, gibt es nicht. Daneben existiert eine Anzahl kleiner Studios, deren Standard im besten Fall als gerade akzeptabel beschrieben werden kann. In Berlin gab es früher auch solche Studios. Die meisten hatten jedoch einen schweren Stand, denn die Konkurrenz der Großketten wie McFit setzte ihnen immer mehr zu und zwang sie schließlich zur Aufgabe.

Hier in Ecuador kann von Konkurrenz auf dem Fitness-Markt keine Rede sein. Im Prinzip können Studios fast jeden Preis nehmen und die Kunden akzeptieren ihn und zahlen fleißig. Achtzig Dollar sind für einen Großteil der Ecuadorianer schlichtweg unerschwinglich und so trifft sich in den elitären Fitness- und Wellness-Tempeln die Hautevolee, einfache Leute sieht man jedoch nur selten.

Wie man hört, gibt es in Quito mehr und vor allem bessere Studios als in Cumbayá. Ich hoffe, dabei handelt es sich nicht um ein Gerücht. Ich fürchte jedoch, dass hierzulande alles seinen Preis hat und ich vermute, dass man unter fünfzig Dollar kein ordentliches Studio findet.

Ecuador ist für Investoren ein noch wenig beackertes Feld. Auf dem Fitness-Sektor ließe sich noch einiges bewegen: Ein gut eingerichtetes, sauberes, kompetent geführtes Studio, dessen Augenmerk auf dem Training liegt, wäre mit Sicherheit profitabel. Für dreißig Dollar im Monat würden die Leute einem die Tür einrennen, denn es gibt einfach nichts Vergleichbares. Die Idee, Training – und sonst nichts – zu einem relativ günstigen Preis anzubieten, ist bis hierher, auch mangels Konkurrenz, einfach noch nicht vorgedrungen. Gute Voraussetzungen also für Leute mit Geld und Ideen. Ich halte mich bereit für ernstgemeinte Angebote von seriösen Investoren!

Leibesertüchtigung

Gestern habe ich in Cumbayá zum ersten Mal ein Fitness-Studio besucht. Ich kann einfach nicht ohne Sport leben. Für jemandem, der noch nie bewusst Sport getrieben hat und der körperlicher Betätigung eher reserviert gegenübersteht, mag es schwer einzusehen sein, was so toll daran ist, in ein Sportstudio zu gehen: Menschen schwitzen und schnaufen, man muss sich bewegen und es ist anstrengend. Zwar halte ich es nicht mit dem großen Arnold Schwarzenegger, der seinerzeit auf dem Gipfel seines sportlichen Ruhmes meinte, Gewichte stemmen verschaffe ihm ein Gefühl, das er wörtlich als Orgasmus beschrieb, aber ganz Unrecht hat er natürlich nicht, denn nach einem guten Workout fühlt man sich einfach nur phantastisch. Nach einem guten Training ist die Welt in Ordnung, alle Sorgen haben sich – zumindest für eine Weile – in Luft aufgelöst und man fühlt sich einfach nur gut. Studien haben übrigens ergeben, dass Gewichte stemmen eine ähnlich positive Wirkung auf die Stimmung hat wie die gängigen Psychopharmaka.

Meine Frau und mein Sohn hatten einige Tage zuvor schon einmal ein Probetraining absolviert und lobten das Studio in den höchsten Tönen. Als alter Fitness-Profi war ich natürlich skeptisch, denn was der Laie als gut befindet, muss das Auge des Experten noch lange nicht erfreuen. Dennoch bin ich voller Vorfreude und Tatendrang mit ihnen zum Studio gefahren, ungeduldig der Dinge harrend, die auf mich warteten.

Das Studio mit dem vielversprechenden Namen „Physique“ befindet sich in der obersten Etage der größten Shopping-Mall Cumbayás, des Centro Comercial San Francisco. Wir hatten für den Abend einen Probetermin vereinbart. Wir kamen etwas später, aber niemand nahm uns die Verspätung übel, denn erstens sind wir in Ecuador und zweitens versprachen sich die Angestellten des Studios offenbar eine Provision für den Fall, dass wir einen Vertrag unterschrieben. Da wird man nicht so kleinlich sein und genau auf die Uhr sehen.

Die Mall ist so riesig, dass man schon zehn Minuten benötigt, um vom einen Ende zum anderen zu laufen. Das Einkaufszentrum ist praktisch neu, aber Käufer sah man an diesem Abend kaum. Die Flure lagen fast völlig verwaist, manche Geschäfte sind leer und andere stehen vor der Geschäftsaufgabe, was unschwer an den stark reduzierten Preisen abzulesen ist. Es heißt, das Centro Comercial sei ein gigantischer Flop und auf absehbare Zeit würde es sich nicht rentieren. Man munkelt, dass man es vielleicht sogar wieder schließen werde. Die Investitionen wird man wohl abschreiben müssen. Ich kann nicht allzu viel Mitleid mit den Bauherren empfinden.

Bevor wir zum Studio fuhren, haben wir noch schnell einen Cyber-Shop besucht (landläufig Cyber genannt – „Sieber“ ausgesprochen). Da wir selber noch keinen Internetanschluss in den eigenen vier Wänden haben und meine Frau ihr Datenvolumen auf dem Handy ausgeschöpft hat, ist das die einzige Möglichkeit, sicher ins Internet zu kommen. Am Ende dauerte es länger als geplant, was eigentlich nicht die Ausnahme, sondern die Norm ist, und dann musste ich auch noch meine Sportsachen holen. Zwar liegt der Cyber-Shop nur ca. zweihundert Meter von unserer Wohnung entfernt, aber man muss eine Steigung emporklimmen, um dorthin zu gelangen – auf zweitausend Metern Meereshöhe eine sportliche Herausforderung. Kaum zurück, fiel mir ein, dass ich meine Maus im Shop vergessen hatte. Meine Frau und mein Sohn saßen bereits im Bus, der startbereit wartete. Ich hatte wenig Hoffnung, die Maus an meinem Computerplatz wiederzufinden. Seit ich denken kann, erzählte mir meine Frau wahre Horrorgeschichten über die Kriminalität im Lande und da ich mich nicht auskenne, war ich gewogen, ihr zu glauben. Mittlerweile denke ich, sie übertreibt. Selbstverständlich gibt es Kriminalität, selbstverständlich werden Dinge gestohlen, aber ich bin überzeugt, die meisten Ecuadorianer sind so ehrlich wie meine Nachbarn in Berlin [Anmerkung des Autors: Nach einem Jahr Ecuador war ich gezwungen, meine Meinung gründlich zu revidieren. Siehe auch hier und hier.]

Als ich in die Tür des Cyber-Shops haste – ich muss immer den Kopf einziehen, weil der Türsturz so niedrig ist –, überreicht mir die Besitzerin die Maus, noch bevor ich etwas sagen kann. Der Laden ist voll und irgendjemand hat sie ihr gegeben. Sie lächelt und ich bedanke mich artig. Dann renne ich zum Bus und springe in den Einstieg, während der Fahrer schon Gas gibt – gerade noch geschafft.

Das Fitness-Studio macht einen ordentlichen Eindruck. Alles ist sauber und gepflegt, die Trainingsgeräte sind neu und die Trainer grüßen freundlich. Es gibt einen Cardiobereich, ein Areal für Freihanteln und eine Etage höher befindet sich eine Laufbahn. Es gibt einen Kurs- und einen Spinningraum. Die Geräte sind von Techno-Gym, einem renommierten italienischen Hersteller. Müsste man das „Physique“ mit einem bekannteren Studio vergleichen, würde man am ehesten das Fitness First heranziehen: Optik und Ausstattung sind ähnlich und auch die Trainer zeigen dasselbe debile Dauerlächeln. So weit, so gut.

Das Studio firmiert als Wellness-Club. Demzufolge steht nicht das Training, sondern das Wohlfühlen im Vordergrund. Es liegt mir fern, die Kompetenz der Trainer in Frage zu stellen – sicher verstehen sie ihr Handwerk –, wenn ich aber ein Studio besuche, ist mir nicht wichtig, ob die Trainer mich grüßen oder ob es einen Handtuchservice gibt. Mich interessiert vielmehr, wie gut das Trainingsangebot ist: Gibt es die Möglichkeit, Kniebeugen, Kreuzheben, Bankdrücken und Klimmzüge auszuführen – das ist, was mich interessiert. Das „Physique“ verfügt weder über einen Platz für Kniebeuge bzw. fürs Kreuzheben, noch über eine Klimmzugstange. Sicher, es gibt einen Spinningraum, es gibt Kurse, es gibt eine Sauna und eine Laufbahn. Aber brauche ich das alles? Ich will Hanteln, kein Wellness. Die meisten der Trainierenden sehen eher wie sportelnde Büromenschen aus, Leute, die einmal pro Woche ihr Alibitraining absolvieren. Man sieht ihnen nicht an, das sie Sport treiben. Und von den durchtrainierteren Besuchern haben zwar einige einen relativ gut entwickelten Oberkörper vorzuweisen, die Beine sind jedoch dünn. Wie sollten sie auch anders aussehen, da es keine Möglichkeit gibt, die Oberschenkel so zu trainieren, wie es sich gehört.

Meine Frau war ganz enttäuscht, als ich ihr eröffnete, dass das Studio nicht für mich geeignet sei. Außerdem fand ich den Preis viel zu hoch: 46 Dollar wären pro Monat zu entrichten. Das würde sich für mich nicht lohnen, denn schließlich möchte ich das Wellnessprogramm gar nicht in Anspruch nehmen. Warum sollte ich also dafür zahlen?

Es gibt in Cumbayá noch weitere Studios. In den nächsten Tagen werde ich versuchen, einige von ihnen zu besuchen, um mir einen Eindruck zu verschaffen, und ich hoffe, dass ich dort das finde, was ich suche: Eisen.

Crossfit und Paläo

Ich bin auf der Suche nach einem Studio. Wenn man die körperliche Anstrengung nicht bewusst sucht, bewegt man sich hier so gut wie gar nicht. Das einzig Anstrengende ist das Shoppen – ständig muss man in Taxis steigen, aus Taxis aussteigen, Straßen überqueren, Shoppingcenter nach den Läden durchsuchen, in denen man einkaufen möchte. Ich hasse shoppen, am Abend bin ich immer wie gerädert. Aber es gibt unglaublich viele Dinge, die man braucht, wenn man seine Bleibe ein klein wenig wohnlicher gestalten möchte.

Direkt im Zentrum von Cumbayá, dort, wo die größte Shopping-Mall, sämtliche Automarken, Banken und alle teuren Restaurants ihren Standort haben, bin ich über ein Crossfit-Studio gestolpert. Ich war sowieso auf der Suche nach einem Studio. Zwar bin ich kein großer Fan dieser Art des Trainings, aber man kann ja mal einen Blick hineinwerfen: Das Studio ist groß wie die Turnhalle einer Schule; den Boden hat man komplett mit robusten Gummimatten ausgelegt. In der Mitte des Raumes hängen vier Paar Turnerringe von der Decke. Im hinteren Teil befinden sich mindestens zwanzig Klimmzugstangen in den unterschiedlichsten Höhen. Etwas am Rand stehen zwei Dutzend Langhanteln fein säuberlich sortiert in einem Rack und davor befinden sich bunte Plattenstapel, die aussehen wie geschichtete Buttercremetorten. Alles ist neu, vieles scheint noch unbenutzt und der ganze Raum riecht nach frischem Gummi, dass einem fast übel wird. Ich frage den Angestellten, der nicht so aussieht, als würde er viele Klimmzüge schaffen, wie teuer es sei, hier zu trainieren. Die Tageskarte kostet sieben Dollar, der Montsbeitrag beläuft sich auf 75 Dollar. Da bleibt mir fast die Spucke weg: 75 Dollar für ein paar Hanteln? In Berlin würde man nicht einmal für die Premium-Mitgliedschaft so viel bezahlen. Die Preise sind einfach nur abenteuerlich, aber das hat man davon, wenn man ausgerechnet dort trainieren möchte, wo sich das Geld konzentriert.

Nur ein paar Meter weiter sehe ich einen Laden, über dessen Tür groß der Schriftzug „Paleo-Training“ prangt. Ich bin neugierig. Ich kenne die Paläo-Diät und ich habe auch schon von Paläo-Training gehört, aber dass es eigens dafür Studios gibt, ist mir neu. Ich schaue kurz rein, um einen Eindruck zu erhalten: In einer ansonsten fast leeren Halle steht ein Parkour aus aufgebockten Baumstämmen. Die Teilnehmer des Kurses, der gerade veranstaltet wird, springen abwechselnd über die Baustämme oder kriechen darunter hindurch. Ich bin nicht sehr begeistert. Das Training erinnert mit an meine Zeit als Leistungssportler. Athletiktraining sah oft genauso aus, nur hatten wir keine Baumstämme zur Verfügung. Hürden unterschiedlicher Höhe taten es auch. Ich konnte dieses Training damals schon nicht leiden und ich mag es jetzt noch viel weniger. Dass es Leute gibt, die dafür Geld ausgeben, um von einem Drill-Instructor bis zur Erschöpfung über die Strecke getrieben zu werden, verwundert mich immer wieder. Aber wie heißt es so schön: Jedem Tierchen sein Pläsierchen.

Badefreuden

Im Meer zu baden, scheint hierzulande ein Vergnügen für junge Leute zu sein, denn selten sieht man jemanden über vierzig ins Wasser steigen. Wenn ich mit meinem Sohn im Meer bade, bin ich fast immer der einzige Ältere, was wirklich merkwürdig ist, da das Baden ja keine körperlich anstrengende Tätigkeit wie das Schwimmen ist. Die älteren Strandgäste begnügen sich damit, träge im Klappstuhl zu sitzen und auf die Wellen zu starren, oder sie gehen allenfalls bis zu den Knien ins Wasser. Gemächliche Strandspaziergänge oder stundenlanges In-der-Gegend-Herumstehen scheinen die altersgemäßen Beschäftigungen zu sein. Ich weiß nicht, was mit den Leuten los ist. Ich liebe das Meer und mir macht das Baden großen Spaß. Und ich werde bestimmt nicht damit aufhören, auch wenn man mich zu alt dafür findet.

Eine gewisse Zurückhaltung der Älteren ist auch bei sportlichen Aktivitäten zu beobachten: Wenn ich das Fitness-Studio besuche, bin ich in der Regel der bei weitem Älteste unter den Gästen. Das Durchschnittsalter scheint um die zwanzig zu liegen. Ältere Einheimische sieht man eigentlich nie Sport treiben. Die Frauen machen da allerdings eine Ausnahme: Öfter sieht man Frauen im fortgeschrittenen Alter am Strand walken oder eifrig Gymnastik im Park treiben. Neulich fragte mich ein Cousin meines Sohnes, wie alt ich sei. Ich nannte ihm mein Alter. Er überlegte einen Augenblick und meinte dann mit anerkennendem Gesichtsausdruck, ich sehe aber jünger aus, gerade so, als hätte er erwartet, einen Greis vorzufinden. Da haben sich die Workouts also doch gelohnt! Wo ist das nächste Fitness-Studio?