Im Wald

Wenn man reist, sollte man Zeit erübrigen, denn die Dinge wollen mit Muße entdeckt werden. Eile ist dem genussvollen Reisen ebenso abträglich wie fast allem, das man um seiner selbst willen tut. Leider steht uns wieder einmal viel zu wenig davon zur Verfügung und wieder einmal gibt es mehr zu sehen, als selbst der unternehmungslustigste Reisende in einer ganzen Woche bewältigen könnte. Es scheint, die Eile ist unser treuer Begleiter.

Der ecuadorianische Oriente, die Urwaldregion östlich der Anden, ist riesig und auch heute noch sind weite Teile fast ebenso unwegsam wie zu Zeiten der Konquistadoren. Ehe der Reisende überhaupt nur den kleinsten Teil davon gesehen hat, zwingen ihn die Distanzen zwischen den lohnenswertesten Zielen zu langen erschöpfenden Autofahrten. Die Piste zieht sich Kilometer um Kilometer durch das eintönige Grün und am Ende ist die Reise, die zu einer erlebnisreichen Expedition ins Unbekannte hätte werden sollen, nichts als eine lange strapaziöse Fahrt mit dem Auto.

Nach einem turbulenten Jahr unter der Äquatorsonne, einem Jahr, das uns viel Kraft abverlangt hat, ist der anfängliche Enthusiasmus gebrochen. Erschöpfung hat von uns Besitz ergriffen und schon beginnen wir uns nach Ruhe zu sehnen. Das Feuer, das am Anfang in uns loderte, findet kaum noch neue Nahrung. Am Ende ist alles eine Frage der Gewöhnung und selbst das größte Abenteuer, eine Unternehmung, die wie geschaffen dafür ist, die Phantasie zu reizen und einen in wohligen Schauern der Vorfreude zu baden, kann einen mit der Zeit so lästig werden wie ein unausstehlicher Begleiter. Jenes eine Jahr hat uns überreich beschenkt mit Freude, uns aber auch so manches Mal Anlass zu Kummer gegeben. Es war ein langes Jahr, aber jetzt geht es zu Ende. Dies ist die letzte Reise, die wir in Ecuador unternehmen. Unglücklich sind wir deshalb nicht.

Ursprünglich hatten wir beabsichtigt, nach Coca zu reisen. Coca oder Francisco de Orellana, wie die Stadt auch genannt wird, hat natürlich nichts mit den berauschenden Blättern zu tun, aus denen man den berühmten Tee bereitet, der die Höhenkrankheit so vortrefflich in Zaum hält. Coca wurde in den sechziger Jahren des vorigen Jahrhunderts als Missionsstützpunkt der Kapuzinermönche gegründet, aber erst seit kurzer Zeit führen – dank der Ölindustrie – auch Straßen dorthin, auf denen Fahrzeuge fahren können, die nicht über Allradantrieb verfügen.

Der Bekehrungseifer der Kapuziner hat den Ölmultis übrigens gute Dienste geleistet, denn der bekehrte Indio, besänftigt durch das Beispiel christlicher Nächstenliebe, begegnet dem Landraub und der Zerstörung seiner Lebensgrundlagen offenbar mit weniger Unduldsamkeit als der Heide. So eine Wange, die man hingehalten bekommt, nachdem man sich an der anderen Wange schon die Hand taub geschlagen hat, wirkt in der Tat viel weniger bedrohlich als ein Gewehrlauf, der zum Blattschuss ansetzt.

Wenngleich mittlerweile weite Gebiete im Osten Anschluss an den Rest des Landes gefunden haben, ist es noch immer möglich, unberührte Natur zu erleben. Allerdings beginnt das Abenteuer meist erst dort, wo die Straßen enden und der Naturfreund, will er zum grünen Herz des Planeten vordringen, ist auf lange Kanufahrten und beschwerliche Wanderungen durch den Wald verwiesen. Leider fehlte uns dafür die Zeit.

Von Ambato kommend, erreichen wir Puyo erst lange nach Einbruch der Dunkelheit. Die Stadt gilt als Tor zum Oriente, doch so, wie niemand an der Türschwelle eines Hauses verweilen würde, wenn sein eigentliches Ziel das Wohnzimmer ist, mag man sich auch hier nie lange aufhalten. Puyo ist Durchgangsstation und um länger zu verweilen, bietet die Stadt auch keinen Anlass.

Wie im übrigen Ecuador vermag der Reisende auch in den meisten Städten des Oriente kaum mehr als eine regellose Ansammlung liebloser und ziemlich heruntergekommener Zweckbauten zu erkennen (Die Maxime des Bauhaus – die Form folgt der Funktion – hat man offenbar nur allzu wörtlich in die Tat umgesetzt). Sollte die geschundene Natur eines Tages ihr Recht fordern, wäre es nur billig, den ganzen Ort ohne Bedauern dem Untergang preiszugeben. Erst als ich später mein Fotoarchiv durchsehe, wird mir bewusst, dass es unter den Tausenden von Bildern kein einziges aus Puyo gibt. Ich kann mich nicht entsinnen, dass ich Anlass gehabt hätte, auf den Auslöser zu drücken.

Im Zentrum der Stadt finden wir ein Hotel. Seine bevorzugte Klientel scheint sich aus Low-Budget-Öko-Urwald-Abenteurern zu rekrutieren: Die übrigen Hotelgäste tragen Dreadlocks, schamanistische Anhänger an Lederbändern und T-Shirts im marihuana-bunten Tie-dye-Design. Zwischen ihnen wirken wir geradezu bieder. Aber die Zimmer sind vergleichsweise billig, komfortabel und auch sauber: Es gibt fließendes Wasser und Toiletten, auf denen man im Fall aller Fälle auch einmal länger verweilen könnte, ohne fürchten zu müssen, später von noch schlimmeren Plagen infektiöser Art gepiesackt zu werden. Über den Bildschirm eines alten Röhrenfernsehers, der wie ein Gruß aus den Siebzigern an der Wand hängt, flimmern aber nur graue Schemen. Mitten durch das Bad führt ein Ameisenpfad, doch so lange die munteren Kerbtiere keine Umleitung durch mein Bett nehmen, sollen sie nur weiter emsig ihr Werk verrichten.

Beim Einchecken ergibt sich ein Augenblick der Verwirrung, denn offenbar beherbergt die Stadt zwei Hotels desselben Namens, die sich nur durch einen kleinen – und demzufolge leicht zu übersehenden – aber nichtsdestotrotz feinen Namenszusatz unterscheiden: Während das eine Etablissement vor allem den Lifestile-Abenteurer mit kleinem Geldbeutel anspricht, offeriert das andere neben den zu erwartenden zivilisatorischen Annehmlichkeiten sogar einen Pool.

Zu diesem Zeitpunkt ist uns noch nicht klar, dass unser Hotel über keinen Pool verfügt, und so bestürmen wir den Angestellten völlig unbekümmert und gleich auch ein paar Mal mit der Frage, wo denn der Pool sei und ob wir als Hotelgäste einen Code benötigten, um hineinzugelangen. Der Angestellte sieht uns mit einem ziemlich perplexen Gesichtsausdruck an, aber da wir so überzeugend und vor allem mit so viel Nachdruck auftreten, kann er sich nicht entschließen, uns kategorisch zu widersprechen. Vielleicht hat sein Chef ja Geheimnisse vor ihm und das ist alles nur ein Test. Erst nach wiederholtem Nachfragen klärt sich das Missverständnis auf. Wir nehmen die Zimmer dennoch, denn schließlich sind wir nicht nach Puyo gekommen, um Pool-Partys zu feiern.

Nachts fängt es an zu regnen. Es ist ein unaufhörlicher, strömender Regen, der Stunde um Stunde auf die Stadt niedergeht. Der Regenvorhang ist so dicht, dass man ertrinken müsste, wenn man längere Zeit mit geöffnetem Mund in den Himmel starrte. Die Regentropfen scheinen unter dem niedrigen tropischen Himmel aus schweren Kumuluswolken zu beeindruckender Größe zu wachsen, denn als sie auf die Wellblechdächer prasseln, ist es wie ein Wirbel von tausend Trommeln. Die Nacht dröhnt so laut, dass selbst die Geräusche des Waldes ausgelöscht sind. Die Luft ist feucht und warm. Die Betttücher kleben einem nach kurzer Zeit am Leib. Man liegt in seichtem Schlaf, unruhig wie in einem Fiebertraum. Ohne Klimaanlage hält man es nicht lange aus.

Am nächsten Morgen ist es vorbei. Die Luft ist klar und nur die dampfende Feuchtigkeit verrät, dass die Stadt in der Nacht fast in einer Sintflut ertränkt worden wäre. Der Wagen war auf dem Hof des Hotels eingeschlossen, in einem Paradiesgarten aus blühenden Bäumen und schwelgendem Blattwerk in allen Schattierungen von Grün. Als hätte er eine heimliche nächtliche Spritztour durch dieses wilde Paradies unternommen, ist er gepudert von Blütenstaub und betupft mit Blütenblättern. Der Lack ist wie gesalbt mit duftendem Harz.

Beim Frühstück in der Lobby des Hotels treffen wir Vater Abraham. Wie uns, hat es auch ihn zielsicher an diesen Ort geführt. Das hat jedoch nichts mit Vorsehung zu tun, denn kommt man von Süden oder Westen und beabsichtigt man darüber hinaus, die Urwald-Region zu bereisen, führt der Weg zwangsläufig über Puyo. Vater Abraham bedauert, dass man Altar und Sangay, zwei Vulkane der Gegend, nicht sehen könne, aber die Wärme lässt den Dunst aufsteigen und über dem Wald sieht man nichts als dichte Nebelschleier. Wenn die Feuerberge Magma in den Himmel schleudern, wird man Zeuge eines unvergesslichen Schauspiels, des lebendigen Schöpfungsaktes unseres Planeten. Doch die Natur will sich nicht unseren anmaßenden menschlichen Wünschen fügen. Der Himmel über dem Horizont bleibt eine undurchdringliche graue Wand.

Wir machen uns auf nach Norden, zu den Ufern des Río Napo. Eigentlich hatten wir dem Fluss erst weiter stromabwärts, in Coca, begegnen wollen, dort, wo er der Vorstellung von dem gewaltigen Urwaldstrom viel eher entspricht. Es heißt, in Puerto Napo, wohin wir zu reisen beabsichtigen, sei der Fluss noch ziemlich schmal. Größe ist jedoch relativ und in Amazonien ist man ohnehin gehalten, ganz andere Maßstäbe anzulegen.

Dieses Land ist so gewaltig, dass man von seiner Größe beinahe erdrückt wird. Und auch die Flüsse sind kaum weniger eindrucksvoll als das Land, welches sie so zahlreich durchziehen wie die Arterien den lebendigen Organismus. Über Tausende von Kilometern führt der Weg der Ströme durch die grüne Lunge des Planeten. Wer ihnen sein Schicksal anvertraut, den geleiten sie zur anderen Seite des Kontinents, wo ein weiterer Ozean der Entdeckung harrt: der Atlantik. Unser nächstes Ziel sind die Ufer des Río Napo.

Die Mauer des Inka

Wenn man von Cuenca aus der Panamericana nach Norden folgt, gelangt man über Azogues nach ca. einer Stunde zu einem Ort namens Ingapirca. Ingapirca liegt nicht direkt an der Panamericana, sondern etwas abseits. Kurz zuvor erklimmt die Autopisa noch einmal einen Pass und die Straße führt bis hinauf in die Tierra helada auf über 3.500 Metern Höhe. Danach, etwa auf der Höhe von Cañar, nimmt man den gut ausgeschilderten Abzweig, der einen in etwa einer Viertelstunde von der Hauptroute zur Ruinenstätte von Ingapirca führt.

Von Cuenca aus gibt es nur eine Route, auf der man direkt nach Quito gelangt, und das ist die Panamericana. Wie der Nervenstrang im Rückgrat durchzieht diese wichtige Verkehrsader den gesamten amerikanischen Kontinent von Alaska bis nach Feuerland (Erst kürzlich musste ich mich belehren lassen, dass die berühmte Autopista eigentlich nur bis Puerto Montt in Chile reicht. Ganz im Süden des Kontinents macht die Straße einen Umweg über Argentinien. Am letzten Teilstück, der Carretera austral, wird seit den Zeiten des seligen Diktators Pinochet eifrig gebaut, aber es werden wohl noch einmal zwanzig, dreißig Jahre vergehen müssen, bis auch dieser Abschnitt fertiggestellt sein wird). In Südamerika folgt die Route der Panamericana über den größten Teil der Strecke dem Hochtal der Anden und deshalb muss der Reisende nur selten hohe Pässe überwinden oder sich durch gefährliche Serpentinen an steilen Bergflanken quälen. Die Straße führt auf einer Höhe zwischen zwei- und dreitausend Metern mit nur wenigen Umwegen immer geradeaus und wenn man in Ecuador auf der Nord-Süd-Achse reisen möchte, empfiehlt es sich, auf der in aller Regel gut ausgebauten Panamericana zu bleiben.

Wir veranschlagten für die Reise von Cuenca nach Quito etwa sechs Stunden und wahrscheinlich schafft man die Strecke auch in dieser Zeit, wenn man sich nicht verfährt, wenn es keinen Nebel gibt, wenn es einmal nicht sintflutartig zu regnen beginnt und für den Rest des Tages nicht mehr aufhört, wenn die Straße nicht wegen eines Unfalls gesperrt ist, wenn das Navi nicht plötzlich ausfällt, wenn, wenn, wenn … Doch in den Anden muss man immer mit dem Unerwarteten rechnen und eine kurze Strecke auf der Karte oder im Navi (sofern das Gerät die Güte hat, zu funktionieren) bedeutet in der Wirklichkeit nicht selten eine Prüfung für den Reisenden. Am Ende wurden aus geplanten sechs Stunden reiner Fahrtzeit über vierzehn Stunden, inklusive einer längeren Besichtigungstour der Ruinenstätte von Ingapirca.

Die Unannehmlichkeiten begannen, kaum dass wir Cuenca verlassen hatten. Wir waren eben aus der Stadt, da schickte uns das Navi auf eine alternative Route ins Nirgendwo. Unsere Absicht war es, auf der Panameriana zu bleiben, denn unser Ziel war Quito und die schnellste und beste Verbindung führt nun einmal über diese Straße. Doch am Ende fanden wir uns auf einem Abzweig wieder, der auf der Karte als dünner Faden von der Hauptroute ausläuft und welcher sich dann immer weiter nach Osten entfernt. Das Navi indes behauptete weiterhin steif und fest, dies sei die richtige Route, obwohl doch ein skeptischer Blick in die altmodische Straßenkarte genügte, um uns davon zu überzeugen, dass der Weg, auf dem wir uns befanden, schnurstracks in den Amazonas-Urwald führte.

Es blieb nichts weiter übrig, als zu drehen und zurückzufahren. Die Kreuzung, von der aus das Verhängnis seinen Ausgang genommen hatte, war so schlecht ausgeschildert, dass man tatsächlich raten musste, welcher der richtige Weg wäre, denn das Navi war in dieser Situation keine Hilfe. Anhand der Karte überschlugen wir, welche die richtige Richtung wäre, aber eigentlich waren es eher Mutmaßungen, die uns schließlich wieder zurück auf die Panamericana führten. Anhand des Zustandes der Straße konnte man jedenfalls nicht erkennen, wo man sich gerade befand, denn die Straßen an diesem Abschnitt der Autopista befanden sich allesamt in gleich schlechtem Zustand. Aber wir hatten Glück und unsere Entscheidung erwies sich als richtig. Nun ging es nach Norden, nach Quito, und die Straße wurde jetzt auch wieder besser.

Die Route, auf die uns das Navi irrtümlich (oder böswillig) geschickt hatte, führte an einem Fluss vorbei. Die braunen Wasser des Stromes flossen träge in einer weiten Schleife. Die Ufer waren dicht mit Bäumen und Buschwerk bestanden und oft ragten die Kronen wie ein Dach über die milchkaffeebraune Wasseroberfläche. An der Uferseite, die zur Straße hin lag, einem schlammigen Sandstreifen, auf dem man den Wald gerodet hatte, stand ein Lkw und Leute schienen mit etwas beschäftigt, das mir verdächtig bekannt vorkam.

Wenn man regelmäßig die „Goldschürfer“ auf D-Max guckt, dann fällt es schwer, in einem Lkw mit einer Siebvorrichtung, einer Schwimmplattform und einem dicken Schlauch, der beide über eine starke Pumpe verbindet, bloß eine Anlage zur Gewinnung von Sand zu sehen. Das jedenfalls behaupteten die Leute, als wir sie fragten. Man muss wissen, dass früher in der Gegend wirklich Gold gefördert wurde, und vielleicht ist der alte Entdeckergeist der Konquistadoren noch nicht ganz verschwunden. Es kann gut sein, dass man auch heute noch die eine oder andere Unze des begehrten Edelmetalls in den Flüssen rund um Cuenca findet – wenn man nur weiß, wo man zu suchen hat. Vieles, was in der Gegend geschieht, ist sicher nicht immer ganz legal, und ich würde mir auch nicht gern in die Karten gucken lassen, wenn ich in zwielichtige Geschäfte verstrickt wäre. Es könnte natürlich möglich sein, ich täuschte mich und man pumpte wirklich nur Sand vom Grunde des Flusses herauf. Dann habe ich eindeutig zu viel Zeit auf D-Max verbracht.

Ingapirca, das auf Quechua soviel wie „die Mauer des Inka“ bedeutet, liegt auf fast 3.200 Metern Höhe. Als wir die Ruinenstätte erreichten, regnete es wieder einmal in Strömen. In den Anden muss man immer mit schlechtem Wetter rechnen und es empfiehlt sich daher, Termine für Ausflüge oder Besichtigungstouren unter freiem Himmel nicht allzu dick im Kalender einzutragen. Doch nun waren wir schon einmal hier und da Ingapirca viele Stunden Autobahnfahrt von Quito entfernt liegt, würden wir diesen Ort auch so bald nicht wieder besuchen. Wir wollten uns die einmalige Gelegenheit nicht entgehen lassen – trotz des unaufhörlichen Regens und trotz der Kälte.

Ich hatte Ingapirca 1992 anlässlich meiner ersten Reise nach Ecuador kennengelernt. Damals hatten wir kein Auto und wir waren von Cuenca aus mit dem Taxi hinauf zu den Ruinen gefahren. Zwar gab es noch die Landeswährung, den Sucre, aber man konnte schon damals überall mit Dollars bezahlen. Wir mieteten ein Taxi für den ganzen Tag und mussten dafür gerade einmal fünfundsechzig Dollar aufwenden. In jenen Tagen war das eine Menge Geld, heute aber würde ein solcher Betrag nicht einmal für den bescheidensten Wocheneinkauf reichen.

Ich erinnere mich, dass die Straße durch einsame Berglandschaften führte. Sobald wir von der Panamericana abgezweigt waren, verloren sich auch die letzten Zeichen menschlicher Besiedlung in der Landschaft und in Ingapirca selbst gab es damals kein Anzeichen menschlicher Tätigkeit, nur die majestätischen Inkaruinen. Ich hatte einige Tage zuvor an einer schweren Durchfallerkrankung gelitten – Montezumas Rache nennt man dieses Leiden manchmal – und obwohl ich mittlerweile wieder leidlich hergestellt war, fühlte ich mich noch immer recht schwach.

Ich bin beileibe kein Hypochonder, aber manche Krankheiten kann man unmöglich aussitzen (es sei denn, auf dem Klo) und will man weiterleben (ganz recht!), ist die Hilfe eines Arztes dringend geboten. Es ging mir so schlecht, dass ich sogar ins Krankenhaus musste. Das Schlimme bei Durchfall ist, dass man jegliche Würde verliert und am Ende ist einem einfach alles egal – ob man lebt oder ob man stirbt oder ob man die Hosen im wahrsten Sinne des Worte voll hat. Man will nur, dass es aufhört – wie, ist dabei völlig gleich. Doch die Krise war nun ausgestanden und ich fühlte mich wieder gut, weshalb es auch möglich war, dass wir diese Reise unternahmen.

Irgendwo in der einsamen Berglandschaft forderte dann aber Mutter Natur doch ihr Recht und ich war vor die Wahl gestellt, entweder schnell ein stilles Örtchen zu finden oder mir ein paar neue Hosen zu besorgen. Die Straße schlängelte sich wie einer der alten Inkapfade in immer größere Höhen und beiderseits des Weges begegnete einem nur die menschenleere Einöde aus stacheligem Páramo-Gras. Wo sollte es denn hier ein Örtchen geben! Genauso gut hätte man darauf hoffen können, im Mare Nubium auf dem Mond ein Dixi-Klo zu finden. Doch in den Anden muss man immer mit dem Unerwarteten rechnen und manchmal hat man es nicht einmal mit unangenehmen Überraschungen zu tun.

An einem abweisenden Berghang, dort, wo die Straße einen ihrer unzähligen Haken schlug, um sich weiter hinauf in die Wolken zu winden, tauchte wie eine Verheißung urplötzlich ein Lokus aus dem Nebel auf. Es war der Archetyp aller Scheißhäuser dieser Welt seit der Morgenröte der menschlichen Zivilisation: vier wackelige Bretterwände und ein Dach, ein Herzchen in der morschen Holztür. Ich weiß nicht, wer auf die Idee kam, mitten in der Stille der Bergwelt dieses stille Örtchen aufzustellen. Jedenfalls muss es ein Mensch mit einem zu Herzen gehenden Verständnis für die menschlichen Nöte gewesen sein. Er hat mir an jenem denkwürdigen Tag vielleicht nicht das Leben gerettet, doch mit Sicherheit hat er mich vor einer Kette recht peinlicher Ereignisse bewahrt.

Die Ruinenstätte von Ingapirca hat sich seit 1992 nicht verändert – wie könnte sie auch! –, doch die Landschaft würde man nicht wiedererkennen. Vor vierundzwanzig Jahren gab es in der näheren Umgebung der Ruinenstätte kein einziges Haus und der Landstrich wirkte fast unberührt. Es gab kein Besucherzentrum, keine Tickets, keine Souvenir-Shops, keine Restaurants, keine Kantinen, keine Cafés, keine Schranken, keine Zäune, keine Parkplätze, keine Besucherpfade, keine Hinweis- und Verbotsschilder, keine Objektbewachung, keine Eingangsschleuse, keine Besucherführungen, keine Guides – es gab nicht einmal Touristen.

Wir und der Taxifahrer waren damals die einzigen Menschen auf dem Berg. Man hätte glauben können, wir seien die Überlebenden einer Katastrophe planetaren Ausmaßes und die alte mystische Kultstätte wäre die letzte Zuflucht. Dort, wo früher rein gar nichts war, sieht man heute Dutzende Häuser wie Fremdkörper in der Landschaft stehen. Die meisten Gebäude wirken neu und es ist nicht schwer, sich einen Reim darauf zu machen: Wahrscheinlich haben die Leute die Touristenschwemme, die mit den Jahren über den Ort gekommen ist, als Einkommensquelle entdeckt.

Während wir damals, 1992, unbehelligt von jeglicher denkmalpflegerischer Autorität, um die Mauern turnten, verschwand der Taxifahrer für eine Weile, so dass wir ganz allein waren. Ich habe Fotos, auf denen man mich auf den Mauern stehen sieht, und rings herum gibt es nichts außer der leeren Landschaft des Andenhochlandes. Heute darf man nicht mehr auf die Mauern steigen, doch vor vierundzwanzig Jahren hätte man sich mit Vorschlaghammer und Brecheisen an den Steinquadern zu schaffen machen können und niemand hätte einen daran gehindert. Man hätte ganze Anhängerladungen Steine mitnehmen können und kaum einer hätte es bemerkt und ich glaube auch nicht, dass es jemanden gestört hätte. Das Bewusstsein für den Wert kultureller Hinterlassenschaften der Vorfahren hat sich erst in den letzten Jahren entwickelt. Früher sah man in Ruinenstätten wie dieser bloß unnütze alte Steinhaufen.

Es regnete an diesem Tag wieder einmal, als wollte der Himmel sein Werk doch noch vollenden und die Menschheit in einer zweiten Sintflut untergehen lassen. Zum Glück gab es an einem der Souvenir-Stände Regenpelerinen zu kaufen und solcherart gegen die Wassermassen gewappnet, warteten wir an der Eingangsschleuse, von der aus man auf das Ruinengelände gelangt, bis die nächste Führung stattfinden würde. Ohne fachkundige Begleitung darf man das Gelände nicht mehr betreten, aber schon bald hatte sich ein Dutzend Interessierter zusammengefunden und die Führung konnte beginnen.

Unser geführter Rundgang über das Gelände dauerte anderthalb Stunden und wir waren an diesem Tag froh, dass er nicht noch länger dauerte, denn der unaufhörliche starke Regen zerrte an den Nerven. Obwohl ich das höchst kleidsame Regencape trug, war alles, was daraus hervorschaute, schon nach kurzer Zeit vollkommen durchgeweicht. Meine Schuhe quietschten vor Nässe und die Hosenbeine platschten bei jedem Schritt gegen die Waden wie die Flossen eines toten Fisches. Das war wirklich kein Tag, um einen Kulturtrip zu genießen.

Aber es gab andere Besucher, denen der Regen und die feuchte Kälte ganz offensichtlich nichts ausmachten. Am Sonnentempel, dem Höhepunkt der Tour, begegneten wir einer Gruppe Amerikanern. Viele strahlten unter ihren Regencapes als könnten sie sich gar kein schöneres Wetter als dieses für ihren Ausflug in die Vergangenheit der Andenwelt vorstellen. Einer grinste mich an wie ein Honigkuchenpferd und ich weiß nicht, was ihn so froh machte. Ich war durchnässt und fror und ich hätte mich am liebsten in ein mollig warmes Café geflüchtet und mich an einem großen Mocaccino mit extra viel Schokoladensoße gewärmt. Doch diese Leute wirkten so glücklich, als hätten sie sich gerade kollektiv rosa Happy-Pillen eingeworfen. Ich muss annehmen, die Überdosis Kultur hat sie in ein seliges Nirwana versetzt.

In den letzten Jahren hat man für den Schutz der Relikte aus präkolumbianischer Zeit gesorgt. Man konnte sehen, dass die Konservatoren die Grundmauern jener Gebäude, die einmal Wohnhäuser gewesen sein mochten, zum Schutz vor der harschen Witterung mit Sand bedeckt hatten. Viele Bereiche des Archäologie-Parks sind dem Besucher nicht mehr zugänglich wie noch vor über zwanzig Jahren. Darüber hinaus ist man gehalten, sich stets auf den ausgeschilderten Pfaden zu bewegen. Man mag diesen Zustand bedauern, denn die Anlage verliert im Getriebe des Kulturtourismus viel von ihrer mystischen Ausstrahlung. Doch jeder vernünftige Mensch wird dagegen kaum etwas einwenden wollen, denn man muss einsehen, dass die Erhaltung solcher wertvollen historischen Denkmäler gewisse Schutzmaßnahmen erfordert, die dem Einzelnen zwar widerstreben mögen, die aber letztlich nur dazu dienen, zukünftigen Generationen diese einmaligen Kulturgüter zu erhalten.

Trotz des Regens machten wir viele Fotos. Ich fürchtete, die Kamera könnte Schaden nehmen, wenn ich sie dauernd dem strömenden Regen aussetzte, und daher hielt meine Frau immer fürsorglich den Schirm über mich, wenn ich eine Aufnahme machte. Die meiste Zeit versteckte ich den Apparat unter dem Regencape, doch meine Kleidung war mittlerweile klamm und eine ganz und gar trockene Stelle gab es schon lange nicht mehr. Wahrscheinlich sahen wir aus wie der Kunstfotograf und seine beflissene Assistentin – wirklich drollig. Die anderen Besucher zückten nur selten das Handy und dann schossen sie ein schnelles Foto aus der Hüfte. Um ein Motiv sorgsam einzufangen, war es viel zu nass.

Als wir am Sonnentempel angekommen waren, konnte ich mich davon überzeugen, dass die Steinblöcke im Mauerwerk so dicht aneinandergefügt sind, dass nicht einmal ein Blatt Papier dazwischen Platz hätte. Darüber hört man in jeder einschlägigen Dokumentation, aber wenn man es mit eigenen Augen sieht, scheint es auf einmal viel wirklicher. Es muss eine Ewigkeit gedauert haben, solche perfekten Mauern zu errichten.

Aber nicht alles, was man auf dem Gelände sehen kann, stammt von den Inkas. Die Gegend war lange umkämpft zwischen ihnen und den Cañaris, den angestammten Bewohnern der Region. Trotz ihrer überlegenen Kriegsmacht ist es den Inkas nie gelungen, die Cañaris zu unterwerfen. Am Ende einigte man sich auf einen diplomatischen Kompromiss, der in einer Heiratsallianz gipfelte. Inkas und Einheimische teilten sich fortan in die Regierung und die Kultur der Cañaris blieb erhalten. Ihre Siedlung wurde nach und nach in die Anlage der Inkas integriert. Die charakteristischen Unterschiede zwischen beiden Kulturen kann man aber noch heute deutlich in den Monumenten erkennen.

Nach der Tour mussten wir uns erst einmal gründlich trocken frottieren – so gut man sich eben trocknen kann, wenn alles, was man zur Hand hat, ein klammes Badetuch ist und feuchte Kleidung. Schuhe und Stümpfe zog ich gleich ganz aus. Stattdessen nahm ich die Latschen, die ich immer am Strand von Bahía zu tragen pflege. Trotz der Kälte war dies immer noch angenehmer, als die nächsten Stunden in patschnassen Schuhen zu verbringen. Die Bewohner des Andenhochlandes trugen traditionell Sandalen und so hatte ich diesmal Gelegenheit auszuprobieren, wie es sich für einen antiken Andenbewohner angefühlt haben muss.

Es war mittlerweile schon Mittag und wir rechneten nicht mehr damit, dass wir noch vor Einbruch der Dunkelheit Quito erreichen würden. Ich machte mich also auf eine lange anstrengende Nachtfahrt gefasst, aber dass wir erst nach Mitternacht zuhause eintreffen würden, damit rechnete niemand.