Wenn man reist, sollte man Zeit erübrigen, denn die Dinge wollen mit Muße entdeckt werden. Eile ist dem genussvollen Reisen ebenso abträglich wie fast allem, das man um seiner selbst willen tut. Leider steht uns wieder einmal viel zu wenig davon zur Verfügung und wieder einmal gibt es mehr zu sehen, als selbst der unternehmungslustigste Reisende in einer ganzen Woche bewältigen könnte. Es scheint, die Eile ist unser treuer Begleiter.
Der ecuadorianische Oriente, die Urwaldregion östlich der Anden, ist riesig und auch heute noch sind weite Teile fast ebenso unwegsam wie zu Zeiten der Konquistadoren. Ehe der Reisende überhaupt nur den kleinsten Teil davon gesehen hat, zwingen ihn die Distanzen zwischen den lohnenswertesten Zielen zu langen erschöpfenden Autofahrten. Die Piste zieht sich Kilometer um Kilometer durch das eintönige Grün und am Ende ist die Reise, die zu einer erlebnisreichen Expedition ins Unbekannte hätte werden sollen, nichts als eine lange strapaziöse Fahrt mit dem Auto.
Nach einem turbulenten Jahr unter der Äquatorsonne, einem Jahr, das uns viel Kraft abverlangt hat, ist der anfängliche Enthusiasmus gebrochen. Erschöpfung hat von uns Besitz ergriffen und schon beginnen wir uns nach Ruhe zu sehnen. Das Feuer, das am Anfang in uns loderte, findet kaum noch neue Nahrung. Am Ende ist alles eine Frage der Gewöhnung und selbst das größte Abenteuer, eine Unternehmung, die wie geschaffen dafür ist, die Phantasie zu reizen und einen in wohligen Schauern der Vorfreude zu baden, kann einen mit der Zeit so lästig werden wie ein unausstehlicher Begleiter. Jenes eine Jahr hat uns überreich beschenkt mit Freude, uns aber auch so manches Mal Anlass zu Kummer gegeben. Es war ein langes Jahr, aber jetzt geht es zu Ende. Dies ist die letzte Reise, die wir in Ecuador unternehmen. Unglücklich sind wir deshalb nicht.
Ursprünglich hatten wir beabsichtigt, nach Coca zu reisen. Coca oder Francisco de Orellana, wie die Stadt auch genannt wird, hat natürlich nichts mit den berauschenden Blättern zu tun, aus denen man den berühmten Tee bereitet, der die Höhenkrankheit so vortrefflich in Zaum hält. Coca wurde in den sechziger Jahren des vorigen Jahrhunderts als Missionsstützpunkt der Kapuzinermönche gegründet, aber erst seit kurzer Zeit führen – dank der Ölindustrie – auch Straßen dorthin, auf denen Fahrzeuge fahren können, die nicht über Allradantrieb verfügen.
Der Bekehrungseifer der Kapuziner hat den Ölmultis übrigens gute Dienste geleistet, denn der bekehrte Indio, besänftigt durch das Beispiel christlicher Nächstenliebe, begegnet dem Landraub und der Zerstörung seiner Lebensgrundlagen offenbar mit weniger Unduldsamkeit als der Heide. So eine Wange, die man hingehalten bekommt, nachdem man sich an der anderen Wange schon die Hand taub geschlagen hat, wirkt in der Tat viel weniger bedrohlich als ein Gewehrlauf, der zum Blattschuss ansetzt.
Wenngleich mittlerweile weite Gebiete im Osten Anschluss an den Rest des Landes gefunden haben, ist es noch immer möglich, unberührte Natur zu erleben. Allerdings beginnt das Abenteuer meist erst dort, wo die Straßen enden und der Naturfreund, will er zum grünen Herz des Planeten vordringen, ist auf lange Kanufahrten und beschwerliche Wanderungen durch den Wald verwiesen. Leider fehlte uns dafür die Zeit.
Von Ambato kommend, erreichen wir Puyo erst lange nach Einbruch der Dunkelheit. Die Stadt gilt als Tor zum Oriente, doch so, wie niemand an der Türschwelle eines Hauses verweilen würde, wenn sein eigentliches Ziel das Wohnzimmer ist, mag man sich auch hier nie lange aufhalten. Puyo ist Durchgangsstation und um länger zu verweilen, bietet die Stadt auch keinen Anlass.
Wie im übrigen Ecuador vermag der Reisende auch in den meisten Städten des Oriente kaum mehr als eine regellose Ansammlung liebloser und ziemlich heruntergekommener Zweckbauten zu erkennen (Die Maxime des Bauhaus – die Form folgt der Funktion – hat man offenbar nur allzu wörtlich in die Tat umgesetzt). Sollte die geschundene Natur eines Tages ihr Recht fordern, wäre es nur billig, den ganzen Ort ohne Bedauern dem Untergang preiszugeben. Erst als ich später mein Fotoarchiv durchsehe, wird mir bewusst, dass es unter den Tausenden von Bildern kein einziges aus Puyo gibt. Ich kann mich nicht entsinnen, dass ich Anlass gehabt hätte, auf den Auslöser zu drücken.
Im Zentrum der Stadt finden wir ein Hotel. Seine bevorzugte Klientel scheint sich aus Low-Budget-Öko-Urwald-Abenteurern zu rekrutieren: Die übrigen Hotelgäste tragen Dreadlocks, schamanistische Anhänger an Lederbändern und T-Shirts im marihuana-bunten Tie-dye-Design. Zwischen ihnen wirken wir geradezu bieder. Aber die Zimmer sind vergleichsweise billig, komfortabel und auch sauber: Es gibt fließendes Wasser und Toiletten, auf denen man im Fall aller Fälle auch einmal länger verweilen könnte, ohne fürchten zu müssen, später von noch schlimmeren Plagen infektiöser Art gepiesackt zu werden. Über den Bildschirm eines alten Röhrenfernsehers, der wie ein Gruß aus den Siebzigern an der Wand hängt, flimmern aber nur graue Schemen. Mitten durch das Bad führt ein Ameisenpfad, doch so lange die munteren Kerbtiere keine Umleitung durch mein Bett nehmen, sollen sie nur weiter emsig ihr Werk verrichten.
Beim Einchecken ergibt sich ein Augenblick der Verwirrung, denn offenbar beherbergt die Stadt zwei Hotels desselben Namens, die sich nur durch einen kleinen – und demzufolge leicht zu übersehenden – aber nichtsdestotrotz feinen Namenszusatz unterscheiden: Während das eine Etablissement vor allem den Lifestile-Abenteurer mit kleinem Geldbeutel anspricht, offeriert das andere neben den zu erwartenden zivilisatorischen Annehmlichkeiten sogar einen Pool.
Zu diesem Zeitpunkt ist uns noch nicht klar, dass unser Hotel über keinen Pool verfügt, und so bestürmen wir den Angestellten völlig unbekümmert und gleich auch ein paar Mal mit der Frage, wo denn der Pool sei und ob wir als Hotelgäste einen Code benötigten, um hineinzugelangen. Der Angestellte sieht uns mit einem ziemlich perplexen Gesichtsausdruck an, aber da wir so überzeugend und vor allem mit so viel Nachdruck auftreten, kann er sich nicht entschließen, uns kategorisch zu widersprechen. Vielleicht hat sein Chef ja Geheimnisse vor ihm und das ist alles nur ein Test. Erst nach wiederholtem Nachfragen klärt sich das Missverständnis auf. Wir nehmen die Zimmer dennoch, denn schließlich sind wir nicht nach Puyo gekommen, um Pool-Partys zu feiern.
Nachts fängt es an zu regnen. Es ist ein unaufhörlicher, strömender Regen, der Stunde um Stunde auf die Stadt niedergeht. Der Regenvorhang ist so dicht, dass man ertrinken müsste, wenn man längere Zeit mit geöffnetem Mund in den Himmel starrte. Die Regentropfen scheinen unter dem niedrigen tropischen Himmel aus schweren Kumuluswolken zu beeindruckender Größe zu wachsen, denn als sie auf die Wellblechdächer prasseln, ist es wie ein Wirbel von tausend Trommeln. Die Nacht dröhnt so laut, dass selbst die Geräusche des Waldes ausgelöscht sind. Die Luft ist feucht und warm. Die Betttücher kleben einem nach kurzer Zeit am Leib. Man liegt in seichtem Schlaf, unruhig wie in einem Fiebertraum. Ohne Klimaanlage hält man es nicht lange aus.
Am nächsten Morgen ist es vorbei. Die Luft ist klar und nur die dampfende Feuchtigkeit verrät, dass die Stadt in der Nacht fast in einer Sintflut ertränkt worden wäre. Der Wagen war auf dem Hof des Hotels eingeschlossen, in einem Paradiesgarten aus blühenden Bäumen und schwelgendem Blattwerk in allen Schattierungen von Grün. Als hätte er eine heimliche nächtliche Spritztour durch dieses wilde Paradies unternommen, ist er gepudert von Blütenstaub und betupft mit Blütenblättern. Der Lack ist wie gesalbt mit duftendem Harz.
Beim Frühstück in der Lobby des Hotels treffen wir Vater Abraham. Wie uns, hat es auch ihn zielsicher an diesen Ort geführt. Das hat jedoch nichts mit Vorsehung zu tun, denn kommt man von Süden oder Westen und beabsichtigt man darüber hinaus, die Urwald-Region zu bereisen, führt der Weg zwangsläufig über Puyo. Vater Abraham bedauert, dass man Altar und Sangay, zwei Vulkane der Gegend, nicht sehen könne, aber die Wärme lässt den Dunst aufsteigen und über dem Wald sieht man nichts als dichte Nebelschleier. Wenn die Feuerberge Magma in den Himmel schleudern, wird man Zeuge eines unvergesslichen Schauspiels, des lebendigen Schöpfungsaktes unseres Planeten. Doch die Natur will sich nicht unseren anmaßenden menschlichen Wünschen fügen. Der Himmel über dem Horizont bleibt eine undurchdringliche graue Wand.
Wir machen uns auf nach Norden, zu den Ufern des Río Napo. Eigentlich hatten wir dem Fluss erst weiter stromabwärts, in Coca, begegnen wollen, dort, wo er der Vorstellung von dem gewaltigen Urwaldstrom viel eher entspricht. Es heißt, in Puerto Napo, wohin wir zu reisen beabsichtigen, sei der Fluss noch ziemlich schmal. Größe ist jedoch relativ und in Amazonien ist man ohnehin gehalten, ganz andere Maßstäbe anzulegen.
Dieses Land ist so gewaltig, dass man von seiner Größe beinahe erdrückt wird. Und auch die Flüsse sind kaum weniger eindrucksvoll als das Land, welches sie so zahlreich durchziehen wie die Arterien den lebendigen Organismus. Über Tausende von Kilometern führt der Weg der Ströme durch die grüne Lunge des Planeten. Wer ihnen sein Schicksal anvertraut, den geleiten sie zur anderen Seite des Kontinents, wo ein weiterer Ozean der Entdeckung harrt: der Atlantik. Unser nächstes Ziel sind die Ufer des Río Napo.
