Nette Leute und Weltkriegsveteranen

Dieser Artikel ist Teil einer Serie von Posts, die auf einen einzelnen Blogpost unter dem Titel „Eine wahre amerikanische Odyssee“ zurückgehen. Siehe auch die Einleitung zu dieser Serie!

Wir fahren an den Strand, denn wenn es etwas gibt, das man in Milford unbedingt besucht haben sollte, dann sind es die schönen Strände. Die Stadt liegt auf derselben nördlichen Breite wie Rom oder Barcelona und die Sommer, die sich so anfühlen wie der Hochsommer am Mittelmeer, machen vergessen, wie ungemütlich die Winter mit ihren Blizzards sein können. Schon vom Parkplatz aus können wir das Meer sehen und eine sanfte Brise weht den betörenden Duft von Tang und Salz heran. Der Stand scheint gut besucht, denn es gibt nur noch wenige freie Parkplätze. Wir stellen den Wagen ab und wir können es kaum erwarten, zum Strand zu laufen, der kaum fünfzig Meter entfernt ist.

Als ich aus dem Auto steige und mir nach der langen Reise die steifen Beine vertrete, werde ich plötzlich mit „Welcome to Connecticut“ begrüßt. Ich bin immer wieder erstaunt über die Herzlichkeit der Amerikaner, die jemanden begrüßen oder ihm einen guten Tag wünschen, obwohl sie ihn doch gar nicht kennen. In Deutschland habe ich so etwas nur selten erlebt und auch hier in Ecuador würde man als Fremder wohl kaum so empfangen werden. Amerikaner sind nette Leute und sie sind neugierig und vor allem sind sie gesprächig. Man knüpft leicht Kontakt und das Zwanglose, das Ungekünstelte dabei hat mir schon immer imponiert. Vielleicht hat diese offene Art ihre Ursache auch in der englischen Sprache, welche es erlaubt, die Distanz zwischen den Menschen viel schneller zu überwinden, denn im Englischen gibt es die distanzierende Anredeform, das „Sie“, nicht und man ist mit jedem sofort per du.

Der Mann hat zufällig unser New-Jersey-Nummernschild gesehen und sich offenbar gleich gedacht, dass wir in die Stadt gekommen wären, um Urlaub zu machen. Wir wechseln ein paar Worte: Er sagt, er wäre lieber am Strand, aber leider müsse er arbeiten. Er zeigt traurig zum Rand des Bürgersteigs, wo ein paar Eimer mit Mörtel und ein halbes Dutzend Farbdosen herumstehen, als hätte sie jemand dort vergessen. Der Strand sei wunderschön und eigentlich sei es das einzig Sinnvolle, was man bei diesem herrlichen Wetter tun könne. Aber er müsse nun einmal Geld verdienen.

Er sagt, er habe eine Firma und er lebe davon, Häuser zu renovieren. Dabei zeigt er in die Runde, als hätte er schon jedes einzelne der kleinen bunten Sommerhäuser persönlich in Stand gesetzt. Die Häuser sind recht klein und zumeist aus Holz und da erstaunt es mich zu hören, dass jedes dennoch gute zwei bis drei Millionen Dollar wert sei. Die Gegend ziehe Leute mit Geld an – jeder wolle an diesem wundervollen Fleckchen Connecticut ein Haus haben. Kein Wunder, dass die Preise durch die Decke gehen. Wir verabschieden uns und er wünscht mir einen schönen Tag am Strand.

Ich bin kaum einige Schritte gegangen, da spricht mich ein alter Herr an. Offenbar hat er zufällig das Gespräch gehört und mein Akzent hat ihm verraten, dass ich nicht aus der Gegend bin. Woher ich komme, möchte er wissen. Aus Deutschland. Und von wo dort? Aus Berlin. Er überlegt eine Weile, als krame er nach fast verblichenen Erinnerungen und wie in einer spontanen Beichte eröffnet er mir plötzlich, dass er als Soldat im Zweiten Weltkrieg gekämpft hätte, aber bei den Marines, wie er betont. Wir plaudern noch ein wenig über Berlin, diese verrückte Stadt, und die Mauer, die nun endlich nicht mehr sei. Am Ende kommen wir wieder auf das schöne Wetter und den wundervollen Strand zu sprechen. Dann schüttelt er mir unvermittelt die Hand und sagt, er müsse nun los – dringende Geschäfte vielleicht. Er wünscht uns einen schönen Tag. Als er schon im Gehen begriffen ist, dreht er sich noch einmal um, und ruft mir zu, wir sollen den Strand genießen. Das werden wir!