Nur eine Übung

Der Berg hatte Quito seit Wochen in Atem gehalten. Immer wieder war davon die Rede, dass er jeden Moment ausbrechen könne, und die Stadt hatte für den Fall der Fälle Vorsorge getroffen: Die Einwohner wurden angewiesen, Trinkwasser und Nahrung für mindestens drei Tage vorrätig zu halten. In vielen Supermärkten sahen die Getränkeabteilungen bald aus, als hätte man sie geplündert. Außerdem wurde die Anschaffung von Atemmasken empfohlen. Schon nach kurzer Zeit waren sie überall ausverkauft und angesichts der Menge an OP- und Filter-Masken, mit denen sich die Leute ausstatteten, hätte man glauben können, die weltweite Zombie-Apokalypse sei nun doch noch eingetreten.

Die meisten aber, mit denen wir sprachen, begegneten den Warnungen der Geologen mit der typisch ecuadorianischen Gelassenheit: Es wir schon nicht so schlimm kommen, hörte man immer wieder sagen. Aber die Bedrohung ist dennoch sehr real, denn Aschewolken können sich – wie schon vielfach in der Vergangenheit geschehen – so dicht über die Stadt legen, dass Dächer einstürzen. Für die tiefer gelegenen Wohnquartiere steht zu befürchten, dass Lahare, Schlamm-Geröll-Lawinen, durch die Täler rollen und ganze Urbanisationen einfach ausradiert werden. Die Gefahrenzonen sind auf einschlägigen Karten ausgewiesen und die Bewohner der gefährdeten Bereiche werden durch ein Frühwarnsystem verständigt und können sich dann in Sicherheit bringen. Viele werden nicht freiwillig gehen wollen, denn die leerstehenden Häuser sind ein lohnendes Ziel für Einbrecher.

Die Schule meines Sohnes, wie alle Schulen in Quito, führt regelmäßig Evakuierungsübungen durch. Der Koordinierungsaufwand ist nicht unbeträchtlich, denn viele der Kinder wohnen in Urbanisationen, die weit von der Schule entfernt sind, und ihre Eltern müssen im Notfall erst eine zeitraubende Anfahrt bewältigen, ehe sie die Kinder abholen können. Damit keines der Kinder versehentlich zurückbleibt oder Eltern und Kinder getrennt werden, hat die Schule sich ein etwas umständliches Prozedere einfallen lassen, bei dem man den Namen des Kindes auf einen Zettel schreibt, diesen durch die Tür reicht, worauf einem dann das Kind wie ein Paket ausgehändigt wird. Zwar besuchen nur dreihundert Schüler die British School Quito, aber man kann sich leicht ausmalen, wie lange es dauert, dreihundert Kinder einzeln durch die Tür zu schicken.

Einmal nahm ich an einer Notfallübung teil – man kann sich nicht vorstellen, welche geradezu grotesken Szenen sich vor dem Eingang der Schule abspielten. Und dies war nichts weiter als eine Routineübung! Mitarbeiter der Schule standen vor der Tür und verteilten Zettel, auf denen man den Namen des Kindes notieren sollte. Den größten und kräftigsten Lehrer hatte man direkt vor der Tür postiert (die Schüler nennen ihn ob seiner Leibesfülle respektlos Albondiga – Fleischklops). Sein massiger Leib versperrte wie ein Pfropfen den Eingang und so war es den Wartenden unmöglich, in die Schule zu gelangen. Ohne Zweifel würden einige der Eltern die Schule gestürmt haben, hätten sie sich nur an dem Wächter vorbeidrängeln können. Es herrschte ein ziemliches Durcheinander und mich beschlich das unangenehme Gefühl, im Ernstfall würde die panische Masse selbst einen so standfesten Torwächter beiseite schieben, als wäre er bloß ein Pappkamerad.

Der Türwächter rief die Namen der Kinder aus, was manchmal sehr lustig war, da er als Englischsprecher die spanischen Namen mit englischer Aussprache versah. An der Tür wurden die Kinder den wartenden Eltern ausgehändigt. Man schien zu glauben, sie seien aus Porzellan, denn man schickte sie durch ein Spalier aus Lehrern und jeder legte ihnen beschützend die Hände auf und schob sie behutsam weiter, als könnten sie plötzlich nicht mehr aus eigener Kraft laufen.

Manche der Mütter erschienen zu dieser simplen Katastrophen-Übung aufgebrezelt, als würde sie der Präsident der Republik persönlich empfangen. Als sie dann nach langem Warten endlich wieder ihre Kinder in den Arm nehmen durften, riefen sie mit zitternder Stimme „Mi hijo!“ (Mein Sohn!) oder „Mi hija!“ (Meine Tochter!). Es klang so bitterlich, dass man fast glaubte, ein grausames Schicksal hätte Mutter und Kind getrennt und erst jetzt, nach Jahren des Hoffens und Bangens, hätte das Glück sie wieder vereint. Manch eine der gutsituierten Hausfrauen, allesamt Angehörige der Oberschicht, schien wirklich den Tränen nahe. Ich habe so meine Zweifel, ob ihnen mit ein paar therapeutischen Ohrfeigen geholfen wäre. Ich fürchte, wenn man wie sie nur lange genug in der Stratosphäre schwebt, verliert man irgendwann auch den letzten Rest an Bodenhaftung. Ich bin kein gläubiger Mensch, aber ich glaube, man muss beten, dass der Cotopaxi niemals ausbricht.

Zwischen Mythos und Wirklichkeit

Von San Antonio führt die Straße nach Westen Richtung San Miguel de los Bancos. Von Cumbayá aus, das ganz im Osten von Quito liegt, benötigt man mit dem Auto gute anderthalb Stunden nach Mindo. Man fährt meist sehr entspannt, denn die Straßen sind über den Großteil der Strecke gut ausgebaut und wenn man den Reisetermin nicht gerade so wählt, dass er mit den Feiertagen oder mit dem Beginn der Schulferien zusammenfällt – denn dann will alles, was Räder hat, zur Küste –, sind die Straßen erfreulicherweise auch fast leer. Bei strömenden Regen kann so eine Fahrt allerdings sehr unangenehm sein, und in den feuchten tropischen Bergwäldern regnet es fast schon so oft wie im „Bladerunner“ von Ridley Scott. Bei Dunkelheit sollte man die Route durch die Berge lieber meiden, wie es sich überhaupt empfiehlt, bei Nacht von einer längeren Fahrt durch die Anden Abstand zu nehmen.

Die stark gewundene und nicht selten abschüssige Straße fordert selbst dem erfahrenen Autofahrer höchstes Können ab. Wer es aber nicht gewohnt ist, viel zu fahren und vor allem bei Dunkelheit, kommt schnell an seine Grenzen. Schon die kleinste Unachtsamkeit kann dazu führen, dass die Fahrt in einer Schlucht endet oder in einem der zahlreichen wilden Flüsse. Dies ist ein Land, in dem man beidseits der Straße noch tatsächlich das authentische Abenteuer finden kann. Man ist gut beraten, auf den gepflasterten Wegen zu bleiben.

Von der Hauptroute führt ein gut ausgeschilderter Abzweig nach Mindo. In zehn Minuten rollt man auf der asphaltierten Straße gemütlich hinab ins Tal und man fragt sich dabei, warum man sich stattdessen nicht mit einer schlammigen Lehmpiste zu begnügen hat, da einen in Mindo doch das Abenteuer fernab von jeglicher Zivilisation erwartet. Schon auf den letzten Kilometern stechen immer wieder Hinweisschilder aus dem monotonen Grün des Waldes, die den interessierten Besucher in Eco-Lodges und Birdwatching-Touren, zu Kakao-Farmen oder Schmetterlingsrefugien zu locken versuchen. Wir lassen uns aber nicht beirren und halten stur auf Mindo zu, das Epizentrum des Öko-Abenteuer-Rummels.

Bevor der Tourismus lärmend Einzug hielt, muss Mindo einer jener Orte gewesen sein, die von der Welt und der Zeit vergessen waren. Es hätte noch eine Ewigkeit vergehen können und dennoch würde niemand je von der Existenz der Stadt erfahren haben und vielleicht wäre sie mehr ein Ort aus dem Reich der Fabel geblieben, denn ein Ort in dieser, der wirklichen Welt, dem mythenumsponnenen Macondo ähnlicher als einer Stadt aus Stein. Doch der Tourismus hat zuverlässig dafür gesorgt, dass Mindo fest im Diesseits verwurzelt ist, fester als man es sich manchmal wünschen mag.

Es gibt in Ecuador auch heute noch Orte, die nicht an das Pipeline-Netz der Zivilisation angeschlossen sind – man muss nur auf die Karte schauen, zu den leeren Flächen, der Terra incognita zwischen den roten Arterien der Highways. Diese Orte liegen in einem kartografischen Vakuum: Keine Straße, kein Weg führt zu ihnen und es gibt nicht einmal bewohnte Ansiedlungen in der Nähe. Man wundert sich, dass sie dennoch auf der Karte vermerkt sind und ich glaube, der Geograf, dem das Verdienst zukommt, ihre Koordinaten der Welt zum ersten Mal mitgeteilt zu haben, kämpfte sich unter größten Entbehrungen durch Urwälder, musste schroffe Bergketten bezwingen und reißende Flüsse überwinden, ehe er sein Ziel erreichte. Die Annahme, dass die Menschen, die an solchen Orten leben, auch heute noch ohne viele der technischen Errungenschaften unserer Zivilisation auskommen, ist sicher nicht allzu verwegen.