Reise zum Mittelpunkt der Erde

Las Cuevas de Jumandy: Wir stehen unter dem Felsdach des Höhleneingangs. Glasklares, kühles Wasser umspült unsere Knöchel. Über unsere Köpfe spannt sich das Stalaktitengewölbe gleich einem Himmel aus herabstürzenden Donnerkeilen. Die Wasser gleiten plätschernd über ein Bett aus blankpoliertem Fels. Der Blick dringt kaum ein Dutzend Meter tief in die Höhle, dann verliert er sich in einer Schwärze, die den Eingang verstopft wie ein monolithischer Block Kohle. Wir warten auf den Guide, unseren Führer durch die Unterwelt, und auf weitere Teilnehmer. Der Höhlenneuling in mir will einen Moment lang tatsächlich glauben, man könnte den Untergrund allein betreten. Doch schon hier am Eingang wird klar, ohne Führer würde man sich in dem weitverzweigten Labyrinth unrettbar verirren.

Ein älteres Paar gesellt sich zu uns und dann kommt auch endlich unser Führer durch das chthonische Reich: Es ist ein junger Mann, der stolz seine indigene Herkunft herausstellt – in einem Land wie Ecuador keineswegs eine Selbstverständlichkeit. Er trägt überdimensionale Ohrstecker, aber ich glaube kaum, dass es sich um den individuellen Ausdruck eines alternativen Lebensstils nach westlicher Mode handelt, sondern wohl eher um traditionellen Schmuck. Ich wundere mich, dass er keine Gummistiefel trägt, und hätte ich geahnt, dass man eigentlich keine braucht, würde ich auf die plumpen Knobelbecher verzichtet haben. Bevor es losgeht, händigt unser Führer jedem der Teilnehmer eine Stirnlampe aus. Mit dem Licht am Kopf sieht man zwar aus wie ein Tiefsee-Anglerfisch, doch will der Reisende aus der Unterwelt wieder ans Tageslicht zurückfinden, ist ihm die Lampe so unentbehrlich wie Orpheus die Harfe.

Mit einem erwartungsvollen Kribbeln im Bauch brechen wir auf. Zuerst bedauern wir ein wenig, uns nur für die einstündige Tour angemeldet zu haben, doch am Ende sind wir froh darüber, denn obwohl ich nicht unter Platzangst leide und auch sonst keine Beklemmung in engen Räumen verspüre, hätte ich die klaustrophobische Enge keine vier Stunden ertragen mögen. Kameras sind übrigens strikt verboten (weshalb es auch keine Fotos gibt). Auf den Aufnahmen würde man ohnehin kaum etwas erkennen, denn in der Höhle herrscht vollkommene Finsternis. Einige der Teilnehmer anderer Gruppen bewahrt aber weder das offizielle Verbot noch der gesunde Menschenverstand vor der Torheit, ihre Handys mitzunehmen. Manch einer möchte nicht einmal auf den unvermeidlichen Selfie-Stick verzichten. Ich schwanke, ob ich diese Leute für ihren kühnen Nonkonformismus bewundern oder sie wegen ihrer Ignoranz verachten soll.

Unser Führer bewegt sich so sicher, als hätte er nie woanders gelebt als in diesem unterirdischen Reich. Mit den schweren Gummistiefeln ist es unmöglich, ihm in gleicher Weise zu folgen: Wie die typischen Westler, also Menschen, die die meiste Zeit ihres Lebens im Sessel verbracht haben und die ohne ihre Autos, Rolltreppen und Fahrstühle hilflos sind, stolpern wir hinterdrein. Wo wir mühsam über das chaotische Terrain klettern, schreitet unser Guide mit der Leichtigkeit eines aristokratischen Spaziergängers aus, die Arme auf dem Rücken verschränkt wie ein lustwandelnder Marquis. Behände wie ein Bergelf hüpft er von Fels zu Fels, schlüpft geschmeidig durch enge Kamine und tänzelt über handschmale Grate. Derweil tasten wir uns ächzend durch den stockdunklen Parkour.

Am Eingang wird darauf hingewiesen, dass Personen unter zehn und über sechzig Jahren der Zutritt verwehrt sei (das Schild mit der hübschen Vignette und der Aufschrift „Wir müssen draußen bleiben“ fehlt aber noch). Es ist vollkommen klar, warum man dieses Verbot erlassen hat – kaum einer, dem es nicht in den Fingern juckte, die Gelegenheit zu ergreifen, um sich der nervigen Hausplagen ein für alle Mal zu entledigen: Man beschert der frechen Brut und dem schlecht gelaunten Altenteil den Ausflug des Lebens und das Labyrinth sorgt zuverlässig dafür, dass die Probleme für immer aus dem Haus sind. Mein Sohn ist zwar älter, aber einen Augenblick lang bin ich versucht, ihn schon mal allein vorausgehen zu lassen … Ich glaube, es gibt da diesen Spruch: Was in den Höhlen passiert, bleibt in den Höhlen.

Meine Höhlenerfahrung beschränkt sich auf die Feengrotten in Thüringen, die ich als Kind besucht habe. Dort könnte man wahrscheinlich sogar mit dem Rollator hineinfahren und auf der anderen Seite des Berges wieder hinaus. Hier aber werden dem Besucher körperliche Höchstleistungen abverlangt und die Gefahren, denen man auf Schritt und Tritt begegnet, sind keineswegs gering: Das unterirdische Terrain ist wie geschaffen, um sich sämtliche Knochen zu brechen. Wer da das Gefühl hat, schon das Bücken nach der Fernbedienung sei eine artistische Meisterleistung, sollte lieber an der Oberfläche bleiben.

In Deutschland wäre solch eine Tour vielleicht gar nicht möglich – nicht aus Mangel an entsprechenden Örtlichkeiten, sondern wegen rechtlicher Vorbehalte. Wahrscheinlich müsste man erst eine fünfseitige Verzichtserklärung (in dreifacher Ausführung) unterschreiben und ellenlange Belehrungen über sich ergehen lassen. Kein Veranstalter würde seine Klienten einem derartigen Risiko aussetzen, ohne sich vorher eine wasserdichte Absicherung verschafft zu haben. Hier in Ecuador muss man nichts unterschreiben und auch Belehrungen unterbleiben, aber ich habe dennoch meine Zweifel, ob man deshalb gleich einen Hubschraubernottransport ins nächste Krankenhaus spendiert bekäme … Die Höhlen sind der perfekte Ort für Angstpsychosen vielfältigster Art.