Kulturvernichtung auf Ecuadorianisch

Der Archäologiepark von Cochasquí ist ein riesiges Areal, das auf den ersten Blick wie die Alm in einer „Heidi“-Verfilmung wirkt. Mehr als ein Dutzend Hügel erhebt sich aus der Landschaft als wären es die Glieder eines schlafenden Giganten unter einer grünen Decke. Man könnte diese Erhebungen für prähistorische Tumuli halten und wirklich erweckt die Gegend den Eindruck, die Natur wollte die Relikte dieser untergegangenen Kultur ins Leben zurückrufen, indem sie ein Meer von Gras darüber ausbreitete. Tatsächlich gibt es neben den Pyramiden auch noch einige Grabhügel. Gäbe es niemanden, der einem erklärte, dass es sich in Wahrheit um Bauwerke handelt, würde man die Erhebungen für gewöhnliche Erdhügel und nicht für menschliche Schöpfungen halten.

Die Pyramiden sitzen auf einer Hochfläche wie die Buckel auf der Nase eines Wals. Von hier aus bietet sich dem Besucher ein berauschender Blick auf die Berge und das Tal, das von einem Ring aus Bergketten umschlossen wird, als wären sie das Postament, auf dem der Himmel ruht. Das ganze Gelände hatte einst einer spanischen Familie gehört; es war ihr nach der Eroberung von den neuen Eigentümern des Kontinents als Besitz übertragen worden und jahrhundertelang führte man ein standesgemäßes Leben aus den Einkünften des Landes. Jahrhundertelang dämmerten die Pyramiden unter ihrem grünen Grabtuch dem Vergessen entgegen, während über ihren Köpfen das Leben weiterging.

Ganz wesentlich zu dem unauffälligen Erscheinungsbild des Geländes hat aber vor allem die Tatsache beigetragen, dass das Land in den sechziger Jahren des 20. Jahrhunderts an einen ausländischen Chemiekonzern verpachtet war. Unbehelligt von den Nachstellungen einer aufmerksamen Denkmalschutzbehörde ließ man die Flur mit schwerem Gerät beackern. Die Erde wurde aufgerissen und wieder und wieder umgepflügt. Der Boden wurde dabei so gründlich umgegraben, dass nichts darin an dem Platz blieb, an dem es sich für Jahrhunderte, wenn nicht für Jahrtausende befunden hatte. Auf den solcherart vorbereiteten Äckern über den schlafenden Pyramiden baute man giftige Pflanzen an. Das ganze Areal war auf viele Jahre hinaus verseucht.

Das tiefe Umpflügen des Geländes führte dazu, dass alle Bodenrelikte, die den Archäologen etwas über die Anlage und ihre Bewohner verraten könnten, zuverlässig vernichtet wurden. Nach Jahren intensiver Bewirtschaftung enthält die Erde über den Pyramiden ungefähr noch so viele Artefakte wie der Staub auf der Mondoberfläche. Und was sich noch in der Erde befindet, wurde von den Pflugscharen entweder zu Staub zermahlen oder unentwirrbar durcheinandergerührt. Die Wahrscheinlichkeit, jetzt – nach Vollendung des Vernichtungswerks – noch eine bedeutende archäologische Entdeckung zu machen, liegt nahe Null. Was man findet, sind lediglich die Scherben einer zerbrochenen Vergangenheit.

Wenn beim Umgraben einmal etwas von Wert zutage gefördert wurde und es unversehrt geblieben war, fand es seinen Weg häufig ins Ausland. In den sechziger Jahren gab es keine staatliche Stelle, welche die Ausfuhr unersetzlicher Kulturgüter zu unterbinden versuchte. Die Aneignung kultureller Artefakte stellte auch keinen Straftatbestand dar und man darf annehmen, so mancher skrupellose Sammler verhalf sich auf diese Weise zu einer Kollektion, die einige etablierte Museum vor Neid erblassen lassen würde.

Hochlandbewohner

Zum ersten Mal in meinem Leben habe ich Lamas und Alpakas in freier Wildbahn gesehen. Wir sind viel gereist und oft waren wir in den Anden unterwegs, aber Lamas sind uns dabei nie begegnet, obwohl einem die folkloristisch angehauchten Klischees, die immer wieder in den Reisekatalogen bemüht werden, um Touristen ins Land zu locken, weiszumachen versuchen, über die Hochweiden würden ganze Herden der friedlichen Pflanzenfresser streifen.

Viele der Tiere, die wir hier im Archäologiepark von Cochasquí sahen, trugen Markierungen oder bunte Halsbänder, so dass man annehmen muss, sie seien nicht wirklich „Wildtiere“. Jedenfalls bewegten sie sich auf dem Gelände völlig frei. Nur mit den Pferden – eine invasive Art auf diesem Kontinent wie die Menschen – mussten sie sich ihren Weidegrund teilen. Während man den Lamas aber kaum noch in freier Natur begegnet, sieht man Pferde fast überall. Es scheint, die Eroberung des Kontinents bis an seine entferntesten Grenzen ist tatsächlich vollendet.

Meist standen die Lamas einfach nur auf der Blumenwiese, welche die gesamte Ruinenstätte gleich einem bunten Teppich bedeckt, und taten so, als würden sie die Menschen gar nicht bemerken. Unbeeindruckt gingen die Tiere ihrer Lieblingsbeschäftigung nach: Sie fraßen das saftige Gras und darüber hinaus schien sie nicht sehr viel mehr zu kümmern. Manchmal guckten sie (verwundert, wie es schien) und witterten, wenn sich ihnen wieder einmal eines jener merkwürdigen zweibeinigen Wesen zu nähern versuchte. Erst wenn man ihnen so nahe kam, dass man sie um ein Haar hätte berühren können, trabten sie mit aristokratischer Grazie davon – nur anschauen, streicheln verboten.

Wir ließen uns gern darüber belehren, dass die Tiere mit dem dickeren Fell Alpakas seien. Eigentlich wirkten sie eher wie zu groß geratene Schafe auf viel zu hohen Beinen und sie sahen ein wenig so aus, als hätte man es seit langem versäumt, ihnen das wollige Fell zu scheren. Ihre Vettern, die Lamas, unterscheiden sich von ihnen durch ein feineres, weicheres Fell und während die Alpakas oft weiß sind, ist das Fell der Lamas meist von kaffeebrauner Farbe. Lamas sind so ziemlich die friedlichsten Wesen, die man sich vorstellen kann, und die eigentümliche Unart, die man ihnen immer wieder nachsagt, das Spucken, ist wahrscheinlich nur ein Gerücht. Jedenfalls spuckte kein einziges der Tiere, obwohl die Touristen doch immer wieder versuchten, sie zu streicheln.