American Diner

Dieser Artikel ist Teil einer Serie von Posts, die auf einen einzelnen Blogpost unter dem Titel „Eine wahre amerikanische Odyssee“ zurückgehen. Siehe auch die Einleitung zu dieser Serie!

Am nächsten Morgen wollen wir nach Long Island aufbrechen. Ein neuer Wagen, Modell Chevrolet Malibu, wartet auf uns am McArthur-Airport, aber erst einmal müssen wir auch dorthin gelangen, damit wir das Auto in Empfang nehmen können. Wir möchten die lange Reise nicht antreten, ohne uns vorher gut gestärkt zu haben. Und wo könnte man sich besser satt essen als in einem echten Diner. Der Diner, in den es uns schließlich verschlägt, ist eigentlich kein „echter“ amerikanischer Diner, denn die Betreiber sind Griechen und vieles auf der Karte ist etwa so amerikanisch wie Pfälzer Saumagen oder Thüringer Klöße. Aber dies wäre nicht Amerika, wenn der hungrige Gast nicht auch Klassiker wie Pancakes in allen nur denkbaren Variationen, Scrambled eggs und Hash browns serviert bekäme.

Es ist Sonntag Morgen um Elf und der Laden ist so voll, dass man glauben möchte, alle Diner im Land wären während der letzten zwanzig Jahre geschlossen gewesen und genau heute, just an diesem Sonntag, hätten sie wieder geöffnet. Wir müssen lange warten, ehe wir einen Platz irgendwo im hinteren Teil an der Wand zugewiesen bekommen. Die meisten Gäste sind gleich in Familienstärke angereist und drei Generationen Amerikaner okkupieren die großen runden Tische in der Mitte des Restaurants wie der Generalstab einer Invasionsarmee.

Obwohl dies ein griechisches Restaurant ist (zumindest behauptet dies die Karte) und obwohl die meisten Gerichte auf der Speisekarte ihren Ursprung in dem Land am Mittelmeer haben, bestellt man ohne Ausnahme Pancakes, French Toast und Waffeln, also das, was man kennt und was man jeden Tag essen könnte, und zwar so ziemlich überall. Die Größe der Portionen ist einfach nur atemberaubend und stellt wie so vieles in diesem Land der unbegrenzten Möglichkeiten einen typischen amerikanischen Exzess dar: Die Teller sind mit Essen überladen, als wäre eine Hungersnot im Anzug, für die man sich mit diesem allerletzten opulenten Mahl rüsten müsste.

Ein an normale Portionsgrößen gewöhnter Magen kann solche Mengen an Nahrung unmöglich aufnehmen. Kaum ein Teller wird an diesem Sonntagmorgen leergegessen, doch die Gäste tragen keine Scheu, sich die Reste einpacken zu lassen. In Deutschland kommt man sich ja immer ein wenig schäbig vor, wenn einem der Kellner den Doggy bag mit spitzen Fingern und abschätzigem Blick aushändigt. In den USA muss man sich als zahlender Gast eigentlich für nichts schämen, denn der Kunde ist hier wirklich noch König. Amerikaner genieren sich auch kein bisschen, wenn sie die Bedienung mit einer endlosen Liste von Sonderwünschen in den Wahnsinn treiben.

Der Diner scheint es zu lokaler Berühmtheit gebracht zu haben, denn ganze Sippen reisen an diesem Sonntag an, um gemeinsam zu brunchen. Man darf davon ausgehen, dass ausnahmslos an jedem Sonntag eine derartige Massenversammlung stattfindet, und der Brunch in Familie ist ein Vergnügen, das sich die Leute nach allen Härten, die ihnen das Leben in den letzten Jahren aufgebürdet hat, anscheinend noch wirklich leisten können. Das Essen ist gut und die Preise sind fair. Für wenig Geld kann man sich bis zum Anschlag vollstopfen – vorausgesetzt, man weiß die einfachen, aber guten amerikanischen Gerichte zu schätzen.

Meine Frau und mein Sohn bestellen einen gemischten griechischen Teller mit Gyros, Souvlaki, Spinat, gefüllten Weinblättern, Bauernsalat und Pita. Sie langen zu wie hungrige Trucker, aber obwohl sie zu zweit sind und obwohl beide nicht dafür bekannt sind, gutes Essen zu verschmähen, schaffen sie ihre Portion am Ende doch nicht. Es scheint, an diesem Tag sind wir auf weiter Flur die einzigen, die etwas Griechisches bestellen. Auf den Tellern der anderen Gäste türmten sich Gebirge aus Pancakes und Waffeln, von denen der Sirup herabrinnt wie Gletscherbäche nach der Schneeschmelze. Mit unserem griechischen Teller kommen wir uns ein wenig fremd vor inmitten all der kulinarischen Exzesse a la americana. Mir scheint, Souvlaki und Co. werden an diesem Ende Connecticuts nicht sehr oft bestellt.

Zu meiner Verwunderung gibt es leider keinen griechischen Kaffee, mit dem ich meinen Blutdruck wieder auf messbare Werte treiben könnte. Aber mein Wunsch hat bei der Kellnerin einige Verwirrung gestiftet. Sie schaut mich an, als hätte sie in ihrem ganzen Leben noch nie eine derart ausgefallene Bestellung entgegennehmen müssen. Ich nehme das Getränk der Wahl und bekomme die übliche dünne Plörre, die hierzulande als Kaffee firmiert. Doch der Cheese cake, den ich dazu bestelle, ist wirklich zum Dahinschmelzen – ein sündiger Traum in Creme, jeder Bissen ein hyperkolorisches Nirwana. Ich hätte gern noch ein zweites Stück genossen, aber schon nach diesem habe ich eine Ahnung, wie sich Stopfgänse nach der Fütterung fühlen müssen.

Am Nebentisch hat eine Familie Platz genommen. Mutter und Vater bringen es zusammen leicht auf dreihundert Kilo. Ihre zwei Kinder im Alter vor sechs und sieben sind aber erstaunlicherweise normalgewichtig und darum habe ich fast den Verdacht, sie seien adoptiert. Die Mengen an Essen, die man hat auftafeln lassen, könnten selbst eine Brigade ausgehungerter Bauarbeiter sättigen. Dass die Kinder da schlank sind, ist erstaunlich und kommt dem Kunststück gleich, als geistig gesunder Mensch die Zwangseinweisung in die geschlossene Abteilung der psychiatrischen Anstalt unbeschadet zu überstehen.

Von meinem Platz aus scheint mir das Gesäß der Mutter gleich einem gewaltig großen Mond entgegen. Es wölbt sich wie eine kosmische Bedrohung über den zum Bersten strapazierten Bund der veilchenfarbenen Leggings. Cellulite furcht das Hinterteil wie Gletscherrillen die Oberfläche eines Eismondes. Und die dunkle Klamm, die sich als tektonischer Riss tief in die weiche Kruste dieses überschweren Himmelskörpers kerbt, hat sich bereits auf einer Länge von Tausenden Kilometern über den Horizont erhoben. Wir haben an diesem Tag genug Exzessen beigewohnt. Wir brechen nach Long Island auf.