Frischer Wind am Río Guayas

Unser Hotel befindet sich in der Nähe der Avenida Quito. Das ist eine Straße, über die der Autoverkehr auf acht Spuren dahinfließt, und zwar auf acht Spuren in jede Richtung! Am Morgen sind die Straßen noch leer, doch ab Mittag kann man erleben, dass selbst sechzehn Spuren nicht ausreichen, den Verkehr der Stadt aufzunehmen. Man fragt sich verwundert, wie viele Autos nötig sind, damit all die Fahrspuren von einer einzigen kompakten Blechwalze verstopft werden können.

Man möchte dies für Wahnsinn halten, aber irgendwie scheint es symptomatisch für eine Stadt, die in allem das Extrem sucht. In Guayaquil fühlt man sich immer ein wenig an New York erinnert. Die Straßen sind nach dem gleichen regelmäßigen Muster wie in Manhattan angelegt und die quirlige Atmosphäre spiegelt wie in der Metropole am Hudson River den allgegenwärtigen Wunsch nach Veränderung wider.

Ich habe Guayaquil immer als einen heißen, brodelnden Moloch empfunden, nicht als eine Stadt, in der man gern leben möchte. Doch jetzt, da ich diesen Ort neuerlich besuche, fühle ich mich auf eigenartige Weise hingezogen zu der Stadt am Río Guayas. Ich fühle Sympathie für diesen außergewöhnlichen Ort, und ich weiß, dass ich die Stadt mag, und zwar gegen meinen Willen und wahrscheinlich auch gegen meine bessere Einsicht.

Guayaquil ist so ganz anders als das beschauliche Quito mit seinem architektonischen Erbe aus der Kolonialära und seinem steifen konservativen Vermächtnis. Eingezwängt zwischen Bergen, lässt die Hauptstadt die weite Perspektive des Geistes vermissen. Neue Ideen müssen sich langsam ihren Weg durch die Berge suchen und sie gelangen nur allmählich zu den Menschen, die lieber am Althergebrachten festhalten, als dass sie es zuließen, ihren Alltag durch neue Einsichten erschüttern zu lassen. Quito ist stockkonservativ und es hat ein schier unüberwindliches Beharrungsvermögen – so mancher Reformer und so mancher Revolutionär hat sich an der Stadt schon die Zähne ausgebissen.

Guayaquil ist eine Hafenstadt und wie bei allen großen Städten am Meer fühlt man den frischen Wind neuer Ideen und weltumstürzender Ansichten durch die Gassen wehen. Die Meeresbrise macht den Kopf frei und befruchtet das Denken. Denn der Ozean hat einen weiteren Horizont als die Berge und der Samen, der von jenseits des Meeres in die Stadt getragen wird, findet einen günstigeren Nährboden, um zu keimen und zu sprießen. Guayaquil war immer das Zentrum (und nicht Quito), von dem aus neue Ideen ihren Weg in die Köpfe der Menschen fanden. Durch die Jahrhunderte war die Stadt ein Hort des Aufruhrs und der Revolution und ein wenig von diesem rebellischen Geist hat sich durch die Zeit gerettet. Ich bin gern in Guayaquil und ich bedauere, dass ich die Stadt so lange Zeit unterschätzt habe, denn Guayaquil ist ein großartiger Ort für Ideen.

Spaziergang mit Hund

Am nächsten Tag gehe ich schon am frühen Morgen mit dem Hund Gassi. Die Geschäfte sind noch geschlossen und die Straßen sind wie ausgestorben. Obwohl wir uns im Stadtzentrum befinden, begegnen mir keine Fußgänger. Ich fühle mich ein wenig verloren, denn ich bin ganz allein. Ich könnte nackt durch die Straßen laufen und niemand würde es bemerken. Der Autoverkehr fließt nur dünn auf den viel zu breiten Straßen dahin. Nach der langen anstrengenden Nacht braucht die Stadt Zeit, um wieder in ihren gewohnten Rhythmus zurückzufinden. Wo sind nur all die Nachtschwärmer geblieben? Wahrscheinlich liegen sie ohnmächtig in ihren Betten. Die Stadt fühlt noch immer die Nachwirkungen der nächtlichen Exzesse und erst allmählich erwacht sie aus ihrem Delirium.

Ich versuche einen Flecken Rasen zu finden, auf dem der Hund sein Geschäft verrichten kann, und ich laufe deshalb die Straßen rund um das Hotel ab. Doch meine Suche ist aussichtslos, denn alle Bürgersteige sind durchgehend gepflastert. Es gibt keine Blumenrabatten oder Straßenbäume, keine Rasenstreifen und keine Beete. Der Hund kann sein Geschäft nämlich nur auf Rasen verrichten und wenn Tiere genauso wie Menschen Marotten haben, dann hat dieser Hund ganz bestimmt einen Tick.

Wir laufen an die zwei Kilometer und der Hund markiert bei jeder sich bietenden Gelegenheit sein Revier, ganz so, als gehörte die Stadt ihm. Denn solange er auf einsamer Flur ist, gebärdet er sich, als sei er der Chef. Kommen aber Rivalen in Sicht, will er nur schnell auf den Arm genommen werden, ganz besonders dann, wenn die Artgenossen ihm körperlich überlegen sind. Am Ende finden wir doch noch eine winzige Erdscholle, kaum größer als ein Fußabtreter, und da endlich lässt der Hund sich herbei zu tun, weswegen wir den morgendlichen Spaziergang unternommen haben.

Abends in Guayaquil

Wir nähern uns Guayaquil, doch wir merken es nur daran, dass die Straße sich allmählich mit Autos füllt. Als wir dann nach fünf Stunden endlich die Vororte erreichen, ist der Verkehr so dicht, wie man es in der Stunde nach Feierabend wohl für jede Metropole, vielleicht mit Ausnahme von Pjöngjang, erwarten kann. Die Randgebiete der großen Städte auf der ganzen Welt unterscheiden sich offenbar nur unwesentlich voneinander, und so fahren wir vorbei an auswechselbarer Industrie- und Zweckarchitektur, ehe wir die Viertel mit den Wohnquartieren erreichen.

Das Navi führt uns sicher durch das Gedränge des abendlichen Berufsverkehrs. Einmal jedoch zweigen wir falsch ab und wir sind gezwungen, einen Umweg von mehreren Kilometern in Kauf zu nehmen, inklusive einer längeren Fahrt durch einen der städtischen Tunnel. Schließlich aber schaffen es in die Innenstadt und mit ein wenig Glück finden wir unser Hotel. Meine Frau hatte online gebucht und so sind die Formalitäten schnell erledigt, ehe wir endlich die wohlverdienten Annehmlichkeiten eines Hotels des gehobenen Standards genießen dürfen: Ich werfe mich auf das bequeme Bett, lasse die Klimaanlage laufen und erfreue mich an der geistlosen Zerstreuung durch das Fernsehen.

Wir nehmen das Abendessen im Hotelrestaurant ein. Mittlerweile hat sich die Nacht auf die Stadt herabgesenkt und das ist die Zeit, in der sich die Bürgersteige beleben, die Restaurants füllen und die Menschen ausschwärmen, um das breitgefächerte Angebot an Vergnügungen aller Art zu genießen, welche die Hafenstadt am Pazifik ihren Einwohnern und Gästen so großzügig offeriert.

Die lange Fahrt hat mich jedoch restlos erschöpft und so aufregend und abenteuerlich es auch sein mag, durch das nächtliche Guayaquil zu streifen, ich bin an diesem Abend glücklich, dass ich mit Bett und Fernseher Vorlieb nehmen darf. So bleiben mein Sohn und ich am Ende im Hotel, während meine Frau und unser Gast sich rüsten, Guayaquil das Fürchten zu lehren (wer hier allerdings wen das Fürchten lehrt, wird sich noch zeigen müssen).

Während mein Sohn und ich es uns vor dem Fernseher gemütlich machen, durchstreifen meine Frau und unser Gast die nächtliche Stadt. Da man schon einmal hier ist, möchte man sich auch nichts entgehen lassen. Das Abenteuer währt jedoch nur kurz und nach zwei Stunden sind die beiden Schlachtenbummler wieder zurück. Ich weiß nicht, ob sie gefunden haben, wonach sie suchten, aber die Erschöpfung lähmt uns nun alle gleichermaßen und wir sinken ins Bett, kaum dass die heiße, pulsierende Nacht an der Mündung des Río Guayas begonnen hat.

Nach Guayaquil

Von Bahía geht es mit dem Auto nach Guayaquil. Wir machen einen kurzen Abstecher nach Montecristi, um Hamacas, also Hängematten, und andere Flechtarbeiten zu kaufen, denn dafür ist die Stadt bekannt. Da Montecristi ohnehin auf dem Weg liegt, wollen wir die Gelegenheit nicht ungenutzt verstreichen lassen. Während meine Frau und unser Gast ihr Glück an der Hauptstraße mit ihren Dutzenden von Geschäften versuchen, harren mein Sohn und ich tapfer am Auto aus.

Es macht mir nichts aus, einfach nur herumzusitzen und zu warten, denn zum einen erweckt die Gegend ganz den Eindruck, als wäre es keine gute Idee, den Wagen längere Zeit unbewacht stehen zu lassen, und zum anderen mache ich mir überhaupt nichts aus Einkaufen. Ich kann die Leidenschaft mancher Leute nicht verstehen, die es magisch zu Einkaufszentren und Geschäften zieht und die erst dann davon genug haben, wenn ihr Budget restlos ausgeschöpft ist.

Ich gehöre eher zu den Typen, die entweder irgendwo gelangweilt herumsitzen oder aber einfach bloß genervt sind – doch immer mit unverkennbarer Leidensmiene –, während ihre Partner exzessiv der Einkaufsleidenschaft frönen, einer, wie mir scheint, typisch weiblichen Leidenschaft. Schlimmer kann es nur werden, wenn man dann auch noch genötigt wird, ein Geschmacksurteil abzugeben, denn einfach zu schweigen, ist natürlich kein Verhalten, für das man Verständnis erwarten darf. Ab jetzt bewegt man sich auf dünnem Eis; bei jedem Schritt ist daher allergrößte Vorsicht geboten, denn ein falsches Wort genügt und der Tag ist ruiniert.

Schon nach einer Stunde taucht das gutgelaunte Einkaufsduo wieder auf, bepackt mit Hängematten, Körben und allerlei sonstigen Flechtarbeiten. Dafür würde man in Berlin ein Vermögen ausgeben müssen, hier aber bekommt man alles zum Spottpreis; ich habe nicht gefragt, aber wahrscheinlich hat alles zusammen weniger als hundert Dollar gekostet. Es ist mittlerweile schon Mittag und die Zeit drängt und daher reicht es diesmal auch, dass ich die Einkäufe nur kurz lobe. Ich erinnere stattdessen daran, dass es Zeit sei aufbrechen, wenn wir Guayaquil noch vor Einbruch der Dunkelheit erreichen wollen – ich fahre Nachts nur ungern auf unbekannten Straßen.

Nachdem die Einkäufe sicher im Wagen verstaut sind, steht der Reise nichts mehr im Wege. Unser Auto ist bis unter das Dach beladen und erst nachdem Rucksäcke, Taschen und Koffer ganz neu nach Art eines kubischen Puzzles arrangiert worden sind, findet sich auch Platz für die neuesten Anschaffungen. Dann aber sitzen wir alle glücklich im Auto und die Reise kann beginnen.

Unsere Route führt über mehrspurige Highways, die so neu aussehen, als hätte man sie eigens für uns gebaut. Rechts und links der Straße erstrecken sich grüne Weiden so weit das Auge reicht. Das Land ist platt wie ein Pfannkuchen und nur selten wird die eintönige Szenerie von einer Baumgruppe oder einem kleinen Wäldchen aufgelockert. Hin und wieder verlieren sich Häuser oder kleine Weiher in der pastoralen Weite.

Das Land wirkt so fruchtbar und unberührt wie die Landschaften der heilen Öko-Werbe-Welt. In der Tat begegnen wir immer wieder Rinderherden, die im Schatten von Bäumen und Buschwerk Schutz vor der tropischen Hitze suchen, die das Land und seine Bewohner lähmt. Ob die Tiere glücklich sind, kann man nicht sagen, aber was sollte so eine Kuh denn schon anderes wünschen als eine Herde, in der sie sich geborgen fühlt, üppige grüne Weiden und Frieden. Von allem hat sie hier mehr als genug.

Secuestro express

Der Erfindungsreichtum des kriminellen Milieus macht immer wieder staunen, denn es gibt kaum etwas, das findige Verbrecherhirne nicht ertüftelt hätten, und es scheint eine unumstößliche Regel zu sein, dass man immer erst dann von den genialen Geistesblitzen der Kriminellen erfährt, wenn es zu spät ist und man selbst oder jemand, den man kennt, den ausgeklügelten Machenschaften zum Opfer gefallen ist.

Einen Quantensprung im Entführungsfranchise, vergleichbar nur mit der Einführung des Strahltriebwerks im Flugzeugbau, bedeutet der sogenannte Secuestro express, die „Express-Entführung“. Gewöhnliche Entführungen, wie man sie etwa aus Somalia kennt, haben den Nachteil, dass man ein Opfer finden muss, das den Aufwand tatsächlich lohnt. Welches Lösegeld wollte man denn etwa von einem Toilettenpächter verlangen (es sei denn, der Mann ist Millionär und das Pachtbusiness ist nur sein etwas exzentrisches Hobby)? Im Falle Somalias ist es dagegen nicht schwer, ein Opfer zu finden, das Profit verspricht, denn jeder, der auf einem Schiff vor der Haustür vorbeifährt, ist in der Tat wohlhabender als die Entführer. Außerdem besteht ein nicht geringes Risiko für die Kidnapper, da der Entführte über Tage oder Wochen gefangengehalten werden muss. Eine Verwicklung der Polizei scheint umso wahrscheinlicher, je länger die Entführung dauert.

Die Express-Entführung schafft da Abhilfe. Mit dem Epitheton „Express“ schmücken sich normalerweise solch nützliche Dinge wie die Express-Reinigung, die Express-Reparatur oder der Express-Lift. Positiv ist an dieser Art der Entführung allein, dass man dem Gastgeber nicht über Tage, Wochen oder gar Monate als unfreiwilliger Hausgast zur Last fällt. Ist die Unternehmung zur Zufriedenheit der Entführer ausgegangen, darf man damit rechnen, schon nach ein paar Stunden wieder in Freiheit gesetzt zu werden. Kennzeichen jeder Express-Entführung ist, dass das Opfer stets in den letzten Stunden vor Mitternacht entführt wird oder sogar nur wenige Minuten vor Anbruch des neuen Tages. Damit wird sichergestellt, dass man die Konten des Opfers gleich zweimal bis zum Tageslimit schröpfen kann.

Das Schöne am Secuestro express aus der Sicht der Entführer ist, dass die Zielperson keineswegs erst durch hartnäckige Überzeugungsarbeit in ein Auto komplimentiert werden muss, denn die Täter sind ganz unauffällig mit dem Taxi unterwegs. Und Hand aufs Herz: Wer würde in einer dunklen Nacht, noch dazu in einer nicht sonderlich einladenden Gegend nicht lieber das vermeintlich sichere Taxi nehmen als den von Gestalten und merkwürdigem Gelichter heimgesuchten Bus? Damit man keine böse Überraschung erlebt, hat man ein sogenanntes Taxi amigo. Das ist ein Taxifahrer, den man kennt und dem man vertraut, und wenn man einmal ein Taxi braucht, empfiehlt es sich, stets nur das Taxi amigo zu rufen.

Doch manchmal verleiten einen die Umstände zur Unvorsichtigkeit und man steigt in ein Taxi, dessen Betreiber keineswegs nur nach Taxameterstand abrechnen. Hat der arglose Passagier erst einmal im Fond Platz genommen, unternimmt die Reiseleitung, die bei Gelegenheit zusteigt, mit ihm eine Tour durch die Stadt. Doch das ist schon ein merkwürdiger City-Trip, denn die meisten Sehenswürdigkeiten werden ausgelassen und die Reiseroute beschränkt sich doch sehr einseitig auf den Besuch diverser Bankautomaten. Dort lässt der Tourveranstalter immer wieder Geldbeträge auszahlen – vermutlich zur Abgeltung der Honorare für die Tour-Guides. Ist das Tageslimit ausgeschöpft, wartet man bis nach Mitternacht und schon geht die Reise weiter; Verzögerungen werden nicht geduldet, denn die Leute wollen schließlich etwas geboten bekommen für ihr sauer Erspartes. Der Trip ist beendet, wenn sämtliche Kreditkarten gesperrt und die Taschen der Kriminellen gefüllt sind. Der unfreiwillige Tourist wird, sofern er nur artig ist und sich nicht über das Tourprogramm und die Reiseleitung beschwert, unversehrt in die Nacht entlassen. Vom weiteren Nachtprogramm wird er sicher mangels Liquidität Abstand nehmen wollen.

Eine Cousine meiner Frau wurde einmal in Guayaquil Opfer eines Secuestro express. Wie jedermann in Ecuador hatte auch sie ein Taxi amigo, aber an diesem Abend muss es wohl schierer Leichtsinn gewesen sei, der sie dazu verleitete, nicht das vertrauenswürdige Taxi zu rufen, sondern in den erstbesten Wagen zu steigen, der sich anbot. Unterwegs fragten sie die Entführer, was sie denn so mache. Sie gab sich ganz naiv und log, sie sei nur eine einfache Empleada und arbeite im Haushalt einer Familie (Empleadas sind die Angestellten in Privathaushalten). Hausangestellte gelten hierzulande nicht als Großverdiener und offenbar wusste die Entführte ein solches schauspielerisches Talent zu entfalten, dass die Kidnapper ihr tatsächlich glaubten. Den Entführern muss schlagartig klargeworden sein, dass der Aufwand nicht lohnt, und sie ließen sie gehen, noch ehe man sie unsanft zu einer Abhebung überredet hatte. Es war ihr Glück, dass die Kriminellen die Enttäuschung über das entgangene Salär nicht an ihrem Opfer ausließen.

Nicht immer aber gehen solche Entführungen so glimpflich aus wie in diesem Fall, denn unter den Entführern findet sich weit häufiger der brutale Abschaum der Gosse als der Gentleman-Ganove, der sein Opfer an der nächsten Bushaltestelle mit einem Handkuss, Kleingeld für die Heimfahrt und dem guten Rat, doch ja vorsichtig zu sein, in die Freiheit entlässt. Eine deutsche Austauschlehrerin musste vor Jahren diese traumatische Erfahrung machen. Leider hatte sie nicht so viel Glück wie die Cousine meiner Frau und mit der Gewalt einer lebensbedrohenden psychischen Katastrophe trat genau jener Horror in ihr Leben, den eine erwachsene Vorstellungskraft sich angesichts der Umstände leicht auszumalen imstande ist.

Solche Entführungen kommen immer wieder vor und man kann zwar Vorsichtsmaßnahmen treffen und versuchen, gefährliche Situationen zu meiden, aber vollkommenen Schutz gibt es leider nicht. Als wir vor vier Jahren, aus Deutschland kommend, in Guayaquil landeten, holte uns mein Schwager vom Flughafen ab. Es war schon dunkel und schwarze Nacht schloss den Flughafen ein wie ein Berg aus Kohlestaub. Ich wunderte mich, warum wir, nachdem wir die letzten Kontrollen passiert hatten, in der Lobby des Flughafens warteten wie in Erwartung irgendeines messianischen Ereignisses, statt einfach nach draußen zu gehen, um ein Taxi herbeizurufen.

Guayaquil ist eines der unsichersten Pflaster in ganz Ecuador, denn die Klassengegensätze prallen nirgendwo mit solcher geradezu schon elementaren Gewalt aufeinander wie hier. Wenn es überhaupt so etwas wie eine Hauptstadt des Verbrechens gibt, dann ist die vor Leben pulsierende Hafenstadt die unangefochtene Metropole des Landes. Am Abend ein sicheres Taxi zu finden, kommt da fast schon einem Kunststück gleich. Aber schließlich hatte der Schwager doch Erfolg. Nach welchen Kriterien er das Taxi aussuchte, bleibt für mich aber vollkommen rätselhaft. Doch wer hier schon immer lebt, hat einen ganz anderen Blick für die Gefahren des Alltags entwickelt. Mit seiner Wahl lag er jedenfalls goldrichtig, denn schließlich blieb uns die nächtliche Rundfahrt zu den Bankautomaten der Stadt erspart.

Mi Ranchito

Das Lieblingsrestaurant meines Sohnes ist das „Mi Ranchito“. Eigentlich handelt es ich dabei um gar kein richtiges Restaurant. Es ist eher ein Imbiss, den der Besitzer an einer Straßenecke eingerichtet hat: eine Hausecke wurde aufgefräst und in die entstandene Lücke hat man eine kleine Theke gebaut. Das „Mi Ranchito“ öffnet seine Pforten erst um 18:00 Uhr, aber von da an ist es immer so gut wie ausgebucht – zumindest in der Hochsaison, wenn die Erholungssüchtigen aus der Sierra nach Bahía strömen. Das Restaurant hat keinen Gastraum, Tische und Stühle werden jeden Abend direkt auf den Bürgersteig gestellt. Das beeinträchtigt das Geschäft nicht im Geringsten, denn in Bahía ist es immer so warm, dass man das ganze Jahr in Shorts und Flipflops herumlaufen kann. Die etwas strenge Kleiderordnung, wie man sie aus Quito kennt – lange Hose, geschlossene Schuhe, Hemd und Jacke – entfällt hier und selbst die Leute aus der Sierra, die als etwas steif gelten, entledigen sich gern ihrer Kleidung, um sie gegen das legere Freizeitoutfit einzutauschen.

Das „Mi Ranchito“ ist unschlagbar billig, aber die Leute würden nicht dort essen, wenn das Essen nicht auch gut wäre. Mein Sohn schwört auf die Tacos; sie sind satt gefüllt mit Fleisch und Guacamole und angesichts der Preise beschleichen einen schon Befürchtungen hinsichtlich der Herkunft des Fleisches. Der Taco kostet drei Dollar. Das ist nicht viel, aber dafür bekommt man eine wirklich gute Portion, so dass man gesättigt vondannen geht. Ein besseres Preis-Leistungs-Verhältnis hat nur noch die Hamburguesa, der Burger. Es gibt ihn in mehreren Variationen, den einfachen Burger bekommt man schon für schlappe 1,50 Dollar. Der Burger Mi Ranchito mit allem kostet 2,75 Dollar und dafür bekommt der hungrige Gast zwei Scheiben Fleisch, Gurken, Salat, Tomaten, Zwiebeln, Ham, Käse und sogar noch ein Spiegelei obendrauf und das alles in einem wirklich leckeren Brötchen (keinem Industriebrot, wie bei den Burgerketten üblich). Und alles schmeckt wirklich frisch und knackig.

Das Spiegelei im Burger ist übrigens typisch ecuadorianisch, passt aber ganz hervorragend zu den anderen Zutaten. 1992 habe ich in Guayaquil, der quirrligen Hafenstadt am Pazifik, zum ersten Mal einen Burger mit Spiegelei genossen. Meine Frau hatte mir davon erzählt, aber ich konnte nicht glauben, dass man soetwas essen wolle. Ich erinnere mich, der Burger war so groß, dass ich ihn mit beiden Händen festhalten musste und dass ich ihn am Ende nur mit Mühe und Not geschafft habe, was aber an der Hitze gelegen haben mag. Und er war gut, richtig gut. Ich habe mir später in Berlin immer wieder Burger mit Spiegelei gebraten – nach einem harten Workout an den Eisen genau das, was der Körper braucht.

Die Hamburguesa im „Mi Ranchito“ hat etwa die Größe eines Doppelwhoppers, ist aber etwas höher und wird in einer kleinen Tüte serviert, so dass die Soße nicht auf die Finger kleckert. Der Hamburger schmeckt phantastisch, wie ein guter Burger eben schmecken soll: Das Fleisch ist saftig und der Käse zieht lange Fäden, wenn man hineinbeißt. Selten habe ich einen so guten Burger für so wenig Geld gegessen. Ginge es nach meinem Sohn, würden wir jeden Abend ins „Mi Ranchito“ gehen. Ich kann ihn gut verstehen.