Ex umbra in solem

Las Cuevas de Jumandy: Schon nach wenigen Metern umfängt uns die Dunkelheit wie ein Vorhang aus schwarzem Samt. Nur unsere Stirnlampen spenden jetzt noch Licht. Wir gelangen in eine Kaverne, deren Wände wie ein Kamin in die Höhe wachsen. An ihrem Grund liegt ein schwarzer Pool. Ein Wasserfall bricht sich an mehreren Felsstufen und mischt sich schäumend mit den schwarzen Wassern. Starke Strömungen wallen die Oberfläche des Pools auf. An dieser Stelle sei der Fluss vier Meter tief, lässt uns der Guide wissen. Das ist sehr beruhigend, zumal es nun gilt, das Gewässer zu überwinden. Doch kein Charon geleitet den Reisenden auf seiner Barke zum jenseitigen Ufer. Wir sind gehalten, uns selbst den Weg zu bahnen.

An einer der Felswände ist ein Seil verankert und an diesem dünnen Lebensfaden hangelt sich der Reisende hinüber, während er bis zur Brust im Wasser hängt. Als ich mich durch die schwarzen Fluten ziehe, taste ich nach dem Grund, doch wie die Füße eines Schwimmers über einer Meerestiefe finde ich nur Leere. Die Strömung ist so stark, dass man fortgerissen würde, wenn man sich nicht mit aller Kraft am Seil festhielte. Während ich mich durchs Wasser ziehe – ich bin froh, dass ich Klimmzüge übe –, fühle ich plötzlich, wie mir die Strömung einen Gummistiefel fortreißt. Ich kann nichts dagegen tun. Es ist, als würde mir ein Wal den Stiefel vom Fuß lutschen und im Bruchteil einer Sekunde ist der plumpe Treter fort, unrettbar verloren am Grunde des Styx.

Der Guide macht ein Gesicht, als hätte er Zahnschmerzen, doch ich würde jede Wette eingehen, dass man mit den Gummistiefeln, die mittlerweile am Grunde des Pools liegen, ganze Kompanien ausrüsten könnte. Ich ziehe mir den anderen Stiefel aus und laufe barfuß und dabei stelle ich fest, dass man so viel leichter und viel sicherer durch die Dunkelheit geht. Freilich muss man aufpassen, wohin man tritt, und manchmal pikt es auch ein bisschen, aber die Eindrücke vervielfachen und verstärken sich, da nun alle Sinne gereizt werden.

Die Wände sind überzogen mit dicken Krusten aus Kalkablagerungen, die an manchen Stellen aussehen wie die fleischigen Bäuche von Sepien, an anderen wie versteinerte Wasserfälle. Die Inkrustationen sind von matter Pastellfarbe und schimmern in einem hellen Fleischton. Schwarze Adern laufen durch das Gestein als wäre es Sepsis. Wir ducken uns unter stachelige Gewölbe aus Stalaktiten. In Äonen verwachsen die Tropfsteine mit ihren Schwestern, den Stalagmiten, zu Säulen, die wie die schlanken Körper korsettierter Sufragetten wirken. Kraggewölbe schießen in die Höhe – man könnte glauben, man sei im Innern eines prähistorischen Grabtumulus eingeschlossen. Im Gewölbesturz leuchtet Glimmer. Das Funkeln erinnert mich an den unterirdischen Himmel bei Jules Verne und ich hoffe, wir müssen nicht wie seine Helden durch das Innere eines Vulkans an die Oberfläche zurückkehren.

Als wir in einer größeren Kaverne anlangen, legen wir eine kurze Verschnaufpause ein. Unser Guide steht auf einem Sims hoch über uns und im fahlen Licht der Lampen wirkt er wie der stolze Krieger eines untergegangenen Volkes. Er berichtet von Jumandy. Die Geschichte ist schnell erzählt: Jumandy war der Anführer eines Aufstandes gegen die Spanier. Im Jahre 1578 erfasste die Erhebung die Region rund um Archidona. Es gelang den Rebellen, die Herrschaft der grausamen Fremden für kurze Zeit abzuschütteln, gerade so lange, wie die spanischen Herren benötigten, um frische Truppen heranzuführen. Die Erhebung endete in Feuer und Tod. Die Anführer des Aufstandes wurden nach Quito verschleppt, gefoltert und gevierteilt. Ihre Schädel stellte man jahrelang an den Mauern von San Blas aus. Zwar konnten die Spanier die Rebellen besiegen, doch die Erinnerung an die Rebellion vermochten sie nicht auszulöschen.

Der Guide bittet uns, für einen Augenblick das Licht zu löschen. Die Dunkelheit, die uns nun umfängt, ist so vollständig, dass man das Gefühl hat, man könnte sie mit Händen greifen. Man reißt die Augen auf und starrt hinein, aber man weiß plötzlich nicht mehr, ob man überhaupt noch Augäpfel hat, mit denen man schauen könnte. Mir, dem Atheisten, kommt ein kurioser Gedanke: Solche Dunkelheit muss in der Welt geherrscht haben, bevor Gott das Licht erschuf. Dann gehen die Lampen wieder an – fiat lux – und die Welt, die eben noch ausgelöscht war, ist so plötzlich wieder da, als wäre sie in diesem Augenblick erschaffen worden.

Manche Durchlässe sind so schmal, dass man sich regelrecht hindurchzwängen muss. Die Wände sind feucht und glatt wie eine schwitzende Glatze. Wenn man zwischen ihnen hindurchschlüpft, hat man in der Tat den Eindruck, man dränge sich zwischen schwitzende Körper, die sich in inniger Umarmung zu vereinen suchen. Manche Kavernen sind so flach, dass man den Kopf einziehen muss, doch hat man nie das Gefühl, die Wände würden einen bedrängen. Viel eher fühlt man sich behütet, beschützt von Tausenden Tonnen Fels, während draußen die Welt gegen einen wütet.

Ich hatte mir vorgestellt, ich würde in einen klaustrophobischen Alptraum hinabsteigen, wie er in „The Descent“ auf das Schillerndste ausgemalt wird, doch stattdessen finde ich mich in einer verzauberten Märchenwelt von anrührender Schönheit wieder. Die Bewohner dieser stillen Landschaft sind friedlich: blasse Fischlein, die flink durch die Pools schwimmen, und Spinnen, die mit ihren tentakelartigen Beinen lautlos über die Glimmerwände schreiten. Die Tiere bewegen sich dabei geisterhaft langsam wie Tiefseekrabben und wenn man sie dem grellen Licht der Lampen aussetzt, krabbeln sie einfach ungerührt weiter. Wahrscheinlich sind sie blind, wie die agilen Fische.

Wir kommen an einen weiteren Pool, in dem es wirbelt wie in einem Jakuzzi. Über eine Felskante stürzt ein Wasserfall. Unser Führer durch das Reich der Finsternis fragt uns mit einem maliziösen Lächeln, ob jemand schwimmen wolle. In diesem Augenblick könnte man ihn für den Leibhaftigen halten. Es ist fast stockdunkel und die Wasser sind schwarz wie Tinte. Man könnte höchstens einmal kurz eintauchen, denn ein Jakuzzi ist dieser See natürlich nicht, wenn er auch so brodeln mag. Außerdem habe ich den Eindruck, niemand will sich vor den Augen der anderen lächerlich machen. Vielleicht fürchtet man auch, man könnte enden wie mein Gummistiefel. Wir lehnen dankend ab. Unser Führer macht eine Miene, als sei er enttäuscht.

Ein schwacher Schein zeigt uns den Weg an die Erdoberfläche. Wir steigen dem Licht entgegen wie Gefangene, die einem lichtlosen Verlies entrinnen. Wir waren nur kurz in der Dunkelheit und doch sind unsere Augen dem Tageslicht entwöhnt. In den Mythen ist nicht vielen Reisenden eine glückliche Rückkehr aus der Unterwelt beschieden. Doch wir sind nur zu Besuch und dies ist ein Spaßbad mit Wasserrutschen und nicht die Phlegräischen Felder.

Unser Vergil führt uns sicher ans Licht: Ein Katarakt aus moosbewachsenen Felsblöcken steigt empor in den Tag. Wir klettern hinauf und schon sind wir wieder an der Erdoberfläche. Das erste, was ich sehe, ist ein Typ in quietschbunter Badehose, der seinen Selfie-Stick schwenkt, als wollte er das Bad, die Höhlen, uns und seine eigene Dummheit in ein 360-Grad-Panoramabild bannen. Ich weiß nicht, ob ich mit auf das Foto möchte, aber zumindest kann ich nun absolut sicher sein, dass ich wieder zuhause bin.

Ich gehe sofort zur Stiefelausgabe und melde pflichtschuldigst den Verlust – da bin ich ganz deutsche Sekundärtugend. Kühl gibt man mir zu verstehen, ich solle am Ausgang zehn Dollar entrichten, aber irgendwie habe ich es dann doch vergessen. Ich gräme mich nicht allzu sehr, denn ich gehe davon aus, dass man mit den Stiefeln, die mittlerweile im Pool liegen, einen regelrechten Gummistiefelgroßhandel begründen könnte.

Wir fahren weiter nach Norden und die wilde grüne Landschaft bezaubert uns so sehr, dass wir ganz melancholisch werden. Dies ist ein Abschied, doch wir hoffen, eines Tages werden wir zurückkehren. Die Straße führt durch verwunschene Wälder und über rauschende Flüsse. Die Autopista ist makellos glatt und es fährt sich darauf so sanft wie auf der Magistrale, über die der Präsident seiner allmorgendlichen Lagebesprechung entgegenrollt. Doch hier, in der Einsamkeit des Tieflandes, begegnet uns niemand – keine Touristen, keine Anwohner, nicht einmal Präsidenten. Wir sind allein, verloren im grünen Labyrinth der Flüsse, die alle zum Amazonas streben. In Baeza schwenken wir nach Westen. Bis zum Pass geht es nun stetig bergauf. Das Auto scheint sich in sein Schicksal gefügt zu haben: Als ich ihm wütend die Sporen gebe, habe ich den Eindruck, die Maschine würde unter dem Gaspedal jeden Augenblick still entschlafen.

Nachdem wir den Pass überwunden haben, gelangen wir zu dem einzigen Streckenabschnitt, an dem noch immer gebaut wird: Die Straße kerbt sich durch das Gebirge, als hätten Titanen mit gewaltigen Felshämmern einen Keil in den Horizont geschlagen. Es ist Abend geworden. Die Sonne sinkt in die Klamm als fiele sie plötzlich vom Himmel und es ist, als würden wir ihrer Bahn folgen – zuerst hinter die Berge und dann immer weiter nach Westen, bis an die Küsten Elysiums. Die Welt ist von der Magie des Abends erfüllt und die Anden entbieten uns einen letzten Gruß, ehe sie im Abendrot verglühen. Drei Tage später werden wir Ecuador verlassen.

Im Reich des Sandelbaumes

Im Innern der Halbinsel, an deren Spitze Bahía de Caráquez liegt, befindet sich eines der letzten Trockenwaldreservate an der gesamten ecuadorianischen Küste. Der Trockenwald (Cerro seco) ist das natürliche Biotop dieser Gegend, doch in den vergangenen Jahrzehnten mussten die einst riesigen Wälder der Landwirtschaft und den rasant wachsenden Siedlungen weichen. Dass ein letzter Rest der ursprünglichen Vegetation ausgerechnet an den Stadtgrenzen Bahías erhalten blieb – man kann das Reservat vom Stadtzentrum aus zu Fuß in ein paar Minuten erreichen –, mag man dadurch erklären, dass das Land in Privatbesitz ist.

Wir haben uns an diesem Tag mit Michaela zu einer Tour verabredet. Michaela ist Schweizerin und lebt schon seit vielen Jahren in Bahía. Man kennt sie und man respektiert sie – ein Umstand, der wahrscheinlich nicht unwesentlich dazu beiträgt, dass wir Bellavista, ein Viertel, das unter den Bahieños als verrufen gilt und das man deshalb nur ungern betritt, unbehelligt durchqueren können. Man hatte uns ganz energisch davon abgeraten, allein nach Bellavista zu gehen, doch mit Michaela fühlen wir uns sicher. Sie scheint die meisten der Anwohner zu kennen – man grüßt sich und wechselt ein paar Worte. Die Kamera lasse ich jedoch vorsorglich im Rucksack verschwinden.

Eigentlich hatten wir uns auf Marcelo gefreut, der die Touren üblicherweise leitet. Aber an diesem Tag ist er verhindert: Sein alter Vater ist während eines Nachbebens an einem Herzinfarkt gestorben und ich kann Marcelo gut nachfühlen, dass er nicht unbedingt in der Stimmung ist, sich von wissbegierigen und vor allem gut gelaunten Touristen Löcher in den Bauch fragen zu lassen. Wir hatten uns nicht nur deshalb auf Marcelo gefreut, weil man sagt, er sei ein exzellenter Naturkenner und ein großartiger Guide, sondern auch, weil das Gerücht geht, nach der Wanderung pflege er mit seinen Klienten immer Joints zu rauchen. In dieser Hinsicht sollten unsere Hoffnungen zwar enttäuscht werden, dennoch war die Tour ein ganz außergewöhnliches Erlebnis, etwas, das dem normalen Reisenden für gewöhnlich verwehrt bleibt, und an dem teilzuhaben wir vor allem unserer kompetenten Schweizer Tour-Leiterin zu verdanken haben.

Michaela holt uns vom Haus der Tante in Bahía ab und da der Trockenwald an den Berghängen des Küstengebirges direkt hinter der Stadt wächst, gehen wir zu Fuß. Vor dem Cerro seco liegt Bellavista, das Viertel unterhalb des Berges. Die Leute aus Bahía meiden diese Gegend, denn Bellavista ist berüchtigt. Uns begegnen Notunterkünfte und Armut. Noch immer, auch Monate nach dem Erdbeben, sieht man Menschen in Zelten oder unter freiem Himmel kampieren. Michaela, die den Weg durch das Viertel mehrmals am Tag zurücklegt, kennt die Leute und so haben wir nichts zu befürchten.

Vor dem Eingang zum Naturreservat heißt Michaela uns warten. Sie geht voraus und vergisst dabei auch nicht, das Tor wieder sorgfältig hinter sich zu schließen. Zuerst müsse sie die Hunde bändigen, so sagt sie, denn in der Vergangenheit sei es immer wieder vorgekommen, dass Fremde, auch Touristen, gebissen wurden. Die Hunde, die auf dem Gelände des Reservates leben, sind nämlich keine zahmen Tiere, die duldsam gegenüber dem Menschen wären. Hunde, die in einer liebenden Familie aufwachsen, würden sich über jeden Besuch freuen und selbst Fremde schwanzwedelnd begrüßen – so wie unser Hund, der vor Freude immer regelrecht aus dem Häuschen ist. Da er nie schlechte Erfahrungen mit der Spezies Mensch gemacht hat, hält er alle Menschen für seine Freunde (nicht jedem freilich gefällt es, wenn er von einem fremden Hund plötzlich aus lauter Zuneigung angesprungen wird).

Hier aber hat man es mit Straßenhunden zu tun und einige haben die schlimmsten Erfahrungen mit Menschen machen müssen. Die Anführerin des kleinen Rudels beäugt uns argwöhnisch und wittert aufmerksam – kein freudiges Schwanzwedeln, nur misstrauisches Schnüffeln. Michaela hält es für geraten, die Hündin festzuhalten, weil es ganz danach aussieht, dass sie die feindlichen Eindringlinge, die sie in uns sieht, bei der erstbesten Gelegenheit angehen würde. Michaela erzählt, sie hätte das Tier vor seinem ehemaligen Besitzer gerettet, nachdem dieser es mit seiner Machete beinahe totgeschlagen hatte. Seit sie die Hündin gesund gepflegt hat, lebt sie im Reservat, doch die einzigen Menschen, die sich ihr nähern dürfen, sind Marcelo und Michaela.

Michaela bindet die Hündin fest und bittet uns herein. Das Wohnhaus, von dem die Tour durch den Wald ihren Ausgang nimmt, befindet sich auf einem Hügel hoch über der Stadt. Das Anwesen wirkt fast wie eine Lodge in einem unberührten Naturparadies, dabei kann man doch von der Terrasse aus über die Dächer Bahías blicken, das sich direkt am Fuße des Hügels ausbreitet. Noch gibt es kaum Wände, aber wer braucht schon Wände, wenn es selbst Nachts oft so warm ist, dass man es ohne Klimaanlage kaum aushält. Michaela und Marcelo haben ambitionierte Pläne: Sie wollen irgendwann ein Café hoch oben auf dem Berg eröffnen und dann sollen die Leute zu ihnen hinaufkommen, guten Kaffee trinken, internationale Zeitungen und Zeitschriften lesen oder in der Bibliothek herumstöbern, während sie den Ausblick in die Natur genießen.

Bei dem Trockenwald-Reservat handelt es sich keineswegs, wie ich zunächst angenommen hatte, um eine staatliche Einrichtung, sondern um Privatland, dessen Besitzer sich über Generationen verpflichtet fühlten, das Land in seinem ursprünglichen natürlichen Zustand zu belassen. Außerhalb der Grenzen dieses Natur-Refugiums hat man die Bäume gefällt und bis auf ein paar spärliche Reste ist der Wald an der Küste heute verschwunden. Auf den Hügeln, auf denen einst mehrere Dutzend Meter hohe Baumriesen wuchsen, breitet sich staubtrockenes Buschland aus.

Der Großvater von Marcelo, dem das Land einst gehört hatte, und durch den es über seinen Vater auf Marcelo selbst gekommen ist, hatte es stets abgelehnt, Bäume zu fällen, auch zu einer Zeit, da es als modisch galt, Wälder zu roden. Man glaubte einst – und mancher tut das auch heute noch –, der Wald sei zu nichts anderem nütze, als daraus Bretter und Bohlen zu machen, und es sei durchaus eine gute Sache, lieber heute als morgen die Axt anzusetzen, um das Land von der „Wildnis“ zu befreien.

Der Trockenwald kann bei weitem nicht mit dem Artenreichtum des tropischen Regenwaldes konkurrieren, aber dafür sind die Spezies, die man hier findet, an die speziellen Bedingungen dieser Ökoregion angepasst: den Wassermangel, der die Küstenregion umso stärker beherrscht, je weiter man nach Süden vorstößt. Das Naturreservat ist das Reich des Sandelbaumes, einer einheimischen Art, die berühmt ist für ihr duftendes Holz, das Sandelholz oder Palo santo, wie man es hierzulande nennt. Viele Arten, wie man sie noch vor wenigen Jahrzehnten fast überall im Hügelland hinter der Küste fand, gedeihen heute ausschließlich in geschützten Reservaten wie diesem.

Der Bergrücken oberhalb der Stadt ist mit einem lichten Wald bewachsen, aus dem sich, je höher man in die Berge steigt, die gewaltigen Ceibos in den Himmel erheben. Ceibos gedeihen dort am besten, wo es trocken ist, und so verwundert es nicht, dass man auf dem Weg nach Manta (das südlich von Bahía liegt) durch eine sonnenverbrannte Landschaft fährt, in der man ausschließlich Ceibos stehen sieht. Der Anblick erinnert auf bizarre Weise an einen Stelenwald in einer ansonsten vollkommen kahlen Hügellandschaft.

Hier, im Trockenwald von Bahía, wachsen die Ceibos inmitten eines dichten Gestrüpps, doch mit ihren gigantischen Stämmen vom Umfang eines Wasserturmes und vor allem mit ihrer beeindruckenden Größe nehmen sie sich aus wie Riesen unter Zwergen. Selbst die kleinsten Exemplare überragen noch die höchsten Wipfel der anderen Baumarten. Die Stämme wirken angeschwollen wie Brauereifässer und es scheint, sie würden jeden Augenblick bersten von dem kostbaren Nass, das die Bäume in ihren Bäuchen sammeln. Die Borke ist grün wie die Haut eines Baumleguans und auf den Graten der Brettwurzeln sitzen Dornen ähnlich den Knochenhöckern auf den Nasen der Galapagos-Echsen.

Aber es gibt nicht nur Ceibos zu bestaunen. Immer wieder begegnen wir Sandelbäumen. Wenn man die Rinde ritzt, verströmt das Holz einen betörenden Duft – kein Wunder, dass schon die Menschen der indigenen Kulturen den Baum wegen seines Wohlgeruches zu schätzen wussten. Auch die Äste des Guayacán, eines Baumes, der ein stahlhartes Edelholz liefert, strecken sich durch das dichte Buschwerk dem Himmel entgegen. Baumfeigen nehmen ganze Baumstämme in den Würgegriff, Bromelien nisten üppig wie Topfpflanzen in Astgabeln, Lianen hängen herab und laden ein, wie Tarzan daran zu schwingen.

Obwohl es kaum Wasser gibt – die Erde ist staubtrocken –, weist der Trockenwald eine erstaunlich reiche Fauna auf: Auf Schritt und Tritt begegnen einem Insekten in den unterschiedlichsten Formen und Farben und nicht immer handelt es sich um die blutrünstigen Plagegeister, die jedem Warmblüter auch noch den letzten Blutstropfen aussaugen würden. Mehrmals begegnen uns Termitennester und als Michaela ein kleines Loch in einen ihrer Baue schlägt, beginnen die Tierchen gleich emsig zu wuseln, um den Schaden zu reparieren. Wir sehen Eidechsen durch das dichte Laub huschen. Manchmal flattern bunte Vögel durch den Wald, aber wenn man verhält und der Schritt einmal nicht durch die Blätter raschelt, ist es so still, dass man den eigenen Herzschlag hören kann.

Im Wald leben Wildtauben, Ameisenbären und seit neuestem sogar ein Puma. Die Wildtauben waren einst ausgerottet, aber in jüngster Zeit nisten sie wieder und zusammen mit seiner bevorzugten Beute hat sich auch ein Puma angesiedelt. Mit eigenen Augen hat freilich noch niemand die große Katze zu Gesicht bekommen – dazu sind die Tiere viel zu scheu und auch viel zu schlau –, aber es finden sich immer wieder Spuren; nachts hört man den großen Jäger fauchen und auf einigen der Bilder, welche die automatischen Kameras schossen, kann man den Berglöwen sogar sehen – er wirkt wie eine etwas zu groß geratene Katze. Dazu mag beitragen, dass die Unterart an der Küste kleiner ist als jene in den Bergen.

Früher, so erzählt Michaela, schlugen die Hunde nachts immer an, wenn sie den Puma in der Nähe wussten. Sie stürmten dann hinaus in den Wald, nur um schon nach kurzer Zeit mit Blessuren oder sogar mit schweren Verletzungen zurückzukehren. Doch sie haben ihre Lektion gelernt und wenn sie jetzt den Puma wittern, bleiben sie in der Sicherheit des Hauses. Der Puma aber streift lautlos und unsichtbar für die Menschen um das Haus.

Wir wandern zwei Stunden durch den Wald und obwohl es eigentlich nichts wirklich Spektakuläres zu sehen gibt – der Puma hat kein Interesse, sich uns zu zeigen –, wird es dennoch nie langweilig, auch dank der detailreichen und sehr interessanten Erklärungen Michaelas. Es ist stickig heiß; die Sonne verbirgt sich hinter einer mattgrauen Wolkenschicht und eine diffuse Helligkeit gleißt schmerzhaft aus allen Richtungen. Wir sind froh, als wir endlich wieder zum Haus auf dem Hügelkamm zurückfinden.

Michaela bietet uns eisgekühlten Maracuja-Saft an, und ich bin überzeugt, dass so ein kaltes Getränk nach der anstrengenden Wanderung durch das Hügelland besser erfrischt als der Joint, den Marcelo angeblich herumzureichen pflegt. Anschließend gibt es noch einen Kaffee aus der Kaffeemaschine – der wahre Luxus in dieser Gegend und die einzige Möglichkeit, meinen Blutdruck wieder auf messbare Werte zu treiben.

Während wir gemütlich auf der Terrasse sitzen, Kaffee trinken und den Blick über den Wald und die Stadt schweifen lassen, erzählt Michaela, wie schwer es sei, die Stadt von der Bedeutung des Biosphärenreservats zu überzeugen. Zwar ist Bahía rundherum von Natur umgeben – man muss nur ein paar Minuten gehen und schon ist man mitten in der Wildnis –, doch die Verantwortlichen haben kein Interesse an einer touristischen Vermarktung dieses Reichtums.

Ökotourismus spielt in den Zukunftsplanungen der Stadt keine Rolle und auch die meisten Einwohner sehen in dem geschützten Wald bloß eine unerschlossene Ressource. Sie wären schon längst dazu geschritten, diese Schatztruhe zu heben, wenn es sich nicht um Privatbesitz handeln würde und wenn Marcelo und Michaela nicht unermüdlich dafür sorgen würden, dass sich der illegale Holzeinschlag in Grenzen hält. Erst allmählich, ganz allmählich nur, beginnt man zu begreifen, welch einen Schatz man da vor der eigenen Haustür hat.

Illegaler Holzeinschlag und illegale Sammeltätigkeit sind weit verbreitet. Nicht selten versucht man, das wertvolle Sandelholz heimlich aus dem Wald zu schaffen. Manchmal hört man Axtschläge im Reservat oder den Klang der Motorsäge. Allerorten am Wegesrand sieht man Beweise für illegale Grabungstätigkeit: Manche der Bodenlöcher sind so tief, dass man sie für Fallgruben halten könnte. Die Leute durchstöbern das Gelände nach Relikten der alten Kultur der Caras, die sie dann für gutes Geld auf dem Schwarzmarkt verkaufen.

Oft kommt es vor, dass Leute mit Macheten auf dem Berg erscheinen und behaupten, Marcelo habe ihnen erlaubt, Holz zu schlagen – so sagen sie. Da Marcelo oft nicht da ist, muss Michaela die Besucher auf später vertrösten. Sie fordert sie dann auf zu warten, damit Marcelo ihnen persönlich sagen könne, ob sie den Wald betreten dürften. Manch einem gefällt das natürlich nicht und dann regt er sich furchtbar auf, als wäre er in seiner Ehre gekränkt, weil man wagt, an seinem Wort zu zweifeln. Que gente!

Man darf mit den Leuten nicht zu hart umspringen, denn sie fühlen sich schnell beleidigt und darüber hinaus haben sie Macheten, ein Umstand, der eine subtilere Vorgehensweise durchaus rechtfertigt. Viele können oder wollen nicht verstehen, warum man die Bäume nicht einfach fällt, statt sie ungenutzt auf dem Berg herumstehen zu lassen. So könnte man zumindest das Holz verkaufen – zu etwas anderem sei der Wald ohnehin nicht zu gebrauchen. Ich weiß nicht, ob sich diese Einstellung je ändern wird; falls aber doch, wird dies gewiss noch sehr lange dauern.

Wir kehren zurück in die Stadt. Wir nehmen den Weg über die Uferpromenade an der Pazifikseite. Dieser Teil der Promenade befindet sich ein gutes Stück hinter der Stadt und in der Regel begegnet man hier keiner Menschenseele, und wenn doch, handelte es sich üblicherweise um Personen, auf die man die Bezeichnung „Gestalt“ ausnahmsweise einmal mit gutem Gewissen anwenden könnte. Ich lasse die Kamera in der Tasche verschwinden – ohnehin habe ich schon genug Aufnahmen vom Pazifik in allen nur möglichen Stimmungen.

Die Promenade ist in einem bemitleidenswerten Zustand: Die eine Hälfte ist ins Meer abgerutscht und die andere klammert sich verzweifelt an die Erdscholle zehn Meter über den Wellen. Als handele es sich bloß um den Wall einer Sandburg und nicht um Armierungen, die aussehen, als würden sie selbst tagelangem Mörserbeschuss standhalten, haben die Stöße des letzten Bebens den Beton regelrecht zerrüttet. Über Hunderte Meter zieht sich ein Netz von Rissen durch die Straßendecke. Brocken, groß wie Eisschollen, sind ins Meer gestürzt und liegen nun gleich Wellenbrechern in der Brandung. Die Betontrümmer ragen aus der See wie die zersprengten Reste des Atlantikwalls. Unter dem Kliff sehe ich die Balustrade liegen, von der aus man allabendlich den goldenen Sonnenuntergang bestaunen konnte. Ein wütender Pazifik begräbt die Trümmer unter Wellen und Gischt.

Später kauft meine Frau auf dem Markt eine kleine Tüte mit Sandelholzspalten. Man legt sie in die Glut und das ganze Haus ist erfüllt von Wohlgeruch. Wir werden das Holz als Souvenir mit nach Berlin nehmen, wo uns der Duft an die Wildnis aus Ceibos und Sandelbäumen erinnern wird, die sich in den Bergen am Pazifik ausbreitet als letztes Refugium einer Vergangenheit, welche die Erinnerung an das Paradies in sich trägt.

Sternkundige Pyramidenbauer

Unser Cicerone war ein Mann aus der Gegend, der uns ebenso sicher wie kundig über das ausgedehnte Areal des archäologischen Parks von Cochasquí führte. Der Mann war eindeutig unterfordert, denn er schien über ein geradezu enzyklopädisches Wissen zu gebieten, aber kaum einer der Teilnehmer der Führung stellte Fragen, die ihm Anlass gegeben hätten, zur Hochform aufzulaufen.

Dreißigtausend Menschen lebten einst auf dem Areal von Cochasquí und man wundert sich, dass dieser Landstrich so verwaist wirkt, als wäre er schon immer das leere Viertel gewesen, als das er sich heute präsentiert. So viele Menschen müssen ernährt werden und deshalb waren bereits damals die Fluren mit einem grünen Flickenteppich aus Feldern überzogen. Einmal entstand ein Augenblick der Irritation, als unser Guide die Gruppe fragte, welche Pflanze wohl die Nahrungsgrundlage für die Bewohner dieses Ortes darstellte. Langes Schweigen – entweder genierte man sich und man wollte sich vor den anderen nicht als Streber hervortun oder man wusste es wirklich nicht. Der Guide gab schließlich selber die Antwort: Mais (wer hätte es gedacht!). Außer mir waren alle in der Runde Ecuadorianer, doch sie schienen den Grundlagen ihrer Kultur ebenso weit entrückt wie ein Berliner Jugendlicher der Vorstellung, dass das Getreide des Donuts, den er sich einverleibt, während er sein letztes bisschen Verstand gerade an „Call of Duty“ verliert, tatsächlich von einem Acker stammen könnte.

Die Bewohner dieser Gegend waren die Quitu-Cara. Sie setzten den erobernd vorrückenden Inkas den energischen Widerstand eines freien Volkes entgegen, das sich gegen seine Versklavung wehrt. Die Quitu-Cara verstanden es auf meisterhafte Weise, das Gelände zu ihrem Vorteil zu nutzen: Von ihren Pyramiden aus, hoch über dem Tal, war es ihnen möglich, den Feind zu erspähen, lange bevor dieser seine Truppen in Stellung bringen konnte. Man unterhielt ein ausgeklügeltes Nachrichtensystem, das mit reflektierenden Scherben aus Vulkanglas, mit Rauchzeichen und mit dem Klang der Spondylusmuschel arbeitete. Irgendwann, zu einer Zeit, als die Spanier sich anschickten, diesen Erdteil zu erobern, oder kurz danach, verließen die Menschen urplötzlich ihre Pyramiden. Die Quitu-Cara begruben den Komplex unter einer dicken Bodenschicht, als sollte alles, was sie einst geschaffen hatten, wieder vom Angesicht der Erde verschwinden.

An der größten Plattform sieht man einen Durchstich, Spuren einer Probegrabung unter deutscher Leitung. Eine Kluft kerbt sich mitten durch den Pyramidenstumpf wie ein tektonischer Graben zwischen zwei Erdplatten. Offenbar hat man nicht viel gefunden, denn das kleine Museum auf dem Gelände der Ruinenstätte stellt nur ein paar Keramikfragmente aus. Auch einige vollständig erhaltene Tongefäße sind zu bewundern, doch man hat sie nicht auf dem Areal von Cochasquí entdeckt. Schwere Pflüge hinter PS-starken Zugmaschinen haben die Erde gründlich von allen zivilisatorischen Verunreinigungen gereinigt.

An einer Pyramide haben die Archäologen eine Flanke freigelegt, um die Struktur des Bauwerks sichtbar zu machen. Das ist ein wenig, als würde man das Fleisch von einem Leichnam schaben, damit man die Knochen sehen kann. Über die entblößte Stelle spannt sich ein Schutzdach, denn die Steine, die über Jahrhunderte geschützt unter der Erde lagen, sind nun den harschen Witterungsbedingungen der Hochanden ausgesetzt. Im Halbdunkel unter dem Dach sieht man die akkurat zusammengefügten Quader aus Cangahua, einem Vulkangestein.

Man erhält einen vagen Eindruck davon, wie das Ensemble aus gut einem Dutzend Pyramiden und einigen kleineren Grabhügeln vor langer Zeit auf den Betrachter gewirkt haben muss, doch das Bild verblasst zusehends angesichts einer Gegenwart, welche die Vergangenheit unter traurigen grünen Hügeln begraben hat. Alle Anstrengungen, die Vergangenheit lebendig zu erhalten, haben ihren größten Feind in dem Wissen, dass Gleichgültigkeit und Ignoranz mächtiger sind als der Wille zu bewahren. Man benötigt schon ein gehöriges Maß an Vorstellungskraft, um den Ort so vor dem inneren Auge auferstehen zu lassen, wie er zu seiner Glanzzeit ausgesehen haben mag. Es gibt nicht mehr viel, an dem sich der Funke der Imagination entzünden könnte. Die Landschaft wirkt einsam wie nach einem Exodus und man spürt eine eigenartige Wehmut, die sich dem Wissen verdankt, dass hier einmal Menschen lebten und dass sie nun fort sind.

Auf einer der Pyramiden hat man eine Kultplattform freigelegt. Die Ausgräber sind sich nicht darüber einig, welchem Zweck Cochasquí eigentlich diente. Einige meinen, dieser Ort sei das religiöse und zeremonielle Zentrum der Kultur der Quitu-Cara gewesen; andere sind überzeugt, dass es sich um einen administrativen Knotenpunkt gehandelt habe und dass sich hier außerdem der Wohnsitz einer adelsstolzen Elite befunden hätte. Die ausgegrabene Plattform bestätigt zumindest, dass auch Himmelsbeobachtungen vorgenommen wurden.

Der ovale Umriss der Plattform ist deutlich auszumachen und der mit Estrich bestrichene und sorgfältig geglättete Boden befindet sich dank der schützenden Erdschicht immer noch in gutem Zustand. Selbst Reste der roten Farbe, die einst den Boden bedeckte, finden sich hier und da. In der Mitte sind zwei Rinnen in den Grund eingelassen und man sieht einige kreisrunde Löcher. Unser Führer erklärte, dass es sich dabei um einen Sonnen- und um einen Mondkalender handele.

Wie die Schöpfer aller präkolumbianischen Kulturen waren auch die Bewohner der Pyramiden von Cochasquí aufmerksame Beobachter der Gestirne. Der Rhythmus der Himmelserscheinungen verkündete den Menschen den Zeitpunkt für wichtige Ereignisse in ihrem Leben, wie sie zum Beispiel die Aussaat oder die Ernte darstellen. Da das Überleben aller davon abhing, dass man die himmlischen Zeichen richtig deutete, nahm die Himmelsbeobachtung einen wichtigen Platz in dieser Kultur ein.

Von den ursprünglichen Behausungen der Menschen ist nichts erhalten geblieben (niemand außer Göttern wohnt wirklich auf einer Pyramide, und niemand wohnt darin, es sei denn, er ist tot). Die Häuser waren aus solchen vergänglichen Materialien wie Holz und Lehm errichtet und so verwundert es nicht, dass durch die Jahrhunderte kaum Spuren davon auf die Gegenwart gekommen sind. Doch die Archäologen haben Repliken angefertigt. Offenbar gab es zwei unterschiedliche Arten von Häusern: eines für die tieferen Regionen und ein anderes für die Hochlagen mit ihren häufigen starken Regenfällen.

Die Häuser, die man in der Höhe errichtete, sind im Gegensatz zu den Häusern in den Tieflagen etwas kleiner und rund. Ein lebender Baum diente als zentrale Stützachse. Das Dach ist mit dicken Lagen Gras gedeckt, so dass es den heftigen Regenfällen trotzt und die Bewohner trocken bleiben. „Gemütlich“ ist in diesem Zusammenhang vielleicht nicht das passende Attribut, aber diese einfachen Wohnstätten boten den Menschen alles, was sie brauchten: die Herdstelle mit dem wärmenden Feuer, Vorrats- und Aufenthaltsräume und vor allem ein Bett. Wenn einen das Ungeziefer nicht lebendigen Leibes auffraß, hat man sicher sehr bequem darin geschlafen. Ich nahm jedoch lieber davon Abstand, einmal zur Probe zu liegen.

Übrigens war es üblich, Meerschweinchen im warmen und trockenen Innern der Häuser zu halten. Als wir eine der Hütten besichtigten, nahm aber nur ein einziges der putzigen Nagetiere vor uns Reißaus. Vielleicht hatte man den Rest schon verspeist, denn auch heute noch landen die Tiere in vielen Gegenden der Anden so oft auf dem Teller wie in Berlin die berüchtigte Boulette. Von dem kleinen Tier, das verängstigt in seiner Ecke hockte, wäre eine Familie hungriger Hochlandbewohner aber wohl kaum satt geworden.

Touristen

Es gibt fünf Merkmale, die den Touristen unzweifelhaft vom Ecuadorianer unterscheiden: Rucksack, Kleidung, blonde Haare, Frisur bzw. Bart, Tattoos.

Der Rucksack ist noch kein zwingendes Unterscheidungsmerkmal, denn auch Ecuadorianer tragen ihn. Man kann sagen, jeder Tourist trägt einen Rucksack, aber nicht jeder, der einen Rucksack trägt, ist ein Tourist.

Eindeutiger wird es schon bei der Kleidung. Quito liegt auf dreitausend Metern Höhe und die Nächte sind naturgemäß mitunter eisig, aber am Tage, besonders um die Mittagszeit, kann es brütend heiß werden. Da verwundert es auf den ersten Blick ein wenig, dass man niemanden je in kurzen Hosen herumlaufen sieht. Die knielange Cargohose, die das Straßenbild in vielen warmen Städten rund um den Erdball prägt, scheint in Quito regelrecht verpönt zu sein. Die Erklärung ist im Grunde ganz einfach: Ecuador ist ein katholisches Land und die Kleidung, die ein Mensch trägt, sagt viel über seinen gesellschaftlichen Status und das soziale Prestige aus, das er genießt. Niemand möchte in den Verdacht geraten, einer niedrigen sozialen Schicht anzugehören. Es ist mit der Würde einer Person schlichtweg unvereinbar, Kleidung zu tragen, die ihren sozialen Rang scheinbar negiert, wie das zum Beispiel bei kurzen Hosen der Fall ist (kurze Hosen und öffentliches Ansehen passen schlecht zusammen, es sei denn, man ist Brite). Wenn also ein erwachsener Mann in Quito Hosen trägt, deren Beine nicht bis zum Knöchel reichen, kann man mit fast absoluter Sicherheit davon ausgehen, dass es sich nicht um einen Ecuadorianer handelt.

Überhaupt muss man feststellen, dass die Geschlechtertrennung viel eindeutiger ausfällt als etwa in Deutschland, und auch die Frauen in Ecuador unterliegen gesellschaftlichen Zwängen, die in Deutschland, und insbesondere in Berlin, nicht so stark zu spüren sind wie hier. In Berlin kann es sich eine Frau leisten, in flachen Schuhen, mit unauffälliger Kleidung, nachlässig frisiert und ungeschminkt auf die Straße zu gehen und niemand nimmt daran Anstoß. In Ecuador wäre das absolut inakzeptabel. Eine Frau muss wie eine Frau aussehen und das bedeutet, dass sie sich täglich schminkt, sich frisiert und dass sie Kleidung trägt, welche die weiblichen Attribute betont. Frauen, die im Büro arbeiten, tragen selbstverständlich hohe Schuhe und Business-Kostüm – etwas, das man in Berlin nur höchst selten zu Gesicht bekommt. Man fragt sich unwillkürlich, wie sie es den ganzen Tag lang auf ihren Zehn-Zentimeter-Absätzen aushalten. Die deutsche Frau erkennt man im Straßenbild für gewöhlich am Schlabberlook, an den flachen Schuhen und daran, dass sie sich niemals schminkt, als wollte sie die Kosmetikindustrie durch Totalboykott in die Knie zwingen. Hier in Quito kommt solch eine Attitüde gar nicht gut an und die Ecuadorianer schütteln nur verständnislos den Kopf.

Die Haare sind ebenfalls ein ziemlich eindeutiges Unterscheidungsmerkmal. In Quito begegnet man kaum blonden Menschen, es sei denn, es handelt sich um Touristen. Dort, wo sie vermehrt auftreten, so zum Beispiel im Mercado artesanal, dem Kunstgewerbemarkt, muss man davon ausgehen, dass es sich um Ausländer handelt. Die Sprache, die man demzufolge dort nach Spanisch am häufigsten hört, ist Englisch. Den blonden Ecuadorianer muss man jedoch lange suchen. Neulich im Restaurant saß eine junge blonde Frau am Nebentisch. Ihre blonde Mähne – ich glaube, sie hatte etwas nachgeholfen – zog die Aufmerksamkeit meines Schwagers (und nicht nur seine!) auf sich. Er verwickelte sie in ein gar nicht so unverfängliches Gespräch und brachte sie schließlich dazu, sich mit ihm fotografieren zu lassen, was sie aber offenbar gern tat. Man sieht, blond zu sein und Ecuadorianer schließt sich zwar nicht aus, ist aber offenbar etwas so Seltenes, dass es der besonderen Würdigung wert ist. Oft sind die Blonden die direkten Nachkommen europäischer oder nordamerikanischer Einwanderer und allein schon anhand ihrer Familiennamen kann man manchmal erraten, woher die Familie ursprünglich stammt. Das ist in der Regel nicht Quito, Guayaquil oder Cuenca.

Die Frisur bzw. der Bart ist ein weiteres wichtiges Unterscheidungsmerkmal. Die Frisuren der ecuadorianischen Männer sind relativ uniform: man trägt das Haar kurz, gescheitelt oder nicht, nach hinten gegelt oder natürlich fallend. Da gibt es kaum Variationen. Männer mit langem Haar sieht man so gut wie gar nicht und wenn doch, scheinen sie eher aus der Sparte Künstlertum zu stammen. Am ehesten noch begegnet man dem schulterlangen Haar auf den Köpfen von Jüngeren, allerdings auch hier ziemlich selten. Wer seine indigenen Wurzeln betonen möchte, trägt das Haar lang und flicht es zu einem dicken Zopf. Noch eindeutiger aber als das Haupthaar dient der Bart als Mittel der Unterscheidung: Der ecuadorianische Mann ist in der Regel glatt rasiert. Die im Westen in den letzten Jahren neu aufflammende Bartmode hat sich noch nicht durchgesetzt. Vor allem jüngere Männer tragen Bärte, zwar in unterschiedlichen Formen, aber meist doch relativ kurz gestutzt. Die Älteren sind bis auf Ausnahmen stets gut rasiert. Ein voller Rauschebart deutet also mit ziemlicher Sicherheit darauf hin, dass sein Träger ein Tourist ist.

Schließlich wären da noch die Tatoos. Zwar sieht man in Ecuador hin und wieder einmal ein Tatoo-Studio, etwas, dass es vor zehn Jahren noch nicht gab, dennoch hat sich die westliche Unsitte, die Haut mit geschmacklosen Bildern zu überziehen, noch nicht durchgesetzt. Ich habe bisher noch keinen Ecuadorianer mit einem Tattoo gesehen. Das mag aber daran liegen, dass die meisten sich von Kopf bis Fuß mit Kleidung bedecken. Der Anteil der Tätowierten ist aber ganz gewiss deutlich geringer als in einer beliebigen europäischen oder nordarmerikanischen Stadt. Wenn also jemand Tatoos offen an Stellen trägt, die von jedermann eingesehen werden können, darf man mit ziemlicher Sicherheit davan ausgehen, dass es sich nicht um einen Ecuadorianer handelt.

Zusammenfassend kann man festhalten, dass es sich auf keinen Fall um einen Ecuadorianer handeln kann, wenn folgende Einzelmerkmale feststellbar sind: die Person trägt einen Rücksack und sie hat Cargoshorts an (wenn die Person ein Mann ist) bzw. sie trägt flache Schuhe, bequeme Kleidung und ist ungeschminkt (wenn die Person eine Frau ist); die Person ist blond; die Person hat einen Bart, insbesondere einen Vollbart (Mann) bzw. ist nachlässig oder unkonventionell frisiert (Frau); die Person hat Tattoos an Stellen, die jeder sehen kann. Rein theoretisch könnte es zwar sein, dass eine gründliche landesweite Suche ein Individuum zutage fördert, das all diese Merkmale aufweist und das zugleich auch die ecuadorianische Staatsangehörigkeit besitzt, allerdings halte ich dies für sehr, sehr unwahrscheinlich.

Apropos Touristen: Bloß als eine Anmerkung möchte ich festgehalten wissen, dass Touristenführer (und damit meine ich das Buch) dem Auswanderer überhaupt nichts nützen. Vor drei Jahren haben ich mir einen Travel-Guide Ecuador gekauft. Nachdem ich ihn zunächst begeistert und guter Hoffnung zur Hand nahm, legte ich ihn ganz schnell wieder weg. Der Tourist sucht immer nach dem Besonderen, dem Anderen, dem Exotischen, während der Auswanderer das sucht, was er von zu Hause kennt: Komfort, Bequemlichkeit, Ruhe. Der Tourist will etwas erleben, von dem er dann berichten kann, wenn er wieder in sein normales Leben zurückgekehrt ist. Der Auswanderer will das normale Leben. Ein Tourist-Guide bietet das Außergewöhnliche, Dinge, nach denen kein Einheimischer je suchen würde, und der Auswanderer, der sich auf Dauer einzurichten versucht, schon gar nicht. Travel-Guides sind für den Auswanderer etwa so nützlich wie ein Kreuzfahrtkatalog für den Bootsflüchtling.