An den Eisen

Ich wollte wieder einmal „ordentlich“ trainieren. Wer schon je versucht hat, in den eigenen vier Wänden seinen Leib zu stählen, weiß, dass das Training im trauten Heim lange nicht dieselbe Güte hat wie ein Workout in einem richtigen Studio. Man ist immer zu nah an seinen Gewohnheiten und zwischen Sessel und Couch will nicht die Rechte Stimmung fürs Gewichtestemmen aufkommen: Immer überlegt man, ob man noch einen Satz Curls macht, oder ob man an den Kühlschrank geht und sich etwas Leckeres zu essen holt; ob man sich noch einmal durch Ausfallschritte quält oder sich nicht doch lieber auf das schöne weiche Sofa wirft. In einem Studio ist man solcher nur allzu menschlichen Versuchungen enthoben und hat man den beschwerlichen Weg zur Stätte des Ruhmes erst einmal zurückgelegt, gibt es nichts, was dann noch zwischen der eigenen Entschlossenheit und den Eisen steht.

In Cumbayá gibt es tatsächlich eine ganze Reihe von Orten, die sich euphemistisch als „Studio“ bezeichnen. Viele davon verfügen allerdings nur über einen einzigen Kursraum, in dem irgendein Zirkeltraining veranstaltet wird. Andere wirken so heruntergekommen wie die speckigen und in Schweißduft getauchten Hinterhofverliese, denen man im Berlin der Neunziger hier und da noch begegnen konnte. Unwillkürlich muss ich immer an die Szene in „Rocky“ denken, in der Balboa wie wahnsinnig auf Rinderhälften einprügelt. Man möchte in solchen Studios eigentlich nichts anfassen, am allerwenigsten die Hanteln, die nicht nur so aussehen, als wären sie durch viele Hände gegangen und noch nie gereinigt worden. Da könnte man auch gleich mit Rinderhälften trainieren. Das wäre auch hygienischer.

Alle Studios in Cumbayá sind wahnwitzig teuer. Für die Beiträge, die hier für einen Monat erhoben werden, könnte man sich in Berlin fast schon in einen Nobelclub einmieten. Dabei lässt die Ausstattung oft zu wünschen übrig und in manchem schicken Studio gibt es nicht einmal Hantelständer, etwa um Kniebeugen auszuführen, oder Klimmzugstangen. Dafür aber werden jede Menge sinnloser Kurse angeboten und man fragt sich, wer so etwas haben möchte. Kniebeugen scheinen hingegen unbekannt zu sein und so begegnet man immer wieder Trainierenden mit dicken Armen und bemitleidenswert dünnen Oberschenkeln. Wie richtig trainiert wird, wissen offenbar die wenigsten, wahrscheinlich nicht einmal die Trainer.

Merkwürdig genug, erlebt Cumbayá, ja, das ganze Land, derzeit einen Crossfit-Boom ohnegleichen. Überall schießen Crossfit-Studios aus dem Boden und die meisten sind nicht einmal schlecht. Die Einrichtung ist zweckmäßig und funktional und das Equipment ist oft nagelneu. Freilich bietet ein Crossfit-Studio lange nicht die Möglichkeiten, die man in einem konventionellen Studio erwarten kann. Crossfit erfreut sich dennoch ungeheurer Beliebtheit, obwohl auch hier die Preise alles andere als angemessen sind.

Bei uns in der Nähe befindet sich „Nouba Crossfit“, einer der zahlreichen Triebe am Stamme der Crossfit-Bewegung. Die Räumlichkeiten des Studios erwecken eher den Eindruck einer Schulsporthalle denn den eines Gyms. Eigentlich handelt es sich nur um einen großen Raum mit hoher Decke und einem Gummifußboden, der an die Ausnüchterungszelle der Bahnhofspolizei gemahnt. Alles ist äußerst karg eingerichtet und auf Funktionalität abgestimmt. Die Wände hat man weiß gestrichen und sonst gibt es eigentlich nicht viel, woran sich das Auge festhalten könnte. Das Equipment ist überschaubar: Langhanteln, Kugelhanteln, Medizinbälle, Klimmzugstangen und zwei Ruderergometer. Trainiert wird vor allem mit Langhanteln. Die Kettlebells habe ich noch nie zum Einsatz kommen sehen, ebenso wenig die Medizinbälle.

Wenn ich in einem Crossfit-Studio trainiere, beschränkt sich mein Workout mangels anderer Möglichkeiten auf Kniebeugen, Kreuzheben, Klimmzüge, Rudern und Schulterdrücken. Das ist eine ganze Menge und mehr als ausreichend, um ein anspruchsvolles und gutes Workout zu gewährleisten. Ich bin nicht erpicht darauf, meine Trainingsgewichte zu maximieren, mir kommt es vielmehr darauf an, in jeder Wiederholung eine saubere Übungsausführung zu gewährleisten, denn schließlich werden die Gelenke mit den Jahren nicht besser. Wichtig ist, dass man ein gutes Muskelgefühl hat und ein guter Pump nach dem Training ist allemal mehr wert als die Befriedigung darüber, es wieder einmal allen im Studio gezeigt zu haben.

In den Pausen beobachte ich immer die Crossfitter (mangels anderer Ablenkungen). Eine Crossfit-Einheit dauert dreißig Minuten und wird unter Anleitung eines Trainers in der Gruppe absolviert. Alle halbe Stunde kommt eine neue Gruppe ins Studio. Die Stärke variiert, doch in der Regel kann man mit bis zu zwanzig Teilnehmern rechnen. Das ist nicht wenig und das Studio kann sicher gut davon leben, denn jeden Tag werden gut ein Dutzend Kurse angeboten. Jeder der Teilnehmer zahlt siebzig Dollar pro Monat – für zwei Trainingseinheiten pro Woche à dreißig Minuten (das entspricht etwa der durchschnittlichen Trainingsrate) erachte ich eine solche Summe als maßlose Übertreibung.

Ich habe eigentlich nichts gegen Crossfit an sich und hin und wieder übernehme ich Elemente daraus auch in mein Training, aber wenn man dem Treiben so zuschaut, muss man ernstlich um die Gesundheit so manches Kursteilnehmers fürchten. Ich weiß nicht, warum es Trainer gibt – ein Trainer ist immer im Kurs anwesend –, wenn die Leute am Ende viel zu große Lasten mit elend schlechter Technik zu heben versuchen. Aber anscheinend geht es beim Crossfit nicht darum, ein Gewicht mit korrekter Technik zu bewältigen, sondern nur darum, ein möglichst schweres Gewicht mit welcher Technik auch immer zur Hochstrecke zu bringen – wenn es sein muss, auch ganz ohne Technik. Man wundert sich manchmal nur, warum nicht alle paar Minuten irgendeine Bandscheibe herausploppt.

Die meisten der Kursteilnehmer sind jung und junge Gelenke verzeihen bekanntlich noch so manche Torheit. Das ist vielleicht auch der Grund, warum man in den Kursen niemanden sieht, der die Vierzig überschritten zu haben scheint. Wenn ich bei „Nouba Crossfit“ trainiere, bin ich oft der mit Abstand Älteste, aber ich bin ja auch kein Crossfitter und deshalb halte ich mich lieber fern von Übungen, mit denen man sich die Gelenke in Windeseile ruiniert. Nur beim Snowboarden geht es wahrscheinlich noch schneller.

Um ihre Gelenke scheinen sich die Teilnehmer der Kurse aber weit weniger Sorgen zu machen als ich: Wenn sie Kniebeugen machen, sieht man sie auch noch die letzten Zentimeter bis auf die Fersen herabsinken, als würden sie sich in Postion bringen, ihre Notdurft zu verrichten. Und wenn das Gewicht zu schwer ist, was nicht selten der Fall zu sein scheint, versuchen sie sich mit Schwung nach oben zu federn.

Wirklich bedrohlich wird es beim Kreuzheben: Der Rundrücken und Knie, die unter der Last wie beim Foxtrott nach innen einknicken, sind fast die Norm. Dabei bewegen die Leute Gewichte, die wirklich beachtlich sind. Ich frage mich ein ums andere Mal, ob sie sich damit wirklich etwas Gutes tun. Aber sie scheinen davon überzeugt zu sein. Der Teamgeist befeuert ihr ruchloses Tun: Wenn es einem gelingt, sein Gewicht mit haarsträubender Technik zu heben, applaudieren die anderen, als hätte er wirklich eine Leistung vollbracht, die verdiente, gewürdigt zu werden.

An Tagen, an denen Kniebeugen ausgeführt werden, bricht die Hälfte unter der Last zusammen. Viele kommen aus der Hocke nicht mehr hoch und müssen die Hantel nach hinten abwerfen. Manch einen habe ich schon mit der Last im Kreuz auf die Knie fallen sehen und wann immer ich diese mittlere Katastrophe erlebe, will mir scheinen, jetzt seien die Bänder wirklich hinüber. Kaum auf dem Boden, kippen die Leute mit der Hantelstange nach hinten um wie die Limbo-Tänzer. Schon der gesunde Menschenverstand müsste diesen treuen Crossfit-Adepten sagen, dass ein Knie, sofern es sich nicht um eine haltbare Titan-Prothese handelt, solch eine Misshandlung keineswegs ein ganzes Leben lang aushält. Von all dem Gewichtewerfen scheppert und knallt es in der Halle, als würden die Arbeiter einer Eisengießerei plötzlich Amok laufen und Eisenbahnräder herumschleudern.

Ich vermute, viele der jetzt noch agilen Crossfitter werden mit vierzig Gelenke wie Pinocchio die Marionette haben und spätestens mit fünfzig wird der Orthopäde ihr bester Freund sein (und vielleicht auch ihr einziger, weil sie ohne ihre Krücken nirgendwo mehr hinkommen). Doch wenn ich meine Kniebeugen mache und dabei die Wiederholungen langsam ausführe, mit dem Gesäß nicht bis zum Boden heruntertauche und davon Abstand nehme, die Knie vollständig durchzustrecken, ernte ich Blicke, als wäre ich der Idiot und sie die Olympioniken. Aber die Zeit arbeitet für mich – und gegen sie.

Ich weiß nicht, ob diese Leute schon einmal von Trainingsmethodik gehört haben. Außer, dass man offenbar bei jeder Gelegenheit versucht, maximale Gewichte zu verwenden, habe ich noch keine Methode erkennen können. Einen sah ich einmal Wallballs mit einem schweren Medizinball ausführen (das war das einzige Mal, dass ich jemanden mit einem Medizinball trainieren sah). Er stieß den Ball zwanzig Minuten lang fast ununterbrochen die Wand hinauf. Nach zehn Minuten atmete er wie ein Asthmatiker, dem man die Katze zum Streicheln in den Arm gelegt hat, und gegen Ende bekam er regelrechte Erstickungsanfälle. Er stöhnte wie ein Schmerzpatient, dem das Morphium ausgegangen ist.

Sicher kann ein Workout, das die gesamte Körpermuskulatur beansprucht, ungeheuer anstrengend sein, aber nachdem er seine „Übung“ beendet hatte, lag er eine Stunde lang komatös auf der Matte. Weder bewegte er sich, noch schien er ansprechbar – für mich ein klarer Fall für den Rettungssanitäter. Doch man ließ ihn einfach am Rande der Matte liegen wie ein benutztes Handtuch und beachtete ihn nicht weiter. Später hatte er sich wieder erholt, zumindest war er ansprechbar und er kam auch wieder aus eigener Kraft auf die Beine, doch er wankte aus dem Studio, als hätte er nicht Bälle sondern Tequilas gestemmt.

Ganz so schlimm würde ich es natürlich nicht treiben, aber nachdem ich während eines Zeitraumes von einigen Monaten keine Kniebeugen hatte ausführen können, fand ich, es wäre eine ganz fabelhafte Idee, es mit zehn Sätzen à zehn Wiederholungen nach Art einer German-High-Volume-Einheit zu versuchen (wahrscheinlich habe ich mich doch vom Enthusiasmus der Crossfitter anstecken lassen). Das Gewicht war recht niedrig (achtzig Kilo) und wider Erwarten kam ich erstaunlich leicht durch die Sätze. Fast war ich versucht, die Last zu steigern.

Zum Glück habe ich es nicht getan, denn die nächsten drei Tage litt ich an Ganzkörperschmerzen wie ein Alkoholiker auf kaltem Entzug. Jeder einzelne Muskel tat weh, nicht nur die Oberschenkel, und ich wusste kaum, wie ich nachts liegen sollte. Ich bewegte mich durch die Wohnung wie ein steinalter Greis – vielleicht ein Vorgeschmack auf später. Doch das war nur die gerechte Strafe für Unbesonnenheit. Manche Dinge sollte man eben überlegt angehen und gerade im Training ist weniger manchmal eben doch mehr (aber nicht nur im Training).

Lustige Witwen

Nachmittags um drei Uhr verlassen wir dann endgültig den Strand. Wir müssen zurück nach Bahía und Maria Vicenta muss zur Führerscheinprüfung – sie trinkt nur noch eben schnell ihr Bier aus. In diesem Land kein Auto zu besitzen, ist eigentlich eine Qual, denn mit dem Bus dauert die Fahrt über jede noch so kurze Strecke eine Ewigkeit. Da ist es schon kurios und wirklich so etwas wie eine Rarität, wenn jemand in meinem Alter nicht Auto fahren kann. Wir verabschieden uns herzlich, danken Maria Vicenta für ihre Gastfreundschaft und wünschen ihr viel Glück für die Prüfung. Maria Vicenta meint, wir könnten jederzeit nach Manta kommen und bei ihr übernachten, denn sie und meine Frau seien allerbeste Freundinnen seit Kindertagen. Um anzudeuten, wie nah sie sich wirklich stehen, verschränkt sie Zeige- und Mittelfinger, als seien es siamesische Zwillinge.

Es geht zurück nach Bahía. In Rocafuerte legen wir einen Zwischenstopp ein, um Dulces, Süßigkeiten, zu kaufen. Schon auf der Hinfahrt hatten wir die Stadt besuchen wollen, aber das Navi, dieser hinterlistige Intrigant von einem Elektronenhirn, hatte dafür gesorgt, dass wir das Ziel verfehlten. Diesmal verlassen wir uns ganz altmodisch auf unsere Straßenkarte, die ich noch kurz vor unserer Abreise in Berlin gekauft hatte. Damals rümpfte meine Frau die Nase und fragte mich, wozu ich denn eine Karte ausgerechnet aus Deutschland mitnehmen müsste. Sie meinte ganz unschuldig, ich könnte doch auch welche in Ecuador kaufen. Dabei guckte sie mich so an, als beabsichtigte ich, einen Toilettensauger, eine Gasmaske und eine Skiausrüstung ins Gepäck zu schmuggeln. Doch ich bin froh, dass ich die Karte habe, denn hier in Ecuador kommt man nur schwer an Straßenkarten, die wirklich etwas taugen. Und dem Navi, dieser heimtückischen Maschine, kann man einfach nicht trauen.

In Rocafuerte laden wir tütenweise Dulces ein – Alfajores (kleine runde Kekse mit Schichtfüllung), Toffees, Suspiros (Sahnebaisers) und vieles mehr. Ich glaube, mein Blutzuckerspiegel hat in den folgenden Tagen bedenkliche Werte erreicht und wahrscheinlich würde man mich mit einem Zuckerschock in die nächste Klinik eingeliefert haben, hätte ich nicht das örtliche Fitnessangebot genutzt und die überschüssigen Kalorien bei Kniebeugen und Kreuzheben verbrannt. Aufgeladen mit so viel Energie, kann man wie ein wahrhaftiger Berserker trainieren und selbst noch ein solch mörderisches Programm, wie ich es mir manchmal ausdenke, um das Gewissen nach all der Völlerei zu beruhigen, kommt mir unter dem Einfluss der süßen Droge geradezu läppisch vor.

In Leonidas Plaza, der Vorstadt von Bahía, einige Kilometer landeinwärts, begegnen uns die ersten Viudas. Damit hat es folgende Bewandtnis: Viuda bedeutet Witwe. Zum Jahresende verkleiden sich vorzugsweise junge Männer als Witwen und bitten Passanten oder Autofahrer um Geld. Die Spenden geben sie dann für Partys und Alkohol aus oder wonach auch immer ihnen gerade der Sinn steht – also Alkohol und Partys. Doch die Tradition ist im Niedergang begriffen, denn eigentlich ist so eine zünftige Witwe mit einem Handwagen oder Karren unterwegs, in den sie die Leiche ihres verstorbenen Ehemannes gebettet hat. Den Karren schiebt sie nun umher, um aller Welt ihre Trauer über das Ableben des ach so geliebten Gatten zu bekunden. Den Gatten, eine mehr oder weniger aufwändig gestaltete Puppe, stellt man sich dabei als das alte, gewissermaßen dahingeschiedene Jahr vor und die Rolle der Witwen besteht nun darin, den Verblichenen lautstark und möglichst publikumswirksam zu beweinen. Je origineller und vor allem je lustiger die Witwen den Tod des Gatten zu beklagen verstehen, desto lockerer sitzt den Leuten das Geld in der Tasche und für eine gute Show sind sie auch gern bereit, die lustigen Witwen anständig zu entlohnen.

Meine Frau ist in Bahía aufgewachsen, aber sie meint, heute scheine niemand mehr zu wissen, was es mit der Tradition auf sich habe. Die jungen Männer verkleiden sich nur noch – was allerdings auch sehr lustig sein kann – und gehen die Leute um Geld an. Die Commedia dell’arte früherer Zeit ist aber fast in Vergessenheit geraten.

Kurz vor Bahía stoppen uns einige ziemlich aufreizend gekleidete und stark geschminkte Witwen und ich frage mich, ob sich solch ein Aufzug für eine Trauernde überhaupt ziemt. Eigentlich will ich weiterfahren, aber ich fürchte, ich könnte jemanden verletzen und so halte ich. Die „Witwe“ hat eine wallende schwarze Lockenmähne, trägt Miniröckchen und stöckelt in ihren Pumps gekonnt um das Auto (so muss man sich erst einmal auf Highheels bewegen können!). Sie sagt, was für ein hübscher Bursche ich sei und schmeichelt mir, ich hätte so schöne blaue Augen. Ich gebe ihr einen Dollar – für die blauen Augen – und wir dürfen weiterfahren.

Ich lasse den Abend bei einem brutalen Beintraining in meinem Lieblingsstudio ausklingen. Das Studio ist so voll, dass man kaum einen Schritt machen kann, ohne jemanden auf die Füße zu treten. Der Besitzer macht über Silvester und Neujahr Urlaub, so dass der Fitnesstempel geschlossen bleiben muss. Der sportliche Teil der Einwohnerschaft Bahías nutzt die letzte Gelegenheit des Jahres, um die schwächelnde Muskulatur noch einmal präventiv durchzuarbeiten. Ich lasse mich von so viel Trainingswut anstecken und erhöhe spontan die Schlagzahl. Von all dem Zucker im Blut (dank der Dulces aus Rocafuerte) habe ich ein regelrechtes High. Das Training ist die Hölle und obwohl meine Oberschenkel schon nach kurzer Zeit so infernalisch zu brennen beginnen, als hätte man mir flüssiges Blei in den Muskel gespritzt, genieße ich jede Sekunde.

Der Schweiß der Rechtschaffenen

Ich gehe trainieren – eigentlich eine Wahnsinnsidee, denn in Bahía herrscht brütende Hitze. Doch hierzulande schert sich niemand um Temperaturen, es sei denn, es ist kalt, und zwar richtig kalt, und 16 Grad (plus, wohlgemerkt) gelten an der Küste schon als die Grenze unterhalb derer kein menschliches Leben mehr möglich ist. Die meisten haben in ihrem Leben noch nie Schnee gesehen und ich glaube, sie können sich auch nicht recht vorstellen, wie es sich in der Eiseskälte lebt. An Wärme sind sie aber gewöhnt.

Das Studio befindet sich nur wenige Schritte vom Haus der Tante entfernt. Trotz der Hitze ist es erwartungsgemäß voll und die Jugend der Stadt stählt ihre Körper vorzugsweise mit schweren Hanteln. Ich habe das Studio kaum betreten, da fange ich auch schon an zu schwitzen als wäre ich in eine Sauna geraten. Alle Räumlichkeiten sind mit Lautsprechern gespickt, als wäre dies kein Sportstudio, sondern irgendein Tanzschuppen, und die Musik, die ständig aus den Boxen dröhnt, ist so laut, dass man ernstlich um sein Gehör fürchten muss. Eine Oase relativer Ruhe ist lediglich die Dachterrasse, aber auch hier ist der Lautstärkepegel noch hoch genug, dass man sich förmlich anbrüllen müsste, um sich verständlich zu machen. Einen positiven Effekt hat die ohrenbetäubende Lautstärke: Das Gedröhne macht aggressiv und bringt einen damit in genau die richtige Stimmung, die man für ein gutes Workout braucht.

Der Besitzer erkennt mich und grüßt freundlich. Er sieht etwas schläfrig und schlapp aus; wahrscheinlich hat ihn die Hitze schon weichgekocht. Ich gebe ihm die 1,50 Dollar für den Besuch des Studios und beginne damit, mich aufzuwärmen – eine Unternehmung, die mir angesichts der tropischen Temperaturen ein wenig sinnlos erscheint. Nach nur zehn Minuten bin ich in Schweiß gebadet und ich fühle mich so schwach, dass ich am liebsten nach Hause gehen und mich willenlos ins Bett schmeißen würde. Aber Training ist nun einmal Training und Ausreden zählen da bekanntlich nicht. Also bleibe ich und lasse es etwas langsamer angehen.

Allmählich komme ich dann doch in Fahrt und mein Kreislauf kommt mit den tropischen Temperaturen immer besser zurecht; wenn ich länger an einer Stelle verweile, bildet sich auf dem Boden sofort eine Schweißpfütze. Mein Shirt klebt mir wie ein nasser Waschlappen auf dem Leib. Mein Kreislauf ist noch nicht an die Hitze gewöhnt und ich habe mehrmals das Gefühl, mir würde schwarz vor Augen. Meine Lunge pfeift wie eine altertümliche Herzlungenmaschine. Ich muss längere Pausen als sonst einlegen, damit ich nicht zusammenbreche.

Während ich ausruhe, kann ich die anderen Trainierenden beobachten: Nur wenige scheinen wirklich zu wissen, was genau sie da eigentlich tun. Die Möchtegerns nehmen viel zu große Gewichte und wenn man ihnen dabei zuschaut, wie sie sie zu heben versuchen, hat man das ungute Gefühl, jeden Augenblick wäre man gefordert, Erste Hilfe zu leisten. Ein paarmal denke ich, gleich ist die Bandscheibe weg, aber am Ende passiert doch nichts. Glück gehabt – ein junger Körper verzeiht so manche Torheit. Für gewöhnlich greift der Besitzer ein, redet der sportelnden Jugend ins Gewissen und zeigt, wie es richtig geht. Aber heute hat er offenbar keine Lust, den bequemen Sessel zu verlassen, in dem er wie festgeklebt sitzt. Die mörderische Hitze lähmt auch den stärksten Willen.

Die lokale Fitnessqueen gibt sich wieder einmal die Ehre: hautenge Leggings im Tarnmuster und dazu das passende Stirnband, Sport-BH in Neonpink. Sie macht Crunches mit einer 20-Kilo-Platte und in der Tat ist ihr Sixpack so hart, dass eine Messerklinge daran zerbrechen würde. Anschließend pumpt sie immer wieder Sätze von mehreren Dutzend Liegestützen, ihre Zehenspitzen ruhen erhöht auf einer Bank und ihr Körper ist hart und gespannt wie eine Stahltrosse. Ich bin mir nicht sicher, ob einer der Typen im Studio es ihr gleichzutun könnte, trotz der dicken Arme, die man gern und oft zur Schau stellt. Mir scheint, sie hat die Vierzig schon überschritten, aber von Altersdegeneration hat dieser Körper noch nie etwas gehört.

United States of Bahía

Am Morgen des nächsten Tages, in aller Herrgottsfrühe, führte ich den Hund im Park aus, damit er dort sein Geschäft verrichten könnte. Der Park befindet sich praktisch direkt vor dem Haus der Tante. Man muss nur ein paar Schritte gehen und schon kann man über gepflegte Rasenflächen flanieren und an Blumenhecken vorbei spazieren, auf Bänken sitzen, oder in dem schönen Pavillon verweilen, um den Sonnenaufgang zu genießen. Freizeitsportler in neonfarbener Sportkleidung marschierten hurtig auf den Wegen entlang. Als ich die Rasenfläche betrat, wurde mir klar, dass ich die Tüte umsonst mitgebracht hatte, denn es gab kaum eine Stelle, die nicht bereits von Hundehaufen in allen erdenklichen Stadien der Frische übersät war. Es war fast unmöglich, ein paar Schritte zu geben, ohne auf eine der tückischen Minen zu treten. Ich nahm das Häufchen, das der Hund dann auch verlässlich produzierte, aber dennoch mit.

Den Pavillon hatte an diesem Morgen eine Gruppe Umweltaktivisten okkupiert: Man hatte einen Tisch aufgebaut, auf dem Informationsmaterial ausgebreitet lag; als Eyecatcher hatte man ein großes Plakat vor den Pavillon gespannt – es ging um den Erhalt irgendeines „Biocorredor“, ein berechtigtes Anliegen, zumal die Urwälder und die Mangrove innerhalb von nur dreißig Jahren bis auf wenige klägliche Reste verschwunden sind. Auf einem zweiten Tisch lagen Cookies und allerlei Gebäck bereit, um Neugierige anzulocken, aber keinen von den Freizeitsportlern schien das Anliegen der Aktivisten auch nur einen müden Blick wert. Unbeeindruckt zogen sie ihre Runden durch den Park. Vielleicht verschmähten sie die Cookies nur deshalb, weil Sportler sich nun einmal gesund ernähren.

Die Aktivisten selbst waren ausnahmslos Amerikaner. Man erkennt es immer sofort an der Kleidung, die entweder so aussieht, als richte man sich auf das ganz große Survival-Abenteuer ein oder auf enthemmten Freizeitspaß im luxuriösen Ferienressort, was so ziemlich auf dasselbe hinausläuft. Im Vorbeigehen hörte ich Englisch mit unverkennbarem amerikanischen Akzent, aber es mussten schon deshalb Amerikaner sein, weil Einheimische niemals auf die recht kuriose Idee kämen, morgens um sieben Uhr für ein Umweltprojekt zu werben. Müssen diese Leute denn immer den Rest der Menschheit missionieren, zu welchem Ende auch immer?

Vor dem Supermarkt, der eigentlich eher ein zu groß geratener Tante-Emma-Laden ist, traf ich noch mehr Amerikaner (mein Sohn wollte zum Frühstück unbedingt Schoko-Pops). Viele von ihnen haben sich mittlerweile in Ecuador niedergelassen, um irgendeinem Business nachzugehen, vielmehr aber noch, um die Tage ihres Renterdaseins friedlich und in relativem Wohlstand zu verleben – Wünsche, die in den Staaten nur für die Wohlhabenderen unter ihnen wahr werden. Aber hier in Ecuador kann jeder auf seine alten Tage ein König sein: Die Leute sind nett und anders als in Deutschland sind Alte hochgeachtet und ihr altersweiser Rat wird geschätzt. Niemand würde einen als senil bezeichnen, nur weil man allein nicht mehr nach Hause zurückfindet oder weil man die Bekannten mit den immer gleichen Geschichten nervt. Und im Übrigen zahlt man ab 60 überall nur die Hälfte. Und nicht zu vergessen: Hier in Ecuador herrscht immerwährender Sommer (oder Frühling, wenn man in Quito wohnt).

Im Grunde hat man in Bahía nie viel zu tun. Sicher, auch hier müssen die Leute arbeiten, dennoch erweckt die Stadt immer den Eindruck, dass nichts, aber auch gar nichts passiert. Die einzige, die immerfort behauptet, sie sei gestresst, weil sie ja so viel zu tun hat, ist meine Schwiegermutter. Ein Grund dafür mag darin liegen, dass sie Rentnerin ist und bekanntlich haben Rentner niemals Zeit. Alle übrigen aber lassen den Tag vorbeiziehen und warten einfach ab, was sich so ergibt.

Am Nachmittag will ich einmal wieder in meinem Lieblingsstudio trainieren. Es ist brütend heiß und damit genau die richtige Zeit für eine fordernde Trainingseinheit – nichts geht über ein gutes Workout in einem guten Studio und der Fitnessenthusiast lässt sich durch solche Kleinigkeiten wie dreißig Grad im Schatten nicht von seinen sportlichen Zielen ablenken. Das Gym ist nur ein paar Meter vom Hause der Tante entfernt: Man überquert die Hauptstraße, die Avenida Simón Bolívar, und schon befindet man sich vor dem Eingang. Man kann das Studio kaum verfehlen, denn wann immer es geöffnet hat, schallt Musik in infernalischer Lautstärke aus der Tür.

Ich habe schon die Sportschuhe unter dem Arm und bin im Begriff aufzubrechen, als es plötzlich an der Tür klingelt. Ein alter Amerikaner steht davor. Die heiße Äquatorsonne hat sein Gesicht in eine Tomate verwandelt; tiefe Runzeln durchziehen seine Haut wie Erdspalten nach dem Einschlag eines Meteoriten. Er hat das Schild am Haus der Tante gesehen: „Zimmer zu vermieten“. Er möchte die Tante sprechen. Leider spricht die Tante kein Englisch und der alte Amerikaner versteht überhaupt kein Spanisch. Während wir auf meine Frau warten, die beide Sprachen beherrscht und deshalb dolmetschen soll, machen wir ein wenig Smalltalk: Er stammt aus Texas und sein Südstaatenakzent ist so breit, dass ich Mühe habe, ihn überhaupt zu verstehen. Er ist erstaunt, von mir zu hören, dass wir einige Jahre im Norden von Texas gelebt haben. Er kenne die Gegend am Redriver, unsere alte Heimat, sehr gut, denn er sei nicht weit westlich davon aufgewachsen. Jetzt suche er eine Wohnung für den Sohn. Vorher hätten beide, Vater und Sohn, in Quito gelebt, doch nun seien sie hier, in Bahía, und hier wollten sie auch bleiben.

Das Gespräch zieht sich in die Länge. Eigentlich habe ich keine Lust, mich mit ihm zu unterhalten, denn ich will ins Studio und es kribbelt mir förmlich in den Beinen, aber ihn einfach so stehen zu lassen, wäre unhöflich. Schließlich kommt meine Frau und ich habe endlich einen Vorwand, das Weite zu suchen. Ich verabschiede mich und eile schnurstracks zum Studio. Mein Sohn meint später etwas despektierlich, der Typ sehe aber abgewrackt aus, und ich muss ihm leider zustimmen. Aber man weiß nie, was die Menschen für ein Schicksal hinter sich haben und darüber zu urteilen, steht ohnehin niemandem zu.

Mare tranquilitatis

Bahía de Caráquez ist eine Ausnahme unter den ecuadorianischen Städten. Die meisten Städte im Land, selbst die kleinen, sind quirrlig und chaotisch. Bahía hingegen ist eher ruhig – wenn nicht gerade Horden von Touristen und Ausflüglern einfallen. Als ich die Stadt 1992 zum ersten Mal besuchte, gab es so gut wie keinen Autoverkehr. Es war vollkommen egal, ob man auf der Straße ging oder auf dem Bürgersteig. In der ganzen Stadt fand man nicht eine Verkehrsampel (wozu auch?) und es war eine regelrechte Sensation, als man später eine aufstellte. Heute gibt es im Zentrum und an der Zufahrtsstraße gleich mehrere, und wie in allen Städten tun sie zuverlässig ihre Arbeit und bremsen den Verkehr aus, der übrigens stark zugenommen hat. Vor 23 Jahren war die Brücke, welche die Stadt mit dem Festland verbindet, noch nicht gebaut und man musste weite Wege in Kauf nehmen, um zur anderen Seite zu gelangen. Heute ist das kein Problem mehr: Man läuft einfach hinüber zur anderen Seite oder joggt, was der sportbegeisterte Teil der Einwohnerschaft gelegentlich tut.

Da die Stadt auf einer Halbinsel liegt, hat sie naturgegeben wenig Platz, um sich auszubreiten. Von drei Seiten wird der Ort von Meer eingeschlossen, nur die Seite zur Halbinsel hin ist offen. Und genau hier wurde in den letzten Jahren am meisten gebaut: Firmen haben sich angesiedelt und Privatleute haben Land gekauft, um Häuser darauf zu bauen. Direkt an der Zufahrtsstraße nach Bahía, etwas außerhalb der Stadt, aber gerade noch zu Fuß zu erreichen, hat man ein riesiges Einkaufszentrum, ein Centro comercial bzw. eine Shopping Mall, errichtet. Als wir vorbeifuhren, hatte ich kurz ein Deja vu und ich glaubte, ich befände mich vor den Hellerdorfer Arkaden oder vor irgendeinem beliebigen Wall-Mart in den USA. Lediglich der Schriftzug „Centro Comercial“ belehrte mich eines Besseren. Die Architektur solcher Malls ist so austauschbar, dass man glauben könnte, ein einziger Verantwortlicher hätte sämtliche Shopping Malls auf der ganzen Welt konzipiert.

Wenn man nicht gerade der Besitzer einer der zahllosen kleinen Geschäfte ist, welche in großer Zahl die Straßen säumen, hat man in Bahía nicht viel zu tun: man kann an den Strand gehen oder eines der vielen kleinen Restaurants besuchen. Schließlich bleibt noch die Möglichkeit, auf dem Balkon oder vor dem Haus zu sitzen und die Leute auf der Straße zu beobachten, was die Einheimischen auch gern tun. Für Feierwütige bietet die Stadt nicht viele Gelegenheiten. Während der Saison, die bis Mitte August dauert, gibt es manchmal Straßenpartys, aber sonst sucht man vergeblich nach Zerstreuung. Man lässt die Tage eher gelassen angehen, denn Zeit spielt eigentlich keine Rolle. Jeder Tag ist wie alle Tage – es passiert nichts; die Sensationen des Lebens spielen sich im privaten Bereich ab.

Am Vormittag wollte ich trainieren und da ich erfahren hatte, dass es gleich eine Straße weiter ein Studio gäbe, stand meinem Entschluss nichts mehr im Wege. Nach drei Wochen ohne Training fühlte ich mich schon ganz eingerostet und ich konnte meinen Bewegungsdrang kaum noch bändigen. Ich brauchte unbedingt ein gutes Workout, sonst würde mich das Rumsitzen, Abhängen und Chillen noch umbringen. Das Studio breitet sich auf drei Etagen eines Wohnhauses aus. Auf der mittleren Etage befinden sich die Privaträume des Besitzers und man muss notgedrungen an ihnen vorbeilaufen, wenn man in die oben befindlichen Studioräume gelangen möchte. Das Studio selbst ist sehr spartanisch eingerichtet: ein paar Maschinen, die aussehen, als wären sie in Heimarbeit zusammengeschweißt worden, ein paar Bänke und Gott sei Dank eine gute Auswahl an Lang- und Kurzhanteln. Das Studio erfüllte dann auch seinen Zweck – das Workout war gut, doch nicht ohne Wehmut dachte ich an meine alte Arbeitsstelle, das Studio im Sportzentrum der Turngemeine in Berlin. Ich glaube nicht, dass es hier in Ecuador auch nur ein Studio damit aufnehmen kann. Und ich dachte auch an die Freunde und Kollegen in Berlin, denen ich Lebewohl gesagt hatte, an Christoph, an Marte und an all die anderen – viele herzliche Grüße!

Der Besitzer des Studios, in dem ich trainieren wollte, sieht aus wie ein fetter deutscher Pumper, ist aber offenbar waschechter Ecuadorianer. Ich versuchte, mich mit ihm auf Englisch zu unterhalten, aber hier im Land spricht fast niemand Englisch. Genausogut hätte ich es mit Hindi oder Kisuaheli versuchen können. Ich kenne Leute, die seit fünf oder mehr Jahren in Berlin leben und gerade mal „Guten Tag“ auf Deutsch sagen können. In Berlin besteht keine wirkliche Notwendigkeit, Deutsch zu lernen, weil man mit Englisch fast überall durchkommt. Hier ist das anders: Niemand spricht Englisch, wirklich niemand. Selbst in Quito, der Hauptstadt, ist es ausgeschlossen, dass man in einer der großen Shopping-Malls auf Englisch bedient wird. Eine einfache Unternehmung wie eine Order im Restaurant kann zur Tortur werden, wenn einem die Worte fehlen. Die Leute, die hier leben, empfinden dies aber nicht als Einschränkung, denn schließlich spricht man fast auf dem ganzen Kontinent Spanisch und immerhin sind Spanisch und Portugiesisch bzw. Brasilianisch miteinander verwandt und sie sind sich so ähnlich, dass man sich gegenseitig versteht, ohne die Sprache des anderen lernen zu müssen. Zählt man übrigens die Sprecher einer Sprache, die dieses Idiom als ihre Muttersprache ansehen, so steht Spanisch nach Chinesisch auf dem zweiten Rang, noch vor dem Englischen. Man darf nicht vergessen: Im Gegensatz zum Deutschen ist das Spanische eine Weltsprache – schon deshalb lohnt es sich, diese Sprache zu lernen.

Es gibt auch hier kleine Kolonien von Ausländern, meist Amerikanern, in denen man sich hartnäckig weigert, die Landessprache zu lernen. Die Ecuadorianer sprechen von ihnen mit einer gewissen Verachtung. Diese Leute leben nur unter sich, sie haben mit den Einheimischen nicht viel zu tun und vermutlich wollen sie auch gar nicht mit ihnen zu tun haben. Die Ecuadorianer sind sehr gastfreundliche Menschen, aber solch eine ablehnende Einstellung gegenüber der Landeskultur sehen sie mit tiefster Missbilligung. Ich finde, sich zu weigern, die Landessprache zu lernen, ist ein Zeichen von Arroganz und zeugt von schlechten Manieren. Gewiss gelingt es nicht jedem, die Sprache leicht zu erlernen – viele müssen sie quälen (ich gehöre auch dazu), aber letztlich zählt doch die Einstellung. Die Einheimischen merken sehr schnell, was man über ihr Land denkt und was man von ihrer Kultur hält. Wenn man hier auf Dauer leben möchte, ist es nicht nur klüger, sondern auch profitabler – und zwar in jeder Hinsicht –, wenn man versucht, sich anzupassen. Spanisch gehört in jedem Fall dazu.

In Bahía sollte man an den Strand gehen, denn er ist eine der wenigen Attraktionen, welche die Stadt zu bieten hat. Und das Beste daran: Alles ist kostenlos. Besucht man den Strand bei Ebbe, wird man von einem hundert Meter breiten Streifen aus feinem Sand empfangen. In der Bucht, die der Stadt ihren Namen gab (Bahía bedeutet Bucht), sollte man lieber nicht baden, es sei denn, man sehnt sich nach juckendem Hautausschlag. Etwa einen Kilometer oberhalb der Badestelle werden nämlich die Abwässer der Stadt ins Meer eingeleitet und was aus dem Rohr kommt, sieht nicht wirklich appetitlich aus. Das Rohr endet über der Wasserlinie und man kann dabei zusehen, wie der Unrat sich in der Bucht verteilt. Der Fluss spült ihn direkt an den Badenden vorbei. Auch die Abwässer der Shrimp-Farmen werden in die Bucht eingeleitet; die leckeren Krebstierchen mag man zwar gern essen, doch in ihren Exkrementen und den Antibiotika, die man ihnen mit dem Futter verabreicht, möchte man nicht unbedingt baden. Überdies besteht die Gefahr, dass man von der Strömung erfasst wird. Schließlich badet man in einer Flussmündung, die dazu noch Gezeitenzone ist. Vom Strand aus kann man die Strömungen und Strudel gut sehen, die sich schon wenige Meter vom Ufer entfernt bilden. Es hat in den letzten Jahren immer wieder tödliche Unfälle gegeben. Die Badenden, zumeinst sind es Touristen aus der Sierra, d.h. aus den Gebirgsregionen, scheinen davon gehört zu haben, denn sie wagen sich nicht weiter als bis zum Bauchnabel ins Wasser hinein.

Gesünder und vor allem weniger gefährlich ist es, man geht auf die andere Seite der Landzunge, dorthin, wo die Wellen des Pazifiks auf den Stand rollen. Die Schar der Badelustigen ist hier eigenartigerweise überschaubar, obwohl das Wasser sauberer ist und obwohl es riesigen Spaß macht, sich in die Wellen zu stürzen. Das Wasser ist warm wie in einer Badewanne, obgleich dicht an der Küste der kalte Humboldtstrom vorbeifließt. Vor Kleiderdieben muss man sich nicht fürchten, aber man muss aufpassen, dass die Sachen, die man am Strand zurückgelassen hat, nicht von der Flut überspült werden. Wir warfen uns den halben Tag lang in die Wellen und gingen an den malerischen Stränden direkt vor der Stadt spazieren. Die Strandpromenade war gepflastert mit mobilen Verkaufsständen, die den Badetouristen Erfrischungen und Snacks anboten. Es sind die Tage vor dem 10. August, des Tages des Primer Grito de la Indepencia – des „ersten Schreis nach Unabhängigkeit“. Die Menschen, darunter viele Familien mit Kindern, strömen in die Stadt, um ein paar schöne Tage am Meer zu verleben.

So ganz genau weiß ich noch nicht, was es mit dem 10. August auf sich hat. Als ich meine Frau, die es ja wissen müsste, fragte, meinte sie in typischer Lehrermanier, ich solle mich im Selbststudium darüber informieren (6 – setzen! Arbeit nachschreiben!). In den nächsten Monaten habe ich Zeit und es ist durchaus lohnend und interessant, sich mit der an Umstürzen und Revolutionen reichen Geschichte dieses Landes zu befassen. Zwar habe ich schon viel gelesen, aber alles kann man natürlich nicht wissen. Schließlich bin ich ja erst kürzlich zugezogen; da verzeiht man schon mal den einen oder anderen Fauxpas.