Wächter des Sonnentempels

Am Tage, an dem wir Cuenca Lebewohl sagen, spannt sich ein makellos blauer Himmel über die Anden. Fast könnte man glauben, es sei ein Gott, der auf dieser himmlischen Leinwand seiner Schöpfung die reine Idee von Blau offenbare. Das menschliche Auge, an allgegenwärtige Unvollkommenheit gewöhnt, sucht nach der kleinsten Unregelmäßigkeit, um darin Halt zu finden. Doch es gibt nichts, woran es sich klammern könnte, und so irrt der Blick unstet umher und endet doch wieder auf der Erde.

Es dauert geraume Zeit, bis wir aus der Stadt herausgefunden haben. Es scheint, an allen Ecken wird gebaut und zusätzlich zum Straßenbahnprojekt, dessen Umsetzung die gesamte Innenstadt blockiert, ist man auch noch ziemlich energisch damit zugange, die Ausfallstraßen zu erneuern. Ständig stößt man auf Hindernisse, die Hauptverkehrstrassen sind gesperrt, und bis wir die schlecht oder gar nicht ausgeschilderte Umleitung gefunden haben, vergeht wieder einmal viel Zeit.

Währenddessen fahren wir immer wieder im Kreis; es scheint uns wie Neo zu ergehen, als er einen Weg aus dem Metro-Tunnel des Trainman sucht. Selbst Google Maps, unser allwissender Cicerone und Führer durch alle Lebenslagen, kann natürlich nicht sämtliche Sperrungen in einer Provinzstadt irgendwo in den Anden kennen. Der freundliche Monopolist kennt mich zwar besser als ich mich selbst, aber uns aus dieser nicht sehr großen Stadt zu führen, damit tut er sich schwer. Wir haben fast den Eindruck, Cuenca will uns nicht gehen lassen an diesem wundervollen Tag mit seinem blauen, blauen Himmel.

Doch der Zufall ist ausnahmsweise einmal auf unserer Seite und schließlich finden wir doch die Panamericana, die uns geradewegs nach Norden führt, zum Chimborazo, Humboldts Schicksalsberg. Doch zuerst machen wir Station in Ingapirca: Bei Sonnenschein wirkt die Ruine des Sonnentempels noch viel eindrucksvoller. Majestätisch hebt sich das massive Gemäuer gegen den ätherisch blauen Himmel ab. Alles erscheint viel wirklicher als bei Regen, wenn die Ruinen, die Landschaft und der Himmel ineinander zu verschmelzen scheinen wie Wasserfarbe in einem traurigen Gemälde. Doch hoch in den Anden muss man immer mit Wetterkapriolen rechnen und das letzte Mal, da wir diesen Ort besuchten, schüttete der Himmel wahre Sturzbäche über unseren Köpfen aus.

Im hellen Licht des Tages gewinnt die Wirklichkeit an Kontur und wie nur bei wenigen Gelegenheiten gelingt es dem Besucher sich vorzustellen, wie die einst in pures Gold gekleideten Wände des Tempels vor den Augen des Inka im Sonnenglanz erstrahlt sein mögen. Wir spazieren mit der Sicherheit und Gelassenheit des erfahrenen Besuchers durch die Anlage. Die Erklärungen des Führers – niemand darf die Ruinenstätte ohne Guide betreten – rauschen an uns vorbei wie das Säuseln des Windes, der um die Mauern des Tempels streicht. Wir halten uns ein wenig abseits der Gruppe, die sich im Mauergeviert des Sonnentempels zu einem Erlebnis-Gruppenfoto aufbaut, wie man es zu Millionen im Internet finden kann. Man fragt, ob ich mich dazustellen wolle, aber warum sollte ich mich zusammen mit wildfremden Menschen fotografieren lassen, um dann auf deren Facebookseite als Staffage in die Kamera zu grinsen?

Denkmalschutz ist relativ neu in Ecuador – zumindest wenn man das Alter der zu beschützenden Stätten in Relation zu den Bemühungen um deren Schutz setzt. Erst in den letzten Jahren hat das bedrohte präkolumbianische Erbe im ecuadorianischen Staat einen mächtigen Hüter gefunden. Vorbei sind die Zeiten, da der abenteuerlustige Besucher die Mauern des Tempels ersteigen durfte, ohne dass ihn eine staatliche Behörde, geschweige denn der kraftlose Hausherr, daran hätten hindern wollen.

Das Land bemüht sich sehr um den Erhalt seines kulturellen Erbes, dessen Wert die breite Öffentlichkeit aber erst in jüngster Zeit erkannt hat. In manchen Gegenden wird die Plünderung archäologischer Stätten und Kunstraub auch heute noch als kaum mehr denn ein Kavaliersdelikt erachtet. Doch hier in Ingapirca nimmt der Staat seine Verantwortung sehr ernst und man ist sogar darum bemüht, die in den letzten Jahrzehnten angerichteten Schäden so gut es geht zu beheben.

Auf einer Wiese unterhalb der Tempelplattform sehen wir Gesteinsquader liegen, fein säuberlich ausgerichtet in Reih und Glied. Unser Führer erklärt, dass es sich bei den Blöcken um Teile der Tempelanlage handele. Die Steine wären von den Bewohnern der Gegend seit Jahrzehnten zum Bau von Häusern und Stallungen verwendet worden. Natürlich war das kein Diebstahl und auch kein Vandalismus (allenfalls Archäologen oder Kunsthistoriker hätten die rohe Tat als solchen betrachtet), denn lange existierte nicht einmal ein Gesetz, das die Zerstörung unersetzbarer historischer Stätten unter Strafe stellte. Die Ruinen galten den meisten lange Zeit wohl kaum mehr als ein Haufen alter Steine, die man jedoch, da sie schon behauen waren, vorzüglich als Baumaterial nutzen konnte.

Die Regierung hat einen Aufruf gestartet und die Menschen gebeten, die Steine wieder zurückzubringen. Und tatsächlich sind die Quader, die einst von den besten Steinmetzen der Inkas in Form gehauen wurden, um der Verherrlichung eines Gottes zu dienen, wieder zurückgekehrt, gerade so, als erinnerten sie sich daran, wo ihr angestammter Platz sei. Und da liegt es nun, das Erbe der Vorfahren, wie zum Spalier angetreten und darauf wartend, endlich nach Hause zurückkehren zu dürfen. Ich will hoffen, dass man die Steine freiwillig zurückgebracht hat, aus Einsicht, aber irgendwie will es mir nicht so ganz gelingen, daran zu glauben.

Es wird sicher noch viele Jahre dauern, die Blöcke wieder an ihren alten Platz zu befördern, und den Archäologen wird dieses Puzzle bestimmt noch so manches Kopfzerbrechen bereiten. Sie sind um ihre Aufgabe nicht zu beneiden, trotz leistungsfähiger Computer. Doch lässt sich wohl kaum auch nur ein einziges Beispiel finden, durch das der Beweis angetreten werden könnte, dass es leichter ist, etwas wieder zusammenzufügen als es zu zerstören.

Als wir die Ruinenstätte durch einen Hohlweg verlassen, werfe ich einen Blick zurück. Im Gegenlicht hebt sich der Tempel noch viel schärfer gegen den Himmel ab und die Mauern, in Schatten getaucht, umgibt eine geradezu mystische Aura. Ein Angehöriger des Wachschutzes steht am Rande der Plattform aus fugenlos zusammengefügten Quadern und wie ein einsamer Verteidiger gegen eine Übermacht von Feinden will er nicht von seinem Platz weichen. Ich lasse geraume Zeit verstreichen, um ihm die Chance zu geben, endlich zu verschwinden, doch er bleibt wie angewurzelt stehen und beäugt mich aufmerksam, gerade so, als fürchtete er, ich könnte zurückkommen und Steine aus der Mauer stehlen.

Zuerst ärgere ich mich, weil ich den Tempel einmal ganz ohne Menschen in ein Foto bannen möchte, doch als ich dann ein paar Aufnahmen mache, will mir scheinen, die winzige menschliche Figur am Rande der Plattform sei so etwas wie der unsterbliche Wächter dieses Heiligtums: Durch die Zeiten hindurch hütet er die Wohnstätte des Sonnengottes.

Der Himmel hat sich mittlerweile bedeckt und ein paar vereinzelte Wattewolken schwimmen gemächlich wie Treibeisschollen durch das Blau. Manchmal schieben sie sich für Sekunden vor die blendend weiße Sonnenscheibe. Dann gleißen sie silbrig und scheinen von innen heraus zu glühen und wenn die Wolken dann weiterziehen, ist es, als habe der Gott geblinzelt.

Bahía por siempre y para siempre

Der Tag, an dem wir von Bahía Abschied nehmen, ist grau und trüb. Meer und Himmel verschmelzen miteinander, so dass das Auge zwischen den Elementen kaum zu unterscheiden vermag. Fast scheint es, die Welt wäre in ihren ursprünglichen Zustand zurückversetzt, da Himmel und Meer noch nicht voneinander geschieden und alles noch Eins war. Der Ozean brandet donnernd gegen die Küste und es fällt mir nicht leicht, das Gefühl der Melancholie zu bezwingen, das mich beim Gedanken an den Abschied so schmerzlich überkommt. Es ist das letzte Mal, dass wir den Pazifik sehen. Ein blinder Himmel hängt gleichgültig über der Stadt, die so leer wirkt, als hätten die Menschen ihr für immer den Rücken gekehrt.

Wir verlassen Bahía in dem Gefühl, dass es keine Rückkehr geben wird. Gefühle können bekanntlich täuschen – und ich hoffe sogar, dass ich mich irre –, aber der Morgen, an dem wir aus der Stadt fortgehen, lässt uns zurück mit der quälenden Gewissheit eines endgültigen Abschieds, eines Abschieds ohne Wiederkehr.

Unser Entschluss steht fest und die Entscheidung ist bereits vor langer Zeit gefallen: Wir werden Ecuador verlassen. Unsere innige Verbundenheit mit der Stadt und ihren Menschen, mit der Familie und den Freunden vermag nichts daran zu ändern – sie macht uns den Abschied nur schwerer. Selbst der noch so starke Wunsch, die unbeschwerte Zeit möge niemals enden, kann nicht verhindern, dass wir am Ende des Tages in Guayaquil sein werden und nur wenige Wochen später in Berlin. Die Zeit vergeht und irgendwann ist auch dieses Stück Leben, von dem man glaubte, es würde ewig dauern, einfach bloß vorbei.

Unsere Zeit in Ecuador mag fast abgelaufen sein, doch unser Abenteuer muss erst noch seinen würdigen Abschluss finden. Das letzte Kapitel unserer Reise wartet darauf, geschrieben zu werden. So viel in diesem Land harrt noch der Entdeckung, so viel muss noch mit eigenen Augen geschaut werden, in so viel Erleben muss noch geschwelgt werden. Ein ganzes Leben reichte dafür kaum aus, geschweige denn dieses eine, viel zu kurze Jahr, das uns für Erkundungen zur Verfügung stand, und das sich nun unerbittlich seinem Ende neigt.

Bevor wir zurückkehren auf die andere Seite der Welt, wollen wir ein letztes großes Unternehmen wagen, das der donnernde Schlussakkord unserer Odyssee sein soll. Es wird die letzte Reise sein, die wir in Ecuador unternehmen. Manche der Wege, auf denen wir das Land durchqueren werden, sind uns bereits vertraut, andere werden wir erkunden.

Von Bahía aus folgen wir der Küste in südlicher Richtung und nach einem kurzen Zwischenstopp in Montecristi, wo wir der Ciudad Alfaro einen neuerlichen Besuch abstatten, führt uns der Weg ein weiteres Mal nach Guayaquil und 444 Stufen hinauf über die Stadt. Über die Pässe der Cordillere gelangen wir nach Cuenca, wo wir Orte besuchen, an denen wir noch nie zuvor gewesen sind, und kulinarischer Genüsse teilhaftig werden, die niemand hier vermutet hätte. Ingapirca wird eine vertraute Station auf unserem Weg sein, doch von hier an folgen wir der abenteuerlichen Route ins Unbekannte.

Riobamba liegt noch an der Panamericana. Von diesem verschlafenen Andenstädtchen nimmt auch der Weg seinen Ausgang, auf dem wir zum Chimborazo reisen, den höchsten Berg Ecuadors. Unser unwiderstehlicher Aufstieg wird uns bis in die eisigen Höhen der Tierra helada führen und weder die Elemente – Wind und frostige Temperaturen – noch unsere lachhaft dilettantische Ausrüstung werden den Gipfelsturm vereiteln. Ein übellauniger Parkranger wird uns stattdessen zur Umkehr anhalten.

Von den windigen Gletscherhöhen aus führt unser Weg geradewegs in den Urwald: Bei Ambato, das wieder an der Panamericana liegt, zu der wir zurückkehren, nachdem wir den Chimborazo um ein Haar bezwungen haben, vollführen wir einen Schwenk nach Osten ins Amazonas-Tiefland, vorbei am berühmten Baños. In Puyo umfängt uns zum ersten Mal der Regenwald in verschwenderischer Pracht und von hier aus geht es zu unserer nächsten Etappenstation nach Tena, das als das eigentliche Tor zum Oriente gilt. Durch dichten Wald führt die Reise weiter nach Norden und über Baeza finden wir schließlich glücklich zurück ins vertraute Cumbayá.

Wir sind viel gereist, wir haben viel gesehen und viele Orte in Ecuador besucht, aber mein Herz hängt an Bahía. Am liebsten hätte ich das ganze Jahr hier verbracht. Doch unsere Besuche konnten immer nur Stippvisiten bleiben, kaum länger als ein paar Tage, und dann kehrten wir schon wieder in den Alltag zurück.

Bahía ist eine Stadt, wie man keine zweite in Ecuador findet. Die ganz besondere Atmosphäre lässt sich nur schwer beschreiben und wer hier noch nie gewesen ist, kann nicht verstehen, worin die Faszination dieses Ortes liegt. Aber jemand, der in seinem Leben noch nie das Meer gesehen hat, vermag sich ja auch nicht vorzustellen, wie machtvoll der Ozean nach seiner Seele greift, bis er ihn dann mit eigenen Augen sieht. Bahía wird immer einen Platz in meinem Herzen haben. Bahía de Caráquez, du Schöne – wir werden dich vermissen.

Die Mitte der Welt

Von Quito aus fuhren wir auf der Panamericana Norte zunächst Richtung San Antonio de Quito, einem Vorort der Hauptstadt am äußersten nördlichen Ende. Es ist verblüffend, wie schnell sich die Landschaft verändert: Die Gegend um Cumbayá ist grün und ganze Landstriche wirken geradezu lieblich, fast schon mediterran, doch hier, nur wenige Kilometer außerhalb der Stadt, sieht man allein kahle Berge, an deren Flanken sich schwärzliche Reste von Vegetation klammern gleich den verkohlten Hautresten an einem gerösteten Meerschweinchen. Das Land sieht aus, als wäre erst kürzlich eine verheerende Feuersbrunst darüber hinweggerollt und von dem üppigen Garten Eden, den der Besucher unter dem Tropenhimmel zu finden erwartet, blieben nur Ruß und Staub. Das einzige Lebendige in dieser toten Landschaft ist der sich ständig verändernde Himmel mit seinen Dramen aus Wolken und Licht. Doch ich habe Fotos von 1992, als ich Ecuador zum ersten Mal besuchte, und schon damals erschien die Gegend genauso karg und wüst wie heute.

In Quito ist billiges Bauland knapp und hier wie auch in anderen Vororten der Stadt ziehen sich die Wohnviertel mehrere hundert Meter an den Flanken der Berge hinauf; manchmal sieht es so aus, als wären die Häuser bloß Schwemmgut, von einer Tsunami-Welle auf die Hänge geworfen. Man hat es ausnahmslos mit einfachen Betonkästen zu tun, zwei Fenster und eine Tür sind wie Augen und Mund die Öffnungen nach draußen. Die Behausungen haben alle dieselben Proportionen und ihre Besitzer fanden es angezeigt, dem tristen Beton durch einen Anstrich in bunten Pastelltönen einen fröhlicheren Anschein zu geben.

Die Bebauung ist nicht sehr dicht und die Front der Häuser zeigt immer zur Talseite, so dass durch schieren Zufall ein geordnetes Muster entsteht. So hat man manchmal den Eindruck, jemand hätte versucht, ein abstraktes Kunstwerk zu schaffen, indem er bunte Schuhkartons in der Einöde verstreute. Manche der Häuser stehen in schwindelerregender Höhe und der Ausblick von dort muss atemberaubend sein. Allerdings habe ich keine Straßen gesehen, die dorthin führen, so dass ihre Bewohner sich wahrscheinlich jeden Tag die steilen Hänge hinaufschleppen müssen. In der dünnen Höhenluft Quitos komme ich manchmal schon außer Atem, wenn ich nur ein paar Treppen steige. Die Leute, die auf den Hängen wohnen, müssen unglaublich fit sein.

Die Straße nach Mindo führt direkt am Monument „Mitad del Mundo“ vorbei, der „Mitte der Welt“. Gleich gegenüber befindet sich das futuristische Hauptquartier der Unasur (Unión de Naciones Suramericanas), der Union der südamerikanischen Nationen. Man hätte kaum eine passendere Stelle zum Versammlungsort der Länder eines ganzen Kontinents bestimmen können als diesen Punkt direkt auf dem Äquator. Tatsächlich bedeutet Quito, der Name der Hauptstadt, in der Sprache des Volkes der Quitu-Cara, das die Gegend bis zur Ankunft der Spanier bewohnte, „Mitte der Welt“.