Berlin – Bahía: ein Jahr, ein Tag

Berlin im August 2017. Meine Frau ist für einen längeren Erholungsurlaub nach Ecuador geflohen zurückgekehrt – ein Jahr an der Spree reichte aus, um unser Nervenkostüm bis an den Rand der Belastbarkeit zu strapazieren. Kaum ein Tag vergeht, an dem ich nicht wünschte, an den Pazifik zurückzukehren. Zumindest für einen von uns hat sich dieser Wunsch erfüllt.

Berlin kann einen wirklich fordern. Der Alltag hat einen fest im Griff, aber Flucht ist ebenso ausgeschlossen wie Erlösung. Man ist bloß noch ein winziges Rädchen in der mehr oder weniger gut geölten Maschinerie des Lebens oder was man dafür halten mag. Der Daseinszweck beschränkt sich darauf zu funktionieren. Aber selbst Maschinen müssen hin und wieder in die Werkstatt. Menschen brauchen so etwas nicht: Wie Rädchen drehen sie sich so lange, bis sie kaputtgehen.

Und die Leute? Mit guten Manieren kommt man in Berlin nicht weiter und ohne es zu merken, hat man schlechte Laune, die hier in der Stadt chronisch ist und so verbreitet zu sein scheint wie die Schwindsucht bei Victor Hugo. Schon bald gebärdet man sich genauso ruppig wie der Rest der Stadt, dabei will man doch einfach nur in Ruhe gelassen werden.

Meine Frau hat dem Verdruss Lebewohl gesagt und ist in freundlichere Gefilde ausgewichen. In Bahía empfängt sie tropisches Laissez faire und die Geruhsamkeit eines Alltags, der an einen Bingo-Abend in der Seniorenresidenz erinnert. Bahía ist ruhig, sehr ruhig, jedenfalls gerade ruhig genug, um den gereizten Nerven die dringend benötigte Ruhepause zu gönnen.

Aus der Stadt am Pazifik gibt es gute Neuigkeiten zu vermelden: Nach dem Erdbeben ist Bahía auf dem besten Weg, zu altem Glanz zurückzufinden. Das muss man nicht ganz wörtlich nehmen, denn die Stadt war nie der Ort, der seine Besucher zu beeindrucken suchte. Die gravierendsten Schäden sind beseitigt, wenn es auch sicher noch Jahre dauern wird, bis alle Wunden geheilt sind, aber alles deutet darauf hin, dass es allmählich wieder bergauf geht mit der Stadt am Pazifik.

Das Leben ist auf die Straßen zurückgekehrt. Die Strandpromenade füllt sich wie vordem mit sonnenhungrigen Touristen, die Zahl der Übernachtungen steigt und die Bars und Restaurants verzeichnen endlich wieder höhere Umsätze. Das Stadtbild wirkt entschieden verändert, da die meisten der himmelstürmenden Hoteltürme eingestürzt sind oder abgerissen werden mussten – Grund genug, einen Neustart zu wagen. Und die Menschen haben neues Selbstvertrauen geschöpft und vor allem haben sie Zutrauen in die eigene Kraft gewonnen: Schon beginnt man sich zu organisieren, um der schwächelnden Stadtverwaltung mit Elan und Eigeninitiative unter die Arme zu greifen. Bahía, die Stadt am Pazifik, nimmt das Schicksal in die eigenen Hände.

Henry´s Sports Café, das Etablissement meines amerikanischen Namensvetters, profitiert von dem allgemeinen Aufschwung. Das Beben hat alle Gebäude an der Wasserfront einstürzen lassen – bis auf Henrys Café. Und so eröffnet sich dem Besucher der Location seit Neuestem ein phantastischer Blick über den Mündungstrichter des Río Chone und über den Pazifik – sicher ein Grund mehr, Henry einen Besuch abzustatten und im Genuss der göttlichen French Toasts zu schwelgen, die der allzeit entspannt wirkende Chef mit eigener Hand zubereitet.

Wie man hört, haben sich die Geschäfte spürbar belebt, und zu wünschen wäre es Henry, denn schließlich hält man eine Durststrecke, wie sie die Stadt nach der Katastrophe erlebte, nicht ewig durch. Sicher wird man nun wieder das eine oder andere Craftbeer ausschenken (ich liebe false friends: Kraftbier) und vielleicht wird das eine oder andere davon auch einmal über den Durst getrunken werden (oder schlecht gewesen sein, zumindest das letzte). Ich hoffe, die lustigen Hörnerhelme stehen noch immer auf dem Tresen, damit man sich im Falle eines Schamversagens auch einmal so richtig lustig danebenbenehmen kann.

Dany´s Gym, das coolste Fitnessstudio in ganz Bahía (und in Ecuador und überhaupt), hat seine Pforten nach wie vor geöffnet. Der leistungswillige Eisenjünger und die rekordaffine Extrem-Athletin sind jederzeit willkommen, aber genauso alle anderen, auch wenn sie nicht den Wunsch verspüren, in jedem Training über sich hinauszuwachsen, sondern einfach nur gut trainieren möchten. Und gut trainieren, das kann man in Dany´s Gym in der Tat (und manchmal auch über sich hinauswachsen).

Der Besitzer hat übrigens bei mir anfragen lassen, ob ich 110-Pfund-Hanteln hätte (das sind ca. 50 kg). Er wolle sie für sein privates Training kaufen. Meine eigenen lassen sich aber lediglich mit läppischen 35 kg beladen und so kam das Geschäft nicht zustande. Was man mit 50-Kilo-Kurzhanteln anstellen kann? Bankdrücken fiele mir ein, fünfzig Kilo auf jeder Seite, aber sonst? Ich könnte damit freilich noch Curls machen, einarmig, versteht sich, aber nur, wenn ich gut aufgewärmt bin …

Ich beneide meine Frau nicht oft, denn alle offensichtlichen Vorzüge, die sie im Vergleich zu mir hat, und alle lobenswerten Eigenschaften, die sie besitzt und die mir dagegen vollkommen abgehen, werden mehr als aufgewogen durch den Umstand, dass sie Lehrerin ist. Das wiegt schwer. Doch um eines beneide ich sie ganz sicher, nämlich darum, dass sie nun in Bahía ist, wo ich doch im Berliner Sommer (Kann es einen größeren Euphemismus geben?) ausharren und darauf hoffen muss, dass wir wenigstens einen goldenen Herbst bekommen. Ich höre mich schon an wie mein eigener Opa!

Ich gönne ihr die Zeit in ihrem Refugium der Ruhe und des Friedens und ich wünschte, ich könnte bei ihr sein. Oceano pacífico bedeutet wörtlich „Friedlicher Ozean“ und friedlich geht es in Bahía fürwahr zu. Ich wünsche ihr, dass sie genug Kraft schöpft für ein ganzes langes Schuljahr. Ich wünsche ihr außerdem, dass sie die letzte Etappe ihrer Reise, gewissermaßen den Gipfelsturm ihrer Tour um die halbe Welt unbeschadet übersteht: den Shopping-Marathon in Miami. Merkwürdig, aber der verregnete Berliner Sommer will mir mit einem Mal viel angenehmer erscheinen. Ich weiß auch schon, mit welchem Satz sie in die Tür fallen wird: Ich bin vollkommen erschöpft.

[Anmerkung: Alle Bilder in diesem Post wurden im August 2017 aufgenommen. Auf manchen liegt ein weicher Schmelz, als wäre die Aufnahme durch einen Filter gemacht worden. Wahrscheinlich war aber die Linse bloß mit Sonnencreme verschmiert.]

Berühmte Gipfelstürmer

Wir nähern uns dem Chimborazo mit fast derselben leidenschaftlichen Entschlossenheit wie der berühmte Forschungsreisende, dessen Andenken sich für den Rest der Menschheitsgeschichte mit dem Namen des Vulkans verbunden hat: Kein Geringerer als Alexander von Humboldt, preußischer Aristokrat und im Nebenberuf Universalgelehrter, wagte im Jahre 1802 zusammen mit seinem Reisegefährten Aimé Bonpland den Aufstieg. Wenn das verwegene Unternehmen auch angesichts der Monumentalität der Aufgabe scheitern musste – vor allem infolge der Unzulänglichkeit der Ausrüstung wie fehlender Höhenanpassung –, hat doch Humboldt mit dem heroischen Aufstieg seinen Namen für alle Zeit im Gedächtnis der Menschheit verewigt.

Als Humboldt vor über zweihundert Jahren das in weiten Teilen noch unerforschte Spanisch-Amerika bereiste, gab es natürlich keine Panamericana, keine Autos und keine Hotels, wie wir sie heute kennen. Wenn die Reisenden es gut trafen, durften sie sich der Gastfreundschaft eines reichen Landbesitzers erfreuen oder eines Beamten, der sich durch sein Entgegenkommen der Fürsprache des prominenten Reisenden zu versichern hoffte.

Humboldt war ein Gast, den man gern begrüßte, denn nicht nur der Ruf des berühmten Forschers eilte ihm voraus, er hatte auch ein unfehlbares Gespür dafür, was sich als Gast ziemte: Ausführlich – mit preußischer Gründlichkeit geradezu – berichtete er von seinen Abenteuern; vor allem aber verstand er Forschung als spannende und höchst unterhaltsame Story zu präsentieren. Seine Gastgeber waren hellauf begeistert und Wissenschaft sollte nie wieder so amüsant sein.

Viele Gegenden des amerikanischen Kontinents waren jedoch so spärlich besiedelt, dass die Expedition oft unter freiem Himmel genächtigt haben dürfte. Das Reisen in jener Zeit war überaus beschwerlich und allerorten lauerten Gefahren; von Komfort, wie er uns Heutigen selbstverständlich ist (und wie wir ihn auch erwarten), konnte keine Rede sein. Reisen, das war vor allem Abenteuer – damals sehr viel mehr noch als heute.

Angesichts der Strapazen, wie sie Humboldt und seine Mitstreiter zu gewärtigen hatten, mag eine mehrstündige Autofahrt auf der Panamericana geradezu lächerlich anmuten. Doch man wird dabei in Rechnung stellen müssen, dass es uns nicht nur an Gewöhnung mangelt, Härten und Widrigkeiten aller Art klaglos zu ertragen, sondern mit Sicherheit auch an der geradezu aberwitzigen Entschlossenheit Humboldts, die er in seinen Unternehmungen nicht nur einmal unter Beweis stellte. Der Mann war ein Besessener, der nicht davor zurückschreckte, um einer Erkenntnis willen das eigene Leben in die Waagschale zu werfen.

Von Ingapirca aus folgen wir der Panamericana nach Norden. Unser Ziel ist Riobamba, die größte Stadt jener Anden-Provinz, die den Namen des Chimborazo trägt – wir nehmen es als gutes Omen. Wer sich gern von Vulkanen und der fremdartigen Landschaft zu ihren Füßen bezaubern lässt, könnte in keinem anderen Land der Welt ein bereitwilligeres Feld für seine Leidenschaft finden. Ecuador ist wie gemacht für den unternehmungslustigen Hobby-Vulkanologen, zumal er zu den meisten der feuerspeienden Berg auf gut ausgebauten Straßen gelangt.

Von Nord nach Süd, entlang der Achse der Anden, schlängelt sich die Panamericana. Viele der Vulkanriesen kann man von der berühmten Straße aus sogar sehen, und die, die dem Auge verborgen bleiben, erreicht man bequem mit dem Auto. Eine seltene Ausnahme bildet der Sumaco, der in einem Schutzgebiet mitten im Urwald liegt; um dorthin zu gelangen, sollte man sich für einen dreitägigen fordernden Fußmarsch wappnen. Doch oft führen die Straßen sogar direkt bis zum Fuße des Berges oder, wie im Falle des Chimborazo, bis hinauf zu den Ausläufern der Gipfelgletscher – sofern man ein Auto hat, das mit Schotterstraßen und moderaten Steigungen fertig wird.

Stadt ohne Menschen

Ein letztes Mal müssen wir Canoa besuchen. Wir müssen, denn ohne diesen letzten Gruß erschiene unser Fortgang wie eine Flucht ohne ein Lebewohl und wie ein Abschied ohne das Versprechen einer Wiederkehr. Wir möchten noch einmal in dem einzigartigen Flair der Strandkommune schwelgen, noch einmal die Erinnerung an unsere zahlreichen Besuche im „Bambú“ mit einem opulenten Mahl feiern, noch einmal den Atem des Meeres fühlen, noch ein letztes Mal die Kraft der tropischen Sonne spüren, damit wir davon zehren können im kalten, dunklen Winter.

Nichts von alledem sollte geschehen. Seit dem Beben ist dieser Ort, wie so viele Orte an der Küste, nicht mehr der alte. Die Fröhlichkeit, die Unbeschwertheit, die sorglose Ausgelassenheit von früher sind dahin. Nichts von dem, was das alte Canoa ausmachte, scheint noch vorhanden. Die Stadt ist in einem so trostlosen Zustand, dass man weinen möchte: Alle Restaurants, alle Surf- und Yogaschulen, alle Hotels und Pensionen, alle Bars und Clubs sind geschlossen. Zu diesem Trauergemälde passt, dass an diesem Tag die Wolken grau und schwer über dem Meer liegen. Das aschbleiche Licht lässt die Farben verblassen, als sauge ein kummervoller Himmel der Welt unter ihm das Leben aus.

Auf den Straßen, die sich doch um diese Zeit (gerade sind Ferien) für gewöhnlich mit Sonnenanbetern, Vergnügungs- wie Erholungssuchenden gleichermaßen bevölkern, treffen wir kaum auch nur einen einzigen Menschen an. Canoa wirkt, als hätten seine Bewohner die Stadt in einem kollektiven Exodus verlassen. Und die, die dageblieben sind – wir treffen nur wenige an –, scheinen irgendwie traumatisiert.

Die fröhlichen Gesichter sind verschwunden. Alles ist leer und verlassen, Canoa ist vereinsamt wie eine Goldgräberstadt, nachdem das letzte Nugget aus dem Sand gewaschen wurde. Die Türen sind verrammelt, die Fensterläden geschlossen, am Straßenrand steht nicht ein einziges Auto. Selbst der herrliche Strand wirkt an diesem Tag so verwaist wie die Küste eines unberührten Eilands. Eine merkwürdige Stille liegt über diesem Ort, der doch nie Stille kennengelernt hat, und außer der Meeresbrandung hört man nichts. Wir scheinen die einzigen Lebewesen zu sein, die sich an diesem Tag hierher verirrt haben.

Unser erster Weg führt zum „Bambú“. Der Gästeraum ist leer und dunkel und vor dem Restaurant steht nicht ein einziger Wagen. An einem normalen Tag könnte man die Autos stapeln, aber heute sind die Straßen leer, als hätte man ein landesweites Fahrverbot verfügt. Uns beginnt zu dämmern, dass wir hier wohl nicht essen würden. Erst jetzt bemerken wir, dass die Küche geschlossen ist. Zwei Mitarbeiter sind offenbar mit Umbauarbeiten beschäftigt. Ansonsten sehen wir niemanden.

Wir fragen die Leute, ob das Lokal heute öffne, aber sie sehen uns so verständnislos an, als wären wir die einzigen, die noch nicht davon gehört haben: Das „Bambú“ öffne erst wieder am Ende des Jahres – vielleicht, so setzt man zögernd hinzu. Man hoffe, dass sich bis dahin wieder Gäste einstellen werden. Wir versichern der Crew, mit uns könnte man fest rechnen. Wir seien gewissermaßen Stammgäste, denn wann immer wir uns in Canoa aufhielten, besuchten wir selbstverständlich das „Bambú“. Wir wünschen den Leuten viel Glück – viel mehr können wir nicht für sie tun. Ich habe den Eindruck, Glück hätten sie viel nötiger als wir.

Was ein Spaziergang durch Canoa werden sollte, gleicht mehr einer Wanderung durch einen Ort, den das Glück verlassen hat. Die Stadt wirkt entvölkert – man hat den Eindruck, ihre Bewohner wären vor einem apokalyptischen Ereignis geflohen. Ich komme mir vor wie ein Katastrophentourist. Tatsächlich finden wir ein Restaurant, das geöffnet hat – es scheint das einzige in ganz Canoa zu sein. Da auch wir die einzigen Besucher in der Stadt sind, sitzen wir recht einsam im Gästeraum. Die Besitzerin jedenfalls scheint sich auch gehörig darüber zu wundern, dass es doch tatsächlich Leute gibt, die es in die Stadt zieht. Warum sie das Lokal überhaupt öffnete, da doch niemand hier ist, muss allerdings ein Rätsel bleiben.

Wir haben kein gutes Gefühl angesichts der Aussicht, inmitten all des Elends fröhlich zu speisen. Noch bevor wir die Bestellung aufgeben, suchen wir das Weite. Unser Auszug wirkt wie eine Flucht und das ist er in der Tat. Das Herz Canoas hat aufgehört zu schlagen und es bleibt abzuwarten, ob der Patient reanimiert werden kann. Es wäre nicht richtig gewesen, eine schöne Vergangenheit zu simulieren, wo doch die Gegenwart in Scherben liegt. Wir werden wiederkommen, ein Andermal, aber wir werden wiederkommen. Wir haben so viele schöne Stunden in Canoa verlebt, dass es uns fast wie ein Verrat vorgekommen wäre, die Stadt jetzt im Stich zu lassen. Doch alles, was wir ihr im Augenblick geben können, ist unser Mitgefühl.

Noch einmal Canoa

An einem Nachmittag fahren wir nach Canoa. Ein letztes Mal wollen wir eintauchen in die Unbeschwertheit, in die Leichtigkeit der Strandkommune. Wir wollen den fröhlichen Ort besuchen, den ein partywütiges Völkchen dazu auserkoren hat, tagein, tagaus auf das Vergnüglichste seine Vermählung mit dem Meer zu feiern.

Das einstige Fischerdorf hat sich über die Jahre zu einem Hotspot für alle entwickelt, die neben präkolumbianischer Kunst und Architektur, kolonialer Pracht und hinreißenden wilden Landschaften auch das Vergnügen nicht zu kurz kommen lassen wollen. In Canoa gibt es Surf- und Yogaschulen, man kann mit dem Motordrachen über den Strand gleiten oder auf dem Rücken eines Pferdes darübergaloppieren. Dutzende von Restaurants in unterschiedlichen Preisklassen und ebenso viele Pensionen und Hotels offerieren dem Besucher ihre unverzichtbaren Dienste. Zwar ist der Ort weit von den gefürchteten Exzessen so manches berühmt-berüchtigten Ferienortes entfernt, doch kann der vergnügungswillige Reisende auch hier feiern, als gäbe es kein Morgen.

Kristallisationspunkt für die Entwicklung vom verschlafenen Dorf an der Pazifikküste hin zur gefragten Urlauber-Destination ist das „Bambú“. Beim „Bambú“ handelt es sich um eine Hotelanlage mit angeschlossenem Restaurant. Wie der Name schon verrät, sind alle Gebäude, einschließlich des Restaurants, aus Bambus, dem haltbaren Naturbaustoff, gefertigt. Der Besitzer und Initiator ist ein Holländer, der sich Anfang der achtziger Jahre in den Ort verliebte. Als er damals sein Hotel zu bauen begann, gab es nur Strand und Fischerhütten.

Bambusarchitektur war damals etwas ganz Neues und auch heute noch ist sie in Ecuador weit davon entfernt, alltäglich zu sein. Über die Jahre hat das Projekt an Fahrt aufgenommen und immer mehr Menschen entdeckten Canoa als einen Ort, an dem Träume noch wirklich wahr werden können. Südlich des „Bambú“ und direkt in seiner Nachbarschaft entstanden bald weitere Hotels, Pensionen, Restaurants und Bars, zu denen sich binnen Kurzem Strand-Boutiquen, Surf- und Yogaschulen gesellten. Doch das „Bambú“ blieb einzigartig und das Original zieht heute wie damals Scharen von Gästen aus Nah und Fern an.

Wann immer wir in Bahía Urlaub machen, unternehmen wir einen Abstecher nach Canoa. Allein das Essen im „Bambú“ würde die Fahrt schon lohnen, doch das eigentliche und unübertroffene Glanzstück sind die herrlichen Strände – man wird schwerlich einen schöneren Platz auf diesem Planeten finden. Es hätte sich nicht „richtig“ angefühlt, wenn wir Bahía Lebewohl gesagt hätten, ohne wenigstens ein letztes Mal die Strandkommune besucht zu haben.

Die Atmosphäre ist einfach unbeschreiblich und man fühlt sich augenblicklich in eine Welt versetzt, in der die Gesetze der Schwerkraft nicht mehr zu gelten scheinen. Dies mag aber vor allem an den vielen Joints liegen, mit denen sich hier – will man den Gerüchen glauben – jeder nur immerzu einen Trip in stratosphärische Höhen zu verschaffen sucht. Doch nicht immer braucht es Stimulanzien, um in Stimmung zu kommen: Wenn ich Sonne, Meer und Strand habe, möchte ich vor Glück geradezu bersten. An einem Nachmittag packten wir also die Sachen für den Strand und machten uns auf nach Canoa, das pazifische Eldorado für Erholungssuchende und Spaßsüchtige.

Kost und Logis

Cuenca ist auf Besuch eingerichtet: Fast in jeder Straße findet der Reisende eine Pension, nahezu an jeder Ecke ein Hotel. Die meisten jener Etablissements sind in alten Bürgerhäusern untergebracht, die zum Teil aufwändig restauriert und dabei oft geschmackvoll und auch sehr behutsam umgestaltet worden sind, so dass der ursprüngliche Charakter des Ortes erhalten blieb. Die Übernachtung ist in der Regel nicht ganz billig, aber dafür logiert man auch in angenehmem Ambiente.

Die „Cuenca Suits“, in denen wir das Glück haben, zwei Nächte zu wohnen, sind zwar ein neues Hotel, doch der Bau fügt sich perfekt in die örtlichen Traditionen ein – auf den ersten Blick würde man nicht vermuten, dass das Haus nicht schon immer hier gestanden hat. Betrieben wird das Hotel von einem dänisch-ecuadorianischen Paar. Alles ist neu, hochwertig und schön. Das Innere wirkt weitläufig wie das Herrenhaus einer großen Hacienda. Wir wohnen in einem riesigen Studio mit eigener Küche, und obwohl wir zu dritt sind, fühlen wir uns nie beengt. Man merkt an der ganzen Anlage und der Ausgestaltung, dass die Hotelbesitzer die Welt gesehen haben: Die Ausstattung ist modern, funktional und entspricht gehobenem westlichen Standard. Ich möchte bezweifeln, dass man in einem gewöhnlichen Hotel in Berlin einen solchen fast schon luxuriösen Wohnkomfort erwarten darf. Fast sind wir ein wenig neidisch, denn solch eine schöne Wohnung hätten wir uns für Cumbayá gewünscht.

Cuenca bietet seinen Gästen aber nicht nur erstklassige Übernachtungsmöglichkeiten, selbstverständlich ist auch für das leibliche Wohl der Besucher gesorgt. Die Restaurants in der Stadt bieten eine gute Auswahl an nationalen wie internationalen Spezialitäten. Einmal essen wir ein sehr leckeres Kebab und bei anderer Gelegenheit kehren wir im „Angelus“ ein. Das „Angelus“ ist eines jener typischen Restaurants wie man sie wohl in allen Universitätsstädten finden kann. Den Hauptteil des Umsatzes bestreiten ohne Zweifel die Studenten, die hier ihren Mocaccino trinken und Lemon pie, Cookies, Pizza und Sandwiches essen. Man sieht auch einige Touristen, die Hunger, Entdeckerlust oder ein zielloser abendlicher Stadtspaziergang hierhergeführt haben mögen.

Wahrscheinlich trägt das Restaurant seinen Namen, weil es an der Plaza gegenüber der Kirche liegt. Eigentlich ist Restaurant eine irreführende Bezeichnung, denn in Wirklichkeit haben die Besitzer mit dem Laden den Traum von einem American Deli verwirklicht. Das „Angelus“ ist recht nobel im Schatten einer Arkade untergebracht und es breitet sich über zwei Etagen aus. Im Erdgeschoss findet man den Verkaufstresen, der riesig wie eine Betonmole im Laden liegt. Eine Wahl trifft man nur unter größten Schwierigkeiten, denn das Angebot ist überwältigend und dazu sieht alles auch noch wirklich lecker aus.

Lange Autofahrten schlagen mir immer auf den Magen und ich habe dann nie sonderlich Appetit auf etwas Herzhaftes. Meist begnüge ich mich einem Dessert. An diesem Abend sind es vier Kugeln Eiscreme von „Nice Creme“. Doch bei den anderen scheint die lange Fahrt den Appetit erst so richtig angeregt zu haben und sie bestellen Gerichte, bei denen man sicher sein kann, dass sie so einen knurrenden Magen auch zuverlässig zur Raison bringen. Mein Sohn ordert eine so gesuchte Spezialität wie Pizza peperoni, den seltenen und gleichermaßen exotischen Gourmet-Klassiker der einheimischen Küche. Nichts ist so ecuadorianisch wie Pizza peperoni (in Berlin würde man dazu schlicht Pizza Salami sagen)!

Erdbeben in Ecuador

Vorgestern Abend hat es in Ecuador ein starkes Erdbeben gegeben. Das Epizentrum des Bebens lag bei Muisne an der Küste in der Provinz Esmeraldas und es hatte eine Stärke von 7,8 auf der Richter-Skala (Esmeraldas ist die Küstenprovinz, die im Norden an Manabí grenzt). Die größten Zerstörungen sah man aber nicht in Esmeraldas selbst, sondern in Manabí. Wie man hört, sei die Stadt Pedernales dem Erdboden gleich gemacht worden. Pedernales liegt nur etwa anderthalb Autostunden nördlich von Bahía de Caráquez. Auch Portoviejo, die Provinzhauptstadt, sei stark in Mitleidenschaft gezogen: Etwa siebzig Prozent der Stadt sollen zerstört sein.

Man spricht inzwischen von Hunderten von Toten infolge des Bebens. Der Ausnahmezustand wurde verhängt, doch schnelle Hilfe können die betroffenen Regionen nicht erwarten, denn die Straßen sind unpassierbar und schweres Räumgerät, mit dem man Eingeschlossene zu retten hofft, kann nur schleppend in die von der Katastrophe heimgesuchten Regionen verlegt werden: Viele der in den letzten Jahren gebauten Straßen wurden durch Verwerfungen, Risse und Bodenabsenkungen entweder vollständig zerstört oder über weite Streckenabschnitte für den Kraftfahrzeugverkehr unbrauchbar.

Die medizinische Versorgung ist unzureichend und Hilfe gelangt nur langsam an die Küste. Das ganze Ausmaß der Zerstörung und die genaue Zahl der Opfer sind noch nicht bekannt, aber es ist davon auszugehen, dass die Schäden beträchtlich sind. Man muss befürchten, dass die Zahl der Toten und der Verletzten sich noch weiter erhöhen wird, denn je mehr Zeit verstreicht und je weiter die Rettungsarbeiten vorankommen, umso vollständiger wird das Bild der Zerstörung.

Auch in Bahía hat das Erdbeben viele Schäden angerichtet: Einige Häuser sind zusammengestürzt und haben die Bewohner unter sich begraben. Die Katastrophe hat deutliche Spuren hinterlassen. Auf den Fotos, die über Facebook gepostet wurden, sieht man Trümmer in den Straßen liegen. Ich kenne Bahía recht gut und die Gebäude, die durch das Erdbeben zerstört wurden, sind mir bekannt. Auf vielen Aufnahmen sieht man Risse in der Fassade der Häuser und oft kerben sich regelrechte Spalten durch das Gemäuer; der Putz ist von den Wänden gefallen und nicht selten hat es Fenster und Türen aus dem Rahmen gedrückt. Manche der Gebäude haben Schlagseite bekommen und es scheint sicher, man wird sie abreißen müssen.

Noch ist nicht genau bekannt, wie viele Opfer es in Bahía gegeben hat, aber zwei Dutzend Tote sind den ersten Schätzungen nach wahrscheinlich. Verglichen mit Städten wie Pedernales oder Portoviejo, die praktisch ausgelöscht wurden, ist Bahía jedoch glimpflich davongekommen. Die Stadt steht noch und ihre Einwohner sind am Leben. Doch es gibt Opfer zu beklagen, und jedes Leben, das in dieser schrecklichen Katastrophe verloren wurde, ist ein Leben zu viel, um das getrauert werden muss.

Das städtische Krankenhaus ist nicht auf die Aufnahme einer solch großen Anzahl von Verletzten vorbereitet. Wie man hört und wie man auf den neuesten Bildern sehen kann, hat man die Betroffenen provisorisch auf einem Platz vor der Klinik untergebracht. Dort warten sie erst einmal auf Behandlung, aber wegen des großen Andrangs kann es Stunden dauern, bis sie einen Arzt zu Gesicht bekommen. Auch die Toten hat man, mangels geeigneter Möglichkeiten, erst einmal abgelegt, wo sich gerade Platz fand.

Es gibt derzeit keinen Strom in der Stadt und die Versorgung soll erst in den nächsten paar Tagen wieder gewährleistet sein. Die Kommunikation bleibt schwierig, denn Mobiltelefone finden kein Netz – wahrscheinlich hat das Beben die Mobilfunkmasten in Mitleidenschaft gezogen – und Festnetzanschlüsse haben keine Verbindung. Man muss davon ausgehen, dass die Leitungen durch die Erdstöße gekappt wurden. Lediglich die Internetverbindungen scheinen die Katastrophe überstanden zu haben und so ist es möglich, dass Bilder und erste Nachrichten aus der Unglücksregion in die Welt hinausgelangen.

In der Familie meiner Frau, die größtenteils in Bahía lebt, gibt es glücklicherweise keine Opfer zu beklagen. Auch wurde niemand verletzt. Alle haben das Beben unbeschadet überstanden. Doch das Ereignis ging nicht vorüber ohne Augenblicke der Panik: Im Haus der Mutter meiner Frau hatte sich die Eingangstür durch die heftigen Erdstöße verklemmt und erst durch fremde Hilfe und unter rücksichtsloser Anwendung brachialer Gewalt gelang es schließlich, die Tür wieder zu öffnen. Auch die Tante meiner Frau wurde zunächst daran gehindert, aus dem Haus zu laufen, nachdem die ersten heftigen Erschütterungen vorüber waren. Das Tor lässt sich nämlich nur mit einem automatischen Türöffner, der sich in der Wohnung befindet, öffnen. Da es aber keinen Strom mehr gab, blieb das Tor geschlossen. Die Tante musste erst jemanden auf der Straße den Hausschlüssel aus der zweiten Etage zuwerfen und dieser Person gelang es dann, das Tor von außen aufzuschließen.

Die Großtanten meiner Frau – alle steuern stramm auf die Neunzig zu – pflegen sich jeden Abend vor dem Haus zu versammeln. Sie sitzen dann bequem in der Runde und lassen den Abend mit Geschichten vom Tage und fröhlichen Schwätzchen ausklingen. Oft schwatzen sie bis in die Nacht hinein und man kann es ihnen nicht verdenken, denn irgendetwas Interessantes, über das es sich zu reden lohnt, gibt es in Bahía immer. An diesem Abend war es nicht anders als an allen Abenden zuvor. Und als sie so gemütlich wie nichtsahnend vor der Haustür saßen, erzitterte plötzlich die Erde. Die Häuser schwankten wie Grashalme im Wind und eines der Gebäude, schräg gegenüber der Straßenkreuzung, an der sie sich immer zu versammeln pflegen, stürzte mit einem Mal wie ein Kartenhaus in sich zusammen. Die Tanten blieben unverletzt, doch es war ein Glück, dass die Damen, die sich alle in einem weit fortgeschrittenen Alter befinden, die Aufregung so gut verkrafteten.

Bahía hat sich in den letzten zwanzig Jahren immer mehr zu einem Urlaubsrefugium für gutbetuchte Serranos (das sind die Bewohner der Andenregion) entwickelt. An den Stränden der Stadt erkennt man sie immer am blassen Teint und daran, dass sie Socken in ihren Sandalen tragen. Die Stadt hat sich auf die zahlungsfreudigen Feriengäste eingerichtet: Über die letzten Jahre wurde das Angebot an guten Hotels und Ferienwohnungen deutlich ausgebaut und die anspruchsvolle Kundschaft weiß dieses Angebot zu honorieren, indem sie zum Beginn der Ferien immer in Scharen zur Küste pilgert. Findige Geschäftsleute wittern in dem Ferienboom das große Geschäft und nicht wenige würden ihre Seele verkaufen, um irgendwo an der Küste ihren eigenen Apartment-Komplex mit Blick auf den Sonnenuntergang in den Himmel wachsen zu sehen.

Einer jener Geschäftsleute suchte seine Chance in Bahía. An einem schönen Fleckchen, von dem aus man einen atemberaubenden Blick über den Pazifik hat, ließ er zwei Türme errichten, die einmal ein Hotel beherbergen sollten. Um das Projekt zu finanzieren, hatte der Mann sich bis über beide Ohren bei den Banken verschuldet und die Kreditgeber saßen ihm fortan wie eine Meute hungriger Wölfe im Nacken. Der Druck, unter allen Umständen erfolgreich sein zu müssen oder mit fliegenden Fahnen unterzugehen, setzte dem ehrgeizigen Bauherrn so sehr zu, dass er einen Herzinfarkt erlitt. Doch er überlebte ihn und er überstand auch alle weiteren persönlichen und geschäftlichen Krisen. Am Ende schien es sogar, er würde als Triumphator aus der Schlacht hervorgehen, denn es gelang ihm nicht nur, den Bau zu vollenden, er verwirklichte auch seinen Traum: Seit zwei Jahren war das Hotel in Betrieb.

Dann kam das Erdbeben. Eines der Gebäude stürzte wie der Turm zu Babel zusammen und begrub seinen Eigentümer unter Tausenden Tonnen Stahl und Beton. Auch seine Schwester starb in der Katastrophe. Die Leiche des Hotelbesitzers hat man bisher noch nicht finden können, denn dazu bräuchte man schweres Räumgerät, das die Küste aber noch nicht erreicht hat, und man weiß auch nicht, wann es eintreffen wird. Man geht jedoch davon aus, dass er nicht mehr unter den Lebenden weilt.

Meine Frau, meinen Sohn und mich erreichte das Erdbeben in unserer Wohnung in Cumbayá, in der Nähe von Quito. Für gewöhnlich stehe ich, wenn ich am Computer arbeite, und so merkte ich auch kaum, dass unser Haus ein wenig schwankte. Meine Sinne sind gegenüber einem Naturereignis wie einem Erdbeben, das in meinem Erfahrungsspektrum bisher nicht vorkam, noch kaum sensibilisiert und so ging alles an mir vorüber, ohne dass ich etwas bemerkte. Ich hätte auch später nichts bemerkt, wenn meine Frau nicht schreiend durch die Wohnung gerannt wäre: „Ein Erdbeben!“ Erst jetzt horchte ich auf. Unser Haus erzitterte ein paarmal sanft, dann war es auch schon vorbei. Der Hund machte vor Angst auf den Boden.

Wir gingen vorsichtshalber auf die Straße. In der Hektik hätten wir uns beinahe ausgesperrt – angesichts unserer mit Stahl armierten Hochsicherheitstür mit ihren drei Sicherheitsriegeln hätte eine solche unbedachte Flucht ein ernstes Problem bedeutet. Im letzten Moment griff ich mir aber den Wohnungsschlüssel und wir rannten durch das Treppenhaus nach unten. Zum Glück hatte ich wenigstens Hosen an, was nicht unbedingt selbstverständlich ist an einem Samstagabend, den man gemütlich in der Privatheit der eigenen vier Wände zu verbringen beabsichtigt. Meine Frau wickelte sich eine Decke um die Hüfte und sie sah nun aus wie eine Tahitianerin auf den Bildern Paul Gauguins. Man hätte sich ja auch eine Hose anziehen können, so viel Zeit wäre sicher geblieben. Aber so waren wir einige Sekunden schneller im Freien und das war alles, was im Augenblick zählte.

Vor der Tür erwartete uns ein kleines Häuflein junger Leute. Die meisten sahen genervt in die Gegend oder texteten gelangweilt in ihre Handys. Die anderen Bewohner der Anlage hatten es vorgezogen, in ihren Häusern zu bleiben und die Katastrophe dort einfach auszusitzen. Wir und die jungen Leute waren weit und breit die einzigen, die Sicherheit unter freiem Himmel suchten. Aber das will natürlich nichts heißen, denn vielleicht sind die anderen Häuser erdbebensicher gebaut und ihre Bewohner dürften sich deshalb mit Recht in Sicherheit wiegen. Wir warteten einige Minuten – es war bereits empfindlich kalt – und gingen dann zurück in die Wohnung. In unserer Urbanisation blieb es an diesem Abend ruhig. Den Rest erfuhren wir aus den Nachrichten.

Statt eines Fazits

Es ist traurig, Bahía in einem solch bemitleidenswerten Zustand zu sehen. Ich mag die Stadt. Sie ist mir über die Jahre ans Herz gewachsen wie auch ihre Bewohner. Bahía ist einer von nur wenigen Orten in Ecuador, an dem ich mir wirklich vorstellen könnte zu leben. Ecuador ist kein reiches Land und es steht zu befürchten, dass die Schäden, die das Erdbeben angerichtet hat, erst in vielen Jahren beseitigt sein werden. Die Regierung hat in der letzten Dekade große Anstrengungen unternommen, die Infrastruktur des Landes zu verbessern. Viele der neuen Straßen und Brücken, die man in den Küstenprovinzen unter großem Aufwand gebaut hat, sind nun zerstört.

Die Schäden werden nicht so schnell repariert werden können, wie dies in einem reichen Land wie etwa Deutschland mit seinem wirtschaftlichen Potential und seinen logistischen Fähigkeiten möglich wäre. Doch bei alledem darf man nicht vergessen, dass sich Straßen, Brücken und Häuser ersetzen lassen. Es mag zwar lange dauern, aber man kann neue Straßen bauen und neue Brücken und neue Häuser. Menschenleben aber sind unersetzlich und jedes einzelne Leben ist ein Verlust, der eine Lücke reist, die niemals geschlossen werden kann.

Bahía hat überlebt. Die Stadt steht seit vierhundert Jahren auf der Landzunge an der Mündung des Río Chone und in dieser Zeit hat sie so mancher Flut trotzen müssen, so manchem Sturm und so mancher Feuersbrunst. Und sie hat auch schon so manchem Erdbeben widerstanden. Bahía ist immer noch da, trotz aller Katastrophen, welche die Stadt über die Jahrhunderte heimgesucht haben, und der Überlebenswille ihrer Bewohner wird nicht zulassen, dass sie untergeht.

Ich bin zuversichtlich, dass Bahía auch diese Katastrophe überstehen wird, wie es schon alle vorangegangen Katastrophen überstanden hat. Und wenn die Toten begraben sind und wenn der Schutt in den Straßen beseitigt ist, werden die Leute auch wieder den Sonnenuntergang und das Leben feiern, wie sie es an jedem einzelnen Tag getan haben, seit die Stadt an den Gestaden des Ozeans steht. Die Toten werden nie vergessen sein, aber das Leben in Bahía wird weitergehen.

Lustige Karnevalszeit

Die Menschen reisen aus ganz verschiedenen Gründen: Manche suchen das Abenteuer, das sie in ihrem Alltag vermissen; andere hoffen im Fremden das Gewohnte wiederzufinden; wieder andere möchten ihre Schaulust befriedigen. Für mich kann eine Reise ruhig beschwerlich sein (zumindest bis zu einem gewissen Grad), am Ziel aber – und mag es auch noch so weit entfernt sein – möchte ich doch nur immer wieder in einem schönen Café landen und bei Latte macchiato und Chocolate-Chip-Cookies einen magischen Sonnenuntergang über einem unberührten tropischen Paradies genießen … oder die majestätische Ruhe über einer menschenleeren Eiswüste … oder die donnernde Brandung an einem wilden ozeanischen Gestade.

Leider findet man so selten Cafés in Eiswüsten und an einsamen Küsten. Eigentlich möchte ich mich ein wenig wie die Besucher des Restaurants am Ende des Universums im „Hitchhikers Guide to the Galaxy“ fühlen: Man sitzt in angenehmer Begleitung gemütlich beim Essen und lässt sich von der grandiosen Show bezaubern – immerhin wird man Zeuge des Anfangs, und zwar des Anfangs von so ziemlich allem. So viel muss es aber gar nicht sein. Das einsame Meeresufer würde mir schon reichen. Ich glaube, man wird zum Snob, wenn man zu viele Reiseführer liest.

Es ist Karnevalszeit und auch Mindo gibt sich willig dem Schabernack hin. Die Hauptstraße ist dicht bevölkert und viele der Leute haben ihre Cariocas dabei – zur Karnevalszeit die Waffe der Wahl. Cariocas sind Sprayflaschen, die mit Schaum gefüllt sind. Anlässlich des Karnevals ist es üblich, dass vorbeikommende Passanten gnadenlos eingeseift werden, und wenn man selber keine Carioca zur Hand hat, mit der man Vergeltung üben könnte, ist man einfach nur das willkommene Opfer. Ich halte die Fenster geschlossen, denn die Kombattanten nehmen keine Rücksicht darauf, ob ihre Opfer an dem Spaß teilhaben wollen oder nicht. Ein paarmal prallen die Attacken an der Scheibe ab und ich bin froh, dass ich im Auto sitze.

Vor uns fährt ein Truck und auf der Ladefläche sitzt ein Mädchen, nicht älter als vierzehn. Die Wagen rollen wie bei einem Autokorso im Schritttempo auf der Hauptstraße entlang und das Opfer sitzt wie auf dem Präsentierteller. Diese Gelegenheit lassen sich die bösen Jungs aus der Gegend natürlich nicht entgehen. Sie seifen das arme Ding so unerbittlich ein, dass das Mädchen am Ende wie ein Schneemann aussieht. Die Jungs aber haben ihren Spaß und lachen sich fast kaputt.

Wir halten kurz auf der Hauptstraße, denn meine Frau will Eintrittskarten für das Schmetterlingshaus und die Kolibri-Station besorgen. Mindo wird in diesen Tagen von Touristen geradezu überschwemmt, aber die Stadt scheint sich gut auf den Ansturm vorbereitet zu haben, denn es gibt kaum eine Straße, in der man einmal kein Hotel oder Hostal findet. Man fragt sich unwillkürlich, wo die Einheimischen wohnen, denn die ganze Stadt scheint ausschließlich aus Hotels, Pensionen, Restaurants und Cafés zu bestehen.

Während wir so am Rande der Hauptstraße stehen, die Warnblinklichter vorsorglich eingeschaltet (so ist es hierzulande üblich, auch wenn man keinen Unfall hatte oder eine Reifenpanne), kommt der Dorfpolizist auf uns zu und macht uns mit strenger Miene darauf aufmerksam, dass das Parken auf der Hauptstraße, übrigens der einzigen im Ort, verboten sei. Er sieht unglücklich aus, wahrscheinlich schlägt ihm der ganze Trubel aufs Gemüt – daher auch die schlechte Laune. Wir fahren eine Straße weiter und warten auf meine Frau, die schon nach kurzer Zeit mit den Tickets auftaucht. Sie ist so fröhlich, als hätte sie gerade einen Schatz gefunden.