Von Hunden und Menschen

Wir sind froh, dass Titan keinen Lebenslauf vorlegen muss, denn seine Vergangenheit liegt im Argen. So viel weiß man immerhin: Geboren wurde er in Cumbayá, einem Vorort östlich von Quito, in einem Stadtteil namens Santa Inés. Zu jener Zeit wohnten wir dort in der Calle Maria Auxiliadora. Wenn man dieser Straße etwa hundert Meter den Berg hinauf folgt, gelangt man zur Calle San Francisco de Asis. Dreißig Meter rechts hinter der Stelle, an der die Maria Auxiliadora in die Asis mündet, liegt der Cyber, d.i. der Internet-Shop, und nur zwanzig Meter weiter gelangt man, wiederum rechter Hand, zu einem Haus und einem Tor, welches auf einen großen Hof führt. In dem Haus wohnen die Betreiberin des Internet-Shops und ihre Familie und auf dem Hof dahinter wurde Titan geboren. Der Tag seiner Geburt ist nicht bekannt, aber irgendwann Mitte Juli 2015 kam er in einem Wurf als einer von sechs Welpen auf die Welt (wir haben uns entschieden, den 15. Juli als seinen Geburtstag zu feiern und dann bekommt er Pancakes, die er so sehr liebt).

Von seiner Mutter weiß man nur, dass sie ein Schaf ist. Ich habe sie ein paarmal gesehen: ein kompaktes Tier auf kurzen Beinen in einem dichten flauschigen Pelz aus weißen Wolllocken, ein Schaf also. Der Vater ist unbekannt, was aber in der Welt der Hunde eher die Norm als die Ausnahme zu sein scheint, da Titan äußerlich aber so gar nichts von seiner Mutter hat, darf man annehmen, dass der Vater das Terrierblut beisteuerte. Mancher Hundeliebhaber glaubt in ihm einen Jack Russell zu erkennen und tatsächlich sieht er Tieren dieser Rasse zum Verwechseln ähnlich. Sein Temperament verrät, dass er Terrierblut in sich hat, ein Blaublüter ist er damit aber noch lange nicht. Titan ist etwas kleiner als ein Jack Russell und sein Fell ist viel flauschiger, fast wie ein Flokati – ein Erbe seiner Schafmutter.

In Ecuador ist der Übergang zwischen Haushund und Straßenhund fließend. Sofern es sich nicht um teure Rassehunde handelt, mit denen man als Mann von Stand beeindrucken kann, oder um bissige Wachhunde, die den Besitz des Mannes von Stand schützen, leben Hunde zwar in der Nähe des Menschen, aber sie leben nicht wirklich mit ihm: Die meisten streifen auf dem Hof herum oder ziehen ums Haus. In der Regel steht es ihnen frei zu gehen, wohin sie wollen, und wenn sie dennoch bei den Menschen bleiben, tun sie das vielleicht nicht immer aus Anhänglichkeit, sondern aus Bequemlichkeit. Darin unterscheiden sie nicht nicht allzu sehr von uns. Wenn sie sich davontrollen möchten, lässt man sie in der Gewissheit ziehen, dass sie zurückkommen werden – oder auch nicht. Wenn es um Hunde geht, ist den Leuten Gefühlsduselei durchaus fremd. Zwei von Titans Geschwistern sind auf diese Weise verschwunden. Wahrscheinlich sind sie tot und die, die noch am Leben sind, strolchen herum und ernähren sich von Abfällen, die ihnen die Menschen spenden.

Auf der Straße fraternisieren die Streuner mit echten Straßenhunden. Anders als die menschliche, kennt die Hundegesellschaft keinen Klassendünkel. Als halbwilde Meute macht man das Revier unsicher, immer auf der Jagd nach Fressbarem und Abenteuern. Flöhe und Würmer sind die Visitenkarten, die man auszutauschen pflegt. Der Mensch begnügt sich damit, das Treiben zu ignorieren und so lange ihn die Hunde nicht bedrängen, lässt er sie gewähren.

Die Vierbeiner ihrerseits, so scheint es, nehmen unsere Gegenwart in ähnlicher Weise zur Kenntnis wie wir die Nähe eines ungeliebten Mitmenschen: Sie tun so, als wären wir wandelnde Schatten, denen man keine besondere Aufmerksamkeit schenken muss. Manchmal beäugt man uns neugierig, zuweilen auch argwöhnisch (wer könnte es verdenken), doch oft hat man den Eindruck, die Hunde sähen nur gelangweilt dabei zu, wie wir uns Tag für Tag mit jener tristen Routine abmühen, die wir geneigt sind für unser Leben zu halten.

Die meisten Hunde, auch jene, die bei Menschen leben, scheinen sich von Abfällen zu ernähren, dabei findet man in der Stadt auf Schritt und Tritt Spezialgeschäfte für Hundebedarf, einschließlich einer den gesunden Menschenverstand sprengenden Auswahl an Futter. Es gibt Hunde-Spas, Hunde-Schulen und sogar Hunde-Hotels. Das Gassigehen übernimmt die Hausangestellte, denn schließlich muss auch sie einmal vor die Tür. Überall sieht man Tierkliniken, die den Einrichtungen für Menschen an Größe und Ausstattung kaum nachstehen. Einen derartigen Luxus würde man in einem Land wie Ecuador nicht unbedingt erwarten, aber Cumbayá, der Sehnsuchtsort für den besseren Teil der Einwohnerschaft Quitos, stellt in vielerlei Hinsicht eine Ausnahme dar.

Wer den „Planeten der Affen“ gesehen hat, mag sich vorstellen, wie der „Planet der Hunde“ ausähe: Würden intelligente Abgesandte fremder Welten zufällig in Cumbayá landen, müssten sie zu dem Schluss kommen, die dominierende Spezies dieses Planeten sei der Hund und die merkwürdigen zweibeinigen Kreaturen wären bloß dessen domestizierte Lakaien. Immerhin hat man sie so gezüchtet, dass sie die Hände frei haben – auf diese Weise können sie ihren vierbeinigen Herren viel besser dienen; man hat sie auch leidlich intelligent gemacht, so dass sie den Willen ihrer Gebieter schon am Schwanzwedeln erkennen.

Was in der Küche übrigbleibt, bekommt der beste Freund des Menschen – so ist es seit Alters her Sitte und niemand nimmt daran Anstoß, nicht einmal die Hunde. Dass man dem besten Freund die Abfälle auftischt, sagt alles über die Art der Freundschaft. Titan hat es da besser getroffen: Er wird von uns regelmäßig und reichlich gefüttert, doch obwohl er nur die beste Hundenahrung bekommt (Liebe geht bekanntlich durch den Magen), ist auch er verrückt nach Müll. Sobald er merkt, dass jemand in der Küche zugange ist, sucht er den Boden nach Essensresten ab wie ein Staubsauger. Man könnte direkt glauben, wir lassen ihn hungern, mit solcher Begeisterung stürzt er sich auf die Reste. Einmal fiel der Mülleimer um und als wäre er plötzlich wieder zu der wilden Kreatur geworden, von der er abstammt, sprang er kopfüber und knurrend wie ein Wolf in den Müllkübel, um sich an den Pancakes vom Frühstück zu laben (wie man weiß, ist der Pancake die bevorzugte Jagdbeute des Wolfes).