Am Meerschweinchensee

Ecuador ist ein Land der Vulkane. Der Reisende, den es aus einer tektonisch eher verschlafenen Weltgegend wie Deutschland in ein Land verschlägt, das von Nord nach Süd von einem Gürtel aktiver Vulkanberge durchzogen wird, ist erstaunt darüber, in welchem Einvernehmen und mit welcher stillen Gelassenheit die Menschen mit den Kräften der Natur leben. Die Vulkane gehören seit Urzeiten zum Alltag der Menschen, nicht anders als überfüllte Bankfilialen, stundenlanges Warten auf Ämtern und KFC (nur kann man nicht genau sagen, wer zuerst da war – die Berge oder der Colonel).

Am westlichen Saum des amerikanischen Kontinents taucht die pazifische unter die südamerikanische Platte. Die Kontinentalplatte wird dabei gestaucht wie ein Bogen Papier, der sich in den Walzen eines Druckers verklemmt hat. Das gewaltige Bergmassiv der Anden faltet sich in die Höhe und von Magmakammern aus wachsen Kanäle durch das Gestein gleich den Fäden eines Myzels. Wo sie die Erdoberfläche durchbrechen, wird Lava ausgespien und Vulkane wachsen als feuriges Fanal der plutonischen Kräfte in den Himmel.

Die Menschen haben dem Schauspiel der Natur seit frühester Zeit ehrfurchtsvoll und staunend gegenübergestanden. Oft mischte sich Angst in die Faszination, da man die Ursache für Lavaströme und Ascheregen nicht kannte. Die Angst mag gewichen sein, seit ein immer präziserer wissenschaftlicher Verstand den Vulkanen viele ihrer Geheimnisse entrissen hat, doch die Gefahren sind geblieben.

Oft liegt die Gefahr in Sichtweite städtischer Ansiedlungen: Von Quito aus kann man zum Beispiel bei klarem Wetter den Vulkan Pichincha majestätisch über der Stadt thronen sehen (bezeichnend ist, dass man ausgerechnet einer Bank den Namen eines unberechenbaren Vulkanberges gegeben hat: Banco del Pichincha). Auch einer der berühmtesten Vulkane der Welt, der Cotopaxi, den wir das Glück hatten, besuchen zu dürfen, befindet sich nicht einmal eine Autostunde von Quito entfernt. Seismologen beobachten den Berg so aufmerksam wie Anstaltsärzte einen somnambulen Axtmörder. Wenn sie ungewöhnliche Ausschläge im seismischen Herzschlag des Vulkanriesen entdecken, bereitet sich die Hauptstadt auf den Notfall vor.

Die Menschen leben seit Jahrtausenden mit der Gefahr, aber sie sind sich auch der Wohltaten bewusst, die ihnen die Vulkane spenden. Die Vulkanasche verwandelt die Gegend rund um die Berge in ein fruchtbares Eden, und so sind es gerade diese gefährdeten Regionen, in die es die Menschen seit der Erfindung des Ackerbaus zieht. Oft kann man beobachten, dass die Berge weit die Hänge hinauf in eine grüne Flickendecke aus Feldern, Wiesen und Weiden gewandet sind.

Wie überaus gnädigen, manchmal jedoch jähzornigen, aber immer unberechenbaren mächtigen Patronen begegnen die Menschen den Bergen mit Respekt, Ehrerbietung und stets auch mit der sehr realen Angst, die Wohltäter könnten ihnen ihre Gnade auch wieder entziehen. Immer wieder haben katastrophale Eruptionen die Anstrengungen vieler Generationen zunichte gemacht, und immer wieder und fast schon mit der Regelmäßigkeit eines Opferrituals haben die Berge Menschenleben gefordert – sei es, dass man ihnen freiwillig das Opfer brachte, um sie zu besänftigen, sei es, dass pyroklastische Ströme und Ascheregen ganze Landstriche auslöschten. Es ist kein Wunder, dass alle frühen Kulturen des amerikanischen Kontinents mächtige Gottheiten in den Vulkanen erkennen wollten.

Die Cuicocha-Kraterruine ist, wie der Name schon vermuten lässt, kein aktiver Vulkan – zumindest nicht in dem winzigen erdgeschichtlichen Augenblick, den wir Menschheitsgeschichte nennen. Cuicocha bedeutet je nach Lesart „Meerschweinchensee“ (Cuy heißt Meerschweinchen) oder Regenbogensee. Die gewaltige Caldera entstand vor über dreitausend Jahren infolge eines Ausbruchs unvorstellbaren Ausmaßes: Nicht nur wurde der Vulkankegel regelrecht vaporisiert und in die Stratosphäre geschleudert, die Explosion hat auch ein Loch von der Größe eines Asteroidenkraters in die Erdoberfläche gegraben. Die Asche fiel im Tal von Otavalo nieder und machte die Gegend zu einer der fruchtbarsten Regionen in Ecuador. Die Kraterruine füllte sich rasch mit Regenwasser und es entstand ein See. Zwei Inseln erheben sich über das stille Gewässer. Merkwürdig genug, sind beide nach deutschen Forschern benannt.

Der Krater liegt in der Nähe von Cotacachi, einer Stadt, die vor allem für ihre Lederarbeiten berühmt ist. Wir waren schon mehrmals dort und wir fahren immer wieder gern hierher, auch deshalb, weil man in einer Nebenstraße ein kleines Café namens „Serendipity“ findet. Dort gibt es alles, wonach das Herz des an zivilisatorischen Luxus gewöhnten Reisenden verlangt: guten Kaffee und einen Lemon pie, bei dessen Genuss einem die Sinne schwinden. Man verlässt Quito auf dem Abzweig der Panamericana, der nach Norden führt, aber von Cumbayá aus führt eine günstigere und weit angenehmer zu befahrende Route über Tababela, den nagelneuen internationalen Flughafen der Hauptstadt.

Man erreicht Cotacachi von Quito aus mit dem Auto in ca. anderthalb Stunden. Nachdem man den nördlichen Vororten Quitos glücklich entronnen ist, beschreibt die Autopista eine Schleife um das Tal des Río Pisque. Die Straße legt sich um die Flanke des Berges und auf der Beifahrerseite kann man in den Cañon blicken – wenn man nicht alle Hände voll damit zu tun hat, auf der Straße zu bleiben. Über dem Flusstal, direkt am Hang, dort, wo die Arbeit des Wassers Jahrmillionen alte Gesteine freigelegt hat, befindet sich ein Aussichtspunkt mit einem Parkplatz. Viele Reisende lassen sich die Gelegenheit zu einem Zwischenstopp nicht entgehen. Man picknickt oder vertritt sich die Beine, während man den Blick über das Tal des Río Pisque genießt.

Wann immer wir auf der Panamericana nach Norden fahren, halten wir an dieser Stelle. Die Landschaft wirkt eher karg und abweisend und sie erinnert mich ein wenig an New Mexico, was vielleicht einer der Gründe sein mag, warum ich so gern durch diese Gegend reise. Doch dieser Aussichtspunkt mit seiner grandiosen Fernsicht schmeichelt nicht nur dem ästhetischen Empfinden, sondern er dient auch ganz und gar praktischen Zwecken: Ein breiter Fächer Müll ergießt sich vom Parkplatz über Jahrmillionen alte Sedimente den Hang hinunter, womöglich sogar über Fossilien, die den Tod der Dinosaurier gesehen haben.

Unter den illegal entsorgten Relikten unserer Konsumkultur finden sich nicht nur Getränkeflaschen, Styropor-Boxen und Plastiktüten, sondern auch Artefakte der Wohnkultur des 21. Jahrhunderts, wie Sofas, Stühle und sogar ein Kühlschrank. Ich bin zuversichtlich, die Archäologie der fernen Zukunft wird allein schon durch die akribische wissenschaftliche Auswertung unserer zahlreichen Mülldepots mit fast absoluter Sicherheit auf die Ursache schließen können, die zum Untergang unserer Kultur geführt hat.

Wir halten uns in Cotacachi nur kurz auf, denn wir wollen zum Kratersee. Als würde man das unaussprechliche Geheimnis vor Fremden verbergen wollen, ist der Weg dorthin kaum ausgeschildert. Eigentlich sehen wir nicht einen einzigen Wegweiser und als wäre der Vulkansee nicht eine erstklassige touristische Attraktion, geht es über Landstraßen, die nicht nur so aussehen, als wären sie von allen Verkehrsministerien der letzten fünfzig Jahre ignoriert worden. Vielleicht ist aber nur noch kein Straßenbautrupp bis in diese entlegene Gegend vorgedrungen. Mancher Angehörige der Oberschicht lässt sich gern vernehmen, Ecuador verfüge über die besten Straßen in ganz Lateinamerika. Ich habe das Gefühl, dass damit keineswegs ein Kompliment ausgesprochen ist.

Wir müssen die Einheimischen fragen. Sie zeigen uns gutwillig den Weg. Wir befinden uns in einer dörflichen Einöde, die Lichtjahre vom nächsten ordentlichen Espresso entfernt scheint, aber die Jugendlichen, die wir treffen, stehen ihren Altersgenossen in Berlin in nichts nach: Der Schritt der Hose hängt fast an den Knien, die Cap lässig ins Gesicht gezogen, teure Sneakers, die Hände tief in den Taschen vergraben und die Schultern zum Buckel gerundet. In einer beliebigen europäischen Großstadt würde man so nicht weiter auffallen. Einzig die Gesichtszüge verraten, dass man von hier ist und dass die Vorfahren schon hier lebten, bevor die ersten Weißen übers Meer kamen.

Und dann sehen wir endlich den Kratersee. Bevor die Straße in den Naturpark einmündet, führt sie oberhalb der Uferböschung entlang. Viele Besucher ergreifen schon hier die Gelegenheit, das Auto am Straßenrand zu parken und fleißig Fotos zu schießen. Man kann einfach nicht weiterfahren, denn der Anblick des Sees ist so unglaublich fremd und über alle Maßen beeindruckend, dass man nicht erst warten möchte, bis man den Besucherparkplatz erreicht hat. Nachdem unsere Neugier fürs Erste befriedigt ist, fahren wir dann doch auf den Parkplatz des Besucherzentrums, der zu diesem Zeitpunkt erstaunlich leer wirkt.

Das Besucherzentrum ist ein massiver Bau direkt am Ufer der Cuicocha-Kraterlagune. Es gibt eine Kantine, in der landestypische deftige Schweinefleischgerichte angeboten werden und einen Bootssteg, von dem Ausflugsboote zum Rundkurs um die Inseln ablegen. Als wir eines der Boote zurückkehren sehen, entschließen wir uns spontan zu einer „Kreuzfahrt“. Die Tourteilnehmer haben ganz verfrorene Gesichter, doch das kann uns nicht schrecken. Aber erst einmal kaufen wir Tickets, sehen uns an den Souvenirständen um und machen Fotos. Als wir an der Lagune eintrafen, hatte gerade einmal ein halbes Dutzend Interessierter an der Bootsanlegestelle gestanden. Mittlerweile hat sich eine lange Schlange gebildet und wir bedauern, dass wir uns so viel Zeit gelassen haben. Aber wer zu spät kommt, den bestraft bekanntlich das Leben.

Wir reihen uns dennoch unter den Wartenden ein, denn zu dieser Zeit des Tages – es war bereits Nachmittag – nimmt der Besucherstrom deutlich zu, und zu hoffen, dass der Andrang nachlassen würde, scheint uns deshalb zwecklos. Also hieß es warten. Die meisten, die den See besuchen, wollen auch zu den Inseln. Wir warten eine geschlagene Stunde, doch dann endlich sind wir so weit nach vorn gerückt, dass wir mit der nächsten Tour an Bord dürfen. Zuvor wird man genötigt, eine Schwimmweste anzulegen, und wenn man dann inmitten all der anderen Schwimmwestenträger am Bootssteg steht und darauf wartet, dass es endlich losgeht, kommt man sich vor, als nähme man gerade an einer Rettungsübung auf der Titanic teil.

Dann kam das Boot, eine überdachte Ausflugsbarke. Nachdem die Passagiere, die das Glück hatten, vor uns in der Reihe zu stehen, ihren Platz geräumt haben, gehen wir an Bord, immer einer hübsch nach dem anderen. Ein kleines Mädchen hat ihre Rettungsweste so lieb gewonnen, dass sie sich weigert, sie wieder herzugeben. Man muss sie ihren kleinen Händen förmlich mit Gewalt entreißen und dann schreit die Kleine, als hätte man ihr den Arm ausgerissen. Ich kann sie noch hören, als wir längst abgelegt haben und das Boot sich schon fast in der Mitte des Sees befindet. Doch dann wird es mit einem Mal ganz still und man hört nichts weiter als das Brummen des Schiffsmotors und das sanfte Plätschern des Wassers.

Der See ist glatt wie ein Spiegel, das Wasser kristallklar und nahe der Bootsanlegestelle sieht man Seegras sich sanft in der Strömung wiegen. Ich tauche meine Hand hinein und ich bin mir nicht sicher, ob jemand mit einem nicht mehr ganz so kräftigen Herzen einen Sturz in die Fluten überleben würde, denn die Kälte beißt einen förmlich in die Finger. Bear Grylls wäre begeistert. Der Bootsführer erklärt, siebzig Meter sei der See tief und es lebten keine Fische darin. Der Grund dafür sei, dass es keine Zuflüsse gibt; Regen ist die einzige Quelle, aus der sich das Wasserreservoir speist.

Wir nähern uns den Inseln, die in der Mitte des Sees die Wasseroberfläche durchstoßen wie die Buckel der Midgardschlange. Das größere der beiden Eilande trägt den Namen Teodoro Wolf, das kleinere heißt Yerovi. An Steuerbord gleiten die in dichte Vegetation gehüllten Hänge der größeren Insel vorbei. Die Pflanzen sind braun wie überkochtes Gemüse, aber so passen sie viel besser zu dem schwermütigen Himmel, der wie eine Wattedecke über dem Kraterloch liegt.

An Backbord erheben sich die Kraterwände. Sie sind so steil, dass Pflanzen keinen Halt finden. Ein Freizeitkletterer könnte sie wohl kaum ohne Hilfsmittel erklimmen. Da man auf allen Seiten von senkrechten Wänden eingeschlossen ist, fühlt man sich wie ein Käfer in einer Schüssel. Die Landschaft ist mit nichts zu vergleichen, was man kennt, jedenfalls mit nichts in der Welt der Realität. Nicht nur einmal drängt sich mir der Eindruck auf, ich wäre in die Romanwelt Jules Vernes versetzt, und manchmal habe ich das Empfinden, es hätte mich in die romantischen, unheimlichen und oft bizarren Kulissen Karel Zemans verschlagen.

Wir umrunden die große Insel und dann kommt der Höhepunkt des Bootsausfluges: die Fahrt durch den Sund zwischen den Inseln, der passend zur Landschaft „Canal de los ensueños“ heißt. Ensueño kann gleichermaßen Traum, Träumerei oder Trugbild bedeuten und so bleibt es jedem Besucher selbst überlassen, ob er seine Träume oder seine Illusionen in der fremdartigen Landschaft gespiegelt sehen will.

Das Boot gleitet langsam durch den schmalen Kanal. Man sieht nichts als einen Wald aus Schilf und dahinter erheben sich die Inseln wie die aufgeblähten Kadaver toter Giganten. Das Rohr raschelt leise, wenn die Bordwände daran vorbeistreichen, doch es ist eigenartig, dass man keine Vögel hört. Die Vegetation wirkt welk, als begännen die Pflanzen unter dem trüben Himmel bereits zu vermodern, noch ehe sie in Blüte gestanden haben. Alles Leben scheint erstorben. Die Landschaft ist so tot wie die Darstellung eines Friedhofs auf einem vergilbten Gemälde.

Irgendwo an der Einfahrt zum Kanal sehen wir Ruinen. Sie verwittern langsam in der Wildnis aus braunem Gestrüpp, doch Niedergang und Verfall wollen zu dieser leblosen Landschaft viel besser passen als Entstehen und Wachsen. Ein Restaurant sollen die Mauern einst beherbergt haben, aber man vermag sich nicht so recht vorzustellen, dass sich Gäste an jenem trübsinnigen Ort zu feucht-fröhlicher Runde eingefunden haben könnten. Der Anblick ist bedrückend. Doch die Inseln sind nun Schutzgebiet und niemand darf sie betreten. So bleiben die traurigen Überbleibsel menschlicher Kolonisationsgelüste sich selbst überlassen. Irgendwann wird die Natur sie verschlungen haben.

Wir gleiten mit halber Motorkraft in den Kanal. Das stille Wasser schneidet sich durch einen dichten Wald aus Binsen. Einen Augenblick lang werden wir vollständig vom Schilf eingeschlossen, doch dann weichen die Halme zurück und wir blicken über den See auf das Besucherzentrum, auf das wir nun Kurs halten. An Backbord erscheint hoch über dem Wasser eine Grotte, in der, gleich der Madonnenerscheinung von Lourdes, die weiße Statue der Jungfrau steht. Wer gute Augen hat, kann sie sogar vom Besucherzentrum aus sehen, doch wahrscheinlich bekommt sie nur selten Besuch, denn schließlich gibt es an jeder Straßenkreuzung eine Madonna und es besteht keine echte Notwendigkeit, erst den beschwerlichen Weg hierher auf sich zu nehmen. Als ich einen letzten Blick hinauf zur Grotte werfe, kommt mir Arnold Böcklins „Toteninsel“ in den Sinn, doch im Brummen des Schiffsmotors und im Geschwätz der Passagiere verfliegt der Gedanke.

Nur Augenblicke später haben wir die Bootsanlegestelle erreicht. Wir geben die Rettungswesten artig ab und lassen den Bootstouristen nach uns den Vortritt. Oberhalb des Anlegers befindet sich die Kantine und dort wird jetzt an alle Teilnehmer der Tour Canelazo ausgeschenkt. Canelazo ist eine Art Grog, nur ohne Rum. Der Sud ist heiß, süß und schmeckt angenehm nach Zimt (Canela – Zimt). Und so ein wärmendes Getränk ist jetzt auch genau das Richtige, denn auf dem Wasser ist es kalt wie in einem Kühlschrank. Wenn man eine Dreiviertelstunde dem Fahrtwind ausgesetzt ist, fährt einem die feuchte Kälte irgendwann bis in die Knochen. Die dünne Höhenluft tut ein Übriges und eigentlich ist einem immer nur kalt. Der Canelazo wärmt uns aber wieder auf.

Wir streifen noch eine Zeitlang ziellos über das Gelände oberhalb des Bootsanlegers, schießen Fotos und lassen uns von dem spektakulären Panorama gefangennehmen. Wenn man vom Besucherzentrum aus nach oben blickt, sieht man über einer Klippe die Glasfront eines Restaurants. Wir denken uns, die Aussicht muss einfach großartig sein und so machen wir uns auf den Weg. Eine holprige Schotterstraße balanciert auf dem Grat des Kraterwalls entlang. Wir fahren mit dem Auto, weil wir nach der kurzen Stippvisite gleich aufbrechen wollen. Die Schotterstraße läuft nach ein paar Hundert Metern vom Kraterwall herunter und mündet in eine idyllische Landstraße ein. Es gibt übrigens einen Wanderweg, der auf dem Kraterwall entlang läuft, und wer gut zu Fuß ist, kann die Vulkanruine in sechs Stunden umrunden.

Wir erreichen das Restaurant über eine schmale Zufahrt. Die Einfahrt zum Parkplatz ist mit einem Seil gesperrt – nur Gäste des Restaurants haben das Privileg, hier parken zu dürfen. Wir geben uns als solche aus und ein glatzköpfiger kleiner Mann sprintet herbei und öffnet das Tor. Offenbar haben wir es mit dem Maître zu tun. Der See liegt auf der anderen Seite des Gebäudes und vom Parkplatz aus kann man leider überhaupt nichts sehen. Eigentlich wollen wir nur die Aussicht genießen, aber der kleine agile Mann schaut mich fragend an, und deshalb bekunde ich den Wunsch, Kaffee zu trinken. Ich ernte einen misstrauischen Blick. Der Mann scheint seine ganz eigene Philosophie zu haben und wie man potentielle Kundschaft verprellt, darauf versteht er sich offenbar ganz ausgezeichnet.

Der Gästeraum des Restaurants entpuppt sich als ein schmuckloser Saal. Es gibt keine Gardinen an den Fenstern und Energiesparlampen ragen nackt aus den Fassungen. Der Raum versprüht den Charme einer Bahnhofsmission der Heilsarmee. Aber ich glaube auch nicht, dass die Gäste, wenn schon nicht des Ambientes wegen, hier gern einkehren würden, um das gute Essen zu genießen.

Ich entscheide mich im letzten Moment gegen den Kaffee, denn ich ahne Schlimmes, und ich nehme stattdessen die heiße Schokolade. Heiß ist sie – daran gibt es nichts zu deuteln –, aber ich habe das Gefühl, man hat einfach gewöhnliches Kakaopulver aus dem Supermarkt in die gepanschte Milch gerührt. Dafür zwei Dollar zu verlangen, empfinde ich als eine Unverschämtheit.

Die Betreiber scheinen allen Ernstes zu glauben, allein schon der schöne Ausblick würde die Gäste in Scharen zu ihnen treiben. Berückend schön ist die Aussicht in der Tat. Man könnte sich durchaus vorstellen, in gepflegter Atmosphäre hinter den weiten Panoramafenstern zu sitzen und bei gutem Kaffee und leckerem Kuchen diesen phantastischen Ausblick über den See und die Inseln zu genießen. Leider findet man sich nur im Wartesaal eines Bahnhofs wieder und sogar das Essen erinnert an Mitropa. Was für eine Lage – und was für eine grandiose Verschwendung!

Wir brechen auf, sobald ich ein paarmal anstandshalber von meiner „Schokolade“ genippt habe. Zahlende Gäste sind wir und so kann man uns kaum verbieten, ein paar Aufnahmen vom See und den Inseln zu machen. Doch wir wollen die Kreise des misstrauischen Restaurantbesitzers nicht länger stören. Wir fahren auf den Asphalt der Straße und durch die liebliche Landschaft geht es zurück nach Quito. Es dauert eine Weile, bis die Kälte ganz aus meinem Körper gewichen ist.

Strand-Rallye

Das Leben in Bahía besteht natürlich nicht nur aus Sonne, Strand und Frohsinn. Meine Frau hat sich schon seit längerer Zeit mit dem Wunsch getragen, den Friedhof zu besuchen, und eines Morgens fahre ich sie mit dem Auto dorthin und begleite sie. Es ist zwar erst früher Vormittag, aber es ist heiß wie in einer Sauna und nachdem ich das klimatisierte Innere des Wagens verlassen habe, bin ich augenblicklich in Schweiß gebadet. Angezogen von dem verführerischen Schweißgeruch, stürzen sich Schwärme von Mosquitos sogleich angriffslustig auf jede freie Hautstelle.

Wir finden den Platz mit den Gräbern der Großeltern meiner Frau nicht sofort und irren wie zwei Touristen, die sich verlaufen haben, auf dem labyrinthischen Gottesacker umher – für die Mücken Zeit genug, erst einmal in aller Ruhe ein gehaltvolles Frühstück zu tanken. Meine Frau legt Blumen nieder und nach einer kurzen Andacht geht es schon wieder zurück. Länger hätte man es ohnehin nicht ausgehalten, wegen der Hitze und wegen der stechlustigen Plage. Als wir zum Auto zurückkehren, ist meine Haut von Schwellungen übersät und sieht aus wie eine Hügellandschaft; die Stiche wachsen sich zu eitrigen Beulen aus und jucken noch Tage später so höllisch, dass ich an die Decke gehen könnte.

Gegen Mittag fahren wir zu einer Landzunge nördlich von San Vicente. Ein breiter Sandstreifen ragt dort wie ein Dorn dreihundert Meter in die glitzernde Weite des Ozeans hinein. Bei Ebbe ist der Strand breit wie ein Fußballplatz und flach wie ein Teller. An einer Stelle gibt es eine Zufahrt und man kann mit dem Auto bis auf den Strand fahren und diesem sogar noch entlang der Küste folgen, wenn man will. In Deutschland wäre das natürlich strengstens verboten, aus vielerlei Gründen, nicht zuletzt, weil der Amtsschimmel schlicht an Langeweile eingehen würde, wenn er nicht alle Naselang Verbote aufstellen und deren Einhaltung überwachen könnte. Wie man weiß, sind Bußgelder ein substantieller Bestandteil des kommunalen Budgets.

Aber wir sind hier in Ecuador und die Polizei kümmert sich hierzulande lieber darum, mehr schlecht als recht den Verkehr zu regeln, oder man sieht sie irgendwo einfach nur gravitätisch und gleichermaßen nutzlos herumzustehen. Dabei gäbe es mehr als genug zu tun: Die Gesetzeshüter könnten zum Beispiel versuchen, die vielen Wohnungseinbrüche aufzuklären; sie könnten die Leute davon abhalten, den Müll einfach aus dem Fenster ihres Autos zu werfen. Die illegale Müllentsorgung ist so weit verbreitet, dass man sie fast schon als gute alte Landessitte ansehen muss. Manches Teilstück der neuen Autopistas ist links und rechts des Asphalts bereits flächendeckend zugemüllt. An einigen Aussichtspunkten, die man nach US-Vorbild an landschaftlich besonders reizvollen Stellen angelegt hat, empfangen den Reisenden stinkende Halden aus Haus- und Sperrmüll. Man könnte fast den Eindruck gewinnen, die Ecuadorianer mögen ihr Land nicht sonderlich.

Da es allgemein üblich ist, mit dem Auto zum Strand zu fahren, müssen auch wir kein schlechtes Gewissen haben, zumal der Wagen fast neu ist und die Ölwanne dichthält. Wir sind an diesem Tag nicht die einzigen motorisierten Strandbesucher, denn mit uns kurvt ein halbes Dutzend weiterer Wagen fröhlich durch den Sand. Wir hatten lediglich beabsichtigt, ein paar hundert Meter den Strand hinauf zur Landspitze zu ziehen, aber als wir dort angekommen sind, sehen wir manchen der Strandbesucher weiter nach Norden fahren. Der Strand schlängelt sich flach und glatt wie eine Autobahn an der Küste entlang. Bei Ebbe gelangt man mit dem Wagen bis nach Briceño, einen kleinen Badeort kurz vor Canoa. Erst hinter Briceño wird der Strand dann immer schmaler und Felsen versperren den Weg gleich den Mauern eines Festungsgürtels.

Im Innern der Landzunge hatte die Flut einen riesigen Gezeitentümpel zurückgelassen. Das flache, spiegelglatte Gewässer hat die Ausmaße eines Sees; man könnte darauf sogar segeln oder Wasserski fahren. Am Ufer hat sich eine Fischerfamilie unter einem schattenspendenden Baldachin niedergelassen. Der Fischer wirft träge das Netz aus. Die Kinder spielen im flachen Wasser oder rennen quietschend und schreiend am Ufer entlang – halbnackte Wilde in ihrem Paradies. Später, nachdem die Hitze und das Toben sie ermattet haben, ruhen sie wie Könige unter ihrem roten Baldachin.

Es ist heiß wie in einem Backofen und die Sonne brennt aus einem schmerzhaft gleißenden Himmel erbarmungslos auf den Strand hernieder. Man hat den Eindruck, Nadeln würden sich einem in den Schädel bohren, so grell gleißt der Strand im hellen Sonnenlicht. Der Sand streut die Helligkeit in alle Richtungen, so dass das Auge nirgendwo Linderung findet. Ich war klug genug, mir eine Cap mitzubringen, denn ohne Schutz hätte mein Hirn zu kochen angefangen wie ein Blumenkohl im Schnellkochtopf. Nur selten streicht an diesem Tag eine kühlende Brise über den Strand und wenn sich doch einmal ein Lüftchen hierher verirrt, fühlt es sich glühend heiß an wie die Winde über der Atacama.

Mit dem Auto folgen wir dem Strand nach Norden. Es tut gut, den Schweiß für einen Augenblick im kühlen Luftstrahl der Klimaanlage trocknen zu lassen. Die Piste ist fast hundert Meter breit und die letzte Flut hat den Sand zu einer betonharten Schicht verfestigt. Besucher gibt es nicht und der Wagen rollt leicht dahin über den Strand, der so ausgedehnt erscheint wie das Rollfeld eines Flughafens. Die Autos vor uns sind längst im Dunst irgendwo weiter die Küste hinauf verschwunden und hinter uns ist ebenfalls niemand zu sehen. Der Strand wirkt verwaist wie am Tage nach der Schöpfung.

Ich lasse meinen Sohn das Steuer übernehmen – was soll schon passieren, schließlich hat der Wagen Automatik und Gefahr, dass jemand überfahren wird, besteht auch nicht. Cool wie ein professioneller Rallye-Pilot nimmt er im Fahrersitz Platz und dann treibt er den Wagen mit Sechzig über die sich scheinbar endlos hinziehende Sandpiste. Ich muss ihn immer wieder zügeln, aber die fast unendliche Weite des Strandes verlangsamt die Bewegung und man könnte noch viel schneller fahren und würde dennoch den Eindruck haben, man krieche langsam dahin wie eine Schnecke.

Wir fahren bis nach Briceño. Rauschende Palmenhaine und grüne Hügel ziehen an uns vorbei, Strandhäuser und Berge von Treibgut, die der Ozean mit der letzten Flut ans Land geworfen hat. Kurz vor der Stadt treffen wir auf eine Gruppe von etwa zwei Dutzend Einheimischen, die damit beschäftigt sind, etwas im Sand zu suchen. Die Szene wirkt so archaisch, dass ich mich für einen kurzen Augenblick in eine ferne prähistorische Zeit zurückversetzt glaube. Die Leute knien auf dem Strand und zerreiben den feuchten Sand zwischen den Fingern. Wenn ihre akribische Suche etwas zutage gebracht hat, stecken sie es in ein winziges Eimerchen, das jeder von ihnen bei sich hat. Man kann nicht erkennen, was sie sammeln, denn es ist zu klein.

Wir halten und meine Frau fragt ein Mädchen von etwa zehn Jahren, was sie denn da im Sand suchten. Das Mädchen bringt ein paar kaum verständliche Sätze hervor und spricht, als hätte es überhaupt keine Ahnung, was es da eigentlich tue (unser Sohn wundert sich und fragt uns leise, ob das arme Ding nicht ganz richtig im Kopf sei). Trotz mehrfachen geduldigen Nachfragens ist aus ihm nicht herauszubringen, was es ist, wonach man so angestrengt sucht. Ein paar der Erwachsenen gucken schon, als wären wir Sittenstrolche auf der Suche nach einem schnellen Abenteuer. Meine Frau stellt die Befragung frustriert ein und wir drehen bei. Wahrscheinlich hatte man dem Kind eingeschärft, niemandem zu verraten, was man da tue. Ich vermute, die Leute waren auf der Suche nach Muschelstücken und Korallen, aus denen man Schmuck herstellen kann. Vielleicht hat man in dieser Gegend ein Monopol, das man eifersüchtig zu hüten bestrebt ist, und da kann man natürlich niemandem trauen, selbst wenn es sich augenscheinlich nur um harmlose Touristen wie uns handelt.

Mein Sohn fährt uns auch wieder sicher zurück zur Landspitze und stolz überlässt er mir schließlich das Steuer – so einfach kann Autofahren sein! Am Ausgang des Strandes, nur wenige Schritte vom spiegelnden Asphalt der Straße entfernt, hat ein Kokosverkäufer seinen Stand aufgebaut. Wie ein mächtiger Kazike liegt er in seiner Hängematte und wartet darauf, dass ihm die Straße die durstige Kundschaft direkt in die Arme treibt. Auf dem Schild an seinem Verkaufsstand soll man lesen „Se vende coco helado“ (eisgekühlte Kokosnuss zu verkaufen), geschrieben steht aber „Seven de coco hela do“. Völlig perplex, sinne ich geraume Zeit darüber nach, welche mystische Bedeutung die Zahl Sieben wohl im Zusammenhang mit Kokosnüssen haben könnte, bis mir plötzlich aufgeht, dass es sich keinesfalls um ein pythagoräisches Zahlenrätsel handelt, sondern bloß um eine simple Anzeige. Wir kaufen ein paar Cocos, denn bei dieser Hitze gibt es nichts Besseres, als den Durst mit kaltem Agua de coco (Kokoswasser) zu stillen.

Ein paar Meter entfernt sitzt ein Junge am Straßenrand. Er wartet augenscheinlich auf den Bus, der entweder jeden Augenblick wie eine Fata Morgana aus der flimmernden Hitze auftaucht oder niemals kommt. Wir fragen, ob wir ihn mitnehmen können. Er nimmt unser Angebot an und wir fahren ihn zurück nach San Vicente, wo, wie er sagt, sein Onkel auf ihn warte. Meine Frau versucht ein wenig Konversation zu treiben, aber die ungewöhnliche Tatsache, dass ihn jemand Wildfremdes mit dem Auto mitgenommen hat, und der Umstand, dass das Auto auch noch vollgestopft ist mit neugierigen Gringos, scheinen ihn über alle Maßen zu beeindrucken. Er bringt kaum ein Wort heraus. Wir setzen ihn in San Vicente ab und fahren weiter zum „Pelícano“, denn so ein Strandausflug macht unglaublich hungrig.