Neue Keramik und alte Töpferkunst

Man kann Cuenca gut zu Fuß erkunden, denn die Stadt ist recht klein. Meine Frau ist auf der Suche nach Keramik und wir laufen die Straßen ab in der Hoffnung, irgendwo einen Laden zu finden, in dem man die traditionelle bunte Töpferware kaufen kann. Noch 1992 bekam man die schöne einheimische Keramik fast überall in der Stadt. Meine Frau, die eine Art Fetisch für solche Dinge hat, erstand damals ein schönes Tee-Service. Sie hat es heute noch und wir benutzen es nur, wenn Gäste im Haus sind. Das ist ein bisschen wie früher, zu Ur-Omas Zeiten, da man das „gute Geschirr“ nur zu ganz besonderen Anlässen auftrug. Obwohl wir die halbe Stadt absuchen, finden wir nicht ein einziges Geschäft. Später erfahren wir, dass die einheimische Keramikherstellung praktisch ganz zum Erliegen gekommen ist. Billige Importware hat die traditionellen Handwerkserzeugnisse verdrängt.

Töpferwaren ganz anderer Art kann man in der Stadt aber immer noch finden: Am Nachmittag besuchen wir das Museum für indigene Kulturen. Es regnet in Strömen und wir sind die einzigen, die zu dieser Stunde Einlass begehren. Die Exponate bieten einen repräsentativen Querschnitt durch fast alle bedeutenden Kulturen Ecuadors, angefangen bei den ältesten Zivilisationen bis in die Epoche der Inkas. Manche der Stücke sind wirklich beeindruckend, etwa die polychromen Tonskulpturen aus der Jama-Kultur. Meine Frau ist so begeistert, dass sie später die Replik einer Plastik ersteht. Laut Auskunft der Museumsdirektorin stellt die Skulptur einen Schamanen oder einen Priester dar.

Man muss sich immer vor Augen halten, dass die in allen Museen Ecuadors versammelten Ausstellungsstücke kaum einen Bruchteil dessen ausmachen, was wahrscheinlich an Schätzen noch in der Erde schlummert. Man muss sich aber auch immer wieder bewusst machen, wie viele unersetzbare Zeugnisse der indigenen Kulturen mutwilliger Zerstörung anheimfielen, wie viele einmalige Werke infolge von Gleichgültigkeit und Ignoranz dem Verfall überlassen wurden, wie viele Kulturgüter allein um der Befriedigung materieller Gier willen vernichtet wurden. Ein nicht geringer Teil des kulturellen Reichtums der Indigenen wurde bereits bei der Eroberung des Kontinents ausgelöscht und die folgenden Jahrhunderte meinten es kaum besser mit den kulturellen Zeugnissen der einheimischen Völker.

Die schönsten Stücke aber verschwanden oft in Privatsammlungen. Früher gab es kein Gesetz, das die Aneignung von Kulturgütern unter Strafe stellte. Jeder, den es danach gelüstete, konnte einfach irgendwo graben und wenn man dann etwas fand, durfte man es auch behalten und in den eigenen vier Wänden ausstellen, um es dem staunenden Hausgast nach dem Essen bei Kaffee und Brandy zu präsentieren. Einer der leidenschaftlichsten und kenntnisreichsten Sammler präkolumbianischer Kunst war Oswaldo Guayasamín. Obwohl er im Grunde nichts anderes als ein Raubgräber war – wenn auch aufgrund der Gesetzeslage kein Krimineller –, muss man ihm dankbar sein, denn ohne seine Sammelleidenschaft wären die meisten jener Stücke, die der kunstinteressierte Besucher in seinem Museum bewundern kann, heute wahrscheinlich verloren.

Vor Jahren schenkte mir ein Cousin meiner Frau ein kleines Tongefäß, auf dessen bauchigen Körper der Töpfer ein Gesicht modelliert hat. Ich glaube, es handelt sich um eine Arbeit der Bahía-Kultur. Der Künstler ist schon seit Jahrhunderten tot, aber sein Werk existiert immer noch und wahrscheinlich wird es auch noch da sein, wenn wir alle längst zu Staub zerfallen sind. Ich habe keinen Zweifel daran, dass es echt ist. Die Leute sind in solchen Dingen ganz arglos und sie haben keinerlei Schuldbewusstsein. Was man zufällig irgendwo in der Erde findet, behält man eben und darin sieht man auch gar kein Unrecht. Und wem sollte man den Fund denn schon melden, da zu befürchten steht, dass dann ein anderer die Lorbeeren einheimst oder das große Geschäft macht. Ich weiß nicht, ob ich eine strafbare Handlung begangen habe, indem ich das Geschenk annahm, aber es zurückzuweisen, hätte eine Beleidigung des Schenkenden bedeutet. Nun steht das kleine hübsche Tongefäß gut sichtbar im Regal und ich kann es Besuchern zeigen.

Als wir das Museum verlassen, kommen wir am Souvenir-Shop zufällig mit einer älteren Dame ins Gespräch. Wir wissen zu diesem Zeitpunkt noch nicht, dass es sich um die Direktorin der Einrichtung handelt, doch am Ausgang laufen wir an einem kleinen Schaukasten vorbei, in dem Fotos ausgestellt sind. Auf einem der Bilder sehen wir die Frau zusammen mit Fidel Castro, auf einem anderen mit dem ecuadorianischen Vizepräsidenten. Auf vielen Bildern posiert sie mit Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens. Ich muss annehmen, dass es sich um wichtige Persönlichkeiten handelt, aber keine der Personen ist mir bekannt, doch dieses Manko ist sicherlich nur meiner Ignoranz zuzuschreiben.

Meine Frau kauft noch eine kleine Figur aus der Jama-Kultur – wie gesagt, es handelt sich um eine Replik. Wir wissen natürlich nicht, dass die Figur ein Werk der Jama-Kultur ist, aber die vielfarbige Bemalung spricht uns an und macht die kleine Skulptur unter allen Ausstellungsstücken zu etwas ganz Besonderem (Jama, die Stadt, nach der diese Kultur benannt ist, liegt übrigens nur ca. dreißig Autominuten nördlich von Bahía). Als meine Frau Näheres über die Statuette erfahren möchte, blüht die Direktorin, die uns die Skulptur auch noch eigenhändig einpackt, förmlich auf. Offenbar hat sie nicht erwartet, dass jemand Fragen stellt, doch sie scheint geradezu glücklich darüber zu sein: Endlich einmal kann sie Besucher an ihrem enzyklopädischen Wissen über die präkolumbianischen Kulturen Ecuadors teilhaben lassen.

Man merkt sofort, wie engagiert sie ist, und das muss man als Leiterin eines Museums wohl auch sein in einem Land, in dem der Mehrheit der Bewohner alte Keramiken nicht so wichtig sind. Es wäre dem Museum zu wünschen, dass mehr Gelder zur Verfügung gestellt würden, damit die Ausstellung erweitert und damit vor allem die Löcher im Dach gestopft werden könnten, durch die es immer wieder in die Ausstellungsräume tröpfelt. Während wir uns im Museum aufhalten, regnet es ohne Unterlass und ich fühle mich fast wie ein Entdecker, der nach gefahrvoller Expedition durch die Wildnis die Schatzkammer einer untergegangenen Kultur entdeckt.

Da wir die einzigen Besucher sind, fragen wir die Direktorin, ob denn auch Ecuadorianer die Ausstellung besuchen würden. Die Dame meint, dass es vor allem Ausländer seien, die hierher kämen. Aber das ist verständlich, denn die Ecuadorianer kaufen sich keine Reiseführer, in denen der Besuch des kleinen Museums ausdrücklich empfohlen wird. Da man keine Museen besichtigen möchte, ist es nur allzu schade, dass es im alten Stadtkern von Cuenca keine Shopping-Malls gibt.

Markttag in El Quinche

El Quinche ist eine kleine Stadt nordwestlich von Quito. Von Quito aus gelangt man mit dem Auto dorthin, indem man der Ausschilderung zum Flughafen folgt, dann aber, statt weiter geradeaus auf der Route zum Airport zu bleiben, nach Osten Richtung Cayambe abbiegt.

Eigentlich gibt es keinen besonderen Grund, nach El Quinche zu fahren, es sei denn, ein starkes religiöses Bedürfnis zieht einen dorthin oder man möchte den berühmten Markt besuchen, der immer Sonntags abgehalten wird. Wir wollten auf den Markt, wenn auch das religiöse Spektakel, das alljährlich in der zweiten Novemberwoche zu Ehren der Virgen de El Quinche veranstaltet wird und das über achthunderttausend Pilger in die Stadt zieht, ein Ereignis ist, das einmal mit eigenen Augen zu schauen, ein ganz besonderes Erlebnis sein muss. Aber dies war nur ein normaler Sonntag und außer der sonntäglichen Messe ist es vor allem der Wochenmarkt, der die Leute in Scharen in die Stadt zieht.

Der Grund, der uns veranlasste, den Markt zu besuchen, ist ganz prosaisch: Seit unserer Ankunft in Quito leidet meine Frau an der Höhe und wir suchten nach einem Mittel, das Abhilfe schafft. Zwar ist sie Ecuadorianerin, aber sie stammt von der Küste, und die Leute der Costa sind ein ganz anderer Menschenschlag als die an die dünne Luft und die eisige Kälte gewöhnten Hochlandbewohner. Es kommt nicht selten vor, dass sie an hohem Blutdruck, Kreislaufbeschwerden und Herzrasen leiden, obwohl sie doch, solange sie im Tiefland lebten, völlig gesund waren.

Streng medizinisch betrachtet, habe ich keine Probleme mit der Höhe, dennoch macht mir die dünne Luft manchmal zu schaffen: Wenn ich trainiere, muss ich viel längere Pausen einlegen als in Berlin, denn nach einer anstrengenden Übung bekomme ich manchmal einfach keine Luft mehr und mein Atem geht dann keuchend wie der eines asthmatischen Kettenrauchers beim Reha-Sport. Besonders schlimm ist es, wenn wir nach Quito fahren, das noch einmal achthundert bis tausend Meter höher liegt als Cumbayá.

Auf dreitausend Metern Höhe kann es einem sehr wohl passieren, dass plötzlich die Luft weg ist, wenn man nur ein paar Treppen steigt. Manchmal reicht es schon, einen langen Satz zu sagen, und in der Mitte merkt man auf einmal, dass einem die Luft ausgeht. Dann unterbricht man japsend und wie ein neunzigjähriger Zigarren-Connoisseur muss man erst einmal gierig Sauerstoff in die Lungen saugen, um weitersprechen zu können. Wenn ich mich mehrere Stunden in Quito aufhalte, beginnen meine Augen in der trockenen Höhenluft manchmal so furchtbar zu brennen, dass ich sie kaum noch offen halten kann. Vorsichtshalber nehme ich mir immer ein Fläschchen künstliche Tränen mit, aus dem ich mir hin und wieder etwas in die Augen träufele. Die Einheimischen, die Quiteños, haben mit diesen Problemen natürlich nicht zu kämpfen. Nur dem Zugereisten macht die Höhe zu schaffen.

Zwar kann sich der Organismus den neuen Bedingungen anpassen, doch gelingt ihm dies nur unvollkommen und auch nur vorübergehend. Um den niedrigeren Sauerstoffgehalt der Höhenluft effizienter nutzen zu können, vermehren sich genau wie bei einem Topathleten im Höhentrainingslager die roten Blutkörperchen, wenn man sich eine gewisse Zeit in der Höhe aufhält. Dieser Vorgang ist aber leider reversibel und sobald man wieder ins Flachland zurückkehrt, geht die Anpassung verloren. Um den menschlichen Organismus dauerhaft an das Leben in der Höhe zu gewöhnen, bedarf es des ununterbrochenen Aufenthalts in dünner Luft während dreier Generationen. Ich bezweifle aber, dass mein Sohn und seine Kinder für immer im Andenhochland leben wollen.

Meine Frau hat in der großen Höhe nicht nur mit Luftnot, sondern oft auch mit Kreislaufbeschwerden und Kopfschmerzen zu kämpfen. Das ist nicht nur sehr unangenehm, sondern auch eine starke Beeinträchtigung der Lebensqualität, denn nicht selten fühlt man sich regelrecht krank. Um solchen und anderen gesundheitlichen Beeinträchtigungen entgegenzutreten, greift man in Ecuador weit häufiger als in Deutschland auf bewährte Naturheilmittel zurück: Kräutermischungen, Tinkturen, Pasten, Pulver, Salben finden bei gesundheitlichen Beschwerden mindestens genauso häufig Anwendung wie die Produkte der Pharmaindustrie. Die meisten Ecuadorianer sind arm und viele können sich die teuren Medikamente aus der Apotheke nicht leisten. Wer schon einmal gezwungen war, einen größeren Posten in den hiesigen Apotheken zu kaufen, wird nie wieder über die gierige deutsche Apothekerzunft schimpfen.

Viele Menschen in den ärmeren Gegenden und gerade auf dem Lande verlassen sich noch immer auf Heilmittel, welche eine freigiebige Natur ihnen in großer Fülle zur Verfügung stellt. Sie schöpfen dabei aus einem reichen Schatz überlieferten pharmakologischen Wissens, das seine Ursprünge in den indigenen Kulturen des Hochlandes hat. Als meine Frau einige ihrer Bekannten fragte, ob es denn nicht ein natürliches Mittel gäbe, von dem zuverlässig Abhilfe bei Höhenkrankheit zu erwarten sei, antworteten sie unisono: Cocablätter.

Die Blätter des Cocastrauches werden im Andenhochland seit Jahrtausenden konsumiert. Der Genuss hat überhaupt nichts Anrüchiges an sich, wie mancher Europäer oder Gringo vermutet, sobald er nur das Wort „Coca“ hört. Coca half der indigenen Bevölkerung seit jeher, eisige Höhen und schwerste körperliche Strapazen zu ertragen. Man wird die Blätter, die man kaut, oder aus denen man Tee brüht, auch wohl kaum mit dem kristallinen Pulver gleichsetzen dürfen, das sich so mancher Berliner Partygast zum Auftakt des Abends auf der Toilette seines Lieblingsklubs durch die Nase zieht.

Man kann ein gepflegtes Bier trinken oder man kann eine Flasche Wodka auf Ex kippen. Beides ist Alkohol, eine erwiesenermaßen gefährliche Droge mit hohem Suchtpotential, jedoch wird sie gesellschaftlich akzeptiert, weil ihr Konsum Teil der kulturellen Tradition ist. Dennoch besteht zwischen dem gepflegten Pils und der Flasche Wodka auf Ex ein Unterschied und wer schon einmal einen Abend im Kreise von Leuten verbracht hat, die sich gern und willig dem Suff ergeben, weiß auch, worin er besteht.

Coca war schon immer Alltagsdroge und Volksmedizin, nicht anders als das Bier in Bayern oder der Schoppen Wein im Rheinland, und daher sollte man eigentlich annehmen, dass im Andenland Ecuador niemand am Konsum Anstoß nimmt. Man wundert sich nur, warum es so schwer ist, überhaupt irgendwo an Cocablätter zu kommen. Ich vermute, die Globalisierung und der übermächtige Einfluss westlicher Wertvorstellungen, vor allem hinsichtlich der Frage, welche Drogen erlaubt sein sollen, hat die Cocapflanze mit einem Bann belegt, der sich gegen die Interessen der Andenländer und vor allem gegen ihre kulturellen Traditionen richtet. Aber Bekannte hatten uns einen Tipp gegeben: Man könne Cocablätter auf dem sonntäglichen Markt in El Quinche kaufen. Bei der ersten Gelegenheit machten wir uns auf nach El Quinche.

Wer mit dem Wunsch nach Ecuador kommt, etwas Authentisches zu erleben, etwas, das sich dem verfälschenden Einfluss des internationalen Tourismusbetriebs bis heute entzogen hat, der sollte die einheimischen Märkte wie etwa jenen in El Quinche besuchen. Vom Standpunkt eines an den Warenüberfluss der westlichen Welt gewöhnten Konsumenten hat der Markt in El Quinche kaum etwas zu bieten, das dem Reisenden nicht auch von zuhause bekannt wäre. Abgesehen von weißlichen fetten Käferlarven, die man zu medizinischen Zwecken konsumieren soll, gibt es nicht viel, das man nicht auch auf dem Wochenmarkt einer beliebigen Großstadt in Europa finden könnte (das Interesse an den Käferlarven hielt sich sehr in Grenzen und solange wir uns auf dem Markt aufhielten, war der Stand leer). Die Leute gehen nach El Quinche, um Waren des täglichen Bedarfs zu kaufen, und da hier alles um Welten billiger ist als in den modernen Shopping-Malls nach westlichem Standard, hat man es mit einem Andrang zu tun wie bei einer Völkerwanderung.

Faszinierend für den Besucher aus dem säkularen Mitteleuropa ist die symbiotische Verbindung aus religiösem Ereignis und geschäftlicher Aktivität, die sich aus einer fernen vormodernen Zeit bis in die Gegenwart gerettet zu haben scheint: Viele Menschen kommen in die Stadt, um am Gottesdienst teilzunehmen oder um der Virgen Ehre zu erweisen oder schlicht, um ihr ein Anliegen vorzutragen, für das man die Hilfe oder den Segen der Heiligen zu gewinnen hofft. Da man aber schon einmal den beschwerlichen Weg in die Stadt auf sich genommen hat – nur die wenigsten scheinen mit dem eigenen Auto angereist zu sein –, kann man die Gelegenheit auch gleich nutzen, um die Wocheneinkäufe zu erledigen.

Niemand findet etwas dabei, dass der Markt, der sich wie ein feindliches Heerlager fast in der ganzen Stadt ausgebreitet hat, in Sichtweite der Kirche abgehalten wird, in die es die Gläubigen an diesem Sonntag in dichten Scharen zum Gottesdienst zieht. Vor der Kirche haben die Devotionalienhändler ihre Stände aufgebaut: Man kann Heiligenfiguren, die Jungfrau von El Quinche, das Jesuskind oder unheilabwehrende Anhänger für das Auto oder die Wohnung kaufen.

Die Geschäfte scheinen gut zu gehen, denn den Platz vor der Kirche haben wenigstens ein Dutzend Händler für sich in Beschlag genommen und alle bieten dasselbe Warensortiment. Doch fürchten, dass ihnen die Kunden ausgehen, müssen die Händler nicht – oft begegnet man in der Menge Besuchern des Gottesdienstes, die Christusfiguren, welche sie gerade erstanden haben, oder Figuren der Heiligen im Arm halten, als wären es ihre eigenen Kinder.

Während im Innern der Kirche der Gottesdienst stattfindet, nimmt an einem Seitenportal eine Ordensschwester die Weihwasserspende vor: Sie taucht einen Strauß Blumen in das Gefäß mit dem geweihten Wasser und verteilt es dann über die Menge als wollte sie auf die Köpfe einschlagen. Die Menschen empfangen den Regen im uralten Gestus der Anbetung, mit verzückten Gesichtern und erhobenen Armen.

Wir schlendern ziellos auf dem Markt und dem Kirchplatz umher, denn eigentlich haben wir kein dringliches Anliegen, dessentwegen wir nach El Quinche gekommen wären. Die Gelegenheit scheint günstig und so mache ich immer wieder Fotos. Allerdings ist es kein wirklich angenehmes und vor allem kein sicheres Unterfangen, in der Masse der Marktteilnehmer eine teure Kamera zu zücken. Sobald ich den Apparat heraushole, richten sich mindestens zehn Augenpaare darauf – neugierig, fragend, voller Verwunderung oft, nicht selten misstrauisch. Ich genieße sofort die ungeteilte Aufmerksamkeit, als hätte ich in einem aufsehenerregenden Akt der Zurschaustellung damit begonnen, mich splitterfasernackt auszuziehen. Kaum einmal gelingt es mir, unentdeckt zu bleiben – nicht dass die Leute Anstoß daran nehmen würden, dass man sie fotografiert, es scheint nur noch nie vorgekommen zu sein.

Es ist ein wirklich unangenehmes Gefühl, auf Schritt und Tritt beobachtet zu werden, denn man weiß nie, ob sich hinter diesem Interesse allein schiere Neugier verbirgt oder etwas anderes. Ich habe keine Lust, es herauszufinden und lasse die Kamera alsbald wieder in der Tasche verschwinden. Erst jetzt fällt mir auf, dass kein einziger der Markt- oder Kirchbesucher eine Kamera oder ein Handy oder sonst irgendetwas, das man für wertvoll erachten könnte, für jedermann sichtbar mit sich führt. Ich lasse mich durch den Augenschein überzeugen, dass es einen gewichtigen Grund dafür geben muss, und für den Rest des Tages bleibt die Kamera in der Tasche.

Wir erinnern uns daran, dass wir auf den Markt gekommen sind, um Cocablätter zu kaufen. Meine Frau fragt aufs Geratewohl eine der Obstverkäuferinnen in der Markthalle, die sich doch eigentlich auskennen müssten. Die Frau sagt, sie wisse nicht, wo man so etwas kaufen könne, und guckt uns dabei an, als hätten wir ihr soeben ein unsittliches Angebot gemacht. Auch beim nächsten, den wir mit unserer Frage behelligen, haben wir kein Glück, aber immerhin gibt man uns den Tipp, es doch einmal beim Naturista (eine Art Laden für Naturprodukte) eine Straße weiter zu versuchen. Aber selbst dort erleben wir eine Enttäuschung und wir fangen allmählich an zu glauben, wir seien einer Ente aufgesessen, als man uns sagte, dass man die begehrten Blätter in El Quinche kaufen könne.

Aber mir ist noch ein anderer Gedanke gekommen: Es könnte auch sein, dass man uns einfach nichts verkaufen wollte. Es kommt immer wieder vor, dass Reisende, die es nach exotischen Abenteuern hungert, sich mit Hilfe der lokalen Flora eine Reise ins psychedelische Orbit zu verschaffen suchen. Da ich unzweifelhaft wie ein Gringo aussehe und nach Meinung der Leute wie ein Hippie dazu, ist der Schluss natürlich unausweichlich, ich wäre allein deshalb nach Ecuador gekommen sei, um mir einen Trip zu verpassen, dass es nur so raucht im Oberstübchen.

Es ist übrigens noch gar nicht so lange her, da wurde man entweder für einen Hippie, für einen Headbanger oder einfach nur für schwul gehalten, wenn man als Mann das Haar schulterlang trug. Noch 1992, also zu einer Zeit, da die Inquisition seit Menschengedenken abgeschafft und die Hexenverbrennung eingestellt war, musste ich mir am Flughafen von einem Polizisten sagen lassen, ich solle mir das Haar kürzen. Aber die Zeiten haben sich geändert, zumindest ein wenig, und wenn man heutzutage lange Haare hat, sehen die Leute in einem nur mehr jemanden, der halt gerne kifft.

Die Leute sahen uns so misstrauisch an, als wären wir zwei Hippies, die sich mit Cocablättern einen Trip ins Nirwana verschaffen wollen. Vielleicht hätte ich außer Sicht bleiben und meine Frau den Einkauf allein erledigen lassen sollen, denn mit mir im Schlepptau konnte man glauben, ich schicke sie als Strohmann vor, damit sie mir die begehrten Drogen verschaffe. Die Menschen, durch alle nur vorstellbaren kriminellen Umtriebe sensibilisiert, stellen sich die verrücktesten Dinge vor, und wenn sie jemanden sehen, der auf den ersten Blick schon verrät, dass er nicht hierher gehört, fällt es wahrscheinlich leicht zu glauben, diese Person habe es auf Drogen abgesehen.

An diesem Sonntag war ich übrigens der einzige Besucher des Marktes weit und breit, der nicht wie ein Einheimischer aussah. Die Stadt war einheitlich mit Ecuadorianern bevölkert und da fällt man natürlich auf wie der sprichwörtliche bunte Hund. El Quinche ist eben nicht Berlin, wo man als Batman verkleidet herumlaufen könnte, und die Leute würden einfach so tun, als hätten sie es nicht bemerkt.

Damit die Reise nicht ganz umsonst wäre, kauften wir noch ein paar nützliche Dinge ein, bevor wir die Rückfahrt antraten: ein neues Schneidebrett, Obst und etwas Kuchen. Das Schneidebrett kostete fünf Dollar und liegt so schwer in der Hand wie ein Kricket-Schläger. Zwar kann ich die Qualität nicht beurteilen, aber ich habe den Eindruck, dass es sich um gute Ware handelt. Doch getreu der ecuadorianischen Tradition versuchte meine Frau zu handeln, um so den Preis noch ein wenig zu drücken. Aber sie war an diesem Tag nicht recht bei der Sache und hatte offenbar auch keine Lust, sich auf das mühselige Feilschen einzulassen, und deshalb blieb es am Ende bei fünf Dollar. Ich fand, wir hätten einen guten Kauf gemacht, doch meine Frau meinte, fünf Dollar seien immer noch viel zu viel. Ich bin sicher, meine Schwiegermutter hätte der armen Verkäuferin das Brett für drei Dollar abgeschwatzt.

El Quinche war zwar eine Enttäuschung – zumindest in Hinsicht auf die Hoffnung, dort Cocablätter zu finden –, aber eine Woche später sollten wir doch noch Glück haben: Wir besuchten den Cotopaxi-Nationalpark – ein überwältigendes Erlebnis, von dem noch zu berichten sein wird. Am Eingang legten wir einen kurzen Stopp ein. Es war weniger laues Interesse, das uns ins dortige Besucher-Zentrum zog, als vielmehr die drängende Notwendigkeit, präventiv die letzte zivilisierte Toilette für wie weiß wie lange Zeit aufzusuchen, bevor wir uns in die wilde Vulkanlandschaft hinauswagten.

Wir schauten uns ein wenig an den Ständen um und völlig unerwartet entdeckten wir dort Produkte aus Coca. Die englische Sprache hat für solche freudigen Entdeckungen aus heiterem Himmel das Wort Serendipity erfunden – pleasant surprise. Und das war es in der Tat: eine freudige Überraschung. Wir kauften zwei Päckchen getrockneter Blätter und eine mit Cocaextrakt angereicherte Salbe, die natürlich nur zu äußeren Anwendung bestimmt ist. Glaubt man der Beschreibung auf der Dose, lassen sich mit dem Wunderelixier alle Beschwerden von Muskelkater bis Liebeskummer zuverlässig behandeln.

Einige Tage später ließ mich mein niedriger Blutdruck ein wenig schwächeln und ich sah die Gelegenheit gekommen, das Hausmittel der alten Andenvölker auszuprobieren: Wer nun erwartet, er würde nach dem Genuss einiger Cocablätter wie ein abgeschossenes Moorhuhn mit Kreuzen in den Augen auf dem Sofa liegen und rosa Elefanten würden um seinen Kopf flattern, der irrt. Mein Herz schlug ein wenig schneller, mein Kopf fühlte sich ein wenig leichter an und mir war ein wenig wohler zumute; irgendwie fühlte ich mich vitaler.

Da würde jeder echte Pothead bloß abfällig lachen und der mondäne Berliner Partygast würde darüber sowieso nur das weiß gepuderte Näschen rümpfen. Eine große Tasse schwarzer Kaffee ist vielleicht sogar noch potenter, und ich bin mir nicht einmal sicher, ob es nicht allein der belebenden Wärme des Getränks zu verdanken ist, dass ich eine tonisierende Wirkung verspürte. Hätte ich nicht gewusst, dass es sich um Cocatee handelt, würde ich meinen Lebtag lang geglaubt haben, ich hätte Salbeitee getrunken.

Auf dem Tütchen mit den Cocablättern sieht man übrigens Evo Morales, den Präsidenten Boliviens, ein Cocablatt ganz leger in die Kamera halten. Man stelle sich den Skandal vor, ein ranghoher europäischer Politiker ließe sich so ablichten! Zwar weiß jeder um die zerstörerische Wirkung von Alkohol, dennoch muss man die Politprominenz nicht zweimal bitten, wenn es darum geht, sich auf dem Oktoberfest publikumswirksam in Szene zu setzen. Sag mir, welche Drogen du nimmst, und ich sage dir, woher du kommst. Drogen sind eben auch Teil der Kultur, und wie der Alkohol in Deutschland, so erhält hierzulande Coca das präsidiale Gütesiegel. Denn als erster indigener Präsident ist Evo Morales zugleich auch ein Förderer der indigenen Landeskultur. Und Coca gehört seit Jahrtausenden zu dieser Kultur – trotz des Banns, den der Westen der uralten Kulturpflanze auferlegt hat.