5.100 Meter: Fremder in einer fremden Welt

Wie vielen anderen, die an diesem Tag zur Pyramide aufgestiegen sind, macht meiner Frau die dünne Luft zu schaffen. Bis jetzt hat sie sich nicht beklagt und tapfer durchgehalten. Doch dann beschließt sie, wieder zur Carrel-Hütte abzusteigen, während ich meinen Blick auf die himmelhohe Felswand richte, die sich über uns auftürmt wie ein Monument, das den Menschen immerfort die Unbesiegbarkeit der Natur verkündet.

Ich fühle mich so gut wie seit langem nicht mehr und mein Aufstieg zur Whymper-Hütte gleich einem einzigen unwiderstehlichen Triumphmarsch. In Quito habe ich bei jeder größeren Anstrengung unter Atemnot gelitten, doch hier, in fast doppelt so großer Höhe, berste ich geradezu vor Energie und ich überhole jeden meiner Mitstreiter – von Luftnot und Schwindel keine Spur. Ich beginne allmählich zu glauben, dass ich die unerwartete Leistungssteigerung dem Doping durch Coca-Tee zu verdanken habe.

Die Whymper-Hütte ist der Ausgangspunkt für alle ernsthaften Versuche, den Gipfel zu erklimmen. Die Leute, die man vor dem pittoresken Häuschen mit dem roten Dach herumlungern sieht, tragen ausnahmslos Bergausrüstung, wie sie für einen Grenzgänger zwischen Himmel und Erde angemessen ist. Die meisten machen mir durchaus den Eindruck, sie seien Profi-Bergsteiger oder zumindest Amateure, die wissen, auf welches gefährliche Terrain sie sich begeben.

In meinen Cargo-Shorts falle ich da nur umso mehr auf und der ein oder andere mag, nachdem er den sonderbaren Anblick nur lange genug auf sich hat wirken lassen, zu der Überzeugung gekommen sein, ich hätte nicht alle Tassen im Schrank. Doch niemand fordert von mir eine Erklärung und hätte man mich wohlwollend darauf aufmerksam gemacht, dass meine Kleidung kaum angemessen sei, um darin durch die Tierra nevada zu lustwandeln, würde ich mich einfach zum wahren Erben Humboldts erklärt und behauptet haben, nur verweichlichte Salon-Alpinisten schmücken sich mit solch unnützem Tand wie warmer Kleidung, Steigeisen und Eispickeln. Der Purist am Berg hat den Firlefanz nicht nötig.

Die Landschaft auf über fünftausend Metern Höhe wirkt so karg wie die Wüsten des Planeten Mars: Kahle Geröllfelder breiten sich unterhalb des vereisten Gipfelmassivs aus; monumentale Schuttfächer lehnen am Fels gleich riesigen Schanzen. Auf dieser Höhe gibt es kein Leben, längst ist der letzte Flecken Grün aus der Landschaft verschwunden. Es dominieren die Farben Rot und Grau mit einem Himmel darüber in Blau und Weiß. Wenn es tatsächlich noch Leben gibt, dann sind es allenfalls Mikroben, die den harschen Umweltbedingungen im Schutze der Felsen trotzen, verborgen in dem feinkörnigen und vor allem staubtrockenen Geröll.

In der Tat fällt es nicht schwer, sich vorzustellen, man sei auf einem anderen Planeten: Keine der Landschaften, die ein Mensch in seinem Leben unter normalen Umständen zu Gesicht bekommt, wirkt so fremd wie diese. Die rostrote steinige Einöde gemahnt wirklich an die Wüsten des Mars. Enthusiasten einer Kolonisierung unseres Nachbarn müssten keine Außenstelle auf einer arktischen Insel unterhalten, um schon einmal auf dieser Welt zu erproben, wie es sich dort oben lebt. Ebenso gut könnten sie in die Whymper-Hütte einziehen: Es ist kalt und trocken und die Luft ist genauso dünn wie auf dem Roten Planeten (zumindest fühlt es sich so an). Man müsste dann nur noch Platz für die Alpinisten finden – in der Luftschleuse vielleicht oder in der bioponischen Anlage.

Spätestens an der Whymper-Hütte verliert sich der Strom der Touristen. Es sind nur wenige, die den Aufstieg bis in diese Höhe wagen, und noch viel weniger, die den Weg zur Laguna einschlagen: Von der Hütte aus geht es linker Hand über einen Geröllhügel. Der Aufstieg ist, abgesehen von den Schwierigkeiten, die einem die dünne Luft bereitet, keine nennenswerte Herausforderung. Allerdings sollte man spätestens hier gutes Schuhwerk tragen, zumindest solches mit Profilsohle, denn der Untergrund ist an vielen Stellen so lose, dass man kaum noch sicher Tritt fassen kann.

Dann stehe ich vor der Laguna Condor Cocha – und bin maßlos enttäuscht. Die Phantasie hatte mir einen kalten klaren Gletschersee vorgegaukelt, auf dessen Oberfläche sich das dramatische Schauspiel von Wolken und Himmel spiegelt. Stattdessen finde ich einen kreisrunden Tümpel mit schlammig trübem Wasser. Die Laguna ist so klein, dass man zum gegenüberliegenden Ufer spucken könnte. Der blaue Gletschersee entpuppt sich als Pfütze.

Ich mache Fotos und verliere mich ganz in dem Anblick aus Himmel, Fels und Eis. Die vergletscherte Flanke des Chimborazo steigt nun senkrecht vor mir in die Höhe. Man kann den Gipfel nicht sehen, denn so dicht unter dem Berg verhindert die domartige Krümmung der Kuppe die direkte Sicht. Der Blick schweift über Steilstufen und Abbruchkanten, an denen graue Eiszungen hängen gleich gefrorenen Wasserfällen. Unberührte Schneefelder bedecken das Gipfelplateau wie eine weiße Haube. Der Anblick ist majestätisch und furchteinflößend zugleich. Im Angesicht der überwältigenden Macht des Berges fühlt man sich klein und hilflos. Wie kann jemand behaupten, er habe den Berg bezwungen?

Ein paar Anoraks haben sich an der Laguna unter der Eiswand eingefunden. Das Wichtigste sind die Fotos. Man zückt die Handys und pausenlos wird anvisiert, aber nicht der Berg oder der See sind die bevorzugten Motive. Eigentlich macht man nur von sich selbst Bilder, auf denen der Berg zufällig im Hintergrund auftaucht, als Dekoration für die eigene grinsende Visage. Man fragt mich, ob ich auf den Auslöser drücken könne. Zum Dank komme ich dann auch noch auf ein Foto.

Ich weiß nicht, ob man mich fotografiert, weil ich den Leuten in meinem windigen Aufzug ein seltenes Beispiel Humboldtscher Verrücktheit bin, oder weil ich – zumindest nach Ansicht der Ecuadorianer – wie Jesus aussehe. Das ist nicht weiter verwunderlich, denn schließlich ist der Heiland mein Landsmann (wenn ich nicht irre, ist Berlin sogar seine Geburtsstadt). Aber man müsste gar nicht der eineiige Zwilling des berühmtesten Zimmermanns aller Zeiten sein, denn jeder, der das Haar schulterlang trägt und Bart hat, sieht sich mit der überraschenden Tatsache konfrontiert, dass er Jesus auf verblüffende Weise gleiche. Die Männer sind hierzulande glattrasiert wie die Popen und auf dem Kopf trägt man langweilige Schreibstuben-Frisuren. Da ist der blasphemische Vergleich wohl unausweichlich. Ich nehme es mit Würde, doch eigentlich sollte ich mich geschmeichelt fühlen.

Zur Linken der Laguna erheben sich weitere Geröllhügel, die, je näher sie zum Berg liegen, allmählich in einen Schuttfächer übergehen. Die Laguna liegt auf 5.100 Metern Höhe – dies behauptet zumindest das Schild, das man an ihrem Ufer aufgestellt hat. Ich will der Parkverwaltung nicht widersprechen, denn die Luft fließt so dünn in meine Lungen, dass ich nach jeder größeren Anstrengung das Gefühl habe, die Lungenflügel würden kollabieren. Theoretisch ist es möglich, noch höher aufzusteigen, doch begegnen einem auf dem Weg nach oben Hindernisse, mit denen man nicht unbedingt rechnet. Es ist nicht der Berg, der dem Gipfelstürmer den Weg zu unsterblichem Ruhm verwehrt. Der Halt wird auf recht prosaische Weise von einem Angestellten der Parkverwaltung erzwungen.

Ich befinde mich nun auf einem Hügel oberhalb der Laguna und wahrscheinlich könnte man auf dem Kamm des Schuttfächers noch gut drei- oder vierhundert Meter aufzusteigen, bevor dünne Luft, eisige Kälte, vor allem aber zunehmend unpassierbares Terrain der Kletterpartie ein jähes Ende bereiten würden. Doch das eigentliche Hindernis ist eine kleine, zähe Frau, die, eingepackt in eine dicke Wattemontur, den Zugang zum Berg bewacht wie ein Zerberus. Wie sie so allein in der roten Geröllwüste steht, hermetisch eingeschlossen in ihre warme, winddichte Kleidung, könnte man sie für eine Mars-Astronautin im prall aufgepumpten Raumanzug halten. Irgendwo hinter den roten Hügeln muss ihr Schiff auf Teleskopbeinen in der Landschaft stehen.

Sie schaut mich an, als wäre ich der erste Marsianer, der ihr über den Weg läuft. Mein sommerlicher Aufzug scheint sie tief zu beeindrucken. Die Bewunderung hält aber nur kurz an und darüber hinaus ist sie auch nicht so ganz überzeugt, jedenfalls nicht genug, um mich einfach passieren zu lassen. In der dünnen Luft spart sie sich die Worte: Mit einer befehlenden Geste macht sie mir unmissverständlich klar, dass meine kleine Expedition hier und jetzt beendet sei.

Ich gebe mich empört und tue so, als hätte mich der Präsident persönlich (und in Privataudienz) damit beauftragt, den Gipfel zu bezwingen – als erster Mensch in kurzen Hosen. Doch sie mag den Präsidenten anscheinend nicht, denn sie weist mir so energisch (und verärgert) den Weg, dass kein Zweifel mehr besteht: Mein Aufstieg ist beendet. Ich befinde mich auf ca. 5.200 Metern. Ich bin auf dem Mars, aber den Himmel werde ich nicht mehr erreichen, obwohl ich ihm so nahe gekommen bin, wie nur irgend möglich. Verdammte Nasa!

Ich verweile einen Augenblick auf den Hügeln oberhalb der Laguna. Der See wirkt von hier oben winzig wie ein Spucknapf. Die Gletscherzungen reichen fast bis zu seinem Ufer, aber auf dem Weg nach unten werden sie immer dünner, wie schüttere graue Haarsträhnen, und schließlich verlieren sie sich als Kreidestriche im Fels. Für einen imposanteren Eindruck müsste man auf die globale Erwärmung setzen, doch es ist hier so kalt, dass man sich nicht vorzustellen vermag, die mächtigen Gletscher könnten irgendwann einmal schmelzen. Und dennoch ist es vermutlich möglich.

Während ich vergnügt über die Geröllhügel spaziere und dabei Fotos mache, wird jede meiner Bewegungen argwöhnisch verfolgt. Die Parkangestellte behält mich mit Argusaugen im Blick, denn wahrscheinlich versuchen immer wieder Verrückte, sich an ihr vorbeizustehlen. Ich habe nicht vor, sie auszutricksen. Von dem Vorhaben, noch höher aufzusteigen, habe ich mich endgültig verabschiedet, doch sie scheint zu glauben, ich wolle sie mit meinem harmlosen Getue bloß täuschen. Wie ein Gardesoldat auf Wacht baut sie sich vor mir auf, in kaum zehn Metern Entfernung, und sie lässt mich nicht eine Sekunde aus den Augen. Ich versuche, die Situation mit einem augenzwinkernden Lächeln zu entspannen, doch sie schaut mich an, als lösten meine Lockerungsübungen nur Bauchschmerzen bei ihr aus.

Ich lasse mich nicht drängen. Ruhig schieße ich meine Fotos. Ohnehin dauert alles länger, denn mittlerweile sind meine Hände blau vor Kälte und meine Finger haben ungefähr noch so viel Gefühl wie ein geklopftes Schnitzel. Hinuntersteigen will ich aber nicht, noch nicht, denn ich möchte mir die einmalige Gelegenheit auf keinen Fall entgehen lassen. Es dauert eine Ewigkeit, das Kameraobjektiv zu wechseln, und als ich es schließlich doch geschafft habe, möchte ich fast in Jubel ausbrechen.

Unter der Pyramide

Nachdem wir unseren schwächelnden Kreislauf mit Hilfe der uralten Hausmedizin Coca wieder in Schwung gebracht haben, steigen wir zur Pyramide auf. Das Pyramiden-Monument ist mit Sicherheit die beliebteste Destination für all jene Chimborazo-Touristen, die nicht die Absicht haben, den Gipfel des Eisriesen zu erklimmen. Streng genommen, handelt es sich gar nicht um eine Pyramide, sondern um einen recht stämmigen Obelisken, aber wer möchte schon als Klugscheißer gelten, zumal mit Rechthaberei nichts gewonnen wäre: Das Monument markiert keinen besonderen Punkt. Es steht nur für sich selbst oder zum Zeichen, dass die Menschheit sogar von diesem verlassenen und ödesten aller Orte Besitz ergriffen hat. Obelisken haben hierzulande keine Tradition, aber Pyramiden lassen an berühmte Hochkulturen denken, sie gemahnen an alte Götter und blutige Opferkulte, und Opfer hat der Berg immer wieder gefordert.

Öde ist die Gegend fürwahr, doch keineswegs verlassen: Ein bunter, nie abreißender Strom von Touristen zieht vom Parkplatz hinauf zum Monument. Für die meisten markiert die Pyramide, die kaum hundert Meter von der Sicherheit des eigenen Wagens entfernt liegt, zugleich den Endpunkt der Reise. Das Gelände ist nicht sonderlich steil, der Aufstieg verlangt keine bergsteigerischen Fähigkeiten. Jeder, der es aus eigener Kraft aus dem Fond seines SUV schafft, vermag auch bis zu dieser Stelle zu laufen.

Man könnte sogar noch höher hinaufsteigen, viel höher, doch die meisten ziehen es vor, ihr Abenteuer an diesem – wie sie meinen – besonderen Ort zu beschließen, in Tuchfühlung zur Carrel-Hütte, dem vorletzten warmen und sicheren Platz unter dem Gipfel, wo es Schoko-Doughnuts gibt und reich gefüllte Teigtaschen und wo man den Schwindel und das Rauschen in den Ohren mit heißem Coca-Tee bekämpft, der einem auch ein bisschen die Seele wärmt.

Das größte Problem ist die dünne Luft. Auf fünftausend Metern Höhe überlegt man sich jeden Schritt zweimal und an sportliche Aktivitäten sollte man gar nicht erst denken. Viele jener Besucher, die aus dem Flachland aufgestiegen sind, und deren Kreislauf demzufolge keine Möglichkeit hatte, sich allmählich an die Höhe zu gewöhnen, leiden schon bei der kleinsten Anstrengung unter Atemnot und Schwindelanfällen. Da wir in den letzten Monaten fast durchgängig auf gut zweieinhalbtausend Metern gelebt haben (Quito liegt auf rund 2.800 Metern und Cumbayá nur wenig tiefer), macht uns die Höhe nicht so zu schaffen wie diesen Frischlingen.

Der Pfad, der zur Pyramide hinaufführt, ist recht schmal und so ist man immer wieder gezwungen, über Geröll zu steigen, wenn der Zug der Gipfelaspiranten in den bunten Watteanoraks einmal ins Stocken gerät: Alle paar Meter sitzt jemand auf einem Felsblock, zusammengesunken zu einem Häufchen Elend, schwer atmend und mit fahlem Gesicht. Die dünne Luft macht den Leuten zu schaffen. Da hilft es auch nicht, dass man den von Atemnot und Schwindel Geplagten gut zuredet. Manche von ihnen scheinen nur wenige Höhenmeter vom Kreislaufzusammenbruch entfernt. Eine junge Frau macht den Eindruck, sie sei kaum noch ansprechbar. In den meisten Fällen hilft da nur der Abstieg. Hätten diese Wagemutigen es bis zur Pyramide geschafft, würden sie vielleicht eingesehen haben, dass der Preis für das flüchtige Gefühl, ein Abenteuer zu erleben, manchmal viel zu hoch ist.

Direkt an der Pyramide sind Gedenktafeln aufgestellt, die an jene erinnern, die ihren Traum vom Bergabenteuer mit dem Leben bezahlten. Manche der Tafeln erinnern tatsächlich an Grabsteine, doch ich bezweifle, dass auch nur einer der Unglücklichen hier seine letzte Ruhestätte gefunden hat, in dieser kalten Einöde. Überdies fördern die klimatischen Bedingungen die Konservierung in besonderer Weise, wie man durch gut erhaltene Inka-Mumien weiß, die man in den letzten Jahren aus ihren eisigen Grüften nahe der schneebedeckten Gipfel der Vulkane hat bergen können. Die Vorstellung, irgendwann als Schauobjekt in einem Museum zu enden, eingeschlossen in eine Glasvitrine, hat etwas Bizarres und zugleich Beängstigendes an sich.

Auf manchen der Stelen sieht man Eispickel eingraviert, so dass man annehmen darf, es handele sich um Bergsteiger. Andere zeigen nur ganz schlicht den Namen des Verstorbenen sowie das Datum seines Geburts- und seines Todestages. Es ist immer tragisch, wenn ein junger Mensch stirbt, doch bei vielen der Verblichenen handelt es sich, wie man den Lebensdaten unschwer entnehmen kann, um alte Menschen. Der Chimborazo ist nicht hoch genug, um eine eigene Todeszone zu besitzen, aber ich frage mich dennoch, was fast Achtzigjährige dazu treibt, sich in alpinen Höhenlagen zu tummeln, wenn nicht Todessehnsucht.

Es ist bedrückend, so viele Tafeln zu sehen. Jede einzelne steht für den Tod eines Menschen – so viele Schicksale, die aus wenigen nüchternen Zeilen sprechen. Kaum einer der Bergtouristen in den bunten Anoraks interessiert sich für diesen Bergfriedhof, obwohl doch nur ein Umweg von wenigen Schritten nötig wäre, um der Toten zu gedenken.

Die meisten treibt es zur Pyramide oder in die Carrel-Hütte. Sie machen Fotos mit dem Handy, wobei sie sich in immer neue Posen werfen, den Berg als Staffage im Hintergrund. Manche haben gleich den berüchtigten Selfie-Stick mitgebracht, denn schließlich hat ein Foto nur dann Bedeutung, wenn man selbst darauf zu sehen ist. Für die meisten ist die Pyramide aber das Ultima Thule. Hier kehren sie um und gut gelaunt oder atemlos oder atemlos und dennoch gut gelaunt steigen sie wieder hinab in freundlichere Gefilde.

An der Pyramide haben wir Gelegenheit, zur Kenntnis zu nehmen, dass offenbar jeder, der der ecuadorianischen Geschichte irgendein Vermächtnis hinterlassen hat, eine Reise zum Berg unternahm. Merkwürdig genug, führen solche Reisen immer zu unwirklichen Orten wie der Tierra nevada, wo man doch genauso gut einen pazifischen Palmenstrand besuchen könnte, denn schließlich verlangt es die Reisenden nicht nach Entdeckerruhm, sondern nach innerer Einkehr (bei Humboldt waren es bekanntlich Forscherdrang und Eitelkeit). Aber Besinnung liegt der Costa fern; man ist eher dem Dies- als dem Jenseits zugewandt – kaum vorstellbar, dass dem Libertador unter Palmen ein Satz in den Sinn gekommen wäre, den man für würdig erachten könnte, einem sterbenden Freiheitskämpfer von den Lippen zu fließen.

Für eine stilechte Einkehr bedarf es der Stille und vor zweihundert Jahren musste man ganz gewiss noch nicht fürchten, von SUVs niedergewalzt oder von einer anorakbewehrten Meute erdrückt zu werden. Die Liste der berühmten Namen wäre nicht vollständig, wenn sich nicht auch der große Simón Bolívar in ihr verewigt hätte. Meine Frau schwelgt in Bewunderung. Was für ein Mannsbild, sogar unbezwingbare Berge hat er bezwungen! Ich habe Glück, dass der Libertador in den Heroen-Himmel entrückt ist.

So viel konzentrierte Bedeutungsschwere bleibt nicht ohne Wirkung: Angesteckt von dem Memento mori unterhalb der Pyramide und befeuert vom Beispiel der Prominenz, beginne ich über die Vergeblichkeit menschlicher Anstrengungen zu grübeln. Doch Rettung naht und noch rechtzeitig bevor mein Verstand sich im Tiefsinn verliert wie am Grunde einer Sickergrube, bringt mich ein alter Bekannter zurück in die Wirklichkeit.

Vater Abraham kommt mir in seiner signalbunten Schlechtwetter-Outdoor-Abenteuer-Kombi hurtig entgegengestiefelt, ein triumphierendes Lächeln im Gesicht. Sein langer Rauschebart weht verwegen im Wind. Er hat die Whymper-Hütte doch noch gefunden. Bis dort hinauf sei es aber eine ziemliche Strecke, sagt er. Er meint, man könne auch noch höher aufsteigen, zur Laguna Condor Cocha, doch bei der Hütte sei für ihn Schluss gewesen – die Höhe.

Wir sind dem Himmel so nahe, dass wir ihn fast berühren könnten, doch wir stehen verloren wie Fremde in einer Landschaft, die sich als staubige Ödnis unter der ätherisch blauen Kuppel ausbreitet. Beklemmung kommt uns an, denn wir fühlen, dass sich die Seele hier niemals heimisch fühlen könnte. Über uns erhebt sich drohend das Eisgebirge des Chimborazo, doch wir plaudern so geschwätzig gegen das Gefühl der Verlassenheit an, dass es scheint, wir hätten uns irgendwo in Bahía zufällig auf der Straße getroffen. Ein schneidend kalter Wind streicht um meine nackten Waden und in meiner dürftigen Kleidung beginne ich allmählich zu frieren. Ich muss in Bewegung bleiben.

Ich verabschiede mich von Vater Abraham mit dem Hinweis, dass ich ebenfalls zur Hütte aufsteigen wolle. Ich dränge weiter. Es ist kein unfreundlicher Abschied, zumal es auch ihn wieder nach unten zieht, ins warme Innere seines allradgetriebenen Wagens. Mich aber zieht es mit Macht hinauf zum letzten Refugium der Zivilisation, zur fernsten Exklave der Menschheit im Niemandsland zwischen Himmel und Erde, zu einem Ort namens Whymper-Hütte.

Vater Abraham und die Lamas

Wir nähern uns dem Chimborazo von Südosten. Von Riobamba aus, wo wir die Nacht verbrachten, folgen wir der Panamericana ein Stück weit in umgekehrte Richtung. Nur wenige Kilometer vor der Stadt, kurz hinter einem Flecken namens Calpi, nehmen wir einen Abzweig, der uns in nordwestliche Richtung führt, hinauf zum Chimborazo.

Die Straße ist in vorzüglichem Zustand, der Asphalt so frisch, als wäre er auf die Nachricht unseres Kommens erst in der Nacht zuvor wie ein roter Teppich ausgerollt worden. Wir hoffen, dass uns das Wetter keinen Strich durch die Rechnung macht, aber ausgerechnet an diesem Morgen ist es trübe und regnerisch. Ein kalter Wind treibt immer wieder feuchten Dunst über die zerklüftete Landschaft. Jede Böe lässt uns zittern. Nieselregen, fein wie Vapor, durchtränkt das Land mit kalter ungesunder Nässe. Die Feuchtigkeit dringt durch sämtliche Kleiderschichten und das Frösteln kriecht einem über den Rücken wie Spinnenbeine.

Der Chimborazo, mit seinen offiziell 6.310 Metern der höchste Berg des Landes, erhebt sich im äußersten nordwestlichen Zipfel der gleichnamigen Provinz. Als sei er eine Grenzfestung, deren unüberwindliche Mauern sich des Ansturms feindlicher Nachbarn zu erwehren hätten, verläuft nur wenige Kilometer nördlich und westlich der Abhänge des Vulkans die Provinzgrenze – im Westen liegt Bolívar, im Norden Tungurahua, eine Provinz, die ihren Namen ebenfalls einem berühmten Vulkan verdankt.

Die Straße, die uns zum Berg führt, überschreitet diese Grenzen, aber da uns keine Schranke und keine weiße Linie auf dem Asphalt daran erinnern, merken wir es nicht. Die Grenzen, die uns der Berg setzt – Eis und Kälte, dünne Luft und Atemnot –, können wir nicht überschreiten und wir wollen es auch gar nicht. Wir belassen es bei einem Besuch an der Pforte, von der aus uns ein flüchtiger Blick ins Reich des ewigen Eises vergönnt ist.

Wir steigen immer weiter ins Gebirge auf. Würden wir der Straße folgen, müssten wir den Berg, der schon bald rechter Hand aus dem Dunst auftaucht, hinter uns lassen und den Pass von El Arenal überwinden, der die Kordillere auf einer Höhe von 4.320 Metern übersteigt. Die Passstraße steht uns noch auf dem Rückweg bevor, doch wir sollen uns gehörig täuschen, als wir leichtsinnig annehmen, dies sei schon der schwierigste Abschnitt der Strecke.

Kurz vor der Passhöhe von El Arenal gibt es einen Abzweig nach Osten. Auf der Schotterstraße, die hier ihren Anfang nimmt, gelangt man hinauf zu einer Stelle direkt unterhalb des eigentlichen Gipfelmassivs. Der wagemutige Reisende ist jedoch gut beraten, sich ausreichend zu motorisieren. Unser Wagen taugt leider nur für gemütliche Flachlandfahrten und es erfordert schon einiges an fahrerischem Geschick und darüber hinaus bedarf es auch noch des vielbeschworenen Quäntchens Glück, um diesen flügellahmen Blech-Ikarus bis an den Rand des Himmels zu hieven.

Und dann sehen wir zum ersten Mal den Berg. Eine Nebelwand öffnet sich wie ein Vorhang und die Natur gibt die Sicht frei auf ein Schauspiel, wie man ihm im Leben wohl kaum ein zweites Mal beiwohnen darf: Hinter einem sanft geschwungenen Hang, der in einen dichten Pelz stacheligen Grases gekleidet ist, thront fern und unnahbar der majestätische Chimborazo. Noch ist das Geheimnis nicht vollständig gelüftet, denn noch zeigt sich der Bergriese nicht in seiner ganzen Pracht, aber allein dieser flüchtige Blick durch den Nebel lässt die gewaltige diamantförmige Felspyramide erahnen. Wir können es kaum erwarten, dem Berg von Angesicht zu Angesicht gegenüberzustehen.

Die Gegend rund um den Vulkan wirkt verlassen. Obwohl man allerorten Felder und Weiden sieht, erscheint das Land so leer, als sei es durch ein schreckliches Ereignis entvölkert worden. Der düstere Himmel drückt auf das Gemüt und betrachtet man diese Landschaft nur lange genug, fällt es schwer, sich jener Traurigkeit zu erwehren, die einem wie die feuchte Kälte bis in die Seele zu kriechen scheint. Man hat den Eindruck, niemand könnte hier leben, ohne früher oder später lebensbedrohlicher Schwermut zu verfallen.

Bergbewohner

Wir freuen uns, dass wir doch noch typische Bewohner dieser Gegend treffen: Lamas. Als wir die friedlichen Tiere mit dem warmen wolligen Fell vor uns auf der Straße laufen sehen, glaube ich einen Augenblick lang, es handele sich um Schafe, doch als wir uns nähern, ist der Irrtum schnell aufgeklärt. Ein Hirte führt die Herde auf eine neue Weide und die gutmütigen Lamas lassen sich bereitwillig durch das Gatter lenken. Wir wollen uns die Gelegenheit nicht entgehen lassen und so halten wir und machen Fotos. Die Tiere, an die Nähe des Menschen gewöhnt, zeigen nicht die geringste Scheu. Sie blicken gleichgültig in die Kamera und äsen einfach weiter, als sei es ihr Job, dem Touristen zu jenen Erinnerungsbildern zu verhelfen, die das bekannteste Klischee von den Anden auf das Schönste bestätigen.

Lamas sieht man weitaus seltener als es einem die einschlägigen Reiseanbieter weiszumachen versuchen, und wenn man nicht den abgelegensten Routen durch die Berge folgt, bekommt man sie gar nicht zu Gesicht. Auch ein anderer Reisender nutzt die Gunst der Stunde. Die bunte Wetterschutzkleidung, die er am Leib trägt, weist ihn unzweifelhaft als Touristen aus, und als wir ein paar Worte wechseln, zeigt sich, dass er sogar ein Landsmann ist. Mit seinem langen silbrigen Rauschebart könnte man ihn glatt mit Vater Abraham verwechseln (das ist der mit den Schlümpfen) oder ihn, passend zur Landschaft, für eine Art Alm-Öhi halten. Wir sollten ihm noch öfter begegnen, denn der Tourist folgt – ob er nun will oder nicht – den immer gleichen ausgetretenen Pfaden ins Abenteuer.

Die Straße führt noch höher hinauf. Sie taucht durch Mulden und fräst sich durch Hügel. Die Böschungen beiderseits der Fahrbahn wirken wie frische Schnitte in den Leib der Erde. Wie die Schichten eines Baumkuchens stapeln sich die Zeitalter: jede Lage ein Vulkanausbruch oder ein Staubsturm, eine Gerölllawine oder ein Ascheregen – Tausende Jahre Erdgeschichte, zusammengedrängt auf wenige Meter. Kaum einem Bergtouristen ist der Blick in die Eingeweide des Planeten einen kurzen Stopp wert, aber ich muss unbedingt ein Foto machen.

Irgendwann fahren wir über eine weite Geröllebene, die sich schräg gegen den Himmel neigt, als wäre plötzlich die Erdscheibe gekippt. Wir befinden uns bereits auf der Flanke des Vulkans. Rechter Hand gleitet der Hang ab ins Nirgendwo. Um uns herum ist nur noch Himmel. Am Rande, dort wo der Berg wie abgeschnitten endet, heben sich plötzlich mehrere grazile Gestalten gegen das einheitliche Grau des Himmels ab. Das sind Vicuñas, die wilden Vettern der domestizierten Lamas.

Man bekommt diese Tiere nur sehr selten zu Gesicht, denn anders als ihre Verwandten, sind sie überaus scheu. Sie dulden den Menschen nicht in ihrer Nähe und beim leisesten Anzeichen dafür, dass man sich ihnen nähern wolle, entfernen sie sich. Sie fliehen aber nicht einfach. Ich habe fast den Eindruck, sie meiden uns, wie man jemanden meiden würde, den man auf den Tod nicht ausstehen kann – unauffällig, diskret, aber bestimmt. Ein Mensch könnte die eleganten Läufer ohnehin nicht einholen. Wir sind auf über viertausend Metern Höhe und die Landschaft gleicht der Marswüste. Ich frage mich, wovon die scheuen Tier leben.

Per aspera ad astra

Die Straße ist nur noch ein staubiger Schotterweg, der sich in Serpentinen am Berg hinaufwindet. Eigentlich ist die Steigung nicht sehr groß, doch der schwachbrüstige Motor röchelt in der dünnen Luft wie ein Schwindsüchtiger. Schon die kleinste Mulde im Boden erweist sich als schwerwiegendes Problem und nur ständige Aufmerksamkeit und geschicktes Fahren retten uns jetzt noch davor, hilflos in der Einöde liegen zu bleiben. Einige Male überlegen wir ernsthaft, ob es nicht klüger wäre umzukehren. Doch dann müssen wir uns selber zur Räson rufen, denn schließlich sind wir fast am Ziel und jetzt aufzugeben, wäre eine Schmach, die uns auf ewig anhängen würde.

Meist tasten wir uns im ersten Gang vor und nur mit ein wenig Glück gelingt es auch einmal, in den zweiten hochzuschalten. Damit ist die Maschine schon an den Grenzen ihrer Möglichkeiten angelangt. Doch es gibt kein Halten, wir müssen immer weiter, denn stehenzubleiben, käme einer Katastrophe gleich: In dem staubtrockenen pulvrigen Schotter können sich die profillosen Reifen nicht festkrallen und beim Anfahren drehen sie einfach durch. Einige Male bleiben wir dennoch stehen, weil der Wagen an einer Steigung erschöpft aufgibt – am Hang verhungert. Nach einer langen Schrecksekunde geht es dann aber doch irgendwie immer weiter: Es ist jedes Mal ein nervenaufreibendes Kunststück, dieses Ärgernis von einem Auto wieder in Gang zu bringen.

Während wir darüber nachdenken, ob es nicht besser sei, dass alle bis auf den Fahrer ausstiegen, um den Wagen ein wenig zu erleichtern, donnern immer wieder SUVs mit aufheulendem Motor an uns vorbei. Die Fahrer beschleunigen, dass die Räder nur so durchdrehen. Staubfontänen sprudeln in die dünne Luft. Ich bin nicht sehr erbaut angesichts der Vorstellung, die letzten Meter auch noch zu Fuß zurücklegen zu müssen.

Ich verfluche diese Angeber in den SUVs mit den verdunkelten Scheiben und ich verfluche unser Auto und alle Autovermietungen gleich mit (Meine Flüche sind wahrscheinlich gar nicht wirksam, weil ich sowieso nicht an die Macht von Flüchen glaube). Mein Groll wird schnell wieder besänftigt, denn zur rechten Zeit entsinne ich mich eines wichtigen Naturgesetzes, einer Wechselbeziehung, die als bewiesener Lehrsatz dieselbe unumstößliche Gültigkeit beanspruchen kann wie das Newtonsche Gravitationsgesetz: Danach steht die PS-Stärke des Autos in reziprokem Verhältnis zur Größe gewisser Körperteile des Fahrzeugbesitzers (kleiner Tipp: Es sind nicht die Ohren). Ich kann den Fahrern dieser großen, großen Autos nicht länger böse sein; ich empfinde sogar ein wenig Mitleid mit ihnen.

Hütten, Pyramiden und tonisierende Tränke

Es kommt einem Wunder gleich, dass wir unser Ziel in 4.800 Metern Höhe überhaupt erreichen: ein Parkplatz, der so dicht mit Autos zugestellt ist wie die Parkflächen vor Kaufland an einem samstäglichen Verkaufsvormittag. Nur mit Mühe finden wir eine freie Stellfläche. Ich steige aus und sehe mich ein wenig um, und sofort erfasst mich das Bergfieber. Ich will hinauf, immer nur hinauf, höher und höher. Die meisten Besucher scheint derselbe Wahnsinn umzutreiben, denn eine Kette aus bunten Watteanoraks bewegt sich vom Parkplatz aus hinauf zur Pyramide, einem Monument und einer bekannten Landmarke etwa hundert Meter oberhalb der Carrel-Hütte.

Als ich ziellos herumlaufe, begierig, alle Eindrücke aufzusaugen wie ein Schwamm, stehe ich plötzlich vor meinem Landsmann, demselben, dem ich schon einmal bei der Lamaherde begegnet bin und den ich einen Moment lang (irrtümlich) für Vater Abraham hielt. Er fragt mich, wo denn die Whymper-Hütte sei. Ich habe keine Ahnung, aber da diese Berghütte von allen Außenposten der Menschheit in der größten Höhe zu finden ist, nehme ich an, man müsste, um dorthin zu gelangen, den Berg nur weiter hinaufsteigen.

Er scheint mich für den einzigen kundigen Menschen zu halten und in der Tat muss ich in meinen Cargo-Shorts und mit meinen nackten Waden in dieser Höhe – wir sind nun auf fast fünftausend Metern – einen recht verwegenen Eindruck hinterlassen. Wahrscheinlich denkt er sich, wer die Chuzpe hat, mit kurzen Hosen bis an den Rand des ewigen Eises aufzusteigen, würde auch mit Leichtigkeit zum Gipfel marschieren, und zwar noch vor den Frühstücks-Cornflakes (tatsächlich muss man Nachts aufbrechen, um den Abstieg noch rechtzeitig vor dem Abend zu schaffen).

Mit einiger Sicherheit kann ich erklären, dass ich seit Humboldt gewiss der erste bin, den der Berg in kurzen Hosen und Sommerjacke sieht. Wer mich erblickt, muss denken, dass mir die schneidende Kälte und die dünne Luft nichts ausmachen. Doch das ist alles nur ein Missverständnis, denn meine lange, warme Hose ist mir vom Bund bis in die Kniekehle zerrissen, ausgerechnet beim Zitronenpflücken auf der Finca eines Freundes.

Und so stehe ich nun am Rande des Parkplatzes wie ein Strandurlauber am Pazifik, während alle anderen in dicken Thermo-Anoraks und Bergstiefeln zur Pyramide aufsteigen. Doch ich fühle mich von einer Woge jener Euphorie getragen wie sie vor über zweihundert Jahren Humboldt erfasst haben muss, als er den Berg zum ersten Mal sah. Die schockierten Blicke, die ich für meinen leichtsinnigen Aufzug ernte, beflügeln meine Hybris und ebenso sehr befeuern sie meine Entschlossenheit. Ich fürchte, der Höhenrausch hat mich erfasst.

Wir kehren kurz in die Carrel-Hütte ein, um uns für den bevorstehenden Aufstieg zu wappnen. Die Hütte liegt nur einen Katzensprung vom Parkplatz entfernt und ist für gewöhnlich der erste Anlaufpunkt des Laien-Alpinisten. In der dünnen Höhenluft kriecht einem die Kälte rasch bis in die Knochen und dann ist man froh über einen gemütlichen Platz in der mollig warmen Hütte. Auf dem Tresen stehen Doughnuts mit dicker Schokoladenglasur und reich gefüllte Teigtaschen. Wer sonst auch streng auf seine Linie achten mag, hier ist er dankbar für die gehaltvolle Stärkung.

Wir haben genug Reserven und so nehmen wir Vorlieb mit einem erprobten Hausmittel gegen die Höhenkrankheit – Coca-Tee. Mit etwas Zucker schmeckt der heiße Sud gar nicht so schlecht und nachdem ich meine Tasse ausgetrunken habe, fühle ich mich elektrisiert bis in die Haarwurzeln. Meine Wangen glühen und mein Kopf ist so leicht, als wäre mal eben kurz durchgelüftet worden im Oberstübchen.

Übrigens heißen die Berghütten „Whymper“ und „Carrel“ zu Ehren der Erstbesteiger. Das war im Jahre 1880, ein Menschenleben nach Humboldt. Edward Whymper war Engländer und mit Sicherheit wird er im letzten Biwak vor dem Gipfel seinen Tee getrunken haben – keine heroische Großtat zum Ruhme des Empire ohne Tee! Vielleicht schwammen da in Whympers Tasse, passend zum Anlass, ein paar Coca-Blätter.

Über uns wächst der Berg in einen Himmel, in dem das reine kristallklare Azurblau mit jeder weiteren Stunde die Oberhand gewinnt. Der Himmel ist so nah, dass man beinahe die Hände in seinem Blau baden könnte (auf dem Bild hebe ich schon mal die Arme). Wir schließen uns dem Zug der anorakbewehrten Hobby-Alpinisten an und steigen auf zum Pyramiden-Monument. Es sollte nicht die letzte Station sein.

Zweihundert Blogposts

Am Meerschweinchensee

Ecuador ist ein Land der Vulkane. Der Reisende, den es aus einer tektonisch eher verschlafenen Weltgegend wie Deutschland in ein Land verschlägt, das von Nord nach Süd von einem Gürtel aktiver Vulkanberge durchzogen wird, ist erstaunt darüber, in welchem Einvernehmen und mit welcher stillen Gelassenheit die Menschen mit den Kräften der Natur leben. Die Vulkane gehören seit Urzeiten zum Alltag der Menschen, nicht anders als überfüllte Bankfilialen, stundenlanges Warten auf Ämtern und KFC (nur kann man nicht genau sagen, wer zuerst da war – die Berge oder der Colonel).

Am westlichen Saum des amerikanischen Kontinents taucht die pazifische unter die südamerikanische Platte. Die Kontinentalplatte wird dabei gestaucht wie ein Bogen Papier, der sich in den Walzen eines Druckers verklemmt hat. Das gewaltige Bergmassiv der Anden faltet sich in die Höhe und von Magmakammern aus wachsen Kanäle durch das Gestein gleich den Fäden eines Myzels. Wo sie die Erdoberfläche durchbrechen, wird Lava ausgespien und Vulkane wachsen als feuriges Fanal der plutonischen Kräfte in den Himmel.

Die Menschen haben dem Schauspiel der Natur seit frühester Zeit ehrfurchtsvoll und staunend gegenübergestanden. Oft mischte sich Angst in die Faszination, da man die Ursache für Lavaströme und Ascheregen nicht kannte. Die Angst mag gewichen sein, seit ein immer präziserer wissenschaftlicher Verstand den Vulkanen viele ihrer Geheimnisse entrissen hat, doch die Gefahren sind geblieben.

Oft liegt die Gefahr in Sichtweite städtischer Ansiedlungen: Von Quito aus kann man zum Beispiel bei klarem Wetter den Vulkan Pichincha majestätisch über der Stadt thronen sehen (bezeichnend ist, dass man ausgerechnet einer Bank den Namen eines unberechenbaren Vulkanberges gegeben hat: Banco del Pichincha). Auch einer der berühmtesten Vulkane der Welt, der Cotopaxi, den wir das Glück hatten, besuchen zu dürfen, befindet sich nicht einmal eine Autostunde von Quito entfernt. Seismologen beobachten den Berg so aufmerksam wie Anstaltsärzte einen somnambulen Axtmörder. Wenn sie ungewöhnliche Ausschläge im seismischen Herzschlag des Vulkanriesen entdecken, bereitet sich die Hauptstadt auf den Notfall vor.

Die Menschen leben seit Jahrtausenden mit der Gefahr, aber sie sind sich auch der Wohltaten bewusst, die ihnen die Vulkane spenden. Die Vulkanasche verwandelt die Gegend rund um die Berge in ein fruchtbares Eden, und so sind es gerade diese gefährdeten Regionen, in die es die Menschen seit der Erfindung des Ackerbaus zieht. Oft kann man beobachten, dass die Berge weit die Hänge hinauf in eine grüne Flickendecke aus Feldern, Wiesen und Weiden gewandet sind.

Wie überaus gnädigen, manchmal jedoch jähzornigen, aber immer unberechenbaren mächtigen Patronen begegnen die Menschen den Bergen mit Respekt, Ehrerbietung und stets auch mit der sehr realen Angst, die Wohltäter könnten ihnen ihre Gnade auch wieder entziehen. Immer wieder haben katastrophale Eruptionen die Anstrengungen vieler Generationen zunichte gemacht, und immer wieder und fast schon mit der Regelmäßigkeit eines Opferrituals haben die Berge Menschenleben gefordert – sei es, dass man ihnen freiwillig das Opfer brachte, um sie zu besänftigen, sei es, dass pyroklastische Ströme und Ascheregen ganze Landstriche auslöschten. Es ist kein Wunder, dass alle frühen Kulturen des amerikanischen Kontinents mächtige Gottheiten in den Vulkanen erkennen wollten.

Die Cuicocha-Kraterruine ist, wie der Name schon vermuten lässt, kein aktiver Vulkan – zumindest nicht in dem winzigen erdgeschichtlichen Augenblick, den wir Menschheitsgeschichte nennen. Cuicocha bedeutet je nach Lesart „Meerschweinchensee“ (Cuy heißt Meerschweinchen) oder Regenbogensee. Die gewaltige Caldera entstand vor über dreitausend Jahren infolge eines Ausbruchs unvorstellbaren Ausmaßes: Nicht nur wurde der Vulkankegel regelrecht vaporisiert und in die Stratosphäre geschleudert, die Explosion hat auch ein Loch von der Größe eines Asteroidenkraters in die Erdoberfläche gegraben. Die Asche fiel im Tal von Otavalo nieder und machte die Gegend zu einer der fruchtbarsten Regionen in Ecuador. Die Kraterruine füllte sich rasch mit Regenwasser und es entstand ein See. Zwei Inseln erheben sich über das stille Gewässer. Merkwürdig genug, sind beide nach deutschen Forschern benannt.

Der Krater liegt in der Nähe von Cotacachi, einer Stadt, die vor allem für ihre Lederarbeiten berühmt ist. Wir waren schon mehrmals dort und wir fahren immer wieder gern hierher, auch deshalb, weil man in einer Nebenstraße ein kleines Café namens „Serendipity“ findet. Dort gibt es alles, wonach das Herz des an zivilisatorischen Luxus gewöhnten Reisenden verlangt: guten Kaffee und einen Lemon pie, bei dessen Genuss einem die Sinne schwinden. Man verlässt Quito auf dem Abzweig der Panamericana, der nach Norden führt, aber von Cumbayá aus führt eine günstigere und weit angenehmer zu befahrende Route über Tababela, den nagelneuen internationalen Flughafen der Hauptstadt.

Man erreicht Cotacachi von Quito aus mit dem Auto in ca. anderthalb Stunden. Nachdem man den nördlichen Vororten Quitos glücklich entronnen ist, beschreibt die Autopista eine Schleife um das Tal des Río Pisque. Die Straße legt sich um die Flanke des Berges und auf der Beifahrerseite kann man in den Cañon blicken – wenn man nicht alle Hände voll damit zu tun hat, auf der Straße zu bleiben. Über dem Flusstal, direkt am Hang, dort, wo die Arbeit des Wassers Jahrmillionen alte Gesteine freigelegt hat, befindet sich ein Aussichtspunkt mit einem Parkplatz. Viele Reisende lassen sich die Gelegenheit zu einem Zwischenstopp nicht entgehen. Man picknickt oder vertritt sich die Beine, während man den Blick über das Tal des Río Pisque genießt.

Wann immer wir auf der Panamericana nach Norden fahren, halten wir an dieser Stelle. Die Landschaft wirkt eher karg und abweisend und sie erinnert mich ein wenig an New Mexico, was vielleicht einer der Gründe sein mag, warum ich so gern durch diese Gegend reise. Doch dieser Aussichtspunkt mit seiner grandiosen Fernsicht schmeichelt nicht nur dem ästhetischen Empfinden, sondern er dient auch ganz und gar praktischen Zwecken: Ein breiter Fächer Müll ergießt sich vom Parkplatz über Jahrmillionen alte Sedimente den Hang hinunter, womöglich sogar über Fossilien, die den Tod der Dinosaurier gesehen haben.

Unter den illegal entsorgten Relikten unserer Konsumkultur finden sich nicht nur Getränkeflaschen, Styropor-Boxen und Plastiktüten, sondern auch Artefakte der Wohnkultur des 21. Jahrhunderts, wie Sofas, Stühle und sogar ein Kühlschrank. Ich bin zuversichtlich, die Archäologie der fernen Zukunft wird allein schon durch die akribische wissenschaftliche Auswertung unserer zahlreichen Mülldepots mit fast absoluter Sicherheit auf die Ursache schließen können, die zum Untergang unserer Kultur geführt hat.

Wir halten uns in Cotacachi nur kurz auf, denn wir wollen zum Kratersee. Als würde man das unaussprechliche Geheimnis vor Fremden verbergen wollen, ist der Weg dorthin kaum ausgeschildert. Eigentlich sehen wir nicht einen einzigen Wegweiser und als wäre der Vulkansee nicht eine erstklassige touristische Attraktion, geht es über Landstraßen, die nicht nur so aussehen, als wären sie von allen Verkehrsministerien der letzten fünfzig Jahre ignoriert worden. Vielleicht ist aber nur noch kein Straßenbautrupp bis in diese entlegene Gegend vorgedrungen. Mancher Angehörige der Oberschicht lässt sich gern vernehmen, Ecuador verfüge über die besten Straßen in ganz Lateinamerika. Ich habe das Gefühl, dass damit keineswegs ein Kompliment ausgesprochen ist.

Wir müssen die Einheimischen fragen. Sie zeigen uns gutwillig den Weg. Wir befinden uns in einer dörflichen Einöde, die Lichtjahre vom nächsten ordentlichen Espresso entfernt scheint, aber die Jugendlichen, die wir treffen, stehen ihren Altersgenossen in Berlin in nichts nach: Der Schritt der Hose hängt fast an den Knien, die Cap lässig ins Gesicht gezogen, teure Sneakers, die Hände tief in den Taschen vergraben und die Schultern zum Buckel gerundet. In einer beliebigen europäischen Großstadt würde man so nicht weiter auffallen. Einzig die Gesichtszüge verraten, dass man von hier ist und dass die Vorfahren schon hier lebten, bevor die ersten Weißen übers Meer kamen.

Und dann sehen wir endlich den Kratersee. Bevor die Straße in den Naturpark einmündet, führt sie oberhalb der Uferböschung entlang. Viele Besucher ergreifen schon hier die Gelegenheit, das Auto am Straßenrand zu parken und fleißig Fotos zu schießen. Man kann einfach nicht weiterfahren, denn der Anblick des Sees ist so unglaublich fremd und über alle Maßen beeindruckend, dass man nicht erst warten möchte, bis man den Besucherparkplatz erreicht hat. Nachdem unsere Neugier fürs Erste befriedigt ist, fahren wir dann doch auf den Parkplatz des Besucherzentrums, der zu diesem Zeitpunkt erstaunlich leer wirkt.

Das Besucherzentrum ist ein massiver Bau direkt am Ufer der Cuicocha-Kraterlagune. Es gibt eine Kantine, in der landestypische deftige Schweinefleischgerichte angeboten werden und einen Bootssteg, von dem Ausflugsboote zum Rundkurs um die Inseln ablegen. Als wir eines der Boote zurückkehren sehen, entschließen wir uns spontan zu einer „Kreuzfahrt“. Die Tourteilnehmer haben ganz verfrorene Gesichter, doch das kann uns nicht schrecken. Aber erst einmal kaufen wir Tickets, sehen uns an den Souvenirständen um und machen Fotos. Als wir an der Lagune eintrafen, hatte gerade einmal ein halbes Dutzend Interessierter an der Bootsanlegestelle gestanden. Mittlerweile hat sich eine lange Schlange gebildet und wir bedauern, dass wir uns so viel Zeit gelassen haben. Aber wer zu spät kommt, den bestraft bekanntlich das Leben.

Wir reihen uns dennoch unter den Wartenden ein, denn zu dieser Zeit des Tages – es war bereits Nachmittag – nimmt der Besucherstrom deutlich zu, und zu hoffen, dass der Andrang nachlassen würde, scheint uns deshalb zwecklos. Also hieß es warten. Die meisten, die den See besuchen, wollen auch zu den Inseln. Wir warten eine geschlagene Stunde, doch dann endlich sind wir so weit nach vorn gerückt, dass wir mit der nächsten Tour an Bord dürfen. Zuvor wird man genötigt, eine Schwimmweste anzulegen, und wenn man dann inmitten all der anderen Schwimmwestenträger am Bootssteg steht und darauf wartet, dass es endlich losgeht, kommt man sich vor, als nähme man gerade an einer Rettungsübung auf der Titanic teil.

Dann kam das Boot, eine überdachte Ausflugsbarke. Nachdem die Passagiere, die das Glück hatten, vor uns in der Reihe zu stehen, ihren Platz geräumt haben, gehen wir an Bord, immer einer hübsch nach dem anderen. Ein kleines Mädchen hat ihre Rettungsweste so lieb gewonnen, dass sie sich weigert, sie wieder herzugeben. Man muss sie ihren kleinen Händen förmlich mit Gewalt entreißen und dann schreit die Kleine, als hätte man ihr den Arm ausgerissen. Ich kann sie noch hören, als wir längst abgelegt haben und das Boot sich schon fast in der Mitte des Sees befindet. Doch dann wird es mit einem Mal ganz still und man hört nichts weiter als das Brummen des Schiffsmotors und das sanfte Plätschern des Wassers.

Der See ist glatt wie ein Spiegel, das Wasser kristallklar und nahe der Bootsanlegestelle sieht man Seegras sich sanft in der Strömung wiegen. Ich tauche meine Hand hinein und ich bin mir nicht sicher, ob jemand mit einem nicht mehr ganz so kräftigen Herzen einen Sturz in die Fluten überleben würde, denn die Kälte beißt einen förmlich in die Finger. Bear Grylls wäre begeistert. Der Bootsführer erklärt, siebzig Meter sei der See tief und es lebten keine Fische darin. Der Grund dafür sei, dass es keine Zuflüsse gibt; Regen ist die einzige Quelle, aus der sich das Wasserreservoir speist.

Wir nähern uns den Inseln, die in der Mitte des Sees die Wasseroberfläche durchstoßen wie die Buckel der Midgardschlange. Das größere der beiden Eilande trägt den Namen Teodoro Wolf, das kleinere heißt Yerovi. An Steuerbord gleiten die in dichte Vegetation gehüllten Hänge der größeren Insel vorbei. Die Pflanzen sind braun wie überkochtes Gemüse, aber so passen sie viel besser zu dem schwermütigen Himmel, der wie eine Wattedecke über dem Kraterloch liegt.

An Backbord erheben sich die Kraterwände. Sie sind so steil, dass Pflanzen keinen Halt finden. Ein Freizeitkletterer könnte sie wohl kaum ohne Hilfsmittel erklimmen. Da man auf allen Seiten von senkrechten Wänden eingeschlossen ist, fühlt man sich wie ein Käfer in einer Schüssel. Die Landschaft ist mit nichts zu vergleichen, was man kennt, jedenfalls mit nichts in der Welt der Realität. Nicht nur einmal drängt sich mir der Eindruck auf, ich wäre in die Romanwelt Jules Vernes versetzt, und manchmal habe ich das Empfinden, es hätte mich in die romantischen, unheimlichen und oft bizarren Kulissen Karel Zemans verschlagen.

Wir umrunden die große Insel und dann kommt der Höhepunkt des Bootsausfluges: die Fahrt durch den Sund zwischen den Inseln, der passend zur Landschaft „Canal de los ensueños“ heißt. Ensueño kann gleichermaßen Traum, Träumerei oder Trugbild bedeuten und so bleibt es jedem Besucher selbst überlassen, ob er seine Träume oder seine Illusionen in der fremdartigen Landschaft gespiegelt sehen will.

Das Boot gleitet langsam durch den schmalen Kanal. Man sieht nichts als einen Wald aus Schilf und dahinter erheben sich die Inseln wie die aufgeblähten Kadaver toter Giganten. Das Rohr raschelt leise, wenn die Bordwände daran vorbeistreichen, doch es ist eigenartig, dass man keine Vögel hört. Die Vegetation wirkt welk, als begännen die Pflanzen unter dem trüben Himmel bereits zu vermodern, noch ehe sie in Blüte gestanden haben. Alles Leben scheint erstorben. Die Landschaft ist so tot wie die Darstellung eines Friedhofs auf einem vergilbten Gemälde.

Irgendwo an der Einfahrt zum Kanal sehen wir Ruinen. Sie verwittern langsam in der Wildnis aus braunem Gestrüpp, doch Niedergang und Verfall wollen zu dieser leblosen Landschaft viel besser passen als Entstehen und Wachsen. Ein Restaurant sollen die Mauern einst beherbergt haben, aber man vermag sich nicht so recht vorzustellen, dass sich Gäste an jenem trübsinnigen Ort zu feucht-fröhlicher Runde eingefunden haben könnten. Der Anblick ist bedrückend. Doch die Inseln sind nun Schutzgebiet und niemand darf sie betreten. So bleiben die traurigen Überbleibsel menschlicher Kolonisationsgelüste sich selbst überlassen. Irgendwann wird die Natur sie verschlungen haben.

Wir gleiten mit halber Motorkraft in den Kanal. Das stille Wasser schneidet sich durch einen dichten Wald aus Binsen. Einen Augenblick lang werden wir vollständig vom Schilf eingeschlossen, doch dann weichen die Halme zurück und wir blicken über den See auf das Besucherzentrum, auf das wir nun Kurs halten. An Backbord erscheint hoch über dem Wasser eine Grotte, in der, gleich der Madonnenerscheinung von Lourdes, die weiße Statue der Jungfrau steht. Wer gute Augen hat, kann sie sogar vom Besucherzentrum aus sehen, doch wahrscheinlich bekommt sie nur selten Besuch, denn schließlich gibt es an jeder Straßenkreuzung eine Madonna und es besteht keine echte Notwendigkeit, erst den beschwerlichen Weg hierher auf sich zu nehmen. Als ich einen letzten Blick hinauf zur Grotte werfe, kommt mir Arnold Böcklins „Toteninsel“ in den Sinn, doch im Brummen des Schiffsmotors und im Geschwätz der Passagiere verfliegt der Gedanke.

Nur Augenblicke später haben wir die Bootsanlegestelle erreicht. Wir geben die Rettungswesten artig ab und lassen den Bootstouristen nach uns den Vortritt. Oberhalb des Anlegers befindet sich die Kantine und dort wird jetzt an alle Teilnehmer der Tour Canelazo ausgeschenkt. Canelazo ist eine Art Grog, nur ohne Rum. Der Sud ist heiß, süß und schmeckt angenehm nach Zimt (Canela – Zimt). Und so ein wärmendes Getränk ist jetzt auch genau das Richtige, denn auf dem Wasser ist es kalt wie in einem Kühlschrank. Wenn man eine Dreiviertelstunde dem Fahrtwind ausgesetzt ist, fährt einem die feuchte Kälte irgendwann bis in die Knochen. Die dünne Höhenluft tut ein Übriges und eigentlich ist einem immer nur kalt. Der Canelazo wärmt uns aber wieder auf.

Wir streifen noch eine Zeitlang ziellos über das Gelände oberhalb des Bootsanlegers, schießen Fotos und lassen uns von dem spektakulären Panorama gefangennehmen. Wenn man vom Besucherzentrum aus nach oben blickt, sieht man über einer Klippe die Glasfront eines Restaurants. Wir denken uns, die Aussicht muss einfach großartig sein und so machen wir uns auf den Weg. Eine holprige Schotterstraße balanciert auf dem Grat des Kraterwalls entlang. Wir fahren mit dem Auto, weil wir nach der kurzen Stippvisite gleich aufbrechen wollen. Die Schotterstraße läuft nach ein paar Hundert Metern vom Kraterwall herunter und mündet in eine idyllische Landstraße ein. Es gibt übrigens einen Wanderweg, der auf dem Kraterwall entlang läuft, und wer gut zu Fuß ist, kann die Vulkanruine in sechs Stunden umrunden.

Wir erreichen das Restaurant über eine schmale Zufahrt. Die Einfahrt zum Parkplatz ist mit einem Seil gesperrt – nur Gäste des Restaurants haben das Privileg, hier parken zu dürfen. Wir geben uns als solche aus und ein glatzköpfiger kleiner Mann sprintet herbei und öffnet das Tor. Offenbar haben wir es mit dem Maître zu tun. Der See liegt auf der anderen Seite des Gebäudes und vom Parkplatz aus kann man leider überhaupt nichts sehen. Eigentlich wollen wir nur die Aussicht genießen, aber der kleine agile Mann schaut mich fragend an, und deshalb bekunde ich den Wunsch, Kaffee zu trinken. Ich ernte einen misstrauischen Blick. Der Mann scheint seine ganz eigene Philosophie zu haben und wie man potentielle Kundschaft verprellt, darauf versteht er sich offenbar ganz ausgezeichnet.

Der Gästeraum des Restaurants entpuppt sich als ein schmuckloser Saal. Es gibt keine Gardinen an den Fenstern und Energiesparlampen ragen nackt aus den Fassungen. Der Raum versprüht den Charme einer Bahnhofsmission der Heilsarmee. Aber ich glaube auch nicht, dass die Gäste, wenn schon nicht des Ambientes wegen, hier gern einkehren würden, um das gute Essen zu genießen.

Ich entscheide mich im letzten Moment gegen den Kaffee, denn ich ahne Schlimmes, und ich nehme stattdessen die heiße Schokolade. Heiß ist sie – daran gibt es nichts zu deuteln –, aber ich habe das Gefühl, man hat einfach gewöhnliches Kakaopulver aus dem Supermarkt in die gepanschte Milch gerührt. Dafür zwei Dollar zu verlangen, empfinde ich als eine Unverschämtheit.

Die Betreiber scheinen allen Ernstes zu glauben, allein schon der schöne Ausblick würde die Gäste in Scharen zu ihnen treiben. Berückend schön ist die Aussicht in der Tat. Man könnte sich durchaus vorstellen, in gepflegter Atmosphäre hinter den weiten Panoramafenstern zu sitzen und bei gutem Kaffee und leckerem Kuchen diesen phantastischen Ausblick über den See und die Inseln zu genießen. Leider findet man sich nur im Wartesaal eines Bahnhofs wieder und sogar das Essen erinnert an Mitropa. Was für eine Lage – und was für eine grandiose Verschwendung!

Wir brechen auf, sobald ich ein paarmal anstandshalber von meiner „Schokolade“ genippt habe. Zahlende Gäste sind wir und so kann man uns kaum verbieten, ein paar Aufnahmen vom See und den Inseln zu machen. Doch wir wollen die Kreise des misstrauischen Restaurantbesitzers nicht länger stören. Wir fahren auf den Asphalt der Straße und durch die liebliche Landschaft geht es zurück nach Quito. Es dauert eine Weile, bis die Kälte ganz aus meinem Körper gewichen ist.

An der Laguna de Limpiopungo

Am Fuße des Vulkans liegt ein stiller See, die Laguna de Limpopungo. Das heißt, still ist es, wenn sich nicht gerade Massen von lärmenden Touristen am Ufer der Lagune aufhalten. Das flache Gewässer mit dem kristallklaren, aber eiskalten Wasser liegt wie ein glänzendes Juwel in der kargen Hochgebirgslandschaft. Schilf säumt die Ufer, die Bärte an den Halmen flattern im Wind wie Wimpel. Rallen paddeln geschäftig über die ruhige Oberfläche des Gewässers. Ein hölzerner Steg führt zum Ufer und es gibt kleine Pavillons, von denen aus man die schweigende Landschaft genießen kann. Wer will, mag dem Wanderweg halb um den See herum folgen, doch nur wenige suchten an diesem Tag das Vergnügen und begaben sich auf den schlammigen Pfad.

Zwischen See und Berg liegt ein großer Parkplatz, auf dem sich die Fahrzeuge der Parkbesucher sammelten. Mehr als zwei Dutzend mochten sich eingefunden haben. Die Leute liefen ein paar oder ein paar Hundert Meter am Seeufer entlang, bewunderten den Berg und schossen Fotos mit dem Handy. Viele versuchten, Selfies mit dem Cotopaxi im Hintergrund einzufangen, aber da der Vulkan an diesem Tag ständig in dichte Wolkenschleier gehüllt war, wird man auf den Aufnahmen wohl nicht viel erkennen. Querfeldein durch den Páramo zu laufen, ist natürlich strikt verboten, aber in einigen ging dann doch der Abenteurer durch und man stapfte fröhlich durch die empfindliche alpine Flora. Viele hatten sich in wattierte Anoraks oder in Ponchos gehüllt, denn ein eisiger Wind strich über die weite karge Grasebene am Fuße des Vulkans und selbst als Mitteleuropäer, als der man eigentlich an Kälte gewöhnt sein sollte, begann man zu frösteln.

Wir warteten geduldig am Rande des Parkplatzes, dass sich die Wolken einmal teilten und man einen Blick auf den Gipfel erhaschen könnte. Als wir uns auf Deutsch unterhielten, schaltete sich ein anderer Besucher in unser Gespräch ein und riet uns – ebenfalls auf Deutsch – zu ein wenig Geduld. Meine Frau fragte ihn natürlich sofort, wie es käme, dass er die Sprache so gut beherrsche und der Mann erklärte in einem sehr distinguierten Deutsch, er habe in Deutschland studiert. Leider konnten wir das Gespräch nicht fortsetzen, denn eben traf seine Familie ein und die Enkel fielen ihm wie kleine Wilde um den Hals und er war fürs Erste beschäftigt. Außerdem hob sich just in diesem Augenblick der Wolkenschleier und gab in nur wenigen Sekunden den Blick auf die Eisfelder unterhalb des Gipfels frei.

Der Anblick ist unbeschreiblich, und einmal mehr wird dem Beobachter bewusst, dass es eine besondere Gunst sein muss, die ihm Einblick in diese ganz und gar fremde Welt gewährt. Sofort richtete ich das Teleobjektiv auf das grandiose Spektakel, aber nach wenigen Augenblicken war es schon wieder vorbei. Wolkenschleier, dick wie Milchsuppe, zogen vor den Berg und nahmen jede Sicht. Es dauerte fast zwanzig Minuten, ehe sich die Wolken wieder öffneten und wenigstens für Sekunden einen Blick auf die Gletscher freigaben. Der eisige Wind strich derweil über die weite kahle Ebene und nachdem ich so lange auf meine Chance gewartet hatte, war ich ganz durchgefroren. Ich beneidete jene Parkbesucher, die sich in dicke Wattejacken gehüllt hatten, aber noch vor kurzem wäre es mir lächerlich erschienen, sich auszustaffieren wie zu einem Trip in die Antarktis, wenn man doch bloß einen Berg am Äquator besuchen wollte.

Unterhalb der Eisabhänge des Gletschers steht die alpine Schutzhütte „José Rivas“. Sie ist der gemeinsame Anlaufpunkt sämtlicher Gipfelexpeditionen und der letzte Außenposten der Zivilisation vor dem ewigen Eis. Von der Laguna aus kann man die Hütte sehr gut sehen, denn ihre karmesinroten Dachschindeln heben sich gut von den dunkleren Schotterflächen ab. Direkt an der Eiskante wirkt das Gestein rötlich, doch nur wenige Hundert Meter tiefer sitzen weite Schotterfächer auf den Hängen. Das lose Geröll ist schwarz wie Hochofenschlacke und man hat den Eindruck, die Knechte des Hephaistos hätten es aus vollen Eimern den Hang hinuntergekippt.

Eine Gletscherzunge streckt sich nach der Schutzhütte als wollte sie an den roten Dachschindeln lecken. Vor der hellgrauen Firnfläche wirkt die Berghütte winzig wie eine Streichholzschachtel neben einem Eisbärfell. Ich habe gehört, manchmal herrsche unter den Gipfelaspiranten so großer Andrang, dass nicht genug Betten für alle vorhanden sind und schon so mancher weitgereiste Alpinist musste die Nacht vor dem Aufstieg auf dem Boden verbringen.

Gerne hätten wir einen kurzen Blick auf den schneebedeckten Gipfel erhascht, aber am Ende nützte auch alle Geduld nichts – der Vulkanriese wollte sein schneebedecktes Haupt an diesem Tag nicht zeigen. Es war fast, als wäre unter den schützenden Schleiern der Wolken ein Geheimnis verborgen, das nur selten enthüllt werden darf, soll es nicht seine magische Kraft einbüßen.

Durch die Tierra helada nach Cuenca

Von Guayaquil geht es weiter nach Cuenca. Wir hatten unsere Reise in Bahía de Caráquez begonnen und dann über Montecristi nach Guayaquil fortgesetzt. Jetzt verlassen wir die Hafenmetropole am Pazifik. Wir fahren auf dem mehrspurigen Highway über die Brücke, die uns von der Stadt im Delta des Río Guayas über Durán immer weiter nach Osten führt. Bei Boliche schwenken wir nach Süden und nun verläuft die Route entlang der Küste, parallel zum Delta des Río Guayas.

In Ecuador gabelt sich die Panamericana – ein Zweig folgt dem Hochtal der Anden zwischen Ost- und Westkordillere, der andere führt an der Küste entlang nach Süden. Wir fahren auf dem Küstenzweig jener Lebensader, die den ganzen Kontinent von Nord nach Süd verbindet. Würde man dieser Route immer weiter folgen, käme man irgendwann nach Machala, dem großen Ausfuhrhafen für eines der wichtigsten Exportgüter des Landes: Bananen. Da Ecuador der weltgrößte Bananenexporteur ist, könnte man die Stadt mit einigem Recht als die Welthauptstadt der Banane bezeichnen, aber außer den Frachtterminals und der alljährlich stattfindenden Miss-Wahl hat die Stadt dem Besucher kaum etwas zu bieten.

Die Autopista zieht sich schnurgerade durch die flache Schwemmlandebene östlich des Flusses. Das Land ist bis in den entferntesten Winkel von einem Meer aus Gras überzogen. Die unendlichen Weiden müssen der Traum jedes Großagrariers sein, denn Rinderherden könnten hier das ganze Jahr über grasen. Das Gras steht so saftig auf dem Halm, dass die Tiere wahrscheinlich nicht einmal zusätzliches Futter benötigten. Ich wundere mich, dass wir so wenige Herden sehen, doch die weite Ebene ist fast leer. Wie ein sattgrüner Ozean erstreckt sich das Grasland bis zum Horizont.

Bei Jesús María schlagen wir einen Bogen nach Osten, und die Route, auf der wir uns jetzt befinden, führt uns geradewegs nach Cuenca. Nur wenige Kilometer hinter der Küste überschreiten wir die Grenze zur Provinz Azuay. Von nun an geht es bis zur Passhöhe von Tres Cruces nur noch in eine Richtung, nämlich steil bergauf. Das Gebirge erhebt sich unvermittelt aus der Ebene und es steigt so schroff aus dem flachen Land wie die Bergketten von Mordor. Gleich einer schwarzen unüberwindlichen Mauer erstreckt sich der Gebirgszug von Horizont zu Horizont. In den Klüften hängen die Wolken wie weiße Federboas. Wer nach Cuenca will, muss dieses steinerne Bollwerk überwinden.

Beiderseits der Straße beginnt sich der Fels bedrohlich aufzutürmen. Die Berge rücken immer näher und dann ist die Straße plötzlich zwischen ihnen eingekeilt und der einzige Ausweg führt nach oben. Die Steigung nimmt weiter zu und bald windet sich die Autopista in immer irrwitzigeren Verrenkungen an der Flanke des Gebirges hinauf in Wolken und Nebel. Es scheint, wir haben die Pforten in eine andere Welt durchschritten, denn so schnell wir ins Gebirge eingetreten sind, so rasch wandelt sich der Charakter des Landes.

Immer wieder fahren wir durch Nebelschwaden, die so dicht sind, dass man entgegenkommende Fahrzeuge erst auf eine Distanz von zwanzig, dreißig Metern erkennt. Ungeachtet der Sichtverhältnisse befleißigen sich nicht wenige Verkehrsteilnehmer auch weiterhin einer recht sportlichen Fahrweise. Tapfer verzichten sie darauf, die Scheinwerfer einzuschalten, denn wie man weiß, liegt das Hauptaugenmerk im Straßenverkehr weniger auf der Sicherheit, sondern vielmehr darauf, die Autobatterie unter allen Umständen zu schonen. Mit vorschriftsmäßig eingeschaltetem Licht komme ich mir da fast schon wie ein Sonderling vor. Die Leute haben doch wirklich nicht mehr alle Tassen im Schrank und ich fürchte, ein freundschaftlicher Ratschlag würde nur dann fruchten, wenn man ihn mit dem Baseballschläger erteilte. Ich will mich vor diesen gemeingefährlichen Irren in Acht nehmen und fahre daher langsam und sehr, sehr aufmerksam.

Es ist nun merklich kühler geworden. Die tropisch heiße Küstenebene liegt hinter uns und auf dem Weg nach oben erreichen wir zuerst die Tierra templada mit ihren immergrünen regenfeuchten Wäldern. Die Gebirgslandschaft unterhalb der eisigen Höhen ist grün und üppig wie ein Garten Eden. Wolken streichen über die Flanken der Berge und der dichte Pelz der Vegetation kämmt die Feuchtigkeit aus der Luft. Blätter und Halme triefen vor Nässe. Die Stämme der Bäume glänzen feucht. Tauperlen glitzern auf Mooskissen. Die nebelfeuchte Luft fühlt sich an wie ein nasser Waschlappen.

An einer Raststation halten wir, um uns ein wenig die Beine zu vertreten. Wir sind nun schon weit oberhalb der temperierten Zone und es ist unangenehm kühl geworden. Wenn man, so wie wir, nur mit Shorts und Sandalen bekleidet ist, kriecht einem die feuchte Kälte irgendwann bis in die Knochen. Wir sind zu dieser Stunde die einzigen, die hier einen Zwischenstopp einlegen, und gäbe es keine Toiletten, bestünde auch gar kein Grund für eine Rast. Hinter dem Haus gibt die Landschaft den Blick auf das weite Bergpanorama frei: In der Perspektive scheint es, als würden sich die Bergketten übereinander türmen. Dabei werden sie immer blasser, bis sie schließlich der Dunst verschluckt. Weiße Wolkengirlanden hängen wie zerzupfte Wattebäusche zwischen den Graten.

Nach einem kurzen Zwischenstopp geht die Fahrt weiter, denn wir wollen noch vor Einbruch der Dunkelheit in Cuenca sein. Doch wir müssen immer weiter ins Gebirge hinaufsteigen: Ab einer Höhe von zweitausend Metern betreten wir die Tierra fría, das „kalte Land“. Bei über dreitausend Metern überschreiten wir abermals eine Grenze und vor unserem Auge breiten sich die leeren Fluren der Tierra helada aus, des „eisigen Landes“. Wolken hängen wie gefroren in den Hochtälern und eisige Winde streichen über das Páramo-Gras, das sich stachelig gegen die Kälte sträubt. Die typischen Bewohner dieser alpinen Region sind die Lamas, aber obwohl wir schon oft durch die Anden gereist sind, habe ich noch nie eines der Tiere zu Gesicht bekommen. Der Pass liegt auf über 4.100 Metern Höhe und nur ein paar Hundert Meter höher beginnt die Tierra nevada, das „schneebedeckte Land“, die grimmig kalte Welt des ewigen Eises. Von jetzt an geht es wieder hinab in grünere und vor allem in wärmere Gefilde.

Irgendwo auf einsamer Flur ereilt mich das Schicksal und mir drückt die Blase, dass ich kaum zu lachen wage, ohne fürchten zu müssen, ein peinliches Malheur zu provozieren. Aber irgendwann ist für jeden Reisenden einmal der Zeitpunkt gekommen, sich der Landessitte anzupassen. Ich mache es wie die Ecuadorianer: Man hält einfach irgendwo am Straßenrand und erledigt sein Geschäft, wie es sich eben ergibt. Dabei spielt es gar keine Rolle, ob man sich gerade in menschenleerer Einöde befindet oder zufällig auf einer belebten Straße in einer großen Stadt. Die natürlichen Bedürfnisse gehen vor.

Glücklicherweise bin ich auf einer einsamen Landstraße, die sich durch eine gottverlassene Gegend in der Wildnis der Anden windet. Ich kann mich nicht erinnern, wann ich zum letzten Mal eine menschliche Siedlung gesehen habe – so lange liegt die Begegnung mit der Zivilisation zurück. Wir scheinen fast die einzigen zu sein, die auf dieser abgelegenen Verkehrsader durch die schroffe Bergwelt reisen. Man könnte am hellichten Tag einen Mord begehen und niemand würde es bemerken – es wäre nur schwer, in dieser menschenleeren Gegend ein Opfer zu finden. Ich rechne fest damit, dass mein Vorhaben unentdeckt bleibt.

Ich kann dem Druck nicht länger standhalten. Kurzentschlossen halte ich einfach irgendwo am Straßenrand. Ich verlasse den Wagen so eilig wie nur irgendjemand, den ein solch dringliches Vorhaben zu einem ungeplanten Stopp zwingt, und gehe ein Stück am Seitenstreifen entlang, bis ich genügend dichtes Buschwerk finde, das mir Deckung bietet. Der echte Ecuadorianer würde sich keineswegs um diese Art der Diskretion bemühen, denn für seine natürlichen Bedürfnisse muss man sich nicht schämen. Ich aber stelle mich hinter den Busch, denn ein echter Ecuadorianer bin ich noch lange nicht und ich fühle, dass es vollkommen sinnlos ist zu versuchen, einer zu werden.

Gleich neben der Straße senkt sich ein von üppigem Grün bewachsener Hang sanft zu einer Wiese hinab. Das Gras ist so grün wie die Almwiesen in der Milka-Werbung, und um das Bild zu vervollständigen, schneidet sich ein kristallklarer Bach durch die Flur. Ich höre das Wasser rauschen. Vögel zwitschern und der summende Flügelschlag von friedlichen Insekten liegt in der Luft. Wolkengebirge treiben majestätisch über ein Himmelsmeer aus Azur. Tiefe Stille liegt über diesem Bild und Frieden. Wer würde sich da nicht dem natürlichen Lauf der Dinge ergeben und einfach loslassen wollen.

Als die Geschäfte in diesem winzigen Teil des Universums im Begriff stehen, sich gemäß den ewigen kosmischen Gesetzen zu vollziehen, tauchen plötzlich zwei junge Frauen in der Tracht der Einheimischen auf. Sie erklimmen den Hang, der von der Wiese hinauf zur Straße führt. Ein verborgener Pfad leitet sie durch den dichten Bewuchs. Ich wundere mich, warum ich sie nicht eher gesehen habe, aber ich bemerke sie erst, als sie praktisch schon hinter mir stehen. Ich habe gerade noch Zeit, den Reißverschluss zuzuziehen und ich tue so, als wäre ich mit irgendetwas beschäftigt, nur nicht mit dem, wonach es auf den ersten Blick aussieht.

Sie grüßen freundlich – Buenas tardes, denn es ist ja schon später Nachmittag – und setzen dann ihren Weg fort, als wäre es das Selbstverständlichste auf der Welt, irgendwo in der Einsamkeit der Anden Gringos mit halb heruntergelassenen Hosen anzutreffen. Mein Problem harrt derweil noch immer einer Lösung und sobald der Überraschungsbesuch außer Sichtweite ist, folge ich dem Hang in ungezügelter Erwartung ein Stück weit nach unten. Hier nun, friedvoll verbogen unter schattigem Buschwerk, unter der Begleitmelodie von Vogelgezwitscher und dem Plätschern des Baches, findet das Drama doch noch seine glückliche Auflösung. Was die beiden jungen Frauen in der idyllischen Einsamkeit der Berge eigentlich zu finden hofften, bleibt indes ein ungelöstes Rätsel.

Allmählich wird es dunkel und die Nacht senkt sich wie ein schwarzer Vorhang über die Anden. Kurz vor Cuenca, aber schon hinter der Passhöhe von Tres Cruces schneidet die Straße durch den Saum des Nationalparks von El Cajás. Die Landschaft ist anders als alles, was ich je gesehen habe. Sie wirkt so fremdartig, dass man gar nicht sagen könnte, ob man sie als schön oder als bedrohlich empfinden soll. Man könnte in der Tat glauben, man sei auf einem fremden Planeten gestrandet. Zwischen all dem Staunen fühle ich mich einen kurzen Augenblick an „The Long Rain“ erinnert, eine Kurzgeschichte aus der Feder Ray Bradburys. In der Filmadaption kämpft sich Rod Steiger unter immerwährendem Regen durch eine Landschaft voller bizarrer Gewächse. Zwar regnet es nicht, aber irgendwie habe ich den Eindruck, gäbe es eine alptraumhafte Version der Venus, müsste sie so aussehen wie die Landschaft in El Cajás. Leider ist es schon viel zu dunkel, um noch Fotos zu machen.

Die Straße führt nun gemächlich bergab und ich lasse den Wagen rollen. Auf den letzten paar Kilometern hängen wir uns an einen alten Transporter, dessen rechtes Hinterrad so bedenklich vor sich hin eiert, dass ich jeden Moment damit rechne, es könnte abfallen. Und tatsächlich, plötzlich wird das Eiern zu einem wilden Schlagen, das sich auf das ganze Auto überträgt. Und dann knickt das Rad zur Seite ein wie die Knöchel eines Schlittschuhläufers, der sich zum ersten Mal im Leben auf Kufen zu halten versucht. Der Wagen rutscht nur noch auf der Achse, doch dem Fahrer gelingt es, sein Gefährt ohne Schaden zum Stehen zu bringen.

Nicht weit entfernt befinden sich Häuser und in den Fenstern sieht man Licht. Der Fahrer des Transporters würde also Hilfe finden. Cuenca liegt ganz in der Nähe und im Notfall könnte er mit dem Taxi in die Stadt fahren und dort auch übernachten. Es ist ein Glück, dass der Schaden nicht im Nationalpark oder auf der Passhöhe eingetreten ist, denn einmal gestrandet, würde es wahrscheinlich eine Ewigkeit dauern, bis Hilfe einträfe.

Wir haben unser Ziel nun fast erreicht. Dass man nicht mehr weit von der Stadt entfernt ist, erkennt man an den adretten Häuschen, die einem am Wegesrand begegnen. Alles wirkt so sauber und aufgeräumt und müsste man einen (etwas schiefen) Vergleich bemühen, würde man sagen, Cuenca sei die Schweiz Ecuadors. Aber Cuenca gilt in der Tat nicht nur den Ecuadorianern als eine der schönsten und vor allem als eine der saubersten Städte des Landes. Das Leben ist ähnlich organisiert wie in einer historischen Kleinstadt in Europa mit ihren alten Gemäuern und den schönen Fassaden, und wenn man über die sauberen Bürgersteige flaniert, hat man nicht selten den Eindruck, man befände sich in einer Stadt auf dem alten Kontinent und nicht in Ecuador. Und wirklich gibt es in Spanien ebenfalls ein Cuenca, denn ganz ähnlich wie die Spanier bemüht waren, die Sitten und Gebräuche ihrer Heimat in die überseeischen Kolonien ihres Weltreiches zu verpflanzen, überzogen sie den neuen Erdteil mit Kopien ihrer Städte.

Wir sind im Augenblick vor allem daran interessiert, unser Hotel zu finden, was trotz Navi keine leichte Aufgabe ist, denn in der Stadt wird gebaut und viele Straßen sind gesperrt – die Gleistrassen für die neue Straßenbahn werden gerade verlegt. Wir müssen im Hotel anrufen, um den Weg zu erfragen, doch mit ein wenig Glück finden wir die „Cuenca Suits“ dann doch. Nach einer langen anstrengenden Fahrt über die eisigen Passhöhen der Anden sind wir froh, uns endlich ein wenig ausruhen zu dürfen. Doch es ist noch nicht spät genug, als dass man den Abend guten Gewissens im Hotel ausklingen lassen könnte. Und wir haben Hunger. Und so machen wir uns alsbald wieder auf, um das abendliche Cuenca zu erkunden.

Comida manabita

Das „Pelícano“ ist ein einfaches Strandrestaurant mit einer großartigen Küche. Es befindet sich nur einen Katzensprung außerhalb von San Vicente. Wir kehren um die Mittagszeit ein, aber das Lokal ist leer wie eine Cocktailbar am Morgen. Wir glauben schon, man habe geschlossen, als plötzlich die junge Bedienung auftaucht und etwas schüchtern die Bestellung entgegennimmt. Meine Frau, die Salat solchen stärkehaltigen Magenfüllern wie Kochbanane vorzieht, äußert ihren Sonderwunsch und die junge Frau vom Restaurant meint, sie werde fragen, ob ihre Großmutter es einrichten könne. Das Lokal ist also in Familienhand – wir nehmen es als ein gutes Zeichen.

Während wir auf das Essen warten, haben wir Zeit, uns ein wenig umzusehen. Durch das Souterrain unter dem Gastraum gelangt man zu einem Ausgang auf der Strandseite. Nachdem wir Berge von Treibgut überstiegen haben, vertreten wir uns die Beine am Wasser. Zwar kommen wir gerade vom Strand und die Sonne hat uns ordentlich zugesetzt, aber als geborene Landratten und als Bewohner eines kalten Landes kann man nie genug davon kriegen. Vom Restaurant aus blickt man auf das weite Mündungsdelta des Río Chone und am anderen Ufer sieht man Bahía geisterhaft im Dunst des Meeres liegen. Es scheint fast, die Stadt schwimme auf dem Wasser. Schneller als wir es erwartet hatten, ist das Essen fertig, und der Junge aus dem Restaurant ruft uns zurück.

Serviert wird Comida manabita, also Essen, wie es für die Küstenprovinz Manabí typisch ist: Unsere gute Freundin, die mit uns reist, hatte sich Corvina al ajillo bestellt, meine Frau nimmt einen Ceviche de camarón und mich erwartet die Corvina a la plancha. Ceviche ist eine lateinamerikanische Erfindung. Wenn man ganz streng sein will, darf man das Fleisch der Meeresfrüchte nur in Zitronensaft ziehen lassen, denn das ist das Besondere am Ceviche: Die Meeresfrüchte werden nicht gekocht, sondern ausschließlich in Zitronensaft „gegart“. Ich glaube aber, in der Gegend um Bahía ist es üblich, die Camarones, die Shrimps, vorher zu kochen. Dagegen ist im Prinzip nichts einzuwenden und nur haarspalterische Puristen würden darüber die Nase rümpfen. Serviert werden die Krustentiere in einer würzigen Tomatensoße mit Chilis, rohen Zwiebeln und gehacktem Korianderkraut. Dazu gibt es Patacones. Das sind frittierte Kochbananenscheiben, die man anschließend zusammendrückt, so dass sie aussehen wie zerquetschte Doughnuts.

Die Corvina ist ein wohlschmeckender Speisefisch, der an der gesamten Pazifikküste Südamerikas vorkommt. Im Pons Online-Wörterbuch wird Corvina wahlweise mit Adlerfisch, Seebarsch oder Meerbarbe übersetzt; der Langenscheidt weist sie schlicht als Adlerfisch aus. Die Gattungsbezeichnung lautet Cilus gilberti, aber das wird den hungrigen Restaurantbesucher in der Regel wohl kaum interessieren, es sei denn, er hätte eine „ichthyophile“ Marotte oder wäre ein Hobby-Fischkundler. Das Fleisch ist weiß und fest und man findet nur wenige oder gar keine Gräten darin. Der Geschmack erinnert mich ein wenig an Seelachs.

Eigentlich esse ich nie frischen Fisch. Nur wenn ich in Ecuador bin, mache ich eine Ausnahme, und hier auch nur dann, wenn ich mich an der Küste aufhalte. Ich meine, wenn man den Ozean nicht sehen, hören und riechen kann, schmeckt der Fisch nur halb so gut. In Berlin begnüge ich mich eigentlich immer mit Thunfisch aus der Büchse. Ich hätte natürlich nichts gegen ein dickes Thunfischsteak vom Grill, aber für den Gegenwert könnte man wahrscheinlich bei Aldi einen ganzen Einkaufswagen füllen. Wie man ihn hier an der Küste zubereitet, ist der Fisch wirklich lecker, und eigentlich kann man nichts falsch machen, wenn man ihn in irgendeinem der Restaurants Manabís frisch bestellt.

Das Essen im „Pelícano“ hat uns so gut geschmeckt, dass wir gleich am nächsten Tag noch einmal wiederkommen. Wir sind ein wenig verwundert darüber, dass ein gutes Restaurant wie dieses mit solch einem vorzüglichen Essen so schlecht besucht ist. An den Preisen kann es jedenfalls nicht liegen, denn für ein Essen bezahlt man gerade einmal fünf Dollar. Verglichen mit dem Preisniveau in Cumbayá, ist das wirklich lächerlich, aber hier bekommt man ein Schlemmermahl zum Spottpreis.

Ich glaube, die Leute aus der Sierra fahren deshalb so gern an die Costa, weil sie sich dort endlich einmal preiswert mit gutem Essen vollstopfen können. Man kann es ihnen nicht verdenken, denn die Küche der Sierra kann bei weitem nicht die Vielfalt an Zutaten und Aromen aufbieten, wie sie für die Speisen der Küste typisch sind. Die Cocina manabita gilt nicht ohne Grund als die beste Küche des Landes. Im Essen macht sich eben der Einfluss des Meeres bemerkbar und all die Händler, Siedler, Seefahrer und Reisenden aus fernen Weltgegenden, die über Jahrhunderte mit ihren Schiffen die ecuadorianische Küste ansteuerten, haben nicht nur ihre Spuren im Lande und in den Gesichtszügen der Menschen hinterlassen, sie haben letztlich auch die Kochkunst bereichert.