Fitnesstraining in Ecuador

Immer wieder das leidige Thema „Fitness“ (komme eben einfach nicht los davon, da ich lange Jahre als Trainer gearbeitet habe): Ich bin auf der Suche nach einem Fitness-Studio. Da wir nahe der Hauptstadt wohnen, sollte man meinen, dass es nicht allzu schwer sein kann, ein Studio zu finden, das erstens eine hinreichende Ausstattung an Hanteln aufzuweisen hat, so dass ein gutes Training garantiert ist, und das zweitens nicht allzu teuer ist. Das zweite Kriterium muss man insofern einschränken, da alles, einfach alles in Ecuador unglaublich teuer ist. Der Preis sollte sich also am unteren Level des hiesigen Niveaus orientieren, vorausgesetzt, das Studio ist so eingerichtet, dass zumindest die elementarsten Voraussetzungen für ein gutes Training erfüllt werden. Hört sich nicht so an, als ob ein solches Studio schwer zu finden wäre? Ich war überrascht, wie schwer es ist, überhaupt ein Studio zu finden.

Vor einigen Tagen besuchte ich das „Physique“, ein Fitness-Studio im größten Einkaufszentrum Cumbayás. Ich hatte hohe Erwartungen, vielleicht zu hohe, denn nachdem ich die offerierte Probestunde absolviert hatte, war klar, dass man mich nicht als neues Mitglied gewinnen würde. Vor allem fehlten Langhanteln, mit denen erst ein gutes, effektives Training möglich ist, und zudem schreckte mich der Preis ein wenig ab (46 Dollar) – für so wenig Training so viel zu verlangen, erschien mir fast schon unverschämt. Ich war zuversichtlich, dass ich in der Stadt ein Studio finden würde, das etwas preiswerter wäre und das die Geräte zur Verfügung stellte, die ich brauchte und die ich aus allen Studios, in denen ich in Berlin trainiert hatte, kannte.

Im Internet machte ich die Adressen und Telefonnummern der hiesigen Studios ausfindig. Mangels ausreichender Spanischkenntnisse ließ ich meine Frau anrufen und Erkundigungen einholen. Viele der Studios führen schon die Bezeichnung Wellness im Namen. Wellness gemahnt immer an Entspannung und Wohlfühlatmosphäre. Wo es Wellness gibt, möchte man sich eigentlich nicht anstrengen, sondern ausruhen und es sich gut gehen lassen. Die Bilder auf den Websites ließen das Schlimmste befürchten: Man sieht Saunalandschaften, Spinning-, Yoga- und Pilates-Räume, in denen Menschen glücklich lächelnd bei Streching und Atemübungen ihre Erfüllung finden. Menschen in Bademänteln lümmeln in skandinavischen Freizeitmöbeln. Zwar sieht man auf den Bildern schöne Körper, aber Hanteln, mit deren Hilfe sie zweifelsfrei geformt wurden, sieht man nicht. Ich habe keine Lust auf diesen Wellness-Mist und ich frage mich ernsthaft, ob ich in diesem Land der einzige bin, der einfach nur trainieren möchte.

Ich dachte, noch schlimmer kann es eigentlich nicht kommen, bis ich die Preise zu hören bekam. Manche der Studios lassen sich ihren Service mit bis zu achtzig Dollar pro Monat vergolden. Ich meinte schon, das „Physique“ sei teuer, aber mit seinen 46 Dollar monatlichem Beitrag gehört es wohl eher zu den preislich günstigeren Einrichtungen.

Auf dem Weg von unserer Wohnung im Sektor Santa Inés ins Zentrum von Cumbayá fährt der Bus an einem Studio vorbei. Ich nahm die Gelegenheit wahr und warf einen Blick hinein und wenn ich schon mal da war, konnte ich ja auch die Preise erfragen. Das Studio – ich sträube mich, es so zu nennen – war alt und abgeranzt jenseits aller Vorstellungskraft. In Deutschland würde man es schon aus hygienischen Gründen schließen müssen, von den sonstigen Mängeln einmal abgesehen. Eigentlich bestand es nur aus einem großen Raum, in den verschiedene Trainingsmaschinen, Hanteln, Matten etc. wahllos hineingestopft waren. Es war eng wie in einer Abstellkammer und ich weiß nicht, wie es möglich sein soll, eine Übung auszuführen, ohne den Nebenmann zu behindern.

Man liegt mit der Vermutung sicher nicht falsch, dass die Geräte niemals einer technischen Überprüfung hatten standhalten müssen. Zu behaupten, sie hätten ihren Dienst getan, wäre eine gelinde Untertreibung, denn eigentlich gehörte sämtliches Inventar verschrottet: Die Hantelstangen sind von jahrzehntelanger intensiver Nutzung verbogen und haben Rost angesetzt. Die Gewichtscheiben gleichen frühgeschichtlichen Lochankern, wie sie die Unterwasserarchäologie manchmal vor den mediterranen Küsten ans Licht bringt. Die Trainingsmaschinen quietschen und knarren, als würden sie gleich zusammenbrechen. Ich hätte Bedenken, sie mit hohen Gewichten zu beladen. Ich würde mehr Vertrauen in ihre Sicherheit und Haltbarkeit haben, hätte ich sie eigenhändig zusammengeschweißt – und ich habe noch nie in meinem Leben ein Schweißgerät in der Hand gehalten! Es gibt sicher heroischere Arten, von der Bühne des Lebens abzutreten, als von einem Plattenstapel begraben zu werden.

Alles in allem würde man denken, dass solche grottigen Studios selbst hier in Ecuador längst der Vergangenheit angehören müssten. Doch sie erfreuen sich regen Zuspruchs: Es war später Nachmittag und das „Studio“ war rappelvoll. Ein Blick genügte und ich wusste, dass ich dort auf keinen Fall trainieren würde. Mehr zum Spaß frage ich nach dem Preis – dreißig Dollar wollte der Besitzer pro Monat dafür haben. Wofür eigentlich? Vielmehr müsste jeder, der in dieser lebensgefährlichen Bruchbude trainieren will, einen Risikoausgleich bekommen.

Ich habe die Hoffnung aufgegeben, dass man hier in Ecuador ein einigermaßen ansprechendes Studio zu einem halbwegs vernünftigen Preis finden kann. Ausnahmen gibt es allerdings: Das Studio in Bahía, das ich wegen seines ganz eigenen Charmes, der an ein Home-Gym denken ließ, für eine Ausnahme hielt, entpuppt sich im Lichte der neuen Erfahrungen als ganz und gar nicht so übel. Der Besitzer versteht offenbar etwas von Training und hat das Studio dementsprechend eingerichtet – nichts Überflüssiges, nur das Notwendigste – und der Preis ist auch akzeptabel: 1,50 Dollar kostet die Tageskarte, 25 Dollar der Monat. Wer im Urlaub einmal trainieren möchte, dem sei ein Abstecher hierher empfohlen. Das Studio befindet sich schräg gegenüber dem Hotel Italia. Man kann es kaum verfehlen, denn ständig schallt Musik in solch infernalischer Lautstärke heraus, dass man glaubt, der Besitzer versuchte sich die Gäste mit dieser Art der Folter willenlos gefügig zu machen. Bei mir hätte es fast geklappt.

Die Situation auf dem Fitness-Markt in Ecuador gleicht jener in Deutschland in den achtziger Jahren: Es gibt wenige große Studios, deren Fokus eher auf Wellness, denn auf Training ausgerichtet ist. Man zahlt hohe monatliche Gebühren, die mit einem breitgefächerten Bespaßungs-Angebot begründet werden. Menschen, die den Pool oder den Handtuchservice gar nicht nutzen wollen, müssen dennoch jene horrenden Beiträge entrichten, denn eine andere Möglichkeit, gut zu trainieren, gibt es nicht. Daneben existiert eine Anzahl kleiner Studios, deren Standard im besten Fall als gerade akzeptabel beschrieben werden kann. In Berlin gab es früher auch solche Studios. Die meisten hatten jedoch einen schweren Stand, denn die Konkurrenz der Großketten wie McFit setzte ihnen immer mehr zu und zwang sie schließlich zur Aufgabe.

Hier in Ecuador kann von Konkurrenz auf dem Fitness-Markt keine Rede sein. Im Prinzip können Studios fast jeden Preis nehmen und die Kunden akzeptieren ihn und zahlen fleißig. Achtzig Dollar sind für einen Großteil der Ecuadorianer schlichtweg unerschwinglich und so trifft sich in den elitären Fitness- und Wellness-Tempeln die Hautevolee, einfache Leute sieht man jedoch nur selten.

Wie man hört, gibt es in Quito mehr und vor allem bessere Studios als in Cumbayá. Ich hoffe, dabei handelt es sich nicht um ein Gerücht. Ich fürchte jedoch, dass hierzulande alles seinen Preis hat und ich vermute, dass man unter fünfzig Dollar kein ordentliches Studio findet.

Ecuador ist für Investoren ein noch wenig beackertes Feld. Auf dem Fitness-Sektor ließe sich noch einiges bewegen: Ein gut eingerichtetes, sauberes, kompetent geführtes Studio, dessen Augenmerk auf dem Training liegt, wäre mit Sicherheit profitabel. Für dreißig Dollar im Monat würden die Leute einem die Tür einrennen, denn es gibt einfach nichts Vergleichbares. Die Idee, Training – und sonst nichts – zu einem relativ günstigen Preis anzubieten, ist bis hierher, auch mangels Konkurrenz, einfach noch nicht vorgedrungen. Gute Voraussetzungen also für Leute mit Geld und Ideen. Ich halte mich bereit für ernstgemeinte Angebote von seriösen Investoren!