Hier in Ecuador besucht unser Sohn die British School Quito. Er ist dreisprachig aufgewachsen und eine seiner Muttersprachen ist Englisch. Es war uns ein Herzensanliegen, diese Sprachfähigkeit wenn nicht zu fördern, so doch wenigstens zu erhalten und deshalb schrieben wir ihn an jener hochgeachteten Institution ein. Nun war Bildung noch nie umsonst zu haben – Fleiß und nicht unbeträchtliche finanzielle Aufwendungen, zumindest in weiten Teilen der Welt, sind der Preis. Die British School versteht sich als elitäre Privatinstitution und der Gedanke an die Höhe des Schulgeldes kann einen so manche Nacht um den Schlaf bringen. Gerade in einem Land wie Ecuador, in dem eine gute Ausbildung bis auf den heutigen Tag noch immer das Privileg der Wohlhabenden ist, merkt man, was Bildung wirklich wert ist, und vor allem, wie viel es kostet, sie zu erlangen.
Die British School wie auch die anderen renommierten Auslandsschulen in Ecuador (wie etwa die deutsche, die amerikanische oder die französische Schule) werden von Kindern besucht, deren Eltern ein Vermögen dafür aufwenden, ihren Sprösslingen eine gute Ausbildung angedeihen zu lassen. In der Regel können sich die Familien diese Ausgaben, die sich für nur ein Kind vom Kindergarten bis zum Abitur auf den Gegenwert eines Einfamilienhauses belaufen, auch wirklich leisten. Nicht selten jedoch bringen Familien mit einem kleineren Budget große Opfer, damit auch ihre Kinder in den Genuss des fast exklusiven Vorrechts weniger Gutbetuchter gelangen können. Man glaubt, die horrenden Ausgaben würden sich am Ende bezahlt machen, da man eine gute Ausbildung als das Sprungbrett für eine erfolgreiche und vor allem in finanzieller Hinsicht lukrative Karriere betrachtet.
Die meisten der Familien, deren Kinder solche exklusiven Privatschulen besuchen, müssen sich aber um Geld keine Sorgen machen, denn oft handelt es sich um die sogenannten oberen Zehntausend, um den geschlossenen Zirkel einer Geld- und Funktionselite, die dieses Land nach wie vor unter ihrer Kontrolle hält. Man hat es mit Leuten wie dem CEO von McDonalds für ganz Lateinamerika zu tun oder dem Besitzer sämtlicher KFC-Restaurants im Lande (und noch einiger weiterer Ketten) oder einem der größten Milchproduzenten, dessen Produkte man in jedem Supermarkt findet. Die Reihe ließe sich endlos fortsetzen und auch diejenigen, die keinen besonderen Rang in der Forbes-Liste für Ecuador beanspruchen können, sind immer noch wohlhabend genug, um einen angesehenen Platz in der Gesellschaft einzunehmen.
Einmal war mein Sohn ins Haus eines seiner Klassenkameraden eingeladen. Das Anwesen des Freundes befindet sich, wie hierzulande üblich und notwendig, in einer teuren und daher exklusiven Wohnanlage – exklusiv deshalb, weil jeder, dem die paar hunderttausend Dollar fehlen, um entweder ein Grundstück zu kaufen oder um sich die horrenden Mieten leisten zu können, automatisch davon ausgeschlossen ist, hier zu wohnen. Unsere Urbanisation in Miravalle ist fest in der Hand von Leuten, die man getrost dem reichsten einen Prozent dieses Landes zurechnen kann. Damit ist diese Wohnanlage schon ziemlich exklusiv. Es gibt aber Siedlungen, die selbst dies noch in den Schatten stellen, und jeder, der dort wohnt, kann als eine Art Krösus angesehen werden, dem alles unter den Händen zu Dollarscheinen wird.
In solch einer Anlage lebt der Freund meines Sohnes. Das Haus der Familie kostete dem Vernehmen nach 1,5 Millionen Dollar. Das mag angesichts des hochpreisigen Wohnumfeldes vielleicht als gar nicht so viel erscheinen, doch wenn man hört, dass die Immobilie bereits nach einem Jahr abbezahlt war, weiß man, mit wem man es zu tun hat. Selbstredend bestand der Fuhrpark ausschließlich aus deutschen Luxusautos – man weiß deutsche Ingenieurskunst eben zu schätzen.
Apropos Auto: Es gibt tatsächlich Menschen, die für jeden Tag der Woche ein Auto haben. Auch wenn es an dieser Stelle gut gepasst hätte – ich habe mir diese Anekdote keineswegs ausgedacht: Ein anderer Mitschüler meines Sohnes erzählte ihm einmal, dass seine Familie seinerzeit Zeit sieben Autos besessen hätte, für jeden Tag der Woche eines. Da man davon ausgehen muss, dass Autos im Bereich der oberen Mittelklasse ab einem Preis von fünfzigtausend Dollar angeboten werden, kann man sich leicht selbst ausrechnen, mit welchen Wertkonzentrationen man es in den Garagen der Reichen zu tun hat (und nicht nur dort). Nicht selten besteht der Fuhrpark sogar nur aus Luxuswagen. Da ist es kein Wunder, dass man sich hinter Mauern und Stacheldraht einigelt wie in einer belagerten Festung.
Es sind vor allem die Kinder dieser Leute, welche die British School und die anderen teuren Auslandsschulen besuchen; für den gewöhnlichen Ecuadorianer stellen diese Bildungstempel eine regelrechte Tabuzone dar. Man ist es fast leid, immer wieder in dieselben Gesichter zu blicken, aber es ist eine nur allzu offensichtliche und von niemandem verleugnete Tatsache, dass an Orten wie diesem stets nur der geschlossene Kreis der Gutbetuchten zusammenfindet, allesamt Angehörige einer durch Besitz und Einfluss geadelten Schicht, die über der Gesellschaft liegt wie Mehltau. Der Besuch solcher Bildungseinrichtungen stellt damit zugleich auch die unerlässliche Initiation in jene weitverzweigten Netzwerke des Wohlstands und des Wohlwollens dar, deren man sich später als Erwachsener wie selbstverständlich bedient, um Vermögen und Einfluss zu mehren. Der Eintritt in die Ivy League exklusiver Schulen ist die Weihe zu einem Schicksal von Bedeutung.
Ecuador ist ein Land der Klassengegensätze und des Klassendünkels. Menschen am unteren Ende der Einkommensskala werden von vielen Reichen nicht als gleichwertig angesehen. Man schätzt ihre Dienste und beschäftigt sie auch gern als Angestellte, doch man würde sich schwerlich herablassen, sich mit ihnen gemein zu machen. Zwischen Arm und Reich liegen Welten; die Grenzen verlaufen nicht nur entlang materieller Verwerfungen, die Verständigung stoppt auch vor Hindernissen, welche Brüche mentaler Art markieren. Es stellt schon eine seltene Ausnahme dar, wenn es doch einmal vorkommt, dass Brücken der Verständigung die tiefen Gräben überwinden.
Als Angehöriger einer in jeder Hinsicht bevorrechteten Klasse wird man von Kindheit an daran gewöhnt, dass Empleadas, also Hausangestellte, für alle Arbeiten zuständig sind, mit denen behelligt zu werden, eine Person von Stand als unter ihre Würde erachtet. Kinder aus wohlhabenden Haushalten werden nicht selten durch den hauseigenen Chauffeur von der Schule abgeholt und im blitzblank geputzten Heim wartet schon die Empleada mit dem Essen.
Eines Tages forderte ein Lehrer die Schüler nach dem Ende der Unterrichtsstunde auf, die Stühle hochzustellen. Wohl an keiner deutschen Schule hätte sich aus diesem berechtigten Wunsch jemals ein Problem ergeben. Ganz im Gegenteil, viele Eltern würden wahrscheinlich sogar den Umstand begrüßen, dass ihre Sprösslinge auch einmal selbst mit anpacken müssen, anstatt sich, wie zuhause nicht selten üblich, immer nur bedienen zu lassen. Ich selbst könnte die Stühle gar nicht zählen, die ich während meiner Schulzeit hochgestellt habe, und ich kann mich nicht daran erinnern, dass ich es widerwillig getan hätte.
Hier in Ecuador wird jene vermeintliche Selbstverständlichkeit leicht als Angriff auf die Integrität und den sozialen Status eines Angehörigen der Oberschicht verstanden. Menschen, die von Kindesbeinen an daran gewöhnt sind, Angestellte mit aus ihrer Sicht niederen Arbeiten zu beauftragen, empfinden es natürlich als Zumutung, wenn man sie bittet, bei einer leichten Aufgabe zur Hand zu gehen.
Aber es waren nicht die Schüler, die sich über diese „Behandlung“ beschwerten, sondern deren Eltern: Einige entblödeten sich tatsächlich, bei der Schulleitung ganz offiziell einen Nachlass bei den Schulgebühren zu fordern, da ihre Kinder gezwungen würden, die Arbeit von Dienstpersonal zu verrichten. Schließlich wäre es ihr Geld, von dem die Gehälter der Angestellten der Schule bezahlt würden. Warum also sollten ihre Kinder eine Arbeit tun, für die doch Dienstboten zur Verfügung stehen.
Am Ende musste die Schule nachgeben, denn immerhin alimentiert das Geld dieser Leute den Schulbetrieb, und nur ein Narr würde die Hand beißen, die ihn füttert. Merken diese Menschen eigentlich noch, was sie da von sich geben? Ich bin mir nicht sicher, ob sie überhaupt jemals über sich und ihren Platz in der Welt nachdenken. Ich fürchte, ihr Verhalten wird der nächsten Generation als Beispiel dienen und die Kinder werden das prätentiöse Anspruchsdenken der Eltern imitieren. Man kann nur hoffen, dass Bildung den unerträglichen Klassendünkel eines Tages aufheben wird. Und Bildung ist das, was diese Kinder erhalten.