Unter dem Wasserfall

Man hat ja immer viel zu tun und da freut man sich, wenn man ausnahmsweise einmal mehrere Sachen in einem Aufwasch erledigen kann. Eigentlich wollen wir an diesem Tag nur dem Lechero, einem Wunderbaum in der Nähe Otavalos, unsere Aufwartung machen, doch dank günstiger Umstände und vor allem dank kurzer Wege ergibt es sich, dass wir gleich noch dem Parque el Condor und den Wasserfällen von Peguche einen Besuch abstatten.

Von den Kondoren aus folgen wir der Ausschilderung. Man ist immer wieder froh, wenn man auf die hilfreichen Wegweiser trifft, denn solche abgelegenen Straßen sind in den Karten oft nicht verzeichnet – die Travelmaps renommierter internationaler Verlage können einen gehörig in die Irre führen – und für das Navi sind solche einsamen Gegenden manchmal nur ein weißer Fleck auf der elektronischen Straßenkarte. Wir nähern uns den Wasserfällen durch die Berge. Freilich sollten wir noch herausfinden, dass es eine einfachere und vor allem besser zu befahrende Route gibt. Diese Straße aber gehört uns ganz allein und wir genießen den romantischen Ausflug durch die geheimnisvolle grüne Berglandschaft.

Eine Art Klamm schließt dieses Ende des Tales ab wie das schmale Ende eines Trichters: Von einem Absatz in einigen Dutzend Metern Höhe stürzt das Wasser durch einen Felskamin und zerstiebt brausend im Talgrund. Ein Wildbach schneidet sich durch die üppig grüne Talweitung, die sich, vom Wasserfall ausgehend, wie der Hals des Trichters öffnet. Die Straße nähert sich von der Seite, die über dem Wasserfall liegt, und sie steigt dann an der Flanke des Berges hinab ins Tal, während sie sich immer wieder in zahlreichen Spitzkehren windet.

Lange bevor man die Fälle sehen kann, hört man das Rauschen und Brausen des Wassers. Beim Fahren empfiehlt es sich, die Strecke stets mit Argusaugen im Blick zu halten, denn die Schotterpiste ist unberechenbar und Haarnadelkurven laden den unbesonnenen Fahrer zu einem Flug über das Tal ein. Hat man den Fuß des Berges glücklich erreicht, rollt man aus dem schattigem Grün ins Freie und plötzlich findet man sich vor einer Schranke wieder, hinter der ein Parkplatz liegt. Nachdem man das Eintrittsgeld in Höhe von 1,50 Dollar entrichtet hat, winkt einen der freundliche Wächter durch.

In den letzten Jahren hat an nahezu allen Orten des Landes, an denen es Sehenswürdigkeiten zu bestaunen gibt, der Tourismus einen starken Aufschwung genommen. Früher konnte man diese Orte besuchen, ohne dass sich irgendeine Behörde darum geschert hätte. Man konnte sich völlig frei bewegen und anderen Touristen begegnete man in der Regel auch nicht, es sei denn, man besuchte die Kirchen und Klöster Quitos, die von der Unesco als Weltkulturerbe ausgewiesen sind und die darum seit jeher touristische Aufmerksamkeit genossen. Die Gegend von Peguche mit ihren berühmten Wasserfällen ist touristisch jedenfalls so gut erschlossen wie das Freibad Orankesee in Berlin Hohenschönhausen und was es dort gibt, findet man auch hier (ausgenommen natürlich den Strand).

Man nähert sich den Wasserfällen durch das Tal. Ein Pfad schlängelt sich durch einen urzeitlich wirkenden Wald mit dicken, knorrigen Baumstämmen und ausladenden Blattkronen, doch bei den Bäumen handelt es sich ausnahmslos um Eukalyptus, eine Art, die erst vor hundert Jahren aus Australien eingeführt wurde. Forstleuten ist dieser schnellwüchsige Baum ein Graus, denn die mit ätherischen Ölen getränkten Blätter bilden am Boden eine dicke Schicht, welche die einheimische Flora zuverlässiger vernichtet als die berüchtigte chemische Keule. Unter dem Kronendach eines Eukalyptuswaldes sieht es aus wie in Vietnam nach einer Entlaubungsaktion des US-Militärs. Dort wächst ungefähr so viel wie auf Kojaks Glatze. Aber es riecht schön, wie in einer Sauna nach dem Aufguss. Die Wurzeln des Eukalyptus reichen zudem tief in den Boden und der unstillbare Durst der Pflanze bewirkt, dass der Grundwasserspiegel absinkt.

An den Wasserfällen von Peguche hat man übrigens nichts dem Zufall überlassen und die Fürsorge, die einem als Besucher entgegengebracht wird, lässt einen schon fast an die Stadtparks in den USA denken: Es gibt fix und fertig eingerichtete Grillstationen und gepflegte Campingbereiche. Allerorten begegnet man Imbissständen und selbst Cabañas (kleine Ferienhäuschen), in denen man übernachten kann, findet man auf dem Gelände. Direkt hinter dem Einlass gelangt man auf eine Plaza, die von Restaurants und Souvenir-Shops gesäumt wird. Zum Park hin wird der Platz von den Resten alter Gemäuer aus dem 17. Jahrhundert begrenzt. Eine einzige Wand, die vielleicht einmal Teil der Wirtschaftsgebäude einer großen Hacienda gewesen sein mag, hat dem Zahn der Zeit widerstanden.

Die Pfade, die sich durch das geheimnisvolle Halbdunkel des Eukalyptuswaldes winden, wirken uralt und zugleich so anheimelnd wie die Wege, die durch einen Märchenwald führen, doch es ist alles Täuschung. Gleich erkalteten Lavakanälen werden die Wege von hüfthohen Mauern begrenzt, die wirklich so aussehen, als wären sie aus Feldsteinen errichtet. Wenn man genauer hinsieht, bemerkt man aber, dass es sich um Beton handelt. Das tut der Stimmung indes keinen Abbruch und man wandelt gern durch diesen verzauberten Eukalyptuswald.

Der Weg führt durch Kathedralen aus Licht, vorbei an Stämmen, die wie gotische Säulen himmelwärts streben. Man spaziert über unberührte grüne Wiesen und überquert kristallklare Bäche – vorsorglich hat man Planken über das kaum eine Elle breite Gewässer gelegt, aber man müsste sich schon sehr anstrengen, um der Länge nach hineinzufallen. Familien aus der Gegend suchen Entspannung in dieser nach Eukalyptus duftenden Idylle: Man spielt Federball oder picknickt oder macht sich an einem der zahlreichen Grills zu schaffen – also ganz normaler Alltag, wie er einem im Sommer auch in den Berliner Parks begegnen könnte.

Der Wasserfall ist nicht weit. Wir hören das Brausen der Wasser schon eine ganze Weile, aber wegen des dichten Waldes kann man nichts sehen. Doch dann stehen wir unterhalb der Fälle und sehen die Wassermassen als weißes schäumendes Band herabfallen. Eine Holzbrücke führt über die Schlucht, durch die der Wildbach fließt, welcher durch den Wasserfall gespeist wird. Die Schlucht ist gut besucht, doch alle Touristen scheinen Ecuadorianer zu sein. Jedenfalls begegnet uns niemand, der schon auf den ersten Blick die untrüglichen Kennzeichen offenbart, an denen man den Auslandstouristen, insbesondere den Gringo, erkennt.

Ein feiner Sprühnebel steigt aus der Schlucht auf. Schon nach Minuten in der Nähe des Wassers fühlt sich die Kleidung ganz klamm an, und bleibt man länger, ist man anschließend vollkommen durchnässt. Einige Besucher, die sich bis direkt unter die Fälle gewagt haben, sind so nass, als hätten sie gebadet. Ihre Haare tropfen, die Shirts kleben ihnen am Körper und die Jeans quietschen bei jeder Bewegung. Ich nähere mich, so weit es mir möglich ist, denn immer wieder setzt sich ein Wasserfilm auf der Kamera ab und ich fürchte, lange wird die Elektronik diese Misshandlung nicht aushalten. Ich mache ein paar Fotos und drehe ein paar kurze Clips. Meine Kleidung ist mittlerweile ganz feucht und ich halte es für eine gute Idee, ins Trockene zu flüchten.

Aus größerer Entfernung betrachtet, wirken die Wasserfälle nicht sehr imposant, und erst, wenn man einen Vergleich heranzieht, bekommt man einen Eindruck von ihrer wahren Größe: Die Leute, die sich nahe unter die Fälle gewagt haben, wirken vor den niederstürzenden Wassermassen winzig wie vor einer Schneelawine. Die Wasser schießen über die Felsstufe, verwandeln sich im freien Fall in einen weißen, brodelnden Vorhang und fallen brausend in die Tiefe. Als würden sie zu kochen beginnen, zerstieben sie im Auffangbecken zu einer Wand aus Vapor. Der Dunst aus Abermilliarden winzigen Tröpfchen füllt die Talschlucht.

Am Ausgang des Tales spannt sich eine Hängebrücke über die Schlucht. Es besteht keine Notwendigkeit, sie zu überqueren, doch ich möchte Fotos machen und von der Höhe der Brücke hat man einen bezaubernden Blick über die Talniederung. Als ich die Mitte erreicht habe, versuchen zwei Jungs die Brücke in Schwingung zu versetzen: Sie springen rhythmisch und zerren an den Seilen. Die Hängebrücke schaukelt ein wenig. Da ich relativ schwindelfrei bin, macht mir der übermütige Schabernack nichts aus und die beiden Strolche sind schwer enttäuscht. Aber eine Frau hält sich schreiend an den Seilen fest und als die beiden frechen Gören genug von dem Spaß haben, geht sie ihnen wütend nach, um ihnen gehörig die Leviten zu lesen. Man kann es den Jungs nicht verübeln, dass sie die Beine lieber in die Hand nehmen, als seelenruhig auf die fällige Abreibung zu warten.

Auf der Rückfahrt nehmen wir die Strecke über den Flughafen. Es ist kurz nach Sechs und die Sonne sendet ihre Strahlen bereits von jenseits des Horizonts in den Himmel. Voraus taucht plötzlich die kegelförmige Silhouette des Cotopaxi auf, über der grünen Landschaft schwebend wie eine Fata Morgana. Der goldene Abendglanz, den das scheidende Tagesgestirn als letzten Gruß über die Landschaft wirft, schneidet ein Relief aus Licht und Schatten in die Flanken des Vulkans. So plastisch wie zu dieser Stunde kurz nach Sonnenuntergang sieht man den Berg wohl nie.

Diese einmalige Gelegenheit möchten wir uns nicht entgehen lassen. Wir halten, machen Fotos und genießen die grandiose Aussicht. Beim Aussteigen muss ich höllisch aufpassen, dass ich nicht von den Pisten-Desperados in ihren allradgetriebenen SUVs oder Pickups überfahren werde. So stark befahren wie zu dieser Stunde habe ich die Strecke am Flughafen noch nie erlebt.

Ich lasse den Anblick auf mich wirken. Erst in solchen raren Augenblicken der Besinnung, wie man sie manchmal im Angesicht einer ganz und gar fremden Welt erlebt, merkt man plötzlich, dass man auf einem Planeten lebt, der größer ist, als man es sich immer hat vorstellen können. Im Grunde weiß man nur sehr wenig über diese Welt. Man ist ein Alien und vielleicht zum ersten Mal im Leben wird einem klar, wie weit man von allen Dingen entfernt ist, die einem wirklich vertraut sind – Lichtjahre weit. Wir fahren zurück nach Cumbayá mit dem guten Gefühl, viel an diesem Tag erlebt zu haben.

Kondore und Menhire

In der Nähe Otavalos gibt es eine Reihe lohnender Sehenswürdigkeiten. Nachdem wir den Lechero gesehen, seine Aura gespürt und uns durch Berührung einen Teil seiner kosmischen Energien einverleibt hatten (ich fühlte mich aufgeladen wie eine Duracell), war es höchste Zeit, einem anderen und weit berühmteren Mythos der Anden unsere Aufwartung zu machen – dem Kondor.

Die Menagerie mit den majestätischen Vögeln liegt ganz in der Nähe des Lechero und man kann sie mit dem Auto in ein paar Minuten erreichen. Obwohl die Straße gut ausgeschildert ist, so dass man erwarten könnte, Touristen würden leicht in den Kondorpark finden, hatte sich an diesem Tag nur ein kleines Häuflein Interessierter zu den Volieren verirrt. Der Parkplatz vor dem Eingang war leer und so hegten wir keine großen Erwartungen. Doch wieder einmal mussten wir uns belehren lassen, dass der Geschmack der Masse nie ein verlässlicher Gradmesser dafür ist, welche Orte es zu besuchen lohnt und welche nicht. Würden allein Besucherzahlen entscheiden, müsste man sämtliche Museen schließen und die Zahl der Shopping-Malls verzehnfachen.

Der Parque el Condor ist eine jener unscheinbaren Attraktionen, die ihr Geheimnis erst auf den zweiten Blick preisgeben. Wenn man die Anlage betritt, hat man zunächst den Eindruck, man befinde sich in einem botanischen Garten – überall leuchten einem Blüten in schwelgerischer Pracht aus den schön angelegten Beeten und Rabatten entgegen. Wege, die wie die alten Inkapfade mit unbehauenen Steinen gepflastert sind, führen den Besucher durch einen üppigen Paradiesgarten.

Es herrscht so wenig Besucherverkehr, dass die Pförtnerin für jeden Ankömmling einzeln aus ihrer Pförtnerloge herauskommt, das Eintrittsgeld entgegennimmt und die Gäste mahnt, die Parkordnung einzuhalten. Nachdem man das Eingangstor durchschritten hat, findet man sich in einer romantischen Idylle aus einsamen Wegfluchten und schattigem Grün. Aus dem allgegenwärtigen Blattwerk funkeln Blüten gleich seltenen Edelsteinen. Ein berückendes Panorama, eine Komposition aus dem Fels der Berge und dem Grün der Täler, umgibt den Park wie die Mauern, die einst das Paradies beschirmten. Man kann ganz in die Stille dieses Ortes eintauchen und sich an die Besinnlichkeit verlieren, die einen befällt, wenn man nur lange genug auf den einsamen Wegen wandelt. Fast immer ist man allein. Anderen Besuchern begegnet man selten.

Gleich hinter dem Eingang befindet sich ein Ausstellungsraum, der den Besucher über die Lebensgewohnheiten der Vögel, über die Arten, die man in Ecuador findet, und über Raubvögel bzw. Aasfresser im Besonderen informiert. In einer Vitrine kann man die Schwungfeder eines Kondors bestaunen: Vom Federkiel bis zur Spitze misst sie mindestens einen Meter. Wir konnten es kaum erwarten, den großen Vögeln in natura zu begegnen.

Nachdem wir eine Weile auf den labyrinthischen Wegen durch den Park spaziert waren, kamen wir an die ersten Volieren. Der Vogelpark hält ausschließlich Raubvögel oder Geier. Meist hocken die großen Vögel unbeweglich auf ihren Horsten oder krallen sich an Stangen oder Baumstämme. Von den Besuchern, die vor den Gittern vorbeiziehen und die manchmal versuchen, die Tiere durch Winken oder Zurufen aus der Reserve zu locken, nehmen sie in der Regel keine Notiz. Sicher erscheinen ihnen die Menschen als zu uninteressant, als dass sie ihre Aufmerksamkeit an sie verschwenden würden. Das Gefieder mancher der Tiere gibt ihnen so gute Deckung, dass man sie vor einem natürlichen Hintergrund kaum ausmachen kann. Es gibt ein kleines Freilufttheater, in dem Falkner Flugvorführungen veranstalten, so dass man die Vögel auch einmal in Aktion erlebt. Die nächste Vorführung sollte in drei Stunden stattfinden, doch so lange wollten wir dann doch nicht warten.

Dann standen wir vor dem Gehege der Kondore. Das Vogelhaus war ziemlich groß, aber für die gewaltigen Vögel kaum groß genug. Sie konnten von den Felsen im hinteren Teil abheben und mit Mühe ein paar Meter durch die Luft gleiten, ehe sie das Gitter auffing. Man hatte ein Pärchen zusammen in die Voliere gesperrt. Während das Männchen ununterbrochen vor seiner Partnerin balzte und versuchte, ihre Aufmerksamkeit zu erregen, zeigte Madame ihm im wahrsten Sinne des Wortes die kalte Schulter. Sie war nicht im Mindesten an seinen Offerten interessiert. Wenn sie sich zu sehr bedrängt fühlte, ließ sie sich von den Felsen gleiten und landete dann auf dem Boden – so weit entfernt von ihm, wie es das enge Gehege nur zuließ.

Nur einmal sah ich das Männchen in seiner ganzen Pracht mit voll entfalteten Schwingen. Als es seiner Partnerin nachsetzte, hob es ab und landete mit ausgebreiteten Flügeln in den Gittern der Voliere. Das sind wahrhaft gewaltige Tiere. Mit ausgestreckten Schwingen wirkt so ein Kondor bedrohlich wie ein riesiger schwarzer Schatten und ein wenig ist man froh darüber, dass die Vögel sich ausschließlich an Aas nähren. Die Flügel sind wie ein Dach – ein Mensch könnte sich bequem unter eine Schwinge legen und wäre beschützt. Was für majestätische Vögel – kein Wunder, dass der Kondor im ecuadorianischen Staatswappen seinen Platz gefunden hat. Bemerkenswert ist einzig die Tatsache, dass man ihm diese Ehre zugesteht, obwohl er ein Aasfresser ist, wie man sie doch sonst nicht sonderlich schätzt.

Sitzend war das Männchen sicher so hoch wie ein fünfjähriges Kind. Mit angelegten Flügeln sah es ein bisschen so aus wie ein glatzköpfiger alter Mann in einem viel zu großen schwarzen Mantel. Doch ihre wahre Grazie zeigen die majestätischen Vögel erst in der Luft, wenn sie scheinbar schwerelos über den Andenhimmel gleiten. Leider sind sie in freier Wildbahn fast ausgestorben: In den Tälern finden sie kaum noch Aas, von dem sie sich nähren könnten, und Umweltgifte machen ihrer Brut zu schaffen. Außerdem wird ihr Lebensraum immer weiter eingeschränkt, denn die Bevölkerung in den Bergen nimmt zu. Immer neue Straßen führen selbst bis in die entlegensten Regionen und Menschen stören die Ruhe des einsamen Herrschers dieser kalten, schweigenden Welt.

Der Park ist keine solch spektakuläre Attraktion wie Ingapirca oder das einmalige koloniale Ensemble aus Kirchen und Klöstern in Quitos Altstadt. Doch man muss in Ecuador schon über jeden Ort der Schönheit froh sein und darf sich glücklich schätzen, dass es überhaupt Orte im Land gibt, die eigens dazu geschaffen wurden, die Sinne zu erfreuen. Noch vor nicht allzu langer Zeit wäre wohl keine Regierung auf die Idee gekommen, Geld für Projekte auszugeben, die keinen unmittelbaren praktischen Nutzen versprechen. Der Gedanke, einen Ort zu schaffen, an dessen Schönheit sich die einfachen Menschen erfreuen können, war den Eliten dieses Landes so fremd wie die Vorstellung, dass ihre Steuern dazu dienen könnten, öffentliche Ausgaben zu bestreiten (wenn man sich überhaupt dazu herbei ließ, Steuern zu zahlen). Wer nur wohlhabend genug war, schuf sich stattdessen sein eigenes kleines Paradies hinter den Mauern seines Anwesens. Der Gegensatz zwischen der Unansehnlichkeit der meisten Städte auf der einen und der Schönheit vieler teurer Privatresidenzen auf der anderen Seite könnte nicht größer sein.

Mitten im Park begegnet einem ein kreisrunder Platz. Der Bezirk ist mit Natursteinen gepflastert und die Himmelsrichtungen sind nach Art einer Kompassrose als schnurgerade Linien von helleren Steinen eingelegt. Der aufmerksame Beobachter findet nicht nur die Himmelsrichtungen, sondern auch die Punkte der Tagundnachtgleiche und der Sonnenwenden markiert. Im Zentrum aber steht hoch aufgerichtet wie ein Menhir ein massiver Monolith.

Obwohl dieser Platz sicher erst vor wenigen Jahren angelegt wurde, kann man sich durchaus nicht des Eindrucks erwehren, man befinde sich an einem Ort uralter heidnischer Frömmigkeit, wo bärtige Priester die Gestirne beobachten und Versammlungen heiliger Männer und Frauen die Zäsuren des Lebens verkünden. Und in dem Monolithen im Zentrum scheinen sich wie im Fokus eines kosmischen Brennglases die Schwingungen der Himmelssphären zu bündeln. An diesem Ort, der Mitte des Universums, heben sich die Sphärenklänge gegenseitig auf und wie im Auge eines Orkans herrscht vollkommene ätherische Stille. Die Schöpfer des Platzes kennzeichneten diesen Ort wie die Frommen vor Tausenden von Jahren: Sie richteten einen Monolithen auf, zum Zeichen, dass sich hier der Nabel der Welt befinde.

Nach dieser Überdosis romantischer Schwärmerei fühlte ich mich schon fast in andere Sphären entrückt. Mein kritischer Verstand war sicher stark in Mitleidenschaft gezogen, denn überraschenderweise erklärte ich mich einverstanden, an diesem Tag auch noch die Wasserfälle von Peguche zu besuchen. Ich kann nur hoffen, dass der esoterische Tieftauchversuch keine größeren Schäden an meinem rationalen Urteilsvermögen angerichtet hat. Ich glaube, nur schwere Trunksucht könnte die Synapsen noch stärker schädigen.