Das grüne Herz des Paradieses

Unsere Tour durch die Mangrove begann am Hafen von Puertobelo. Wir waren die einzigen, die zu dieser Stunde beabsichtigen, zur Insel überzusetzen. Man erzählte uns später, dass der Tourismus seit dem Erbeben praktisch zum Erliegen gekommen ist. Wir bestiegen ein kleines Touristenboot und mit Motorkraft ging es über die breite Wasserstraße zwischen Festland und Insel. Salzige Seeluft wehte uns ins Gesicht. Der Atem des Meeres hatte sich bereits mit den Noten des Magrovensumpfes gemischt und die drückende Hitze trieb einen fauligen Geruch auf.

Die Isla Corazón ist eigentlich keine Insel im herkömmlichen Sinne, denn bei Flut ist sie vollständig mit Wasser bedeckt. Der braune Strom des Río Chone mischt sich an dieser Stelle mit dem Ozean und die Mangrove, welche die Insel als dichter Wald bedeckt, gedeiht prächtig in dieser Brackwasserzone, die weder ganz Fluss noch ganz Meer ist. Bei Hochwasser ragt allein das dichte Mangrovengestrüpp über den Meeresspiegel, und selbst bei Ebbe müsste ein Besucher des Eilandes durch zähen Schlick waten. Man hatte einen Pfad auf Pfählen angelegt, so dass Touristen die Insel trockenen Fußes besichtigen konnten. Das letzte Erdbeben hat ihn zum Einsturz gebracht und der Magrovensumpf hat ihn verschluckt.

Bei Ebbe saugt der Ozean die Wassermassen aus der Flussmündung und die Segelyachten, die mitten im Fluss ankern, richten ihren Bug nach der Gezeitenströmung aus. Dann sieht man plötzlich Sandbänke auftauchen, auf denen Vogelschwärme ein Festmahl an Krabben und Würmern vorfinden. An manchen Stellen wird das Meer so flach, dass das Wasser als glatter Spiegel über dem Grund liegt, während darum herum Wellen die Oberfläche kräuseln. Überall erzeugt der Sog des Meeres Strudel.

An den Inseln gibt die Ebbe Strände frei, die bei Hochwasser nur ein Tummelplatz für Fische sind. Die Strände legen sich wie eine cremefarbene Bordüre um die grünen Eilande und in dem feinen Sand finden einzelne Sonnenanbeter ihr Paradies. Manchmal sieht man Schiffe ankern und eine illustre Gesellschaft aus Skippern und Gezeitentouristen nimmt dann den Strand bis zur nächsten Flut in Besitz.

Nachdem die Motorschaluppe, die uns über den Sund beförderte, das grüne Ufer der Insel erreicht hatte, stiegen wir in ein Kanu um. Die Flut hatte die Insel überschwemmt und allein das dichte Mangrovengestrüpp schaute noch aus den bräunlichen Wassermassen hervor. Bei Ebbe wäre eine solche Tour nicht möglich, denn der tiefe Schlamm würde ein Fortkommen unmöglich machen. Wir saßen hintereinander im Boot wie die Teilnehmer einer gefährlichen Urwaldexpedition – in jeder Doku über den Amazonas kann man so etwas sehen. Unser Guide nahm den Platz am Heck ein und dann paddelte er seine neugierige Fracht durch das Dickicht.

Die Insel wird von einem natürlichen Kanal durchzogen. An einigen Stellen war die Wasserstraße so schmal, dass wir die Luftwurzeln der Mangroven zu beiden Seiten berühren konnten, während sich das Blätterdach wie ein grünes Gewölbe über uns schloss. Die Gezeiten drückten das milchig-trübe Wasser mit solcher Kraft durch den Mangrovenwald, dass man überall Wirbelschleppen sehen konnte. Blätter und paddelnde Insekten trieben an uns vorbei. Der Geruch von Fäulnis lag in der Luft wie der Odor der stymphalischen Sümpfe. Im Wald stand die Luft förmlich, nicht die geringste Brise war zu spüren und die Hitze trieb einem den Schweiß aus den Poren. Zumindest schützte das dichte Kronendach vor der heißen Sonne.

Einige Male lief das Kanu auf Baumstämme auf, die versteckt unter der Wasseroberfläche lagen. Unser Guide sprang in die schlammige Brühe, die ihm bis zur Brust reichte, und schob das Boot weiter. Da ich ihn so unbekümmert durch das Wasser rudern sah, fragte ich ihn später, ob es hier Haie gäbe. Er meinte, bis zum Jahr 1998, als El Niño die Küste traf, hätte man in den Mangrovensümpfen und im Meer vor der Küste eine reiche Tierwelt vorgefunden. Es hätte in der Tat viele Arten Haie, dazu Kaimane, Krokodile und sogar Mantarochen gegeben. Heute könne man immer noch Fregattvögel beobachten, Pelikane und Ibisse, die jedoch eine invasive Art auf dem amerikanischen Kontinent darstellten. Die meisten Spezies seien aber verschwunden und ausnahmsweise trug einmal nicht die andere invasive Art, der Mensch, die Schuld daran.

Der Mangrovensumpf mit seinem Gezirpe und Geraschel, mit all den versteckten Bewegungen, die man nur aus dem Augenwinkel gewahrt und wenn man hinsieht, kann man nichts entdecken, das trübe Wasser, bei dem allein ein Kräuseln an der Oberfläche verrät, dass sich etwas Lebendiges darunter verbirgt, gemahnten mich an die dampfende Dschungelwelt von Dagobah und hätte man eine Realverfilmung gewünscht, hätte dieser Mangrovensumpf als perfekter Drehort dienen können.

An manchen Bäumen waren kleine Leinensäcke angebunden. Unser Guide öffnete eines der Behältnisse und zeigte uns den Inhalt: Krabben. Die Menschen nutzen die Mangrove genau wie vor Tausenden von Jahren heute immer noch zur Nahrungssuche. Unterwegs begegneten uns zwei Jungs von dreizehn oder vierzehn Jahren. Sie zogen im Kanal entlang, das Wasser reichte ihnen bis zur Brust. Wir fragten, was sie dort täten, und sie meinten, sie noodlen.

Beim Noodlen handelt es sich um eine spezielle Fischfangtechnik. Ich weiß nicht, ob die spanische Sprache dafür ein Wort hat, aber mit „to noodle“ bezeichnet man in Texas den Versuch, einen Wels oder Catfish, wie sie dort heißen, mit der bloßen Hand zu fangen: Man tastet im trüben Wasser nach Höhlen und hat man eine gefunden und versteckt sich zufällig ein Fisch darin – Welse lauern gern in Höhlen –, steckt man ihm die Hand ins Maul. Wenn der Fisch nun zuschnappt, weil er glaubt, dass sich Beute in die Falle verirrt habe, greift man in die Kiemen und zieht ihn mit einem beherzten Ruck an die Oberfläche. Welse haben nur winzige Zähne, die einen nicht wirklich verletzen können – keine Gefahr also. Wir wünschten den Jungs viel Glück bei der Jagd und sie zogen weiter durch das undurchdringliche Dickicht Dagobahs.

Wir verließen die Mangalares, die Mangroven, auf der anderen Seite der Insel. Der Urwald öffnete sich plötzlich und wir glitten hinaus aufs offene Wasser. Eine frische Meeresbrise kühlte den Schweiß und man hatte den Eindruck, das Atmen fiele einem plötzlich Mal viel leichter. Vor uns lag die weite Mündung des Río Chone. Nachdem wir vom Kanu wieder in ein Motorboot umgestiegen waren, ging die Fahrt an der Südseite der Insel entlang zu den Kolonien der Fregattvögel und Pelikane.

Schon von weitem hörten wir das Gekreisch der agilen Fregattvögel, die sich in artistischen Flugmanövern gegenseitig Nistmaterial und Futter abjagten. Eine schwarze Wolke aus Vögeln kreiste ununterbrochen über den Wipfeln des Mangrovenwaldes. Wie Schatten zogen die kohlschwarzen Silhouetten mit den schlanken Flügeln und den gegabelten Schwänzen über den Himmel. Es herrschte ständiges aufgeregtes Gekreisch und immer war Bewegung in der Luft.

Überall leuchteten uns rote Farbtupfer aus dem Geäst entgegen. Der Farbton erinnerte verblüffend an Mohnblumen, aber hier handelte es sich um die Kehlsäcke der Männchen. Voller Eifer waren sie damit beschäftigt, Partnerinnen zu werben. Der bis zum Bersten aufgepumpte Hautsack hing ihnen vor der Brust wie der Blasebalg eines Dudelsacks. Das schrille Konzert hallte in ohrenbetäubender Lautstärke über das Wasser, aber ich weiß nicht, ob es Triumphschreie waren oder Schreie der Enttäuschung.

Die Plätze in den oberen Stockwerken der Baumkronen waren ausschließlich für die Brutplätze der Fregattvögel reserviert. Etwas tiefer saßen mit stolzer Würde die Pelikane und darunter, dicht am Wasser, die Kormorane. Durch das laute Gekreisch hindurch erklärte unser Guide, dass ein Kormoran ein halbes Kilo Fisch am Tag verspeisen könne und Pelikane könnten Fische bis zu einer Größe von einem halben Kilo schlucken. Im Wasser lagen zahlreiche Kadaver junger Fregattvögel. Die Tierleichen hatten sich zwischen den Luftwurzeln der Mangroven verfangen – Nahrung für die Fische. Einige sahen aus wie abgestürzte Segelflugzeuge.

Unser Guide ließ das Boot eine Weile in den Wellen schaukeln und gab uns Gelegenheit zu fotografieren. Dann drehten wir bei. Auf der Rückfahrt nahmen wir den längeren Kurs um die Insel. Das Geschrei der Vögel verstummte bald in der Ferne, wir aber hielten uns dicht an der Insel und folgten der Strömung des Río Chone.

Im Hafen von Puertobelo konnten wir uns mit eigenen Augen von den Auswirkungen einer anderen Naturgewalt überzeugen, welche die Gegend nach El Niño verheert hatte. Im April 2016 hatte ein starkes Erdbeben die Küstenregion heimgesucht. Obgleich das Epizentrum sich viel weiter im Norden befunden hatte, verursachten die Erdstöße in Bahía beträchtliche Schäden.

Schon bei unserer Ankunft am Hafen hatte ich mich gewundert, dass mitten in der Flussmündung Bäume standen. Man erklärte uns, die Erdbewegungen seinen derart heftig gewesen, dass riesige Erdschollen mitsamt dem Wald, der darauf wuchs, die Hänge hinunterrutschten. Erst im Wasser, einen Steinwurf vom Ufer entfernt, kamen sie zum Stehen. Ein Gutes hätte die Katastrophe allerdings: Die Äste der mittlerweile abgestorbenen Bäume bieten den Jungfischen gute Verstecke und auch Nahrung und so könnte man seit Kurzem in der Flussmündung einen nicht mehr erwarteten Fischreichtum feststellen.

Am Tage des Erdbebens lag eine kleine Flotte von Ausflugsschiffen im Hafen von Puertobelo vor Anker. Für den nächsten Tag hatte sich ein Minister zum Besuch angekündigt und wie in einem solchen Fall üblich, war man eifrig bemüht, einen würdevolleren Rahmen zu schaffen. Bei dem Schiff, das die honorigen Gäste durch die Flussmündung navigieren sollte, handelte es sich deshalb auch nicht um eine Schaluppe, wie sie uns zur Insel übergesetzt hatte, sondern um eine stattliche Yacht. Dann kam das Beben. Das Schiff fand sich am Grund des Flusses wieder, wo es sich mehrere Meter in den Schlick gebohrt hatte.

Unser Guide erzählte, die Geologen vermuten, es habe einen Mini-Tsunami gegeben. Das Erdbeben fand in der Nacht statt und niemand hat etwas beobachtet, aber die Erdrutsche, die ganze Wälder in den Fluss trugen, und versenkte Schiffe sprechen dafür, dass eine Flutwelle den Mündungstrichter des Río Chone getroffen hat. Mittlerweile wollen die Wissenschaftler sogar eine Verwerfung entdeckt haben, die sich der Länge nach durch die gesamte Flussmündung zieht. Es steht zu befürchten, dass es auch in Zukunft immer wieder heftige Erdstöße geben wird.

Wir waren am Ende unserer Tour, doch wir wollten von unserem Guide noch wissen, ob er eigentlich aus der Gegend stamme. Gutgelaunt entgegnete er, er sei hier sogar geboren und er habe immer hier gelebt. Nach El Niño hätte sich das Schicksal Puertobelos erst in den letzten Jahren wieder zum Besseren gewendet, und zwar dank der Touristen. Doch seit dem Erdbeben komme niemand mehr – wir waren an diesem Tag die einzigen, die hierher gefunden hatten.

Die Leute wollen dennoch nicht wegziehen und ich kann sie gut verstehen, denn trotz aller Härten und trotz der offensichtlichen Armut erscheint dieser Ort auf den ersten Blick wie das Paradies (und vielleicht auch auf den zweiten). Lichtjahre entfernt vom hektischen Getriebe einer vereinten Welt ruhen die Menschen noch in sich selbst. Fast könnte man im Anklang an alte utopistische Ideen behaupten, sie lebten im Einklang mit der Natur. Wer freilich eine gute Ausbildung hat, träumt von einem besseren Leben, und es sind nicht wenige, die das Land jedes Jahr Richtung Amerika oder Europa verlassen. Und dennoch, nicht alle wollen gehen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass man ein solches Paradies leicht aufgibt.

Nach den Mühen kommt die Belohnung: In San Vicente (das ist die Stadt auf der Festlandseite der Bucht) gibt es eine Bäckerei namens „El Toñito“. Wir fuhren ziellos durch die Stadt und fragten Leute auf der Straße, wo man um diese Zeit – die Abenddämmerung hatte bereits eingesetzt – etwas Leckeres essen könnte. Alle meinten das „El Toñito“ sei der Ort, nach dem wir suchten. Nachdem wir mehrmals um den Block gefahren waren – ein Kunststück, das man erst einmal fertigbringen muss in einer so übersichtlichen Stadt –, fanden wir den Laden dann schließlich doch.

Der Gästeraum war überfüllt und an der Theke musste man regelrecht drängeln, um sich Gehör zu verschaffen. In den Auslagen begegnete mir eine Spezialität der Gegend, ein letzter kulinarischer Gruß der Mangalares: Es gab Empanadas de pescado y de cangrejo, also Teigtaschen mit Fisch- und mit Krebsfleisch-Füllung. Wir aber orderten Berge von Kuchen, um die enormen Energiemengen zu ersetzen, die man beim Stillsitzen in einem Kanu verbraucht – Völlerei ist in diesem Zusammenhang ein viel zu milder Ausdruck. Die Halbwüchsigen wurden mit Pizza ruhiggestellt; eine eisgekühlte Cuvée der erlesensten Jahrgänge Champagne américain dünkte sie die passende Begleitung.

Ich fühlte mich gut, doch es waren nicht die toxischen Mengen Zucker, die mich in Hochstimmung versetzten. Die Eindrücke der letzten Stunden gingen mir durch den Kopf. Ich dachte an unsere Fahrt durch den Mangrovenwald und ich dachte an die Menschen, die in diesem Paradies leben. Wie schön das alles ist und wie gesegnet man sein muss, dies jeden Tag sehen zu dürfen. Ich kann gut verstehen, warum niemand von hier fortgehen will. Niemals.

Mein Schatz: Der Führerschein

Die Tante hatte meiner Frau erzählt, dass man in Bahía für zweihundert Dollar den Führerschein erwerben könne. Wie in fast jedem Land der Welt, ist das Führen eines Fahrzeuges auch in Ecuador nur mit einer gültigen Lizenz gestattet. Eine begrenzte Zeit darf man mit dem deutschen Führerschein ganz legal auf ecuadorianischen Straßen fahren, aber danach ist man gehalten, eine ecuadorianische Fahrerlaubnis vorzulegen, wenn man von den hiesigen Gesetzeshütern ersucht wird, sich als Führer eines Fahrzeugs auszuweisen. Da spielt es denn auch keine Rolle, dass man schon viele Jahre im Besitz eines europäischen Führerscheins ist. Gegen diese Regelung ist im Prinzip auch nichts einzuwenden, wenn man denn den ecuadorianischen Führerschein erwerben könnte, ohne durch allzu große bürokratische Hürden daran gehindert zu werden.

Andere Länder, andere Führerscheinprüfungen

Wie einfach es anderswo sein kann, sieht man am Beispiel USA: Wir haben einige Zeit in Texas gelebt und ich habe dort auch den Führerschein gemacht. Ich möchte jedem, der die Staaten bereist – und sei es nur im Urlaub –, nahelegen, den Führerschein zu erwerben, denn nirgendwo auf der Welt bekommt man ihn so leicht und nur selten ist er so preiswert. In Texas ist der Erwerb der Lizenz eine ganz einfache Angelegenheit, die man etwa an einem beliebigen Nachmittag in nicht einmal einer Stunde erledigen kann: Man fährt mit dem eigenen Auto (oder dem Mietwagen) zu einem der zahlreichen Büros des Texas Department of Public Safety und legt dort zunächst die theoretische Prüfung ab. Dazu muss man am Computer dreißig Fragen zu den Verkehrsregeln beantworten; die Antworten sind als multiple choice vorgegeben. Achtzig Prozent davon (oder waren es nur siebzig?) müssen richtig beantwortet sein, damit die Prüfung als bestanden gelten kann. Doch keine Sorge, die Fragen sind leicht und man kann die Prüfung so oft wiederholen, wie man möchte. Wahrscheinlich hätte man schon eine gute Chance zu bestehen, wenn man einfach nur rät.

Viel lernen muss man eigentlich nicht, denn es gibt weit weniger Verkehrsregeln als in Deutschland und die Anzahl der Verkehrszeichen ist allzu überschaubar: Das Texas Drivers Handbook ist eine schmale Broschüre von vielleicht vierzig Seiten, von denen sich etwa die Hälfte allein schon mit der Fahrzeugsicherheit beschäftigen. Um die Prüfung ablegen zu können, muss man nicht einmal des Englischen mächtig sein, denn der Fragenkatalog steht in mindestens zehn Sprachen zur Verfügung.

In einer Viertelstunde hat man die Theorie geschafft und sogleich geht es auf die Strecke zur praktischen Prüfung: Mit dem eigenen Wagen fährt man fünf Minuten in Schrittgeschwindigkeit durch verwaiste Wohngebiete; auf den Straßen tut sich ungefähr so viel wie an einem Sonntagmorgen fünf Uhr in irgendeinem Flecken in Vorpommern. Einmal muss man vorwärts einparken und einmal rückwärts. Die Parklücke ist ist groß genug, dass man darin einen Laster bequem abstellen könnte. Ein weiteres Viertelstündchen muss man sich noch gedulden, dann ist man stolzer Besitzer einer Texas Drivers Licence und alles in allem hat man dafür gerade einmal 27 Dollar bezahlt (Preis von 2007). Ausnahmslos jeder kann den Führerschein erwerben, man muss nicht einmal im Besitz einer legalen Aufenthaltserlaubnis sein. Mit einem beliebigen amtlichen Dokument, mit dem man sich ausweisen kann, macht man die Beamten des Department of Public Safety schon glücklich.

Eine Enttäuschung und fünf Typen im Unterhemd

In Ecuador ist der Erwerb des Führerscheins nicht ganz so einfach, vor allem gibt es im Vorfeld jede Menge bürokratische Hürden zu überwinden. Aber die Tante hatte uns Mut gemacht und warum sollte nicht einmal irgendetwas einfach sein, wo doch alles andere immer so verdammt umständlich ist. Am 28. Dezember fuhren wir also in aller Frühe zusammen mit der Tante zur lokalen Führerscheinstelle in Leonidas Plaza (das ist die Vorstadt von Bahía, einige Kilometer landeinwärts).

Um 8:30 Uhr öffnet das Büro und wir waren pünktlich auf die Sekunde vor der Tür. Es erwies sich als etwas schwierig, einen Parkplatz in der Nähe zu finden, denn die Straßen waren förmlich zugeparkt mit den Autos der Anwohner und der Besucher der Führerscheinstelle. Wir fuhren in eine staubige Nebenstraße und stellten den Wagen dort ab. An einer Ecke lungerten fünf Typen in Unterhemden herum und glotzten uns an, als wären wir die Sensation in irgendeiner Freakshow. Es war morgens halb Neun und die Leute sahen nicht so aus, als kämen sie gerade aus der Nachtschicht oder als warteten sie auf den Bus, der sie zur Arbeit bringt. Erst jetzt bemerkten wir, dass außer uns niemand sonst in der Straße parkte. Die Tante meinte, einer solle vorsichtshalber im Wagen zurückbleiben, während sie zum Büro ginge, um Erkundigungen einzuholen. Meine Frau blieb im Auto und ich begleitete die Tante zur Anmeldung des Führerscheinbüros.

Die Anmeldung des Führerscheinbüros erwies sich als ein Bretterverschlag auf dem Gehsteig, kaum größer als eine Telefonzelle. Der Verschlag stand direkt vor dem Eingang des Büros und ich wunderte mich, warum der Anmeldung nicht erlaubt sein sollte, im Gebäude selbst zu residieren. Gleich der Kartenverkäuferin auf einem Rummelplatz, thronte in dem winzigen Häuschen eine sorgfältig zurechtgemachte junge Frau. Sie war ziemlich stark geschminkt und hatte eine recht üppige Figur, so dass ihr Gesäß kaum in den engen Verschlag passte. Sie trug ein hautenges kurzes Kleid, das ihre Rundungen noch betonte (Schönheitsideale in den Tropen unterscheiden sich erheblich von denen in den gemäßigten Breiten). Ihre Nägel waren aufwendig manikürt wie bei den Vorzimmerdamen in einem exklusiven Spa. Mit einem geradezu betörenden Augenaufschlag gab sie uns zu verstehen, dass sie ganz Ohr sei.

Sie hörte sich geduldig und sehr aufmerksam das Anliegen der Tante an und die Tante legte ihr das Problem auch äußerst wortreich dar – die spanische Sprache ist sehr viel besser als das Deutsche geeignet, noch den einfachsten Sachverhalt in einer geradezu biblischen Wortflut zu ertränken. Die junge Frau nickte immer wieder, um uns zu verstehen zu geben, dass sie die ganze Tragweite des Problems erkannt hätte. Nachdem die Tante ihre Erklärung beendet hatte, meinte die Empfangsdame, dass man den Führerschein keinesfalls einfach so erwerben könne, nur weil man ihn haben wolle. Die lakonische Feststellung bremste unseren Enthusiasmus ganz erheblich. Man dürfe, so fuhr sie fort, die Prüfung, die übrigens dreihundert Dollar koste, nur ablegen, wenn man eine gültige Cedula de identidad vorweise, das ist eine ID-Card, das Äquivalent zum Personalausweis.

Damit konnten wir unsere Hoffnungen auf eine schnelle Lösung des Problems erst einmal begraben, denn mein Antrag auf einen legalen Aufenthaltsstatus, welcher in der Erteilung eines Visums münden würde, war noch bei den Ämtern anhängig. Sämtliche Unterlagen befanden sich bei unserer Anwältin, die den Fall nach Kräften vorantrieb, wie sie nicht müde wurde zu behaupten. Erst nachdem das Visum erteilt worden wäre, könnte ich eine Cedula de identidad, also eine ID-Card, beantragen. Und hätte ich erst einmal die Cedula, wäre es mir möglich, die Führerscheinprüfung zu absolvieren. Da spielte es auch keine Rolle, dass ich den europäischen Führerschein schon seit vielen Jahren besaß.

Zumindest in der Theorie war der Weg vorgezeichnet und das Ziel schien in greifbarer Nähe. Es würde nur etwas mehr Zeit erfordern, dorthin zu gelangen, und ich ahnte, es würde mich noch jede Menge Nerven kosten, Nerven vor allem. Aber ich hatte nicht mit den Fallstricken des bürokratischen Apparates gerechnet, und dies wäre nicht Ecuador, wenn der Gesetzesdschungel, der kaum weniger dicht als der wirkliche Regenwald zu sein scheint, nicht noch eine tückische Fußangel für den willigen Führerscheinaspiranten bereitgehalten hätte.

Der Morgen war erst einmal gelaufen, aber mehr konnten wir in der Sache im Augenblick nicht tun. Als wir zum Auto zurückkehrten, hockten die fünf Typen im Unterhemd immer noch an der Ecke. Sie starrten ununterbrochen unseren Wagen an und es hatte den Anschein, als beredeten sie etwas konspirativ unter sich. Meine Frau, die die ganze Zeit über im Auto geblieben war, gruselte sich schon und sie war froh, als wir endlich wieder verschwinden konnten. Wir hatten jede Menge Zeit – in Bahía hat man immer mehr als genug davon – und so beschlossen wir, Fatima und Giovanni einen Besuch abzustatten.

Fatima und Giovanni: Shrimps und Bullies

Fatima und Giovanni sind alte Freunde. Meine Frau kennt sie natürlich sehr viel länger als ich und sie ist sogar die Patin ihrer Kinder. Ich traf die beiden zum ersten Mal im Jahre 1992. Damals versuchte Giovanni sein Glück als Shrimpzüchter. Er fuhr uns mit dem Boot hinaus in die Mangrove und zeigte uns die Shrimpfarm, die er verwaltete. Es war an diesem Tag brütend heiß und die Mosquitos machten förmlich Jagd auf jede ungeschützte Hautstelle. Wächter mit Shotguns patrouillierten um die Becken, damit des Nachts niemand heimlich die wertvollen Krebstierchen abfischte.

Im Schlamm unter einer Hütte, in der Arbeitsgeräte und Futter für die Shrimps deponiert waren, wimmelte es nur so von Krabben. Mit ihren Scheren stopften sich die kaffeebraunen Tierchen unaufhörlich Futterreste und Exkremente der Shrimps zwischen die Mandibeln und sie hatten sich schon so fett gefressen, dass die größten von ihnen die Ausmaße eines Handtellers erreichten. Giovanni fing ein Dutzend und kochte sie in einem rostigen Eimer. Meine Frau ließ sich den Panzer aufbrechen und pickte dann den Inhalt genüsslich heraus. Das Innere so einer Krabbe erinnert an ein aufgeschnittenes Herz: Man sieht Ligamente und feine Muskelstränge. Alles glänzt feucht wie der Kern einer frischen Mandel. Merkwürdigerweise hatte ich in diesem Augenblick so gar keinen Appetit mehr.

Die Shrimpindustrie hatte 1992 in Ecuador gerade seit einigen Jahre Fuß gefasst und der Boom, der während der nächsten Jahre über die gesamte Küstenregion wie eine Flutwelle schwappen sollte, war gerade erst im Aufwind begriffen. Viele, die zu jener Zeit ins Shrimp-Business einstiegen, machten ein Vermögen. Oft wurden die Becken für die Shrimpaufzucht ohne Rücksicht auf die Umweltfolgen angelegt. Es kam häufig vor, dass nicht einmal eine amtliche Genehmigung vorlag und nicht wenige der Farmen waren schlicht illegal. Das Land zahlte einen hohen Preis im Tausch für den Wohlstand einiger Weniger: Fast an der gesamten Küste verschwanden die Mangrovenwälder und weite Bereiche der Küstenprovinzen sind noch heute mit Antibiotika und Exkrementen aus den Shrimp-Becken verseucht.

Wir treffen Giovanni vor dem Haus. Mit dem kurzgeschorenen Schädel, dem einprägsamen Profil und dem markanten Kinn erinnert er mich immer ein wenig an Mussolini, aber er ist ein ruhiger, freundlicher Zeitgenosse und hat so gar nichts Diktatorisches an sich. Sein Haus ist wie eine Festung mit meterhohen Maschendrahtzäunen gesichert und überall sieht man Stacheldraht. Das ist nicht gerade die beste Wohngegend und ein jeder, der hier lebt, versucht, sein Eigentum zu schützen, so gut es eben geht. Giovanni bittet uns ins Haus.

Im geräumigen Wohnzimmer treffen wir auch Fatima. Sie erzählt, dass die Kinder bald in Russland studieren werden. Sie haben ein Stipendium bekommen und zur Zeit seien sie eifrig damit beschäftigt, in Kolumbien Russisch zu lernen. Den Spracherwerb müssten sie aus eigener Tasche bezahlen und in Kolumbien kostet ein Intensivkurs viel weniger als anderswo.

Als Fatima hört, dass man schon einmal unsere Wohnung aufgebrochen und uns bestohlen hat, erzählt sie ihre Geschichte: Sie ist Lehrerin und die Gegend, in der sie und Giovanni leben, zählt nicht gerade zu den Stadtteilen, in denen man für einen ruhigen Abendspaziergang vor die Tür gehen würde. Eines Tages sei sie auf der Straße von einem ihrer ehemaligen Schüler ausgeraubt worden. Es gehört schon eine gehörige Portion Unverfrorenheit dazu, die eigene Lehrerin zu berauben. Haben diese Leute denn überhaupt keinen Anstand? Man könne dagegen gar nichts tun, meint Fatima, denn in der Gegend kennt natürlich jeder jeden und die Leute haben Angst, dass die Kriminellen ihnen noch weit schlimmere Dinge antun würden, als bloß die Geldbörse und das Handy zu rauben, wenn man sie auch noch bei der Polizei anzeigte.

Ein zweites Hindernis bei der Strafverfolgung ist eine eigenartige Gesetzeslage, welche die Beweislast ausschließlich dem Opfer auferlegt: Der Bestohlene bzw. der Beraubte muss beweisen, dass er Opfer einer kriminellen Handlung geworden ist. Selbst wenn dies gelänge – es könnte ja Augenzeugen geben –, muss man, falls das Diebesgut sicherstellt wurde, darüber hinaus auch noch beweisen, dass die Sachen einem tatsächlich gehören. Bei einem Handy mag dies noch möglich sein, nicht aber bei Geld oder teurer Markenkleidung.

Die meisten Leute zeigen Diebstähle und Überfälle gar nicht mehr an, denn die Polizei tut ja ohnehin nichts. Das ist auch eine Art, die Statistik zu schönen. Viele sehen die Gesetzeshüter, die doch die Bürger verteidigen und vor Übergriffen schützen sollten, eher als Teil des Problems denn als Teil der Lösung. Fatima meint, damit man nicht ständig ausgeraubt werde, müsse man sich mit den Kriminellen gut stellen, sich mit ihnen anfreunden. Jeder kenne diese Leute, denn sie seien ja Nachbarn. Die Polizei müssen sie jedenfalls nicht fürchten und so können sie seelenruhig weiter die Leute in der Gegend terrorisieren.

Zum Abschied schenkt uns Giovanni noch eine ganze Tüte voll Mangos. Auf dem Nachbargrundstück, das seit einiger Zeit verlassen steht, wächst ein riesiger Mangobaum – ich hatte gar nicht gewusst, dass Mangobäume so groß werden können. In der ausladenden Krone hängen dicht an dicht die reifen Früchte. Hin und wieder sieht man eine Mango herunterfallen. Man muss sie nur noch vom Boden auflesen – und essen. Schon aus der Tüte duften die Mangos so verführerisch, dass einem die Sinne schwinden, und sie sollten auch nicht lange liegen bleiben, denn sie verderben sehr schnell und müssen deshalb bald gegessen werden. Es ist kaum Mittagszeit, da ist von den süßen Früchten schon nichts mehr übrig. Die wirklich guten Mangos bekommt man nur an der Küste und da wir hier nicht immer sein können und die Erntesaison ohnehin nur kurz ist, nutzen wir jede Gelegenheit, um die köstlichen Früchte zu genießen.

Noch eine Enttäuschung und weitere bürokratische Kabalen

Der Tante geht die Sache mit dem Führerschein nicht aus dem Kopf und so dirigiert sie uns noch zu einem Notar, um zu erfragen, ob man die Führerscheinprüfung ablegen könne, auch wenn man nur einen Reisepass besitze. Die Klimaanlage hat das Büro des Notars auf frostige Temperaturen heruntergekühlt. Im Vorzimmer sitzt die Sekretärin und erteilt Auskünfte oder wimmelt unliebsame Gäste ab; ansonsten scheint sie sich den ganzen Tag zu langweilen. Nein, erklärt die nette Vorzimmerdame, ein Reisepass reiche nicht aus. Um die Führerscheinprüfung abzulegen, müsse man unbedingt im Besitz einer Cedula de identidad, also einer ID-Card, sein.

Die Tante zeigt uns später ihre Cedula und erst bei dieser Gelegenheit fällt uns auf, dass Bürokratenhirne noch ein weiteres Hindernis auf dem Weg zu der begehrten Lizenz ersonnen haben: Auf jeder Cedula sind die sogenannten „Credenciales“ vermerkt, die im Grunde nichts anderes bedeuten als eine Wertung des Bildungsstandes. „Superior“ heißt, dass man mindestens einen Schulabschluss vorweisen kann, „inferior“ steht für das genaue Gegenteil. Wenn man es milde sagen wollte, drückt letztere Kategorie aus, dass die so bezeichnete Person keine höhere Bildung besitzt, doch in Wahrheit steht „inferior“ als Synonym für Analphabetismus.

Nach Meinung der Behörden könne jemand, der des Lesens und Schreibens unkundig ist, unmöglich eine Führerscheinprüfung ablegen. Der Gedanke, dass man dem Prüfling die Fragen auch vorlesen könnte, ist offenbar noch niemandem gekommen, und überhaupt will mir nicht recht einleuchten, warum ein Analphabet nicht fähig sein sollte, ein Fahrzeug zu führen. Aber das ist nun einmal die Realität: Wer nicht lesen und schreiben kann, bekommt in Ecuador keinen Führerschein. Und ob jemand als Analphabet zu gelten hat, entscheidet ein kleines Wörtchen auf der Cedula.

Nun könnte man einwenden, es sei doch ganz einfach herauszufinden, ob eine Person Analphabet ist oder nicht: Man lässt sie einen Text vorlesen oder etwas aufschreiben. Aber so leicht lassen sich Bürokraten nicht hinters Licht führen. Die Schriftprobe ist unzulässig und der Anwärter muss durch Originalzeugnisse bzw. Urkunden beweisen, dass er tatsächlich einen Schul- oder Universitätsabschluss hat und somit kein Analphabet ist, denn kann er es nicht, hat er automatisch als solcher zu gelten (Es soll ja schon Fälle gegeben haben, in denen Menschen trotz Schulabschluss Analphabeten blieben).

Nun trägt man nur in den seltensten Fällen seine Abschlusszeugnisse mit sich herum. In Deutschland braucht man sie eigentlich nur, wenn man sich für einen Job bewirbt. Dass man lesen und schreiben kann, wird hingegen überall als selbstverständlich vorausgesetzt. In Ecuador hat der bürokratische Irrsinn dafür gesorgt, dass es Menschen gibt, die seit Jahren ohne Führerschein Auto fahren, obwohl sie einen Schul- oder sogar einen Universitätsabschluss haben und obwohl sie seit Jahrzehnten im Besitz des Führerscheins eines anderen Landes sind (und als ob dies alles überhaupt eine Rolle beim Autofahren spielen würde!). Doch die enthemmte Bürokratie hat sie als Analphabeten eingestuft, weil sie nicht beweisen konnten, dass sie keine sind, und wer nicht lesen und schreiben kann, der darf auch kein Fahrzeug führen.

Gern treiben rachsüchtige Bürokraten dieses Spiel mit Gringos oder anderen Ausländern. Ich kann darin überhaupt keinen Sinn sehen, einzig den, dass man endlich einmal Gelegenheit hat, den vermeintlich Schuldigen die vielen Demütigungen heimzuzahlen, denen man als Inhaber eines ecuadorianischen Passes bei Sicherheits- und Zollkontrollen auf US-Flughäfen häufig ausgesetzt ist.

Wir machten uns natürlich berechtigte Sorgen und meine Frau rief sofort unsere Anwältin an. Diese beruhigte uns dann aber. Sie meinte, erst einmal dauerte es noch eine ganze Weile, bis ich das Visum erhielte (ach so?), und dann könnte ich überhaupt erst die Cedula de identidad beantragen. Ich hätte also noch genug Zeit, irgendeinen Nachweis zu erbringen, dass ich kein Analphabet sei.

Die Anwältin erinnerte uns bei dieser Gelegenheit daran, dass ich außerdem noch mein polizeiliches Führungszeugnis vorzulegen hätte, damit mein Visaantrag endlich erfolgreich zum Abschluss gebracht werden könnte. Ich habe das Führungszeugnis in Deutschland beantragt und mir teuer, weil gut versichert, nach Ecuador schicken lassen. Selbstverständlich muss das Original vorgelegt werden, denn ich könnte mir ja auch ein blütenreines Führungszeugnis gefälscht haben. Wenn man etwas nach Ecuador schickt, empfiehlt es sich, die Sendung gut zu versichern, andernfalls kann man sie auch gleich in den Müll werfen. Warum man unbedingt ein Führungszeugnis braucht? Ich glaube kaum, dass die paar Kriminellen aus dem Ausland die Verbrechensstatistik noch merklich nach oben treiben könnten.

Von all dem Ärger über so viel bürokratischen Schwachsinn müssen wir uns erst einmal am Strand erholen. Gegen drei Uhr läuft die Flut ein und als wir uns in die Wellen werfen, sind die Sorgen im Nu vergessen.

Popeye el marinero

Wir legten einen kurzen Zwischenstopp in Santo Domingo ein. Meine Frau hatte Geschenke für ihren Vater gekauft, der in Santo Domingo wohnt, und der Schwiegervater war wie immer bester Laune und geradezu versessen darauf, uns zum Essen einzuladen. Mir scheint, das dauernde Einladen zum Essen wird langsam zur fixen Idee, zumal der Schwiegervater in seinem großen Haus eine Haushälterin beschäftigt, die ohnehin jeden Tag für ihn kocht. Ich hätte mich nur zu gern damit abgefunden, bei ihm zuhause zu essen, aber er bestand darauf, mit uns zu einem Restaurant zu fahren. Als wir bei ihm ankamen, es war gegen ein Uhr, hatte er gerade zu Mittag gegessen; die Teller standen noch auf dem Tisch und allem Anschein nach hatte er sich soeben eine nicht gerade kleine Mahlzeit einverleibt. Dennoch lud er uns schleunigst in sein Auto und chauffierte uns zu einem Restaurant ganz in der Nähe.

Das Restaurant mit dem schönen Namen „Popeye el marinero“ ist auf Meeresfrüchte spezialisiert und auf der Speisekarte findet sich so ziemlich alles, was sich an Meeresgetier an Angeln und in Netzen nur verfangen kann. Obwohl man so erlesene Speisen wie Langostinos (also Riesengarnelen) oder frische Krabben genießen kann, erweckt der Ort eher den Anschein eines einfachen Familienrestaurants, denn eines Edellokals. Wir bestellten das Essen. Auf Reisen habe ich nie sonderlich Hunger und schon gar nicht auf Fisch. Ich nahm daher nur den Arroz con pollo, also Reis mit Hühnchen – übrigens das einzige Gericht auf der Karte, außer den Desserts natürlich, ohne Fisch oder Krustentiere. Die anderen aber – der Schwiegervater, meine Frau, mein Sohn – langten ordentlich zu, als hätten sie noch nie in ihrem Leben Fisch gegessen und als müssten sie das Versäumte nun nachholen. Mein Sohn nahm die panierten Fischfilets mit Pommes frites (was sonst!) und meine Frau die gegrillten Langostinos mit Salat. Der Schwiegervater aber orderte den Krabbenteller.

Die panierten Fischfilets meines Sohnes sahen aus, wie man es erwarten konnte und schmeckten so lecker, wie frittierter Fisch nur schmecken kann (ehrlich gesagt, bekam ich nun selber Hunger auf Fisch, so gut sah das Gericht meines Sohnes aus). Der Teller meiner Frau, gegrillte Langostinos, aber war der Traum jedes Meeresfrüchteliebhabers. Man hätte glauben können, das Arrangement auf dem Teller sei geradewegs von den Hochglanzseiten des „Feinschmeckers“ kopiert worden. Die Garnelen waren mit einem scharfen Messer der Länge nach geöffnet worden und das cremefarbene saftige Fleisch war unter der Glut des Holzkohlegrills geradezu aus der Schale gewachsen, als wäre es unter der Hitze erblüht. Der Krabenteller des Schwiegervaters sprengte jedoch jede Vorstellungskraft, doch beim Anblick der in die Höhe gereckten Krabbenbeinchen wurde mir ganz anders. Eines muss man ihm lassen: für seine 76 Jahre hat er einen wahrhaft gesegneten Appetit. Erst vor einer Stunde hatte er zu Mittag gegessen, aber hier orderte er eine Mahlzeit, die so gewaltig war, dass davon selbst ein hungriger Holzfäller noch satt geworden wäre. Doch man sieht es ihm nicht an; fett ist er jedenfalls nicht.

Der Teller mit den Krustentieren wurde zusammen mit einem massiven Holzbrett und einem Hämmerchen geliefert, das dazu diente, den Panzer der widerspenstigen Delikatesse aufzusprengen. Das Restaurant war erfüllt von den hölzernen Hämmergeräuschen der Gäste und man hätte glauben können, man sei in die Werkstatt der Weihnachtselfen geraten. Ich schaute dem Schwiegervater dabei zu, wie er gekonnt das Fleisch aus den Krabbenbeinchen lutschte und wie er die Innereien mit der Gabel verquirlte und den Brei dann nach Kennerart genüsslich aus dem Krabbenpanzer schlürfte. Mir ist der Appetit auf Krabben ein für alle Mal vergangen.