Ein Nachtrag in Sachen Internet 2

Am letzten Freitag kündigte sich unser Internetanbieter „Netlife“ an – wieder einmal. Drei Mitarbeiter dieses merkwürdigen Unternehmens hatten uns zwar erst vor einer Woche besucht, angeblich wollten sie einen Internetanschluss einzurichten, doch leider wurde dann doch nichts aus dem groß angekündigten Plan, denn offenbar kann der Service erst bereitgestellt werden, sobald sich acht Parteien pro Wohneinheit zum Vertragsabschluss finden. Die Techniker, die mir schon aus Santa Inés bekannt waren, mussten unverrichteter Dinge wieder abziehen. Diesmal schickte man vorsorglich nur einen Mann und dieser prüfte – vorsorglich –, ob es nicht doch möglich sei, Internet zu installieren. Nach einer halben Stunde des Suchens und Prüfens in den verborgensten Ecken des Hauses musste aber selbst der Fachmann aufgeben. Er erklärte, um irgendetwas bewirken zu können, müsse erst ein Antrag gestellt werden – eine Erklärung wie und wo blieb er schuldig, und er verschwand ebenso plötzlich, wie er aufgetaucht war.

So sind wir also weiterhin auf das W-Lan der Wohnanlage angewiesen, das zwar kostenlos zur Verfügung gestellt wird, das jedoch ein ungeschütztes Netz ist. An manchen Tagen ist es so nervtötend langsam, dass man den Eindruck hat, sie würden hier die alten pfeifenden Modems aus den achtziger Jahren wiederverwenden. In der Zeit, die es braucht, um eine normale Internetseite aufzubauen, kann man getrost andere Dinge erledigen. Man ist ja immer noch rechtzeitig zurück! An manchen Tage kann ich mir erst noch bequem einen Tee brühen, bevor die Startseite von „Kritisches Netzwerk“ vollständig erscheint. Es ist sicher auch eine gute Idee, von Banktransaktionen Abstand zu nehmen. Der Vorrat an pfiffigen Kriminellen scheint hierzulande einfach unerschöpflich und irgendeiner wird bestimmt schon herausgefunden haben, wie er in die Computer fremder Leute eindringen kann. Da helfen die Sicherheitsleute am Tor und die Patrouillen auf den Straßen wenig.

„Netlife“ hat übrigens schon einmal die Gebühren für diesen Monat eingezogen, vorsorglich wahrscheinlich, in Erwartung des baldigen positiven Umschwungs. Wir haben ja immer noch unseren alten Vertrag aus Santa Inés, doch leider kann die Firma die darin vereinbarte Leistung nicht erbringen. Alles, was wir wollen, ist doch bloß ein Internetanschluss für unsere neue Wohnung! Das sollte eigentlich für Leute, deren Geschäft das Internet ist und die sich dessen werbewirksam brüsten, eine einfache Angelegenheit sein. Offenbar ist das Gegenteil der Fall. Es wäre nun aber fair, zumindest so lange auf Zahlung zu verzichten, bis die gemäß Vertrag vereinbarte Leistung erbracht werden kann, doch auch dazu ist – wer hätte es gedacht – wieder ein Antrag nötig. Ich hätte nun erwartet, dass sich alle Formalitäten online erledigen lassen, zumal es sich ja um einen Internetanbieter handelt, doch weit gefehlt: Man muss sich schon persönlich in die Zentrale nach Quito bemühen, um dort den Antrag in Papierform (sic!) einzureichen. Manchmal weiß man nicht, ob man angesichts solcher Schildbürgerstreiche lachen oder weinen soll.

Der Besuch des Cable-guy verursachte nicht geringe Irritationen bei den übrigen Wohnparteien des Hauses. Selbstverständlich hatten die gewöhnlich gut informierten Kreise unter den Bewohnern, die Spiongucker und Türlauscher, die anderen davon in Kenntnis gesetzt, dass eine Fremdfirma im Haus zugange war. Es bestand Klärungsbedarf: Wenige Tage noch dem Besuch des Netlife-Mannes klingelte es an der Tür. Durch das Bullauge des Türspions sah ich das Gesicht eines weißhaarigen Greises – keine Gefahr also. Ich öffnete und vor der Tür stand ein alter und, wie mir schien, schon ziemlich gebrechlicher kleiner Mann. Er redete sofort los, aber ich verstand nur Internet und Netlife. Ich war ein wenig verwundert darüber, dass die Firma jetzt schon Greise schickte, aber man kann sich bekanntlich die Mitarbeiter nicht immer aussuchen. Ich vertröstete ihn einen Augenblick und holte meine Frau, denn sie ist bei uns für das Administrative zuständig.

Meine Frau ging mit ihm vor die Tür und ich konnte gerade noch hören, wie sie gleichsam unsere ganze Lebensgeschichte haarklein vor ihm ausbreitete. Im Laufe der Zeit kamen immer mehr Mieter von unserer Etage hinzu und am Ende dauerte es bestimmt eine halbe Stunde, bis meine Frau sich zu aller Zufriedenheit erklärt hatte. Ich fragte sie später, was dieser Auflauf zu bedeuten hätte. Sie sagte mir, der ältere Herr sei ein Oberst a. D. und er sorge sich um das Wohl des Hauses und kümmere sich ein wenig um dessen Geschicke. Sollte mich das interessieren? In unseren Haus in Berlin gibt es Rentner, die weiter nichts zu tun haben, als sich den ganzen Tag lang bei den anderen Mietern zu erkundigen, woher die Bohrgeräusche kämen. Als sie an meine Tür klopften, sagte ich ihnen, ich wüsste es nicht, aber ich hätte es auch gehört. Ich versprach, ich würde die Sache aufmerksam verfolgen. Ich wartete eine Weile und dann bohrte ich weiter. Vielleicht hätte ich dem allzu neugierigen Oberst sagen sollen, von einer Firma namens Netlife habe ich noch nie gehört.

Die Internetsache zieht immer weitere Kreise und mittlerweile ist schon das ganze Haus involviert. Einschließlich des zittrigen Oberst a. D. gibt es vierzehn Mietparteien. Damit Netlife, der Internetanbieter, im Haus tätig werden kann, ist das Einverständnis aller vierzehn Parteien nötig. Das ist auch der Grund, worum alle plötzlich geradezu hellhörig geworden sind, was uns betrifft. Noch vor wenigen Tagen haben die meisten von ihnen noch nicht einmal gewusst, dass wir im Haus leben, und vermutlich hat es sie auch gar nicht interessiert. Jetzt, da wir einen Internetanschluss haben möchten, und es an ihnen ist, gewissermaßen darüber zu entscheiden, verlangen sie möglichst detaillierte Auskünfte über unser Leben. Wen geht es denn etwas an, ob man Internet hat oder nicht? Wen geht unser Leben etwas an? Hier ist das anscheinend eine Frage der persönlichen Sicherheit. Man möchte wissen, mit wem man es zu tun hat. Schließlich kann man nicht ahnen, ob sich hinter einem freundlichen Gesicht nicht doch ein abgefeimter Schurke verbirgt. Ich mag diese Blockwartmentalität nicht und ich möchte auch den aufdringlichen Oberst nicht wiedersehen. Sollte ich ihm doch zufällig einmal begegnen, werde ich ihn einfach ignorieren – klein genug ist er ja, dass man ihn einfach übersehen könnte.

Ein glatter Deal

Der Kauf eines gewöhnlichen Konsumgutes kann sich manchmal etwas schwierig gestalten. Nachdem ich große Mühen aufgewendet hatte, ein gutes Hantel-Set zu finden, und es mir schließlich gelungen war, den Kauf anzubahnen, musste der „Deal“ nun nur noch abgeschlossen werden (ich hatte davon berichtet). Wir waren mit dem Händler übereingekommen, uns am nächsten Samstag wieder an der selben Stelle, einem Parkplatz an der Mautstelle der Autopista, zu treffen. Diesmal wählten wir nicht einen Ort hinter sondern vor der Mautstelle, auf einem viel frequentierten Parkplatz direkt an der Straße. Der Händler kam mit seinem Kompagnon und im Kofferraum des Wagens befanden sich die Hanteln. Mir war etwas mulmig, weil ich das Geld, immerhin einige Hundert Dollar, einfach so in der Hosentasche trug.

Der Parkplatz erstreckt sich über hundert Meter entlang der vielbefahrenen Austopista, etwa zweihundert Meter vor der Mautstelle. Kleine Läden und einfache Restaurants säumen ihn und so kurz vor der Mautstelle nutzt manch einer der Fahrer noch einmal die Gelegenheit, um eine Mahlzeit zu sich zu nehmen oder letzte Besorgungen zu machen. Vor der Mautstelle verbreitert sich die Autopista auf etwa zehn Spuren und zu den Hauptverkehrszeiten staut sich der Verkehr vor den Mauthäuschen mit den Schranken. Der Parkplatz ist also immer gut besucht, und ich fragte mich, ob dies ein geeigneter Ort sei, um ein Geschäft abzuschließen, das vielleicht nicht zu einhundert Prozent koscher ist. Doch die Leute hierzulande sind mit Gratwanderungen dieser Art sehr wohl vertraut und niemanden käme es komisch vor, wenn er Leute auf dem Parkplatz irgendeinen Deal abwickeln sähe. Die Sorge, jemand könnte an unserem Handel Anstoß nehmen, war vielleicht nur meine Einbildung.

Auch an diesem Tag war der Parkplatz gut besucht und ich fürchtete schon, man würde unseren nicht ganz astreinen Transaktionen auf die Schliche kommen. Aber ob man sich haarscharf an der Grenze des Gesetzes bewegt oder schon um einiges darüber hinaus, ist manchmal nur eine Frage der Perspektive. Viele im Land sind ohnehin davon überzeugt, dass Gesetze, von korrupten Politikern erlassen, reine Schikane seien und man ohne sie – Politiker wie Gesetze gleichermaßen – besser verführe. Wir fuhren unsere Wagen Heck an Heck zusammen und wuchteten Hanteln und Platten in unseren Kofferraum. Ich wollte das Geld nicht in aller Öffentlichkeit übergeben – wie sähe denn das aus! – und deshalb setzten wir uns ins Auto. Ich zählte dem Hantelmann die Scheine vor. Er bedankte sich artig und steckte das Bündel zufrieden in seine Tasche. Er sagte, er hätte noch mehr Geräte im Angebot und wenn ich wolle, könnte er mir den Katalog zuschicken. Sehr gern. Mit einem Handschlag besiegelten wir unser Geschäft. Wenn ich noch etwas bräuchte, könnte ich ihn jederzeit erreichen.

Ich war zufrieden, zumal die Hanteln wirklich sehr gut aussehen, eigentlich unterscheiden sie sich auf den ersten Blick kaum von Profigeräten. Wenn man genau hinsieht, ist der Guss etwas grober, aber das beeinträchtigt die Funktionsfähigkeit überhaupt nicht. Insbesondere die Langhantel sieht so gut aus, dass man sie nicht von dem Gerät eines Markenherstellers unterscheiden könnte – wirklich erstklassige Arbeit. Mittlerweile habe ich Gelegenheit gehabt, mit den neuen Geräten zu trainieren und ich muss sagen, der Kauf hat sich gelohnt, zumal auch der Preis stimmt. Ich bin sehr zufrieden, aber es gibt auch einen kleinen Wermutstropfen im Freudenbecher: Man muss bedenken, dass die Geräte in Schwarzarbeit hergestellt wurden. Muss ich deshalb ein schlechtes Gewissen haben? Sehr gern hätte ich Markengeräte gekauft – hätte ich nur welche finden können. Doch es gab leider keine und die, die es gab, wären durch Transport und Zoll so teuer gewesen, dass es sich überhaupt nicht gelohnt hätte. So what?

Der Transport vom Auto in unsere Wohnung war etwas schwierig, weil ich die Hanteln und die größeren Platten jeweils einzeln zu uns nach oben schleppen musste. Für die kleinen Hantelscheiben reichte zwar eine robuste Tasche, aber so eine 20-kg-Platte trägt man lieber einzeln. Der Hantelmann erbot sich, die Gerätschaften bis in die Wohnung zu liefern, aber angesichts unserer Erfahrungen mit Hausbesuchern der unangenehmen Art nahmen wir davon lieber Abstand. Nicht, dass ich ihm zugetraut hätte, unsere Wohnung leer zu räumen – ich habe bei ihm eigentlich ein sehr gutes Gefühl, doch Gefühle können bekanntlich täuschen und nach unseren Erfahrungen sind wir misstrauisch geworden. Wenn es nicht unbedingt sein muss, würde ich niemals wieder jemanden in meine Wohnung lassen und ich würde auch niemandem empfehlen, dies zu tun. Ich habe das Gefühl, dass ich dem Hantelmann damit Unrecht tue, aber hierzulande ist Vorsicht in jedem Fall besser als Nachsicht und Vertrauen muss erst verdient werden.

Wie leicht man in eine Falle tappt und wie leicht man vor allem Opfer werden kann, selbst dann, wenn man sich ganz sicher wähnt, zeigt eine Geschichte, die sich erst jüngst in Bahía ereignete: Bahía de Caráquez (oder hier, hier und hier) ist eine kleine verschlafene Küstenstadt. Hier passiert nie irgendetwas von Bedeutung und ein klassischer sozialer Brennpunkt sieht anders aus. Umso erstaunlicher ist es, dass man immer wieder von Verbrechen hört, und keineswegs nur von Handtaschen- oder Handydiebstählen: Ein altes Ehepaar hob zehntausend Dollar von ihrem Bankkonto ab und ließ sich das Geld in bar auszahlen. Man muss sich fragen, wofür jemand so viel Geld im Haus braucht, aber die Motive bleiben im Dunkeln und letztlich ist der Grund auch nicht wichtig. Die beiden Alten machten alles richtig, denn sie wahrten Stillschweigen über die Abhebung. Niemand erfuhr aus ihrem Munde auch nur ein Sterbenswörtchen. Außer der Bank konnte also niemand wissen, dass sich eine so große Summe Bargeld in ihrem Haus befand.

Eines Tages war das Ehepaar außer Haus und nur die Hausangestellte blieb allein zurück (in den wohlhabenderen Haushalten hierzulande ist es üblich, dass sich Hausangestellte um die kleinen und großen Dinge kümmern). Zwei Boten klingelten an der Tür und behaupteten, sie wollten ein Paket ausliefern. Die Angestellte öffnete nichtsahnend, denn sie hatte keinen Grund anzunehmen, dass die Besucher Böses im Schilde führten. Sobald sich aber die Tür öffnete, ließen die Männer ihre Maske fallen, stürzten sich auf die Frau, schlugen sie nieder und fesselten sie. Sie durchsuchten gründlich das Haus und als Experten ihres Fachs wurden sie natürlich schnell fündig – die zehntausend Dollar waren ihre Beute.

Man fragt sich, wie sie davon wissen konnten. Da das Ehepaar niemandem davon erzählt hatte, bleibt eigentlich kein anderer Schluss, als dass einer der Bankangestellten ihnen den Tipp gegeben haben musste. Wahrscheinlich rechnete er sich eine kleine Provision aus. Bewiesen ist natürlich nichts und obwohl man die beiden Täter gefasst hat, kommt die Wahrheit vielleicht nie ans Licht. Das Beispiel zeigt eindringlich, dass man hierzulande niemandem vertrauen sollte, was ich sehr schade finde, weil man so auch gleichzeitig alle Menschen unter Verdacht stellt, die Vertrauen verdient hätten, und das ist wahrscheinlich sogar die Mehrheit. Abgesehen davon sollte man sich fragen, ob eine Bank angesichts der umstürzenden Ereignisse der letzten Jahre überhaupt noch Vertrauen verdient hat.

Gesetz und Gesetzlosigkeit

Keine guten Nachrichten aus Santa Inés: Seit über einer Woche wohnen wir in unserer neuen Wohnung in Nayón; das ist eine Siedlung auf halbem Wege zwischen Cumbayá und Quito. Die Wohnung ist sehr schön, doch an die Wohnumgebung muss man sich erst gewöhnen. Ich hatte davon berichtet. Meine Frau steht immer noch in Kontakt mit den Mietern unserer alten Wohnanlage im Sektor Santa Inés in Cumbayá. Von den Leuten dort hat sie erfahren, dass die Besitzer der Wohnanlage erst kürzlich Überwachungskameras an strategisch wichtigen Punkten installieren ließen. Eine der Kameras ist auf die Straße vor dem Haus gerichtet. Als man kürzlich die Aufnahmen sichtete, sah man darauf ein Fahrzeug, das keinem der Anwohner in der Nähe gehörte. Es parkte unauffällig in der Straße und der Fahrer beobachtete offenbar das Haus.

Die Calle Maria Auxiliadora, das ist die Straße, in der sich die Wohnanlage befindet, liegt abseits der Hauptrouten und deshalb gibt es nie viel Verkehr. Eigentlich kann man die Autos, die am Tag vorbeifahren, an einer Hand abzählen. Auch parken hier selten Fahrzeuge, denn viele der Häuser verfügen über eigene Parketagen und überhaupt stellt es ein Wagnis dar, ein Fahrzeug an einem unbewachten Platz abzustellen. So sieht man also fast nie parkende Wagen, es sei denn, sie gehören Anwohnern. Ein fremdes Fahrzeug, das mehrmals mehrere Stunden in der Nähe des Eingangs zur Wohnanlage parkt, ist in jedem Fall verdächtig und die Bewohner tun gut daran, höchste Vorsicht walten zu lassen, denn wer so viel Energie aufwendet, anderer Leute Gewohnheiten auszukundschaften, tut dies nicht, weil er sich zuhause langweilt. Man weiß, es gibt Leute, die auf diese Weise ihren Lebensunterhalt bestreiten und die ihrem „Gewerbe“ durchaus berufsmäßig nachgehen. Wer wäre nicht glücklich, wenn er sein Geld so leicht verdienen könnte? Und wo es schon einmal etwas zu holen gab, ohne dass man sich sonderlich anstrengen musste, warum sollte sich dann ein weiterer Besuch nicht auch lohnen? Wir sind froh, dass wir die Wohnanlage in Santa Inés verlassen haben.

Ein bisschen Hoffnung

Meine Frau hatte einen Termin bei der Polizei – es ging wieder einmal um den Einbruch in unsere Wohnung. Die Diebe hatten drei Laptops, eine Kamera und das Handy unseres Sohnes gestohlen, alles zusammen im Wert von ca. viertausend Dollar. Man muss davon ausgehen, dass solche Einbrüche in unbewachten Wohnanlagen häufig vorkommen. Für die Polizei ist unser Fall nichts Besonderes. Außergewöhnlich ist auch nicht, dass bisher keine handfeste Spur entdeckt wurde, der man hätte nachgehen können. Man muss als fast gewiss annehmen, dass dieser Fall, wie so viele, viele andere, niemals aufgeklärt wird.

Der Polizist, der unseren Fall bearbeitet, nahm sich viel Zeit und hörte meiner Frau durchaus mit Interesse zu, aber er konnte verständlicher Weise keine Versprechungen machen und schon gar keine Prognose abgeben. Er erzählte meiner Frau, dass es in Quito zwei Orte gäbe, an denen man gestohlene Technikartikel kaufen könne. Die Ware dort sei deutlich billiger als alles, was man in den regulären Elektronikmärkten anbiete. Im Grunde handelt es sich um Hehlerware und wenn auch die Frage, wie so etwas möglich ist, naiv erscheinen mag, macht man sich sehr wohl Gedanken und meistens sind das keine guten Gedanken. Der Polizist meinte, wenn es überhaupt eine Chance gibt, die gestohlenen Computer wiederzufinden, dann dort. Nur leider könnten die Agenten der Polizei in diesem und auch in jedem anderen Fall nicht viel tun, weil ihre Gesichter längst stadtbekannt seien. Wahrscheinlich hängen Steckbriefe mit ihren Konterfeis in den Geschäften der Hehler aus. Offensichtlich verfügen die Behörden nicht einmal über genug unverbrauchte Gesichter, um unerkannt operieren zu können und so scheint auch kein Zweifel daran zu bestehen, wie dieser Fall wohl ausgehen wird.

Da die Polizei also nicht viel bis gar nichts unternehmen könne, schlug der Beamte meiner Frau vor, doch selbst zu den bezeichneten Orten zu fahren und auf eigene Faust nach den gestohlenen Geräten zu suchen: Man gehe einfach zu den Händlern und frage, ob sie beispielsweise einen Dell Bradley I5 verkaufen würden (das war zufällig mein Laptop). Sei dies der Fall und würde der Händler die Ware zudem auch noch vorrätig haben, solle man umgehend die Polizei einschalten, die ab hier alles weitere veranlassen werde. Ob dies nicht gefährlich sei, wollte meine Frau wissen. Ganz und gar nicht, meinte der Beamte, denn auf diesen Märkten kaufe einfach jeder, auch wohlhabende Leute, die sich einen teuren Computer oder ein Handy mit Leichtigkeit ganz legal im Elektronikfachhandel leisten könnten. Und nach einer bestimmten Marke zu fragen, sei ganz und gar üblich. So weit so gut.

Von Waren und Käufern

Abgesehen von den moralischen Implikationen muss man sich immer bewusst machen, dass hinter jedem Gerät, das an den bezeichneten Orten verkauft wird, eine Straftat steht, die im Prinzip auch in Ecuador verfolgt wird. Den Leuten, die hier einkaufen, scheint das egal zu sein, solange sie die Ware, etwa ein teures Handy, nur billiger als im Elektronikfachhandel kaufen können. Viele Menschen sind gegenüber der Kriminalität hierzulande derart abgestumpft, dass sie nichts dabei finden, wissentlich Hehlerware zu kaufen: Man sieht ja die Opfer nicht und man kann sich einbilden, dass niemandem ein Schaden entstanden sei, denn die Opfer sind ja die vermeintlich Reichen, denen es nichts ausmacht, bestohlen zu werden, weil sie sowieso genug haben. Niemandem ist ein Leid zugefügt worden, mag man sich sagen, niemandem wurde weh getan, jedenfalls sieht man die Opfer nicht. Den Käufer schert das Schicksal der Opfer ohnehin nicht, schließlich hat er das Handy ja nicht gestohlen, und er mag sich einreden, dass niemandem ein echter Schaden entstanden ist. Und wenn ihn doch einmal das Gewissen piesackt und er sich nicht recht wohlfühlt bei dem Gedanken, dass sein Handy noch vor kurzer Zeit einem anderen gehörte und er es nicht freiwillig hergab, kann er sich sagen, dass er selbst auch nicht viel Geld habe und heilfroh sein könne, solch ein kolossales Schnäppchen gemacht zu haben.

Man fragt sich dennoch, wie es möglich ist, dass Hehlerware, von der offenbar jedermann weiß, dass es Hehlerware ist, so offen feilgeboten werden kann, ohne dass die Behörden, die ja ebenfalls im Bilde sind, einschreiten. Das lässt nicht viele Schlüsse zu. Einer wäre, dass die Polizei chronisch unterbesetzt und überarbeitet ist, und dass sie nach dem Prinzip des Marshals aus „Last Man Standing“ verfährt: Ein gewisses Maß an Verbrechen sei völlig normal; es komme nur darauf an, die Auswüchse zu bekämpfen. Ich glaube nicht, dass man Kriminalität flächendeckend ausmerzen kann. Dagegen stehen viele Faktoren, nicht zuletzt die menschliche Natur. Und was man nicht bekämpfen kann, muss man notgedrungen tolerieren. In Ecuador reicht der Arm des Staates ohnehin nicht sehr weit. Die Bürokratie hierzulande ist immer noch meilenweit entfernt von der Regulierungswut europäischer Beamtenapparate, deren inquisitorischer Blick bis in die Gehirne der Menschen vorzudringen versucht. Es könnte natürlich auch sein, dass die Polizei einfach unfähig ist, dem Treiben Einhalt zu gebieten, doch dies kann ich mir eigentlich nicht vorstellen. Und dann drängt sich noch ein dritter Schluss auf, den auszuformulieren mir sehr widerstrebt, weil er alle Vorurteile und Klischees bedienen würde, die man einem Land wie Ecuador gegenüber nur haben kann. Was auch immer die Wahrheit sein mag – sie ändert nichts an der Tatsache, dass wir bestohlen worden sind und es hinnehmen müssen. So einfach ist das.

Meine Frau, durch den Besuch geradezu von Hoffnung beseelt und abenteuerlustig wie eh und je, hat sofort den Entschluss gefasst, nach Quito zu fahren, um sich auf einem der Hehlermärkte umzusehen. Ich stand dem Unternehmen von Anfang an skeptisch gegenüber. Ich glaube, die Polizei ist sich ihrer begrenzten Macht nur allzu bewusst, aber eine Straftat ist eine Straftat und man wäre nicht die Polizei, wenn man die Sache einfach auf sich beruhen lassen würde. Aber was kann man schon tun? Ich denke, der Polizist wollte uns nur ein wenig Hoffnung machen, denn die Aussichten, irgendetwas aufzuklären, stehen denkbar schlecht, wahrscheinlich tendieren sie gegen Null. Ich weiß nicht, wie viele dieser Termine der Beamte am Tag über sich ergehen lassen muss – in den allermeisten Fällen wird er den Besuchern nichts Erfreuliches berichten können. (In der Zwischenzeit bemerkte eine Bekannte meiner Frau gegenüber, das Phlegma des Polizeiapparates habe durchaus Methode und eigentlich warte der Beamte nur darauf, dass man ihm das entsprechende Handgeld anbiete, damit er endlich tätig werden könne. Vielleicht entspricht dies der Wahrheit, vielleicht handelt es sich nur um ein weiteres böses Gerücht. Wir sind nicht sonderlich darauf erpicht, es herauszufinden.)

Der Ort für die großen und die kleinen Geschäfte

Nach Quito also, in die Höhle des Löwen: Einer der genannten Märkte, auf denen die gestohlene Ware angeboten wird, befindet sich im Stadtzentrum an der Kreuzung Montúfar y Olmedo. Ich hatte mir vorgestellt, angesichts der heiklen Natur der angebotenen Ware müsste es sich um ein unscheinbares Gebäude handeln, das man nur bei Dämmerlicht über irgendeinen Hinterhof und nur nach gründlichem Gesichts-Check betreten dürfe. Ganz das Gegenteil war der Fall: In bester Lage im wunderschön sanierten Altstadtviertel steht das Marktgebäude an einer viel befahrenen Straßenkreuzung. Man sieht es schon von Weitem. Der Bau erhebt sich auf sieben Etagen, was viel ist in der Altstadt mit ihren Drei- oder Viergeschossern, noch dazu in einer von Erdbeben bedrohten Stadt wie Quito.

Wie bei allen spanischen Kolonialstädten ist auch der Grundriss von Quito nach Art eines Schachbretts ausgelegt, mit sich rechtwinklig schneidenden Straßen. Diese haben die letzten fast fünfhundert Jahre unbeschadet überstanden und sie haben stets allen Ansprüchen genügt, doch mit dem Fahrzeugverkehr des 21. Jahrhunderts tun sie sich schwer: Es gibt nur Einbahnstraßen, weil die Straßen zu schmal für zwei Fahrspuren sind, und zu fast jeder Tageszeit verstopft die allgegenwärtige Blechlawine die Innenstadt. Es kommt vor, dass der Verkehr zähflüssig vor sich hin fließt und dann kommt man wenigstens im Schritttempo voran, oft aber steht man einfach nur im Stau und schaut zu, wie einen die Fußgänger überholen.

Es dauert fast eine Stunde bis wir einen Parkplatz gefunden haben. Einmal verpassen wir die Einfahrt und ein anderes Mal ist kein freier Platz verfügbar; also noch einmal um den Block und wieder viermal links abbiegen. Man muss die anderen Verkehrsteilnehmer regelrecht nötigen, denn dem Abbieger mag niemand gern freiwillig Platz einräumen. Auf Rücksicht hofft man vergeblich. Allein die Angst um das eigene Fahrzeug bringt die Fahrer dazu, auf die Bremse zu treten. Man muss schon beherzt fahren und darf keine Angst vor kleineren Lackschäden haben, wenn man sich im Verkehr der Hauptstadt durchsetzen will. Viele Einheimische geben einfach Gas, ohne Rücksicht auf Verluste – wer da auf seiner Vorfahrt besteht und nicht rechtzeitig bremst, ist selber Schuld. Schließlich gelangen wir auf den Parkplatz, einen verwinkelten Hof zwischen schönen historischen Gebäuden. Der Einweiser teilt uns einen Platz seitlich der Einfahrt zu – der gesamte Hof ist restlos zugeparkt. Wir geben die Schlüssel ab, denn sobald ein Platz frei wird, will er den Wagen dorthin umparken. Die Stunde kostet einen Dollar. Wir beschließen, die wirklich sehenswerte Innenstadt nur noch zu Fuß zu erkunden. Mit dem Auto zu fahren, bedeutet Stress pur und dass man schneller zum Ziel gelangt, ist bloß ein frommer Wunsch.

Wir gehen die Olmedo entlang; es geht immer bergab und das Laufen fällt uns trotz der Höhe leicht. Rechter Hand passieren wir die Plaza Benalcazar mit dem überlebensgroßen Standbild des Conquistadors. Auf der linken Seite befindet sich das Haus des Eroberers und Stadtgründers von Quito; es ist eines der ersten Häuser, die nach der Gründung der Stadt errichtet wurden. Nur ca. zweihundert Meter weiter erreichen wir das Warenhaus, in dem wir unsere Laptops zu finden hoffen – oder auch nicht. Ein Stoßgebet hilft vielleicht. Man betritt das Gebäude durch den Haupteingang, der zur Straße hinausführt, nicht über einen versteckten Nebeneingang, wie ich mir ursprünglich vorgestellt hatte. An der Ecke, auf dem Bürgersteig, stehen blonde Touristen in Cargo-Shorts und Wanderstiefeln und studieren einen Stadtplan, aber nur wenige Meter neben ihnen befindet sich der Eingang zum „Hehler“-Warenhaus. Ich gehe davon aus, dass diese touristische Attraktion nicht in ihrem Stadtführer verzeichnet ist, und wäre sie es, würde sie wahrscheinlich mit dem roten Ausrufezeichen für „Dangerous Location“ markiert sein.

Wenn man das Eingangsportal passiert, wechselt man sogleich in eine andere Welt, die so gar nichts mit den prächtigen Fassaden des kolonialen Quito zu tun zu haben scheint. Die Welt der Touristen liegt außerhalb der Türen; hierher verirrt sich nie jemand und wenn doch, würde er von nicht wenigen der Eingesessen eher als Einnahmequelle für das ganz spezielle Gewerbe, dem an diesem Ort nachgegangen wird, wahrgenommen werden, und nicht etwa als potentieller Käufer, wie er selbst vielleicht glauben mag. Das Gebäude, in dem der Markt aller Tage abgehalten wird, ist riesig, wenn man auch den gegenteiligen Eindruck gewinnen kann, da der Platz sehr eng mit Geschäften verbaut ist. Es gibt keine Treppen, über die man von einer auf die nächste Etage gelangen könnte, sondern alle Stockwerke sind durch flache Rampen miteinander verbunden, und da es immer nur rundherum nach oben geht, entsteht der Eindruck, man befände sich in einem Schneckenhaus.

Auf jedem Stockwerk befinden sich jeweils zwei parallele Gänge, die auf beiden Seiten von Geschäften gesäumt werden. Geschäft oder Laden ist eigentlich ein irreführender Ausdruck, denn in Wahrheit handelt es sich um winzige Verschläge von ca. zwei Metern im Quadrat, deren eine Seite sich hinaus zur Ladenpassage öffnet. Schätzungsweise neunzig Prozent dieser „Tiendas“ bieten Elektronikartikel feil. Manche Geschäfte sind bis unter die Decke vollgestopft mit Laptops, Handys und allem möglichen anderen elektronischen Krempel, andere bieten eine Auswahl oder haben sich anscheinend auf bestimmte Marken spezialisiert. Auffällig oft sieht man HP, Toshiba und Apple. In einem Gang finden sich etwa fünfzehn solcher kleinen Geschäfte auf einer Seite, also dreißig pro Gang und demnach ca. sechzig auf jeder Etage. Dazu kommen noch die Geschäfte im Bereich der Rampen. Die Läden sind fortlaufend nummeriert; über dem Eingang zu jedem der Verschläge prangt eine große Zahl. Wir haben es an diesem Tag nur bis zur dritten Etage geschafft. Die Ladennummern dort lauteten auf zweihundert und fortlaufend. Man kann sich leicht ausrechnen, wie viele Läden es in dem ganzen Kaufhaus gibt und welche unvorstellbaren Mengen an Handys, Laptops und allerlei sonstigem elektronischen Equipment jeden Tag auf Käufer warten. [Anmerkung des Autors: Angesichts der kamerascheuen Kundschaft und einer äußerst misstrauischen Händlergilde verbot sich das Fotografieren. Zudem hätten wir die Kamera in dem babylonischen Gewirr überhaupt erst ausfindig machen müssen.]

Es ist Sonnabend und das Einkaufszentrum ist gut besucht. Man sieht auf den ersten Blick, dass es sich keineswegs um die vermeintlich „normalen“ Leute handelt, die durch die Gänge des Elektronikmarktes flanieren. Nicht selten trifft man regelrechte „Gestalten“, denen man anzumerken meint, dass irgendetwas ganz und gar nicht koscher ist. Man sieht vor allem einfache Leute, die sich die teuren Laptops oder Handys im Elektronikfachmarkt nicht leisten können: Familien mit Kindern spazieren durch die Gänge und schauen sich interessiert die Auslagen an. Ein junges Pärchen – er Irokesenfrisur, sie knallbunte Leggings und pinkfarbene Highheels – lassen sich von einem der Händler ein Laptop vorführen. Ein schnauzbärtiger Opa spielt im Gang mit seinem Enkel Fußball. Man sieht auffällig viele junge Männer, die sich ohne erkennbares Ziel in den Gängen herumtreiben. Manche von ihnen könnten gut und gerne „Warenlieferanten“ sein. Daneben gibt es die üblichen Typen, die sich scheinbar absichtslos und desinteressiert auf dem Markt herumdrücken, entweder weil ihnen langweilig ist oder sie anderswo nicht geduldet wären.

Der Markt hat sogar einen eigenen Wachschutz. Auf jeder Etage patrouillieren ein oder zwei mit Schutzwesten und Schlagstöcken ausgerüstete Sicherheitsmänner (Polizei sieht man dagegen nirgendwo). Nicht auszudenken, wenn einem der Händler etwas gestohlen würde! Ich glaube allerdings, die Sicherheitsleute sind nötig, um Gewaltausbrüche zu verhindern, nicht um die Ware zu beschützen. Auf den ersten Blick hat man den Eindruck, alles sei friedlich: Leute schlendern an ihrem freien Tag entspannt durch eine Ladenpassage, nicht anders als dies etwa in einer der großen Shopping-Malls der Stadt der Fall sein könnte. Doch der Eindruck täuscht, denn sobald man den Markt betritt, fühlt man augenblicklich eine gewisse Anspannung. Das mag vielleicht daher rühren, dass wir nicht sind, was wir vorgeben zu sein – Käufer. Und dennoch, die Atmosphäre ist aufgeladen wie vor einem Gewitter und die einschlägige Klientel sieht nicht gerade so aus, als würde sie Streit scheuen oder einem guten Fight aus dem Weg gehen. Solange wir uns im Markt aufhielten, blieb alles ruhig, auch dank der Sicherheitsleute, aber ich würde nicht meine Hand dafür ins Feuer legen, dass es immer so friedlich zugeht.

Man muss sich immer vor Augen halten, dass die meisten, wenn nicht sogar alle Artikel, mit denen hier gehandelt wird, gestohlen sind und man sie also getrost als Diebesgut deklarieren darf (man sollte sich jedoch hüten, dies öffentlich zu tun). Kaum etwas hat seinen Weg legal hierher gefunden. Wer an diesem Ort kauft, ist entweder zu dumm, um darüber Bescheid zu wissen, oder es ist ihm schlicht egal, dass es sich um Hehlerware handelt. Mir wäre nicht ganz wohl dabei, etwas zu kaufen, von dem ich wüsste, dass es jemanden gestohlen wurde. Aber davon spricht niemand und es wäre ein unverzeihlicher, ja geradezu gefährlicher Fauxpas, einen Händler mit der Tatsache zu konfrontieren, dass seine Ware aus unsicherer Quelle stamme. Ich glaube, man würde sofort mehr Aufmerksamkeit auf sich ziehen, als einem lieb wäre.

Die Händler kann man in drei Kategorien einteilen: junge Männer, alte Männer und alte Frauen. Die jungen Händler mögen um die zwanzig oder sogar noch jünger sein. Sie sitzen teils lässig, teils gelangweilt in ihren Kabuffs und manchmal wirken sie so knabenhaft, dass man den Eindruck hat, sie seien Schüler auf einem Schulbasar. Die alten Männer sind von ganz anderem Kaliber. Viele sehen aus wie abgehalfterte Impresarios, mit pomadiger Frisur und dicken Siegelringen an den aufgedunsenen Fingern. Sie sitzen schmerbäuchig vor ihren Läden und taxieren die Besucher des Marktes mit durchdringendem Blick. Nichts scheint ihnen zu entgehen, und ich glaube, sie haben uns mit kundigem Blick durchschaut, noch ehe wir es überhaupt merkten. Die dritte Kategorie sind schließlich alte Frauen. Sie sind meist klein, gedrungen, deutlich zu stark geschminkt und zeigen sich allen modischen Anfechtungen zum Trotz gern in quietschbunten Leggings. Man sieht sofort, dass man ihnen nichts vormachen kann, denn sie haben seit wer weiß wie vielen Jahren darin Übung, Leute auszuforschen. Wer schon einmal auf einem Markt verkauft hat, weiß, dass so ein Händlerleben meist sehr langweilig ist: Man sitzt und wartet. Das einzig Interessante dabei sind die Menschen, die man von seinem Stand aus beobachten kann.

Bei mir ist es allerdings nicht wirklich schwer, etwas herauszufinden, denn ich bin im ganzen Haus der einzige, der wie ein Gringo aussieht (ich bevorzuge die Bezeichnung Europeo oder Alemán; das ist neutral und keineswegs so abwertend wie „Gringo“). Verständlicherweise ziehe ich da die Aufmerksamkeit auf mich und so schauen mich alle an, als käme ich geradewegs von einem anderen, noch dazu sehr merkwürdigen Planeten. Ich versuche, betont gelassen zu wirken und gebe mich cool, doch das ist nicht so einfach, wenn einen alle entweder versteckt oder ganz offen anstarren.

Als wir die Gänge auf der ersten Etage entlang schlendern, wird mir schlagartig bewusst, wie sinnlos der Ratschlag war, hier auf eigene Faust nach unseren gestohlenen Laptops zu suchen. Unser Vorhaben gleicht der Suche nach der berüchtigten Nadel im Heuhaufen. Selbst wenn wir uns Tage an diesem Ort aufhielten und jeden einzelnen Händler fragten, würden wir wohl kaum fündig werden. Mir ist danach aufzugeben, bevor die Suche überhaupt richtig begonnen hat. Meine Frau sieht das naturgemäß anders und möchte es auf einen Versuch ankommen lassen. Sie fragt den erstbesten Händler nach einem Laptop für unseren Sohn. Sie tischt ihm die Legende auf, dass sie nicht viel Geld habe und hierher gekommen sei, weil sie gehört hätte, dass man hier Geräte günstig kaufen könne – natürlich, wofür sollte man sonst hierher kommen. Der Händler, ein kräftiger Typ mit Ted-Herold-Frisur und dicken Silberketten um den Hals und an den Handgelenken, zeigt sich sofort interessiert; er ist überaus nett, geradezu charmant und zeigt sich ungeheuer gesprächig und unversehens befinden wir uns auch schon im Verkaufsgespräch. Meine Frau lässt unseren Sohn beschreiben, was für ein Gerät er angeblich suche. Meinem Sohn ist die Situation sichtlich unangenehm, aber vorerst spielt er noch mit.

Ted Herold hat leider nichts Passendes im Angebot. Dafür führt er uns zu einigen Läden befreundeter Händler. Man zeigt uns Laptops von HP und Apple. Die Geräte sind zwar gebraucht, aber keineswegs alt und alle sind in sehr gutem Zustand; die meisten könnte man für neu halten, und wahrscheinlich sind sie das auch, denn ihre Vorbesitzer haben sich gewiss nur kurze Zeit an ihnen erfreuen können. Das Betriebssystem und sämtliche wichtigen Programme sind gebrauchsfertig installiert. Die Preise sind ungeheuerlich: Ein Laptop, der im Elektronikfachhandel tausend Dollar oder mehr kosten würde, bekommt man hier für schlappe vierhundert. Und eine „Händlergarantie“ von drei Monaten gibt’s noch obendrauf – wenn das kein Service ist!

Die Geräte, die man uns zeigt, sind natürlich nicht „unsere“ – wie hätten wir dies auch erwarten können – und so macht sich schnell Verdruss breit. Wir wollen eigentlich nur noch weg, aber Ted Herold scheint im Urin zu haben, dass er mit uns ein Bombengeschäft machen könne, und deshalb wird er nicht müde, uns immer weiter in den Markt hineinzukomplimentieren. Wortreich präsentiert er uns noch mehr Laptops und noch mehr Handys, die uns gefallen könnten. Uns ist die Situation schon ganz unangenehm – als wäre man in einem fremden Heim eingeladen und der aufdringlich-liebenswürdige Gastgeber nötigte einem noch ein Stück Torte auf, nachdem man schon drei hatte essen müssen.

Unter einem Vorwand schaffen wir es schließlich, uns loszureißen. Meine Frau gibt Ted Herold noch ihre Telefonnummer – falls sich etwas ergibt. Es hält uns nichts mehr an diesem Ort und wir sind froh, als wir endlich wieder auf der Straße sind, zwischen ganz normalen Einheimischen und den üblichen Touristen. Meine Frau hat kein Verständnis dafür, dass wir den Markt so schnell verlassen wollten, und erklärt, sie möchte beizeiten wiederkommen und weitersuchen. Leidlich amüsiert entgegne ich, vielleicht habe sie ja demnächst mehr Erfolg, wo sie doch jetzt einen neuen besten Freund hätte, der ihr helfen könnte. Ich verspüre nicht die geringste Lust, diesen Ort je wiederzusehen. Mich würde an der ganzen Sache eigentlich nur interessieren, wer der Friseur ist, der solche tollen Retrofrisuren auf die Köpfe zaubert!

Wie man ein Handy kauft

Es war immer meine Überzeugung, dass Gesetze dazu da sind, den Menschen das Leben erträglicher zu machen, den Schwachen zu beschützen und den Mächtigen zu zügeln. Hierzulande empfinden viele Menschen Gesetze als reine Schikane und man hat den Eindruck, nicht wenige verfahren nach dem Grundsatz: Solange man nicht ertappt wird, ist es auch nicht verboten. Ich finde diese Einstellung einfach nur zum Kotzen, aber es ist einzusehen, dass vieles nicht so reibungslos funktioniert wie in Deutschland und dass die Menschen daher auf andere Mittel und Wege sinnen müssen, um sich das Leben erträglich zu machen. Und für nicht wenige ist dies einfach eine Frage des Überlebens.

Mein Sohn braucht unbedingt ein Handy. Wir würden es nicht gern sehen, dass er am Tag nicht erreichbar ist oder uns in einem Notfall nicht anrufen kann. Ein Handy ist also kein Luxus, sondern eine Notwendigkeit. Als unsere Wohnung aufgebrochen wurde, hatten die Diebe neben den Computern auch das Handy mitgenommen. Da unser Sohn nicht ohne Handy in die Schule kann, rechneten wir schon fest damit, ihm ein neues kaufen zu müssen, bis eines Tages die Tante meiner Frau erklärte, sie wolle ihm eines schenken. Da unsere finanziellen Mittel arg strapaziert sind, waren wir über dieses großzügige Angebot natürlich heilfroh und wir sind der Tante sehr dankbar.

Wie alle Elektronikartikel sind auch Handys in Ecuador wahnwitzig teuer. Im Elektronikfachhandel zahlt man mindestens das Doppelte dessen, was man für ein identisches Gerät in den USA ausgeben würde. Aber wie immer öffnen sich dem Eingeweihten hierzulande Möglichkeiten und Wege, die dem Unwissenden verschlossen bleiben. Man ahnt es schon: natürlich kann man Handys auch preiswerter kaufen. Das ist zwar ein klitzekleines Bisschen illegal, aber wer fragt schon danach, wenn man dadurch ein glücklicherer Mensch sein kann! Man muss nur die richtigen Leute kennen. Der Bruder meiner Frau hat solch einen Kontakt. Viele Leute in Ecuador haben solche Kontakte; eigentlich kennt jeder irgendeine Person, die einem irgendetwas besorgen kann. Man kennt den Freund eines Freundes und der wiederum hat einen Schwager, der die Möglichkeit hat, etwas zu beschaffen, was man auf anderem Wege nie bekommen würde. Alles klar?

Die Bestellung ist ganz einfach: Man ruft eine Nummer an und sagt, was man haben möchte, beispielsweise einen Computer einer bestimmten Marke, der zudem noch gewisse technische Spezifikationen aufweist. Nach einigen Tagen wird man dann seinerseits angerufen und man erhält Bescheid, dass die Ware eingetroffen sei. Man trifft sich mit dem Händler an einem zuvor vereinbarten Ort, vorzugsweise in einer Mall oder einem anderen Ort mit Publikumsverkehr. Dort findet dann die Übergabe statt. Das hört sich sehr konspirativ an und das ist es auch, denn die Händler arbeiten unter dem Deckmantel der Verschwiegenheit. Und so findet man solche Kontakte auch nicht in den Gelben Seiten oder im Lokalanzeiger. Man muss Leute kennen. Alles beruht auf Mund-zu-Mund-Propaganda (Als ich zum ersten Mal davon hörte, musste ich unwillkürlich an den Straßenverkäufer aus der Sesamstraße denken, den flüsternden Typen im Trenchcoat, der Ernie ein M verkaufen möchte).

Als mein Sohn sein neues Handy zum ersten Mal einschaltete, war Italienisch als Menüsprache eingestellt. Es ist nicht schwer zu erraten, wie die Ware ins Land gelangt: Wahrscheinlich fliegt einer der Händler nach Italien, kauft dort alles gemäß Bestellliste legal im Elektronikmarkt ein und kehrt mit dem nächsten Flug zurück (vielleicht wohnt auch ein Verbindungsmann in Italien, der die Handys im Internet bestellt – vieles ist denkbar). Ob er mit oder ohne Wissen der Zollbeamten ins Land einreist, mag dahingestellt sein. Vielleicht ist ihm das Flughafenpersonal gegen eine kleine Aufwandsentschädigung sogar behilflich – man weiß es nicht und Gerüchte gibt es viele. Aber eigentlich will man es auch gar nicht so genau wissen.

Landläufig würde man die auf diese Weise ins Land geholten Güter als Schmuggelware bezeichnen, aber niemand macht sich deswegen ernsthafte Sorgen und niemand hat deswegen ein schlechtes Gewissen. Elektronische Geräte sind so verdammt teuer, dass jeder die kleine Gesetzesübertretung fast schon als eine Notwendigkeit empfindet. Das Handy meines Sohnes hätte legal im Laden um die 450 Dollar gekostet. So viel wollte die Tante natürlich nicht ausgeben und warum freiwillig mehr bezahlen, wenn man es auch günstiger haben kann? Die Bestellung unter der Hand schlug mit gerade einmal 250 Dollar zu Buche. Das sind Preisunterschiede, die einem die Schuhe ausziehen, zumal man bedenken muss, dass die Händlerprovision ja schon im Endpreis enthalten ist. Manchmal muss man sich damit begnügen zu begreifen, wie die Welt funktioniert. Das ist schon viel und das sollte auch reichen, wenn es unmöglich ist, sie zu ändern.

Vom Abenteuer, ein Sportgerät zu kaufen

Ein paar gewöhnliche Hanteln zu kaufen, kann in Ecuador ein Abenteuer sein, das nächtliche Fahrten auf gefährlichen Straßen und konspirative Treffen auf abgelegenen Parkplätzen einschließt. Ich habe mich nun dagegen entschieden, in einem Studio zu trainieren (zu teuer, zu schlecht, zu weit). Statt mein Geld also gierigen Studiobesitzern in den Rachen zu werfen, habe ich mir in den Kopf gesetzt, ein gutes Hantel-Set zu kaufen. In Deutschland wäre dies gar kein Problem: Man ordert bei Amazon oder Ebay oder irgendeinem renommierten Anbieter für Sportartikel und drei Tage später wird die Ware schon frei Haus geliefert. Hierzulande ist das nicht ganz so einfach, ganz und gar nicht.

Amazon und Ebay kann man in Ecuador nicht nutzen – wer so vertrauensselig ist und fremden Menschen freiwillig Geld überweist, muss sich nicht wundern, dass seine Ware nie ankommt. Hierzulande gibt es Mercadolibre und OLX. Das sind im Grunde gewöhnliche Anzeigenmärkte, auf denen jeder alles verkaufen kann. Es gibt auch die Möglichkeit, über Ali-Express zu bestellen – dort gibt es bekanntlich nichts, was es nicht gibt –, da die Artikel aber aus China geliefert werden, sind die Transportkosten ungeheuer hoch und am Ende lohnt es sich dann doch nicht, zumal der ecuadorianische Zoll seinen Teil vom Kuchen abhaben möchte. Und um das Maß des Ungemachs schließlich voll zu machen, hat auch der Postweg so seine Tücken. Es kommt kommt vor, dass Sendungen einfach im Nirgendwo verschwinden und Nachforschungen verlaufen, wer hätte es gedacht, im Sande. Shit happens, möchte man da grimmig sagen.

Nach längerer Suche – in Wahrheit war ich der Verzweiflung nahe – fand ich endlich ein lohnendes Angebot auf OLX: Langhanteln (sogar Olympia-Hanteln), Kurzhanteln und Platten aller Größen aus ecuadorianischer Produktion und zu einem wirklich guten Preis. Ein Bild von der Ware gab allen Grund zur Hoffnung. Die Schwierigkeit bestand nämlich darin, eine gute Trainingshantel zu finden. Freizeithanteln bis zwanzig Kilo für den sportelnden Angestellten findet man zuhauf. Aber richtig gute Profihanteln für diejenigen, die ernsthaft trainieren möchten, sind rar. Zwei Wochen später versuchte ich, eine Bestellung aufzugeben, doch die Anzeige war verschwunden. Trotz längerer Suche konnte ich auch nichts Vergleichbares entdecken. Manchmal hat sich die Welt eben gegen einen verschworen.

Zum Glück hatte ich mir die Telefonnummer des Anbieters notiert. Ich ließ meine Frau anrufen, um in Erfahrung zu bringen, ob die Anzeige noch aktuell wäre und wenn ja, wo ich die Ware kaufen könnte. Eine junge Frau meldete sich. Da in der Anzeige auch eine Adresse genannt wurde (die jedoch zu unbestimmt war, als dass man sie leicht hätte finden können), fragte meine Frau sie, ob sie den Weg zu besagter Adresse beschreiben könnte. Die junge Frau antwortete, dass die Adresse nicht mehr existiere. Ob denn überhaupt noch Hanteln verkauft würden, wollte meine Frau daraufhin wissen. Ja, das Geschäft bestehe weiter und der Inserent werde in einer Stunde zurückrufen. Dann könne ja alles weitere besprochen werden. Das klang sehr mysteriös, aber bekanntlich geben erst Geheimnisse dem Leben die nötige Würze. Ich war gespannt, welche Überraschungen der Tag noch für uns bereithalten würde.

Ein sonderbares Erlebnis

Wir befanden uns gerade in Sangolquí. Das ist eine Stadt, die in Richtung der Schule unseres Sohnes liegt. Wenn man an der British School vorbei fährt und der Landstraße weiter folgt, gelangt man über El Tingo nach ungefähr zwanzig Minuten schließlich nach Sangolquí. Um die Stadt selbst zu sehen, hätte sich die lange Fahrt sicher nicht gelohnt, und auch der schönen Landschaft wegen hat es uns nicht hierher verschlagen. Es war vielmehr unsere Absicht, eine Shopping-Mall namens San Luis zu besuchen. Wir sind nämlich auf der Suche nach Möbeln (wieder einmal!), insbesondere nach Regalen für unsere Bücher, denn unsere neue Wohnung in Nayón ist noch weitgehend leer und wirkt daher ein wenig unwohnlich, ein Zustand, den wir schleunigst zu ändern beabsichtigten.

Auf dem Weg zur Shopping-Mall kommt man an mehreren kleinen Schreinereien vorbei. Wer Industriemöbel im Ikea-Design und aus dem obligatorischen Pressholz nicht mag, ist gut beraten, sich hier einen Schrank, ein Bett oder wonach auch immer es ihn gelüstet aus Pinienholz zimmern zu lassen. Das ist kaum teurer als das Gegenstück aus industrieller Fertigung, aber dafür hat man dann ein echtes Stück Handwerk in seiner Wohnung stehen, aus echtem Holz, und dazu sieht es auch noch schön aus. Die Bestellung ist denkbar einfach: Man gibt dem Schreiner eine Zeichnung des gewünschten Möbelstücks oder ein Foto und wählt die Farbe (es gibt verschiedene Beizen). Eine kleine Anzahlung besiegelt das Geschäft. Jetzt muss man nur noch auf den Anruf warten, dass alles fertig ist. Wir bestellten ein Regal, in das der Fernseher und die Bücher passen.

Die Shopping-Mall in Sangolquí ist unvorstellbar groß und auch unvorstellbar voll – ich hatte den Eindruck, teure Markenartikel würden an diesem Tag kostenlos verteilt, solche Menschenmassen drängten sich um die Auslagen. Doch der Eindruck täuscht natürlich und das Centro comercial San Luis bietet keine Abwechslung gegenüber all den anderen Malls: Überall begegnen einem dieselben internationalen Marken und die Preise sind natürlich auch dieselben wie in allen anderen Einkaufsmeilen. Der Food-Court ist wie der Innenhof eines spanischen Landhauses gestaltet. Die Stahlkonstruktion gibt sich als ziegelgedecktes Holzdach aus, und von den Pfeilern blicken abwechselnd Rinder- und Pferdeköpfe im Bronze-Imitat auf das dichte Treiben der hungrigen Konsumenten.

Der Besuch in der Mall, die keine Attraktionen zu bieten hat, mit denen nicht auch jedes x-beliebige Einkaufszentrum aufwarten könnte, wäre nicht weiter erwähnenswert, würde der hauseigene Wachschutz nicht SA-Uniformen tragen. Natürlich waren das keine echten SA-Uniformen, aber auf den ersten Blick hätte man sie dafür halten können: nazi-braunes Hemd, schwarze Krawatte, schwarze Hose, glänzende Stiefel und dazu ein schwarzes Käppi, das verdächtig und zugleich vertraut „deutsch“ wirkte. Die orange-weißen Armbinden vervollständigten das Bild (rot-weiß wäre des Guten oder vielmehr des Schlechten – des schlechten Geschmacks wohlgemerkt – wirklich zu viel gewesen). Nazisymbole waren selbstverständlich nicht zu sehen und vielleicht war das optische Erscheinungsbild nur Zufall und gar nicht gewollt. Wer weiß. Im tropischen Ecuador gibt es sicher nicht viele Menschen, die wissen, wer die SA ist. Glückliches Ecuador.

Als mir der erste Wachmann über den Weg lief, war ich so perplex, dass ich mir keinen Reim darauf machen konnte. Es war wohl mein Unterbewusstsein, das mir die naheliegende Erklärung eingab: hier wird gerade ein Film gedreht. Aber das war natürlich absurd, und was für ein Film sollte dies sein, in dem man SA-Leute unter Palmen sieht? Doch welches kranke Hirn käme auf die Idee, Wachleuten (oder sollte man besser sagen Wachmannschaften) braune Hemden anzuziehen? Vielleicht ist das alles nur ein Scherz und jemand hatte einen Mordsspaß dabei, diese Groteske in Szene zu setzen. Ich witzelte: die hätten wohl alle beim Ausstatter des Führers eingekauft. Ich weiß nicht, ob den Leuten bewusst ist, welche unheilvollen und zugleich komischen Reminiszenzen solch ein Aufzug heraufbeschwört, gerade an einem Ort wie diesem, inmitten der üppigen tropischen Landschaft. Wahrscheinlich nicht; das Bizarre an der Szenerie draußen auf dem Parkplatz vor der Einkaufsmeile schien niemandem wirklich aufzufallen.

Apropos Nazis: Aus der Feder eines ecuadorianischen Historikers stammt eine interessante Arbeit, welche sich mit den Beziehungen zwischen Ecuador und Nazi-Deutschland beschäftigt. Ihr Titel lautet „El Ecuador y la Alemania Nazi“. Der Autor zeigt darin, dass Teile der Elite Ecuadors tief empfundene Sympathien gegenüber dem nationalsozialistischen Regime hegten. Sicherlich gibt es auch heute noch stille Bewunderer des braunen Ungeistes, aber würde diese Bewunderung so weit gehen, den Kaufhaus-Wachschutz als SA zu verkleiden? Ich frage mich, ob es überhaupt ecuadorianische Nazis gibt. Ich denke nicht. Das wäre ja fast schon so bizarr wie Space-Nazis oder Nazi-Zombies (Schönen Gruß an Kathi aus der TiB!).

Nachts auf dem Parkplatz

Nach einer Stunde rief uns der Hantelmann an. Wir saßen gerade im Food-Court und mein Sohn verputzte einen Tropi-Burger. Die Burger dieser Fast-Food-Kette, die es in Deutschland leider nicht gibt, sind übrigens unglaublich gut und viel leckerer als die Produkte der Konkurrenten McDonalds und Burger King. Aber das ist natürlich nur meine persönliche Meinung, um etwaigen Klagen vorzubeugen. Doch zurück zu den Hanteln: Der Hantelmann bot uns an, sich mit ihm in zwanzig Minuten hinter der Mautstelle an der Autopista zu treffen. Wir kennen uns in Quito zwar nicht aus, aber das Navi führte uns sicher zum vereinbarten Treffpunkt. Wir stellten den Wagen auf dem Parkplatz eines Tankstellenshops gleich hinter der Mautstelle ab. Bis zum Treffpunkt waren es noch einmal hundert Meter entlang der Autopista.

Das ist nicht gerade die beste Gegend für eine zwanglose Verabredung. Die meisten Häuser sehen aus, als ob sie eine Renovierung dringend nötig hätten. Die Grundstücke sind mit Maschendrahtzaun und Stacheldraht gesichert. Auf einem verwahrlosten Platz spielen Typen Volleyball, die nicht so aussehen, als wollte man ihnen gern bei Mondschein begegnen. Sie beäugen uns interessiert und misstrauisch, kümmern sich aber sonst nicht weiter um uns. In den Tropen wird es immer so schnell dunkel, als würde jemand das Licht ausknipsen. Als wir den Treffpunkt abseits der Autopista erreichen, herrscht fast stockfinstere Nacht. Nur die spärliche Straßenbeleuchtung erhellt die Szenerie. Es ist kalt geworden, denn wir sind in Quito, auf fast dreitausend Metern Höhe und manchmal sinken die Temperaturen Nachts unter zehn Grad. Leider haben wir vergessen, unsere dicken Jacken mitzubringen (das passiert uns nicht zum ersten Mal). So stehen wir also zitternd in der Dunkelheit, irgendwo an der Autopista – eine Szene wie aus einem Film, kurz bevor das Verbrechen geschieht.

Der Hantelmann ist Anfang zwanzig und macht einen sehr sympathischen Eindruck. Ich lasse mir die Muster zeigen. Er öffnet den Kofferraum seines Wagens und darin befindet sich die Ware: Es sind gusseiserne graue Platten in den üblichen Größen – 1,25 kg, 2,5 kg, 5 kg usw. Das ist nicht umwerfend, aber schlecht ist es auch nicht, ganz und gar nicht. In Berlin habe ich Studios mit weit fragwürdigerem Equipment gesehen, mit zerschlissenen Platten, ausgeschlagenen Lagern und verbogenen Hantelstangen. Die Platten sehen fast wie Profimaterial aus und können sich durchaus mit den einfacheren Produkten der renommierten Hersteller messen. Und Gusseisen hat den Vorteil, dass nichts kaputt gehen kann. So etwas hält ewig – nicht dass ich vorhätte, bis zu meinem Lebensende mit diesen Geräten zu trainieren.

Hantelstangen und Kurzhanteln sind ebenfalls im Angebot – Hantelmann zeigt uns Bilder auf seinem Handy. Er sagt, die Hanteln seien aus gehärtetem Chromstahl hergestellt und würden weit mehr verkraften als bloß die hundert Kilo, die ich zu bestellen gedachte. Auf den Bildern sehen die Geräte wirklich erstklassig aus. Selbst in der Nahaufnahme sind sie von den Produkten einschlägiger Hersteller nicht zu unterscheiden. Selbstverständlich hat das Trainingsequipment nie einen TÜV-Test bestehen müssen, und selbstverständlich ist alles, was wir sehen, an sämtlichen internationalen Lizenzen vorbei produziert worden. Aber ich bin überzeugt und bestelle. Vorsorglich nehme ich die 1,80-Meter-Version der Langhantel; ich fürchte, bei 2,20 m könnte das Biegemoment doch zu groß werden. Vielleicht habe ich aber einfach nur zu wenig Vertrauen in die Güte der Schwarzarbeit. Immerhin laufen die Geschäfte schon seit Jahren außerordentlich gut und es scheint sich noch nie jemand über schlechte Qualität beschwert zu haben. Davon abgesehen, hat die kürzere Hantel ganz praktische Vorteile. So lässt sie sich viel besser transportieren und auch gut verstauen, und in unserer nicht gerade übermäßig geräumigen Wohnung würde ich ohnehin fürchten, mit der großen Hantel die Einrichtung zu zerlegen.

Der Hantelmann erzählt uns, dass er in einer Gießerei arbeite. Wie es scheint, legen die Gießereikumpel nach Feierabend noch Extraschichten ein, um die große Nachfrage befriedigen zu können. Das Geschäft scheint gut zu laufen, denn er sei, so meint er, ständig unterwegs, um bestellte Ware auszuliefern. Im Vergleich zu den Sportgeräten der professionellen Hersteller sind diese relativ günstig zu beziehen. Ich hätte gern das Produkt eines Markenherstellers gekauft, aber trotz langwieriger, hartnäckiger und zum Schluss fast verzweifelter Suche im Internet, gelang es mir nicht, im Land selbst ein geeignetes Hantel-Set aufzutreiben. Ich hätte in Europa oder in den USA bestellen können, doch die Kosten für Verschiffung und Zoll sind so astronomisch, dass ich mir für das Geld auch gleich ein komplettes Home-Studio aus einheimischer Produktion einrichten könnte. Wir verabreden uns für das nächste Wochenende, um den Deal abzuschließen, wieder an derselben Stelle, auf dem Parkplatz an der Autopista. Hantelmann liefert die Ware, wir bringen das Geld. Ich bin gespannt, ob die Langhantel überhaupt in unser Auto passt. Aber was tut man nicht alles, um seinem liebgewonnenen Hobby frönen zu können.

Auf der Rückfahrt, es war mittlerweile stockfinster, nahmen wir die falsche Auffahrt und wenn wir das Navi nicht gehabt hätten, wären wir wahrscheinlich gefahren bis uns der Sprit ausgegangen wäre. Aber das Navi führte uns zielsicher zur nächsten Ausfahrt. Dann fuhren wir, immer den Anweisungen folgend, im Zickzackkurs durch ein Labyrinth aus verwinkelten Gassen, in denen es, mangels Straßenlaternen, dunkel wie in einem Kohlenkasten war. Nur aus den Häusern beleuchtete fahler Schein die Straße. Die Wohngegend beiderseits der von Schlaglöchern übersäten Strecke machte nicht gerade den Eindruck, als ob es angeraten wäre, nachts allein umher zu spazieren. Merkwürdige Gestalten trieben sich in der Dunkelheit herum. Wir waren froh, dass wir nicht zu Fuß gehen mussten. Die Türen des Wagens hatten wir vorsorglich verriegelt, darüber hinaus vertrauten wir auf das Navi. Ich musste vorsichtig fahren, weil wir immer wieder auf Passanten trafen. Ich weiß nicht, was die Leute in dieser nicht gerade ungefährlichen Gegend auf die Straße treibt, noch dazu bei fast völliger Dunkelheit. Nachdem wir im Gewirr der Gassen gefühlte fünfzig Mal abgebogen waren und schon zweifelten, ob unsere Irrfahrt ein glückliches Ende nehmen würde, gelangten wir endlich zur Autobahnauffahrt – und diesmal war es die richtige. Zwanzig Minuten später waren wir sicher in unserer Wohnung.

Von Santa Inés nach Nayón

Ich habe nun schon seit einer ganzen Weile keine neuen Beiträge mehr in meinen Blog einstellen können. Das liegt einmal daran, dass wir uns eine neue Wohnung suchen mussten, denn in unsere alte war eingebrochen worden. Die Suche und der Umzug nahmen sehr viel Zeit in Anspruch. Was man aber zum Schreiben vor allem braucht, ist Zeit – und natürlich Muße, sonst ist man nicht mit dem Herzen dabei. Ein anderer Grund für meine Schreib-Abstinenz liegt einfach darin, dass wir im Augenblick kein Internet haben und dass sich auch kein Cyber-Shop in der Nähe befindet. Mit dem Umzug haben wir unseren alten Anschluss verloren und nun müssen wir wieder warten, bis wir einen neuen bekommen. Das kann dauern – ich habe ja schon öfter darüber geklagt. Ohne Internet lebt man wie auf einem ganz anderen Planeten oder besser: man lebt ein ganz anderes Leben, das sich so anfühlt, als wäre es nicht mehr das eigene. Unser Mann beim Netzanbieter hat versichert, er werde sich darum kümmern. Da bin ich aber beruhigt!

Ich habe mich bemüht, das Wichtigste der letzten Tage festzuhalten, aber es kann natürlich nicht ausbleiben, dass man das eine oder andere vergisst oder mit dem zeitlichen Abstand als nicht mehr so wichtig erachtet. Was man eben nicht sofort niederschreibt, hat man auch gleich wieder vergessen. Was aber zu erfahren lohnt, will ich nun der Reihe nach berichten.

Auf Wohnungssuche

Seit man unsere Wohnung aufgebrochen und alles mitgenommen hat, was sich schnell zu Geld machen lässt, fühlten wir uns in den eigenen vier Wänden nicht mehr sicher. Der Besitzer der Wohnanlage ließ es sich zwar angelegen sein, das automatische Tor zur Parketage mit Stahlplatten zu verstärken (man hatte die Torflügel einfach aufgebogen und sich so Zutritt zum Haus verschafft) und ein zusätzliches Schloss in die Haustür einzubauen, unsere zerstörte Wohnungstür zu ersetzen oder einen neuen stabilen Türrahmen statt des alten aus Pressholz einzubauen, kam ihm anscheinend nicht in den Sinn. Ich weiß nicht, ob er nach der ersten provisorischen Reparatur überhaupt vorhat, die Türen vollständig erneuern zu lassen. Wahrscheinlich spekuliert er darauf, dass die neuen Mieter den Schaden gar nicht bemerken und vielleicht lässt er es darauf ankommen und erst, wenn man dann doch auf die Einbruchsspuren und die dilettantischen Ausbesserungsarbeiten aufmerksam wird, schwenkt er schnell um und behauptet heuchlerisch, es sei ihm ein Herzensanliegen, dass seine Mieter in Sicherheit leben und daher werde er unverzüglich neue Türen einbauen lassen. Ich glaube, es wird ihm gar nichts anderes übrigbleiben, denn in ihrem derzeitigen Zustand wird er unsere Wohnung kaum wieder vermieten können. Ich vermag mir jedenfalls nicht vorstellen, dass jemand in eine Wohnung ziehen möchte, an deren Tür die Spuren des letzten Einbruchs noch allzu deutlich sichtbar sind. So gern wir in Santa Inés gewohnt haben – die Gegend ist uns nicht mehr sicher genug und deshalb machten wir uns auf die Suche nach einer neuen Wohnung.

Man darf sich nichts vormachen: Absolute Sicherheit kann man weder in Ecuador noch in Deutschland erwarten. Die sozialen Unterschiede, die in Deutschland bis in die jüngste Zeit unter dem Mäntelchen von Sozialer Marktwirtschaft und Solidargemeinschaft verborgen geblieben sind, treten in Ecuador vor aller Augen und häufig auf so krasse Weise zutage, dass man es kaum glauben möchte. Und extreme soziale Unterschiede und ausweglose Armut waren noch immer ein Patentrezept für Kriminalität. Natürlich geht es darum zu beschützen, was man besitzt, denn zwar mögen wir wohlhabender als die meisten Einheimischen sein, aber reich sind wir deshalb noch lange nicht. Nur weniges hat einen wirklichen materiellen Wert; dazu gehören vor allem die Laptops und die Handys, die für meine Frau allein schon aus beruflichen Gründen unentbehrlich sind, und natürlich das Auto, das uns erst vor ein paar Tagen ausgeliefert wurde (endlich!). Wir können es uns nicht leisten (und zwar im Wortsinne), diese Dinge zu verlieren, denn über so viel Geld, um uns im Turnus von Wochen oder Monaten komplett neu auszustatten, verfügen wir keineswegs. Um es kurz zu machen: Wir brauchten eine neue Wohnung – eine sichere Wohnung.

Meine Frau hat sich mit den hiesigen Maklern in Verbindung gesetzt; wir haben Termine vereinbart und uns zu den interessanten Objekten fahren lassen. Alle Wohnungen, die wir uns anschauten, befanden sich in Guarded Communities, das sind beschützte Wohnanlagen, die 24 Stunden am Tag von einem oder mehreren Wächtern bewacht werden und in die man nur nach vorheriger Einlasskontrolle gelangt. Zwar befinden sich sowohl der Arbeitsplatz meiner Frau als auch die Schule meines Sohnes in bzw. in der Nähe Cumbayás, dennoch zogen wir auch in Erwägung, in Quito zu wohnen. Angeblich, so hört man von Leuten, die in Quito leben, könne man Cumbayá, das ein wenig außerhalb der Hauptstadt liegt, in zwanzig Minuten erreichen. Das mag der Fall sein, solange es keinen Stau gibt und solange man nicht von irgendeinem Wahnsinnigen aus der Spur gedrängt wird und deshalb die Abfahrt verpasst.

Die Maklerin zeigte uns an diesem Tag einige sehr schöne Wohnungen. Da freies Bauland in Quito knapp ist und lukrative Grundstücke selten frei werden, sind Investoren gezwungen, zu den Rändern des Tales hin auszuweichen und immer weiter auf die das Tal begrenzenden Hänge hinaufzuziehen. So befinden sich die neuen und schönen Appartements selten mitten in der Stadt, wo der Verkehr am dichtesten ist und der Smog das Atem schwer macht, sondern in der Höhe, an den malerischen Hängen der Berge. Dort sieht man die schönen mehrgeschossigen Apartment-Häuser sich erheben, mit ihren Balkons und ihren ausladenden Dachterrassen. Wir verabredeten uns mitten in der Stadt; die Maklerin holte uns mit dem eigenen Wagen ab und führte uns nacheinander durch mehrere attraktive Objekte. Das war eine wahre Tour de force, denn erst fuhren wir ein Stück mit dem Auto durch die Straßenschluchten Quitos, dann, nachdem endlich ein Parkplatz gefunden war, stiegen wir aus und als nächstes ging es vorbei am Wächter, vor dem die Maklerin sich umständlich auszuweisen hatte. Schließlich besichtigten wir die Wohnung. So ging es noch viele Male weiter.

Die Miete für die Appartements, die wir uns an diesem Tag ansahen, lag zwischen 750 und 1.100 Dollar pro Monat. Das hört sich nach viel an und das ist es in der Tat. Sicher kann man etwas günstiger wohnen, wenn man bereit ist, auf den Komfort und die Sicherheit zu verzichten, die man etwa aus Berlin gewohnt ist. Die günstige Plattenbauwohnung direkt im Zentrum sucht man hier allerdings vergeblich. Jedoch muss man zugeben, dass alle Wohnungen, die wir uns ansahen, ausnehmend schön waren. Etwas in vergleichbarer Lage und mit ähnlicher Ausstattung findet man in Berlin wohl nur im Luxussegment. Alle Appartements waren geräumig – geradezu riesig, verglichen mit unserer Wohnung in Berlin – und hatten einen sehr schönen Schnitt. Zusätzlich waren sie meist mit großen Wohnküchen ausgestattet. Die Sicherheit entsprach höchsten Standards: verstärkte Türen im Stahlrahmen und hochwertige Sicherheitsschlösser; die Anlage umgeben von meterhohen Mauern, die von Stacheldraht gekrönt werden. Wenn man solchen Sicherheitsaufwand nicht gewohnt ist, fühlt man sich manchmal ein bisschen wie im Gefängnis. Aber Sicherheit ist hierzulande eines der wertvollsten Güter überhaupt und also nimmt man die Mauern, den Stacheldraht und die Wächter in Kauf. Man sollte sich schon im Klaren darüber sein, welche Prioritäten man setzt.

Wenn man zu den Wohnungen selbst gelangen möchte, muss man eine Sicherheitsschleuse passieren. Hinter einem marmornen Tresen sitzt ein uniformierter, bewaffneter und mit kugelsicherer Weste ausgerüsteter Wächter. Ihm muss man sein Anliegen vortragen und sich ausweisen. Man wird nur dann eingelassen, wenn man die Erlaubnis bzw. Einladung des Eigentümers der Wohnanlage oder eines Mieters vorweisen kann. Unsere Maklerin für diesen Tag hatte eine entsprechende Akkreditierung und so winkte uns der Wächter zur Eingangstür, die er von seinem Platz aus öffnete. Merkwürdigerweise arbeiten in solchen Appartement-Häusern fast ausnahmslos ältere Herren als Wächter. In ihren Kampfanzügen, den schusssicheren Westen und mit den Waffen wirken sie auf den Besucher doch recht martialisch – ein Eindruck, der nur durch die von Falten zerfurchten freundlichen Gesichter gemildert wird. Die Mieter müssen sich natürlich nicht jedes Mal ausweisen, wenn sie ins Haus möchten. Jeder von ihnen bekommt eine ID-Card, die er nur über den Scanner ziehen muss. Dazu erfolgt noch der Gesichtsabgleich durch den Wächter.

Manche der Wohnungen waren wirklich ein Traum – die Mieten sind allerdings auch traumhaft. Nachdem man die Eingangstür mit dem Wächter glücklich passiert hat, gelangt man zunächst in eine Lobby, die jener eines beliebigen Fünfsternehotels in Berlin in keiner Weise nachsteht: Man geht vorbei an abstrakten Skulpturen und Wasserspielen; das Auge erfreut sich an geschmackvollen Pflanzenarrangements. Wände und Böden sind mit Granit oder edlem Marmor verkleidet; alles ist wie zum Empfang einer honorigen Persönlichkeit auf Hochglanz poliert. Eigentlich erwartet man, dass jeden Augenblick der livrierte Page auftaucht, einem die Tasche abnimmt und den Weg zur eigenen Suite weist. Doch wir waren allein und andere Menschen bekommt man in den Wohnanlagen des gehobenen Standards selten zu sehen. Ich war tief beeindruckt. Solchen Luxus hätte ich nicht in einem ganz „normalen“ Wohnhaus erwartet, wobei man „normal“ auf die renommiersüchtige ecuadorianische Mittelklasse beschränken muss. Und wenn das die „normalen“ Wohnungen sind, wie sehen dann die Luxusappartements aus?

Die Wohnungen, die wir zu sehen bekamen, hatten alles, was man sich nur wünschen kann – große, luxuriös ausgestattete Wohnküche, zwei oder drei Schlafzimmer, des weiteren zwei oder drei Bäder, weiträumiges Wohnzimmer, für das die Bezeichnung Salon nicht unangebracht wäre, edles Parkett in allen Räumen. Als wir uns gerade eine besonders schöne Wohnung ansahen, bemerkte die Maklerin, hier hätte vorher ein Amerikaner aus der Ölbranche gewohnt. Die Wohnung hätte uns gefallen, aber der Preis bereitete uns Bauchschmerzen und als wir scherzhaft fragten, ob der Vermieter uns entgegenkommen könnte, antwortete uns die Maklerin ebenso scherzhaft: sicher nicht.

Die Wohnungen waren alle schön, ausnahmslos, und eigentlich hätte uns jede gefallen. In den Wohnanlagen gibt es immer ein Public Area, ein Gemeinschaftsareal, das von allen Wohnparteien genutzt werden darf. Dort findet sich häufig eine Wiese, manchmal ein Kinderspielplatz sowie ein Bereich mit fest installiertem Grill und dem entsprechenden Zubehör. Wer will, kann hier nach Herzenslust grillen und das mitten in der Stadt, in einem dicht bebauten Viertel. Einige der Häuser verfügen sogar über einen eigenen Swimmingpool, in anderen gibt es Fitness-Studios oder zumindest Fitness-Räume, denn die Bezeichnung Studio für zwei oder drei Kardiogeräte und eine Hantel scheint mir etwas weit hergeholt. Aber immerhin, wer Körperertüchtigung treiben will, kann dies in den Grenzen der Wohnanlage tun. Für alles ist gesorgt und um die Sicherheit muss man sich auch keine allzu großen Sorgen machen, denn schließlich wird die ganze Anlage zu jeder Tages- und Nachtzeit bewacht. Wenn überhaupt, so haben diese Wohnungen nur einen Makel: Wohnt man auf einer der unteren Etagen, blickt man wegen der dichten Bebauung häufig auf nichts als Beton. Und selbst, wenn man eine Wohnung weiter oben bezieht, kann man sich zwar auf einer Seite eines wundervollen Ausblicks über die Stadt erfreuen, auf der anderen Seite schaut man auf den Berg, in dessen Flanke die Wohnanlage gesetzt wurde. Die Wohnungen waren alle sehr schön und hätte man eine Wahl zu treffen, müsste man die geringfügigen Nachteile gegen eine Vielzahl von Vorteilen abwägen. Was also sollte uns daran hindern, hier zu wohnen (außer dem Preis natürlich)?

Pico y Placa

Der Arbeitsplatz meiner Frau und die Schule unseres Sohnes befinden sich in Cumbayá. Das ist nicht sehr weit von Quito entfernt. Wenn man nicht gerade zur Hauptverkehrszeit fährt, kann man die Strecke mit dem Auto in weniger als einer halben Stunde bewältigen. Allerdings wäre man dann auch vom Auto abhängig, denn zwar gibt es Busse, die regelmäßig zwischen Quito und Cumbayá verkehren, doch muss man bedeutend mehr Zeit einplanen, zumal man, abhängig von der Gegend, in der man wohnt, auch noch umsteigen müsste. Mit dem Auto geht es eben am schnellsten. Aber abgesehen davon, ob man nun selber Auto fährt oder den Bus nimmt, gibt es eine Sache, die ein echtes Problem darstellt: pico y placa.

Pico wird die Rush-hour genannt und Placa ist das Nummernschild. Um nun den Verkehr auf den Haupteinfallrouten zwischen Quito und seinen Randbezirken etwas erträglicher zu gestalten, hat sich die Regierung ein System zur Steuerung des Verkehrsaufkommens einfallen lassen – pico y placa eben. Danach dürfen an bestimmten Tagen nur Fahrzeuge mit bestimmten Nummernschildern fahren. Ich habe mich darüber noch nicht weiter informiert, weil wir sowie nicht regelmäßig nach Quito fahren müssen. Das System ist aber ganz einfach: Beispielsweise dürfen Montags Fahrzeuge, deren Kennzeichen auf 1 und 2 enden, in der Zeit von 7:00 bis 10:30 Uhr nicht in die Stadt hineinfahren und auch nicht heraus. Dienstags sind dann die Fahrzeuge mit den Endnummern 3 und 4 dran usw. Wer sich nicht an die Regel hält und sich durch dringende Geschäfte veranlasst sieht, dennoch in die Stadt zu fahren, riskiert eine saftige Geldstrafe. Die Rede ist von zweihundert Dollar. Würden wir nun tatsächlich in Quito wohnen, müssten wir zumindest einmal pro Woche auf den Wagen verzichten und den Bus nehmen. Leute, die wohlhabend genug sind, lösen das Problem auf ihre Weise: Seit Einführung der Regelung sind die Verkaufszahlen für Autos gestiegen, denn wer es sich leisten kann, umgeht die strikte Regelung, indem er sich einfach einen Zweitwagen zulegt, dessen Kennzeichen auf einer anderen Ziffer endet. Ein Klassenkamerad meines Sohnes erzählte, dass seine Familie früher sieben Autos besessen hätte – für jeden Tag der Woche eines. Für uns scheidet diese Option aus naheliegenden Gründen aus: ich mag die Zahl Sieben nicht. Wir haben uns stattdessen entschieden, in Cumbayá zu bleiben.

Noch mehr Wohnungen in Cumbayá und Tumbaco

Alle nachfolgenden Besichtigungstermine fanden dann ausschließlich in Cumbayá und dessen Umgebung statt. Die erste Maklerin, mit der wir uns verabredeten, wollte uns eine Wohnung in einer bewachten Wohnanlage zeigen, doch mangels Akkreditierung wurde uns der Zutritt verwehrt. Der Wächter zeigte sich unnachgiebig. Die Maklerin telefonierte eine gefühlte Ewigkeit, um uns doch noch die Wohnung zeigen zu können, doch es nützte alles nichts. Wir waren umsonst gekommen. Die Frau sah ihre Provision davonschwimmen und versuchte uns noch einen zweiten Termin aufzudrängen, denn sie wollte sichergehen, dass wir ihr nicht entwischten, und so versprach sie, dass wir zu dem zweiten Termin ganz sicher Zugang zu der avisierten Wohnung erhalten würden. Doch an diesem Tag hatten wir noch weitere Besichtigungstermine mit anderen Maklern und deshalb machte meine Frau nur vage Versprechungen.

Die zweite Wohnung, die wir uns ansahen, gefiel uns von allen am besten. Der Makler, ein junger Mann, war leider verhindert und deshalb schickte er seine Mutter, um uns die Wohnung zu zeigen, was ich sehr süß fand. Die Wohnanlage liegt ein wenig außerhalb von Cumbayá, eigentlich auf halbem Wege zwischen Cumbayá und Quito. An der Autopista, die nach Quito führt, nimmt man eine Abzweigung und nach hundert Metern gelangt man an die mit einer Schranke gesicherte Pforte der Wohnanlage. Es gibt drei Zugänge: einen für Anwohner, einen zweiten für Besucher sowie einen dritten für Fußgänger. Zwischen den Schranken für die Ein- und Ausfahrt thront ein Wächterhaus, in dem sich die uniformierten Bewacher der Anlage immer zu mehreren aufhalten. Wer die Anlage als Besucher betreten möchte, muss sich, wie an fast allen solchen Checkpoints üblich, einer eingehenden Kontrolle unterziehen: man wird gefragt, wer die Person ist, die einen eingeladen hat; falls man eine Bestätigung erhält, muss man den Ausweis abgeben und dann erst darf man hinein.

Die Wohnung ist sehr schön und wir waren sofort begeistert. Merkwürdig ist, dass es zwar nur zwei Schlafzimmer, dafür aber drei Bäder gibt. Der Boden ist, wie hierzulande bei Wohnungen gehobenen Standards anscheinend üblich, mit Parkett ausgelegt, was den Räumen eine warme, ja geradezu anheimelnde Atmosphäre verleiht, aber auch jede Mengen zusätzliche Arbeit bedeutet. Die Vermieterin meinte, man müsste die Böden einmal im Monat mit einem Sud aus schwarzem Tee wischen und anschließend ein spezielles Wachs mit der Poliermaschine auftragen. Solange sie mir die Maschine zur Verfügung stellt, habe ich damit kein Problem, denn durch das Wachs ist das Parkett gut versiegelt und es bleibt dann auch ziemlich lange sauber. Der Schmutz perlt einfach ab und man muss nicht jedem Dreckfleck sofort mit dem Mob zu Leibe rücken. Die Vermieterin darf nur nicht erfahren, dass der Hund noch nicht stubenrein ist und frisch gewachstes Parkett ist so ziemlich das letzte, worum er sich schert. Am Morgen sind seine Häufchen nicht selten nach Art von Tretminen in der Wohnung verteilt und die Reinigung ist wirklich kein Vergnügen. Wenn dieser Hund etwas ganz hervorragend kann, dann ist es fressen, schlafen und kacken. Aber er ist lieb. Er würde keinem Einbrecher etwas zuleide tun. So ein lieber Hund!

Eigentlich hätten wir es nicht besser treffen können, zumal die neue Wohnung genauso viel kostet wie unsere alte, mit dem kleinen aber feinen Unterschied, dass sie rund um die Uhr von Wächtern beschützt wird, was bei unserer alten Unterkunft nicht der Fall war. Wir wollten uns aber nicht vorschnell entscheiden und uns deshalb erst noch die anderen Angebote ansehen. Vielleicht würden wir ja eine Überraschung erleben. Zum nächsten Termin kamen die Maklerinnen gleich im Doppelpack. Die Vermittlung von Wohnimmobilien scheint hierzulande eine echte Frauendomäne zu sein und so empfand ich es fast schon als Ausnahme, dass dann später zum Vertragsabschluss ein Makler auftauchte. Die beiden Vermittlerinnen fuhren uns zu einigen lohnenden Objekten, aber richtig zufrieden waren wir mit keiner der Wohnungen – zu teuer, überbewertet, abgewohnt, unattraktiv, keine Aussicht.

Die Maklerinnen fuhren uns bis nach Tumbaco – das ist die Nachbargemeinde Cumbayás weiter östlich –, aber auch hier fand sich keine Wohnung, die uns augenblicklich überzeugt hätte. Während wir kreuz und quer durch Tumbaco fuhren, erzählte die eine der Maklerinnen wahre Horrorgeschichten über diese Stadt (ich weiß nicht, ob sie schon von verkaufsfördernden Argumenten gehört hat): Danach sollen Kriminelle und Polizei den Ort in trauter Eintracht als eine Art Mafia beherrschen. So sei es völlig sinnlos, etwa nach einem Wohnungseinbruch oder einem Autodiebstahl Hilfe von der Polizei zu erwarten, denn die Gesetzeshüter steckten meist selber bis zum Hals im Sumpf des Verbrechens. Man merkt niemandem an, auf welcher Seite er steht, und so kommt man allmählich dahin, jedermann zu misstrauen, weil jeder einen bestehlen oder ausrauben könnte. Wenn meine Frau mir früher erzählte, dass man stets auf der Hut sein müsse und niemandem trauen könne, hatte ich dies für maßlose Übertreibung gehalten. Mittlerweile bin ich aber geneigt, ihr zu glauben. Es ist nur schade, dass man so Schritt für Schritt das Vertrauen in die Menschheit verliert, und ich fürchte, man wird es nie ganz zurückgewinnen, ganz gleich, wie freundlich oder hilfsbereit sich die Menschen einem gegenüber gezeigt haben mögen.

Man spricht Deutsch

Wir entschieden uns am Ende für die zweite Wohnung, die wir etwas außerhalb von Cumbayá, auf halbem Weg nach Quito gefunden hatten. Zum Vertragsabschluss kam auch der Makler – zum Besichtigungstermin hatte er seine Mutter geschickt, weil er verhindert war. Es war ein junger Mann von Anfang zwanzig, der so gut Deutsch sprach, dass ich ganz überrascht war. Ich fragte ihn, wie es käme, dass er die Sprache so gut beherrschte, und er erzählte mir, dass er die Deutsche Schule besucht und immer wieder in Deutschland geweilt hätte, um seine Sprachkenntnisse zu verbessern. Sein Deutsch sei jetzt allerdings ein bisschen eingerostet, weil er lange nicht mehr in Deutschland gewesen sei. Berlin gefalle ihm außerordentlich gut und er meinte, er würde dort gern längere Zeit leben. Er hatte dort schon einmal drei Monate verbracht und einen Sprachkurs absolviert. Man merkte, dass ihm manchmal das eine oder andere deutsche Wort nicht mehr ganz geläufig war, aber dies wurde mehr als wettgemacht durch seine exzellente Aussprache. Spanischsprecher haben in der Regel das Problem, dass sie Sprachen wie Englisch oder auch Deutsch nur schwer korrekt artikulieren können, denn viele Laute in diesen Sprachen haben im Spanischen keine Entsprechung. Bei dem jungen Mann hatte man aber nicht den Eindruck, dass seine Muttersprache ein Handikap darstellte, denn sein Deutsch war fast so klar wie das eines deutschen Muttersprachlers.

Alte Probleme in Santa Inés

Die Wohnung, die wir gefunden haben, ist wirklich sehr schön, wenn auch ein wenig kleiner als unser erstes Heim. Ich wäre sehr gern in Santa Inés geblieben, denn ich mag die Gegend, aber leider hatte der Besitzer es nicht für nötig erachtet, die dringend erforderlichen Sicherheitsmaßnahmen zu treffen und also war es das Beste für uns alle, wenn wir die Anlage verließen. Am Tage unseres Auszugs nahm die Frau des Besitzers die Wohnung ab und wir übergaben ihr die Schlüssel. Sie erzählte meiner Frau, dass sie und ihr Mann einen Kredit aufgenommen hätten, um die Wohnungen finanzieren zu können. Fünfzehn Prozent Zinsen zahlt man hierzulande, ein Satz, den man getrost als Wucher bezeichnen darf. Ich glaube, da bekommt man es als Vermieter mit der Angst zu tun, wenn sich Mieter plötzlich verabschieden. Aber ein Schaden hätte für alle Seiten vermieden werden können, wenn der Besitzer von Anfang an mehr Geld in die Sicherheit investiert hätte. Am Ende rächt es sich eben immer, wenn man bloß auf Billig setzt und dabei das Beste hofft.

Neben einigen Mietparteien gibt es in der alten Wohnanlage auch noch Eigentümer. Etwas weiter von der Straße entfernt stehen zwei Häuser, welche verkauft wurden und die sich nun im Besitz der Bewohner befinden. Nach zwei Einbrüchen machen sich die frischgebackenen Eigentümer berechtigte Sorgen, dass auch ihre Häuser ausgeraubt werden könnten, zumal ein Einbruchversuch wegen der versteckten Lage viel unauffälliger vonstatten gehen könnte als in unserem Haus – man könnte sich mitten am Tag mit der Flex an den Türschlössern zu schaffen machen und niemand würde etwas davon bemerken, denn irgendwo wird immer gebaut und Baulärm ist fast ständig zu hören. Die hohen Mauern, die eigentlich ein unbefugtes Eindringen verhindern sollen, wären ein idealer Sichtschutz. Tage vor unserem Auszug hatten sich Handwerker an den Türen zu schaffen gemacht. Da wurde gehämmert, geschweißt, gebohrt und geflext, was das Zeug hält. Es hatte den Anschein, die Hauseigentümer ließen in aller Eile und natürlich auf eigene Kosten ihre Türen und Zäune nachrüsten, um gegen einen etwaigen Einbruchversuch gewappnet zu sein. Vielleicht war die hektische Betriebsamkeit geeignet, das Gewissen der Hausbesitzer zu beruhigen, aber ob ihr teures Hab und Gut nun wirklich sicherer ist, mag dahingestellt sein.

Abenteuer Straße

Unsere neue Wohnung ist etwas weiter vom Arbeitsplatz meiner Frau entfernt als die alte, aber in weniger als zwanzig Minuten schafft man es mit dem Auto selbst in dichtem Verkehr von Tür zu Tür. Das Fahren selbst stellt dabei eine nicht geringe Herausforderung dar, denn die hiesige Fahrweise ist keinesfalls mit den Gepflogenheiten auf deutschen Straßen vergleichbar. Man muss hier stets mit dem Unerwarteten rechnen. Viele Leute halten sich nur dann an die Verkehrsregeln, wenn es ihnen gerade in den Kram passt, und gegenseitige Rücksichtnahme ist ein nie gehörtes Fremdwort: Erst kürzlich fuhr ich auf einer Straße mit nur einer Fahrspur in jede Richtung. An einer Kreuzung hielt ich, weil der kreuzende Verkehr Vorfahrt hatte. Ich wollte geradeaus weiterfahren. Der Fahrer des Wagens hinter mir war der Meinung, er könnte, während ich noch wartete, schon einmal nach rechts abbiegen. Er fuhr aber nicht, wie man es erwarten würde, hinter mir vorbei, sondern zog links von mir auf die Gegenfahrbahn, überholte mich – ich stand noch immer an der Kreuzung – und lenkte dann direkt vor mir haarscharf nach rechts. Es war ein Wunder, dass ihn niemand rammte und auch ich hätte niemals damit gerechnet, dass jemand die Verwegenheit besitzen würde, von links zu überholen, um dann nach rechts abzubiegen. Er aber hatte noch die Chuzpe, empört zu hupen (warum eigentlich?) und mir einen verständnislosen Blick zuzuwerfen. Ich fürchte, die hiesige Fahrweise färbt in gefährlicher Weise auf mich ab. Ich bin zwar noch keine drei Monate hier, aber ich ertappe mich immer öfter dabei, dass ich abbiege ohne zu blinken oder einfach die Spur wechsle, wenn mir danach ist. Ich hoffe nur, ich kann mir diese unschönen Marotten in Berlin wieder abgewöhnen.

Bei einer anderen Gelegenheit war die rechte Fahrspur nicht nutzbar, weil man gerade neuen Asphalt auf die Straßendecke gezogen hatte. Der Fahrstreifen war deutlich sichtbar mit einer dichten Kette aus rot-weißen Kegeln gesperrt. Da für den Verkehr nur die linke Spur zur Verfügung stand, stauten sich dort die Fahrzeuge vor der Kreuzung. Bei einigen der Fahrer schienen beim Anblick der freien Spur sämtliche Sicherungen durchzubrennen: Als wären sie Formel-Eins-Piloten und als hätten sie von der Boxengasse das Go bekommen, zogen sie um die Kegel und bretterten mit aufheulenden Motoren über den frischen Asphalt. Ihre schweren Pickups gruben tiefe Spuren in die noch weiche Straßendecke. An manchen Tagen empfindet man mehr als an anderen, dass man nur ein Fremder in einer fremden Welt ist.

Eine andere Sache, die einen außerordentlich nerven kann, ist das ständige sinnlose Gehupe. Es gibt Situationen, da ist es notwendig zu hupen: Wenn man etwa auf einer Straße fährt, auf der die Vorfahrt nicht zweifelsfrei geregelt ist (eine klare Rechts-vor-links-Regel oder etwas ähnliches gibt es nicht), kann es sinnvoll sein, dem von der Nebenstraße einbiegenden Fahrzeug durch kurzes Hupen zu signalisieren, dass man weiterfahren werde und es gefälligst stehen bleiben solle. Oft fahren die Leute auch unaufmerksam und ein freundliches Hupsignal kann verhindern, dass jemand anderer einen beim Ausparken rammt. Oft aber setzt man die Hupe ohne Sinn und Verstand ein.

Zum Beispiel gibt es am Morgen auf der Strecke von Cumbayá nach Nayón, wo wir wohnen, oft Stau. Alles will zur Arbeit nach Quito, aber es gibt nur die eine Route und alles muss durch dieses Nadelöhr. Während man also im Stau steht, hört man immer wieder das nervige Gehupe hinter sich. Anscheinend glauben manche Verkehrsteilnehmer, wenn sie den Fahrer des vorausfahrenden Fahrzeugs nur ausdauernd genug daran erinnerten weiterzufahren, würde sich der Stau schon auflösen. In solchen hartnäckigen Fällen von Realitätsverlust helfen eigentlich nur noch strengste erzieherische Maßnahmen und es gelüstet einen förmlich danach, die gute alte körperliche Züchtigung mal wieder in Anwendung zu bringen. Man möchte sie aus dem Auto zerren, ihr Gesicht mit der Faust bearbeiten, und zwar genauso ausdauernd wie sie sich haben einfallen lassen zu hupen, sie wieder hinter das Lenkrad setzen und ihnen einen schönen Tag wünschen. Ein gutes Beispiel, wie man es machen sollte, gibt Mr. Eddy in „Lost Highway“ von David Lynch – einfach großartig und mit Sicherheit unübertroffen in seiner erzieherischen Wirkung, wenn ich auch anmerken möchte, dass ich Gewalt zutiefst verabscheue. Aber eine kleine Tagträumerei mag doch erlaubt sein!

Abschied von Santa Inés

Ich nehme Abschied von Santa Inés mit einem Gefühl der Wehmut, denn, wenn es auch gefährlich sein mag, hier zu wohnen, weil man ausgeraubt werden könnte, ist man doch mehrheitlich von ganz normalen Leuten umgeben, also von den Ecuadorianern, die nicht in den Hochglanz-Reiseprospekten auftauchen. Dies kann man von unserer neuen Wohngegend nicht behaupten. In Santa Inés grüßten mich die Taxifahrer – die übrigens auch alle in der Gegend wohnen – und immerhin galt ich ihnen als so vertrauenswürdig, dass mir einer von ihnen eine Fahrt auf Kredit gewährte. Ein Stück entfernt von unserem Haus gab es das ecuadorianische Pendant zum Tante-Emma-Laden. Das kleine Geschäft wurde von einem steinalten Ehepaar betrieben, und wenn man etwas kaufen wollte, dauerte es eine halbe Ewigkeit, bis die Besitzer mit dem gewünschten Artikel zurückkamen, denn wegen ihres Alters bewegten sie sich quasi in Zeitlupe. Dabei hätten die Wege kaum kürzer sein können: Im vorderen Teil des Zimmers, den man durch ein Fenster mit einer Theke einsehen konnte, befand sich ihr kleiner Laden, und direkt dahinter, im selben Zimmer, nur durch ein Warenregel vor neugierigen Blicken geschützt, lag ihr Wohnzimmer mit der bequemen Fernsehcouch, von der aus sie die Telenovelas verfolgen konnten.

Die Besitzerin des Cyber-Shops um die Ecke wohnt mit ihrer Familie zu Fünfzehn (sic!) in einem Haus – Kinder, Eltern, Großeltern. Das Haus ist nicht schön und wer im reichen Westeuropa aufgewachsen ist und immer dort gelebt hat, umgeben vom Komfort und den Annehmlichkeiten der moderne Welt, würde hier sicher nicht gern wohnen wollen. Nur wenige haben Arbeit und sie sind es, die die ganze Familie ernähren. Man schlägt sich durch und hält sich zum Beispiel mit dem Verkauf von Essen gerade so über Wasser. Das sind anständige, nette und hilfsbereite Menschen, die verdient hätten, dass sie ein weniger von Sorgen beschwertes Leben führen könnten. Aber sie müssen sich den ganzen Tag abrackern und am Ende stehen sie dennoch mit leeren Händen da. Ein Taxifahrer kann nach einem Dreizehn-Stunden-Tag mit fünfzig Dollar Verdienst rechnen. Dafür lohnt es sich kaum, morgens aufzustehen, aber eine Alternative gibt es nicht. Und während die Alteingesessenen täglich ums Überleben kämpfen, kaufen die Wohlhabenden ihnen das Land ab, um darauf Appartement-Häuser zu errichten, die sie dann teuer an andere Wohlhabende vermieten oder verkaufen. In Berlin würde man so etwas Gentrifizierung nennen, hier aber empfinden viele dies sogar als Fortschritt und sehen darin den natürlichen Lauf der Dinge. Man vergisst dabei nur allzu gern, dass es lediglich eine Minderheit ist, welche es sich leisten kann, in den schicken neuen Appartements zu wohnen.

Unser neues Heim

Wir wohnen jetzt im Ghetto der Reichen. Ich hätte mir nie träumen lassen, noch hätte ich es je gewünscht, hier zu leben. Die Straßen ziehen sich schnurgerade eine Anhöhe hinauf und beiderseits der sauber gefegten Bürgersteige bilden Einfamilienhäuser und edel aussehende Mehrgeschosser Spalier. Die Siedlung wird von der obligatorischen Mauer umgeben und man muss entweder Resident, von einem Residenten eingeladen oder Angestellter sein, um das Eingangstor passieren zu dürfen. Alles wirkt ein wenig steril, denn dies ist keine Stadt, die über die Zeit gewachsen ist. Ich glaube, das hier ist überhaupt keine Stadt, sondern nur eine große Ansammlung Häuser, die von einer unüberwindlichen Mauer beschützt werden (man fühlt sich manchmal ein wenig an die letzte Szene aus „I am Legend“ erinnert, als die Überlebenden in ein von stählernen Mauern beschütztes Refugium eingelassen werden). Alles wurde irgendwann einmal, sicher vor nicht allzu langer Zeit, von einem Architekten geplant und dann gebaut und da steht es nun. Es gibt hier keine Kinder und keine alten Leute, dafür aber schöne Blumenrabatten und sorgfältig in Form gebrachte Straßenbäume. Alles wirkt so gediegen, so perfekt – viel zu perfekt, um Teil eines Landes zu sein, in dem eigentlich nichts perfekt ist.

Ganz gleich, zu welcher Tageszeit man auf die Straße geht – nur selten trifft man Menschen, die zu Fuß unterwegs sind, und wenn doch, kann man sicher sein, dass es sich um Angestellte handelt, um Gärtner, Haushälterinnen, Putzfrauen. Die Bürgersteige beleben sich immer am Morgen gegen Acht, wenn die Menschen den Berg hinauf ziehen, zu ihren Arbeitsstellen in den Häusern der Reichen, und gegen Vier, wenn der Strom der Passanten die umgekehrte Richtung nimmt und alles hinunter zum Tor wandert, um von dort den Bus nach Hause zu nehmen. Einmal sah ich einen fetten Mann auf einem Mountainbike unsere Straße hinauffahren. Die Leute hierzulande fahren Auto, als wären sie Teilnehmer der Trophy Paris-Dhakar, aber es gibt tatsächlich Menschen, die sich davon nicht abschrecken lassen und aufs Rad steigen – nicht aus einer Notwendigkeit heraus, etwa um zur Arbeitsstelle zu gelangen, sondern um sich fit zu halten oder einfach aus Spaß.

Man muss sich ehrlicherweise eingestehen, dass sich der Spaß angesichts der dichten Abgaswolken wohl eher in Grenzen hält. Ich fürchte, eine Stunde auf dem Rad und die verabreichte Schadstoffmenge entspricht ungefähr jener, die man mit einer Schachtel filterloser Marlboro inhalieren würde (nichts gegen Marlboro – mmh, lecker!). Wenn die Busse richtig Gas geben, quillt nicht selten eine schwarze Rußwolke aus dem Auspuff und man kann froh sein, wenn der Wind günstig steht und den Dreck in eine andere Richtung weht. Bei uns in der Siedlung fahren keine Busse und auch der Autoverkehr hält sich in Grenzen. Die Straße führt steil bergan und der Mann auf dem Mountainbike schnaufte so bedenklich, dass ich fürchtete, er würde gleich einen Zusammenbruch erleiden. Seine neonbunte Bikerkleidung und sein Tropfenhelm waren ihm anscheinend keine große Hilfe. Ich glaube nicht, dass er ein Angestellter war, der zu seiner Arbeitsstelle radelte.

Apropos Bus: Neulich beobachtete ich, wie ein Mann, der aussah, als wäre er ein Gringo (helle Haut, Sonnenbrille, Wanderstiefel, Rucksack), einen Bus per Handzeichen zum Halten zu bringen versuchte. Das war vielleicht lustig! Kaum hatte der Busfahrer den Mann am Straßenrand erspäht, gab er Gas, als wäre dies die erste Regel in den Vorschriften für Berufsbusfahrer. Er fuhr einfach weiter – Bleifuß auf dem Gaspedal –, ohne sich auch nur einmal nach dem Fußgänger umzudrehen. Schwarze Abgasnebel hüllten den Mann ein, der mit seiner Sonnenbrille aussah wie ein postapokalyptischer Wanderer in einer Fallout-Wolke. Er schrie dem Fahrer seine Empörung entgegen und blickte dem davonrasenden Bus mit hilfloser Geste hinterher. Wahrscheinlich war er noch nicht lange im Land, denn wäre er es, hätte er gewusst, dass die Busse, die auf den längeren Routen zwischen den Städten verkehren, niemals außerhalb der Haltestellen stoppen, um Fahrgäste aufzunehmen. Er schien auch nicht zu wissen, dass, wenn er der Straße nur zweihundert Meter folgte, er zu einer Haltestelle käme, an welcher der nächste Bus schon in ein paar Minuten Halt machen würde. Ich kann mir nicht erklären, was Leute antreibt, ein Abenteuer zu suchen, bei dem sie nicht wissen, was sie erwartet, und die dann auch noch enttäuscht oder gar wütend sind, wenn die Welt nicht so funktioniert, wie sie es sich im stillen Kämmerlein vorgestellt haben.

Aber zurück zu unserer Wohnsiedlung in Nayón: Wer hier lebt, ist in der Regel im besten erwerbsfähigen Alter. Im Fahrstuhl begegnen einem Menschen, die aussehen, als wären sie erfolgreiche Anwälte oder Versicherungsvertreter; man sieht Gringos oder reiche Señoras im reiferen Alter, die mit ihren Bekannten darüber parlieren, dass sie die nächsten Monate in Barcelona zu verbringen gedenken. Und Barcelona ist kein Dorf in der Nähe, das man mal eben mit dem Auto erreichen könnte. Ich glaube, viele, die hier wohnen, unterhalten nur einen Zweitwohnsitz, denn am Wochenende wirkt die Siedlung wie ausgestorben. Von Montag bis Freitag sieht man zumindest Autos auf den Straßen – Einwohnern, die zu Fuß gehen, begegnet man dagegen so gut wie nie –, aber am Wochenende wirkt alles wie tot. Wahrscheinlich fahren alle zu ihren Familien, zu alten Leuten und Kindern, die in echten Städten wohnen.

Dem Makler gegenüber (er hatte uns die Wohnung vermittelt) bemerkte ich, die Siedlung wirke für meinen Geschmack doch sehr künstlich. Es gäbe keine Geschäfte, keine Cafés, keine Bars, keine Restaurants. Man sehe nicht einmal normale Leute auf den Straßen. Dies sei eine reine Schlafstadt, eine Retortensiedlung vom Reißbrett. Der Makler wollte meinem Argument nicht folgten. Ich glaube sogar, er verstand nicht einmal, worauf ich hinaus wollte. Wenn es um die eigene Wohnstatt geht, zählen für Ecuadorianer offenbar nur zwei Dinge: dass sie möglichst repräsentativ (d.h. teuer) ist und dass sie sicher ist. Von beidem hat diese Siedlung eindeutig zu viel.

Mitten durch die Siedlung führt eine öffentliche Straße und auf der anderen Seite der Straße befindet sich ein Park. Der Park gehört ebenfalls zur Siedlung und ist privat. Eine Fußgängerbrücke führt über die Straße, so dass die Einwohner der Siedlung nicht einen Fuß außerhalb ihrer geschützten Anlage setzen müssen, möchten sie in den Park. Die Straße wird von beiden Seiten durch hohe Zäune begrenzt, und das Gelände diesseits und jenseits der Straße, das ja privat ist, dürfen nur Befugte betreten, d.h. die Einwohner der Siedlung. Als mein Sohn und ich über die Brücke gehen, sehen wir Kinder auf der Straße, die neugierig in den Park schauen. Vielleicht würden sie gern dort spielen, aber die Spielplätze auf der anderen Seite des Zaunes sind für sie so unerreichbar wie die Rückseite des Mondes.

Im Park selbst findet man Basketball-, Fußball- und Tennisplätze, auf denen gutbetuchte Rentner sich gemächlich die Bälle hin und her schlagen. Alles wirkt gepflegt und sauber, wenn auch die monatelange brütende Hitze den Rasen hat verdorren lassen. Es gibt Toiletten und Duschen, damit man sich nach dem Sport schnell am Ort frisch machen kann. Sogar an die Bedürfnisse unserer vierbeinigen Freunde hat man gedacht: Im Park verteilt findet man Spender, denen Frauchen und Herrschen Tüten entnehmen können, mit denen sich die lästigen Häufchen hygienisch entsorgen lassen. Allerorten sieht man Menschen auf teuren Mountain-Bikes über die Rasenflächen jagen. Ein Vater radelt über die Wiese; seine zwei Söhne im Alter von etwa sechs sind ausgerüstet wie Profi-Motocross-Fahrer und folgen ihm auf Elektro-Motorrädern. Begrenzt wird der Park von einer Privatstraße, an der schmucke Einfamilienhäuser stehen. An ihrer rückwärtigen Seite befinden sich kleine Gärten und direkt dahinter erhebt sich die Mauer, welche die Safe-Zone des Reichtums von der Hot-Zone der Armut trennt.

Als wir endlich unser Auto ausgeliefert bekamen (Halleluja!), machte uns der Angestellte des Autohauses freundlich darauf aufmerksam, dass wir den Wagen möglichst nicht auf unbewachten Parkplätzen abstellen sollten. Sehr gern nehme man die Dachantenne mit, falls der Besitzer vergessen habe, sie abzuschrauben, und den silbernen Typen-Schriftzug breche man einfach heraus. Warum? Einfach so, als Souvenir. Weil jemand anderer ein Auto besitzt, während man selber keines hat. So einfach ist das. In unserer beschützten Siedlung muss man solchen Vandalismus natürlich nicht fürchten. Dafür sorgen Wächter am Eingang und Patrouillen auf den Straßen. Man kann selbst in stockfinsterer Nacht ohne Angst auf den Straßen spazieren gehen. Allerdings vermag ich mir gut vorzustellen, dass man zu nächtlicher Stunde, allein und auch noch zu Fuß, selber für einen Einbrecher gehalten werden könnte. Vielleicht bleibe ich lieber in der Wohnung, damit ich nicht noch versehentlich von einer Patrouille des Wachschutzes niedergeknüppelt werde.

Auf der Insel

Ich lebe zur Zeit auf einer Insel mit mir als dem einzigen Bewohner. Seit wir das Auto haben, komme ich so gut wie gar nicht mehr in Kontakt mit „normalen“ Ecuadorianern, einmal abgesehen von meiner Frau, die jedoch nicht zählt, da ich sie ja schon kenne. Ich schließe die Türen des Wagens und bin in meiner eigenen kleinen Welt eingeschlossen. Ich muss nie auf die Straße, es sei denn, ich fahre mit dem Auto einkaufen oder ich hole meinen Sohn von der Schule ab. Im Grunde zwingt mich nichts und niemand, mit irgendeinem anderen Menschen zu sprechen. Die Leute, die ich zufällig in der Wohnanlage treffe – etwa wenn ich auf den Fahrstuhl warte oder wenn ich den Müll runter bringe –, sind nicht gerade redselig. Die einzige, die das Gespräch sucht, ist unsere Vermieterin. Sie gehört zu der Sorte Mensch, die einfach drauf los redet und sich nicht darum schert, ob man nun verstanden hat, was sie sagt, oder nicht. Die Leute, die hier im Haus wohnen, kommen mir ein wenig distanziert vor, gar nicht so wie die Menschen in Santa Inés. „Guten Tag“ ist meist schon alles, was man zu hören bekommt, und häufig, wenn man grüßt, wird man einfach nur wortlos angestarrt. Ich vermisse Bahía. Die Menschen dort sind einfach freundlicher. Aber um dies festzustellen, braucht es nicht mich. Das sagen selbst die Ecuadorianer.

Es ist eine Tatsache, dass ich in Berlin fast mehr Spanisch gehört habe als hier. Das klingt absurd und ist wirklich paradox, aber in der Gegend, in der ich wohnte, waren die Straßenbahnen morgens voll mit geschwätzigen spanischen Touristen und auch in der U-Bahn traf ich am Abend auf dem Weg nach Hause oft auf ganze Horden feierwütiger Leute von der iberischen Halbinsel. Hier treffe ich niemanden, denn wenn man mit dem Auto fährt, ist man für sich. Und in unserem Haus, in der Wohnanlage, sieht man nur selten andere Menschen, denn wer es sich leisten kann, fährt mit dem Auto (nur Angestellte gehen zu Fuß).

Mir ist das Eigenartige meiner Situation durchaus klar: Um einmal einen Muttersprachler Spanisch sprechen zu hören, muss ich auf Youtube gehen, obwohl ich doch in einem Land lebe, in dem Spanisch Amtssprache ist und es im Prinzip niemanden gibt, der diese Sprache nicht spricht. Eigentlich begegnet man hier kaum jemals einem Menschen, der eine andere Sprache als Spanisch spricht. Das ist fast schon bizarr (ich glaube, ich habe eine gewisse Affinität zu diesem Wort). Vielleicht melde ich mich in einer Sprachschule an und belege einen Sprachkurs. Das wäre zumindest eine lohnenswerte Alternative. Ich fürchte nur, dort treffe ich all die Gringos, denen ich bisher erfolgreich aus dem Weg gegangen bin. Doch das ist dann wohl Bestimmung.

Unter Irren

Es ist nun schon eine Weile her, dass ich Zeit und Muße gefunden habe, ein paar Zeilen zu schreiben. Aber das Leben ist hier so verrückt und nimmt einen derart in Anspruch, dass man nur selten dazu kommt, sich um die angenehmen Dinge zu kümmern. Man hat manchmal den Eindruck, man sei von Irren umgeben. Aber vielleicht täuscht die Wahrnehmung, vielleicht ist dieser Eindruck ganz falsch und es kommt nur auf die richtige Perspektive an. Vielleicht bin in Wirklichkeit ja ich derjenige, der verrückt geworden ist und habe es nur nicht gemerkt. Die Irren in der geschlossenen Anstalt, die glauben, sie seien Napoleon, halten sich sicher auch nicht für verrückt. In den letzten Tagen haben sich die Ereignisse regelrecht überschlagen und wir hatten kaum Zeit, Atem zu holen. Aber alles der Reihe nach.

Ein neuer Mitbewohner

Mein Sohn wünscht sich schon seit Jahren einen Hund. Bisher konnten wir ihm diesen Wunsch nicht erfüllen, denn unsere Berliner Wohnung ist nicht gerade groß und auch noch einen Hund darin zu halten, hätte unsere Nerven und wahrscheinlich die des Hundes zu sehr strapaziert. Hier in Ecuador bewohnen wir eine neue, sehr geräumige Wohnung. Platz wäre also da. Zudem ist der Boden in Wohnzimmer, Küche und Bad gefliest. Wenn also wirklich einmal etwas daneben geht, ist das kein großes Malheur. Sollte es irgendwo überhaupt möglich sein, unserem Sohn den sehnlichsten Wunsch zu erfüllen, dann wohl hier. Wir freundeten uns also mit dem Gedanken an, dass wir bald ein weiteres Familienmitglied würden begrüßen dürfen.

Man darf sich nichts vormachen – ist so ein Tier erst einmal im Haus, schließt man es sogleich ins Herz, ganz egal wie ablehnend man ihm am Anfang auch begegnet sein mag. Unser Sohn wollte nun unbedingt einen Mops haben, weil Möpse eben klein sind und leicht in der Wohnung gehalten werden können. Er hatte sich ein wenig in die Idee verrannt und war auch nicht bereit, Alternativen in Betracht zu ziehen. Wir erkundigten uns sogleich nach Preisen. Jeder, der schon einmal einen Hund besessen hat oder sich ein wenig mit Rassehunden auskennt, weiß, dass ein Welpe aus einer Zucht auch seinen Preis hat. Die günstigste Offerte belief sich dann immer noch auf dreihundert Dollar und wir fragten uns, warum es ausgerechnet ein teurer Rassehund sein muss. Wir waren hin und hergerissen, ob wir wirklich so viel Geld für ein Haustier ausgeben sollten. Schließlich wünschte sich unser Sohn so sehr einen Hund, so sehr, dass er sogar gewillt war, morgens früher als sonst aufzustehen, um mit ihm Gassi zu gehen. Das Verlangen nach einem Hund muss wirklich groß sein, wenn er zu solch einem Opfer bereit ist.

Am Ende vertagten wir die Entscheidung. Manchmal ist es das Beste, man wartet einfach ab und lässt die Dinge ihren Lauf nehmen. Wie der Zufall so spielt, fand sich bald eine Lösung: Die Besitzerin des Cyber-Shops hat eine Bekannte, die Hunde hält (vielleicht ist es auch eine Verwandte – ich sehe da nicht so richtig durch). Eine der Hündinnen hatte gerade einen Wurf und die Leute fragten sich, was sie mit so vielen Hunden anfangen sollten. Das Beste wäre, sie einfach zu verschenken! So reifte die Idee heran, einen der Welpen zu uns zu nehmen.

Vorletzten Freitag besuchte mein Sohn zusammen mit meiner Frau, die einem Schwätzchen nie abgeneigt ist, die Leute, um sich die Hunde anzusehen und vielleicht einen auszuwählen, den man mitnehmen könnte. Ich blieb zuhause und rechnete nicht damit, dass unser Sohn so schnell mit einem Hund wiederkommen würde, zumal meine Frau dieser Vorstellung eher reserviert gegenübersteht. Am Ende trat dann genau das ein, womit niemand gerechnet hatte, was man aber hätte voraussehen müssen: Als ich die Tür öffnete, stand mein Sohn freudestrahlend vor mir, in beiden Händen eine große Kiste und darin befand sich ein haariges Etwas, das entfernt an eine Kuh in Miniatur erinnerte.

Der Welpe ist acht Wochen alt, fast so winzig wie ein Meerschweinchen und hat ein Fleckenmuster wie die Milka Kuhflecken. Er hört auf den Namen Titan – sicherlich weil er so furchteinflößend wirkt. Die meiste Zeit des Tages verschläft er. Er rollt sich dann auf seiner Kuschelmatte zusammen und gibt keinen Mucks von sich. Wenn ich am Computer sitze und schreibe, legt er sich auf meine Füße und schläft ein. Das ist der bravste Hund, den ich je in meinem Leben gesehen habe. Er ist so lieb, dass er nicht mal bellt. Nur wenn er einmal zufällig sein eigenes Spiegelbild in der Scheibe sieht, fängt er an zu springen und zu kläffen, aber das ist eher drollig. Leider ist er noch nicht stubenrein und was er wirklich gut kann, ist fressen, Wasser lassen und Häufchen machen. Jedes Mal, wenn ich eine der Tretminen in der Wohnung sehe, bin ich heilfroh, dass der Boden gefliest ist. In den nächsten Wochen wollen wir aber versuchen, ihn stubenrein zu bekommen. Wir haben schon eine Leine mit einem winzigen Geschirr daran gekauft. Neulich haben wir es ihm angelegt – er hielt währenddessen ganz still – und als wir ein bisschen mit ihm herumliefen, schien er sich nicht daran zu stören. So ein lieber Hund!

Eile mit Weile

In der letzten Woche ist endlich ein lang gehegter Traum wahr geworden. So muss man es fast beschreiben, denn nachdem wir so lange auf einen Internetanschluss hatten warten müssen, schickte der Netzanbieter endlich seine Leute vorbei, um die dafür nötige Kabelbox installieren zu lassen. Ein versierter Mitarbeiter hätte sicher gereicht, aber es kamen ihrer gleich vier und es dauerte ungefähr zwei Stunde, bis die Kabel gelegt und die Anschlüsse an der Wand befestigt waren. Merkwürdigerweise hat der Hauseigentümer zwar an jeder Wand zwei Steckdosen anbringen lassen, aber es befindet sich nur ein Telefonanschluss in der Wohnung und zwar ausgerechnet in der hintersten Ecke des Schlafzimmers. Die Installateure meinten, wenn ich die Box woanders hängen haben möchte, müssten sie die Kabel durch die Wohnung legen. Ich entschied mich dann aus ästhetischen Gründen doch dafür, das Telefon in die hinterste Ecke der Wohnung zu verbannen.

Ich war allein zuhause, meine Frau war arbeiten und meinen Sohn hatte ich zur Schule gebracht. Die Leute des Internetanbieters begnügten sich nicht damit, die Kabelbox einfach zu installieren, wie es sich gehört, sondern stellten mir zig Fragen, die ich, mangels ausreichender Spanisch-Kenntnisse, gar nicht beantworten konnte. Ich musste passen, aber hätte ich mich auch verständlich ausdrücken können, so würde ich sie wahrscheinlich doch nicht verstanden haben, denn meistens ging es um technische Details, und es gibt keine Sprache, in der ich dazu kompetent hätte Stellung nehmen können. Am Ende ging es dann doch, ohne dass ich auch nur eine einzige Frage beantwortet hätte, und am Abend hatten wir endlich Internet.

Einige Tage später kam dann noch der Telefon-Mann. Er war wie vom Schlag gerührt, als er die Kabelbox an der Wand hängen sah, denn man hatte ihn beauftragt, Internet und Telefon zu installieren. Er suchte dann in sämtlichen Zimmern die Wände nach irgendwelchen Anschlüssen ab, kratzte sich konsterniert am Kopf und war mit seinem Latein schließlich am Ende. Er murmelte etwas davon, dass er eine Box holen müsste und dass er wiederkommen würde. Weder holte er die Box, noch kam er jemals wieder. Dafür kamen am nächsten Tag noch einmal drei Mitarbeiter derselben Firma und installierten endlich den Telefonanschluss.

Was jetzt noch fehlt, ist das Fernsehen, um die langen ereignislosen Abende zu überstehen. Mittlerweile habe ich fast alle Bücher, die ich mir mitgebracht habe, ausgelesen und Lektüre-Nachschub kommt wahrscheinlich erst in einigen Wochen, wenn unser Container aus Deutschland eintrifft. Vorsorglich habe ich mir einen nicht eben kleinen Fundus an Büchern eingepackt. Darunter ist vieles, das ich mir irgendwann einmal gekauft habe, das ich aber nie gelesen habe, weil ich bisher keine Zeit hatte. Aber vielleicht hatte ich so wenig Zeit, weil ständig der Fernseher lief. Die Tage in Berlin haben mich meist so sehr erschöpft, dass ich mich oft nur noch nach Bequemlichkeit und Entspannung sehnte. Was gibt es Schöneres, als sich in einen gemütlichen Sessel zu fläzen und durch das Abendprogramm zu zappen.

Der Schock zum Wochenende

Letzten Samstag war wieder einmal der große Einkaufswahnsinn angesagt. Wir mussten nach Quito, um Dinge zu kaufen, die es hier in Cumbayá nicht gibt. Zum Beispiel brauchten wir unbedingt einen Wäschetrockner, denn schließlich ist es kein Zustand, wenn ständig die ganze Wohnung mit nasser Wäsche verhängt ist. Da wir immer noch kein Auto haben – die Lieferung kann sich nur noch um Wochen verzögern –, nahmen wir Taxis und den Bus. Am Ende dauerte alles wieder länger, als wir ursprünglich geplant hatten, denn ist man einmal dabei, unentbehrliche Dinge zu kaufen, fallen einem gleich tausend andere Sachen ein, die mindestens genauso unentbehrlich sind.

Nachdem wir aus Quito zurückgekehrt waren, musste meine Frau einer Klinik in der Innenstadt Cumbayás noch einen Besuch abstatten, um die Ergebnisse ihrer letzten Blutuntersuchung zu erfahren. Sie litt seit Tagen unter Durchfällen und die Ärzte vermuteten eine Infektion. Wir verbrachten noch mindestens eine Stunde in der Klinik. Meine Frau wurde ohne Befund (weder Viren noch Bakterien ließen sich nachweisen) nach Hause geschickt. Der Arzt gab ihr ein Rezept, auf das sie in der Apotheke ein Durchfallmittel erhalten würde. Wir suchten noch die Apotheke auf, um das Rezept einzulösen. Nach einem skeptischen Blick auf den Zettel meinte die Apothekerin, dass dieses Durchfallmittel seit zwei Jahren nicht mehr vertrieben werden dürfe und folglich auch nicht im Bestand der Apotheke zu finden sei. Sie gab meiner Frau stattdessen ein anderes Medikament. Da es schon dunkel wurde, nahmen wir uns ein Taxi und fuhren nach Hause. Wir hatten das Haus gegen zwölf Uhr Mittags verlassen. Nach über sechs Stunden Besorgungsmarathon kehrten wir glücklich erschöpft mit unseren Einkäufen heim.

Vor dem Haus empfing uns ein Blitzlichtgewitter in Blau und Rot. Zwei oder drei Polizeiwagen parkten vor dem Eingang, einige Polizisten standen herum und die Bewohner der Wohnanlage erwarteten uns draußen. Alle schauten uns an, als wären wir in irgendetwas verwickelt, von dem wir als einzige nichts wussten. Wir stiegen aus dem Taxi und fragten, was passiert sei. Man sagte uns, es sei eingebrochen worden. Wie sie uns dabei ansahen, wussten wir, dass es die Diebe auf unsere Wohnung abgesehen hatten. Dennoch stürmten wir die Treppe nach oben in der Hoffnung, nein, in der unerschütterlichen Erwartung, dass sich alles als ein Alptraum erweisen würde, den man vergessen hat, sobald man aufwacht. Doch die Ahnung trügt nie und die schlimmsten Befürchtungen werden wahr, wenn man am wenigsten damit rechnet.

Es kam genauso, wie wir befürchtet hatten: Die Wohnungstür aufgebrochen, die Schubladen herausgerissen, die Schränke durchwühlt. Noch wie betäubt, sprachlos, doch mit rasendem Herzschlag prüften wir, was noch da war und was fehlte. Nach unserer verzweifelten Inventur war klar, dass die Diebe genau wussten, was mitzunehmen lohnte. An unseren Reisepässen waren sie nicht interessiert. Wichtige Papiere und Dokumente lagen immer noch fein säuberlich geordnet an ihrem Platz. Selbst Bargeld verschmähten sie, denn die Sparbüchse unseres Sohnes, die immerhin 150 Dollar enthielt, war nicht angetastet worden. Was fehlte, waren die Laptops von uns dreien sowie ein dazugehöriger Kühler, eine Kamera, das Handy meines Sohnes und zwei teure File-cabinets meiner Frau.

Was macht man in solch einer Situation? Die Szene wirkte surreal. Ich hatte den Eindruck, ich wäre gar nicht anwesend, sondern schaute mir von irgendeinem Ort weit entfernt einen Film an, der zufällig von mir und meiner Familie handelte. Vier Polizisten standen in unserem Wohnzimmer und stellten Fragen: Wann wir das Haus verlassen hätten, ob uns etwas aufgefallen sei, welche Dinge wir vermissen würden. Ein Mitarbeiter der Kriminalpolizei nahm den Fall auf und kümmerte sich um die Spurensicherung, die darin bestand, mit der Handy-Kamera Fotos von dem zerstörten Türschloss zu machen. Ich hatte den Eindruck, dass er häufig Fälle wie diesen zu bearbeiten hätte. Anders als seine Polizeikollegen trug er keine Uniform. Er trat vielmehr so auf, wie man es von den coolen Cops in den Filmen US-amerikanischer Provenienz erwartet: Jeans und Sneakers, schwarze Adidas-Jacke über dem bulligen Oberkörper, das Haar kurz geschoren und ein Brillantstecker im Ohr.

Der Polizist hörte sich ruhig und nicht ohne Mitgefühl unsere Sicht der Dinge an: Wenn man sich an den üblichen ecuadorianischen Preisen orientiert, belief sich der materielle Schaden auf etwa viertausend Dollar. Das ist nicht wenig, zumal wir nicht wohlhabend genug sind, um solche Verluste mal eben aus der Portokasse zu ersetzen. Was aber noch schwerer wiegt als der finanzielle Aderlass ist der Verlust wichtiger, ja unersetzbarer Arbeitsmaterialien: Meine Frau hatte mit ihrem Laptop sämtliche Schulunterlagen verloren und war der Verzweiflung nahe. In den File-cabinets befanden sich weitere wichtige Materialien für die Unterrichtsvorbereitung – über Jahre ausgearbeitet, zusammengestellt und archiviert. Mein Sohn braucht seinen Laptop für die Schule. Wir hatten ihm extra einen für tausend Dollar hier in Ecuador gekauft. Das hört sich nach viel an, man muss aber bedenken, dass Computer und insbesondere Laptops hierzulande manchmal doppelt so teuer sind wie in den USA. In der British School wird vernetzt mit „Google Classroom“ gearbeitet; ohne einen eigenen Laptop ist es schlichtweg einfach unmöglich, an Materialien zu kommen oder überhaupt am Unterricht teilzunehmen. Ein Laptop war daher ein absolutes Muss. Das Gerät war gerade ein paar Tage alt, also nagelneu, und mein Sohn, der von uns dreien wohl am meisten von Computern versteht, hatte gerade damit begonnen, einige unverzichtbare Programme zu installieren, als die Diebe zuschlugen. Und ich schließlich brauche meinen Laptop zum Schreiben. Die Kamera, eine teure Lumix, war gerade ein Jahr alt. Meine Frau hatte sich schon immer eine gute Kamera gewünscht und sie schließlich eigens dafür gekauft, um sie nach Ecuador mitzunehmen; sie wollte „schöne Bilder“ machen. Schöne Bilder macht sie jetzt wahrscheinlich auch – es ist bittere Ironie, dass sie nun für immer in Ecuador bleiben wird. Ich hoffe nur, dass die Kriminellen nicht allzu viel Freude an der Kamera haben. In ihrer Eile haben sie das Ladekabel und den Transformator übersehen. Meine Frau hatte die Lumix in Europa gekauft und europäische Ladekabel sind hier in Ecuador nur schwer zu bekommen. Ich fürchte, sobald der Akku leer ist, wird man die Kamera entweder wegwerfen oder alle verwertbaren Teile ausschlachten und den Rest unauffällig entsorgen.

Leider hatte mein Sohn sein Handy im selben Rucksack verstaut, in dem sich auch der Computer befand. Die Diebe schütteten hektisch die Schulbücher und Hefter auf den Boden, stopften den Computer hinein und nahmen den Rucksack mit. Dabei merkten sie offenbar nicht, dass sich darin ein eingeschaltetes Handy befand. Gleich nach unserer Ankunft versuchte die Polizei, das Handy über Satellit zu orten. Sie wurde auch schnell fündig, doch leider konnte der Standort nur mit einem Radius von zweihundert Metern bestimmt werden. Das Handy befand sich zu diesem Zeitpunkt irgendwo in der Nähe des Quicentro Sur im Süden der Stadt. Leider ist das Areal dicht bebaut und man hätte schon mehrere Teams in das dichte Gassengewirr schicken müssen, um den genauen Standort ausfindig zu machen. Bloß wegen einiger Computer würde die Polizei wohl kaum Männer und Ressourcen verschwenden. Am nächsten Tag versuchte man wieder eine Ortung, doch diesmal hatte man keinen Erfolg. Wahrscheinlich hatten die Diebe das Handy entdeckt und die Sim-Karte entfernt.

Nach einer Stunde war die Polizei wieder weg und wir waren allein. Es war fast, als wäre nichts geschehen. Dies könnte ein ganz normaler Samstagabend sein. Wir könnten einen Film gucken oder Musik hören, lesen oder uns unterhalten. Nichts von alledem schien an diesem Abend möglich. Da es im Augenblick nichts zu tun gab, hatten wir alle Zeit der Welt und schon ging das Grübeln los: Warum? Warum wir? Warum heute? Warum sind wir nicht früher nach Hause gekommen? Das sind Fragen, auf die es keine Antwort gibt und man tut sich selbst einen Gefallen, sie gar nicht erst zu stellen. Man braucht eine Beschäftigung, um sich von solch nutzlosen wie quälenden Gedanken abzuhalten.

Um uns abzulenken, schauten wir uns noch einmal in aller Ruhe – so ruhig man eben nach solchen Ereignissen sein kann – die Einbruchsspuren an: Die Wohnungstür war offenbar mit einem Brecheisen aufgestemmt worden. Soviel konnte selbst ich als kriminaltechnischer Laie erkennen. Den Spuren nach zu urteilen, mussten die Diebe nur ein einziges Mal ansetzen, dann flog die Tür auch schon ihn hohem Bogen auf. Jetzt war mir auch klar, warum sie der Gewalteinwirkung so wenig Widerstand entgegengesetzt hatte: Zwar sind die Wände aus undurchdringlichem Beton, aber der Türrahmen besteht aus Pressholz und Pappe. Das ist keine Übertreibung, die Beweise waren eindeutig: Unter einer ca. fünf Millimeter dünnen Holzblende, die dem Türrahmen ein schweres und massives Aussehen verleiht, verbirgt sich ein dünner Rahmen aus Pressholz, dasselbe wie man es für Ikea-Möbel verwendet. Der Pressholzrahmen wurde einfach mit Montageschaum in der Tür fixiert. Unebene Stellen wurden mit Pappe ausgeglichen (ganz recht, dieselbe Pappe, aus der man Schuhkartons macht). Darüber wurde dann die dünne Blende genagelt, die dem Rahmen den Anschein von Massivholz verleiht. Selbstverständlich kann solch ein Türrahmen keiner hohen Belastung standhalten (wer schon einmal Ikea-Möbel in handliche Stücke zerbrochen hat, weiß, dass ein paar gezielte Tritte reichen, um einen ganzen Schrank zu demolieren).

Zum Teil muss man dem Hausbesitzer die Schuld geben, dass es zu den geschilderten Ereignissen kommen konnte, denn er hat es offenbar versäumt, die erforderlichen Sicherheitsmaßnahmen zu treffen. Das Haus ist nagelneu und es ist auch schön anzusehen, eine regelrechte Augenweide ist es, aber was nützt dies, wenn Kriminelle ohne jeden Widerstand und dazu noch mitten am Tage eindringen und die Bewohner bestehlen können. Zumindest würde man erwarten dürfen, dass die Wohnungstür den unerwünschten Eindringlingen das Leben schwer macht. Man sieht, dass die Wohnung in großer Eile durchsucht worden ist, denn wäre man gründlich gewesen, hätte man auch den Tablet-Computer meiner Frau entdeckt, der unter einem Papierstapel lag. Hätte die Tür sich nur fünf Minuten dem gewaltsamen Eindringen widersetzt – was man von einer ordentlichen Tür wohl erwarten kann –, wären die Diebe wahrscheinlich unverrichteter Dinge wieder abgezogen, denn im Erdgeschoss befanden sich zu jener Zeit Anwohner, die durch den Krach alarmiert worden wären. So aber reichte es, das Brecheisen anzusetzen, einmal kräftig zu ziehen und – plong! – schon stand die Tür offen. Das war nicht einmal laut genug, um die Bewohner der Parterre-Wohnungen aufhorchen zu lassen. Als die Polizei sie befragte, gaben sie zu Protokoll, dass sie nichts gesehen oder gehört hätten.

Unsere Wohnung war nicht die einzige, die an diesem Samstagnachmittag ausgeraubt wurde. Auch die Nachbarwohnung war aufgebrochen worden, auch dort hatten die Diebe alles Wertvolle mitgenommen. Die Bewohnerin, eine junge Frau, studiert Filmkunst an der hiesigen Universität. Ihr Vater ist der Bürgermeister von Otavalo. Die Diebe wussten ganz genau, was sich lohnt: Auf einem Tisch mitten im Wohnzimmer stand ihr Mac. Der materielle Schaden wäre zu verkraften, zumal ihr Vater einen gut bezahlten Posten bekleidet, aber unglücklicherweise hatte sie ihre Abschlussarbeit, einen Film, an dem sie seit anderthalb Jahren arbeitete, auf der Festplatte gespeichert. Sie war leider so unvorsichtig, keine Kopie anzufertigen, und deshalb ist nun all die Arbeit zunichte geworden. Sie heulte wie ein Schlosshund und ich konnte ihr die Verzweiflung, die Enttäuschung und die Wut nachfühlen. Mir ging es auch nicht anders, doch dauerte es erst einmal eine ganze Weile, bis sich die Ereignisse in mein Bewusstsein gegraben hatten. Mein Verstand sträubte sich noch immer, das Unvermeidliche zu akzeptieren. Noch immer klammerte ich mich an die sinnlose Hoffnung, man würde die Computer wiederfinden und alles würde sich noch einmal zum Guten wenden. Ich wünsche ihr Glück und hoffe, dass sie ihren Abschluss dennoch schafft.

Meine Frau war völlig aufgelöst, denn sie hatte all ihre Unterrichtsmaterialien, die Arbeit von Jahren, verloren. Der Hausbesitzer und Vermieter weilte gerade mit seiner Familie in den USA und so waren nur seine Söhne und seine Schwiegermutter gekommen, um den Schaden in Augenschein zu nehmen. Meine Frau war verständlicherweise sehr erregt und warf dem Besitzer vor, er hätte durch den Einbau minderwertiger Türen die Sicherheit der Hausbewohner gefährdet. Die Schwiegermutter, ein fette Matrone, entgegnete schnippisch, ob meine Frau denn denke, sie (also die Vermieter) hätten den Einbruch verübt. Meine Frau sagte ihr ganz ruhig ins Gesicht, dieses Gespräch sei absurd und warf die Tür zu (oder zumindest das, was von der Tür noch übrig war). Später freilich erfuhren wir, dass die Frau selbst schon einmal Opfer eines Überfalls wurde. Man hatte ihr eine Waffe an die Schläfe gehalten und sie beraubt. Die Leute hier nehmen solche Ereignisse mit einer Gleichgültigkeit hin, dass es einen nur wundert. Beraubt zu werden, ist Teil des Lebens und Kriminalität wird fast schon als selbstverständlich wahrgenommen. Nahezu jeder kann eine Geschichte erzählen, und eine ist schrecklicher als die andere.

Man könnte einwerfen, warum solch ein Aufruhr wegen einiger Laptops? Schließlich wurde niemand verletzt, niemand kam zu Schaden und das ist doch das Wichtigste. Ja, das ist das Wichtigste. Demgegenüber verliert alles andere an Bedeutung. Natürlich überlegt man immer, was man falsch gemacht haben könnte, durch welche Unvorsichtigkeit man unerwünschte Aufmerksamkeit auf sich gezogen habe. Das ist schwer zu sagen. Wahrscheinlich gerieten wir schon allein deshalb ins Blickfeld der Kriminellen, weil wir ein schönes neues Haus bewohnen und weil wir (d.h. mein Sohn und ich) wie Gringos aussehen. Das sind Merkmale, die einen aus der Masse herausheben und die geeignet sind, die Leute glauben zu machen, man sei reich. Die Ironie ist, dass wir es gar nicht sind. Wir leben zur Zeit buchstäblich von der Hand in den Mund. Jeder Dollar, der verdient wird, ist am Ende des Monats quasi verdampft. Wenn man annähernd so leben will, wie man es aus Europa gewohnt ist, wenn man also eine schöne Wohnung haben möchte und wenn man den Anspruch hat, die Kinder auf eine gute Schule zu schicken, ist das Geld rasend schnell ausgegeben. Die Lebenshaltungskosten sind hierzulande einfach unvorstellbar hoch und selbst für bescheidene Rücklagen ist fast gar kein Geld übrig. Man darf auch nicht vergessen, dass Ortslehrkräfte an den deutschen Auslandsschulen, wie etwa meine Frau, viel schlechter bezahlt werden als die Auslandslehrkräfte, die doppeltes Gehalt beziehen. Befände sich meine Frau in einer solch vorteilhaften Lage, würden wir einfach in den nächsten Elektronikladen fahren und ein paar Laptops kaufen. Das wäre nur zu schön, doch leider schert sich die Realität nicht um Wunschträume.

Unerwartete Hilfe

Noch am selben Abend rief meine Frau ihren Vater an und aufgelöst in Tränen berichtete sie ihm, was sich zugetragen hatte. Sie sagte ihm, dass sie sämtliche Materialien verloren hätte, dass wir die Computer mit unserem letzten Geld gekauft hätten und dass nun alles fort sei und wir nicht wüssten, was wir tun sollten. Ihr Vater hörte sich ihre Schilderung ruhig an und lud uns dann zu sich ein. Er bot an, uns allen neue Laptops zu kaufen. Als ich das hörte, war ich zunächst einmal sprachlos. Ich fragte mich, warum er das tun sollte, aber dann wurde mir klar, dass es ihm wohl ein Herzensbedürfnis war, uns zu helfen. Ich war beschämt und ich hätte verstanden, wenn er allein seiner Tochter oder seinem Enkel einen neuen Laptop kaufen würde. Mir wäre wohler gewesen, ich hätte mir selbst einen kaufen können, mit meinem eigenen Geld. Einer von uns hätte nach Miami fliegen, bei Best-Buy drei Laptops holen und schon am nächsten Tag zurückkehren können. Das hätte wahrscheinlich sogar noch weniger gekostet als die Geräte hier im Lande zu kaufen. Warum eigentlich nicht? Was sprach dagegen?

Das Abenteuer, in dieses Land zu kommen und uns hier einzurichten, hat unsere finanziellen Mittel restlos erschöpft. Alles ist viel teurer als wir uns hatten vorstellen können, sehr viel teurer sogar. Von unserer einstmals üppig gefüllten Reisekasse ist allein die Erinnerung geblieben. Warum sollten wir also ein so großzügiges Angebot nicht annehmen? Eigentlich hatten wir gar keine andere Wahl, denn die Computer sind unverzichtbar: Meine Frau könnte ihrer Arbeit nicht nachgehen und mein Sohn könnte nicht die Schule besuchen. Der einzige, der wirklich darauf verzichten könnte, ohne berufliche Konsequenzen fürchten zu müssen, wäre ich.

Wir verbrachten die Nacht auf den Sonntag unruhig und taten kaum ein Auge zu. Die beschädigte Tür hatten wir notdürftig mit Möbeln verstellt – für einen beherzten Einbrecher hätte diese Sicherung wohl kein Hindernis dargestellt. Am nächsten Morgen erschien die Matrone mit einem Handwerker, um die beschädigte Tür reparieren zu lassen. Die Reparatur bestand eigentlich nur darin, dass ein dünnes Stahlblech in den Türrahmen gesetzt und verschraubt wurde. Die verbogenen Riegel wurden notdürftig begradigt und – hoppla! – schon war die Tür repariert. Die Instandsetzung dauerte gerade einmal zwanzig Minuten und ich wunderte mich, ob alle in diesem Land verrückt geworden sind, oder ob ich der einzige bin, der spinnt.

Der Vater lebt in Santo Domingo, einer Stadt, die man von Quito aus mit dem Bus in etwa fünf Stunden erreichen kann. Die Straße führte hinauf in die Berge und als wir Quito verließen, konnten wir von hoch oben auf die südlichen Stadtbezirke hinabblicken. Es sah aus, als hätte sich eine graue Häuserlawine in das Tal ergossen, gerade so, als wäre ein mit grauen Lego-Steinen gefüllter Eimer in der Badewanne ausgeschüttet worden. Irgendwo dort befanden sich jetzt unsere Laptops. Ich trauerte meinem Dell Bradley nach. Wir waren wie füreinander gemacht. Bei Best-Buy hatte ich 540 Dollar bezahlt. Das ist nicht viel für einen Laptop. Sicherlich gibt es weit bessere und leistungsstärkere Geräte, aber mir genügte dieser. Nun war er weg und ich musste es hinnehmen.

Am Abend trafen wir in Santo Domingo ein. Die Stadt wirkte genauso ungastlich wie bei unserem ersten Besuch und ich fürchte, sie wird uns auch nicht einladender erscheinen, wenn wir sie noch öfter besuchen. Der Vater meiner Frau holte uns vom Busbahnhof ab. Erst kürzlich hatte er einen Unfall und deshalb kam er nicht wie üblich mit dem eigenen Wagen, sondern ließ sich von einem guten Freund chauffieren. Zuhause angekommen, wurde auch schon das Abendessen serviert. Es gab frische Blutwurst, Longaniza. Meine Frau liebt die deftige Spezialität und langte ordentlich zu. Mir war der Appetit auf der langen Fahrt vergangen. Außerdem rumorte es merkwürdig in meinem Magen und deshalb hielt ich es für klüger, mit einem Tee Vorlieb zu nehmen.

Am nächsten Morgen, es war ein Montag, fuhren wir mit dem Auto in eine Gegend, in der vor allem Fabriken und Lagerhäuser angesiedelt zu sein schienen. Die Straßen waren menschenleer. Auf einem vollkommen verwaisten Parkplatz hielten wir. Vor einem großen Tor standen einige Personen und schienen auf etwas zu warten. Kein Türschild verriet, was hinter dem mit Stahlplatten bewehrten Eingangstor zu finden wäre. Als wir dann endlich eingelassen wurden, fanden wir uns im Lager eines Elektronikimporteurs wieder. Fernseher, Computer und Drucker standen, fabrikneu verpackt, auf dem Boden oder lagen zur Ansicht auf Tischen. Die Laptops hatte man in Vitrinen untergebracht. Wir schauten uns ein wenig um und versuchten in Erfahrung zu bringen, welche Leistungsparameter die Geräte aufzuweisen hätten und vor allem wie viel sie kosteten. Man fragte uns, ob wir das Betriebssystem mit oder ohne Garantie wünschten. Wir wunderten uns – was soll das denn für eine Frage sein? Wir fanden, dass die Computer im Vergleich zu den Geräten im normalen Elektronikgeschäft nicht preiswerter wären, und entschlossen uns daher, zu Computron zu fahren.

Computron ist die hiesige Kette für Elektronikartikel. Wir fanden rasch drei Laptops, die uns gefielen, und ließen sie uns einpacken. Vorher lud der Angestellte noch das Office-Paket auf die Festplatte. Mein Schwiegervater zahlte stillschweigend. Beschämt verließen wir den Laden. Um das Maß unserer Beschämung voll zu machen, lud er uns auch noch zum Mittagessen ein. Vielleicht sollte ich mir aber gar nicht so viele Gedanken machen und es als das nehmen, was es ist: ein Akt der Großzügigkeit. Es fällt mir leichter, sein Geschenk anzunehmen, wenn ich mir vorstelle, dass er einfach nur ein großzügiger Mann mit einem noblen Charakter ist. Wie man hört, hat er schon öfter Freunden aus der Patsche geholfen, und auch gegenüber seinen Angestellten soll er sich sehr anständig verhalten. Man mag dies für eine Selbstverständlichkeit halten, aber hierzulande kommt es nicht oft vor, dass ein Chef sich um die Sorgen und Nöte seiner Mitarbeiter kümmert. Die Leute vertrauen ihm und schätzen seine Art. Vielleicht gibt es nicht mehr viele Menschen wie ihn auf der Welt. Man kann froh sein, dass sie noch nicht ganz ausgestorben sind.

Zurück nach Cumbayá

Unsere wertvolle Fracht wollten wir nicht den normalen Linienbussen anvertrauen. Wir bestellten uns ein Express-Taxi. Das ist ein Pkw oder ein Kleinbus mit einem Fahrer und drei bis fünf Passagieren. Diese Art zu reisen ist zwar ein wenig teurer als der normale Bus, dafür ist man aber auch schneller am Ziel und meistens fährt man viel bequemer. Wir fuhren in die Nacht hinein und unterwegs begann es zu regnen. Auf der Autopista begegnete uns wieder der Wahnsinn, den man üblicherweise auf dieser Route erwarten kann: Vor uns verlor ein Pkw auf der regennassen Straße die Haftung, wurde in eine 180-Grad-Drehung geschleudert und geriet auf die Gegenfahrbahn. Höhere Mächte oder der Zufall wollten es, dass just in diesem Augenblick einmal kein dichter Gegenverkehr auf der Gegenspur entlangrollte, und die Insassen des Wagens kamen mit dem Schrecken davon. Etwa auf halber Stecke passierten wir eine Unfallstelle; der Unfallwagen war wie eine Ziehharmonika zusammengequetscht worden. In einer engen Kurve kam uns ein Sattelschlepper entgegen. Er fuhr auf unserer Spur, doch im letzten Augenblick lenkte er zurück. Wären wir nur ein wenig schneller gefahren, hätte es leicht zur Katastrophe kommen können. Dass wir noch lebten, war entweder Vorsehung oder reines Glück. Ich bin geneigt, letzterem den Vorzug zu geben.

Einmal machten wir an einer Tankstelle mitten in den Bergen Rast. Um uns herum türmten sich bewaldete Bergketten zu einem atemberaubenden Panorama. Dann ging es weiter und als wir höher in die Berge hinaufkamen, wurden wir bald von dichtem Nebel eingeschlossen. Es war wie in einer Waschküche, man konnte kaum dreißig Meter weit blicken. Unser Fahrer drosselte die Geschwindigkeit, schaltete die Scheinwerfer ein und hielt die Spur. Die geänderte Wetterlage und die schlechte Sicht schienen jedoch einige Fahrer nicht davon abzuhalten, ihren gewohnten Fahrstil beizubehalten. Manch einer fuhr ohne Licht und es war ein Wunder, dass es nicht noch mehr Unfälle gab. Einmal überholten wir in dichtem Nebel einen Motorradfahrer, der es nicht für nötig befand, durch Licht auf sich aufmerksam zu machen. Dazu war er noch schwarz gekleidet. Er schien zu glauben, dass er die eklatanten Sicherheitsmängel durch langsames Fahren auf dem Standstreifen ausgleichen könnte. Ich frage mich, warum man in diesem Land den Wahnsinnigen Autos und Motorräder gibt statt sie einzusperren.

Neue Überraschungen in Cumbayá

Am nächsten Tag, einem Dienstag, mussten wir wieder zur gewohnten Zeit, also kurz nach Sieben, das Haus verlassen, denn meine Frau wollte pünktlich in der Schule sein. Leichter gesagt als getan: Das Schloss der Haustür hatte sich verklemmt und ließ sich auch trotz größter Kraftanstrengung nicht mehr drehen. Die Tür zur Parketage war ebenfalls verschlossen, denn auch hier hatte das billige Schloss seinen Geist aufgegeben und der Riegel ließ sich nicht mehr zurückschieben. Die Mängel waren seit längerer Zeit offensichtlich, aber bekanntlich muss erst etwas Schlimmes geschehen, bevor Abhilfe geschaffen wird. Wir waren im Treppenhaus eingesperrt, denn aus dem Fenster unserer Wohnung im zweiten Obergeschoss zu springen, ist für jemanden, der kein Artist ist, doch etwas riskant. Meine Frau oszillierte zwischen Wut- und Tobsuchtsanfällen, weil in diesem Haus nicht einmal so einfache und selbstverständliche Dinge funktionierten. In unserer Not klopften wir bei der Mieterin unter uns an die Tür. Sie öffnete noch halb verschlafen im Schlafanzug. Wir fragten sie, ob wir aus ihrem Schlafzimmerfenster klettern dürften. Sie erkannte unsere Lage und hatte nichts dagegen.

Kaum waren wir aus dem Haus, begegneten wir schon dem nächsten Hindernis: Angesichts der Tatsache, dass die Diebe ohne großen Widerstand zu finden, in die Wohnanlage eindringen konnten, hatte der Besitzer angeordnet, die Türen mit Vorhängeschlössern zu sichern. Es dauerte geraume Zeit bis sich endlich jemand fand, der einen Schlüssel hatte. In der Zwischenzeit wurde von allen Seiten viel geschrien und geschimpft und es wurden Drohungen ausgesprochen. Der Chihuahua einer der Besitzerinnen eines Hauses innerhalb der Wohnanlage kläffte meine Frau an und versuchte sie zu beißen. Der Köter ist klein und zerbrechlich wie ein Rehkitz, doch bellt er jeden an, der sich auch nur auf fünfzig Meter nähert. Eigentlich hört man ihn den ganzen Tag bellen als wäre er von Sinnen. Wenn man mich fragt, gehört der Hund zum Hundepsychiater oder eingeschläfert. So früh am Morgen hatte die Besitzerin das Tier frei in der Anlage herumlaufen lassen und meine Frau, deren Nerven mittlerweile blank lagen, war nahe daran, die dauerkläffende Töle mit einem Tritt in die Hundehölle zu schicken.

Wir nahmen ein Taxi. Der Fahrer an diesem Morgen war uns gut bekannt, denn er hatte uns schon öfter zur Deutschen Schule bzw. zur British School gefahren. Auf der Calle Santa Inés muss er wohl für einen Augenblick unkonzentriert gewesen sein, denn er touchierte ganz leicht den vor ihm stehenden Audi A4. Es gab wieder einmal Stau und die Kolonne kam nur im Schritttempo voran. Eigentlich war es kein echter Auffahrunfall, sondern nur ein leichtes Anstoßen an der Stoßstange. Der Fahrer des Audi sprang jedoch wie ein geölter Blitz aus dem Wagen. Von meinem Platz im Font des Taxis konnte ich ihn genau sehen: Straff gebügelter grauer Anzug, akkurat gebundene Krawatte, die Haare platt gegelt, teure Sonnenbrille. Der Taxifahrer blieb sitzen und versuchte mit dem Mann zu reden, doch der zückte gleich sein Handy und rief seinen Anwalt an.

Ich versuchte zu erkennen, ob der Schaden an seinem Auto ein solch extremes Verhalten rechtfertigte, doch ich konnte nichts entdecken. Die Stoßstange wirkte unversehrt, keine Beule, keine Delle. Vielleicht hatte der Lack einen Kratzer davongetragen, aber würde man deshalb gleich seinen Anwalt anrufen? Während diese gebügelte Canaille ihrem Rechtsbeistand das „Verbrechen“ meldete, stieg die Tochter aus dem Auto, ein etwa zehnjähriges Mädchen in der Uniform der Deutschen Schule. Ich hasse dieses reiche Pack, das glaubt, besser als der Rest der Menschheit zu sein, weil es Anzug und Krawatte trägt, ein teures deutsches Auto fährt und das eigene Kind auf eine exquisite Schule schickt. Der Taxifahrer ist ein einfacher Mann, der sich, wie die meisten in diesem Land, irgendwie durch den Alltag schlägt und zu überleben versucht. Mit ein wenig gutem Willen hätte man sich gütlich einigen können, denn der Schaden war nur sehr gering – wenn es überhaupt einen Schaden gab. Doch Audi wollte keine Einigung. Leute seiner Sorte sind es gewohnt, Menschen wie den Taxifahrer als Untergebene zu betrachten: Man pflegt nur dann mit ihnen Umgang, wenn sie im Haus die Böden schrubben oder die Toiletten reinigen. Ich weiß nicht, wie die Sache endete. Jedenfalls machte Audi mit seinem Handy eifrig Fotos vom Nummernschild des Taxis und von dem „Schaden“ an seinem wertvollen deutschen Wagen. Der Taxifahrer fürchtete das Schlimmste und wahrscheinlich hat er wirklich Grund, sich Sorgen zu machen, denn solches Geschmeiß wie Audi bewegt nur zu gern alle Hebel, um den „Pöbel“ in die Schranken zu weisen.

Wenn der Tag schon einmal schlecht angefangen hat, warum sollte er dann besser enden? Als wir zuhause ankamen, ließ sich das Schloss unserer Wohnungstür nicht mehr öffnen. Es klemmte. Die Riegel hatten sich durch die gewaltsame Türöffnung verzogen und schließlich so verkeilt, dass man ihn nicht mehr zurückziehen konnte. Die Tür saß fest wie zugeschweißt. Sicherlich hätte ich mir mit einem kräftigen Tritt Zugang zur Wohnung verschaffen können, doch dann hätte der Besitzer darauf bestanden, dass ich die Tür bezahle. Zum Glück waren an diesem Tag Handwerker im Haus. Der Besitzer ließ in aller Eile jene Sicherheitsmängel beheben, die der Einbruch offengelegt hatte. Er schickte einen Schlosser zu uns nach oben, um die Tür zu öffnen. Der Mann mühte sich redlich, aber auch Expertenhände vermochten die Tür nicht aufzubekommen. Ironisch schlug ich vor, doch das Schloss einfach aufzubohren. Der Schlosser entgegnete schlagfertig, genau das habe er gerade in diesem Moment auch vorschlagen wollen. Wir warteten dann noch einmal geschlagene zwei Stunden bis das Schloss endlich nachgab. Zwar kann ich die Fähigkeiten des Mannes als Schlosser nicht beurteilen, aber ganz sicher ist er der miserabelste Dieb, von dem man je gehört hat. Der Einbau eines neuen Schlosses war dann allerdings in ein paar Minuten erledigt.

Wir werden uns nach einer neuen Wohnung umsehen müssen, denn das Haus, in dem wir zur Zeit wohnen, ist nicht sicher – trotz aller Bemühungen des Hausbesitzers, diesen Zustand zu ändern. Seine Anstrengungen kommen zu spät. Wir und unsere Nachbarin werden ausziehen. Für den Besitzer der Anlage ist das ein finanzieller Verlust, zumal er nicht so schnell Nachmieter finden wird, wenn sich herumspricht, dass schon zweimal eingebrochen worden ist (vor vier Wochen drangen Unbekannte in die Parketage ein). Schon oft hat man davon gehört, dass immer wieder dieselben Häuser heimgesucht werden. Wenn es einmal etwas zu holen gab, warum dann nicht auch beim zweiten Mal? Wir wollen kein Risiko eingehen und wer sagt uns, dass wir beim nächsten Mal so glimpflich davonkommen?

Fazit

Ich bin in meinem ganzen Leben noch nie bestohlen worden, aber dies ist eine Erfahrung, die ich nicht unbedingt wiederholen möchte. Wir hoffen, dass wir bald ein Heim finden werden, in dem wir uns wohlfühlen und in dem wir sicher sind. Gewiss kann man nie vollkommene Sicherheit erwarten, weder in Ecuador, noch in Deutschland. Das ist etwas, das es nicht gibt und auch nicht geben kann. Dennoch sollte man sämtliche möglichen Vorkehrungen treffen, damit man solche bitteren Erfahrungen gar nicht erst machen muss. Das ist man sich und den Menschen schuldig, die man liebt.

Leibesertüchtigung

Gestern habe ich in Cumbayá zum ersten Mal ein Fitness-Studio besucht. Ich kann einfach nicht ohne Sport leben. Für jemandem, der noch nie bewusst Sport getrieben hat und der körperlicher Betätigung eher reserviert gegenübersteht, mag es schwer einzusehen sein, was so toll daran ist, in ein Sportstudio zu gehen: Menschen schwitzen und schnaufen, man muss sich bewegen und es ist anstrengend. Zwar halte ich es nicht mit dem großen Arnold Schwarzenegger, der seinerzeit auf dem Gipfel seines sportlichen Ruhmes meinte, Gewichte stemmen verschaffe ihm ein Gefühl, das er wörtlich als Orgasmus beschrieb, aber ganz Unrecht hat er natürlich nicht, denn nach einem guten Workout fühlt man sich einfach nur phantastisch. Nach einem guten Training ist die Welt in Ordnung, alle Sorgen haben sich – zumindest für eine Weile – in Luft aufgelöst und man fühlt sich einfach nur gut. Studien haben übrigens ergeben, dass Gewichte stemmen eine ähnlich positive Wirkung auf die Stimmung hat wie die gängigen Psychopharmaka.

Meine Frau und mein Sohn hatten einige Tage zuvor schon einmal ein Probetraining absolviert und lobten das Studio in den höchsten Tönen. Als alter Fitness-Profi war ich natürlich skeptisch, denn was der Laie als gut befindet, muss das Auge des Experten noch lange nicht erfreuen. Dennoch bin ich voller Vorfreude und Tatendrang mit ihnen zum Studio gefahren, ungeduldig der Dinge harrend, die auf mich warteten.

Das Studio mit dem vielversprechenden Namen „Physique“ befindet sich in der obersten Etage der größten Shopping-Mall Cumbayás, des Centro Comercial San Francisco. Wir hatten für den Abend einen Probetermin vereinbart. Wir kamen etwas später, aber niemand nahm uns die Verspätung übel, denn erstens sind wir in Ecuador und zweitens versprachen sich die Angestellten des Studios offenbar eine Provision für den Fall, dass wir einen Vertrag unterschrieben. Da wird man nicht so kleinlich sein und genau auf die Uhr sehen.

Die Mall ist so riesig, dass man schon zehn Minuten benötigt, um vom einen Ende zum anderen zu laufen. Das Einkaufszentrum ist praktisch neu, aber Käufer sah man an diesem Abend kaum. Die Flure lagen fast völlig verwaist, manche Geschäfte sind leer und andere stehen vor der Geschäftsaufgabe, was unschwer an den stark reduzierten Preisen abzulesen ist. Es heißt, das Centro Comercial sei ein gigantischer Flop und auf absehbare Zeit würde es sich nicht rentieren. Man munkelt, dass man es vielleicht sogar wieder schließen werde. Die Investitionen wird man wohl abschreiben müssen. Ich kann nicht allzu viel Mitleid mit den Bauherren empfinden.

Bevor wir zum Studio fuhren, haben wir noch schnell einen Cyber-Shop besucht (landläufig Cyber genannt – „Sieber“ ausgesprochen). Da wir selber noch keinen Internetanschluss in den eigenen vier Wänden haben und meine Frau ihr Datenvolumen auf dem Handy ausgeschöpft hat, ist das die einzige Möglichkeit, sicher ins Internet zu kommen. Am Ende dauerte es länger als geplant, was eigentlich nicht die Ausnahme, sondern die Norm ist, und dann musste ich auch noch meine Sportsachen holen. Zwar liegt der Cyber-Shop nur ca. zweihundert Meter von unserer Wohnung entfernt, aber man muss eine Steigung emporklimmen, um dorthin zu gelangen – auf zweitausend Metern Meereshöhe eine sportliche Herausforderung. Kaum zurück, fiel mir ein, dass ich meine Maus im Shop vergessen hatte. Meine Frau und mein Sohn saßen bereits im Bus, der startbereit wartete. Ich hatte wenig Hoffnung, die Maus an meinem Computerplatz wiederzufinden. Seit ich denken kann, erzählte mir meine Frau wahre Horrorgeschichten über die Kriminalität im Lande und da ich mich nicht auskenne, war ich gewogen, ihr zu glauben. Mittlerweile denke ich, sie übertreibt. Selbstverständlich gibt es Kriminalität, selbstverständlich werden Dinge gestohlen, aber ich bin überzeugt, die meisten Ecuadorianer sind so ehrlich wie meine Nachbarn in Berlin [Anmerkung des Autors: Nach einem Jahr Ecuador war ich gezwungen, meine Meinung gründlich zu revidieren. Siehe auch hier und hier.]

Als ich in die Tür des Cyber-Shops haste – ich muss immer den Kopf einziehen, weil der Türsturz so niedrig ist –, überreicht mir die Besitzerin die Maus, noch bevor ich etwas sagen kann. Der Laden ist voll und irgendjemand hat sie ihr gegeben. Sie lächelt und ich bedanke mich artig. Dann renne ich zum Bus und springe in den Einstieg, während der Fahrer schon Gas gibt – gerade noch geschafft.

Das Fitness-Studio macht einen ordentlichen Eindruck. Alles ist sauber und gepflegt, die Trainingsgeräte sind neu und die Trainer grüßen freundlich. Es gibt einen Cardiobereich, ein Areal für Freihanteln und eine Etage höher befindet sich eine Laufbahn. Es gibt einen Kurs- und einen Spinningraum. Die Geräte sind von Techno-Gym, einem renommierten italienischen Hersteller. Müsste man das „Physique“ mit einem bekannteren Studio vergleichen, würde man am ehesten das Fitness First heranziehen: Optik und Ausstattung sind ähnlich und auch die Trainer zeigen dasselbe debile Dauerlächeln. So weit, so gut.

Das Studio firmiert als Wellness-Club. Demzufolge steht nicht das Training, sondern das Wohlfühlen im Vordergrund. Es liegt mir fern, die Kompetenz der Trainer in Frage zu stellen – sicher verstehen sie ihr Handwerk –, wenn ich aber ein Studio besuche, ist mir nicht wichtig, ob die Trainer mich grüßen oder ob es einen Handtuchservice gibt. Mich interessiert vielmehr, wie gut das Trainingsangebot ist: Gibt es die Möglichkeit, Kniebeugen, Kreuzheben, Bankdrücken und Klimmzüge auszuführen – das ist, was mich interessiert. Das „Physique“ verfügt weder über einen Platz für Kniebeuge bzw. fürs Kreuzheben, noch über eine Klimmzugstange. Sicher, es gibt einen Spinningraum, es gibt Kurse, es gibt eine Sauna und eine Laufbahn. Aber brauche ich das alles? Ich will Hanteln, kein Wellness. Die meisten der Trainierenden sehen eher wie sportelnde Büromenschen aus, Leute, die einmal pro Woche ihr Alibitraining absolvieren. Man sieht ihnen nicht an, das sie Sport treiben. Und von den durchtrainierteren Besuchern haben zwar einige einen relativ gut entwickelten Oberkörper vorzuweisen, die Beine sind jedoch dünn. Wie sollten sie auch anders aussehen, da es keine Möglichkeit gibt, die Oberschenkel so zu trainieren, wie es sich gehört.

Meine Frau war ganz enttäuscht, als ich ihr eröffnete, dass das Studio nicht für mich geeignet sei. Außerdem fand ich den Preis viel zu hoch: 46 Dollar wären pro Monat zu entrichten. Das würde sich für mich nicht lohnen, denn schließlich möchte ich das Wellnessprogramm gar nicht in Anspruch nehmen. Warum sollte ich also dafür zahlen?

Es gibt in Cumbayá noch weitere Studios. In den nächsten Tagen werde ich versuchen, einige von ihnen zu besuchen, um mir einen Eindruck zu verschaffen, und ich hoffe, dass ich dort das finde, was ich suche: Eisen.

Wohnen in Cumbayá

Wir verbringen unsere erste Nacht in unserem Heim in Cumbayá. Noch ist die Wohnung fast kahl – außer ein paar Matratzen gibt es keine Möbel – doch schon am nächsten Tag sollen Sofa, Waschmaschine und Barhocker für unsere Küche geliefert werden. Herd und Kühlschrank sind schon da und müssen nur noch angeschlossen werden. Noch gibt es keinen Fernsehen, kein Telefon und kein Internet, so dass man das Gefühl hat, man sei von der übrigen Welt abgeschnitten. Ich könnte in ein Internetcafé gehen, aber das Haus, in dem wir wohnen, liegt in einiger Entfernung zum Zentrum von Cumbayá. Ich müsste erst ein Taxi nehmen oder den Bus, der zwar regelmäßig, aber nur in großen Abständen fährt. Aber eigentlich habe ich keine Lust und bleibe deshalb zuhause.

Für den Abend ist eine Mieterversammlung anberaumt. Das einzige Thema ist die Sicherheit. Abgesehen von der Sprache, merkt man, dass man sich nicht in Deutschland befindet, unter anderem sofort daran, mit welchem emotionalen Engagement hier Themen diskutiert werden. Zwischen den etwa zehn Personen, die sich in dem kleinen Gemeinschaftsraum der Wohnanlage versammelt haben, entspinnt sich sogleich eine lebhafte Diskussion. Da fliegen die Fetzen und manche der Anwesenden sind hochgradig erregt. Das Thema ist brisant, denn die Kriminalitätsrate ist in Ecuador ungleich höher als in Deutschland. Jeder, der etwas besitzt, ist in Gefahr, Opfer eines Überfalls zu werden, und ein Haus wie dieses zu bewohnen, ist für nicht wenige Leute hierzulande der Beweis, dass man reich ist. Erst neulich, so erfährt man, seien Unbekannte in das Parkgeschoss eingedrungen und hätten versucht, ein Auto zu knacken. Die Bewohner der Anlage diskutieren geschlagene drei Stunden, ehe ihnen schließlich die Puste ausgeht.

Sicherheit ist ein großes Thema. Alle Wohnanlagen in der Umgegend – auch unsere – sind mit Mauern, Elektrozäunen, Warnmeldern, Scheinwerfern und allen nur denkbaren Einbruchsicherungen versehen. Und es gibt tatsächlich etwas zu holen: manche der Anwesen sind überaus luxuriös ausgestattet, mit englischem Rasen, Pools, Pavillons und Gärten. Die Häuser sind ein Traum, mal ganz schlicht im Bauhausstil, mal ausladend postmodern oder klassisch im spanischen Kolonialstil mit wunderschönen Ziegeldächern und Brunnen vor dem Eingangsportal. Von außen wird der Blick durch hohe Mauern abgeschirmt.

Von der Straße aus betrachtet, machen selbst die luxuriösesten Anwesen kaum Eindruck auf den Betrachter. Understatement ist Teil der Strategie. Lediglich die Länge der vier Meter hohen Mauern gibt einen Hinweis auf die Größe des Grundstücks, aber nur, wenn sich zufällig einmal die Pforten öffnen, wenn etwa das Dienstpersonal zum Einkaufen geschickt wird oder die Gärtner ihre Arbeit verrichtet haben, kann man einen Blick ins Innere erhaschen. Zusätzlich zu allem technischen Sicherungsaufwand ist am Tor oft noch ein Wächterhäuschen aufgestellt, von dem aus der Mitarbeiter einer Wachschutzfirma den Eingang kontrolliert. Manch einer zieht gleich in eine Guarded Community, eine Wohnanlage mit Wachschutz. Ein Freund unserer Familie besitzt ein Haus in einer solchen Anlage. Das Prozedere ist etwas umständlich, aber Sicherheit geht bekanntlich vor: Man kommt nur hinein, wenn man dort wohnt oder von einem der Residenten eingeladen wurde. Der Posten fragt nach dem Namen und ruft den Bewohner an und erst, wenn dieser seine Zustimmung gibt, darf man hinein. Es muss ein wirklich demütigendes Erlebnis sein, durch die Sprechanlage hindurch abgewiesen zu werden.

Nach der abendlichen Versammlung kam noch ein Mann vorbei, um sich die Mängel in unserer Wohnung anzusehen (einige Griffe sind locker). Ich dachte erst, unser Besucher sei der Hausmeister, aber dann erfuhr ich, dass es sich um den Besitzer der Wohnanlage handelte. Dem Anschein nach war er noch keine vierzig. Auf dem Grundstück stehen mehrere Häuser mit insgesamt vielleicht zehn oder zwölf Wohneinheiten. Manche der Apartments kann man mieten, andere wurden verkauft. Man hört, dass eine Wohneinheit 150.000 Dollar kostet – dafür bekommt man hier schon ein schmuckes Haus, das auch nicht zu klein ist. Trotz des für ecuadorianische Verhältnisse nicht gerade einladenden Preises sind alle Einheiten verkauft und auf den Grundstücken nebenan wird eifrig an weiteren Apartment-Häusern gebaut.

Martialische Aufmärsche

Der 10. August ist in Ecuador ein Feiertag. In Bahía lassen es die Menschen eher ruhig angehen. Die Geschäfte haben jedoch geöffnet, denn es sich viele Touristen in der Stadt und die Geschäftsleute versprechen sich guten Umsatz. Man kann einkaufen oder Essen gehen wie an jedem anderen Tag des Jahres. Wir besuchten gerade eine Großtante meiner Frau (die Familien sind hier unglaublich weit verzweigt und alle Mitglieder wohnen im selben Ort), als die Truppen des örtlichen Armeekommandos direkt unter dem Balkon des Hauses der Tante vorbeiparadierten. Es mögen insgesamt um die fünfhundert Soldaten gewesen sein und alle waren in voller Kampfmontur angetreten. Sie waren ausgerüstet mit schwerem Marschgepäck und sie waren natürlich bewaffnet – was ist denn ein Soldat ohne seine Waffe! Ich kann mir kaum vorstellen, dass man sie für eine Parade bis an die Zähne aufmunitioniert hatte – Schüsse, auch Salutschüsse, wurden jedenfalls nicht abgefeuert.

Die Hauptstraße des Ortes war zuvor für den Verkehr weiträumig gesperrt worden. Am Rande der Straße hatte man ein Zelt für die Honoratioren aufgebaut und davor befand sich eine kleine Rednertribüne. Natürlich war der Bürgermeister der Stadt anwesend nebst weiteren wichtigen Persönlichkeiten in Zivil. Darüber hinaus hatten sich noch höhere Chargen des Militärs eingefunden, darunter der Kommandeur jener Abteilung, die in den Straßen der Stadt angeteten war. Er hielt eine patriotische Rede, die – nach seiner Gestik zu urteilen – vor markigen Floskeln nur so strotzte. Unter dem Zeltdach saß auch ein Offizier in strahlendweißer Marineuniform. Bevor aber die an solchen Tagen üblichen Reden gehalten wurden, ließ man die Soldaten, die schon so unter der Hitze zu leiden hatten, noch Übungen abhalten, die wohl den stählernen Willen der Truppe manifestieren sollten: Da wurde das Bajonett aufgepflanzt, Kampfstellung eingenommen und gebrüllt, dass man meinte, die Truppe probe schon mal den Sturmangriff auf die Stadt. Die Tante meinte, soetwas hätte man noch nie in den Straßen Bahías gesehen.

Der martialische Aufmarsch könnte damit zusammenhängen, dass für den 13. August ein landesweiter Streik geplant ist. Eine Abordnung der indigenen Bevölkerung hat einen Marsch auf Quito unternommen, um der Regierung ihr Anliegen vorzutragen. Worum es genau geht, weiß ich nicht zu sagen, denn hier in Bahía lebt man wie auf einer der Inseln der Seligen; wichtige Nachrichten finden ihren Weg hierher erst mit Verspätung. Die Regierung fürchtet, die Situation könnte außer Kontrolle geraten und sie scheint es für geboten zu halten, der Bevölkerung klarzumachen, dass man dies nicht zulassen werde. In Ecuador können vermeintlich harmlose Anlässe zum Sturz ganzer Regierungen führen. In der Vergangenheit mussten schon Regierungen unter dem Druck der Straße zurücktreten oder wurden schlicht aus dem Amt gejagt – man stelle sich vor, soetwas wäre in Deutschland möglich. Gegen die Regierung des derzeitigen Präsidenten hat es in der Vergangenheit schon einen Putschversuch gegeben, der jedoch ziemlich lächerlich war und der letztendlich scheiterte, weil die Armee loyal blieb.

Der Aufmarsch der Armee dauerte vielleicht eine Stunde. Es herrschte eine unangenehme, drückende Hitze und mancher Soldat nutzte die Gelegenheit und schob seinen schwachen Kreislauf vor, um dem Spektakelt fernbleiben zu dürfen. Während die Kameraden in Habachtstellung und mit ernsten Gesichtern den Reden lauschten, sah man jene Schwänzer mit ihrer Marschausrüstung und ihrer Waffe in den kleinen Lokalen oder am Bürgersteig sitzen und Eis essen oder etwas trinken oder einen Snack vertilgen. Sie plauderten mit den Passanten und blickten auf die Vorgänge, die sich direkt vor ihren Augen abspielten, als gehörten sie gar nicht dazu. Dann, ganz plötzlich, war der Spuk vorbei; die Truppe rückte wieder ab, das Zelt wurde abgebaut, die Straßensperren entfernt und es war, als wäre nichts passiert.

Am Abend gehen meine Frau, mein Sohn und ich zusammen aus. Mit meiner Frau durch die Stadt zu flanieren, ist ein sehr zeitaufwändiges Vergnügen, denn alle paar Schritte begegnet ihr jemand, den sie kennt – und da die Stadt klein ist, kennt sie fast alle ihre Bewohner. Die Höflichkeit gebietet, dass man ein wenig Konversation betreibt, nach dem Befinden fragt, sich nach den Kindern erkundigt usw. Das ist alles sehr schön, doch am Ende kommt man nie dort an, wo man eigentlich hin will. Alles dauert ewig, denn es ist fast unmöglich, ohne solche erzwungenen Zwischenstopps zum Ziel zu gelangen. Die Leute haben Zeit, niemand hat es hier je eilig. Daran muss man sich erst gewöhnen.

Wir haben kaum das Haus verlassen, da laufen wir an einem Restaurant vorbei und genau in diesem Moment tritt der Besitzer vor die Tür. Sein Name ist Miguelangel und natürlich kennt er meine Frau. Er ist etwa 1,90 Meter groß und etwa so angezogen, wie man sich einen New-Age-Sektenchef vorstellt. Als ich ihn so sah, musste ich sofort an Stromberg, den Bösewicht aus einem der Bond-Filme, denken. Seine Art ist nicht unangenehm, aber er ist Maitre eines Restaurants und man merkt, dass er den Umgang mit Gästen über Jahre eingeübt hat: Er ist überaus freundlich, leutselig und durch kleine Gesten erwirbt er sich schnell das Vertrauen seines Gegenübers. So klopft er jedem dauernd auf die Schulter, Frauen fasst er gern an der Hand, und auch sonst legt er eine auffallend patriarchalische und zugleich leutselige Attitüde an den Tag. Ich fühle mich irgendwie an den Großen Zampano erinnert. Für seine 73 Jahre hat er sich bemerkenswert gut gehalten. Er erfreut sich noch immer einer unglaublichen Haarpracht, in der gerade erst einige silberne Strähnchen schimmern. Sein Bruder ist übrigens Arzt und er hat schon mehrmals für das Bürgermeisteramt kandidiert. Der Bruder, obwohl älter, sieht sogar noch jünger aus. Beide stammen aus einer der besseren Familien der Stadt und beide sind stadtbekannt. Es dauert eine Ewigkeit bis wir wieder wegkommen. Wir müssen versprechen, ihn irgendwann wieder zu besuchen.

Der Onkel meiner Frau betreibt einen kleinen Baustoffhandel in Leonidas Plaza. Das ist eine Art Vorstadt von Bahía de Caráquez, ein paar Kilometer landeinwärts. Innerhalb einer Woche wurde er zweimal überfallen. Die Diebe kamen mit gezogener Waffe und zwangen ihn, ihnen die Tageseinnahmen auszuhändigen. Die Polizei tut nichts. Viele im Ort mutmaßen, dass die Diebe mit den Gesetzeshütern unter einer Decke stecken. Natürlich ist das nur so ein Gerücht, das durch keinerlei Beweise erhärtet werden kann. Der Grund für die Überfälle sind meist Drogen und die damit in Zusammenhang stehende Beschaffungskriminalität. Das Problem ist nicht neu – als meine Frau noch zur Schule ging, hatte die Stadt bereits ein Drogenproblem und es waren und sind nicht nur die Angehörigen der ärmeren Schichten, die Drogen nehmen. Auch Kinder der reicheren Familien greifen zu verbotenen Substanzen und nicht wenige haben sich damit die Zukunft verbaut und letztlich ihr Leben zerstört.

Die Täter, so hört man, kommen aus Bahía. So viel scheint sicher; man weiß, wer sie sind, und dennoch unternimmt die Polizei nichts dagegen. Das ist für die Leute schwer zu verstehen. Vielleicht glaubt man deshalb, die Polizei würde auch noch an den Raubüberfällen verdienen. Vor einigen Tagen lief eine Cousine meiner Frau an der Standpormenade entlang. Sie hatte ihr Handy dabei und hielt es auch noch gut sichtbar in der Hand. Ein Motorrad brauste heran, der Fahrer entriss ihr blitzschnell das Handy und raste davon. Ich habe von dem Wunsch Abstand genommen, mit der Kamera durch die Stadt zu laufen und Bilder zu machen. Niemand trägt hier in der Öffentlichkeit Kameras oder Handys. Ich glaube, ich richte mich nach den Einheimischen. Der Onkel ist mit den Nerven übrigens ziemlich fertig und er erwägt ernsthaft, sein Geschäft an den Nagel zu hängen. Man kann es ihm nicht verdenken.

Auf der Suche nach Bequemlichkeit

An einem Sonnabend wollten wir uns nach Matratzen, Betten, einem Kühlschrank und einem Fernseher umsehen – kurz, nach allem, was das Leben komfortabel und lebenswert macht. Zunächst suchten wir nach einer Möglichkeit, preiswert drei Matratzen für uns zu kaufen, denn teuer bekommt man sie immer. Die Kunst besteht aber darin, die Sachen billig zu bekommen, oder zumindest billiger als anderswo. Und in der Kunst, etwas billiger zu kriegen als anderswo, darin ist der Ecuadorianer Meister. Ich muss erwähnen, dass meine Frau, obwohl sie schon sehr lange in Deutschland lebt, geborene Ecuadorianerin ist, und demzufolge in diese mir verschlossene Kunst vollständig eingeweiht ist.

Als wir los wollten, trafen wir unseren Nachbarn, der uns zwei Tage zuvor den Schlüssel zur Wohnung ausgehändigt hatte. Er gab uns ein paar Tipps, wo wir suchen sollten und wie wir schnell dorthin gelangen könnten, denn zwar ist meine Frau Ecuatorianerin, aber sie stammt nicht aus Quito. Ich hatte einen Rucksack mit einer Kamera dabei und der Nachbar riet, die Kamera in jener Gegend, die wir beabsichtigten zu besuchen, sicherheitshalber nicht hervorzuholen; auch sollte ich mir den Rucksack vor den Bauch hängen und vor allem immer gut festhalten. Ich war so verunsichert, dass ich mir schwor, mir seinen Rat zu Herzen zu nehmen.

Wir fuhren mit dem Bus. Ein Fahrt kostet nur 25 Cents, aber dafür kann man ein Abenteuer erleben. Nicht nur fährt man für nur einen Vierteldollar von einem Ende der Stadt bis zum anderen, unterwegs kann man auch erfahren, was sportliches Fahren eigentlich bedeutet. Wenn man einen Stehplatz hat, ist es ratsam, sich stets mit beiden Händen gut festzuhalten, sich breit hinzustellen und leicht in die Knie einzufedern. Die Kurven werden von den Fahrern, die den aggressiven Fahrstil bevorzugen, grundsätzlich mit Vollgas genommen, und wer sich nicht gut festhält, wird gegen die Scheibe geschleudert. Anders als in Berlin, fährt man immer noch mit der traditionellen Knüppelschaltung und die meisten Busfahrer geben nach dem Schalten so hart Gas, dass ihr Gefährt formlich einen Satz nach vorn macht. Wer sich nicht festhält, landet unweigerlich auf dem Hosenboden.

Das Ein- und Aussteigen an sich ist schon ein Abenteuer, denn die Busse stoppen an den Haltestellen immer nur kurz und der Fahrgast, der das Pech hat, als Letzter einzusteigen, ist nicht selten gezwungen, auf den fahrenden Bus aufzuspringen, um überhaupt noch mitzukommen. Damit es keine Verzögerungen an den Haltestellen gibt, öffnen die Fahrer oft schon vorher die Türen, während der Bus noch mit Höchstgeschwindigkeit fährt, was aber auch den Vorzug hat, dass es drinnen immer schön frisch ist.

Während der Fahrt füllte sich der Bus immer mehr. Ich stand eingekeilt zwischen Menschen mit indigenen Gesichtszügen und ich kann mit einiger Sicherheit sagen, dass ich der einzige Weiße in dem ganzen Bus war. Mein Sohn ist ja zumindest halber Ecuadorianer und wenn es darauf ankommt, zählt die eine Hälfte – nicht, dass ich mir darüber je ernsthaft Gedanken gemacht hätte oder dass es für mich überhaupt wichtig wäre. Wenn man aber plötzlich merkt, dass man weit entfernt von allem ist, was man als vertraut empfindet, wird einem klar, dass die Welt größer ist, als man glaubte, und dass das, was man für den Mittelpunkt hielt, in Wahrheit nur eine Provinz unter vielen ist. Ich bin mir sicher, in diese Gegend Quitos verirrt sich nie ein Tourist, denn das ist nicht das Quito, das der gewöhnliche Tourist zu sehen wünscht.

Als wir ausstiegen, herrschte überall geschäftiges Treiben. Es war Markt, Leute verkauften Obst, Gemüse, Gewürze und alles, was man sonst so zum Kochen braucht. Eine von Baldachinen überdachte Ladenzeile mit Dutzenden Marktständen zog sich den Berg hinauf. Straßengarküchen gaben Essen aus. Man sah knusprig frittierte Truthahnflügel und kross gebratenes Schweinefleisch mit Mais und Kartoffeln, große Kessel mit deftigen Eintöpfen. Ich wäre gern noch länger geblieben und hätte auch gern fotografiert, aber ich entsann mich der Warnung unseres Nachbarn und ließ es lieber. Man starrte mir auch so schon auf Schritt und Tritt hinterher. Aber es war kein böses Starren, eher ein neugieriges, verwundertes Mustern.

Wir besuchten einen Möbelmarkt. Um eine Halle herum hatte man weitere Marktstände aufgebaut und notdürftig mit Wellblech überdacht. Das war keine Ikea-Verkaufsaustellung, denn die Möbel waren oft meterhoch gestapelt und zwischen ihnen saßen die Besitzer auf Hockern oder auf den Stühlen, die sie selbst verkauften und taxierten die Kunden. Oft wusste man nicht, wo ein Laden aufhörte und wo der nächste anfing, denn noch der letzte Quadratzentimeter war mit Ware vollgestellt. Es war gerade Mittagszeit und die meisten Besitzer saßen eingekeilt zwischen ihren Waren und ließen sich ihre deftige Mahlzeit schmecken (ich sah Schweinefleisch mit Mais und Kartoffeln). Wenn wir vorbeigingen, hoben sie die Köpfe und sahen uns an, als wären wir eben einem Raumschiff entstiegen. Einen wie mich, hat man hier bestimmt noch nie gesehen.

Die Ausländer und Touristen tummeln sich zumeist im historischen Stadtkern und auf der Avenida Amazonas, in Gegenden, die von den Einheimischen halb belustigt, halb spöttisch „Gringolandia“ genannt werden. Meine Frau und mein Schwager gingen voraus, denn als „Gringos“ würden wir nur die Preise kaputtmachen. Mein Sohn ist zwar halber Latino, aber für einen Ecuadorianer ist er viel zu hell. Selbstverständlich konnte man von einem Gringo etwa für denselben Schrank mehr verlangen als von einem Einheimischen. Was macht es da schon für einen Unterschied, dass ich gar kein Gringo bin (Gringos werden für gewöhnlich nur die Nordamerikaner genannt). Aber das ist wohl historische Gerechtigkeit. Ich fand’s nur lustig, denn ich hätte mich kaum verstecken können – selbst, wenn ich es gewollt hätte – und so zu tun, als wäre ich ein Einheimischer, war aus naheliegenden Gründen ebenfalls ausgeschlossen. Genauso gut hätte ich mir gleich ein pinkfarbenes Eisbärkostüm anziehen können. Damit hätte ich auch nicht mehr Aufmerksamkeit auf mich gezogen, als ich ohnehin schon genoss.

Zwar kauften wir nichts, aber andere kauften und so wurden ständig Waren aus dem Markt herausgetragen. Das Schleppen übernahm ein Träger. Er war mindestens sechzig Jahre alt und nur halb so groß wie ich. Trotzdem lud er sich unglaubliche Lasten auf die Schultern. Ich sah mit eigenen Augen, wie er eine ganze Schrankwand schulterte, als wäre es nichts. Seine Last war mindestens doppelt so groß wie er selbst. Und dann, nachdem er sie sich aufgeladen hatte, preschte er mit kleinen Trippelschritten los, seine Last geschickt zwischen den Möbelbergen hindurchbalancierend; im Laufschritt fegte er durch die engen Gänge. Wenn ihm ein Kunde im Weg stand, forderte er ihn freundlich auf, beiseite zu treten. Ich halte mich nicht für einen Schlappschwanz, aber hätte ich auch nur für einen Tag tun müssen, womit dieser Mann sich wahrscheinlich schon sein ganzes Leben lang abplagt, wäre ich am Abend zusammengebrochen und mein Rücken wäre ruiniert.

Wir fuhren mit dem Bus zurück. Die Pfennigfuchser unter uns hatten haarscharf kalkuliert: Eine Busfahrt schlug mit 25 Cent pro Person zu Buche; wir waren vier, also zahlten wir einen Dollar. Eine Taxifahrt hätte zwei Dollar gekostet. Sparen kann so einfach sein! Beim Ausstieg wurde so gedrängelt, dass man Angst hatte, einem würden die Kleider vom Leib gerissen. Eine Frau hatte sich ihr Baby mit einem Tuch auf den Rücken gebunden, doch sie ging nicht weniger zielstrebig als die anderen daran, sich ihren Weg durch die Menge zu bahnen. Dann, als sie sich in einen Durchgang schob, stieß sich das Kleine den Kopf so heftig am Türrahmen, dass es „Boing“ machte. Doch das Baby schlief einfach friedlich weiter. Vom Bus ging es durch eine Schleuse, an welcher der Vierteldollar für die Fahrt zu entrichten war. Mein Sohn fand das spaßig und vergaß, das Geld in den Schlitz zu werfen. Ein Polizist wies ihn sogleich streng zurecht; reumütig ging er zurück und warf die Münze ein. Erziehung braucht manchmal eben doch Autorität.

Zu Mittag aßen wir in einem kleinen Restaurant mit Namen Café Ambassador: Lange schwere Holztische und Bänke, die Türrahmen mit Schnitzwerk versehen, die Decke von Holzbalken gestützt – man hatte den Eindruck, man befinde sich in einem bayerischen Traditionswirtshaus. Serviert werden einfache Gerichte. Ich hielt mich an das, was ich kenne und bestellte Churrasco. Das ist eine gegrillte Scheibe Rindfleisch, dazu zwei Spiegeleier, die darüberdrapiert werden. Reis und eingelegte Babykartoffeln dienen als Beilagen. Dazu trinkt man am besten ein Bier und ich bestellte mir gleich eins der Marke „Club“. In Ecuador gibt es zwei bekannte einheimische Biermarken. Die eine ist „Pilsener“, die andere „Club“. Beide schmecken sehr gut und brauchen den Vergleich mit europäischen Bieren nicht zu scheuen. Ich finde allerdings, das Pilsener hat ein wenig zu viel Kohlensäure und daher halte ich mich lieber an das Club.

Das Essen ist von wirklich sehr guter Qualität. Das Lokal selbst ist sehr sauber und sieht ordentlich aus; ich glaube nicht, dass man Angst haben muss, sich den Magen zu verderben. Man muss auch nicht lange auf sein Essen warten: Man bestellt am Tresen und bezahlt. Dann bekommt man eine Nummer ausgehändigt (ein kleiner Holzwürfel mit einer Zahl darauf), die man auf den Tisch stellt. Schon nach kurzer Zeit ist die Bedienung da und bringt das Essen. Es muss alles schnell gehen, denn die Leute, die hier essen, sind zumeist Angestellte aus den umliegenden Büros und Geschäften. Sie würden wohl kaum ihre kostbare Mittagspause damit verschwenden wollen, auf ihr Essen zu warten. Das Essen selbst ist sehr gut, und für solch ein exzellentes Essen zahlt man einen geradezu lächerlichen Preis. Das Almuerzo, also das Tagesgericht, kostet immer 3,50 Dollar. Dafür bekommt man Fleisch oder Fisch mit Soße, Kartoffeln oder Kartoffelbrei, Reis und Salat. Vorweg gibts noch eine Suppe und anschließend ein kleines Dessert, in diesem Fall ein Stück Bananenkuchen. Das Churrasco kostete übrigens 5,50 Dollar, aber auch das ist nicht viel für einen vollen Mittagsteller. Man ist pappesatt und gut schmeckt es auch. Touristen sieht man hier übrigens auch nicht.