Abschied vom Pazifik

Am Tag vor unserer Abreise aus Bahía fahren wir nach Manta an den Strand. Santa Marianita liegt nur wenige Kilometer westlich der großen Stadt und doch hat man den Eindruck, man sei einen halben Kontinent und einen Ozean von der nächsten größeren Ansiedlung entfernt. Der Strand ist mit dem Auto gut erreichbar, denn die nagelneue Küstenstraße – ein Teilstück von Ecuadors Küstenautobahn, der Ruta del Spondylus – verbindet Manta auf dem kürzesten Weg mit all den anderen wundervollen Orten, die sich jenseits der Stadt wie Perlen an einer Kette aufreihen.

Kurz vor Manta kommen wir durch einen Wald von Ceibos, jenen gewaltigen Bäumen, deren bauchig ausladende Stämme an Wasserschläuche erinnern. Der Baum speichert darin das kostbare Nass, das er braucht, um die langen Trockenzeiten zu überstehen. Die Gegend erinnert in der Tat an eine Wüste und außer den Ceibos und etwas Gestrüpp, das sich verzweifelt an die staubtrockene Krume krallt, sieht man so gut wie kein Leben. (Es kann allerdings vorkommen, dass man in dieser gottverlassenen Gegend echten Aliens begegnet, Reisenden von fremden Welten, die auf diesem lebensfeindlichen Planeten gestrandet sind mit nichts weiter bewaffnet als einer teuren Spiegelreflexkamera mit Teleobjektiv.)

Bei Manta empfängt uns der pazifische Ozean wie eine Offenbarung. Sonnenglanz liegt blendend hell auf dem Wasser. Die See wiegt sich im Glitzern von Abermillionen von Diamanten. Im Hafen von Manta schaukelt ein Wald von Masten sanft in den Wellen. Ich habe Lust, an Bord zu gehen. Die Magie dieses ruhigen sonnigen Ozeans lockt mich an die entferntesten Gestade. Der Parkplatz vor dem Murcielago-Beach, dem Vorzeigestrand der Stadt, ist nicht übermäßig gefüllt – seit dem Beben hat Manta, wie viele Städte an der Küste, empfindliche Einbußen im Tourismusgeschäft hinnehmen müssen.

Es hat den Anschein, in Santa Marianita würde der Strand nur auf uns warten. Man sieht eine Handvoll Badender, aber sie verlieren sich in der schier grenzenlosen Ausdehnung der Küste. Die bunten Segel der Kite-Drachen hängen am ätherisch blauen Himmel. Sie wiegen sich im Wind wie Blumen an dünnen Blütenstängeln. Immer hat man den Eindruck, man sei allein. Das Geräusch des Windes und der Klang der Wellen verschlucken die Stimmen der anderen Besucher. Doch es besteht auch keine Notwendigkeit, enger zusammenzurücken, denn der Strand scheint an diesem Tag ohnehin viel zu groß zu sein für so wenig Gäste.

Später, ermattet von Sonne und Meer wie die Quallen in den Gezeitentümpeln, versuchen wir irgendwo etwas zu essen. Die Bars in unserem Rücken sind geschlossen wie auch fast alle Restaurants. Wir müssen weit laufen, um überhaupt ein Lokal zu finden, das geöffnet hat, und dann ist das Essen ziemlich gewöhnlich, aber dafür kommen uns die Preise reichlich übertrieben vor. Vielleicht empfindet es das halbe Dutzend Gäste, das trübsinnig an den Tischen hockt, ganz genauso: Missmutig stochern die Leute in den lieblos zubereiteten Fisch- und Krabbengerichten herum. Nicht wenige erwecken ganz den Anschein, als bedauerten sie, etwas bestellt zu haben. Wir kaufen nur Wasser und eisgekühlte Fanta und begnügen uns darüber hinaus mit Keksen und Schokolade aus unserem Notvorrat.

Der Hund hetzt derweil am Strand umher, als hätte man ihn mit starken Aufputschmitteln vollgepumpt. Mit hängender Zunge jagt er am Wasser entlang. Zu versuchen, ihn wieder einzufangen, wäre aber zwecklos, denn obwohl er so klein ist, kann er rennen wie ein geölter Blitz. Irgendwann hat er genug und dann kommt er von allein zurück, glücklich hechelnd, wie mir scheinen will. Ins Wasser wagt er sich zwar nicht, aber dafür gräbt er mit großer Hingabe Löcher in den Sand. Vielleicht hat ja jemand seine Lieblingssnacks am Strand verbuddelt. So ein verrücktes Hundi!

Wir bleiben, bis die Sonne nur noch zwei Hände breit über dem Meereshorizont hängt. Wir hätten die Abendstimmung gern noch ein wenig länger genossen, aber wir müssen zurück nach Bahía. Nächtliche Fahrten auf den größtenteils unbeleuchteten Straßen sind nicht immer ein Vergnügen und ganz ungefährlich sind sie auch nicht. Wir möchten nicht in Verlegenheit geraten, Manta, die große, quirlige Hafenstadt, nach Einbruch der Dunkelheit durchqueren zu müssen, zumal sich das Korps der freiwilligen „Helfer“, das die Stadt nächstens nach hilfsbedürftigen Fremden durchstreift, seit der Erdbebenkatastrophe beträchtlich vergrößert hat.

Das herabsinkende Tagesgestirn breitet seinen Strahlenfächer über das Meer und wo das Licht den Ozean berührt, verwandelt dieser sich in geschmolzenes Silber. Unter einer dünnen erkalteten Kruste scheinen die Wolken von innen heraus zu glühen. Schiffe ziehen über den Horizont, schwimmen durch die trüben Lichtbalken, als versuchten sie, den Tag mit ihren Netzen einzufangen. Wir spüren eine große Wehmut, denn es ist der letzte Abend, den wir in Bahía verbringen sollten, und es ist unser letzter Besuch am Strand. Schon bald werden wir vom Pazifik Abschied nehmen. Es wird ein Abschied für immer sein.

Clash of Clans

Die Begegnung, die wir an diesem Abend haben sollten, war für mich in vielerlei Hinsicht lehrreich. Auch wenn das Gespräch, das sich zwischen uns und unserem Gastgeber entspann, sehr schnell offenbarte, dass uns Welten trennten, war es doch wider Erwarten kein unangenehmes Zusammentreffen. Im Gegenteil, unser Gastgeber verstand es, uns jederzeit das Gefühl zu geben, wir seien willkommen. Wir waren kaum je einer Meinung und dennoch kam nie der Eindruck auf, wir wären ihm darob weniger liebe Gäste.

Unser Gastgeber ist Politiker und offenbar hat er eine Mission. Zumindest erweckte er den Anschein, doch bei Politikern kann man das nie so genau sagen, denn eine Mission kann ein brauchbares Vehikel sein, die eigene Karriere voranzutreiben, und welcher Politiker käme nicht zu der Überzeugung, dass sein derzeitiger Platz in den Rängen der Politik keineswegs seiner wahren Bestimmung entspreche. Ich hatte den Verdacht, der Mann versuchte ernsthaft, uns zu seinen Ansichten zu bekehren, aber das ist vielleicht nur eine Berufskrankheit, wie das dauernde Siegerlächeln und der männliche Händedruck, eine Marotte, die man nur schwer wieder ablegen kann, nachdem man gezwungen war, sie anzunehmen.

Nur wenige Begegnungen bleiben einem derart im Gedächtnis haften und vor allem sind nur wenige wert, festgehalten zu werden. In mir reifte der Entschluss, von diesem Abend zu berichten. Sobald wir wieder zuhause waren, begann ich mir deshalb Notizen zu machen, denn dass Details mit der Zeit verschwimmen, ist so sicher wie das Delirium nach der samstäglichen Berliner Partynacht. Zudem ist das Gedächtnis ein unzuverlässiger Zeuge, denn es färbt die Erinnerungen stets in der Farbe, die ihm am angenehmsten ist.

Nach dem Erdbeben, das Bahía de Caráquez und die ganze Küstenregion von Esmeraldas bis nach Guayaquil getroffen hatte, versuchte meine Frau, ihrer Familie das Leben ein wenig erträglicher zu machen. Ihre Angehörigen leben in Bahía. Wir hatten haltbare Nahrungsmittel, Medikamente, Kleidung und auch zwei Zelte besorgt (nach dem Beben hatten alle Angst, in ihren Häusern zu schlafen) und wir beabsichtigten, die Sachen mit einem Hilfstransport an die Küste zu schicken.

Beinahe täglich machte sich damals ein Versorgungskonvoi zur Küste auf. Auch der Arbeitgeber meiner Frau, die Deutsche Schule Quito, engagierte sich mit einem Hilfsprogramm. Man organisiert einen großen Konvoi, der die Eingeschlossenen mit allem versorgen sollte, was sie in dieser kritischen Situation benötigten. Meine Frau wollte die Chance nutzen und zur Küste mitfahren, doch leider ergab sich keine Gelegenheit und dass sie die Kartons für ihre Familie einfach mitschickte, erwies sich aus vielerlei Gründen als unmöglich.

Wir überlegten nun, wie die Nahrungsmittel, die Kleidung und die Zelte nach Bahía gelangen könnten. Ein privat organisierter Transport – man hätte die Sachen mit dem Auto an die Costa schaffen können – wäre angesichts der zu erwartenden Schwierigkeiten kaum möglich gewesen: Die Straßen waren noch immer zerstört und eine ausufernde Kriminalität machte eine Fahrt an die Küste zu einem gefährlichen Abenteuer. Meine Frau war völlig verzweifelt, denn es schien, die Sachen würden nicht mehr rechtzeitig in Bahía eintreffen.

Enttäuscht und traurig räsonierte sie eines Tages vor einer ihrer Klassen darüber, dass sie keine Möglichkeit gefunden hätte, ihrer Familie zu helfen. Nach dem Unterricht suchte eine ihrer Schülerinnen das Gespräch. Sie eröffnete meiner Frau, dass es vielleicht doch möglich wäre, etwas nach Bahía zu schicken, denn ihr Vater organisiere selber einen Hilfstransport und dieser gehe schon am nächsten Tag zur Küste ab. Die Schülerin erklärte, ihre Familie würde sich sehr freuen, wenn meine Frau den Vorschlag annehmen könnte. Es gäbe genug Platz. Wir müssten die Pakete nur einfach noch an diesem Abend bei ihr in der Wohnanlage abgeben.

Am Abend luden wir die Kartons ins Auto und führen zu der Wohnanlage, in der die Familie des Mädchens residiert. Meine Frau war heilfroh, dass sich doch noch eine Möglichkeit ergeben hatte, etwas nach Bahía zu schicken. Zwar befindet sich die Urbanisation in Cumbayá, doch sie liegt in einer Gegend, die wir noch nie zuvor besucht hatten und deshalb wussten wir auch nicht, wie wir dorthin gelangen sollten.

Sucht man in Berlin einen unbekannten Ort, würde man einfach in die Straßenkarte schauen und in der Regel findet man auch, wonach man sucht. Da hier in Ecuador fast jeder in irgendeiner Urbanisation lebt und jede der Wohnanlagen einen unverwechselbaren Namen trägt, reicht es völlig aus, den Namen der Wohnsiedlung zu kennen. Leider sind Urbanisationen in keiner Karte verzeichnet (geschweige denn in den Karten des Navi) und wenn man sich, so wie wir, nicht auskennt, kann man manchmal wirklich verzweifeln.

Wir fragten Leute auf der Straße. Normalerweise erntet man als Antwort nur ein Schulterzucken oder eine vage Angabe, die sich als richtig oder falsch herausstellen kann (ehe die Leute zugeben würden, dass sie den Weg nicht kennen, sagen sie lieber irgendetwas, von dem sie bloß annehmen, dass es die richtige Richtung sei). Selbst in einer so überschaubaren Stadt wie Cumbayá geht die Zahl der Wohnsiedlungen in die Dutzende und nicht einmal die Alteingesessenen kennen alle.

Doch die Urbanisation, die wir suchten, war ausnahmsweise so bekannt, als würde man in Berlin nach dem Brandenburger Tor fragen. Jeder, den wir ansprachen, kannte sie nicht nur, sondern jeder konnte uns auch exakt beschreiben, wie wir dorthin gelangten. Ich konnte mich nicht entscheiden, ob ich dies für ein gutes oder ein schlechtes Zeichen halten sollte. Jedenfalls enthob es mich der Pflicht, durch das mittlerweile stockdunkle Cumbayá zu irren.

Die kaum noch beherrschbare Kriminalität zwingt die Menschen, sich in den Schutz von Mauern zurückzuziehen. Doch beschützte Wohnanlagen sind keineswegs nur einer Elite vorbehalten, wie die Burgen des Mittelalters dem Adel. Wohnanlagen gibt es fast in jeder Preisklasse und nur, wer wirklich arm ist, muss auf Schutz verzichten. Wenn man das Land nicht kennt, könnte man auf die Idee kommen, sich irgendwo ein Haus zu bauen und darin zu wohnen – warum auch nicht.

Man sollte davon tunlichst Abstand nehmen, denn ein ungeschütztes Anwesen stellt für die einschlägigen Milieus geradezu eine Einladung dar, die man nicht ausschlagen kann. Man darf damit rechnen, nicht nur einmal, sondern so viele Male ausgeraubt zu werden, bis es entweder nichts mehr zu holen gibt, oder bis man aufgibt und in eine sichere Wohnanlage umsiedelt. Wenn man dabei bloß mit dem Schrecken davongekommen ist, hat man noch Glück gehabt.

Die Urbanisation, die wir an diesem Abend besuchten, gehört zweifellos zu den teuersten Orten der Stadt und sie ist darum auch besonders gut geschützt. Bis zu diesem Zeitpunkt wusste ich nicht, dass es Wohnanlagen in der Wohnanlage gibt. Das klingt verrückt, ist aber nur Teil des allgemeinen Wahnsinns, den dieses Land befallen zu haben scheint.

Direkt an der Straße befindet sich das große Tor, welches – wie hierzulande üblich – mit Schranken und Kameras gesichert ist und das von recht martialisch wirkenden Wächtern bewacht wird. Wer Einlass begehrt, muss sich ausweisen, und wie ein Fremder vor dem Tor einer mittelalterlichen Festung wird man von den Wachen nach dem Begehr gefragt. Ohne einen handfesten Grund wird man nicht eingelassen und darüber hinaus muss man auch noch jemanden kennen, der hier wohnt, andernfalls hat man schlechte Karten. Wollte man sich etwa als Miet- oder Kaufinteressent die Anlage einfach nur einmal anschauen, wäre man gehalten, einen akkreditierten Makler zu beauftragen und einen Termin zu vereinbaren. Der Sicherheitswahn hierzulande grenzt schon an Paranoia und er scheint umso ausgeprägter, je nobler die Immobilie ist. Diese hier schien besonders teuer.

Nachdem man glücklich durch die Sicherheitskontrollen gekommen ist und die Torwächter passiert hat, bewegt man sich auf scheinbar gewöhnlichen Straßen, als wäre man in einer normalen Stadt, mit dem Unterschied, dass eine Urbanisation von einer normalen Stadt ungefähr so weit entfernt ist wie das „Venetian“ in Las Vegas von der echten Lagunenstadt. Es gibt nur Straßen und Mauern und hinter diesen Mauern residiert eine Oberschicht, die um nichts mehr fürchtet als um ihren kostbaren Besitz und um ihre Sicherheit. Diese Urbanisation war anders als alle Wohnanlagen, die wir bisher gesehen hatten, denn kaum waren wir vom Wachpersonal durch den äußeren Mauerring geschleust worden, standen wir nach nur ein paar Wegbiegungen vor einer weiteren Mauer.

In „Clash of Clans“, dem wuseligen Online-Computerspiel, hat man nur dann eine Chance, dem Ansturm einer feindlichen Armee zu widerstehen, wenn man die Mauern der eigenen Stadt ordentlich verschachtelt, denn dadurch zwingt man den Feind, immer neue Wälle zu bestürmen, kaum dass er ein Hindernis überwunden hat. Angesichts der himmelwärts strebenden Mauern, hinter denen man sich in dieser Wohnanlage verschanzte, hätte man glauben können, im Lande tobe ein Belagerungskrieg, nur dass die Eloy sich vor den Nachstellungen der Morlocks für diese unerreichbar in ihren Wohnquartieren eingeigelt hatten.

Jede dieser Suburbanisationen ist eine Welt für sich, eine kleine Festung, deren Bewohner den Anfeindungen einer feindlichen Umwelt hinter schier unüberwindlichen Mauern zu trotzen versuchen. Jedes einzelne dieser Quartiere hat seine eigenen Regeln – man möchte fast sagen, seine eigenen Gesetze – und selbstverständlich hat es auch sein eigenes Personal. Jede Untereinheit hat ihre Wachmannschaft, so wie der äußere Mauerring ebenfalls sein eigenes Personal beschäftigt. Man mag dies für absurd halten, aber auf diese Weise werden Absprachen unter den Angehörigen des Wachschutzes erschwert und man kann sich wieder ein ganzes Stück sicherer fühlen. Es kann nämlich sehr gefährlich sein, wenn Insiderwissen von einem Ort wie diesem, an dem sich so viel Reichtum und Prominenz konzentriert, nach außen sickert.

Das wichtigste Merkmal, anhand dessen man die Wächter unterscheiden kann, ist die Uniform: Die Schutztruppe jeder einzelnen Unterwohneinheit hat eine eigene Dienstkleidung, die sich in Farbe und Schnitt deutlich von den Uniformen der Kollegen in den anderen Quartieren unterscheidet – für Leute mit einem Uniformfetisch ein Traum: Man fährt einmal die Urbanisation ab und in einer Stunde hat man mehr paramilitärisches Gepränge gesehen als auf einem internationalen Polizeikongress mit anschließender Parade aller Teilnehmer in voller Montur.

Einmal in der Anlage, erwies es sich als kein leichtes Unterfangen, das Haus der Familie zu finden. Keines der Häuser ist nummeriert und Namensschilder sucht man an den Türen ebenfalls vergeblich – es wäre ja auch zu schön, wenn man Einbrechern noch einen Hinweis geben würde, wo man nach wertvollem Raubgut zu suchen hätte. Doch es ist egal, in welches Haus man einbricht, ein Raubzug würde überall lohnen. Und die Bewohner des Viertels brauchen keine Namensschilder, da anzunehmen ist, sie wissen, wo sie wohnen. Wir fuhren ziellos auf den sauber gefegten Straßen umher, vorbei an Briefkästen und gepflegten Vorgärten mit akkurat getrimmten Rasenflächen.

Es war ein milder Abend und die Leute ließen die Türen offen, so dass man von der Straße aus ins weitläufige Souterrain ihrer Häuser blicken konnte: Die Familien hatten sich vor dem Kamin versammelt und Opa und Oma wurden von einer Schar adrett gekleideter Enkel umschwärmt – ein Bild wie aus der Kaffee-Jacobs-Weihnachtswerbung. In jeder echten Stadt wäre man des Wahnsinns, würde man die Türen zu dieser nächtlichen Stunde sperrangelweit offen stehen lassen, aber eine Urbanisation, zumal eine so teure wie diese, gleicht viel eher einem luxuriösen Millionärsgefängnis. Zwei Mauerringe sowie eine Armee von Wachhunden sorgen zuverlässig dafür, dass all die guten Leute aus „guten“ Familien keine Belästigungen fürchten müssen. Das ist das Leben, wie es jeder gern hätte – sicher und friedlich –, aber wie es sich nur wenige wirklich leisten können.

Um den Kontrast zu verdeutlichen, sei an dieser Stelle folgende Anekdote eingeflochten: Ein Freund von uns wohnt in Guayaquil. Eines Abends stand er mit einigen guten Bekannten vor der Haustür. Man unterhielt sich, trank vielleicht auch ein bisschen und genoss die abendliche Stimmung. Insgesamt waren ihrer sechs oder sieben Personen vor dem Haus versammelt. Plötzlich tauchten zwei Motorräder auf. Niemand rechnete mit etwas Schlimmem, doch als man die Motorräder heranbrausen sah, ahnte man bereits, was folgen würde: Die bewaffneten Fahrer zwangen alle Anwesenden, Geld und Schmuck herauszugeben und sie verschwanden ebenso blitzartig, wie sie aufgetaucht waren. Am nächsten Tag ging der Schwager unseres Freundes mit seinem Neffen in den Park. Leider vergaß er, das Garagentor abzuschließen. Als er wieder zu Hause war, stellte er fest, dass die Mikrowelle fehlte. Wer sich da den Luxus uniformierter Wächter leisten kann, hat zumindest den Vorteil, dass er seine Mikrowellengerichte nicht kalt essen muss.

Das Auto

Unser“ Auto ist eigentlich nicht ganz richtig, denn technisch gesehen gehört der Wagen der Bank, über die wir den Kauf finanziert haben. In Deutschland ist der Kauf eines neuen Autos eine Routineangelegenheit, denn schließlich wollen die Autohersteller ihre Produkte unters Volk bringen und jeder, der noch ganz bei Trost ist, würde sich kaum auf ein Geschäft einlassen, bei dem er siebentausend Dollar Anzahlung und monatliche Raten von fast tausend Dollar zu leisten hätte. Aber hier sind das die gewöhnlichen Konditionen und die Leute kennen es auch gar nicht anders.

Autokauf

In Ecuador hat man keine Wahl, denn ein Gebrauchtwagen ist oft noch teurer als ein neues Auto. Zudem beschlich uns das Gefühl, dass der Händler, der inmitten seiner Autos saß wie eine Spinne im Netz, ganz entschieden versuchte, uns über den Tisch zu ziehen. Aber welcher Autohändler würde das nicht versuchen, wenn zwei arglose Fliegen – Pardon – Kunden in seinen Salon spaziert kämen.

Ein Neuwagen erschien uns immer noch als die beste Option. Kein Auto zu haben, wäre zwar auch möglich, aber wenn wir schon einmal hier waren, wollten wir auch etwas vom Lande sehen. Um an manche der Ort zu gelangen, die wir besucht haben, hätte man schon fast ein Abenteurer sein müssen. Ich bin aber eher der Sofa-Abenteurer und eine Expedition ins Unbekannte stößt für mich dort an Grenzen, wo man zu beschwerlichen Busreisen und stundenlangen Fußmärschen gezwungen ist. Darüber hinaus bin ich der Meinung, so ein Abenteuertrip sollte immer in einem gemütlichen Café enden.

Es hatte Wochen gedauert, bis wir schließlich eine Bank fanden, die sich nach den üblichen inquisitorischen Erkundigungen, wie es um unsere Solvenz bestellt sei, bereit erklärte, die Finanzierung zu übernehmen. Von den Konditionen muss man nicht reden – in Deutschland wäre man da lieber gleich Fußgänger geblieben oder hätte das Geldinstitut wegen sittenwidriger Kreditgeschäfte angezeigt, hier aber ist solcher Wucher die Norm und die Leute sind so abgestumpft, dass sie sich darüber auch gar nicht mehr aufregen.

Nach wochenlangem Bangen, nach zähen Verhandlungen und unzähligen gewonnenen Schlachten im Papierkrieg wurde uns die Finanzierung schließlich gewährt – wie gesagt, Wucher wäre eine angemessenere Bezeichnung. Nach allem, was wir an bürokratischem Ungemach hatten erdulden müssen, um den Wagen endlich zu bekommen, glaubten wir tatsächlich, es wäre ein Leichtes, ihn wieder zu verkaufen. Wir hätten uns niemals vorstellen können, welch enormen Kraftakt es bedeuten würde, das Auto wieder loszuwerden.

Hindernisse beim Versuch, ein Auto zu verkaufen

Zuerst versuchten wir die traditionelle Methode: Man klebt einen Zettel an die Scheibe mit der Aufschrift „Se vende“ (zu verkaufen) mit einer Telefonnummer darunter. Mit ein wenig Glück hat man den Wagen in ein paar Tagen verkauft, so glaubten wir zumindest. Tatsächlich meldeten sich schon bald Interessenten, doch sobald sie hörten, dass das Auto eigentlich der Bank gehöre, wurden sie plötzlich merkwürdig still, verdächtig still. Die Floskel, mit der das Gespräch dann üblicherweise beendet wurde, lautete: „Ich melde mich wieder“. Es muss nicht weiter ausgeführt werden, dass dieses Versprechen nie eingelöst wurde.

Als ein nicht unerhebliches Hindernis beim Versuch, das Auto zu verkaufen, stellte sich die Tatsache heraus, dass der Wagen über eine Automatik verfügt. Hierzulande fährt man in der Regel mit der traditionellen Schaltung und Automatik wird schon deshalb nicht gern angenommen, weil sie nur mit Aufpreis zu beziehen ist. Hinzu kommt, dass viele Leute nur unzureichend informiert sind: Nicht wenige glauben allen Ernstes, dass die Automatik, wie uns ein Interessent weiszumachen versuchte, dem Getriebe ernstlich schade. Viel eher sind da wohl Schäden durch unsachgemäßes Schalten zu befürchten. Wenn man den Leuten als Erwiderung eröffnet, dass man in den USA im Grunde nichts anderes als Automatik fahre, erntet man einen Blick, als hätte man nicht alle Tassen im Schrank. Nicht nur manchmal kommt man sich vor, als sei man hinter dem Mond gelandet.

Einmal unternahmen wir eine Reise – hin und wieder soll es dabei vorkommen, dass man die heimatlichen Gefilde weit hinter sich lässt. Man riet uns, die Verkaufsanzeige lieber vom Auto zu entfernen. Sie sei nur eine Einladung für Diebe. Denn am Nummernschild kann man erkennen, aus welcher Provinz ein Fahrzeug stammt. Ein „P“ steht für Pichincha; das ist die Provinz rund um Quito. Anderswo könnten gewisse Kreise ein Nummernschild aus einer weit entfernten Provinz als Einladung zu Geschäften ganz anderer Art verstehen. Wir waren keineswegs erpicht auf eine „unvergessliche“ Begegnung der besonderen Art und entfernten die Anzeige.

Ein Inserat wird aufgegeben

Wir mussten einsehen, so kamen wir nicht weiter. Wir beschlossen daher, es bei einem professionellen Portal mit einer Annonce zu versuchen. Aus irgendeinem Grund, der sich – wie so viele Gründe hier im Lande – auf mysteriöse Weise der Kenntnis selbst der klügsten Köpfe entzieht, war es nicht möglich, die Anzeige online aufzugeben. Das war wirklich bedauerlich, denn nun waren wir gezwungen, den weiten Weg nach Quito und durch Quito in Kauf zu nehmen. Ich fahre nicht gern in der Hauptstadt, denn zum einen kenne ich mich nicht aus und zum anderen sind die Straßen immer verstopft. Ständig steht man im Stau und nirgendwo findet man einen Parkplatz. Selbst eine Fahrt um den Block ist manchmal schon eine Tortur. Ich fahre eigentlich nur nach Quito, wenn es sich gar nicht vermeiden lässt und diesmal war dies der Fall.

Aber wir hatten Glück, denn wir fanden das Büro des Anzeigenportals fast auf Anhieb und in der Nähe gab es sogar noch freie Parkplätze. Obwohl es sich um eine Plattform für Gebrauchtwagen handelt, heißt das Portal merkwürdigerweise „Patio tuerca“ (Patio – Hof, Tuerca – Schraubenmutter). Selbstverständlich wurden wir an der Tür von einem Wachmann in Empfang genommen, der wie zum Kampfeinsatz an der Front gerüstet war. Die Mitglieder eines erprobten Antiterror-Kommandos hätten kaum martialischer aussehen können. Nachdem man unsere Personalien festgestellt hatte, wurden wir durch die Sicherheitsschleuse dirigiert. Im Gebäude erwartete uns ein kleiner Warteraum mit bequemen Sofas. Der Publikumsverkehr hielt sich in Grenzen und so dauerte es auch gar nicht lange, bis wir an einen freien Mitarbeiter verwiesen wurden.

Der Raum, den wir nun betraten, erinnerte an ein Callcenter: An etwa einem Dutzend Computertischen hockten überwiegend junge Männer mit Headset. Wie es schien, waren sie schwer beschäftigt – sie sprachen in ihre Headsets, tippten Daten ein, nahmen Recherchen vor, berieten und plauderten auch manchmal mit den Kunden am anderen Ende der Leitung. Wenn man gerade einmal nichts zu tun hatte – was jedoch nur selten vorkam –, schwätzte man mit den Kollegen. Dem Anschein nach waren die meisten kaum älter als Anfang Zwanzig. Es gab auch ein paar junge Frauen unter den Angestellten, doch die übergroße Mehrheit waren Männer und alle waren jung.

Jetzt wurde mir auch klar, warum man solch scharfe Sicherheitsmaßnahmen getroffen hatte: Dies war nicht der einzige Raum mit Computern darin, sondern das ganze Haus war vom Erdgeschoss bis unters Dach mit Technik vollgestopft. Die Rechner in diesem Raum wirkten nagelneu und sicher belief sich der Wert der elektronischen Ausstattung im ganzen Gebäude auf einige Hunderttausend Dollar. Nichts, was irgendeinen Wert hat – und sei er noch so gering –, darf man hierzulande unbeaufsichtigt lassen. Selbst die Klodeckel in den öffentlichen Toiletten werden abgeschraubt, denn findigen „Unternehmern“ versprechen sie ein gutes Geschäft. Was für ein Geschäft das allerdings sein soll, bleibt mir ein Rätsel.

Mir bleibt ebenfalls ein Rätsel, warum wir die Anzeige nicht online aufgeben konnten. Ich finde es ja schön, wenn ein Dienstleister den persönlichen Kontakt zu seinen Kunden sucht, aber in den Räumlichkeiten von „Patio tuerca“ durften wir uns davon überzeugen, dass man ein Inserat selbstverständlich online aufgeben kann. Warum sollte man sich die Mühe machen, ein Callcenter auf dem neuesten Stand der Technik zu unterhalten, wenn ein potentieller Inserent am Ende doch persönlich erscheinen muss?

Dieses Land steckt voller Rätsel und bei nicht wenigen davon scheint es sich um Mysterien zu handeln, die sich auf ewig einer vernünftigen Erklärung verschließen, genau wie die Trinität oder die Wiederauferstehung im Fleische oder die jungfräuliche Geburt. Der Geist der Aufklärung hat einen viel zu sehr daran gewöhnt, dass es auf jede Frage eine Antwort gibt – wenn schon nicht in der Realität, dann ganz sicher in der Theorie. Hier ist das nicht so und es gibt Fragen, die ohne Antwort bleiben, weil es keine Antwort gibt (manche Fragen stellt man darum lieber gar nicht erst). Genau an dieser Stelle, so scheint mir, verläuft die Demarkationslinie zwischen Vernunft und Irrationalität. Was der Verstand aber nicht fassen kann, das muss man glauben. Vielleicht sind deshalb die Kirchen in diesem Land immer voll.

Der junge Mann, der unsere Anzeige aufnahm, war so überaus freundlich und zuvorkommend, dass es mir fast schon verdächtig vorkam. Aber vielleicht war es einfach nur seine Art, freundlich zu sein, während er uns durch den Fragenkatalog lotste, der so dick wie das Telefonbuch von Quito zu sein schien. Meist handelte es sich um technische Details zu Motor, Getriebe oder Fahrwerk. Ich musste fast immer passen – ich bin Autofahrer, kein Kfz-Meister. Doch den Mitarbeiter des Anzeigenportals bekümmerte dies keineswegs und wo wir versagten, da nahm er eben den Eintrag an unserer Statt vor. Geduldig führte er uns durch den Katalog.

Wir brauchten fast eine Stunde, um die Anzeige aufzugeben und zu diesem Zeitpunkt waren wir schon fast davon überzeugt, es wäre die richtige Entscheidung gewesen, persönlich vorbeizukommen. Ich glaube, angesichts so vieler Fragen, auf die ich keine Antwort wusste, hätte ich Stunden vor dem Online-Formular gesessen und am Ende wäre meine Anfrage doch unbeantwortet geblieben, weil ich unverzichtbare Felder nicht hatte ausfüllen können.

Während ich so dasaß und meinen Blick über die Computertische und die Köpfe der vielbeschäftigten Mitarbeiter schweifen ließ, geriet plötzlich eine Wand mit dem Logo von „Patio tuerca“ in mein Blickfeld. Das Logo ist ein stilisiertes Lenkrad, welches an drei Stellen durchbrochen ist, als wäre es dort zerschnitten worden. Die Segmente sind durch geschweifte Bögen mit der Lenksäule verbunden. Das ganze erinnert an einen dreiflügeligen Propeller, dessen Blätter sich durch die Rotation verbogen haben als wären sie aus Gummi. In Comics werden Propeller immer so dargestellt.

Während ich verträumt auf die Wand starrte, wollte mir zunächst durchaus nicht klarwerden, dass es sich um das Logo des Anzeigenportals handelte. Für einen Augenblick hielt ich es tatsächlich für das Zeichen der Arischen Bruderschaft und tatsächlich rätselte es in meinem Hirn, was die Verfechter einer weißen Suprematie ausgerechnet in Ecuador zu suchen hätten. Dann aber las ich den Firmenschriftzug, doch es dauerte immer noch eine ganze Weile, bis mein in Tagträumen gefangener Verstand ihn mit dem Logo in Zusammenhang brachte.

Kaufinteressenten

Nachdem die Anzeige geschaltet war, meldete sich fast jeden Tag ein neuer Interessent, doch sobald wir ihm zu verstehen gaben, dass der Wagen der Bank gehöre, war der Deal geplatzt: Es sei viel zu kompliziert, den Vertrag umzuschreiben und außerdem dauere es viel zu lange. Die meisten wollten das Auto aber sofort mitnehmen. Einer ließ sich dann aber doch auf das Unternehmen ein und meine Frau fuhr mit ihm zur Bank.

Dort erhielt sie eine Abfuhr, die sich gewaschen hat: Die wichtigtuerische Mitarbeiterin des Kreditinstituts, die sich gebärdete, als sei sie die Kaiserin von Kontolandia, erging sich über die Angelegenheit im unerträglichsten Finanz-Fachchinesisch. Weder meiner Frau noch dem Interessenten gelang es herauszubekommen, was sie eigentlich zu sagen versuchte. Nur so viel war am Ende klar: Es würde etwa zwei Monate dauern, den Vertrag umzuschreiben. Es schien sich also keineswegs, wie wir bisher angenommen hatten, um einen simplen Finanzierungsvertrag zu handeln, sondern um ein umfängliches internationales Vertragswerk, zu dessen Änderung erst von höchster Stelle eine Expertenkommission einberufen werden musste. Man kann dem Interessenten nachfühlen, dass er alle Lust verlor, so lange auf sein Auto zu warten.

Leider erwartet man von der Menschheit immer das Höchste und also keineswegs klüger geworden durch eine Erfahrung, von der man wünscht, sie wäre einem erspart geblieben, wiederholte sich das ganze Spiel noch ein weiteres Mal: Wieder war es dieselbe Mitarbeiterin und wieder war der Interessent durch ihre hochherrschaftliche Attitüde derart eingeschüchtert, dass er schleunigst das Weite suchte. Es war sinnlos, auf ein Entgegenkommen des Geldinstituts zu hoffen, da dieses doch schon elementare Kundenfreundlichkeit vermissen ließ.

Wir trafen die Interessenten immer auf dem Parkplatz an der Tankstelle vor unserer Wohnanlage, denn schließlich möchte man die Ware gern in Augenschein nehmen, bevor man sie kauft. Einer gab uns den guten Tipp, wir sollten potentielle Interessenten auf keinen Fall zu einer Probefahrt einladen: Oft dient Kriminellen, die sich als Käufer ausgeben, die Spritztour nur dazu, herauszubekommen, wo der Verkäufer wohnt. Hat man dies in Erfahrung gebracht, kann man das Haus beobachten und so feststellen, wann sich ein Einbruch lohnt – man muss wirklich immer mit allem rechnen und vor allem darf man sich niemals zu sicher fühlen.

Ein anderer Interessent bemängelte, dass das Radio fehle. Wir mussten es ausbauen lassen, weil es seinen Betrieb auf unbestimmte Zeit eingestellt hatte. Derweil blieben wir wochenlang ohne Radio und – was auf Quitos Straßen viel schwerer ins Gewicht fällt – ohne Navi. Dabei fiel der Service unter die Garantieleistungen und es zeugt schon von einem ganz besonderen Verständnis, was Service ist, Kunden eine halbe Ewigkeit auf ein neues Gerät warten zu lassen (erst ein paar Tage, bevor wir das Auto endgültig abgeben sollten, installierte man das neue Radio).

Die Leute sind überaus misstrauisch und sie glauben einem nicht, selbst wenn man noch so sehr beteuert, dass das Auto tatsächlich über ein Navi verfüge, nur dass man es erst wieder einbauen lassen müsse. Der Mann versuchte den Preis zu drücken, indem er dreist behauptete, die Reparatur des Radios würde ihn zusätzliche achthundert Dollar kosten, dabei hatten wir das Gerät doch für gerade einmal zweihundert gekauft. Man hat den Eindruck, hierzulande versucht einen jeder für dumm zu verkaufen. Ständig fühlt man sich über den Tisch gezogen. Argwohn und Wachsamkeit sind einfach notwendig, will man nicht dauernd das Nachsehen haben. Das Misstrauen unter den Menschen ist so allgemein, dass man sich verwundert fragt, wie diese Gesellschaft überhaupt noch funktionieren kann.

Geldtransfer

Von der Bank war also keine Hilfe zu erwarten. Wir gewannen im Gegenteil den Eindruck, man lege uns so viele Steine wie nur möglich in den Weg. Ein anderes Verfahren musste deshalb zum Ziel führen: Der Käufer zahlte uns die Gesamtsumme und wir lösten den Vertrag bei der Bank ab. Die Idee klingt einfach, doch hierzulande kann es ein echtes Problem sein, eine größere Summe auf ein anderes Konto zu transferieren. Alle Geldbeträge über fünftausend Dollar fallen unter das Geldwäschegesetz und die Überweisung einer höheren als der genannten Summe muss zunächst von der Bank geprüft werden. Wird der Transfer für ordnungsgemäß befunden, stellt das Geldinstitut einen sogenannten Cheque certificado (einen zertifizierten Scheck) oder einen Cheque de gerencia (einen durch das Management autorisierten Scheck) aus und die Transaktion kann ihren Lauf nehmen.

Eine Interessentin wollte das Auto wirklich kaufen und tatsächlich brachte sie das Geld auf. Ihre Bank bestätigte die Summe durch einen Cheque certificado. Nun behielt sich aber unsere Bank vor, die Überweisung noch einmal selbst zu prüfen – sicher ist sicher. Diese zusätzliche Überprüfung hätte anderthalb Tage in Anspruch genommen. Die Interessentin war jedoch nicht bereit, diese Zeit abzuwarten. Sie wollte das Auto sofort mitnehmen.

Wir hätten ihrem Wunsch gern entsprochen, wenn sie uns nur eine notariell beglaubigte Erklärung unterschrieben hätte, in der sie bestätigte, dass sie den Wagen tatsächlich erhalten habe. Denn im Falle, dass der Scheck geplatzt wäre – etwa wenn durch die Prüfung Unregelmäßigkeiten offengelegt worden wären –, würde sie zwar das Auto erhalten haben, wir jedoch hätten nicht einen Cent gesehen. Und dann hätte sich ein Drama darum entwickelt, wie wir den Wagen wohl wiederbekommen sollen.

Um solche vermeidbaren Schwierigkeiten auszuschließen, muss man sich absichern. Doch die Frau wollte beides nicht – weder hatte sie vor, eine notarielle Erklärung zu unterschreiben, noch wollte sie die anderthalb Tage abwarten. Das Geschäft platzte. Wahrscheinlich brachte sie uns genauso viel Misstrauen entgegen wie wir ihr. Man kann es ihr nicht verübeln.

Abschied vom Auto

Am Ende gelang es uns dann doch noch, den Wagen zu verkaufen. Alle Hürden wurden erfolgreich genommen und der Käufer wartete sogar noch die anderthalb Tage ab, bis unsere Bank die Überweisung geprüft hatte (er vertraute offenbar darauf, dass wir in dieser Zeit nicht mit dem Auto und seinem Geld auf Nimmerwiedersehen verschwanden). Wir waren froh, dass wir den Wagen endlich loswurden, aber als der Käufer dann in unsere Wohnanlage kam, um das Auto mitzunehmen, war mir schon ein wenig schwer ums Herz.

Ich empfinde dem Auto gegenüber nicht mehr Anhänglichkeit als gegenüber unserem Kühlschrank oder der Sofaecke. Ich bin da eher pragmatisch: Das Auto ist für mich eine Maschine, die es einem erlaubt, bequem von A nach B zu reisen. Und dennoch, wir haben so viele wundervolle Orte besucht und so viele schöne Dinge erlebt und vieles davon wäre nicht möglich gewesen ohne unseren Wagen. Viele Erinnerungen hängen an diesem Auto und nun, da es verkauft ist, habe ich den Eindruck, die Gegenwart wäre um ein Stück ärmer. Fast kommt es mir so vor, als ende ein wichtiger Abschnitt in unserem Leben, und ich tröste mich mit dem Gedanken, dass es nur ein Auto ist, eine Maschine, die es einem erlaubt, von A nach B zu reisen.

Das Auto ist Teil der Geschichte unseres ecuadorianischen Abenteuers. Aber jede Geschichte muss notwendigerweise einmal zu einem Ende kommen, so wie unsere Zeit in Ecuador irgendwann einmal vorüber sein wird.

Die Orte meiner Erinnerung

Alles ist noch viel schlimmer als zunächst angenommen. Man hätte sich damit abfinden können, dass Häuser eingestürzt und Straßen zerstört sind, aber wir hören hier in Quito von immer neuen Opferzahlen und von schrecklichen Tragödien, die einem das Herz zerreißen und die einen am Ende einfach nur sprachlos zurücklassen. Aber was könnten Worte auch ausrichten angesichts all des Schrecklichen? Es ist nur schwer erträglich, das Leiden und Sterben der Menschen mit ansehen zu müssen und nichts dagegen tun zu können. Doch Quito ist weit entfernt vom Ort der Katastrophe und das Leben hier geht seinen gewohnten Gang, nicht anders als in einer Stadt jenseits des Ozeans, zehntausend Kilometer entfernt.

Da man die Toten noch nicht aus den Trümmern hat bergen können, denn noch immer fehlt es vielerorts an schwerem Räumgerät, liegt mittlerweile der Geruch von Tod und Verwesung über den zerstörten Städten. Wer mit dem Leben davongekommen ist, muss jetzt ums Überleben kämpfen. Vielerorts gibt es auch Tage nach der Katastrophe kein Wasser, keine Nahrung und keine Hilfe für die Eingeschlossenen. Die Menschen sind auf sich selbst gestellt. Doch sie kämpfen nicht nur gegen die Unbilden der Natur, zu allem Unglück sehen sie sich fortwährend den Angriffen von Kriminellen ausgesetzt. Man hört immer wieder von Überfällen und es muss als wahrscheinlich gelten, dass gerade jetzt, da das Erdbeben nicht nur Häuser ins Wanken gebracht hat, sondern auch die öffentliche Ordnung, viele Verbrechen verübt werden, von denen man vielleicht nie erfahren wird.

Ich habe gehört, dass das „Bambú“ zerstört wurde. Gewissheit habe ich jedoch nicht, denn es fehlen noch immer verlässliche Nachrichten. Einige Anhaltspunkte geben Bilder, die jüngst über Facebook veröffentlicht wurden. Auf ihnen sieht man dort, wo das „Bambú“ einst stand, nur noch ein Trümmerfeld. Das „Bambú“ ist einer der magischen Orte auf der Landkarte meiner Erinnerung. Wir haben viele schöne Stunden dort verbracht und als ich hörte, dass es nun fort sein soll, fühlte es sich so an, als hätte man mir meine Erinnerungen gestohlen.

Es tut weh, Orte, die einem etwas bedeuten, einfach verschwinden zu sehen. Man empfindet es als unfair und ungerecht und wenn man nur lange genug darüber nachdenkt, geben Betroffenheit und Trauer manchmal sogar dem Zorn nach. Aber wann hätte Zorn Dinge je wieder in Ordnung gebracht? Und wann hätte die Welt sich um Gerechtigkeit geschert? Welche Gerechtigkeit wird denen zuteil, die alles verloren haben? Und ist es etwa gerecht, dass so viele Menschen sterben mussten?

Man kann sich keine Vorstellungen von den Zerstörungen machen, die Canoa und auch die anderen Städte an der Küste heimgesucht haben. Canoa war immer ein fröhlicher Ort mit einem gewissen Laissez faire. In Canoa konnte man entspannt seinen Beschäftigungen nachgehen und niemand neidete einem sein Glück. Es fällt schwer zu glauben, dass das Glück diesen Ort für immer verlassen haben soll. Viele Urlauber sind unter den Opfern. Sie wollten nur ein paar schöne Ferientage in der Stadt und an den Stränden verbringen. Als das Beben kam, wurden nicht wenige unter den Trümmern ihrer Hotels, der Pensionen oder Restaurants, in denen sich sich gerade aufhielten, begraben.

Ich kann gar nicht sagen, wie sehr mich das alles betroffen macht. Ich liebe die Costa und Manabí. Ich glaube, es täte mir unendlich weh, sehen zu müssen, dass vieles davon einfach ausgelöscht wurde als hätte es nie existiert. Niemand weiß, wie es weitergehen wird. Man kann so wenig tun. Die betroffenen Regionen werden wahrscheinlich noch während der nächsten Wochen und Monate mit den unmittelbaren Folgen der Katastrophe zu kämpfen haben und es ist nicht abzusehen, wann die Menschen an der Küste wieder zu einem „geregelten“ Alltag zurückfinden werden. Alle Schäden zu beseitigen, wird aber gewiss noch Jahre dauern. Die Verheerungen sind zu schwer, als dass man eine schnelle Verbesserung der Situation erwarten könnte.

Ich hoffe das Beste. Ich hoffe, dass die Menschen nicht den Mut verlieren, und ich vertraue fest darauf, dass im Angesicht der Not die Menschlichkeit und das Mitleid der Vielen die Oberhand über die Gemeinheit und Habgier der Wenigen behalten werden.

Neues zum Erdbeben

Im Lichte neuer Informationen scheint die erste Prognose, wonach Bahía das Erdbeben relativ unbeschadet überstanden hätte, wohl hinfällig. Man geht inzwischen davon aus, dass achtzig Prozent der Stadt verwüstet sind. Viele Häuser stehen noch, aber man muss annehmen, dass die Statik gelitten hat und dass man sie früher oder später wird abreißen müssen. Die meisten Städte der Küstenregion sind betroffen. Auch Manta, die große Hafenstadt am Pazifik, soll erhebliche Schäden davongetragen haben. Präsident Rafael Correa hat seinen Auslandsaufenthalt vorzeitig beendet und ist umgehend in die Regionen des Landes gereist, die am stärksten von den Auswirkungen des Bebens betroffen sind. Es heißt, als er die Verheerungen in Manta sah, sei er den Tränen nahe gewesen.

Manche Städte, wie Pedernales, sind vollkommen zerstört worden. Es gibt viele Todesopfer zu beklagen. In Canoa ist das Hotel „Canoa Beach“ eingestürzt. Dabei wurden Hotelgäste, unter ihnen Schweden, Dänen, Italiener, Amerikaner und auch Deutsche, verschüttet. Viele von ihnen sind offenbar noch am Leben, aber sie können sich nicht aus eigener Kraft befreien. Sie könnten gerettet werden und man hofft und bangt, dass in der nächsten Zeit Hilfe eintreffen wird. Da auch Deutsche zu den Opfern gehören, wurde die Botschaft der Bundesrepublik Deutschland informiert und gebeten, alles in ihrer Macht Stehende zu tun, um den Menschen zu helfen. Der ecuadorianische Staat ist angesichts des Ausmaßes der Katastrophe schlicht überfordert. Die Behörden tun, was in ihren Kräften steht, doch oft reichen die Kräfte einfach nicht aus.

Hilfe gelangt nur schwer in die betroffenen Regionen. Viele Gegenden sind von der Grundversorgung mit Wasser, Lebensmitteln und Medikamenten abgeschnitten und es drohen Epidemien. Die Regierung hat Hilfskonvois organisiert, um die Eingeschlossenen mit dem Nötigsten zu versorgen.

Leider haben in der Stunde der größten Not immer auch die skrupellosesten Elemente einer Gesellschaft Konjunktur. Dann ist die Zeit der Verbrecher, der Spekulanten und der unmoralischen Geschäftemacher gekommen. Dass Häuser und Geschäfte geplündert werden, erachtet man dabei noch als das geringste Übel. Man hört jedoch davon, dass einige Konvois von Banden überfallen worden seien: Wegelagerer zwangen die Helfer und Fahrer mit vorgehaltener Waffe, ihnen die Hilfsgüter auszuhändigen. Wer sich da weigert, den Anordnungen Folge zu leisten, hat entweder zu viele Actionfilme gesehen oder ist einfach nur dumm. Man weiß nicht, ob man aus schierer Not stiehlt, weil man die Hilfsgüter dringend zur Eigenversorgung benötigt, oder ob man die Gelegenheit für das große Geschäft wittert. Vieles ist denkbar und nur wenig davon kann mit Sicherheit ausgeschlossen werden.

Es tut mir in der Seele weh, Bahía so am Boden zu sehen. Ich kenne die Stadt nun schon seit vielen Jahren und es war immer schön zu erleben, wie der Fortschritt Einzug hielt und wie die Stadt sich mit den Jahren veränderte, ohne dass sie ihren unverwechselbaren Charakter einbüßte. Bahía hatte sich durch alle Wechselfälle des Lebens hindurch stets seinen Charme bewahrt. Es wird lange dauern, bis die Stadt wieder zu ihrer alten Heiterkeit zurückfindet. Ich hoffe sehr, dass ihre Einwohner sich nicht entmutigen lassen, denn so klein die Stadt auch sein mag, Bahía hat Bedeutung: Ein Ecuador ohne Bahía de Caráquez wäre ein sehr viel ärmeres Land.

Die meisten Informationen, auf die ich mich stütze, habe ich über Facebook bezogen. Ich mag Facebook nicht und es ist daher auch nicht mein Account, über den Nachrichten zu mir gelangen, sondern der meiner Frau. Es scheint, sie steht mit halb Ecuador in Verbindung und die Nachrichten gehen bei ihr in solch dichter Folge ein, dass ich fast glaube, ihr Notebook sei einer der großen Knotenpunkte des Cyberkosmos. Für die Richtigkeit der Angaben kann ich freilich nicht garantieren, denn niemand von uns ist bisher in der Küstenregion gewesen und hat die Verheerungen mit eigenen Augen gesehen. Was ich weiß, habe ich letztlich von anderen erfahren. Denn das ist wohl der Segen und auch der Fluch unserer Welt – nämlich dass wir alles wissen können, doch dass wir es von anderen erfahren müssen.

[Anmerkung: Die Bilder wurden von meiner Frau knapp zwei Wochen nach dem Beben aufgenommen.]

Einsame Ladies und sonderbare Gestalten

Auf der Fahrt nach Montecristi hatten wir eine jener sonderbaren Begegnungen, wie man sie nur auf den Landstraßen Ecuadors haben kann: Die Straße führte durch eine einsame Landschaft. Man sah weder Häuser noch Menschen. Wahrscheinlich versteckten sich die wenigen Bewohner der Gegend vor der sengenden Sonne, die an diesem Tag mit erbarmungsloser Gewalt auf die tropische Landschaft niederbrannte. Das Land schien wie im Hitzeschock erstarrt und nur auf der Straße, der einzigen Lebensader in dieser Einöde, gab es Bewegung. Doch nur selten begegnete man anderen Reisenden – offenbar mied man die Hitze. Es war zwar erst Vormittag, doch ein zorniger Himmel sandte seine Strahlen zur Erde hinab, als wollte er die Menschheit verdorren lassen. Ich saß im kühlen Innern des Wagens in der sicheren Gewissheit, dass ich meinen Platz hinter dem Steuer an diesem Tag nicht würde verlassen müssen. Die Klimaanlage lief derweil auf Hochtouren.

In der flimmernden Hitze tauchte plötzlich ein einsamer Wanderer am Straßenrand auf. Als ich näher kam, sah ich, dass es eine Frau von etwa sechzig war, die hurtig wie ein Paradesoldat über den glühenden Asphalt marschierte. Sie trug ein Tanktop, khakifarbene Shorts und ihre Füße steckten in robusten Wanderstiefeln. Am Hals baumelte eine teure Kamera mit massivem Teleobjektiv. Rücken, Schultern und Gesicht waren gerötet, als wären sie im Abgasstrahl eines startenden Düsenjets geröstet worden.

Ich weiß nicht, was manche Gringos glauben, wo sie eigentlich sind. Der kriminelle Abschaum hierzulande macht nämlich nur selten einen Unterschied zwischen arglosen Naturfotografen und reichen Urlaubern. Und wer mit einer teuren Kamera durch eine gottverlassene Gegend stolziert, als handelte es sich um den Broadway, fordert das Gesindel ja geradezu heraus. Genauso gut könnte man einer hungrigen Hundemeute mit einem Beefjerky vor der Nase herumfuchteln; man muss sich dann nur nicht wundern, wenn man gebissen wird. Ich hoffe, die Lady blieb von unangenehmen Begegnungen verschont und erreichte irgendeinen Außenposten der Zivilisation, bevor die Sonne sie zu Beefjerky dörrte.

Da gerade die Rede von merkwürdigen Begegnungen ist, muss ich eine Begebenheit noch unbedingt erwähnen: Angelegentlich einer unserer länger zurückliegenden Reisen fuhren wir von Quito nach Bahía. Nicht weit westlich von Quito führt die Route über die Kordillere und die Straße schraubt sich in schier endlosen Serpentinen durch Steigungen und Gefälle. In den Bergen leben kaum Menschen und nur alle paar Dutzend Kilometer fährt man durch Dörfer, die in Tälern zwischen Felsmassiven eingeklemmt sind. Auf dem weitaus größten Teil der Strecke sieht man bloß von dichtem Grün überzogene Berge oder tiefe Täler, durch die Wildwasserbäche rauschen. Die Straße folgt den Flüssen und so hat man die Wahl zwischen einer Felswand auf einer Seite der Straße und einer Schlucht auf der anderen Seite. Da bleibt man am besten immer schön auf dem Asphalt.

Wir fuhren gerade mitten durch die Berge, auf dem einsamsten Teil der Strecke zwischen Quito und Santo Domingo. Weit und breit gab es keine menschliche Ansiedlung und wäre man irgendwo abseits der Straße gestrandet, hätte man wahrscheinlich Tage gebraucht, um wieder in die Zivilisation zurückzufinden. Es regnete in Strömen. Die Scheibenwischer peitschten hektisch über die Frontscheibe und dennoch konnte man allenfalls Umrisse erkennen. Was für ein scheußliches Wetter! Man hätte keinen Hund vor die Tür jagen wollen. Titan, unser vierbeiniger Hausgenosse, fiepste nur immerzu mitleidig – wahrscheinlich erriet er meine finstersten Gedanken.

Ich tastete mich langsam durch den dichten Regen, als ich plötzlich eine Gestalt am rechten Straßenrand stehen sah. Als ich nahe genug war, erkannte ich, dass es ein Mann mit Hut war und er trug einen Anzug, als wäre er zu einer Geschäftsbesprechung verabredet: schwarzes, frisch gebügeltes Sakko, die Hose mit scharfen Bügelfalten, weißes Hemd, akkurat gebundene Krawatte, auf Hochglanz polierte Schuhe und natürlich der Hut. Er stand einsam im strömenden Regen und schaute mir direkt in die Augen.

Es gab im Umkreis von mehreren Dutzend Kilometern absolut nichts, wofür es notwendig gewesen wäre, einen Anzug zu tragen (in dieser Gegend hätten ausnahmsweise einmal Cargohose, Wanderstiefel und Buschmesser gepasst). Die Begegnung wirkte so unwirklich wie eine surreale Szene in einem David-Lynch-Film. Als ich das Erlebnis später mit den anderen teilte, beteuerten sie aber nur, sie hätten nichts bemerkt. Doch der Mann stand direkt am Straßenrand und ich fuhr auf Armeslänge an ihm vorbei, und da ich wegen des Regens nur langsam vorankam, konnte ich ihn ganz deutlich sehen. Vielleicht war er zu einem Geschäftstermin eingeladen und er wartete auf seine Partner. Um welche Art Business es sich handeln könnte, das in dieser Einöde Erfolg verspräche, bleibt allerdings rätselhaft. Merkwürdige Dinge geschehen in den Bergen …

[…]

P.S. Als meine Frau die Geschichte las, bezweifelte sie keineswegs, dass ich tatsächlich jemanden im Regen hatte stehen sehen, obwohl sie selbst sich nicht daran erinnern konnte, jemanden gesehen zu haben. Sie versuchte mir auch nicht weiszumachen, dass ich mich getäuscht hätte oder dass meine Beobachtung bloß eine Halluzination gewesen sei, die von einer Überdosis Erdnussschokolade verursacht worden wäre. Ohne mit der Wimper zu zucken, erklärte sie, dies sei ein Fantasma gewesen, ein Gespenst oder ein Geist. Sie schloss jede andere Erklärung kategorisch aus, denn was ich beobachtet hatte, sei zu absurd, als dass man es anders würde deuten können.

In der Tat, wenn man im Ausschlussverfahren all jene Ursachen eliminiert, die logisch nicht in Frage kommen können, muss zwangsläufig wahr sein, was am Ende übrigbleibt, auch wenn es vollkommen absurd erscheint. Dass der Mann zu einer Geschäftssitzung eingeladen war, wird man wohl aus naheliegenden Gründen ausschließen dürfen. Und sehr viel mehr andere Deutungen, die nicht ins Komische abrutschen, lässt die Situation kaum zu. Für viele Ecuadorianer wäre eine übernatürliche Erklärung ohnehin plausibler.

Aber wenn der Mann wirklich ein Geist war – um einmal die Logik ins Spiel zu bringen –, frage ich mich, warum er sich ausgerechnet diese (Achtung, Kalauer!) todlangweilige Gegend ausgesucht hatte, um herumzuspuken, noch dazu an einem Tag, an dem es ohne Unterlass regnete. Wäre ich ein Geist, würde ich viel lieber die Villen mit den Swimmingpools heimsuchen oder die schönen tropischen Strände, ja, selbst noch die Shopping-Malls. Tagein, tagaus an so einer zügigen Autopista zu stehen, muss wirklich kein Vergnügen sein – kein Wunder, dass die Toten im Film immer so schlecht gelaunt sind.

[…]

P.P.S. Mein Sohn konnte sich plötzlich wieder erinnern, den Mann ebenfalls gesehen zu haben, obwohl er zuerst das Gegenteil behauptet hatte. Es soll ja schon vorgekommen sein, dass mehrere Personen Zeugen derselben Erscheinung wurden. Aber das würde dann wirklich die Grenzen der Logik sprengen.

Secuestro express

Der Erfindungsreichtum des kriminellen Milieus macht immer wieder staunen, denn es gibt kaum etwas, das findige Verbrecherhirne nicht ertüftelt hätten, und es scheint eine unumstößliche Regel zu sein, dass man immer erst dann von den genialen Geistesblitzen der Kriminellen erfährt, wenn es zu spät ist und man selbst oder jemand, den man kennt, den ausgeklügelten Machenschaften zum Opfer gefallen ist.

Einen Quantensprung im Entführungsfranchise, vergleichbar nur mit der Einführung des Strahltriebwerks im Flugzeugbau, bedeutet der sogenannte Secuestro express, die „Express-Entführung“. Gewöhnliche Entführungen, wie man sie etwa aus Somalia kennt, haben den Nachteil, dass man ein Opfer finden muss, das den Aufwand tatsächlich lohnt. Welches Lösegeld wollte man denn etwa von einem Toilettenpächter verlangen (es sei denn, der Mann ist Millionär und das Pachtbusiness ist nur sein etwas exzentrisches Hobby)? Im Falle Somalias ist es dagegen nicht schwer, ein Opfer zu finden, das Profit verspricht, denn jeder, der auf einem Schiff vor der Haustür vorbeifährt, ist in der Tat wohlhabender als die Entführer. Außerdem besteht ein nicht geringes Risiko für die Kidnapper, da der Entführte über Tage oder Wochen gefangengehalten werden muss. Eine Verwicklung der Polizei scheint umso wahrscheinlicher, je länger die Entführung dauert.

Die Express-Entführung schafft da Abhilfe. Mit dem Epitheton „Express“ schmücken sich normalerweise solch nützliche Dinge wie die Express-Reinigung, die Express-Reparatur oder der Express-Lift. Positiv ist an dieser Art der Entführung allein, dass man dem Gastgeber nicht über Tage, Wochen oder gar Monate als unfreiwilliger Hausgast zur Last fällt. Ist die Unternehmung zur Zufriedenheit der Entführer ausgegangen, darf man damit rechnen, schon nach ein paar Stunden wieder in Freiheit gesetzt zu werden. Kennzeichen jeder Express-Entführung ist, dass das Opfer stets in den letzten Stunden vor Mitternacht entführt wird oder sogar nur wenige Minuten vor Anbruch des neuen Tages. Damit wird sichergestellt, dass man die Konten des Opfers gleich zweimal bis zum Tageslimit schröpfen kann.

Das Schöne am Secuestro express aus der Sicht der Entführer ist, dass die Zielperson keineswegs erst durch hartnäckige Überzeugungsarbeit in ein Auto komplimentiert werden muss, denn die Täter sind ganz unauffällig mit dem Taxi unterwegs. Und Hand aufs Herz: Wer würde in einer dunklen Nacht, noch dazu in einer nicht sonderlich einladenden Gegend nicht lieber das vermeintlich sichere Taxi nehmen als den von Gestalten und merkwürdigem Gelichter heimgesuchten Bus? Damit man keine böse Überraschung erlebt, hat man ein sogenanntes Taxi amigo. Das ist ein Taxifahrer, den man kennt und dem man vertraut, und wenn man einmal ein Taxi braucht, empfiehlt es sich, stets nur das Taxi amigo zu rufen.

Doch manchmal verleiten einen die Umstände zur Unvorsichtigkeit und man steigt in ein Taxi, dessen Betreiber keineswegs nur nach Taxameterstand abrechnen. Hat der arglose Passagier erst einmal im Fond Platz genommen, unternimmt die Reiseleitung, die bei Gelegenheit zusteigt, mit ihm eine Tour durch die Stadt. Doch das ist schon ein merkwürdiger City-Trip, denn die meisten Sehenswürdigkeiten werden ausgelassen und die Reiseroute beschränkt sich doch sehr einseitig auf den Besuch diverser Bankautomaten. Dort lässt der Tourveranstalter immer wieder Geldbeträge auszahlen – vermutlich zur Abgeltung der Honorare für die Tour-Guides. Ist das Tageslimit ausgeschöpft, wartet man bis nach Mitternacht und schon geht die Reise weiter; Verzögerungen werden nicht geduldet, denn die Leute wollen schließlich etwas geboten bekommen für ihr sauer Erspartes. Der Trip ist beendet, wenn sämtliche Kreditkarten gesperrt und die Taschen der Kriminellen gefüllt sind. Der unfreiwillige Tourist wird, sofern er nur artig ist und sich nicht über das Tourprogramm und die Reiseleitung beschwert, unversehrt in die Nacht entlassen. Vom weiteren Nachtprogramm wird er sicher mangels Liquidität Abstand nehmen wollen.

Eine Cousine meiner Frau wurde einmal in Guayaquil Opfer eines Secuestro express. Wie jedermann in Ecuador hatte auch sie ein Taxi amigo, aber an diesem Abend muss es wohl schierer Leichtsinn gewesen sei, der sie dazu verleitete, nicht das vertrauenswürdige Taxi zu rufen, sondern in den erstbesten Wagen zu steigen, der sich anbot. Unterwegs fragten sie die Entführer, was sie denn so mache. Sie gab sich ganz naiv und log, sie sei nur eine einfache Empleada und arbeite im Haushalt einer Familie (Empleadas sind die Angestellten in Privathaushalten). Hausangestellte gelten hierzulande nicht als Großverdiener und offenbar wusste die Entführte ein solches schauspielerisches Talent zu entfalten, dass die Kidnapper ihr tatsächlich glaubten. Den Entführern muss schlagartig klargeworden sein, dass der Aufwand nicht lohnt, und sie ließen sie gehen, noch ehe man sie unsanft zu einer Abhebung überredet hatte. Es war ihr Glück, dass die Kriminellen die Enttäuschung über das entgangene Salär nicht an ihrem Opfer ausließen.

Nicht immer aber gehen solche Entführungen so glimpflich aus wie in diesem Fall, denn unter den Entführern findet sich weit häufiger der brutale Abschaum der Gosse als der Gentleman-Ganove, der sein Opfer an der nächsten Bushaltestelle mit einem Handkuss, Kleingeld für die Heimfahrt und dem guten Rat, doch ja vorsichtig zu sein, in die Freiheit entlässt. Eine deutsche Austauschlehrerin musste vor Jahren diese traumatische Erfahrung machen. Leider hatte sie nicht so viel Glück wie die Cousine meiner Frau und mit der Gewalt einer lebensbedrohenden psychischen Katastrophe trat genau jener Horror in ihr Leben, den eine erwachsene Vorstellungskraft sich angesichts der Umstände leicht auszumalen imstande ist.

Solche Entführungen kommen immer wieder vor und man kann zwar Vorsichtsmaßnahmen treffen und versuchen, gefährliche Situationen zu meiden, aber vollkommenen Schutz gibt es leider nicht. Als wir vor vier Jahren, aus Deutschland kommend, in Guayaquil landeten, holte uns mein Schwager vom Flughafen ab. Es war schon dunkel und schwarze Nacht schloss den Flughafen ein wie ein Berg aus Kohlestaub. Ich wunderte mich, warum wir, nachdem wir die letzten Kontrollen passiert hatten, in der Lobby des Flughafens warteten wie in Erwartung irgendeines messianischen Ereignisses, statt einfach nach draußen zu gehen, um ein Taxi herbeizurufen.

Guayaquil ist eines der unsichersten Pflaster in ganz Ecuador, denn die Klassengegensätze prallen nirgendwo mit solcher geradezu schon elementaren Gewalt aufeinander wie hier. Wenn es überhaupt so etwas wie eine Hauptstadt des Verbrechens gibt, dann ist die vor Leben pulsierende Hafenstadt die unangefochtene Metropole des Landes. Am Abend ein sicheres Taxi zu finden, kommt da fast schon einem Kunststück gleich. Aber schließlich hatte der Schwager doch Erfolg. Nach welchen Kriterien er das Taxi aussuchte, bleibt für mich aber vollkommen rätselhaft. Doch wer hier schon immer lebt, hat einen ganz anderen Blick für die Gefahren des Alltags entwickelt. Mit seiner Wahl lag er jedenfalls goldrichtig, denn schließlich blieb uns die nächtliche Rundfahrt zu den Bankautomaten der Stadt erspart.

Kriminelle Kulturen

Kriminalität ist in Ecuador eine Realität, genauso wie Cuy asado oder Schlangestehen vor der Bank oder überfüllte KFC-Restaurants oder hochgesicherte Wohnghettos für die Gutbetuchten. Die Menschen haben sich mit dieser Realität in der einen oder anderen Weise arrangiert – sei es, dass sie auf der Seite derjenigen stehen, die um ihren hart erarbeiteten Besitz bangen müssen und um ihre und ihrer Familie Unversehrtheit, sei es, dass es sich um Menschen handelt, die eine lukrative Einkommensquelle darin gefunden haben, andere unter Androhung oder unter Einsatz von Gewalt um eben diesen bitter errungenen Besitz zu bringen. Fast jeder hierzulande kann eine Geschichte dazu erzählen – entweder aus eigenem Erleben oder aus den Erfahrungen der nächsten Verwandten, aus den Schilderungen der Freunde, den Berichten von Bekannten und Arbeitskollegen.

Sicherheit ist in Ecuador ein hohes Gut. Sie hat eine ganz andere Bedeutung als in Europa, in Berlin zumal, obwohl die Stadt den Ruf hat, der schlimmste Sündenpfuhl seit Babel zu sein, und obwohl sie von nicht wenigen als ein Hort des Verbrechens angesehen wird: Banden-, Schlepper- und Drogenkriminalität suchen die Metropole heim; Berlin ist Schauplatz einer ausufernden Schattenwirtschaft, die durch den allgegenwärtigen und fast schon legendären Berliner Filz noch befeuert wird wie das Fegefeuer durch die Freveltaten der Sünder.

Doch im Vergleich zu den düstersten Orten in Ecuador ist Berlin geradezu eine Stadt des Friedens, der Ruhe und der Sicherheit, ein Idyll, in dem man selbst noch in der dunkelsten Nacht sorglos spazieren gehen könnte, und man müsste keinen Augenblick lang um sein Leben fürchten. Solcher Anwandlungen sollte man sich hier in Ecuador besser enthalten, und wer des Nachts die eigenen vier Wände für einen Spaziergang zu verlassen wünscht, weil er meint, dass die frische Abendluft seine Gedanken läutert, sollte dies nur innerhalb der mit Stacheldraht bewehrten Mauern einer bewachten Wohnanlage tun.

Selbstverständlich kann man auch in Berlin Opfer werden, aber die Gründe, die letztlich als Auslöser der Gewalttat dienen, sind ganz andere als etwa in Guayaquil oder Quito: Oft ist der äußere Anschein entscheidend. In Berlin suchen sich Täter in der Regel Opfer aus, denen sie sich überlegen glauben. Zeigt man Stärke und lässt sich nicht einschüchtern oder sucht man sich Hilfe bei umstehenden Personen oder Mitreisenden, schrecken viele Täter zurück.

In Ecuador gehen die Kriminellen ihrem Gewerbe in einer viel professionelleren Weise nach und vor allem mit der damit notwendigerweise einhergehenden größeren Entschlossenheit. Die Opfer werden kühl nach Kosten-Nutzen-Erwägungen ausgesucht und natürlich spielt bei der Auswahl auch das zu erwartende Risiko eine Rolle: Eine mit Mauern, Kameras und Wächtern gesicherte Wohnanlage ist da ein viel weniger lohnendes Ziel als etwa ein allein stehendes Haus am Ende einer einsamen Straße.

Professionalität zeigt sich auch in der Art, wie Gewalt eingesetzt wird, nämlich als ein Mittel zum Zweck, selten jedoch als Zweck an sich. Zum Exzess kommt es, wenn die Täter glauben, das Opfer widersetze sich den in ihren Augen legitimen Anstrengungen, sich den Besitz desselben anzueignen. Was einen dagegen in Berlin immer wieder schockiert, sind die sinnlosen Gewaltexzesse, die dazu noch in aller Öffentlichkeit stattfinden. Menschen werden aus nichtigem Anlass beinahe zu Tode geprügelt und manchmal sind wirklich Todesopfer zu beklagen. Der aufmerksame Zeitungsleser ist darüber natürlich immer im Bilde, denn die einschlägige Journaille berichtet in größtmöglicher Aufmachung.

In Berlin kann man Abends mit seinem Tablet-Computer entspannt in der U-Bahn sitzen und man muss auch nicht fürchten, Opfer einer Gewalttat zu werden. Dennoch gibt es natürlich keine unumstößliche Garantie, dass man auch wirklich unbehelligt bleibt, doch die Wahrscheinlichkeit für eine Begegnung der unangenehmen Art ist sehr, sehr gering. Sollte es aber dennoch vorkommen – und zwar entgegen aller statistischen Wahrscheinlichkeit –, dass man aus heiterem Himmel von fünf Typen zusammengeschlagen wird, dann geschieht dies wahrscheinlich nicht wegen des Tablets, sondern weil man wie ein Nerd aussieht und damit automatisch den Anschein erweckt, man sei das perfekte Opfer. Das ist natürlich überhaupt kein Trost, schon gar nicht für das Opfer, aber anders als in Ecuador, wo es allem Anschein nach ein regelrechtes Berufsverbrechertum gibt, das schon bei dem geringsten Anschein von Gegenwehr um sein Einkommen fürchtet und darum zu zügelloser Gewalt als Mittel der Existenzsicherung greift, ist man im reichen Teil Europas noch Welten von jenem abstoßenden Niveau der Enthemmung entfernt.

In vielen Ländern Lateinamerikas existiert eine regelrechte Kultur der Gewalt, die sich hauptsächlich aus den extremen sozialen Gegensätzen speist. Die Brutalität und Verrohung der Täter geht weit über das hinaus, was in Berlin überhaupt nur vorstellbar scheint. Gewaltexzesse, vor allem in ihrer extremen Form, sind in Berlin eher die Ausnahme als die Regel, wenn auch dank einer sensationslüsternen und unverantwortlichen Presse leicht der Eindruck entstehen kann, man sei von Mördern und Dieben regelrecht umzingelt. Aber das ist natürlich nicht der Fall und in aller Regel ist man jederzeit und überall sicher, selbst dann, wenn man wie ein Nerd aussieht.

Täter in Berlin ticken anders als Täter in Ecuador: Einmal war ich Nachts mit dem Damenfahrrad meiner Frau unterwegs (man kann darüber geteilter Ansicht sein, aber ich beteure, meine Absichten waren grundsolide). Als ich am Alexanderplatz vor einer roten Ampel stoppte, hielt ein Wagen neben mir. Der Fahrer kurbelte ohne erkennbaren Anlass das Fenster herunter und brüllte: „Ey, du Opfer!“ Da er mich auf einem Damenrad sitzen sah, erweckte ich wohl den Anschein, dass ich mir diese Behandlung gefallen lassen würde. Meine Antwort bestand in einem Schwall unflätiger, haarsträubender und vor allem ausgesuchter persönlicher Beleidigungen, die ich in einem deutlich drohenden Habitus vortrug. Damit hatte der Möchtegern-Bully wohl nicht gerechnet, denn er sagte kein Wort mehr und suchte schleunigst das Weite. Zugegeben, diese Begegnung hätte auch anders ausgehen können, aber die Begebenheit illustriert, dass mancher nur deshalb zum Täter wird, weil er glaubt, die Gelegenheit sei günstig und das Risiko minimal – was könnte ein Typ auf einem Damenrad einem denn schon antun?

Im Vergleich mit solchen fast schon komödiantischen Wortgefechten ist Ecuador ein Land auf der dunklen Seite der Welt. Hierzulande kann es passieren, dass man im Wortsinne für eine Handvoll Dollar umgebracht wird (oder wegen einer Handvoll Dollar) – entweder, weil man jemandem im Wege ist und diese Person einen Sicario, einen Auftragskiller anheuert, der jegliches erdenkliche Mittel einsetzt, um das Problem aus der Welt zu schaffen, oder weil man etwas besitzt, das Kriminelle unter allen Umständen an sich bringen möchten. Entsteht auch nur der leiseste Verdacht, dass man sich von seinem Besitz nicht freiwillig zu trennen beabsichtigt, dass man sich erdreistet, Widerstand zu leisten, wird man getötet – einfach so, weil die Täter glauben, ein Recht dazu zu haben, und wenn sie schon sonst nichts besitzen, dann wenigstens dieses Recht, das ihnen niemand streitig machen darf.

Die Höflichkeit der Leute, denen man im Alltag begegnet, täuscht darüber hinweg, dass die Hemmschwelle für schwerste Gewaltverbrechen viel niedriger liegt als in einem Land der Ersten Welt mit seiner noch halbwegs intakten Zivilgesellschaft und einer bis dato noch leidlich funktionierenden Strafverfolgung. Jeder, der hier lebt, ist gut beraten, diese Tatsache niemals zu vergessen.

Mein Schatz: Der Führerschein

Die Tante hatte meiner Frau erzählt, dass man in Bahía für zweihundert Dollar den Führerschein erwerben könne. Wie in fast jedem Land der Welt, ist das Führen eines Fahrzeuges auch in Ecuador nur mit einer gültigen Lizenz gestattet. Eine begrenzte Zeit darf man mit dem deutschen Führerschein ganz legal auf ecuadorianischen Straßen fahren, aber danach ist man gehalten, eine ecuadorianische Fahrerlaubnis vorzulegen, wenn man von den hiesigen Gesetzeshütern ersucht wird, sich als Führer eines Fahrzeugs auszuweisen. Da spielt es denn auch keine Rolle, dass man schon viele Jahre im Besitz eines europäischen Führerscheins ist. Gegen diese Regelung ist im Prinzip auch nichts einzuwenden, wenn man denn den ecuadorianischen Führerschein erwerben könnte, ohne durch allzu große bürokratische Hürden daran gehindert zu werden.

Andere Länder, andere Führerscheinprüfungen

Wie einfach es anderswo sein kann, sieht man am Beispiel USA: Wir haben einige Zeit in Texas gelebt und ich habe dort auch den Führerschein gemacht. Ich möchte jedem, der die Staaten bereist – und sei es nur im Urlaub –, nahelegen, den Führerschein zu erwerben, denn nirgendwo auf der Welt bekommt man ihn so leicht und nur selten ist er so preiswert. In Texas ist der Erwerb der Lizenz eine ganz einfache Angelegenheit, die man etwa an einem beliebigen Nachmittag in nicht einmal einer Stunde erledigen kann: Man fährt mit dem eigenen Auto (oder dem Mietwagen) zu einem der zahlreichen Büros des Texas Department of Public Safety und legt dort zunächst die theoretische Prüfung ab. Dazu muss man am Computer dreißig Fragen zu den Verkehrsregeln beantworten; die Antworten sind als multiple choice vorgegeben. Achtzig Prozent davon (oder waren es nur siebzig?) müssen richtig beantwortet sein, damit die Prüfung als bestanden gelten kann. Doch keine Sorge, die Fragen sind leicht und man kann die Prüfung so oft wiederholen, wie man möchte. Wahrscheinlich hätte man schon eine gute Chance zu bestehen, wenn man einfach nur rät.

Viel lernen muss man eigentlich nicht, denn es gibt weit weniger Verkehrsregeln als in Deutschland und die Anzahl der Verkehrszeichen ist allzu überschaubar: Das Texas Drivers Handbook ist eine schmale Broschüre von vielleicht vierzig Seiten, von denen sich etwa die Hälfte allein schon mit der Fahrzeugsicherheit beschäftigen. Um die Prüfung ablegen zu können, muss man nicht einmal des Englischen mächtig sein, denn der Fragenkatalog steht in mindestens zehn Sprachen zur Verfügung.

In einer Viertelstunde hat man die Theorie geschafft und sogleich geht es auf die Strecke zur praktischen Prüfung: Mit dem eigenen Wagen fährt man fünf Minuten in Schrittgeschwindigkeit durch verwaiste Wohngebiete; auf den Straßen tut sich ungefähr so viel wie an einem Sonntagmorgen fünf Uhr in irgendeinem Flecken in Vorpommern. Einmal muss man vorwärts einparken und einmal rückwärts. Die Parklücke ist ist groß genug, dass man darin einen Laster bequem abstellen könnte. Ein weiteres Viertelstündchen muss man sich noch gedulden, dann ist man stolzer Besitzer einer Texas Drivers Licence und alles in allem hat man dafür gerade einmal 27 Dollar bezahlt (Preis von 2007). Ausnahmslos jeder kann den Führerschein erwerben, man muss nicht einmal im Besitz einer legalen Aufenthaltserlaubnis sein. Mit einem beliebigen amtlichen Dokument, mit dem man sich ausweisen kann, macht man die Beamten des Department of Public Safety schon glücklich.

Eine Enttäuschung und fünf Typen im Unterhemd

In Ecuador ist der Erwerb des Führerscheins nicht ganz so einfach, vor allem gibt es im Vorfeld jede Menge bürokratische Hürden zu überwinden. Aber die Tante hatte uns Mut gemacht und warum sollte nicht einmal irgendetwas einfach sein, wo doch alles andere immer so verdammt umständlich ist. Am 28. Dezember fuhren wir also in aller Frühe zusammen mit der Tante zur lokalen Führerscheinstelle in Leonidas Plaza (das ist die Vorstadt von Bahía, einige Kilometer landeinwärts).

Um 8:30 Uhr öffnet das Büro und wir waren pünktlich auf die Sekunde vor der Tür. Es erwies sich als etwas schwierig, einen Parkplatz in der Nähe zu finden, denn die Straßen waren förmlich zugeparkt mit den Autos der Anwohner und der Besucher der Führerscheinstelle. Wir fuhren in eine staubige Nebenstraße und stellten den Wagen dort ab. An einer Ecke lungerten fünf Typen in Unterhemden herum und glotzten uns an, als wären wir die Sensation in irgendeiner Freakshow. Es war morgens halb Neun und die Leute sahen nicht so aus, als kämen sie gerade aus der Nachtschicht oder als warteten sie auf den Bus, der sie zur Arbeit bringt. Erst jetzt bemerkten wir, dass außer uns niemand sonst in der Straße parkte. Die Tante meinte, einer solle vorsichtshalber im Wagen zurückbleiben, während sie zum Büro ginge, um Erkundigungen einzuholen. Meine Frau blieb im Auto und ich begleitete die Tante zur Anmeldung des Führerscheinbüros.

Die Anmeldung des Führerscheinbüros erwies sich als ein Bretterverschlag auf dem Gehsteig, kaum größer als eine Telefonzelle. Der Verschlag stand direkt vor dem Eingang des Büros und ich wunderte mich, warum der Anmeldung nicht erlaubt sein sollte, im Gebäude selbst zu residieren. Gleich der Kartenverkäuferin auf einem Rummelplatz, thronte in dem winzigen Häuschen eine sorgfältig zurechtgemachte junge Frau. Sie war ziemlich stark geschminkt und hatte eine recht üppige Figur, so dass ihr Gesäß kaum in den engen Verschlag passte. Sie trug ein hautenges kurzes Kleid, das ihre Rundungen noch betonte (Schönheitsideale in den Tropen unterscheiden sich erheblich von denen in den gemäßigten Breiten). Ihre Nägel waren aufwendig manikürt wie bei den Vorzimmerdamen in einem exklusiven Spa. Mit einem geradezu betörenden Augenaufschlag gab sie uns zu verstehen, dass sie ganz Ohr sei.

Sie hörte sich geduldig und sehr aufmerksam das Anliegen der Tante an und die Tante legte ihr das Problem auch äußerst wortreich dar – die spanische Sprache ist sehr viel besser als das Deutsche geeignet, noch den einfachsten Sachverhalt in einer geradezu biblischen Wortflut zu ertränken. Die junge Frau nickte immer wieder, um uns zu verstehen zu geben, dass sie die ganze Tragweite des Problems erkannt hätte. Nachdem die Tante ihre Erklärung beendet hatte, meinte die Empfangsdame, dass man den Führerschein keinesfalls einfach so erwerben könne, nur weil man ihn haben wolle. Die lakonische Feststellung bremste unseren Enthusiasmus ganz erheblich. Man dürfe, so fuhr sie fort, die Prüfung, die übrigens dreihundert Dollar koste, nur ablegen, wenn man eine gültige Cedula de identidad vorweise, das ist eine ID-Card, das Äquivalent zum Personalausweis.

Damit konnten wir unsere Hoffnungen auf eine schnelle Lösung des Problems erst einmal begraben, denn mein Antrag auf einen legalen Aufenthaltsstatus, welcher in der Erteilung eines Visums münden würde, war noch bei den Ämtern anhängig. Sämtliche Unterlagen befanden sich bei unserer Anwältin, die den Fall nach Kräften vorantrieb, wie sie nicht müde wurde zu behaupten. Erst nachdem das Visum erteilt worden wäre, könnte ich eine Cedula de identidad, also eine ID-Card, beantragen. Und hätte ich erst einmal die Cedula, wäre es mir möglich, die Führerscheinprüfung zu absolvieren. Da spielte es auch keine Rolle, dass ich den europäischen Führerschein schon seit vielen Jahren besaß.

Zumindest in der Theorie war der Weg vorgezeichnet und das Ziel schien in greifbarer Nähe. Es würde nur etwas mehr Zeit erfordern, dorthin zu gelangen, und ich ahnte, es würde mich noch jede Menge Nerven kosten, Nerven vor allem. Aber ich hatte nicht mit den Fallstricken des bürokratischen Apparates gerechnet, und dies wäre nicht Ecuador, wenn der Gesetzesdschungel, der kaum weniger dicht als der wirkliche Regenwald zu sein scheint, nicht noch eine tückische Fußangel für den willigen Führerscheinaspiranten bereitgehalten hätte.

Der Morgen war erst einmal gelaufen, aber mehr konnten wir in der Sache im Augenblick nicht tun. Als wir zum Auto zurückkehrten, hockten die fünf Typen im Unterhemd immer noch an der Ecke. Sie starrten ununterbrochen unseren Wagen an und es hatte den Anschein, als beredeten sie etwas konspirativ unter sich. Meine Frau, die die ganze Zeit über im Auto geblieben war, gruselte sich schon und sie war froh, als wir endlich wieder verschwinden konnten. Wir hatten jede Menge Zeit – in Bahía hat man immer mehr als genug davon – und so beschlossen wir, Fatima und Giovanni einen Besuch abzustatten.

Fatima und Giovanni: Shrimps und Bullies

Fatima und Giovanni sind alte Freunde. Meine Frau kennt sie natürlich sehr viel länger als ich und sie ist sogar die Patin ihrer Kinder. Ich traf die beiden zum ersten Mal im Jahre 1992. Damals versuchte Giovanni sein Glück als Shrimpzüchter. Er fuhr uns mit dem Boot hinaus in die Mangrove und zeigte uns die Shrimpfarm, die er verwaltete. Es war an diesem Tag brütend heiß und die Mosquitos machten förmlich Jagd auf jede ungeschützte Hautstelle. Wächter mit Shotguns patrouillierten um die Becken, damit des Nachts niemand heimlich die wertvollen Krebstierchen abfischte.

Im Schlamm unter einer Hütte, in der Arbeitsgeräte und Futter für die Shrimps deponiert waren, wimmelte es nur so von Krabben. Mit ihren Scheren stopften sich die kaffeebraunen Tierchen unaufhörlich Futterreste und Exkremente der Shrimps zwischen die Mandibeln und sie hatten sich schon so fett gefressen, dass die größten von ihnen die Ausmaße eines Handtellers erreichten. Giovanni fing ein Dutzend und kochte sie in einem rostigen Eimer. Meine Frau ließ sich den Panzer aufbrechen und pickte dann den Inhalt genüsslich heraus. Das Innere so einer Krabbe erinnert an ein aufgeschnittenes Herz: Man sieht Ligamente und feine Muskelstränge. Alles glänzt feucht wie der Kern einer frischen Mandel. Merkwürdigerweise hatte ich in diesem Augenblick so gar keinen Appetit mehr.

Die Shrimpindustrie hatte 1992 in Ecuador gerade seit einigen Jahre Fuß gefasst und der Boom, der während der nächsten Jahre über die gesamte Küstenregion wie eine Flutwelle schwappen sollte, war gerade erst im Aufwind begriffen. Viele, die zu jener Zeit ins Shrimp-Business einstiegen, machten ein Vermögen. Oft wurden die Becken für die Shrimpaufzucht ohne Rücksicht auf die Umweltfolgen angelegt. Es kam häufig vor, dass nicht einmal eine amtliche Genehmigung vorlag und nicht wenige der Farmen waren schlicht illegal. Das Land zahlte einen hohen Preis im Tausch für den Wohlstand einiger Weniger: Fast an der gesamten Küste verschwanden die Mangrovenwälder und weite Bereiche der Küstenprovinzen sind noch heute mit Antibiotika und Exkrementen aus den Shrimp-Becken verseucht.

Wir treffen Giovanni vor dem Haus. Mit dem kurzgeschorenen Schädel, dem einprägsamen Profil und dem markanten Kinn erinnert er mich immer ein wenig an Mussolini, aber er ist ein ruhiger, freundlicher Zeitgenosse und hat so gar nichts Diktatorisches an sich. Sein Haus ist wie eine Festung mit meterhohen Maschendrahtzäunen gesichert und überall sieht man Stacheldraht. Das ist nicht gerade die beste Wohngegend und ein jeder, der hier lebt, versucht, sein Eigentum zu schützen, so gut es eben geht. Giovanni bittet uns ins Haus.

Im geräumigen Wohnzimmer treffen wir auch Fatima. Sie erzählt, dass die Kinder bald in Russland studieren werden. Sie haben ein Stipendium bekommen und zur Zeit seien sie eifrig damit beschäftigt, in Kolumbien Russisch zu lernen. Den Spracherwerb müssten sie aus eigener Tasche bezahlen und in Kolumbien kostet ein Intensivkurs viel weniger als anderswo.

Als Fatima hört, dass man schon einmal unsere Wohnung aufgebrochen und uns bestohlen hat, erzählt sie ihre Geschichte: Sie ist Lehrerin und die Gegend, in der sie und Giovanni leben, zählt nicht gerade zu den Stadtteilen, in denen man für einen ruhigen Abendspaziergang vor die Tür gehen würde. Eines Tages sei sie auf der Straße von einem ihrer ehemaligen Schüler ausgeraubt worden. Es gehört schon eine gehörige Portion Unverfrorenheit dazu, die eigene Lehrerin zu berauben. Haben diese Leute denn überhaupt keinen Anstand? Man könne dagegen gar nichts tun, meint Fatima, denn in der Gegend kennt natürlich jeder jeden und die Leute haben Angst, dass die Kriminellen ihnen noch weit schlimmere Dinge antun würden, als bloß die Geldbörse und das Handy zu rauben, wenn man sie auch noch bei der Polizei anzeigte.

Ein zweites Hindernis bei der Strafverfolgung ist eine eigenartige Gesetzeslage, welche die Beweislast ausschließlich dem Opfer auferlegt: Der Bestohlene bzw. der Beraubte muss beweisen, dass er Opfer einer kriminellen Handlung geworden ist. Selbst wenn dies gelänge – es könnte ja Augenzeugen geben –, muss man, falls das Diebesgut sicherstellt wurde, darüber hinaus auch noch beweisen, dass die Sachen einem tatsächlich gehören. Bei einem Handy mag dies noch möglich sein, nicht aber bei Geld oder teurer Markenkleidung.

Die meisten Leute zeigen Diebstähle und Überfälle gar nicht mehr an, denn die Polizei tut ja ohnehin nichts. Das ist auch eine Art, die Statistik zu schönen. Viele sehen die Gesetzeshüter, die doch die Bürger verteidigen und vor Übergriffen schützen sollten, eher als Teil des Problems denn als Teil der Lösung. Fatima meint, damit man nicht ständig ausgeraubt werde, müsse man sich mit den Kriminellen gut stellen, sich mit ihnen anfreunden. Jeder kenne diese Leute, denn sie seien ja Nachbarn. Die Polizei müssen sie jedenfalls nicht fürchten und so können sie seelenruhig weiter die Leute in der Gegend terrorisieren.

Zum Abschied schenkt uns Giovanni noch eine ganze Tüte voll Mangos. Auf dem Nachbargrundstück, das seit einiger Zeit verlassen steht, wächst ein riesiger Mangobaum – ich hatte gar nicht gewusst, dass Mangobäume so groß werden können. In der ausladenden Krone hängen dicht an dicht die reifen Früchte. Hin und wieder sieht man eine Mango herunterfallen. Man muss sie nur noch vom Boden auflesen – und essen. Schon aus der Tüte duften die Mangos so verführerisch, dass einem die Sinne schwinden, und sie sollten auch nicht lange liegen bleiben, denn sie verderben sehr schnell und müssen deshalb bald gegessen werden. Es ist kaum Mittagszeit, da ist von den süßen Früchten schon nichts mehr übrig. Die wirklich guten Mangos bekommt man nur an der Küste und da wir hier nicht immer sein können und die Erntesaison ohnehin nur kurz ist, nutzen wir jede Gelegenheit, um die köstlichen Früchte zu genießen.

Noch eine Enttäuschung und weitere bürokratische Kabalen

Der Tante geht die Sache mit dem Führerschein nicht aus dem Kopf und so dirigiert sie uns noch zu einem Notar, um zu erfragen, ob man die Führerscheinprüfung ablegen könne, auch wenn man nur einen Reisepass besitze. Die Klimaanlage hat das Büro des Notars auf frostige Temperaturen heruntergekühlt. Im Vorzimmer sitzt die Sekretärin und erteilt Auskünfte oder wimmelt unliebsame Gäste ab; ansonsten scheint sie sich den ganzen Tag zu langweilen. Nein, erklärt die nette Vorzimmerdame, ein Reisepass reiche nicht aus. Um die Führerscheinprüfung abzulegen, müsse man unbedingt im Besitz einer Cedula de identidad, also einer ID-Card, sein.

Die Tante zeigt uns später ihre Cedula und erst bei dieser Gelegenheit fällt uns auf, dass Bürokratenhirne noch ein weiteres Hindernis auf dem Weg zu der begehrten Lizenz ersonnen haben: Auf jeder Cedula sind die sogenannten „Credenciales“ vermerkt, die im Grunde nichts anderes bedeuten als eine Wertung des Bildungsstandes. „Superior“ heißt, dass man mindestens einen Schulabschluss vorweisen kann, „inferior“ steht für das genaue Gegenteil. Wenn man es milde sagen wollte, drückt letztere Kategorie aus, dass die so bezeichnete Person keine höhere Bildung besitzt, doch in Wahrheit steht „inferior“ als Synonym für Analphabetismus.

Nach Meinung der Behörden könne jemand, der des Lesens und Schreibens unkundig ist, unmöglich eine Führerscheinprüfung ablegen. Der Gedanke, dass man dem Prüfling die Fragen auch vorlesen könnte, ist offenbar noch niemandem gekommen, und überhaupt will mir nicht recht einleuchten, warum ein Analphabet nicht fähig sein sollte, ein Fahrzeug zu führen. Aber das ist nun einmal die Realität: Wer nicht lesen und schreiben kann, bekommt in Ecuador keinen Führerschein. Und ob jemand als Analphabet zu gelten hat, entscheidet ein kleines Wörtchen auf der Cedula.

Nun könnte man einwenden, es sei doch ganz einfach herauszufinden, ob eine Person Analphabet ist oder nicht: Man lässt sie einen Text vorlesen oder etwas aufschreiben. Aber so leicht lassen sich Bürokraten nicht hinters Licht führen. Die Schriftprobe ist unzulässig und der Anwärter muss durch Originalzeugnisse bzw. Urkunden beweisen, dass er tatsächlich einen Schul- oder Universitätsabschluss hat und somit kein Analphabet ist, denn kann er es nicht, hat er automatisch als solcher zu gelten (Es soll ja schon Fälle gegeben haben, in denen Menschen trotz Schulabschluss Analphabeten blieben).

Nun trägt man nur in den seltensten Fällen seine Abschlusszeugnisse mit sich herum. In Deutschland braucht man sie eigentlich nur, wenn man sich für einen Job bewirbt. Dass man lesen und schreiben kann, wird hingegen überall als selbstverständlich vorausgesetzt. In Ecuador hat der bürokratische Irrsinn dafür gesorgt, dass es Menschen gibt, die seit Jahren ohne Führerschein Auto fahren, obwohl sie einen Schul- oder sogar einen Universitätsabschluss haben und obwohl sie seit Jahrzehnten im Besitz des Führerscheins eines anderen Landes sind (und als ob dies alles überhaupt eine Rolle beim Autofahren spielen würde!). Doch die enthemmte Bürokratie hat sie als Analphabeten eingestuft, weil sie nicht beweisen konnten, dass sie keine sind, und wer nicht lesen und schreiben kann, der darf auch kein Fahrzeug führen.

Gern treiben rachsüchtige Bürokraten dieses Spiel mit Gringos oder anderen Ausländern. Ich kann darin überhaupt keinen Sinn sehen, einzig den, dass man endlich einmal Gelegenheit hat, den vermeintlich Schuldigen die vielen Demütigungen heimzuzahlen, denen man als Inhaber eines ecuadorianischen Passes bei Sicherheits- und Zollkontrollen auf US-Flughäfen häufig ausgesetzt ist.

Wir machten uns natürlich berechtigte Sorgen und meine Frau rief sofort unsere Anwältin an. Diese beruhigte uns dann aber. Sie meinte, erst einmal dauerte es noch eine ganze Weile, bis ich das Visum erhielte (ach so?), und dann könnte ich überhaupt erst die Cedula de identidad beantragen. Ich hätte also noch genug Zeit, irgendeinen Nachweis zu erbringen, dass ich kein Analphabet sei.

Die Anwältin erinnerte uns bei dieser Gelegenheit daran, dass ich außerdem noch mein polizeiliches Führungszeugnis vorzulegen hätte, damit mein Visaantrag endlich erfolgreich zum Abschluss gebracht werden könnte. Ich habe das Führungszeugnis in Deutschland beantragt und mir teuer, weil gut versichert, nach Ecuador schicken lassen. Selbstverständlich muss das Original vorgelegt werden, denn ich könnte mir ja auch ein blütenreines Führungszeugnis gefälscht haben. Wenn man etwas nach Ecuador schickt, empfiehlt es sich, die Sendung gut zu versichern, andernfalls kann man sie auch gleich in den Müll werfen. Warum man unbedingt ein Führungszeugnis braucht? Ich glaube kaum, dass die paar Kriminellen aus dem Ausland die Verbrechensstatistik noch merklich nach oben treiben könnten.

Von all dem Ärger über so viel bürokratischen Schwachsinn müssen wir uns erst einmal am Strand erholen. Gegen drei Uhr läuft die Flut ein und als wir uns in die Wellen werfen, sind die Sorgen im Nu vergessen.

Partys und Invasionen

Den Nachmittag hätte ich am liebsten damit verbracht, im Bett zu liegen und meine narkotische Abhängigkeit vom Fernsehen durch stundenlangen Dauerkonsum noch weiter zu verstärken. Leider zwangen uns dringende gesellschaftliche Verpflichtungen, der Droge fürs Erste zu entsagen: Die Großtante meiner Frau, Tía Juanita, feierte ihren 88sten Geburtstag und alle Verwandten waren natürlich zur Party eingeladen und damit verpflichtet, sich sehen zu lassen. Insbesondere galt dies für meine Frau, die immer so tut, als würde sie von den eigenen Verwandten in einem Akt der Vendetta erschossen werden, wenn sie auch nur einer einzigen der zahlreichen Familienfeiern fernbliebe. Ich bin zwar nur angeheiratet, aber da ich im Urlaub war und im Grunde nichts zu tun hatte (außer fernzusehen), konnte ich schlecht anderweitige Verpflichtungen geltend machen. Außerdem ist mein Gesicht zu bekannt, als dass ich mich einfach verstecken könnte, denn ich bin der einzige Gringo in der Familie (und eigentlich bin ich gar kein Gringo, sondern Alemán).

Mein Sohn maulte, er hätte keine Lust, auf diese Rentnerparty, und mit Schmollgesicht verkündete er, er werde auf keinen Fall gehen. Ich kann verstehen, dass sich alles in ihm sträubte, denn noch immer wirkte das Trauma nach, das er bei einem unserer Jahre zurückliegenden Ferienbesuche erlitten hatte: Meine Frau hatte ihn damals auf eine Veranstaltung des örtlichen Rentnerklubs mitgenommen. Ihre Großtante, die Tía Juanita, war zur „Königin der Rentner“ gewählt worden und aus diesem Anlass wurde eine Party gegeben. Die Rentner hierzulande haben eigene Klubs, in denen sie sich regelmäßig treffen, um ihren Exzessen zu frönen (Kaffee, Kola und Plätzchen sind die Drogen der Wahl und lateinamerikanische Schnulzen aus den Fünfzigern gestalten das musikalische Programm).

Auf besagter Seniorenparty hatte Julia Querola, die Stimmungskanone unter den Verwandten, unseren Sohn spontan auf die Tanzfläche gezogen. Natürlich hätte dies für jedes Kind ein Erlebnis mit traumatischen Folgen bedeutet. Mein Sohn war damals neun Jahre alt, aber er war gar nicht scheu, die Aufforderung anzunehmen, zumal er sich in diesem Augenblick, da aller Augen auf ihn gerichtet waren, schlecht verstecken konnte. Nachdem das Eis aber erst einmal gebrochen war, hatte er sich in seinem bunten Guayaquil-Shirt auf der Tanzfläche geschüttelt wie Señor Salsa höchstpersönlich. Immerhin fließt zur Hälfte lateinamerikanisches Blut in seinen Adern und im Gegensatz zu seinem Vater gehen ihm die Rhythmen mit einer Leichtigkeit in die Beine, dass man nur neidisch werden kann. Die Senioren waren natürlich entzückt, ja, regelrecht begeistert, so dass sie am Ende sogar Beifall spendeten. Seit dieser Tanzeinlage kennt ihn die ganze Stadt. Er selbst will natürlich nicht mehr auf die Episode angesprochen werden, aber die Alten in Bahía lieben ihn dafür.

Es bedurfte schlagkräftiger Argumente, um unseren Sohn zu erweichen, uns auf die Geburtstagsparty zu begleiten. Immerhin wurde an diesem Abend Lasagne serviert und wer außer Garfield und meinem Sohn konnte schon einer guten Lasagne widerstehen? Zwar hatte er schon zu Mittag eine Lasagne im „Bambú“ verputzt, aber das sei eben das Mittagessen gewesen und dies sei jetzt das Abendessen, wie er nicht müde wurde zu betonen – der anscheinend im Kopf meiner Frau eingebaute Kalorienrechner hatte den von unserem Sohn während des Tages konsumierten Brennwert überschlagen und Alarm ausgelöst. Doch letztlich zählten Kalorien wenig, wenn es um den 88sten Geburtstag der Tía ging. Widerwillig, und nur wegen des Essens, erklärte sich unser Sohn einverstanden, auf die Party mitzukommen, aber er wollte allenfalls so lange bleiben, bis serviert worden wäre. Danach müsse er zurück nach Hause, um Fernsehen zu gucken. Diesmal war ich ausnahmsweise einmal ganz seiner Meinung.

Die Party war schon eine Weile im Gange, als wir im Haus der Tía Juanita eintrafen. „Party“ ist vielleicht ein zu großer Euphemismus, denn als wir die Treppe hinaufstiegen und das Wohnzimmer betraten, empfing uns eine Versammlung recht betagter Damen; die meisten waren wohl schon selbst im Alter der Jubilarin. Stühle und Sessel waren wie bei einem Tanzvergnügen im Seniorenstift entlang der Wände platziert worden und obwohl das Wohnzimmer so geräumig ist wie ein Salon, war gerade noch Platz für das Buffet mit dem Geburtstagskuchen und den Dulces, also den Süßigkeiten, von denen es so reichlich gab, das man schon vom Anblick Diabetes bekam. Da wir viele der Gäste kannten – meine Frau kannte natürlich alle –, dauerte die Begrüßung wieder einmal ewig, und wir schritten das Spalier der Damen ab, als wären wir Gesandte auf einem offiziellen Empfang und müssten dem komplett versammelten diplomatischen Korps unsere Aufwartung machen. Wir schüttelten Hände, küssten staubige Wangen und lächelten dazu artig. Niemand sollte sich beleidigt fühlen, weil man ihn versehentlich übersehen hatte.

Im Haus der Tía Juanita waren wohl an die zweitausend Lebensjahre versammelt und unsere paar Jährchen fielen dabei gar nicht ins Gewicht, weil wir fast die Jüngsten waren. Ein paar Mädchen, wohl Großnichten oder sogar Urgroßnichten (?) der Tía, lümmelten gelangweilt in den Sesseln und vertrieben sich die Zeit damit, WhatsApp-Nachrichten zu posten („Ist so langweilig. Hoffe, ich kann bald wieder verschwinden.“). Man sah ihnen an, dass sie litten und sich nach dem Ende sehnten. Aber vorbei war es noch lange nicht, denn an die vierzig Gäste oder sogar noch mehr mochten sich zur Geburtstagsfeier eingefunden haben und alle mussten noch beköstigt und unterhalten werden. Obwohl der Salon einen Balkon hat, sämtliche Türen geöffnet waren und die Deckenventilatoren mit Höchstleistung liefen, war es heiß wie in einem Backofen und allein schon beim Sitzen rann einem der Schweiß in Sturzbächen vom Körper. Viele der Damen zückten nun ihre Fächer und fingen an zu wedeln. In der Küche wirbelten derweil die fleißigen Helferinnen und bereiteten das Essen für die Gäste.

Schon am Morgen, nachdem meine Frau angekündigt hatte, dass wir die Geburtstagsparty der Großtante besuchen wollten (Wollten? Wer hatte gesagt, dass ich will?), hatte ich sehr behutsam versucht, Einspruch dagegen ihre Pläne einzulegen. Doch meine Frau, mit ihrem leichten Hang zum Dramatischen, entkräftete meine äußerst stichhaltigen Argumente mit einer emotionalen Großoffensive und tat so, als müsste die Party tatsächlich ausfallen, wenn wir sie nicht dorthin begleiteten. Der letzte, der gewollt hätte, dass die Party ausfällt, wo sich doch alle so sehr darauf freuten, bin doch wohl ich! Am Ende zeigte sich, dass mein Sohn, ich und ihr Onkel die einzigen männlichen Gäste waren. Wir saßen wie Fremdkörper unter all den älteren Damen, von denen einige sich tatsächlich zu wundern schienen, ob wir uns verirrt hatten. Andere männliche Familienangehörige hatten es offenbar vorgezogen, irgendeine wichtige und gleichermaßen unaufschiebbare Verpflichtung vorzuschützen, um dem Grauen fernbleiben zu dürfen. Wie ich es hasse, immer Recht zu behalten.

Onkel Fausto (der Bruder meiner Schwiegermutter) machte von uns dreien noch die beste Figur. In seinen mit Bügelfalten versehenen Jeans, mit seinem blütenreinen, frisch gestärkten Hemd, dem akkurat gekämmten Haar und dem feschen Schnurrbart, der stets fachmännisch getrimmt ist, wirkt er immer wie der Gentleman vom Lande. Es ist bewundernswert, wie er angesichts der Folter Haltung bewahrte. Während mir der Schweiß übers Gesicht lief und ich mich gequält auf dem unbequemen Stuhl wand, saß er aufrecht wie ein ungekrönter König und er wirkte dabei zugleich vollkommen entspannt, gerade so, als könnte er sich nichts Angenehmeres vorstellen, als seine Zeit auf Geburtstagspartys älterer Damen zuzubringen. Mit legerer Würde unterhielt er sich mit seinen Sitznachbarn. Er spricht immer auf eine sehr bedächtige und kluge Art, dass es den Anschein hat, er beleuchte die Argumente seines Gegenüber zunächst von allen Seiten, bevor er antwortet. Ich weiß nicht, wie er es fertigbrachte, nicht zu schwitzen, zumal in dieser Hitze, die durch den Dunst aus der Küche, die auf Hochbetrieb arbeitete, sogar noch verstärkt wurde. Man sah bei ihm nicht eine Schweißperle, wo doch die Gesichter aller anderen nur so glänzten. Ist das nun die schiere Coolness oder jahrelange Übung?

Schließlich wurde die Lasagne serviert. Wir hatten fast eine Stunde auf diesen Augenblick gewartet, aber ich fand es einfach zu heiß für ein so gehaltvolles Essen. Meinen Sohn hielt die Hitze jedoch nicht davon ab, seinen Teller in Windeseile leerzuessen – als wäre er durch tagelange Entbehrungen ausgehungert und Lasagne das einzige, durch das er wieder zu Kräften kommen könnte. Und er aß sogar noch die Portion meiner Frau, welche die Hitze und der Kalorienrechner im Kopf davon abhielten, mehr als nur den Salat anzurühren. Nachdem er aufgegessen hatte, machte er mir unauffällig Zeichen zu gehen. Gerade war Julia Querola dabei, das Geburtstagskind auf die Tanzfläche zu ziehen, und mit ihm ein kleines Geburtstagstänzchen anzustimmen, und mein Sohn fürchtete wohl, dass ihm das gleiche Unglück widerfahren könnte. Julia Querola ist von Beruf Sängerin und so etwas wie die Stimmungskanone der Familie. Oft singt sie zu den Liedern auf der Party und sie hat eine wirklich schöne Stimme. Wir aber hatten unsere Pflicht getan und schlichen uns unbemerkt davon. Als ich das Haus der Tía Juanita verließ, war ich schweißgebadet.

Eine Stunde später, mein Sohn und ich genossen gerade das abendliche Fernsehprogramm auf HBO, klingelte es an der Tür. Nichtsahnend öffnete ich – die Schwiegermutter war da und sie war nicht allein gekommen. Sie brachte fast ein Dutzend Leute mit, alles Familienmitglieder. Damit war es erst einmal vorbei mit dem gemütlichen Fernsehabend im tiefgekühlten Schlafzimmer. Invasionen dieser Art sind in Bahía so üblich, dass sie einen eigenen Namen haben: Man nennt solcherart Überfälle „Reunión“, also ein zwangloses Zusammensein mit der Familie oder mit Freunden. Als hätten sie sich verschworen, kommen dabei die Gäste häufig in Mannschaftsstärke und sie laden sich auch immer selbst ein. Die Etikette verlangt nicht, dass der Besucher sich anmelden muss; die Gastgeberpflicht des Besuchten gebietet jedoch, dass man die Gäste einlässt und ihnen die besten Plätze anbietet. Die Gäste erwarten keinesfalls, dass Essen serviert wird, noch dass man Getränke bereitstellt. Man ist gekommen, um zu plaudern. Mehr verlangt man nicht. Und so lümmelt man schließlich in den bequemen Sesseln und plaudert.

Unter den Gästen ist auch der Onkel; wir hatten ihn schon auf der Geburtstagsparty getroffen und offenbar hat auch er die erstbeste Gelegenheit ergriffen, um die Feier zu verlassen. Ich kann mir jedoch gut vorstellen, dass der alte Charmeur es auf eine weit elegantere Art getan hat als wir, wo unser Abgang doch eher einer Flucht glich. Der Onkel hatte bis vor Kurzem einen Baustoffhandel betrieben, aber nun überlegt er, ob er das Geschäft aufgeben soll, denn erst vor ein paar Wochen ist er ausgeraubt worden. In seiner ruhigen Art erzählt er, dass einer der Kriminellen ihm eine Waffe an den Kopf gehalten habe, während der andere ihm ein Messer gegen die Rippen gedrückt hätte. Zweihundert Dollar erbeuteten die Diebe. Das ist nicht viel Geld und dafür das Leben zu riskieren, wäre die größte Torheit. Alle stimmen ihm zu. Ein Patentrezept, wie man die ausufernde Kriminalität in den Griff bekommen könnte, hat aber niemand. Man redet noch ein wenig über dies und jenes, und nach einer Stunde sind die Gäste so schnell wieder verschwunden, wie sie aufgetaucht waren.