Vor der Flut

Auf der Rückfahrt von Canoa führt uns der Weg am „Pelícano“ vorbei. Wir waren schon öfter zu Gast in diesem kleinen Restaurant, das seinen Gästen eine gute Auswahl lokaler Spezialitäten offeriert. Serviert wird Comida manabita, also Essen, wie es für die Küstenprovinz Manabí typisch ist. Ganz hervorragend ist der Ceviche de camarón (mit Shrimps). Ceviche ist eine Erfindung der lateinamerikanischen Küche. Das Besondere daran ist, dass die Meeresfrüchte (es gibt auch Ceviche de pescado, d.h. mit Fisch, oder Ceviche de concha, d.i. mit Muschelfleisch) nicht gekocht, sondern in Zitronensaft gegart werden. Die Zubereitungsart variiert freilich von Region zu Region, aber die Ceviches im „Pelícano“ sind mit das Beste, was man essen kann – zumindest, wenn man meiner Frau glaubt, einer ausgewiesenen Kennerin und Liebhaberin dieses Gerichts. Ich selbst mache mir leider nicht viel aus Meeresfrüchten.

Ich hatte geglaubt, es sei die Großmutter, die kocht, aber an diesem Tag bedienen uns die Enkel und von ihnen erfahren wir, dass es der Großvater ist, der in der Küche wirkt. Es scheint, je öfter man fragt, desto mehr Versionen der derselben Geschichte bekommt man zu hören, aber es ist natürlich nicht auszuschließen, dass auch die Oma hin und wieder am Herd steht. Als der Chef dann höchstpersönlich an den Tisch kommt, um sich nach dem Wohl seiner (einzigen) Gäste zu erkundigen, fragt ihn meine Frau ein wenig aus.

Wir erfahren, dass er früher bei einer der berühmten Familien Bahías als Koch angestellt war. In ihren Diensten lernte er, selbst die einfachsten Gerichte zu wahren Gaumenfreuden zu veredeln. Meine Frau kennt die Leute sogar und wie über alle prominenten Familien gäbe es auch über diese jede Menge Geschichten zu erzählen. In einer kleinen Stadt wie Bahía lassen sich Geheimnisse nur schwer verbergen, zumal die Leute nichts lange für sich behalten können.

Berühmte und vor allem vermögende Familien beschäftigen nicht selten ein ganzes Heer von Angestellten. Wer diese Art der Abhängigkeit nicht aus eigener Anschauung kennt, fühlt sich auf eine unangenehme Weise berührt, wenn er ihr als etwas begegnet, das so allgemein verbreitet und vor allem so alltäglich ist, dass niemand daran Anstoß nimmt. Solche Klientelverhältnisse wecken Erinnerungen an längst vergangene Zeiten, aber hierzulande ist das Wort „Padrón“, womit natürlich ganz wörtlich der Patron gemeint ist, noch keineswegs aus der Alltagssprache verschwunden. Eine Anstellung bei einem vermögenden Brotherrn – manchmal auf Lebenszeit – ist oft die einzige Möglichkeit, überhaupt Geld zu verdienen in Gegenden, in der es sonst keine Arbeit gibt.

Die beiden Enkelkinder, die an diesem Tag das Essen servieren, mögen zehn oder elf Jahre alt sein. Sie nehmen ihre Aufgabe mit großem Ernst wahr und stellen eine sehr „erwachsene“ Würde zur Schau. Streng genommen ist das natürlich Kinderarbeit, aber obwohl auch hierzulande die Kinderarbeit verboten ist, nimmt man es mit dem Gesetz nicht immer allzu genau. Außerdem scheinen die beiden Jungs ganz erpicht darauf zu sein, dem Großvater zu helfen, und da wir an diesem Tag die einzigen sind, die sich hierher verirrt haben, kann man auch nicht wirklich von Arbeit sprechen.

Später gibt meine Frau jedem von ihnen einen Dollar Trinkgeld. Die Kinder freuen sich darüber wie die Könige und zeigen sich gegenseitig ihre Dollars als wären es Trophäen. Sie schwelgen im Vorgefühl des Glücks, das sich einstellt, als sie sich wortreich ausmalen, was sie damit wohl alles kaufen könnten. Manchmal kostet das Glück nicht viel.

Nach dem Essen fahren wir zum Strand. Wir passieren den Verkaufsstand des Kokosmannes, der zwischen Kühltruhe und Tresen entspannt in seiner Hängematte liegt, und setzten mit Schwung über ein Sandfeld, das schon andere vor uns aufgewühlt haben. Der Wagen, den wir zur Zeit fahren, hat kleinere und schmalere Reifen als unser alter Kia und außerdem ist er erbarmungswürdig schwach motorisiert. Würde man das Auto mit einem Pferd vergleichen, wäre es eine klapperdürre Schindmähre, die zudem noch lahmt. Wir machen uns Sorgen, wir könnten steckenbleiben. Doch mit aufheulendem Motor schaffen wir es bis auf die Strandebene. Dort hat die letzte Flut den Sand zu einer betonharten Piste zusammengebacken.

Wir fahren einen halben Kilometer die Küste hinauf. Das Verhängnis nimmt seinen Lauf, als wir unseren Jungs gestatten, das Steuer zu übernehmen. Das Auto, ein Mietwagen, verfügt über eine recht wackelige Knüppelschaltung, und wer in seinem Leben noch nie mit einer Schaltung gefahren ist, lässt den Motor erst einmal ein Dutzend Mal absaufen, bevor es ihm gelingt, auch nur eine Strecke von hundert Metern zurückzulegen.

Der Strand ist an diesem Tag leer und wir fühlen uns so allein wie an der Küste eines unentdeckten Kontinents. Wir sind gekommen, um den Sonnenuntergang zu sehen – den letzten, den wir in Bahía erleben sollten. Für gewöhnlich versammelt sich bei Ebbe eine Autokarawane auf der flachen Halbinsel. Die Leute verabschieden den Tag mit einem fröhlichen Familienfest – man grillt, trinkt, lacht und hat Spaß.

An diesem Abend liegt der Himmel düster und schwer über einem bleigrauen Ozean. Es ist etwas kühler als an anderen Tagen, aber man genießt die Frische, die wenigstens für den Augenblick die Gluthitze vergessen macht. Eine stramme Brise weht warme, feuchte Seeluft in unsere Gesichter. Sie ist erfüllt von den Gerüchen des Meeres, von Salz und Tang und Wehmut. Ich sauge die Aromen tief in mich ein, damit sie meine Erinnerungen durchtränken wie ein Schwamm, denn ich weiß nicht, ob ich den Pazifik je wiedersehen werde.

Irgendwann setzen wir über ein Sandfeld, das so glatt wirkt wie der übrige Strand, und wahrscheinlich wäre auch gar nichts passiert, wenn der Wagen nicht gestoppt hätte. Bisher ist alles gut gegangen, doch dann stottert der Motor unter der unsachgemäßen Handhabung des Fahreleven. Der Wagen bäumt sich ein paarmal auf und mit einem Ruck bleibt er stehen. Wir lassen den Motor wieder an, aber die Räder stecken bereits fest und beim Versuch anzufahren, graben sie sich noch tiefer ein. Behutsam versuche ich zurückzusetzen, doch der Motor heult nur auf und das Auto schaukelt wie ein Irrer, der in eine Zwangsjacke gefesselt ist.

Die Vorderräder stecken im feuchten Sand als wären sie darin einbetoniert. Da nützen auch alle Fahrkünste nichts – wir müssen den Wagen ausgraben und hoffen, dass wir irgendwie wieder freikommen. Während also die eine Hälfte der Fahrgäste die Räder freischaufelt, sucht die andere stabile Äste und Bretter. Der Strand ist übersät mit Treibgut und so haben wir im Nu genug beisammen. Wir graben hastig und mit bloßen Händen, wie Piraten, die einen Schatz vor der anrückenden Royal Navy verstecken. Aber zur Eile besteht eigentlich kein Grund, denn die Flut würde erst in einigen Stunden einlaufen. Und dann glauben wir, dass unsere Anstrengungen weit genug gediehen sind. Voller Ungeduld wollen wir den Start versuchen.

Der Wagen ruckt kurz an, aber er schafft es nicht aus der Kuhle. Stattdessen graben sich die Reifen mitsamt Stöcken und Brettern noch tiefer in den feuchten Sand. Jetzt hat sich sogar die Karosse wie der Schild einer Planierraupe in die Erde geschoben. Ich habe das Gefühl, wir werden noch eine ganze Weile festsitzen. Langsam senkt sich die Dunkelheit herab und außer uns ist niemand am Strand. Die Küste scheint sich endlos in die Ferne zu erstrecken. Irgendwo in der Nähe des Horizonts verliert sie sich im Dunst des Meeres. Zwar sind wir in den nächsten Stunden noch sicher vor der Flut, doch mir will der weiße Streifen aus Sand schon jetzt viel schmaler erscheinen.

Wir überlegen, ob meine Frau ihren Onkel anrufen soll, damit er uns mit seinem Pickup aus dem Sand herauszieht. Mit schwindendem Tageslicht verlöschen Strand und Meer allmählich zu einer dunklen Schwarz-weiß-Fotografie. Die Farben schwinden und dort, wo das sinkende Tagesgestirn das Firmament allabendlich mit Rottönen tränkt, sieht man nichts als eine graue Wolkenfläche, die den Himmel bedeckt wie eine leere Leinwand. Wir wollten den Sonnenuntergang sehen, doch der Tag verdämmert als würde eine Kerzenflamme ersticken.

Durch das Halbdunkel kommt ein Motorrad. Erst als der Fahrer schon fast bei uns ist, erkennen wir, dass es sich um einen Polizisten handelt. Mir rutscht das Herz in die Hose, denn ich rechne damit, dass er uns mindestens einen strengen Verweis erteilt, weil wir es gewagt haben, seinen Strand mit dem Auto zu befahren. Er hält, steigt von der Maschine wie der Sheriff vom Pferd und nimmt das Malheur neugierig und auch ein wenig amüsiert zur Kenntnis. Unsere Beschämung ist vollständig, als er uns auch noch fragt, worin das Problem bestehe. Wir sind erleichtert, dass er uns nicht rügt – offenbar ist die Vergnügungsfahrt über den Strand keine Ordnungswidrigkeit.

Er steht lässig im Sand und beobachtete uns geraume Zeit dabei, wie wir aufgeregt wie die Hühner um das Auto laufen und uns den Kopf darüber zerbrechen, was zu tun sei. Er rät, wir sollten den Wagen ausgraben. Wir wagen nicht, ihn darauf aufmerksam zu machen, dass wir genau das schon probiert hätten. Die Motorrad-Polizisten in Ecuador sehen etwa so aus wie der T-1000 im „Terminator“ und zu widersprechen würde wahrscheinlich nur dazu führen, dass man „terminiert“ wird. Während wir graben, spaziert er lässig über den Strand. Irgendwann – er hat es nicht eilig – kommt er mit einem langen, stabilen Brett zurück. Ich frage mich, wie wir es übersehen konnten. Mit bloßen Händen schaufeln wir uns ein Stück näher an den Erdmittelpunkt heran, und als unsere Ausschachtungsarbeiten weit genug gediehen sind, platzieren wir die Rampen.

Einer fährt und alle anderen müssen schieben – selbst unser Polizist hilft mit, freilich so, wie der Kapitän seiner Crew dabei helfen würde, das Rettungsboot zu Wasser zu lassen. Der Motor heult auf, die Kupplung greift und rückwärts zieht die Maschine den Wagen so leicht aus dem Loch, als hätte er sich nie eingegraben. Ich schiebe direkt vor einem der Vorderräder. Das Rad dreht plötzlich durch und eine Fontäne aus Sand und Schlamm sprudelt mir ins Gesicht. Der Wagen ist frei, aber ich sehe nun aus wie einer der Typen, die sich bei Urwald-Trophies werbewirksam als „echte Kerle“ profilieren. Vielleicht sind Schlamm und Dreck die Wegmarken zum Männerruhm – ich nehme es als Auszeichnung. Ausgerechnet an diesem Tag trage ich ein weißes T-Shirt. Selbst nach dreimaligem Waschen sind die Dreckflecken noch sichtbar.

Unser Polizist entlässt uns mit einer lässigen Geste – geht doch! Wir danken ihm für die Hilfe. Er zieht von dannen in der sicheren Gewissheit, wieder einmal ein paar einfältigen Fremden aus der Patsche geholfen zu haben. Ohne Eile steigt er auf seine Maschine und Augenblicke später ist er auch schon verschwunden. Wir sind nun allein am Strand. Die Sonne ist längst untergegangen. Himmel und Ozean verschmelzen als graue Schemen mit der Dunkelheit. Noch immer lässt die Flut auf sich warten. Erst in einigen Stunden würde das Meer den Strand wieder in Besitz nehmen. Doch wir haben keine Veranlassung, länger zu verweilen. Wir fahren zurück nach Bahía.

Erdbeben in Ecuador

Vorgestern Abend hat es in Ecuador ein starkes Erdbeben gegeben. Das Epizentrum des Bebens lag bei Muisne an der Küste in der Provinz Esmeraldas und es hatte eine Stärke von 7,8 auf der Richter-Skala (Esmeraldas ist die Küstenprovinz, die im Norden an Manabí grenzt). Die größten Zerstörungen sah man aber nicht in Esmeraldas selbst, sondern in Manabí. Wie man hört, sei die Stadt Pedernales dem Erdboden gleich gemacht worden. Pedernales liegt nur etwa anderthalb Autostunden nördlich von Bahía de Caráquez. Auch Portoviejo, die Provinzhauptstadt, sei stark in Mitleidenschaft gezogen: Etwa siebzig Prozent der Stadt sollen zerstört sein.

Man spricht inzwischen von Hunderten von Toten infolge des Bebens. Der Ausnahmezustand wurde verhängt, doch schnelle Hilfe können die betroffenen Regionen nicht erwarten, denn die Straßen sind unpassierbar und schweres Räumgerät, mit dem man Eingeschlossene zu retten hofft, kann nur schleppend in die von der Katastrophe heimgesuchten Regionen verlegt werden: Viele der in den letzten Jahren gebauten Straßen wurden durch Verwerfungen, Risse und Bodenabsenkungen entweder vollständig zerstört oder über weite Streckenabschnitte für den Kraftfahrzeugverkehr unbrauchbar.

Die medizinische Versorgung ist unzureichend und Hilfe gelangt nur langsam an die Küste. Das ganze Ausmaß der Zerstörung und die genaue Zahl der Opfer sind noch nicht bekannt, aber es ist davon auszugehen, dass die Schäden beträchtlich sind. Man muss befürchten, dass die Zahl der Toten und der Verletzten sich noch weiter erhöhen wird, denn je mehr Zeit verstreicht und je weiter die Rettungsarbeiten vorankommen, umso vollständiger wird das Bild der Zerstörung.

Auch in Bahía hat das Erdbeben viele Schäden angerichtet: Einige Häuser sind zusammengestürzt und haben die Bewohner unter sich begraben. Die Katastrophe hat deutliche Spuren hinterlassen. Auf den Fotos, die über Facebook gepostet wurden, sieht man Trümmer in den Straßen liegen. Ich kenne Bahía recht gut und die Gebäude, die durch das Erdbeben zerstört wurden, sind mir bekannt. Auf vielen Aufnahmen sieht man Risse in der Fassade der Häuser und oft kerben sich regelrechte Spalten durch das Gemäuer; der Putz ist von den Wänden gefallen und nicht selten hat es Fenster und Türen aus dem Rahmen gedrückt. Manche der Gebäude haben Schlagseite bekommen und es scheint sicher, man wird sie abreißen müssen.

Noch ist nicht genau bekannt, wie viele Opfer es in Bahía gegeben hat, aber zwei Dutzend Tote sind den ersten Schätzungen nach wahrscheinlich. Verglichen mit Städten wie Pedernales oder Portoviejo, die praktisch ausgelöscht wurden, ist Bahía jedoch glimpflich davongekommen. Die Stadt steht noch und ihre Einwohner sind am Leben. Doch es gibt Opfer zu beklagen, und jedes Leben, das in dieser schrecklichen Katastrophe verloren wurde, ist ein Leben zu viel, um das getrauert werden muss.

Das städtische Krankenhaus ist nicht auf die Aufnahme einer solch großen Anzahl von Verletzten vorbereitet. Wie man hört und wie man auf den neuesten Bildern sehen kann, hat man die Betroffenen provisorisch auf einem Platz vor der Klinik untergebracht. Dort warten sie erst einmal auf Behandlung, aber wegen des großen Andrangs kann es Stunden dauern, bis sie einen Arzt zu Gesicht bekommen. Auch die Toten hat man, mangels geeigneter Möglichkeiten, erst einmal abgelegt, wo sich gerade Platz fand.

Es gibt derzeit keinen Strom in der Stadt und die Versorgung soll erst in den nächsten paar Tagen wieder gewährleistet sein. Die Kommunikation bleibt schwierig, denn Mobiltelefone finden kein Netz – wahrscheinlich hat das Beben die Mobilfunkmasten in Mitleidenschaft gezogen – und Festnetzanschlüsse haben keine Verbindung. Man muss davon ausgehen, dass die Leitungen durch die Erdstöße gekappt wurden. Lediglich die Internetverbindungen scheinen die Katastrophe überstanden zu haben und so ist es möglich, dass Bilder und erste Nachrichten aus der Unglücksregion in die Welt hinausgelangen.

In der Familie meiner Frau, die größtenteils in Bahía lebt, gibt es glücklicherweise keine Opfer zu beklagen. Auch wurde niemand verletzt. Alle haben das Beben unbeschadet überstanden. Doch das Ereignis ging nicht vorüber ohne Augenblicke der Panik: Im Haus der Mutter meiner Frau hatte sich die Eingangstür durch die heftigen Erdstöße verklemmt und erst durch fremde Hilfe und unter rücksichtsloser Anwendung brachialer Gewalt gelang es schließlich, die Tür wieder zu öffnen. Auch die Tante meiner Frau wurde zunächst daran gehindert, aus dem Haus zu laufen, nachdem die ersten heftigen Erschütterungen vorüber waren. Das Tor lässt sich nämlich nur mit einem automatischen Türöffner, der sich in der Wohnung befindet, öffnen. Da es aber keinen Strom mehr gab, blieb das Tor geschlossen. Die Tante musste erst jemanden auf der Straße den Hausschlüssel aus der zweiten Etage zuwerfen und dieser Person gelang es dann, das Tor von außen aufzuschließen.

Die Großtanten meiner Frau – alle steuern stramm auf die Neunzig zu – pflegen sich jeden Abend vor dem Haus zu versammeln. Sie sitzen dann bequem in der Runde und lassen den Abend mit Geschichten vom Tage und fröhlichen Schwätzchen ausklingen. Oft schwatzen sie bis in die Nacht hinein und man kann es ihnen nicht verdenken, denn irgendetwas Interessantes, über das es sich zu reden lohnt, gibt es in Bahía immer. An diesem Abend war es nicht anders als an allen Abenden zuvor. Und als sie so gemütlich wie nichtsahnend vor der Haustür saßen, erzitterte plötzlich die Erde. Die Häuser schwankten wie Grashalme im Wind und eines der Gebäude, schräg gegenüber der Straßenkreuzung, an der sie sich immer zu versammeln pflegen, stürzte mit einem Mal wie ein Kartenhaus in sich zusammen. Die Tanten blieben unverletzt, doch es war ein Glück, dass die Damen, die sich alle in einem weit fortgeschrittenen Alter befinden, die Aufregung so gut verkrafteten.

Bahía hat sich in den letzten zwanzig Jahren immer mehr zu einem Urlaubsrefugium für gutbetuchte Serranos (das sind die Bewohner der Andenregion) entwickelt. An den Stränden der Stadt erkennt man sie immer am blassen Teint und daran, dass sie Socken in ihren Sandalen tragen. Die Stadt hat sich auf die zahlungsfreudigen Feriengäste eingerichtet: Über die letzten Jahre wurde das Angebot an guten Hotels und Ferienwohnungen deutlich ausgebaut und die anspruchsvolle Kundschaft weiß dieses Angebot zu honorieren, indem sie zum Beginn der Ferien immer in Scharen zur Küste pilgert. Findige Geschäftsleute wittern in dem Ferienboom das große Geschäft und nicht wenige würden ihre Seele verkaufen, um irgendwo an der Küste ihren eigenen Apartment-Komplex mit Blick auf den Sonnenuntergang in den Himmel wachsen zu sehen.

Einer jener Geschäftsleute suchte seine Chance in Bahía. An einem schönen Fleckchen, von dem aus man einen atemberaubenden Blick über den Pazifik hat, ließ er zwei Türme errichten, die einmal ein Hotel beherbergen sollten. Um das Projekt zu finanzieren, hatte der Mann sich bis über beide Ohren bei den Banken verschuldet und die Kreditgeber saßen ihm fortan wie eine Meute hungriger Wölfe im Nacken. Der Druck, unter allen Umständen erfolgreich sein zu müssen oder mit fliegenden Fahnen unterzugehen, setzte dem ehrgeizigen Bauherrn so sehr zu, dass er einen Herzinfarkt erlitt. Doch er überlebte ihn und er überstand auch alle weiteren persönlichen und geschäftlichen Krisen. Am Ende schien es sogar, er würde als Triumphator aus der Schlacht hervorgehen, denn es gelang ihm nicht nur, den Bau zu vollenden, er verwirklichte auch seinen Traum: Seit zwei Jahren war das Hotel in Betrieb.

Dann kam das Erdbeben. Eines der Gebäude stürzte wie der Turm zu Babel zusammen und begrub seinen Eigentümer unter Tausenden Tonnen Stahl und Beton. Auch seine Schwester starb in der Katastrophe. Die Leiche des Hotelbesitzers hat man bisher noch nicht finden können, denn dazu bräuchte man schweres Räumgerät, das die Küste aber noch nicht erreicht hat, und man weiß auch nicht, wann es eintreffen wird. Man geht jedoch davon aus, dass er nicht mehr unter den Lebenden weilt.

Meine Frau, meinen Sohn und mich erreichte das Erdbeben in unserer Wohnung in Cumbayá, in der Nähe von Quito. Für gewöhnlich stehe ich, wenn ich am Computer arbeite, und so merkte ich auch kaum, dass unser Haus ein wenig schwankte. Meine Sinne sind gegenüber einem Naturereignis wie einem Erdbeben, das in meinem Erfahrungsspektrum bisher nicht vorkam, noch kaum sensibilisiert und so ging alles an mir vorüber, ohne dass ich etwas bemerkte. Ich hätte auch später nichts bemerkt, wenn meine Frau nicht schreiend durch die Wohnung gerannt wäre: „Ein Erdbeben!“ Erst jetzt horchte ich auf. Unser Haus erzitterte ein paarmal sanft, dann war es auch schon vorbei. Der Hund machte vor Angst auf den Boden.

Wir gingen vorsichtshalber auf die Straße. In der Hektik hätten wir uns beinahe ausgesperrt – angesichts unserer mit Stahl armierten Hochsicherheitstür mit ihren drei Sicherheitsriegeln hätte eine solche unbedachte Flucht ein ernstes Problem bedeutet. Im letzten Moment griff ich mir aber den Wohnungsschlüssel und wir rannten durch das Treppenhaus nach unten. Zum Glück hatte ich wenigstens Hosen an, was nicht unbedingt selbstverständlich ist an einem Samstagabend, den man gemütlich in der Privatheit der eigenen vier Wände zu verbringen beabsichtigt. Meine Frau wickelte sich eine Decke um die Hüfte und sie sah nun aus wie eine Tahitianerin auf den Bildern Paul Gauguins. Man hätte sich ja auch eine Hose anziehen können, so viel Zeit wäre sicher geblieben. Aber so waren wir einige Sekunden schneller im Freien und das war alles, was im Augenblick zählte.

Vor der Tür erwartete uns ein kleines Häuflein junger Leute. Die meisten sahen genervt in die Gegend oder texteten gelangweilt in ihre Handys. Die anderen Bewohner der Anlage hatten es vorgezogen, in ihren Häusern zu bleiben und die Katastrophe dort einfach auszusitzen. Wir und die jungen Leute waren weit und breit die einzigen, die Sicherheit unter freiem Himmel suchten. Aber das will natürlich nichts heißen, denn vielleicht sind die anderen Häuser erdbebensicher gebaut und ihre Bewohner dürften sich deshalb mit Recht in Sicherheit wiegen. Wir warteten einige Minuten – es war bereits empfindlich kalt – und gingen dann zurück in die Wohnung. In unserer Urbanisation blieb es an diesem Abend ruhig. Den Rest erfuhren wir aus den Nachrichten.

Statt eines Fazits

Es ist traurig, Bahía in einem solch bemitleidenswerten Zustand zu sehen. Ich mag die Stadt. Sie ist mir über die Jahre ans Herz gewachsen wie auch ihre Bewohner. Bahía ist einer von nur wenigen Orten in Ecuador, an dem ich mir wirklich vorstellen könnte zu leben. Ecuador ist kein reiches Land und es steht zu befürchten, dass die Schäden, die das Erdbeben angerichtet hat, erst in vielen Jahren beseitigt sein werden. Die Regierung hat in der letzten Dekade große Anstrengungen unternommen, die Infrastruktur des Landes zu verbessern. Viele der neuen Straßen und Brücken, die man in den Küstenprovinzen unter großem Aufwand gebaut hat, sind nun zerstört.

Die Schäden werden nicht so schnell repariert werden können, wie dies in einem reichen Land wie etwa Deutschland mit seinem wirtschaftlichen Potential und seinen logistischen Fähigkeiten möglich wäre. Doch bei alledem darf man nicht vergessen, dass sich Straßen, Brücken und Häuser ersetzen lassen. Es mag zwar lange dauern, aber man kann neue Straßen bauen und neue Brücken und neue Häuser. Menschenleben aber sind unersetzlich und jedes einzelne Leben ist ein Verlust, der eine Lücke reist, die niemals geschlossen werden kann.

Bahía hat überlebt. Die Stadt steht seit vierhundert Jahren auf der Landzunge an der Mündung des Río Chone und in dieser Zeit hat sie so mancher Flut trotzen müssen, so manchem Sturm und so mancher Feuersbrunst. Und sie hat auch schon so manchem Erdbeben widerstanden. Bahía ist immer noch da, trotz aller Katastrophen, welche die Stadt über die Jahrhunderte heimgesucht haben, und der Überlebenswille ihrer Bewohner wird nicht zulassen, dass sie untergeht.

Ich bin zuversichtlich, dass Bahía auch diese Katastrophe überstehen wird, wie es schon alle vorangegangen Katastrophen überstanden hat. Und wenn die Toten begraben sind und wenn der Schutt in den Straßen beseitigt ist, werden die Leute auch wieder den Sonnenuntergang und das Leben feiern, wie sie es an jedem einzelnen Tag getan haben, seit die Stadt an den Gestaden des Ozeans steht. Die Toten werden nie vergessen sein, aber das Leben in Bahía wird weitergehen.

Manta: Breakfast of Champions

Die Nacht zum 30. Dezember verbringen wir wieder im Haus von Maria Vicenta. Im Haus gibt es keinen Hund und die Kinder sind ganz vernarrt in Titan, unseren vierbeinigen Hausgenossen: Sie tragen ihn durch die Gegend, als hätte er nicht sogar vier gesunde Beine, auf denen er aus eigener Kraft laufen könnte, knuddeln ihn wie ein Plüschtier und herzen seine Schlappohren, dass man fürchtet, sie könnten abreißen. Aber der Hund lässt alle Liebesfoltern stoisch über sich ergehen und fast scheint es, als genieße er auch noch die ungewohnte Aufmerksamkeit, die man ihm entgegenbringt. Ich liege derweil im Bett, betäubt von Sonne und Wellen, und schaue mir „Ronin“ mit Robert De Niro an.

Am nächsten Tag, dem vorletzten des Jahres, wollen wir wieder zurück nach Bahía, um den Jahreswechsel mit der Familie zu feiern. Doch wir möchten Manta nicht verlassen, ohne vorher einen weiteren seiner spektakulären Strände besucht zu haben. Es ist früh am Morgen und wir haben Hunger, sogar gewaltigen Hunger, und deshalb beschließen wir einstimmig, uns unverzüglich mit einem opulenten Frühstück zu stärken. Unsere Gastgeberin empfiehlt das „Dulce y Cremoso“. Wir fahren eine kurze Strecke durch die Stadt, Maria Vicenta zeigt uns den Weg, und natürlich haben wir sie an diesem Morgen eingeladen, mit uns zusammen zu frühstücken.

Das „Dulce y Cremoso“ (also „Süß & Cremig“) ist eigentlich nur eine Filiale in einer größeren Kette, wie man sie vielerorts in Ecuador finden kann. Ihren Dependancen begegnet man vor allem in den Foodcourts der Shopping-Malls, doch dort unterscheiden sie sich nicht sehr von den Niederlassungen der typischen Coffeeshops, angefangen bei „Starbucks“ über „Juan Valdez“ (der Schnauzbart mit dem Esel) bis hin zu „Sweet and Coffee“ (Mein Sohn machte mich eines Tages alles andere als arglos darauf aufmerksam, dass das Logo dem nicht ganz unvoreingenommenen Betrachter wie etwas erscheinen muss, das man gemeinhin als Endprodukt eines erfolgreichen Verdauungsvorgangs ansieht. Es könnten natürlich auch andere Interpretationen denkbar sein, aber diese ist viel zu lustig, um sie je wieder zu vergessen).

Serviert wird bei „Dulce y Cremoso“ natürlich Kaffee, aber anders als bei den Konkurrenten, den Coffeeshops, steht das Getränk nicht im Mittelpunkt. Der Kaffee ist vielmehr bloß Begleiter zu allem, was gut zu Kaffee passt. Das Angebotsspektrum reicht von Crêpes, Waffeln, Kuchen über Sandwiches und Salate bis hin zu regelrechten Mittagsgerichten, wie man sie auch in einem Restaurant finden würde.

In den Foodcourts der Malls kann man sich aufgrund der räumlichen Nähe zu McDonalds, KFC und Co nie ganz des Eindrucks erwehren, auch das „Dulce y Cremoso“ offeriere seinen Gästen bloß Fastfood, doch hier in Manta lassen wir uns gern eines Besseren belehren: Das Lokal macht uns ganz den Eindruck eines Bistros der gehobenen Preisklasse. Ein aufmerksamer Kellner bietet uns gleich einen Platz auf der weiträumigen Terrasse an, aber obwohl die Sonne gerade erst über die Dächer der Häuser emporgestiegen ist, sprengen die Temperaturen bereits die Grenze des Erträglichen. Selbst unter den Sonnenschirmen würde man förmlich zerfließen. Wir suchen uns daher Plätze im Gästeraum, der so gemütlich wirkt wie das Frühstückszimmer eines mondänen Kurhotels. Die Klimaanlage läuft auf vollen Touren und die Gäste genießen sichtlich die wohltuende Kühle.

In Berlin tendierte ich dazu, Klimaanlagen für das beste Mittel zu halten, um den Planeten innerhalb kürzester Zeit zu ruinieren, aber seit ich in den Tropen lebe, weiß ich, dass so eine Klimaanlage eine Erlösung sein kann, vor allem, wenn man zu schlafen versucht, aber sich stattdessen bis zum Morgengrauen nur in Alpträumen und dem eigenen Schweiß wälzt (diese Erfahrung hat natürlich meine Meinung im Hinblick auf die teuflischen Klimaanlagen nicht grundsätzlich geändert). Vielleicht sagt man den Leuten an der Küste nicht zu Unrecht eine gewisse Affinität zu abendlicher Umtriebigkeit und nächtlichen Partys nach – niemandem würde einfallen, sich bei dieser Hitze ins Bett zu legen, und irgendwie muss man die Nächte ja herumkriegen. Umweltschutz hin oder her, für die Leute hierzulande, vor allem für jene kleine Minderheit, die sich diesen Luxus leisten kann, bedeuten große Autos und tiefgekühlte Wohnungen einfach Lebensqualität. Ich würde natürlich nicht so weit gehen, die Höhe der Lebensqualität in ein reziprokes Verhältnis zur Temperatur zu setzen.

Während wir auf das Frühstück warten, vertreiben sich meine Frau und Maria Vicenta die Zeit mit einem Gespräch unter Freundinnen. Es hat den Anschein, als würden sie gar nicht bemerken, dass mein Sohn und ich mit am Tisch sitzen, aber ich bin nicht unglücklich über diese Vernachlässigung. Frauen haben ja immer etwas zu bereden und das ist auch gut so, denn andernfalls könnten sie ihre Aufmerksamkeit anderen, weit weniger erquicklichen Dingen zuwenden, ernsten Aussprachen etwa oder irgendeiner nervigen Aufgabe, bei der dringend Hilfe erbeten wird, obwohl man doch auch gut allein zurande käme. Aber man hilft ja doch immer wieder gern. Dazu ist man schließlich da.

Am Nebentisch hat sich eine geschwätzige Runde von sehr jungen und nicht mehr ganz so jungen Mädchen breitgemacht. Es mögen Studentinnen sein, die etwas zu feiern haben und sei es nur das Leben. Die Älteste am Tisch ist vielleicht die Mutter einer der Mädchen. Sie schwatzen ununterbrochen, lachen und sind so guter Laune, dass man gar nicht anders kann, als sich mit ihnen zu freuen. Irgendwann bestellt eine von ihnen einen Breadpudding. Das Dessert hat die Ausmaße einer umgestürzten Waschschüssel und eine Sahnehaube thront auf der Spitze wie die Aschewolke über einem explodierenden Stratovulkan. Die Mädels löffeln zögerlich ihren Teil von den Hängen dieses Berges, doch das meiste bleibt unberührt. Am Ende erbarmt sich ausgerechnet die mit Abstand Dünnste in der Runde und isst den Rest des Puddings, der immer mehr an die ausgehöhlten Bergruine in Potosí erinnert. Ich weiß nicht, wo sie all die Kalorien lässt – man könnte ihre Rippen zählen –, aber wahrscheinlich gehört sie zu der Art Frauen, die ihren Salat verzehrenden Freundinnen mit Unschuldsmiene sagen kann: Ich kann essen, was ich will, aber ich nehme einfach nicht zu!

Am Tisch auf der anderen Seite haben eine üppige Wasserstoffblondine und ihr schnauzbärtiger Begleiter Platz genommen. Sie schäkern miteinander wie frisch Verliebte, dabei sind sie doch dem Teenager-Alter seit mindestens zwei Jahrzehnten entwachsen, doch der Blondine scheint dies noch nicht aufgefallen zu sein. Nicht weit von ihnen entfernt sitzt eine vierköpfige Familie in Urlaubsstimmung. Die Gesichter der Eltern und auch der Kinder strahlen in allen Schattierungen von Rot, von einem blassen Pink bis hin zu der wirklich besorgniserregenden Farbe gegrillter Langostinos. Offenbar ist man gerade dabei, sich an die heiße Sonne zu gewöhnen, die mit nie nachlassender Kraft auf die Stadt am Pazifik niederbrennt.

Der Kellner kann sich an diesem vorletzten Tag des Jahres jedenfalls nicht darüber beschweren, dass es ihm an Arbeit mangelte. Die Bestellungen gehen im Minutentakt ein und der Ärmste muss sich so sehr beeilen, dass ihm trotz Klimaanlage schon die Schweißperlen auf der Stirn stehen. Dann kommt unser Frühstück und das Warten hat sich am Ende doch noch gelohnt. Unsere erste Mahlzeit des Tages macht der alten Ernährungsweisheit, wonach man Morgens wie ein König, Mittags wie ein Edelmann und Abends wie ein Bettler essen soll, alle Ehre. In der Tat würde man nach solch einem Frühstück selbst einen Tag als Vorarbeiter im Bergwerk mit Leichtigkeit überstehen.

Als Aficionado alles Süßen und Fettigen bestelle ich mir gleich zwei Stück Cheese-cake mit Manjar. Manjar ist die feste Variante von Dulce de leche, eines karamellartigen süßen Sirups, der aus eingedickter Milch und viel Zucker hergestellt wird. Dulce de leche bedeutet dem Lateinamerikaner ungefähr dasselbe wie dem Berliner das Pflaumenmus im Pfannkuchen (ich meine damit natürlich die Art Schmalzgebäck, die überall Berliner heißt, nur eben nicht in Berlin). Viele Desserts sind ohne Manjar bzw. Dulce de leche einfach nicht vorstellbar und der Sirup schmeckt zu fast allem, was süß ist.

Die geschmeidige Creme aus Doppelrahmfrischkäse und reichlich Sahne liegt mächtig wie eine Endmoräne über einer dünnen Schicht aus karamellfarbenem Manjar. Der Kuchen gleitet über meine Zunge als wäre jeder Bissen ein Stück Glückseligkeit. Allein ein Stück ist schon so gehaltvoll wie eine tödliche Dosis Pommes mit extra Majo, aber da am Vortag das Abendbrot ausfiel, finde ich nichts dabei, mir gleich die doppelte Menge einzuverleiben. Mit dem Energieäquivalent könnte man mit Leichtigkeit sportliche Höchstleistungen in solchen Disziplinen wie Langstreckenrudern oder Triathlon vollbringen – wenn man nur nicht so träge würde. Aber die unfassbare Menge an Fettkalorien und eine lebensbedrohliche Dosis Zucker wirken lähmend wie das Blasrohrgift der Amazonasindianer. Ich kann mich kaum noch bewegen und würde mich am liebsten gleich hinlegen. Um die allzu oft beschworenen negativen Folgen der unmäßigen Aufnahme von Fett zu mildern, habe ich mir zuvor noch eine große Schale Früchte (Papaya, Mango, Apfel, Banane) mit Joghurt gegönnt. Ein Café con leche, die ecuadorianische Variante des Milchkaffees, lässt die Ballaststoffe besser rutschen.

Auch die anderen am Tisch sind keine Kostverächter und bestellen, was immer ihnen ihr knurrender Magen befiehlt: Meine Frau möchte sich als Patriotin erweisen und ordert mutig das Desayuno manabita, das Frühstück nach der Art, wie sie in Manabí (einer der Küstenprovinzen Ecuadors) üblich ist. Die Montuvios, die Landbewohner der Küstenzone, mussten früher hart für ihren Lebensunterhalt schuften, und damit man so einen Tag auf den Feldern von Sonnenauf- bis Sonnenuntergang übersteht, bedurfte es einer ordentlichen Grundlage: Das typische Frühstück besteht aus einem Bolón de platano, also einem Kloß aus grünen Kochbananen, sowie einer Fleischbeilage, die an ein deftiges Chili erinnert. Zur Auswahl stehen Rindfleisch oder Leber. Letzteres ist, vor allem am Morgen, wohl nur etwas für ganz Hartgesottene, echte Montuvios eben. Die Zeit in Berlin hat meine Frau aber zu sehr an Latte macchiato und Carrot-cake gewöhnt, und so verschmäht sie die Leber und hält sich stattdessen lieber an das Rindfleisch. Sie nimmt auch keinen Platano, sondern den süßen Maduro (das ist die reife Kochbanane). Der Bolón de maduro ist groß wie eine Kanonenkugel und beinahe auch so schwer, und die stärkehaltige Kochbanane hält die hart arbeitende Landfrau dann auch lange Zeit satt.

Ihre Freundin Maria Vicenta, die wie meine Frau von der Küste stammt, bestellt dasselbe, allerdings nimmt sie den Bolón de platano, der die Süße der reifen Kochbanane vermissen lässt. Ich muss zugeben, der Bolón de maduro con carne sieht wirklich lecker aus und schmeckt auch so, nämlich lecker. Fast bedauere ich, den Cheese-cake genommen zu haben. Und Sohnemann? Da so einen hungrigen Heranwachsenden ein bisschen Obst mit Joghurt nicht zu sättigen vermag, bestellt sich unser Sohn eine große Portion Waffeln: Ein Sahnehäubchen krönt die Kalorienbombe, die wie eine arktische Treibeisscholle auf einem Meer von Sirup schwimmt.

Als ich so aus dem Fenster schaue, fällt mir auf, dass wir uns offenbar genau an der Grenze zweier Stadtteile befinden, die zugleich zwei ganz verschiedene Welten zu repräsentieren scheinen. Das Gebäude, welches das Restaurant beherbergt, in dem wir gerade gemütlich sitzen und uns das Frühstück schmecken lassen, ist das letzte Haus im Block und steht genau an einer Straßenkreuzung. Die Gebäude diesseits der Kreuzung sind überwiegend neu oder befinden sich in einem ansehnlichen Zustand. Aber auf der anderen Seite der Straße, nur wenige Schritte entfernt, erscheinen die Häuser mit viel weniger Aufwand errichtet und sie sind auch viel billiger gebaut, wie man unschwer an den verwendeten Baumaterialien erkennen kann, denn statt Ziegel oder Beton hat man nicht selten Bambus und Palmstroh verwendet, die traditionellen Baustoffe der Küstenprovinzen. Die Gegend jenseits der Straße, die eine Art Wasserscheide des Besitzstandes zu markieren scheint, wirkt auch deutlich verwahrloster, als fehlte es am Geld, um die dringend notwendigen Instandsetzungen vornehmen zu lassen. Ich frage mich, wie dieser extreme Gegensatz auf so engem Raum zustande kommt, aber Maria Vicenta, die das „Dulce y Cremoso“ nicht zum ersten Mal besucht, ist dieser Unterschied noch gar nicht aufgefallen. Die Einheimischen sind an krasse Gegensätze dieser Art natürlich von Kindheit an gewöhnt. Die Augen des Fremden sehen aber anders.

Wir haben gespeist wie die Könige, aber am Ende hat uns der Spaß nicht mehr als dreißig Dollar gekostet, was wirklich eine angenehme Überraschung bedeutet angesichts des in Cumbayá üblichen Preisniveaus, das selbst noch dasjenige in Berlin in den Schatten stellt, obwohl doch die Spreemetropole als Weltstadt gelten möchte und Cumbayá nur ein Flecken auf der Landkarte ist. Apropos Cumbayá: Maria Vicenta stammt zwar von der Küste, aber sie kennt die Stadt, denn sie hat dort einige Zeit gelebt. Mit einem nur allzu deutlichen Ausdruck des Widerwillens gibt sie uns zu verstehen, dass Cumbayá einer der langweiligsten Orte sei, die sie kenne. Ich will ihr nicht widersprechen. Sie sagt, man möchte sich am liebsten die Kugel geben und sie unterstreicht den Ernst ihrer Aussage, indem sie sich den Zeigefinger an die Schläfe setzt. Ja, dieses Gefühl hat man manchmal.

Cumbayá ist ruhig, ja regelrecht öde, eigentlich todsterbenslangweilig, aber die von Kriminalität arg gebeutelten Einheimischen – und insbesondere die Angehörigen der Oberschicht – sehnen sich nach Ruhe, Frieden und Sicherheit. Cumbayá wird diesen Ansprüchen in vielerlei Hinsicht gerecht. Man will die Annehmlichkeiten des hart erkämpften Wohlstandes genießen, ohne ständig die irritierende Gegenwart von Leuten ertragen zu müssen, mit denen es das Schicksal weit weniger gut gemeint hat. Oft befinden sich daher die Wohnanlagen der Gutbetuchten alle in derselben Gegend, und die Konzentration von Edel-Urbanisationen an den vitalen Punkten der Stadt ist einem wuchernden Metastasen-Cluster an einer Gehirnarterie nicht unähnlich. Wenn einen der Zufall einmal in diese Gegenden verschlägt – einen Grund, dorthin zu fahren, hat man in der Regel nicht, es sei denn, man wohnt dort –, begreift man sofort, was Paranoia wirklich bedeutet. Kaum je hat man den Eindruck, man fahre an einer Wohnanlage vorbei, denn Mauern, Stacheldraht und Wächter versprühen mehr den Charme einer Hochsicherheitsanlage für geisteskranke Schwerstkriminelle.