Kaufrausch in Quito

Heute wurden Kühlschrank, Herd und Matratzen in unsere neue Wohnung geliefert. Wir haben eine Wohnung in Cumbayá angemietet, weil das Colegio Alemán (die Deutsche Schule Quito), in der meine Frau als Lehrerin arbeiten und die unser Sohn besuchen wird, ganz in der Nähe liegt. Zwar wäre es reizvoll gewesen, in Quito selbst zu wohnen, allerdings hätten wir dann jeden Morgen einen ziemlich langen und stressigen Anfahrtsweg zu bewältigen gehabt. Die letzten Tage haben wir in der Wohnung einer Bekannten meiner Frau verbracht. Von dort sind es mindestens zwanzig Minuten mit dem Taxi nach Cumbayá. Schon am Vortag musste ein Transporter für den nächsten Morgen bestellt werden, denn ein normales Taxi hätte alle unsere Koffer und Neuanschaffungen nicht in einer Tour bewältigen können. Bis 10:00 Uhr mussten wir in unserer neuen Wohnung sein, weil dann Kühlschrank, Herd und Matratzen geliefert werden sollten. Was sollte da schon schief gehen, dachte ich mir.

Schon gegen 7:00 Uhr klingelte uns der Fahrer, der den Kühlschrank liefern sollte, aus dem Bett. Er wäre in einer halben Stunde bei der Wohnung – ob uns das recht sei. Wir erklärten ihm, dass wir erst ab 10:00 Uhr den Kühlschrank entgegennehmen könnten. Etwas später rief der Fahrer des Transporters an. Er meinte, er könne die Tour heute nicht machen, weil er nicht nach Quito fahren dürfe. Das hat folgende Bewandnis: Um den Verkehr nach Quito zu regulieren, hat man beschlossen, dass an bestimmten Wochentagen Fahrzeuge mit einer bestimmten Endnummer auf dem Nummernschild nicht nach Quito oder heraus fahren dürfen, an anderen Tagen wiederum Fahrzeuge mit anderen Endnummern usw. Heute war eben der Transporter dran – wie hätte der gute Mann auch wissen sollen, dass er ausgerechnet an diesem Tag nicht fahren kann. Meine Frau regte sich furchtbar auf, denn schließlich hatten wir einen Termin zu halten und der Fahrer hatte sein Wort gegeben, pünktlich zu sein. Nach vielem Hin und Her sagte er schließlich zu, einen anderen Transporter zu schicken. Leider kam der nie an, so dass wir am Ende doch gezwungen waren, zwei Taxis zu bezahlen.

Während der Fahrt schaute ich aus dem Fenster und ließ die Eindrücke auf mich wirken. Plötzlich sah ich etwas, das mir bekannt vorkam: Das Taxi hatte an einer Ampel direkt vor dem Colegio Italiano gestoppt, und als ich aus dem Fenster blickte, sah ich vor dem in die Jahre gekommenen Gebäude die Statue des „Sterbenden Galaters“ aus Pergamon stehen. Die Autoabgase hatten zwar den Firnis der Betonreplik schon etwas angegriffen, aber es war unzweifelhaft der Galater. Es ist schon merkwüdig, in welchen Verwandlungen einem bekannte Dinge manchmal entgegentreten.

Der Kühlschrank wurde geliefert, aber es zeigte sich, dass die Tür defekt war. Also wurde alles wieder eingepackt und mitgenommen. Der neue Schrank kam dann zwei Stunden später. Vorher war schon der neue Herd angekommen, denn daran fehlte es ebenfalls. Seit die Regierung beschlossen hat, Gasöfen allmählich aus dem Verkehr zu ziehen und ganz auf Induktionsöfen setzt, gibt es keine mit Gas betriebenen Öfen mehr zu kaufen. Einmal die Woche kommt ein Lkw und bringt volle Gasflaschen im Tausch gegen leere. Früher wurde so jeder Winkel Ecuadors mit Gas versorgt, doch jetzt hat man begonnen, das Versorgungsnetz auszudünnen, um die Leute dazu zu bringen, Induktionsöfen zu kaufen. Wir haben den neuen Ofen, der übrigens aus ecuadorianischer Produktion stammt, gleich mit einer ersten Mahlzeit eingeweiht – es gab Spaghetti. So ein Induktionsofen ist eine tolle Sache: alles wird unglaublich schnell warm, viel schneller als bei Gas. Die schöne neue Küchenwelt hat aber ihren Preis und etwas Billiges findet man nicht. Einen Tag vorher hatten wir schon einmal vorsorglich einen Topf und eine Pfanne gekauft. Der Topf, der nicht mal sehr groß ist, hat sechzig Dollar gekostet und die Pfanne vierzig.

Während meine Frau und mein Sohn in der Wohnung darauf warteten, dass Herd und Kühlschrank geliefert wurden, fuhren mein Schwager und ich los, um ein paar Einkäufe zu machen. Wir brauchten solche alltäglichen Dinge wie Bodenreiniger, Putzschwämme, Kleiderbügel, Waschpulver, Wäscheklammern und fast alles, was in jeder normalen Wohnung im Überfluss vorhanden ist. Wir fuhren also von Santa Inés, das ist der Distrikt von Cumbayá, in dem unsere Wohnung liegt, ins Zentrum von Cumbayá. Auf der Hinfahrt nahmen wir kein Taxi und so dauerte es bestimmt eine Stunde, bis wir endlich den Supermarkt erreichten. Wir mussten einmal umsteigen und die Busse, die wir nahmen, rasten schon los, bevor wir überhaupt eingestiegen waren. Man hält sich dann einfach am Türgriff fest und schwingt sich wie Indiana Jones in den Bus.

Wir kauften bei „Tia“ ein. Das ist eine Supermarktkette im preisgünstigeren Segment. Am Ende waren es dann aber doch hundert Dollar und wir hatten gerade so das Nötigste besorgt. Das reichte, um etwa zehn Einkaufstüten zu füllen (und die Tüten sind wirklich klein, kein Vergleich mit denen, die man beim deutschen Discounter bekommt). Zurück fuhren wir mit dem Taxi – ich hätte mir auch nicht vorstellen können, wie wir uns mit vollen Tüten in den fahrenden Bus hätten schwingen sollen. Die Fahrt dauerte nur wenige Minuten und kostete am Ende 1,80 Dollar. Ich hatte nur einen Zehn-Dollar-Schein, aber auch den konnte mir der Fahrer nicht wechseln. Mit Mühe und Not kratzten wir etwas Kleingeld zusammen.

Am Abend, als wir mit dem Taxi zurück nach Quito zu unserer provisorischen Unterkunft fuhren, rief die Bank an und bestätigte, dass sie die Finanzierung für unser Auto bewilligen wolle. Das ist eine gute Nachricht, denn ohne ein Auto ist man in Ecuador wirklich aufgeschmissen. Sicher, man kann den Bus nehmen, aber erstens muss man denn viel Zeit mitbringen und zweitens muss man sportlich sein und die Herausforderung lieben. Billig ist es allemal und man kommt auch überall hin. Wer das Abenteuer sucht, wird den Bus lieben.

All About Kühlschrank

Am Nachmittag wollten wir uns nach Kühlschränken umsehen. Das Angebot ist riesig und die hiesigen Elektromärkte sind etwa so gut ausgestattert wie ihre europäischen Pendants. Allerdings unterscheiden sich die Preise ganz erheblich von denen in Europa oder in den USA. Nicht lang vor unserer Abreise aus Berlin hatten wir uns einen neuen Kühlschrank gekauft. Er reicht etwa bis Brusthöhe, hat ein Gefrierfach und kostete irgendetwas knapp über zweihundert Euro. Ich habe mir immer eingebildet, wie besäßen damit einen großen Kühlschrank, aber hierzulande scheint das die kleinste überhaupt verfügbare Größe zu sein. Die Kühlschränke, zumindest die, die in den Elektromärkten ausgestellt sind, wirken gigantisch und das sind sie auch. Manche sind so groß wie Kleiderschränke und sie verfügen über eingebaute Icemaker – falls es dem hart arbeitenden Angestellten zu später Stunde danach verlangt, seinen Feierabendwhiskey auf Eis zu genießen.

Da Ecuador nur wenig eigene Industrie besitzt, werden die allermeisten Konsumartikel eingeführt; kaum etwas wird im eigenen Lande hergestellt. Das treibt natürlich die Preise nach oben zumal auf allen Importgütern ein hoher Einfuhrzoll liegt. Ein Kühlschrank der Größe, wie wir ihn in Berlin hatten, kann hier schon einmal leicht 1.200 Dollar kosten. Nach oben sind die Grenzen offen und die teuersten Geräte brachten es sogar auf über 2.000 Dollar (Was kann man mit einem 2.000-Dollar-Kühlschrank tun, das man nicht auch mit einem halb so teuren Gerät tun könnte?). Ich wollte meinen Augen kaum trauen, aber Elektrogeräte sind einfach nur wahnwitzig teuer.

Schließlich fanden wir dann doch einen Schrank, der alle unsere Ansprüche zu erfüllen schien: er war groß, hatte ein annehmbares Design und mit dem Preis konnte man auch leben. Gerade lief eine Aktion und der Kühlschrank, der normalerweise um die 1.200 Dollar gekostet hätte, war für schlappe 650 Dollar zu haben. Von der Marke hatte ich noch nie gehört, aber ich war erstaunt zu erfahren, dass es sich um ein kolumbianisches Fabrikat handelte. Übrigens gibt es auch einen ecuadorianischen Kühlschrankhersteller und wir hätten vielleicht auch ein solches Gerät gekauft, hätte uns nur eines gefallen. In technischer Hinsicht stehen diese Marken den großen internationalen Herstellern in nichts nach und auch das Design entspricht internationalem Standard. Man merkt, dass sich in den letzten Jahren viel getan hat. Der Prozess der Globalisierung hat selbst vor den entlegensten Regionen der Welt nicht Halt gemacht. Der lange Arm des Neoliberalismus reicht bis in den hintersten Winkel der Erde.

Wie in den USA gilt auch in Ecuador: Ohne Auto ist man kein Mensch. Man muss allerdings einräumen, dass man ohne Auto in den USA noch sehr viel weniger Mensch ist als in Ecuador. Im Gegensatz zu den meisten Städten in den Vereinigten Staaten verfügt Quito über ein gut ausgebautes und vor allem gut funktionierendes Netz des öffentlichen Nahverkers. Der Verkehr wird mit Bussen abgewickelt und im Prinzip kommt man so zu jedem Ort der Stadt. Die Busse fahren sogar in recht kurzen Abständen, so dass man nicht lange warten muss, und wenn der Verkehr nicht allzu dicht ist, kommt man auch zügig voran. Ein wesentliches Plus ist der geringe Preis: eine Fahrt kostet gerade einmal 25 Cents. Für nur einen Vierteldollar kann man von einem Ende der Stadt zum anderen fahren.

Bei der Benutzung des öffentlichen Nahverkehrs (was für ein Wort!) fallen die Mentalitätsunterschiede zwischen Deutschen und Ecuadorianern deutlich ins Auge. Ich selbst – wenn ich einmal pars pro toto sprechen darf – würde erst einen Plan machen (ein Deutscher ohne Plan? Undenkbar!) Ich würde mir das Streckennetz vornehmen und so entscheiden, welche Linien mich am schnellsten ans Ziel bringen; man kann natürlich auch eine App nutzen oder ins Internet gehen und sich die Route berechnen lassen – kennt man ja alles von der guten alten BVG. Der Ecuadorianer fährt erst mal drauf los und fragt sich dann durch. Wider Erwarten kommt man so erstaunlich oft zum Ziel, manchmal aber wird die Reise zur Irrfahrt, denn die Ecuadorianer sind zwar freundliche Menschen, die immer gern helfen möchten, aber es kommt nicht selten vor, dass sie den Weg eben auch nicht kennen. Dann wird man nie zu hören bekommen: „Keine Ahnung“. Jeder versucht zu helfen, so gut er es vermag. Und so kann es geschehen, dass man fünfzig Leute fragt und fünfzig verschiedene Antworten erhält.

Ein Auto verspricht weit mehr Komfort: Es ist wirklich kein Spaß, mit vollen Einkaufstaschen in einem vollbesetzten Bus unterwegs zu sein. Andererseits kann das Autofahren in der Innenstadt, und zwar besonders zu den Stoßzeiten, zur Qual werden. Die Straßen sind meist nur zweispurig – der Platz reicht nicht aus, um breitere Straßen zu bauen – und der Verkehr ist im besten Fall zähflüssig. Doch sobald man aus der Stadt herauskommt, lässt das Gedränge nach und die Straßen leeren sich ziemlich rasch; auf den nagelneuen Highways, die zu den Vorstädten führen, ist selbst Wochentags der Verkehr nicht sehr dicht und man kommt immer zügig voran.

Da wir wahrscheinlich außerhalb Quitos wohnen werden, brauchen wir unbedingt ein Auto. Wir suchen einen Gebrauchtwagenhändler auf. Die Autos machen alle einen sehr guten Eindruck. Sie sind maximal drei, vier Jahre alt und in ausgezeichnetem Zustand. Der Händler ist ein typischer Vertreter seiner Zunft und wahrscheinlich ist sein Typus auf der ganzen Welt identisch: freundlich, zuvorkommend, verbindlich, dabei ein bisschen schleimig, so dass man hinter dem gewinnenden Lächeln schon die arglistige Täuschung vermutet. Ich muss gestehen, er wirkte eigentlich sehr sympathisch – wahrscheinlich ist das sein größter Trick. Er zeigte uns ein paar Autos und nannte den Preis. Die Automatikschaltung wäre nur für einen Aufpreis von siebentausend Dollar zu haben gewesen. Wir nahmen es erst mal zur Kenntnis (schluckten dabei allerdings ein wenig) und verabschiedeten uns.

Ein Stück weiter die Straße runter fanden wir einen Kia-Händler. Der Kia Sportage mit Automatik würde dort 29.000 Dollar kosten (die Automatik schlug mit tausend Dollar extra zu Buche). Das war exakt derselbe Preis, den uns der Gebrauchtwagenhändler genannt hatte. Wir fragten uns, warum wir so viel Geld für einen vier Jahre alten Wagen zahlen sollten, wenn wir für dieselbe Summe auch einen Neuwagen bekommen könnten, zumal dieser auch noch größer und darüber hinaus besser ausgestattet ist. Da muss man aber wirklich noch mal ganz scharf nachdenken! Ich glaube, wir sollten auf keinen Fall auf ein Navi verzichten – nichts ist so quälend, wie in einer fremden Stadt mit dem Auto den richtigen Weg zu finden. Und die ecuadorianische Methode – unterwegs fragen – scheidet aus naheliegenden Gründen aus.

Auf der Suche nach Bequemlichkeit

An einem Sonnabend wollten wir uns nach Matratzen, Betten, einem Kühlschrank und einem Fernseher umsehen – kurz, nach allem, was das Leben komfortabel und lebenswert macht. Zunächst suchten wir nach einer Möglichkeit, preiswert drei Matratzen für uns zu kaufen, denn teuer bekommt man sie immer. Die Kunst besteht aber darin, die Sachen billig zu bekommen, oder zumindest billiger als anderswo. Und in der Kunst, etwas billiger zu kriegen als anderswo, darin ist der Ecuadorianer Meister. Ich muss erwähnen, dass meine Frau, obwohl sie schon sehr lange in Deutschland lebt, geborene Ecuadorianerin ist, und demzufolge in diese mir verschlossene Kunst vollständig eingeweiht ist.

Als wir los wollten, trafen wir unseren Nachbarn, der uns zwei Tage zuvor den Schlüssel zur Wohnung ausgehändigt hatte. Er gab uns ein paar Tipps, wo wir suchen sollten und wie wir schnell dorthin gelangen könnten, denn zwar ist meine Frau Ecuatorianerin, aber sie stammt nicht aus Quito. Ich hatte einen Rucksack mit einer Kamera dabei und der Nachbar riet, die Kamera in jener Gegend, die wir beabsichtigten zu besuchen, sicherheitshalber nicht hervorzuholen; auch sollte ich mir den Rucksack vor den Bauch hängen und vor allem immer gut festhalten. Ich war so verunsichert, dass ich mir schwor, mir seinen Rat zu Herzen zu nehmen.

Wir fuhren mit dem Bus. Ein Fahrt kostet nur 25 Cents, aber dafür kann man ein Abenteuer erleben. Nicht nur fährt man für nur einen Vierteldollar von einem Ende der Stadt bis zum anderen, unterwegs kann man auch erfahren, was sportliches Fahren eigentlich bedeutet. Wenn man einen Stehplatz hat, ist es ratsam, sich stets mit beiden Händen gut festzuhalten, sich breit hinzustellen und leicht in die Knie einzufedern. Die Kurven werden von den Fahrern, die den aggressiven Fahrstil bevorzugen, grundsätzlich mit Vollgas genommen, und wer sich nicht gut festhält, wird gegen die Scheibe geschleudert. Anders als in Berlin, fährt man immer noch mit der traditionellen Knüppelschaltung und die meisten Busfahrer geben nach dem Schalten so hart Gas, dass ihr Gefährt formlich einen Satz nach vorn macht. Wer sich nicht festhält, landet unweigerlich auf dem Hosenboden.

Das Ein- und Aussteigen an sich ist schon ein Abenteuer, denn die Busse stoppen an den Haltestellen immer nur kurz und der Fahrgast, der das Pech hat, als Letzter einzusteigen, ist nicht selten gezwungen, auf den fahrenden Bus aufzuspringen, um überhaupt noch mitzukommen. Damit es keine Verzögerungen an den Haltestellen gibt, öffnen die Fahrer oft schon vorher die Türen, während der Bus noch mit Höchstgeschwindigkeit fährt, was aber auch den Vorzug hat, dass es drinnen immer schön frisch ist.

Während der Fahrt füllte sich der Bus immer mehr. Ich stand eingekeilt zwischen Menschen mit indigenen Gesichtszügen und ich kann mit einiger Sicherheit sagen, dass ich der einzige Weiße in dem ganzen Bus war. Mein Sohn ist ja zumindest halber Ecuadorianer und wenn es darauf ankommt, zählt die eine Hälfte – nicht, dass ich mir darüber je ernsthaft Gedanken gemacht hätte oder dass es für mich überhaupt wichtig wäre. Wenn man aber plötzlich merkt, dass man weit entfernt von allem ist, was man als vertraut empfindet, wird einem klar, dass die Welt größer ist, als man glaubte, und dass das, was man für den Mittelpunkt hielt, in Wahrheit nur eine Provinz unter vielen ist. Ich bin mir sicher, in diese Gegend Quitos verirrt sich nie ein Tourist, denn das ist nicht das Quito, das der gewöhnliche Tourist zu sehen wünscht.

Als wir ausstiegen, herrschte überall geschäftiges Treiben. Es war Markt, Leute verkauften Obst, Gemüse, Gewürze und alles, was man sonst so zum Kochen braucht. Eine von Baldachinen überdachte Ladenzeile mit Dutzenden Marktständen zog sich den Berg hinauf. Straßengarküchen gaben Essen aus. Man sah knusprig frittierte Truthahnflügel und kross gebratenes Schweinefleisch mit Mais und Kartoffeln, große Kessel mit deftigen Eintöpfen. Ich wäre gern noch länger geblieben und hätte auch gern fotografiert, aber ich entsann mich der Warnung unseres Nachbarn und ließ es lieber. Man starrte mir auch so schon auf Schritt und Tritt hinterher. Aber es war kein böses Starren, eher ein neugieriges, verwundertes Mustern.

Wir besuchten einen Möbelmarkt. Um eine Halle herum hatte man weitere Marktstände aufgebaut und notdürftig mit Wellblech überdacht. Das war keine Ikea-Verkaufsaustellung, denn die Möbel waren oft meterhoch gestapelt und zwischen ihnen saßen die Besitzer auf Hockern oder auf den Stühlen, die sie selbst verkauften und taxierten die Kunden. Oft wusste man nicht, wo ein Laden aufhörte und wo der nächste anfing, denn noch der letzte Quadratzentimeter war mit Ware vollgestellt. Es war gerade Mittagszeit und die meisten Besitzer saßen eingekeilt zwischen ihren Waren und ließen sich ihre deftige Mahlzeit schmecken (ich sah Schweinefleisch mit Mais und Kartoffeln). Wenn wir vorbeigingen, hoben sie die Köpfe und sahen uns an, als wären wir eben einem Raumschiff entstiegen. Einen wie mich, hat man hier bestimmt noch nie gesehen.

Die Ausländer und Touristen tummeln sich zumeist im historischen Stadtkern und auf der Avenida Amazonas, in Gegenden, die von den Einheimischen halb belustigt, halb spöttisch „Gringolandia“ genannt werden. Meine Frau und mein Schwager gingen voraus, denn als „Gringos“ würden wir nur die Preise kaputtmachen. Mein Sohn ist zwar halber Latino, aber für einen Ecuadorianer ist er viel zu hell. Selbstverständlich konnte man von einem Gringo etwa für denselben Schrank mehr verlangen als von einem Einheimischen. Was macht es da schon für einen Unterschied, dass ich gar kein Gringo bin (Gringos werden für gewöhnlich nur die Nordamerikaner genannt). Aber das ist wohl historische Gerechtigkeit. Ich fand’s nur lustig, denn ich hätte mich kaum verstecken können – selbst, wenn ich es gewollt hätte – und so zu tun, als wäre ich ein Einheimischer, war aus naheliegenden Gründen ebenfalls ausgeschlossen. Genauso gut hätte ich mir gleich ein pinkfarbenes Eisbärkostüm anziehen können. Damit hätte ich auch nicht mehr Aufmerksamkeit auf mich gezogen, als ich ohnehin schon genoss.

Zwar kauften wir nichts, aber andere kauften und so wurden ständig Waren aus dem Markt herausgetragen. Das Schleppen übernahm ein Träger. Er war mindestens sechzig Jahre alt und nur halb so groß wie ich. Trotzdem lud er sich unglaubliche Lasten auf die Schultern. Ich sah mit eigenen Augen, wie er eine ganze Schrankwand schulterte, als wäre es nichts. Seine Last war mindestens doppelt so groß wie er selbst. Und dann, nachdem er sie sich aufgeladen hatte, preschte er mit kleinen Trippelschritten los, seine Last geschickt zwischen den Möbelbergen hindurchbalancierend; im Laufschritt fegte er durch die engen Gänge. Wenn ihm ein Kunde im Weg stand, forderte er ihn freundlich auf, beiseite zu treten. Ich halte mich nicht für einen Schlappschwanz, aber hätte ich auch nur für einen Tag tun müssen, womit dieser Mann sich wahrscheinlich schon sein ganzes Leben lang abplagt, wäre ich am Abend zusammengebrochen und mein Rücken wäre ruiniert.

Wir fuhren mit dem Bus zurück. Die Pfennigfuchser unter uns hatten haarscharf kalkuliert: Eine Busfahrt schlug mit 25 Cent pro Person zu Buche; wir waren vier, also zahlten wir einen Dollar. Eine Taxifahrt hätte zwei Dollar gekostet. Sparen kann so einfach sein! Beim Ausstieg wurde so gedrängelt, dass man Angst hatte, einem würden die Kleider vom Leib gerissen. Eine Frau hatte sich ihr Baby mit einem Tuch auf den Rücken gebunden, doch sie ging nicht weniger zielstrebig als die anderen daran, sich ihren Weg durch die Menge zu bahnen. Dann, als sie sich in einen Durchgang schob, stieß sich das Kleine den Kopf so heftig am Türrahmen, dass es „Boing“ machte. Doch das Baby schlief einfach friedlich weiter. Vom Bus ging es durch eine Schleuse, an welcher der Vierteldollar für die Fahrt zu entrichten war. Mein Sohn fand das spaßig und vergaß, das Geld in den Schlitz zu werfen. Ein Polizist wies ihn sogleich streng zurecht; reumütig ging er zurück und warf die Münze ein. Erziehung braucht manchmal eben doch Autorität.

Zu Mittag aßen wir in einem kleinen Restaurant mit Namen Café Ambassador: Lange schwere Holztische und Bänke, die Türrahmen mit Schnitzwerk versehen, die Decke von Holzbalken gestützt – man hatte den Eindruck, man befinde sich in einem bayerischen Traditionswirtshaus. Serviert werden einfache Gerichte. Ich hielt mich an das, was ich kenne und bestellte Churrasco. Das ist eine gegrillte Scheibe Rindfleisch, dazu zwei Spiegeleier, die darüberdrapiert werden. Reis und eingelegte Babykartoffeln dienen als Beilagen. Dazu trinkt man am besten ein Bier und ich bestellte mir gleich eins der Marke „Club“. In Ecuador gibt es zwei bekannte einheimische Biermarken. Die eine ist „Pilsener“, die andere „Club“. Beide schmecken sehr gut und brauchen den Vergleich mit europäischen Bieren nicht zu scheuen. Ich finde allerdings, das Pilsener hat ein wenig zu viel Kohlensäure und daher halte ich mich lieber an das Club.

Das Essen ist von wirklich sehr guter Qualität. Das Lokal selbst ist sehr sauber und sieht ordentlich aus; ich glaube nicht, dass man Angst haben muss, sich den Magen zu verderben. Man muss auch nicht lange auf sein Essen warten: Man bestellt am Tresen und bezahlt. Dann bekommt man eine Nummer ausgehändigt (ein kleiner Holzwürfel mit einer Zahl darauf), die man auf den Tisch stellt. Schon nach kurzer Zeit ist die Bedienung da und bringt das Essen. Es muss alles schnell gehen, denn die Leute, die hier essen, sind zumeist Angestellte aus den umliegenden Büros und Geschäften. Sie würden wohl kaum ihre kostbare Mittagspause damit verschwenden wollen, auf ihr Essen zu warten. Das Essen selbst ist sehr gut, und für solch ein exzellentes Essen zahlt man einen geradezu lächerlichen Preis. Das Almuerzo, also das Tagesgericht, kostet immer 3,50 Dollar. Dafür bekommt man Fleisch oder Fisch mit Soße, Kartoffeln oder Kartoffelbrei, Reis und Salat. Vorweg gibts noch eine Suppe und anschließend ein kleines Dessert, in diesem Fall ein Stück Bananenkuchen. Das Churrasco kostete übrigens 5,50 Dollar, aber auch das ist nicht viel für einen vollen Mittagsteller. Man ist pappesatt und gut schmeckt es auch. Touristen sieht man hier übrigens auch nicht.