Man kann Cuenca gut zu Fuß erkunden, denn die Stadt ist recht klein. Meine Frau ist auf der Suche nach Keramik und wir laufen die Straßen ab in der Hoffnung, irgendwo einen Laden zu finden, in dem man die traditionelle bunte Töpferware kaufen kann. Noch 1992 bekam man die schöne einheimische Keramik fast überall in der Stadt. Meine Frau, die eine Art Fetisch für solche Dinge hat, erstand damals ein schönes Tee-Service. Sie hat es heute noch und wir benutzen es nur, wenn Gäste im Haus sind. Das ist ein bisschen wie früher, zu Ur-Omas Zeiten, da man das „gute Geschirr“ nur zu ganz besonderen Anlässen auftrug. Obwohl wir die halbe Stadt absuchen, finden wir nicht ein einziges Geschäft. Später erfahren wir, dass die einheimische Keramikherstellung praktisch ganz zum Erliegen gekommen ist. Billige Importware hat die traditionellen Handwerkserzeugnisse verdrängt.
Töpferwaren ganz anderer Art kann man in der Stadt aber immer noch finden: Am Nachmittag besuchen wir das Museum für indigene Kulturen. Es regnet in Strömen und wir sind die einzigen, die zu dieser Stunde Einlass begehren. Die Exponate bieten einen repräsentativen Querschnitt durch fast alle bedeutenden Kulturen Ecuadors, angefangen bei den ältesten Zivilisationen bis in die Epoche der Inkas. Manche der Stücke sind wirklich beeindruckend, etwa die polychromen Tonskulpturen aus der Jama-Kultur. Meine Frau ist so begeistert, dass sie später die Replik einer Plastik ersteht. Laut Auskunft der Museumsdirektorin stellt die Skulptur einen Schamanen oder einen Priester dar.
Man muss sich immer vor Augen halten, dass die in allen Museen Ecuadors versammelten Ausstellungsstücke kaum einen Bruchteil dessen ausmachen, was wahrscheinlich an Schätzen noch in der Erde schlummert. Man muss sich aber auch immer wieder bewusst machen, wie viele unersetzbare Zeugnisse der indigenen Kulturen mutwilliger Zerstörung anheimfielen, wie viele einmalige Werke infolge von Gleichgültigkeit und Ignoranz dem Verfall überlassen wurden, wie viele Kulturgüter allein um der Befriedigung materieller Gier willen vernichtet wurden. Ein nicht geringer Teil des kulturellen Reichtums der Indigenen wurde bereits bei der Eroberung des Kontinents ausgelöscht und die folgenden Jahrhunderte meinten es kaum besser mit den kulturellen Zeugnissen der einheimischen Völker.
Die schönsten Stücke aber verschwanden oft in Privatsammlungen. Früher gab es kein Gesetz, das die Aneignung von Kulturgütern unter Strafe stellte. Jeder, den es danach gelüstete, konnte einfach irgendwo graben und wenn man dann etwas fand, durfte man es auch behalten und in den eigenen vier Wänden ausstellen, um es dem staunenden Hausgast nach dem Essen bei Kaffee und Brandy zu präsentieren. Einer der leidenschaftlichsten und kenntnisreichsten Sammler präkolumbianischer Kunst war Oswaldo Guayasamín. Obwohl er im Grunde nichts anderes als ein Raubgräber war – wenn auch aufgrund der Gesetzeslage kein Krimineller –, muss man ihm dankbar sein, denn ohne seine Sammelleidenschaft wären die meisten jener Stücke, die der kunstinteressierte Besucher in seinem Museum bewundern kann, heute wahrscheinlich verloren.
Vor Jahren schenkte mir ein Cousin meiner Frau ein kleines Tongefäß, auf dessen bauchigen Körper der Töpfer ein Gesicht modelliert hat. Ich glaube, es handelt sich um eine Arbeit der Bahía-Kultur. Der Künstler ist schon seit Jahrhunderten tot, aber sein Werk existiert immer noch und wahrscheinlich wird es auch noch da sein, wenn wir alle längst zu Staub zerfallen sind. Ich habe keinen Zweifel daran, dass es echt ist. Die Leute sind in solchen Dingen ganz arglos und sie haben keinerlei Schuldbewusstsein. Was man zufällig irgendwo in der Erde findet, behält man eben und darin sieht man auch gar kein Unrecht. Und wem sollte man den Fund denn schon melden, da zu befürchten steht, dass dann ein anderer die Lorbeeren einheimst oder das große Geschäft macht. Ich weiß nicht, ob ich eine strafbare Handlung begangen habe, indem ich das Geschenk annahm, aber es zurückzuweisen, hätte eine Beleidigung des Schenkenden bedeutet. Nun steht das kleine hübsche Tongefäß gut sichtbar im Regal und ich kann es Besuchern zeigen.
Als wir das Museum verlassen, kommen wir am Souvenir-Shop zufällig mit einer älteren Dame ins Gespräch. Wir wissen zu diesem Zeitpunkt noch nicht, dass es sich um die Direktorin der Einrichtung handelt, doch am Ausgang laufen wir an einem kleinen Schaukasten vorbei, in dem Fotos ausgestellt sind. Auf einem der Bilder sehen wir die Frau zusammen mit Fidel Castro, auf einem anderen mit dem ecuadorianischen Vizepräsidenten. Auf vielen Bildern posiert sie mit Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens. Ich muss annehmen, dass es sich um wichtige Persönlichkeiten handelt, aber keine der Personen ist mir bekannt, doch dieses Manko ist sicherlich nur meiner Ignoranz zuzuschreiben.
Meine Frau kauft noch eine kleine Figur aus der Jama-Kultur – wie gesagt, es handelt sich um eine Replik. Wir wissen natürlich nicht, dass die Figur ein Werk der Jama-Kultur ist, aber die vielfarbige Bemalung spricht uns an und macht die kleine Skulptur unter allen Ausstellungsstücken zu etwas ganz Besonderem (Jama, die Stadt, nach der diese Kultur benannt ist, liegt übrigens nur ca. dreißig Autominuten nördlich von Bahía). Als meine Frau Näheres über die Statuette erfahren möchte, blüht die Direktorin, die uns die Skulptur auch noch eigenhändig einpackt, förmlich auf. Offenbar hat sie nicht erwartet, dass jemand Fragen stellt, doch sie scheint geradezu glücklich darüber zu sein: Endlich einmal kann sie Besucher an ihrem enzyklopädischen Wissen über die präkolumbianischen Kulturen Ecuadors teilhaben lassen.
Man merkt sofort, wie engagiert sie ist, und das muss man als Leiterin eines Museums wohl auch sein in einem Land, in dem der Mehrheit der Bewohner alte Keramiken nicht so wichtig sind. Es wäre dem Museum zu wünschen, dass mehr Gelder zur Verfügung gestellt würden, damit die Ausstellung erweitert und damit vor allem die Löcher im Dach gestopft werden könnten, durch die es immer wieder in die Ausstellungsräume tröpfelt. Während wir uns im Museum aufhalten, regnet es ohne Unterlass und ich fühle mich fast wie ein Entdecker, der nach gefahrvoller Expedition durch die Wildnis die Schatzkammer einer untergegangenen Kultur entdeckt.
Da wir die einzigen Besucher sind, fragen wir die Direktorin, ob denn auch Ecuadorianer die Ausstellung besuchen würden. Die Dame meint, dass es vor allem Ausländer seien, die hierher kämen. Aber das ist verständlich, denn die Ecuadorianer kaufen sich keine Reiseführer, in denen der Besuch des kleinen Museums ausdrücklich empfohlen wird. Da man keine Museen besichtigen möchte, ist es nur allzu schade, dass es im alten Stadtkern von Cuenca keine Shopping-Malls gibt.